Lebensüberdruss und Schicksal, Verhängnis, Ausgrenzung und Erbärmlichkeit: Wienkultur vor Weihnachten 2015


Man kann es Emilia Marty, aka Elena Makropoulos, nicht verdenken, dass sie nach 370 Jahren Lebens nicht mehr wirklich Freude an weiteren 300 Jahren hat. Leos Janaceks Oper „Die Sache Makropoulos“ in der Regie von Altmeister Peter Stein wurde endlich wieder einmal in Wien aufgeführt. Ich hatte eine faszinierende Aufführung von einigen Jahren in Covent Garden gesehen und war gespannt. Die Wiener Inszenierung ist sehr brav, vielleicht etwas statisch, manchmal auch langweilig, aber durchaus dem Thema angemessen: vordergründig dreht sich die Handlung um die gefeierte Sängerin Emilia Marty, die in einem Anwaltsbüro auf der Suche nach einer Urkunde durch außergewöhnliches Wissen um Erbvorgänge, Testamente und andere Vorgänge aus Vorzeiten auffällt. Dazu scheinen ihr alle sie treffenden Männer zu verfallen, sie spielt mit ihnen und benutzt sie für ihre Zwecke. Neben einer Erbsache geht es ihr persönlich aber um das Auffinden der „Sache Makropoulos“, eines Rezepts, welches der Leibarzt Kaiser Rudolf II., namens Makropoulos (der kriminalromangeschulte Hörer vermutet ein Verwandtschaftsverhältnis) vor mehr als 300 Jahren zur ewigen Lebensverlängerung für den Kaiser erfunden hat, aber – unlogischerweise – auf Drängen des Prager Kaisers (verewigt in Leo Perutz’s Roman „Unter der Brücke“) an seiner Tochter Elena ausprobieren muß. (Unlogisch ist dies deshalb, da der Kaiser ja ohne das Elixier nicht weiß, ob es wirklich funktioniert). Im Laufe der Oper stellt sich heraus, daß diese Tochter über die Jahrhunderte mit mehreren Identitäten, in mehreren Ländern, mit vielen Liebhabern Jahre verbracht hat – aber jetzt eine Erneuerung braucht, um weiterleben zu können. Die turbulente Jetztzeit aber bringt sie letztlich von dieser Entscheidung ab, und sie entschließt sich, ihrem Lebensüberdruss nachzugeben und zu sterben. Während die Londoner Inszenierung diesen Wandel von Lebenslust zu Lebensüberdruss lebendig und farbig nachzeichnet, ist die Wiener Emilia von Anfang an zynisch, ausbeuterisch und – sehr menschlich. Ihr Erscheinen in der letzten Szene mit „Schrumpfkopf“, der offenbar ihr tatsächliches Alter darstellen soll, scheint etwas überzeichnet. Die Musik ist faszinierend dramatisch, die Thematik, wenn man sie von ihrer märchenhaften Geschichte löst, sehr lebensnah, warum die Oper nicht häufiger gespielt wird, unerfindlich (vor allem wenn man an die mehr als 300 Aufführungen des Schenkschen Rosenkavalier denkt: man verzeihe mir diese persönliche Meinung!). Sängerisch machten die Protagonistinnen ausgenommen gute Figur, vor allem Laura Akin als Emilia mit strahlendem Sopran, aber auch die sie umflatternden und umschwärmenden Männer (darunter Heinz Zednik und der großartige Bankl). Der Prager Dirigent Jakob Hrusa musikalischer Leiter des Glyndebourne Festivals erhielt für sein Dirigat langanhaltenden Applaus.

Das Verhängnis, welches die böse Tat des Ödipus, der seinen Vater (unerkannt) ermordete und mit seiner Mutter 4 Kinder zeugte, bleibt seiner Familie treu. In der Barockoper „Antigone“ von Tommaso Traetta (1772), aufgeführt in der Wiener Kammeroper, gibt es für niemanden ein Entkommen. Antigone, die Tochter des Ödipus, will ihren Bruder pflichtgemäß begraben, der in einem Bruderkampf um den Thron seinen eigenen Bruder getötet hat und von ihm getötet wurde. Das überlebende neue Familienoberhaupt Kreon verbietet dies bei Todesstrafe, da dieser Bruder den Streit begonnen hätte. Mit Kreons Sohn Ermone ist Antigone in Liebe verbunden, soll ihn heiraten. Ihn bringt sie dazu, ihr zu helfen, ihren Bruder zu begraben – beiden droht die Todesstrafe. Der unerbittliche Kreon, der auch von Ismene, Antigones Schwester beschworen wird, das Familienverhängnis nicht weiter zu verlängern, bleibt bei seinem Urteil – um seine Stellung in Familie und beim Volk zu festigen. Emone springt von der Klippe, Antigone wird lebendig begraben. In ihrer Todesangst, eingeschlossen in der Gruft, vermeint sie, mit Emone verbunden zu werden und von Kreon begnadigt zu werden, jedoch ist all dies Illusion. Am Ende bereut Kreon seine Härte, wobei unklar bleibt, ob er nach griechischer Mythologie viel Spielraum hatte, oder ob es letztlich seine Eitelkeit und sein freier Wille war, der ihn zu diesen harten Entscheidungen, die ihn seinen Sohn und dessen Verlobte gekostet haben, getrieben hat. Hier wird der Einfluß der Aufklärung sichtbar, der an dem rein von Göttern getriebenen Menschenschicksal zweifeln läßt, und dem freien Willen Platz läßt. Wie immer zwingt die kleine Bühne der Kammeroper ohne Bühnentechnik zu innovativen Inszenierungen, diese hat Vassily Barkhatov zu verantworten. Er verlegt die gesamte Handlung in die Familiengruft, in welcher die entscheiderische Enge, aber auch das künftige Verhängnis und die Ausweglosigkeit klar wird. Ganz besonders eindrucksvoll sind die Szenen, in denen Antigone in ihrer Grabesnische (die immer wieder von beiden Seiten gezeigt wird), in verschiedenen sehr eindrucksvollen „Posen“ ihre Verzweiflung zeigen kann, was ihr sowohl darstellerisch, besonders aber auch sängerisch (besonders die Koloraturen) ganz ausgezeichnet gelingt (Viktorija Bakan). Am eindrucksvollsten singt (wieder) ihr Liebhaber Emone, der Countertenor Jake Arditti, der ganz wundervoll seine Verzweiflung und Komplizenschaft ausdrücken kann. Einzig Kreon (Thomas David Birch) leistet sich einige Gickser, aber auch er bringt insgesamt eine sehr gute Leistung. Die Musik ist hoch dramatisch, die Rezitative erklären die Handlung, die Bach Consort Wien erbringt eine ganz tolle musikalische Leistung.

Sensationell die Aufführung von “Peter Grimes” von Benjamin Britten am Theater an der Wien. Ikonisch das von der Bühne in den Orchestergraben hängende Bett, welches Zufluchts- und angedeuteter Liebesort für Peter und seine wenigen Freunde ist. Die karge Bühne mit zum Orchestergraben abfallendem Boden signalisiert die Gemeinheit, die Ausgrenzung, die Sensations- und Verurteilungslust der Ortsbewohner, die bestärkt durch ihre moralischen und weltlichen Autoritäten ihr geiles Doppelleben führen und sich durch die Ausgrenzung und Gerüchtemacherei um Peter Grimes ihre vermeintliche moralische Überlegenheit holen. Ganz fantastisch singt, vor allem aber spielt der bestens choreographierte Arnold Schönberg Chor, der hin und her wogende Massenbewegung, eine Phalanx bildende Mauer, Hilfe verweigernde Fischer und vieles andere in unerhörter Bewegung darstellt.  Regisseur Christof Loy bringt Brittens Homosexualität ins Spiel, deutet diese bei Grimes, Balstrode, auch dem Fuhrmann Hobson und dem Lehrling John an, wobei bei allen bis auf Balstrode auch heterosexuelle Liebe eine Rolle spielt: alle drückt eine Gier nach jedweder Liebe, die sich unter dem rauen Alltag des Fischerlebens im Sturm, der täglichen Lebensgefahr, aber auch der heuchlerischen Moral, die der Pfarrer, stärker noch der Methodistenprediger fromm vor sich hertragen Bahn zu brechen versucht. Grimes, aber auch die anderen sind jedoch liebesunfähig: sie träumen zwar von der heilen Welt, vom Häuschen, von der Anerkennung der anderen und der Liebe, killen diese Träume jedoch  in einem brutalisierten Alltag, in einem menschlichen Verhalten, das sich den Menschen nur als Wolf unter Wölfen denken kann. Die Andeutungen von Menschlichkeit durch die Lehrerin Ellen und von Balstrode, die Grimes lieben, können in dieser Umgebung nicht durchdringen, sie werden durch Grimes selbst, mehr aber nur durch die Ausgrenzung, die er durch die Dorfbewohner erfährt zunichte gemacht und führen letztlich zum Verhängnis, als Grimes seinen Lehrling in die raue See hinaus zwingt, “um den großen Fang zu ergattern, der alle Probleme lösen soll”, wodurch diese die Klippe hinab in den Tod stürzt. Brittens Musik ist drei Stunden lang voll von Spannung und Dramatik, man hört förmlich die See rauschen, die betrunkenen Dorfbewohner grölen, die Seelenqualen Peter Grimes’, die Zukunftsversprechungen Ellens, sowie ihre Versuche, etwas Zärtlichkeit in das Leben von Peter Grimes (und ihr eigenes) zu bringen. Das Radiosymphonieorchester unter Cornelius Meister liefert eine Spitzenleistung ab. Ganz bravourös auch Joseph Kaiser als der zerrissene und sich selbst zerreissende Peter Grimes mit all seinen Nöten, seiner Brutalität, seiner Liebessehnsucht, seiner Sehnsucht nach dem normalen, dem “guten” Leben, der sich selbst und seine Lehrlinge (wie Captain Ahab) seiner Suche nach dem “großen Fang” ohne Rücksicht vorantreibt. Agneta Eichenholz gibt eine vom Leben gezeichnete, aber noch hoffnungsfrohe Ellen Orford: ihr gelingen sehr berührende Szenen, vor allem wenn sie ihre Menschlichkeit der allgemeinen Verhetzung der Dorfbewohner entgegenstellt mit einer Klarheit und Einfachheit, die nur gläubigen Menschen möglich ist. Stimmlich manchmal etwas schrill gelingt ihr aber eine äußerst überzeugende Darstellung. Die anderen Sängerinnen und Sänger bleiben kaum zurück. Inszenierung, Musik, Sängerinnen, Chor und Dirigent machten eine wirklich erinnerungswürdige Aufführung möglich. Sehr langer Applaus.

Ausgrenzung in der Kärntner Bergbauernwelt erlebt auch die Kuhmagd Vrga in Christine Lavants “Das Wechselbälgchen“, dramatisiert von Maja Haderlap und inszeniert vom genialen Puppenspieler ´Nikolaus Habjan. Die einäugige Magd mit dem zurückgebliebenen unehelichen Kind hat als einziges Asset ein Glasauge, das den Knecht Lenz, der neu auf den Hof kommt insofern fasziniert als es möglicherweise der Schlüssel zu seinem Traum vom Schatz und einem Leben als Herr statt als Knecht gesehen wird. In dieser engen, von strengster Hierarchie, Ausbeutung und Armut sowie Aberglauben dominierten Welt, wo die Kinder der Mädge und Knechte als Arbeitssklaven hergegeben werden, da sie von ihren Eltern nicht ernährt werden können, scheint es keinen Ausweg aus der Erbärmlichkeit zu geben: die Kirche hält erbarmungslos an der ewigen Sünde fest, die Ausweglosigkeit und Gewalt ist allgegenwärtig. Dennoch kommt es zur dramatischen Wendung, als das Wechselbälgchen Zita das geliebte Baby des zum Beamten mutierten Knechts mit Vrga vor dem Ertrinken rettet – und dadurch und durch ihren Tod zur Erlöserin vom Bösen wird. Sogar der strenge Pfarrer wird menschlich. Das Stück wird in und vor drei Glaskästen, in und hinter denen die Karawanken-Landschaft in ihrer Enge überzeugend symbolisiert wird, gespielt, in einer Habjanschen Kombination von Puppen und realen Personen. Besonders die Puppe des Wechselbälgchens ist herzzerreißend in ihren sehr beschränkten Ausdrucksformen, ihren vergeblichen Sprechversuchen, ihrer Nachahmung des Großen in Bezug auf den Hund, ihrer Liebe zum “Teufelspüppchen”, ihrer Begeisterung und Liebe zur kleinen Babyschwester. Besser kann man dies nicht darstellen. Die Menschendarsteller passen sich bestens an diese stilisierte Fabel mit ihren starken Ausdrucksformen an.

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