Wiener Festwochen und mehr


„We don’t speak to be understood“ der belgischen Performer Ampe und Verdonck löst mehr als heitere Ratlosigkeit über die Welt und einen selbst aus. Nur ein einziger Satz, das rätselhafte „Warum hat sich das Wäldchen in Erwartung des Schnees schon entkleidet?“ wird verbalisiert, sonst gibt es nur sanfte, zärtliche, brüllende und laute Geräuschkulissen der beiden, in Begleitung von Vivaldis 4 Jahreszeiten, besonders des Winters. Die beiden posieren, schauen aus dem Eiskasten mit dem Bild Hillary Clintons, bauen aus dem Körper des anderen, einem Toaster, in dem Toast verbrennt und raucht, einem Stuhl, einem Tisch und dem Eiskasten eine Treppenanlage, die bestiegen wird. Der Honig, den sich der eine in den Mund tröpfelt, wird von diesem dann dem anderen in dessen Mund getröpfelt, der diesen dann in ein e Lacke auf den Tisch fließen läßt, in die er dann seinen Vollbart tunkt – lauter gestenarme und –reiche Aktionen der Körperkünstler, deren logischer Sinn sich wohl als Satire zu entpuppen scheint. Die einzelnen Szenen sind unheimlich witzig, ohne daß es Sinn ergibt. Gegen Schluß – und alles zu Vinyl-Vivaldi – posieren die beiden als Michelangelos „Schöpfung des <menschen“ in der Sixtina, gleich darauf finden sie sich zum ikonischem Titanik-Schweben. Ein Christbaum wird aufgestellt, „geschmückt“, es schneit, der eine friert, der andere verweigert ihm den wärmenden Schal, wird jedoch selbst zum Wärmebringer – worauf in einer Chaosorgie die Weihnachtsszene zusammenbricht – genial, und mit viel Applaus bedacht.

King Edward II. von Christopher Marlowe glitzert von goldenen Kleidern und einer vollkommen kupfernen Bühne. Edward, der unwillige König, der lieber seine Zeit mit seinem Günstling Gaveston verbringen würde als mit Staatsgeschäften, der seine Frau Isabelle nicht liebt und sich nicht standesgemäß mit dem Proletarier Gaveston vergnügt, rächt die Verbannung dieses durch Adel und Klerus fürchterlich, indem er die meisten Höflinge hinrichten läßt. Letztlich scheitert er an den Intrigen von Frau, Frankreich und Adel und wird durch seinen minderjährigen Sohn ersetzt. Ein von E. Palmetshofer hervorragend neu übersetztes/gedichtetes Drama in minimalistischer Inszenierung mit großartigen Schauspiel erszenen.

Zadie Smith kommt im schwülheißen Jörgerbad zu verdienten Ehren mit „Die Botschaft von Kambodscha“, in der die Ausbeutung einer afrikanischen Frau durch ein ausländisches Paar in London vorgeführt wird. Die Protagonistin Fatou, Hausmädchen bei den Derawals, schwimmt allmontäglich (mit der entwendeten Gästekarte ihrer Chefs) im Bad des nahen Wellness-Centers ihre Runden, während ein Erzähler am und um den Beckenrand ihre Geschichte erzählt, die als einziges Kontinuum ein über die Mauer von Fatou beobachtetes Federballspiel im Garten der kambodschanischen Botschaft enthält. Fatous Fantasien, was sich hinter den Mauern abspielen könnte, wie „echte“ Kambodschaner aussähen, werden nur einmal mit der Realität konfrontiert, als sie eine Frau, die mehrere schwere Säcke schleppt, sieht. In einer aufgegabelten Zeitung liest sie von englischen Haussklaven bei Diplomatenfamilien, erfreut sich an ihrem vermeintlichen „höheren“ Status, da sie selbst ausgehen dürfe und auch Bargeld zum Einkaufen in die Hand bekäme. Ihre Wünsche nach besserem Leben werden von einem christlichen Freund/Prediger, der ihr ihre Aufgabe als Leidende auf Erden klarmacht, zunichte gemacht. Nachdem sie einer kleinen Tochter der Familie durch rasches Handeln das Leben rettet, wird ihre Situation bei den Derawals für diese unhaltbar, da sie offenbar mit dem Gefühl der Dankbarkeit ihrem Hausmädchen gegenüber nicht umgehen können. Dadurch wird sie gekündigt und stantepede auf die Straße gesetzt, wo sie auf ihren christlichen Helfer wartet.

In ganz wenigen Worten gelingt es Smith, die Verbrechen der Roten Khmer, die de-facto-Versklavung ausländischer Hausangestellten (denen der Paß abgenommen wird, damit sie nicht weg können), das Los afrikanischer Migranten (zuerst innerhalb Afrikas, dann nach Europa) äußerst eindrucksvoll zu schildern. Die Idee mit dem Schwimmbad ist gut, die musikalische Untermalung durch die Strottern, die meinerseits große Erwartungen erzeugt hatte, leider eine Enttäuschung. Dennoch insgesamt ein eindrucksvoller Theaterabend.

„Ohne Titel Nr. 1 – Eine Oper von Herbert Fritsch“ ist unmöglich zu klassifizieren. Es gibt ein (Mini-)Orchester, welches Geräusche aller Art von Karzen bis Furzen von sich gibt, es gibt Sänger, die Töne produzieren, vor allem aber akrobatisch und choreographisch (erinnert ein wenig an Schlingensiefs Produktion von Jelineks Sportstück) sich gruppieren, ängstlich im Trupp trippeln, sich auf eine riesige Couch schleudern lassen, sich draufsetzen, einander Platz machen, posieren, und es gibt Sprachen, allerdings solche, die keine bekannten Worte bilden, sondern die Intonation von Norddeutsch, Amerikanisch, Französisch, Wienerisch – und was weiß ich sonst noch – vortragen. Es gibt eine Sängerin im Glitzerkleid, deren unendlich lange und akrobatisch bewegliche Zunge Schlangenbeschwörungen vollführt, es gibt einen Durchfallfurzer, der sich an seinen Emissionen ergötzt, es gibt einen Zauberer, der von der Multiplizierung mit 2 eines Papiertaschentuchs, das er immer mittig zerreißt, überrascht ist – und letztlich seine Nase durch einen Riß steck, es gibt einen Baumstangenträger, der diese als Stabhochsprungstab benutzt, aber auch damit andere bedroht, und es gibt vor allem eine Zwölfertruppe in Gummiperücken und Glitzerkostümen, die all diesen Nonsense mit Präzision und Begeisterung auf die Bühne bringt. Was dies alles soll, bleibt ein Rätsel. Es ist teilweise sehr unterhaltsam, teilweise langatmig – aber jedenfalls sinnentleert.

Eine Doppelperformance in der Wiener Kammeroper „L’Heure Espagnole“ und „Les Mamelles de Tirésias“ bringt – wie immer in der Kammeroper, hervorragende Inszenierungen mit tollen Sängerleistungen. Warum die beiden Opern kombiniert werden, wie Ravel und Poulenc zusammenpassen, bleibt ungeklärt, auch wenn durch teilweise Beibehaltung des Bühnenbildes und der Kostüme der Protagonistinnen Zusammengehörigkeit suggeriert wird. Die Spanische Stunde wird äußerst kurzweilig aufgeführt, die outrierenden Sänger in diesem Verwirr- und Liebesspiel gehen mit Freude (aber auch zu viel Lautstärke: warum müssen sie so brüllen?) an die Sache, allen voran die hervorragende Natalia Kawalek als Conception, aber auch Vladimir Dmitruk als Gonzalve und Christoph Seidl als Don Inigo. Die liebeshungrige junge Frau des ältlichen Uhrmachers nutzt seine Abwesenheit, um sich mit ihrem elegischen Poetenliebhaber zu treffen, den sie sich vom im Geschäft anwesenden Maultiertreiber, im Uhrenkasten versteckt, ins Schlafzimmer tragen läßt, wo er aber, statt sich um sie zu kümmern, Oden verfaßt. Gleichzeitig macht sich im Geschäft Don Inigo, der die Abwesenheit des Uhrmachers verursacht hat, an sie heran, um ihn loszuwerden, läßt sie auch ihn durch den Maultietreiber, in einem anderen Uhrkasten versteckt, ins Schlafzimmer und wieder zurück tragen, findet ihn jedoch auch nicht attraktiv. Endlich erkennt sie in der Muskelstärke des dümmlichen Maultiertreibers die wahre Kraft für die Befriedigung ihres Liebeshungers – und vergnügt sich mit ihm. Der zurückkehrende Uhrmacher verkauft die beiden Standuhren an die vergeblichen Liebhaber – und alle haben gewonnen. Musikalisch etwas einfach gestrickt, begeistert die fulminante Inszenierung.

Die Brüste des Tiresias sind eigentlich jene von Therese, der Frau eines Regisseurs, die der Männerdominanz entflieht und sich – ohne Brüste, aber mit Bart – in einen Mann verwandelt, sehr zum Zorn des uneinsichtigen Mannes. Als nunmehriger General verkündet Teresias/Therese die Parole „keine Kinder mehr“, der sich das Volk von Sansibar begeistert anschließt. Ihr Mann jedoch – und aus irgendeinem Grund spielt das Ganze zwischen Paris und Sansibar – entscheidet sich, da es in Sansibar aufgrund der Verwandlung der Frau in einen Mann zum Aussterben der Bevölkerung kommt (frühzeitige Andeutung des demografischen Problems Europas), selbst Kinder zu bekommen und schafft in einem Tag die stattliche Anzahl von sage und schreibe 40.409 Kindern. Einige davon schaffen es schon als Babies, stattliche Einkommen als Dichter, Musiker, Journalisten zu lukrieren, was einen Journalisten aus Paris anlockt, der den Elternteil dieser Babies um Geld anschnorrt, aber hinausgeworfen wird. Die vielen Babies erweisen sich als ziemlich aufwendig, einige sind auch mißraten. Vor allem aber droht nun Sansibar eine Hungersnot wegen Überbevölkerung, worauf sich der Vater/Mutter zu einer Wahrsagerin begibt, die in Wahrheit Therese ist. Sie erkennen einander wieder, nehmen ihre alten Rollen wieder auf (auch wenn die Brüste der Therese verschwunden beliben) und stimmen ein Loblied aufs Kinderkriegen an. Alles sehr dadaistisch, wie das Libretto von Apollinaire beabsichtigt, das Poulenc großartig in Musik gesetzt hat. Das Ganze ist äußerst unterhaltsam, mit viel Elan gespielt und gesungen – und sehr kompetent vom Kammerorchester, vor allem aber vom Schönberg Chor begleitet. Eine sehr ins Ohr gehende Musik gibt dem Orchester mehr Raum als den Sängern, die wiederum großartig agieren.

Zwar nicht im Rahmen der Festwochen, aber in deren Zeitraum brachte der wunderbare Puppenspieler Nikolaus Habjan seine Hommage an den kürzlich verstorbenen Friedrich Zawrel „Erbbiologisch und sozial minderwertig“ im Akademietheater (gemeinsam mit Simon Meusburger entworfen). Da geht es um die von diesem erzählte Lebensgeschichte des F.Z., der als Kind (unter anderem) in die Anstalt „Spiegelgrund“ in Wien als unerziehbar gesteckt wurde, in welcher der später als psychologischer Hauptgutachter und Wissenschafter beschäftige Dr. Gross sein Unwesen trieb. Dort wird Zawrel für Experimente mißbraucht, gedemütigt, gemobbt – und wird auch Zeuge, wie dort Kinder als „lebensunwert“ getötet werden. Jahre später, in den siebziger Jahren, wird Zawrel nach einem Munddiebstahl wieder psychiatriert – von eben jenem Primarius Gross, dessen Spezialität das Studium von Kindergehirnen war, die den Spiegelgrundkindern entnommen wurden. Z. erkennt Gross, gibt sich diesem zu erkennen – worauf sich die Mächte in Österreich (von bekannten Psychiatern, Staatsanwälten, Richtern, etc.) zusammentun, um ja nicht Gross von einem Häftling anpatzen zu lassen. Nur die Zivilcourage eines Journalisten (Höllriegel) und eines Unfallchirurgen (Vogt), gemeinsam mit dem Gerechtigkeitssinn von Zawrel, der das Ungeheure der Nazizeit (über sein eigenes Schicksal hinaus) nicht in Vergessenheit geraten lassen will, bringen Gross – nachdem diesem da Goldene Verdienstkreuz Österreichs für seine wissenschaftliche Arbeit (!!!) verliehen wurde, vor Gericht. Dort simuliert er jedoch (auch von bekannten Gerichtsgutachtern bestätigt) Demenz und wird für verhandlungsunfähig erklärt, zeigt jedoch außerhalb des Gerichts vollkommene Geistesstärke.

Habjan schafft es wieder, mit seinen Handpuppen das Kind Friedrich und den alten Zawrel (mit der er diese Lebensgeschichte erarbeitet hat) so lebendig werden zu lassen, daß die Geschichte dem Zuseher die Tränen in die Augen treibt. Habjan hat mit seiner Art eine für Österreich neue Form des Theaters geschaffen, die vielfach authentischer wirkt als jene von Regiestars. Ein wirkliches Erlebnis, das jede, die Theater schätzt, gesehen haben sollte.

Im Theater an der Wien wurde Bela Bartoks Einakter „Herzog Blaubarts Burg“, gekoppelt mit Schumanns „Geistervariationen“ in der Regie von Andrea Breth gegeben. Breths Interpretation des Blaubart ist nicht die „naturalistische“ Märchenversion, sondern das psychologische Eindringen von Judith in den starren Panzer (Burg) von Blaubart durch die Forderung nach Öffnung der sieben Türen. Diese Interpretation funktioniert blendend, auch weil die beiden Sängerinnen Gabor Bretz und Nora Gubisch sowohl stimmlich als auch darstellerisch in der Lage sind, dieses schwierige Konzept durchzuziehen: widerwillig gibt Blaubart Judiths Drängen nach, immer weiter in ihn einzudringen, in seiner Seelenpein schlägt er wieder und wieder seinen Kopf gegen die Wand, versucht Judith abzulenken, indem er sie mit Schmuck behängt, gibt ihr aber immer wieder nach, bis sie die 7. Tür öffnet und sich dort 3 von Blaubart ermordete Frauen „Morgen, Mittags und Abend“) zeigen, worauf Judith als „Nacht“ ihrem Verhängnis zugeführt wird. Die wunderbar sinnliche, manchmal süffige Musik von Bartok wird mit mehr als Verve vom Mahler Jugendorchester in manchmal übervoller Lautstärke äußerst plastisch wiedergegeben, einfühlsam dirigiert von Kent Nagano.

Danach folgt eine lange rätselhafte Tour in einer von Männern (und drei Frauen) bewohnten psychiatrischen Klinik, ohne Musik, wo nur quälend langsam (eben Breth) die Wiederholungsticks und Manierismen der alten Männer vorgeführt werden, die in der Reinigung von 7 Heizkörpern (für jeden Mann eine) enden, bis endlich Markus Hinterhäuser aus dem Off Schumanns Geistervariationen leicht wie eine Feder, aber unendlich eindringlich hören läßt. Weder wurde mir die Verbindung mit Bartok klar, noch warum Schumanns Entourage lange versucht hat, die Aufführung dieses Klarvierstücks zu verhindern. Obwohl die Verbindung der beiden Stücke nicht schlüssig wurde, ergab der gesamte Abend dennoch einen konsistenten und sehr positiven Eindruck.

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