Verteilung und Verheerung


(Im FALTER 39/2015 erschienen)

In “Reich und Arm. Die wachsende Ungleichheit in unserer Gesellschaft” diskutiert Nobelpreisträger Joseph Stiglitz umfassend die verschiedensten Aspekte von ökonomischer Ungleichheit. Obwohl er sich hauptsächlich mit US-amerikanischen  Beispielen befasst, ist vieles auch für europäische Leser lehrreich. In diesem Buch reproduziert der im besten Sinn “politische Ökonom” Stiglitz, also einer, der sich mit realen  Problemen der Bürgerinnen und Bürger befasst, 51 Artikel, die er in den Jahren 2012-14 in amerikanischen Zeitungen und Zeitschriften verfasst hat (als Österreicher würde man sich sehnlichst solche Medien wünschen), und versieht seine 8 Kapitel mit jeweils neuen Einleitungen.

Dadurch wird ein äußerst anschauliches Bild von Verteilungsproblemen, Dimensionen der Ungleichheit, Ursachen für die zunehmende Ungleichheit, deren Folgen, die Politik, die zur zunehmenden Ungleichheit geführt hat, regionalen Perspektiven und auch Vorschlägen zur Bekämpfung der zunehmenden Arbeitslosigkeit und der abnehmenden Erwerbsbeteiligung in den USA gegeben. Wie immer bei Stiglitz sehr persönlich gehalten, manchmal nicht uneitel, aber auch selbstkritisch.

Was das gesamte Buch durchzieht, ist die sehr wichtige Lektion, dass die zunehmende Ungleichheit nicht “ökonomischen Gesetzmäßigkeiten” folgt, sondern die Folge politischer Entscheidungen ist, geschuldet den Interessen und den Einflussmöglichkeiten der obersten “1%” auf die Wirtschaftspolitik, zu Lasten der 99%. Bei Stiglitz gibt es erfrischenderweise keine Thatchersche Ausweglosigkeit (TINA: there is no alternative!), sondern immer politische Wahlmöglichkeiten. Konkret datiert Stiglitz die zunehmende Ungleichheit auf den Regierungsantritt Ronald Reagans, der mit Deregulierungen, der zunehmenden “Finanzialisierung” der Wirtschaft (exzessives und ausbeuterisches Wachstum des Finanzsektors), Brechung der Macht der Gewerkschaften (Streik der Fluglotsen!), Vorantreiben von Globalisierung im Interesse der Unternehmen und Abdämpfung der Progressivität des Steuersystems und Senkung des Spitzensteuersatzes. Dieser Weg wurde laut Stiglitz auch von späteren Präsidenten bis hinauf zu Obama (mit unterschiedlicher Intensität) fortgesetzt. Die Folge sind zunehmende Einkommens- und Vermögenskonzentration oben, die Stagnation der Einkommen der Mehrheit seit fast 20 Jahren, die zunehmende Prekarisierung der Arbeitswelt (20 Millionen Amerikaner und innen arbeiten unfreiwillig Teilzeit), wodurch auch ein immer geringerer Anteil der Arbeitsfähigen sich um eine Stelle bemüht. Stiglitz betont immer wieder das  Argument, dass die immer ungleichere Einkommensverteilung nicht nur moralisch zu beanstanden ist, sondern mittel- bis langfristig auch die ökonomische Position des 1% gefährden wird, da das Auseinanderbrechen der Gesellschaft zu zunehmender Kriminalität, aber auch zum Kaufkraftschwund der amerikanischen Wählerschaft beitragen wird. Er lobt die von Soros und Buffet ausgehende Initiative der “Patriotischen Millionäre”, die zur Einkommens- und Vermögensumverteilung aufgerufen und sich zu höheren Steuerleistungen bereit erklärt haben. Hochinteressant für hiesige Leser ist auch sein Beurteilung der Auswirkungen des eben beschlossenen transpazifischen Handelsabkommen TPP (“Auf der falschen Seite der Globalisierung”), die aufs Haar jener der hiesigen TTIP Kritiker gleicht (wenn sie auch aus amerikanischer Sicht kommt). Sie diene nur den Interessen der transnationalen Unternehmen und gefährde die Demokratie durch das Klagerecht der Konzerne wegen Gewinnschmälerung.

Stiglitz schlägt mit diesem Buch eine Bresche in das von der traditionellen Ökonomie langjährig ignorierte Thema von Verteilungsfragen. Damit weitet er mit großem journalistischem Talent die zunehmende Befassung mit diesem Thema aus, das vor allem seit 2014 mit Thomas Piketty’s bahnbrechendem “Capital”, aber auch dem kürzlich von Anthony Atkinson, dem auch von Stiglitz anerkannten “Altmeister” der Verteilungsökonomie, in Wien vorgestellten Buch “Inequality:What Can be done?” (besprochen im FALTER Nr. 37) auch in breiteren Kreisen Furore gemacht und dieses Thema diskutier- und herzeigbar gemacht hat. Dieser neuen Bedeutung wird auch das am 18.9.2015 auf der Wirtschaftsuniversität neu vorgestellte Institut für “Economics of Inequality” (bei dem Atkinson den  inführungsvortrag hielt) gerecht, welches Verteilungsforschung in Österreich verstärken wird.

Wenn es an Stiglitz’ Darstellung etwas auszusetzen gibt, dann der Vergleich mit dem Arbeitsprogramm dieses neuen Instituts. Denn dieses kümmert sich fächerübergreifend um Verteilungsaspekte im wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Bereich. Die beiden letzten Bereiche fehlen bei Stiglitz fast vollständig. Dies soll interessierte Laien beiderlei Geschlechts jedoch keineswegs von der Lektüre dieses exzellenten Buches abbringen: es ist sehr umfassend, leicht leserlich und in kurzen, jeweils einzelnen Kapiteln geschrieben und bringt die Gedankenwelt eines sich um die Verbesserung der Welt kümmernden großen Ökonomen näher.

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Filed under Life, Socio-Economic Development

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