Kleine Musikreise durch Österreich


 

Der 4-Tage „Ring des Nibelungen“ bei den Tiroler Festspielen in Erl ist zwar nicht so intensiv wie Gustav Kuhns 24-Stunden-Fassung (die er demnächst wieder in Shanghai aufführen wird), aber intensiv genug. Die sich von Tag zu Tag steigernde, sich mythologisch-germanisch gebende Geschichte von Macht, Gier, Sex, Verrat, und ja, in zwei Fällen (Siegmund/Sieglinde, Brünnhilde/Siegfried) auch Liebe gewinnt durch die tägliche Befassung an Intensität und Spannung. Kuhn setzt im Erler Passionshaus das riesige Orchester sehr sehr wirkungsvoll statt in den Graben auf die steil aufragende Bühne, wodurch zweierlei passiert: die Musik und deren innere Struktur wird für das Publikum viel besser hör- und erfahrbar als wenn das Orchester im Graben säße, und die Bühne selbst wird für die Sängerinnen und Sänger äußerst klein, sodaß sich inszenatorisch nur wenig Entfaltungsmöglichkeiten bieten. Diese Beschränkung dreht Kuhn ins Innovativ-Positive. Kuhn mixt moderne Kostüme und Leben (Wotan und Fricka sitzen unter Sonnenschirmen im Liegestuhl und nehmen kühle Getränke zu sich, rauchen Zigaretten, sind heutig- modisch gekleidet, wobei Sonnenbrillen eine große Rolle spielen) – die Zuschauer werden bei Affenhitze im Zuschauerraum neidisch – mit eher altertümlichen Kostümen (zB die wirklich reizenden Rheintöchter) und schafft damit, ohne gekünstelt zu wirken, die Zeitlosigkeit der Wagnerschen Story (abgesehen vom germanisierenden Firlefanz) erfahrbar zu machen. Witzige Elemente (Fastolt erscheint als US-Footballspieler, Fafner als Eishockeyspieler mit Logos der Deutschen Bahn, von Schenker und Strabag (!!), Donner kommt als Hammer(!)werfer, Froh als klassischer Golfer, letztlich Brünnhilde als kesse Reiterin) sind wirkungsvoll, andere jedoch treffen daneben (Siegfried trägt einen Teddybären bis zum Brünnhildefelsen mit sich und zeigt seine Unsicherheit und Angst vor der nahenden Vereinigung durch Festklammern eines Polsters einer XXX-Liegegarnitur (absolut scheußlich und peinlich, erinnert er auch an Linus‘ Sicherheitsdecke im bekannten Snoopy-Comic). Auch die zu starke Verwendung von Kindern könnte kritisiert werden. Kuhn gehen die Ideen nicht aus: die Walküren kommen per Fahhrad, und umkreisen Wotan, der Brünnhilde bestraft, quasi als Bicycle-Gang mit ihren Rädern; beim Feuerzauber (bei dem man scheinbar die Zündhölzer vergessen hat) sitzen die sechs Harfenistinnen in feuerroten langen Kleidern ganz vorne im Orchester, und so weiter. Das soll sich aber nicht so lesen, als ob diese exzellente Inszenierung nur von Gags lebte: ganz besonders eindrucksvoll sind vollkommen statische Tableaus, etwa Siegmund-Brünnhilde-Hunding (mit Wotan und Fricka am Rande spähend), oder Brünnhilde auf dem Scheiterhaufen vor dem toten Siegfried, oder die Rheintöcher, die auf Pyramidenleitern hin- und her geschoben werden und anmutige Wellenbewegungen zu exzellentem Singen machen….

Die SängerInnenleistungen sind weitgehend gut, einige exzellent, die Personenbesetzungen wechseln fast täglich: besonders stark sind Thomas Gazheli (Alberich in Rheingold und Götterdämmerung, Wanderer im Siegfried), Michael Kupfer als Wotan (Walküre). Johannes Chum (Loge), Andrea Silvestrelli (Fafner und Hagen), Nancy Weißbach (Brünnhilde in Siegfried), Mona Somm (Brünnhilde in Götterdämmerung), Bettine Kamp (Brünnhilde in Walküre): letzere zuerst ganz Jungmädchen, die auf die Bühne springt wie ein Jack-in-the-Box und leicht und locker ihre Rolle als Wotans Lieblingstochter spielt und zunehmend in ihre tragische Rolle wächst. Wunderbar auch die drei Japanerinnen als Rheintöchter, stimmlich hervorragend, darstellerisch wunderschön.. Und keinesfalls zu vergessen, die fulminante Svetlana Kotina als Waltraute in der Götterdämmerung: selten perfekt! Auch die anderen Sängerinnen und Sänger fielen nicht übermäßig ab. Der Männerchor schaffte es fast locker, das dahinbrausende Orchester zu übertönen, das Orchester selbst mit Maestro Kuhn hält mit berühmteren Orchestern mit.

Ärgerlich war, daß die Übertitel nur auf Englisch liefen: gefühlte 2% der Zuhörer sprachen englisch. Gegen die Hitze konnte man nichts machen, ob die Aufführung im neuen Festspielhaus nicht besser gepaßt hätte?

Die Einfachheit der Inszenierung ließ die wichtigen Passagen exzellent hervortreten: Wotans Betrügereien und Fremdgehen, sein bombastisches Beharren auf der Einhaltung von Verträgen, wenn es ihm nützt, sein kindisches Macho- und Ego-Beharren auf den eigenen (und der anderen Götter) Untergang, da sich Erda ihm mit ihrem Wissen um sein Schicksal verweigert, nachdem er ihr von der Bestrafung der gemeinsamen Tochter Brünnhilde als „Notwendigkeit“ erzählt – nach dem Motto: wenn Du es mir nicht sagst, dann bringe ich mich um – Du wirst schon sehen!, Frickas Domina-Gehabe, gepaart mit der Verletzung der gehörnten Ehefrau (falls es so etwas gibt), Hagens Haß auf seinen Vater Alberich und seine eigene Gier nach der Weltherrschaft, die Opferrolle der Frauen – und Intrigen, Intrigen, Intrigen! Das macht das Zeitlose dieser Oper aus, mehr noch als die vielfach behauptete Ähnlichkeit mit der Schuldenkrise und den Marktbeziehungen der laufenden Finanzkrise. Und ja: Wagners Frauenbild: es geht primär um Sex und Machausweitung, Liebe gibt es nur im Einzelfall (inzestuös mit Sieglinde/Siegfried, dann als Strafe für Brünnhilde mit Siegfried), sonst geht es um reine Lust: Alberich, der angeblich „der Liebe entsagt“, naja! Wotan, der nicht nur habituell fremdgeht, sondern sogar Erda vergewaltigt, Hundig, der Sieglinde „besitzt“ und demütigt, sexuelle Vereinigung als Strafe für Brünnhilde, Gutrun, die nur den höchsten Helden besitzen will, Fricka als „Hüterin der heiligen Ehe“, die aber offenbar mehr an ihre eigene denkt, Gunther, der da auch nur seine Reputation und Macht mit der hehrsten aller Frauen, die ihm Hagen einredet, mehren will… da hat sich das Zeitlose hoffentlich doch etwas verflüchtigt!

Kuhn läßt das Orchester in fast durchgängig maximaler Lautstärke erdröhnen, gibt jedoch auch den lyrischen Passagen schönsten Klang. Einige kleine Gickser der Hörner sind verzeihbar, die wunderbaren Geigen, Bläser und Perkussionisten schaffen stundenlange Spannung und Höhepunkte (kleine Ausnahme im Siegfried, wo offenbar nicht nur bei mir etwas Müdigkeit sich einstellte).

Für mich war der Erl-Besuch verbunden mit vormittäglichen Wanderungen in der stupenden Landschaft des Wilden Kaisers, Baden im Walchsee, exzellentem Essen und Trinken (hier kein Product-Placement!) und einer wirklich erhebenden Ring-Darbietung ein bisheriger Höhepunkt dieses Sommers. Viel schöner kann so eine Sommerwoche nicht sein.

Ein positives Erlebnis der ganz anderen Art war der Vormittag „Eulenspiegeleien“ bei der Styriarte in Graz. Ganz besonders HK Grubers: Frankenstein!! Ein Pandämonium für Chansonnier und Orchester nach Kinderreimen von H.C. Artmann, in welchem Nali Gruber selbst mit ungeheurem Verve und Können den Chansonnier und Kindermusikinstrumenten-Spieler gab, begleitet von einem exzellenten Orchester. Gruber ist ein begnadeter Komponist, aber nicht weniger Performer seiner eigenen Komposition. Artmanns Kindergedichte beginnen meist mit einer bekannten Zeile (zB „es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann…“), um dann ins Makabre, Morbide und Monströse zu gleiten. Alle 22 Gedichte werden von Gruber ohne Vorlage witzigst, mit Freude und Dynamik, aber auch Hintergründigkeit vorgetragen. Dada-Elemente bleiben nicht aus. Das Ganze ist ein ungeheurer Spaß, äu0erst kompetent und professionell vorgetragen. Umrahmt war diese Hauptstück durch Mendelssohns Sommernachtstraum, ein Korngold-Stück und Strauss‘ Eulenspiegel. Dem Hauptthema der heurigen Styriarte „Humor“ wurde dieser Vormittag vollkommen gerecht.

 

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