Die “Zentralmatura”-Absurdität der österreichischen Bildungsdebatte


(veröffentlicht von der Wiener Zeitung am 6.5.2015)

Läßt man die Medienberichterstattung der letzten Monate über die nunmehr gestartete Zentralmatura Revue passieren, und wüßte man nicht, dass es dabei sich nur um die Umstellung auf ein international übliches Format einer Abschlußprüfung handelt, könnte man glauben, hier sei endlich ein wichtiger, wegweisender und richtiger Schritt, ein Meilenstein in die Modernisierung des österreichischen Bildungssystems passiert.

Was die Zentralmatura wirklich schafft, ist es, für alle Prüflinge österreichweit gleiche Prüfmaterialien und Inhalte zu schaffen, anstatt der früher häufig üblichen augenzwinkernden Insider-Schwindelei, bei der die Lehrer ihren Prüflingen zB 20 Fragen zum Auswendiglernen vorgaben, aus denen dann drei Fragen tatsächlich „gekommen sind“ . Damit wurde der Prüfcharakter, und damit die Zugangsprüfung für weitere Universitätsausbildung, vollkommen ad absurdum geführt, es wurde nicht Problemlösungsfähigkeit getestet, sondern nicht alters- und ausbildungsadäquates Auswendiglernen. Natürlich waren das nur Ausnahmen, aber wie viele Absolventen und deren Eltern bezeugen können, nicht unüblich. Vielfach das Ziel dieser Augenauswischerei nicht die Überprüfung der Leistung der Prüflinge, sondern daß die Lehrer – und damit die Schulen – vor ihren Obrigkeiten gut dastehen wollten (und damit möglichst viele Prüflinge bestehen mußten).

Jetzt wird einmal wirklich geprüft (natürlich nach einschlägiger Vorbereitung) – und Österreich schreit auf und agiert, als ob man endlich die leidigen Fragen des viel zu weit verbreiteten unktionellen Analphabetentums, des ungleichen Zugangs zu Bildungschancen, der miesen PISA-Werte, der mangelnden Kindererziehung und -betreuung, der gemeinsamen Schule, der Ganztagsbetreuung, des schlechten Rankings österreichischer Hochschulen, usw. usf. gelöst hätte. Als all jener zentralen Bereiche im Bildungssystem, inklusive der Übergangsbrüche zwischen den einzelnen Erziehungs- und Ausbildungsstufen. Dabei gibt es auch beim jetzt praktizierten System der Zentralmatura noch immer starke Insider-„Interpretations“ -Möglichkeiten, da die Schülerarbeiten nicht zentral, bzw. von außen, sondern von den eigenen Lehrerinnen benotet werden, und deren „Spielräume“ in der Bewertung hoch sind. Da die Lehrer ihre Schülerinnen kennen, werden damit auch Vor- und Nichtlieben in die Bewertung eingehen.

Ist also diese ganze Kampagnisierung der Zentralmatura ein Ablenkungsmanöver? Wäre ein solches noch nötig? Wem nützte das? Geht es darum, den unsäglichen Sager des Wiener Bürgermeisters zu überdecken? Eine (schon wieder!) von den Medien ungeliebte Bildungsministerin anzuschwärzen? Wenn nur die tatsächlichen ungelösten österreichischen Bildungsprobleme, die unselige Verfassungsmehrheit bei Bildungsfragen, die dominante Rolle der Lehrergewerkschaften, die Probleme der ungenügenden Deutschkenntnisse solche Quantität an Aufregung und Medienöffentlichkeit hervorrüfenÄ!

Faktum ist, daß dies ein vollkommen unnotwendiger Sturm im Wasserglas ist. Dem beklagenswerten Zustand der österreichischen Bildungspolitik hilft er jedenfalls keinesfalls. Auch für den täglich atemlos berichtenden österreichischen Rundfunk ist er kein Ruhmesblatt.

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