Wienkultur zu Frühlingsbeginn


Gli Uccellatori: Eine opera buffa vom Leichtesten und Feinsten in der Wiener Kammeroper. Komponist ist Florian Leopold Gassmann, ein Vorgänger und Zeitgenossen von Mozart, der nach einem musikalischen Wanderleben längere Zeit in Venedig lebte, dort die o.b. kennenlernte, sie nach Wien brachte, dazu noch Salieri als Schüler und hierorts letztlich Hofkapellmeister wurde und die Opernszenerie und das Konzertleben bereicherte. Es handelt sich um die damals übliche Verwechslungs- und Liebeskomödie, mit der besonderen Note der italienischen Vorliebe für Vogelfang und –verspeisung. Die Musik schwebt dahin, schwierigste Koloraturen werden dahinposaunt, die Charakterzeichnung bleibt dem Buffo-Klischee liebenswert verhaftet – und letztlich gehen (fast) alle zufriedengestellt nach Hause, ganz besonders die Zuhörer und –seher.

Die Kammeroper mit ihrer nicht vorhandenen Bühnentechnik bringt wieder einmal eine exzellente Inszenierung (Jean Renshaw) zusammen, mit knalligen Kostümen, sehr lebendigen Darstellern (jederlei Geschlechts) und vor allem der grandiosen Idee eines Vogels (als Tänzer ganz exzellent Martin Dvorak), der permanent auf der Bühne quasi das Geschehen “kommentiert” – unnachahmlich virtuos zu Handlung und Musik. Die drei Vogelfänger, die anfangs alle um die Gunst der Roccolina buhlen (nur einer bekommt sie), Roccolinas Freundin und Rivalin Mariannina als Intrigantin und die ganz exzellente Gräfin (Viktoria Barkan), die als frühe Lady Chatterly Vorfahrin zuerst den ihr ergebenen Marquese auflaufen läßt, um den von ihr begehrten Vogelfänger Cecco (vergeblich) zu umgarnen, letztlich aber die standesmäßige Unmöglichkeit einer solchen Verbindng einsehen, dann doch sich dem Marquese in die schlaffen Arme wirft – all das wird mit ungeheurem Enthusiasmus, Freude und Authentizität auf die winzige Bühne geworfen. Das exzellente Bach Consort Wien unter Stefan Gottfried musizierte wunderschön, manchmal fast vergeblich gegen die Stimmgewalt der SängerInnen an. Ein weiterer Beweis für die Unverzichtbarkeit der Kammeroper mit ihrem jungen Ensemble.

Auch für Nicht-Gläubige ist die Aufführung der Johannespassion mit derartiger Qualität wie im Musikverein vor Ostern gebracht ein Juwel. Das Ensemble Prisma Wien, der Chorus sine nomine, und vor allem Daniel Johannsen als Evangelist, aber auch die anderen Solisten brachten die komplizierte Schlichtheit der Komposition mit einer der bekanntesten und schaurigsten Geschichten der westlichen Kulturgeschichte zu ergreifendster Geltung. Clemens Kölbl als Pilatus und Klaus Mertens als Jesus stachen die Damen Miriam Feuersinger (ein bisschen schwach) und Ida Aldrian aus, ohne daß die letzteren zu kritisieren wären. Ein wunderbarer Chor mit Präzision, Musikalität und herausragenden ChorsolistInnen wurden vom Publikum, ebenso wie Dirigent Himetsberger nach ergriffener Schweigeminute enthusiastisch gefeiert.

Ein irritierendes, aber sehr aktuelles Theaterstück “Flucht” von Sara von Schwarze im Hamakom Theater brachte überzeugend die Identätskonflikte, oder besser Unfähigkeit, die eigene Identität festzumachen, auf die Bühne. Das (autobiographische) Problem ergibt sich durch Emigration aus Deutschland nach Israel und Rückwanderung eines Familienmitglieds (Vater), ist jedoch über den konkreten Fall hinaus allgemein gültig für viele Menschen. Hier geht es um die doppelte Ableitung, als ein Vater, der zum Judentum übergetreten und nach dem Krieg nach Israel auswanderte, dann die Familie verläßt und wieder nach Deutschland zurückwandert, aber dort unter falschen Vorzeichen Liebe findet, letztlich aber doch als Vierteljude geoutet wird. Seine diese Wandlungen mitmachende Tochter, die sowohl unter der Last von Nazi-Deutschland und Israels Palästina-Besetzung leidet, ist letztlich das Hauptopfer dieser (erfolglosen) Identitätswandlungen ihres Vaters. Einer irritierenden Inszenierung, verdichtet durch “Rollenspiele” der AkteurInnnen, gelingt es aber letztlich doch, die allgemeingültigen Konflikte und Identitäsverirrungen überzeugend zu machen.

Elektra von Richard Strauss in der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg (siehe meine Beschreibung der Götterdämmerung vor einigen Wochen), dirigiert von Mikko Franck ist von herausragender Spannung, Kompaktheit und Sängerinnenleistung. Laufenbergs stark kritisierte Inszenierung im Kokskeller mit Anspielungen an Konzentrationslager-Kapos ist zwar nicht unbedingt selbsterklärend, paßt jedoch genau auf die düstere Gemütslage der rachebesessenen Elektra. Diese wird ganz beeindruckend und grandios von Nina Stemme gesungen und gespielt, an deren Wortdeutlichkeit sich manche muttersprachlichen Sänger ein Beispiel nehmen sollten. Stemmes hartes, rachedurchzogenes Herz wird weder durch ihre lebens- und mutterschaftsdurstige Schwester Chrysothemis (großartig gesungen von Ricarda Merbeth) erweicht, noch durch ihre nerven- und alptraumzerrüttete Mutter, die kurzfristig, aber doch selbstsüchtig menschlichen Kontakt zu ihrer am Mord des Vater leidenden Tochter sucht. Elektra ist jeder Versöhnlichkeit, jeder Vergebung bar, ihre Verzweiflung angesichts des vermeldeten Todes des Bruders Orest, dann ihre (erotisch aufgeladene) Begeisterung seiner Wiederauferstehung, womit seine Instrumentalisierung als Vaterrächer, Mutter- und Geliebtenmörders möglich wird – all das zeigt und singt Stemme mit ungewöhnlicher Intensität, bringt aber auch die wenigen lyrischen Stimmungen überzeugend dar. Die Klytemnästra von Anna Larsson, der Ägisth von Norbert Ernst, sowie Falk Struckmanns Orest umsingen diese außergewöhnliche Elektra. Das Staatsopernorchester schwelgt in höchsten und intensivsten Tönen, wirkt aber nie zu laut und läßt den Sängerinnen ihren Raum: der Spannungsbogen reißt nie ab. Das vermeldete Gemetzel der alten Entourage im Köngishaus wird überzeugend unterstrichen durch den viel gescholtenen Paternoster, in dem getötete Gefolgsleute des Ägisth, aber auch – wie von Elektra anfangs gefordert – seine Hunde, Pferde, Frauen und Kinder in schaurigem Auf und Ab gezeigt werden. Der wilde Tanz am Schluß ist der von Elektra besungene „Reigen, den sie nach vollendeter Tat anführen wird“. Daß sich dessen männliche Teilnehmer gleich wieder prügeln, zeigt, daß diese unselige Geschichte von Rache und Gegenrache weitergehen wird. Es gibt kein Ende der Geschichte.

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2 responses to “Wienkultur zu Frühlingsbeginn

  1. Welche Passion war es denn? Die bach’sche?

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