Gesamtstrategie für die österreichische Wirtschaftsforschung? – Fehlanzeige


(am 23.1.2016 in der Wiener Zeitung veröffentlicht)

 

Bei allen drei „traditionellen“ österreichischen Wirtschaftsforschungsinstituten, dem Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO), dem Institut für Höhere Studien (IHS) und dem Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW), die alle zum Teil durch öffentliche Gelder finanziert werden, stehen derzeit Neubesetzungen der Leitung an. Das böte einen guten Anlass dafür, eine mittelfristige Strategie für deren Zukunft zu entwickeln, damit öffentliche Gelder zielgerichtet einzusetzen – und aufgrund einer solchen Gesamtstrategie gezielt geeignete Leitungspersonen zu finden. Oberflächlich gesehen wäre dies auch deshalb möglich, da in den Leitungsgremien aller drei Institute teilweise dieselben Personen sitzen, bzw. von denselben Institutionen entsandt sind (Regierung, Bundesländer, Sozialpartner). Ja, wenn wir nicht in Österreich wären……

Die Grundsatzfrage, ob man mehrere Institute für Angewandte Wirtschaftsforschung braucht, was die Rolle der Öffentlichen Hände bei deren Finanzierung sein soll, ob und inwieweit diese Institute mit einschlägigen Universitätsinstituten kooperieren, diese konkurrenzieren oder ignorieren sollen, ob man für diese Forschung überhaupt öffentliche Finanzierung braucht, oder nicht die je „eigenen“ Institute der Interessenvertretungen (dies passiert in letzter Zeit zunehmend) und anderer Financiers genügen – all diese Fragen werden in Österreich leider nicht öffentlich diskutiert. Statt dessen schauen Ministerien, politische Parteien, Bundesländer und Interessenvertretungen genauest darauf, inwieweit diese Institute ihnen genehme Ergebnisse produzieren, und versuchen mehr oder weniger offen, ihre jeweiligen Interessenstandpunkte zur Grundbedingungen für ihre Finanzierung zu machen. Hauptinteresse scheint nicht zu sein, für die österreichische Gesellschaft, wichtige und relevante Forschung auf internationalem Niveau- unabhängig von deren Ergebnis – zu liefern, sondern eigene Standpunkte zu untermauert zu sehen. Einzelne wenige Ausnahmen bestätigen diesen Alltag.

Immerhin geht es um jährlich 25 Mio Euro Budget, von denen etwa die Hälfte von der öffentlichen Hand kommt. Das ist wenig, etwa im Vergleich mit der großzügigen Finanzierung des IST in Klosterneuburg (allein der Bund leistet dort jährlich 99 Mio €), aber doch groß genug, um die Situation der Neubestellungen der Leitungen zu einer möglichen Neuorientierung und längerfristiger Finanzierungszusage zu nützen. Bisher hat dies nur zur Neubesetzung der (funktionellen) Aufsichtsratsmitglieder bei IHS (Franz Fischler) und WIIW (Hannes Swoboda) gereicht. Präsident des WIFO ist weiterhin Christoph Leitl.

Die „natürliche“ Arbeitsteilung zwischen diesen drei Instituten wäre, aufbauend auf ihrer Geschichte, folgende: Als größtes Institut arbeitet das WIFO flächendeckend, dh analysiert alle Sektoren der österreichischen Wirtschaft, Europa-Wirtschaftspolitik, sowohl die Angebots- wie die Nachfrage und auch Verteilungsseite der Volkswirtschaft und ihre Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft. Makroökonomische Forschung, unterstützt durch sektorales Know-How, sollte das Hauptthema sein, faktenbasierte Politikberatung das Ziel. Das IHS sollte seine besondere Stärke, die jedoch schon lange nicht mehr zum Tragen kommt, nämlich die Vernetzung von ökonomischen, soziologischen und politikwissenschaftlichen Themen forcieren, so schwer dies auch in der Praxis ist. Damit könnte der oft inhaltlich verkürzte mathematisierte eng-ökonomische Blickwinkel der akademischen Mainstream-Ökonomie überwunden und die gesellschaftliche Relevanz der Forschung gestärkt werden. Das WIIW sollte sich künftig in geringerem Ausmaß als bisher mit dem „alten Osteuropa“ (seiner Gründungsidee) befassen und mehr mit einer in Österreich besonders unterentwickelten Thematik für weltwirtschaftliche Entwicklungen, Globalisierungstendenzen und –effekte befassen, wobei der geografische Horizont über die unmittelbaren Bedürfnisse der exportierenden Wirtschaft hinausgeht. In welcher organisatorischen Form diese Arbeitsteilung und/oder Kooperation vor sich geht, sollte diskutiert werde. Als gelernter Österreicher fürchte ich jedoch, dass das Interesse der Öffentlichen Hände und Sozialpartner an nicht ihren jeweiligen interessenpolitischen Zielen entgegenkommender Rechtfertigung leider gering ist, was sich auch in den schrumpfenden Finanzierungszusagen für sozialwissenschaftliche Forschung niederschlägt.

Dennoch träume ich meinen Traum weiter: dass die Öffentliche Hand, gemeinsam mit Interessenvertretungen und „Zivilgesellschaft“ eine gemeinsame Ökonomische Forschungsstrategie entwickelt, die nicht privat zu finanzierende, gesellschaftlich wichtige Wirtschaftsforschung thematisch umreisst, auf eine mittelfristig sichere Finanzierungsbasis stellt und die politische Zusicherung der partei- und interessenpolitischen Unabhängigkeit der Institute garantiert. Die alten und die neu bestellten Präsidenten der Institute könnten dies in Angriff nehmen und damit einen Meilenstein für Österreich setzen. Damit hätte die Österrreichs Wirtschaftsforschung die Chance, sich dauerhaft in der ersten Liga europäischer angewandter Wirtschaftsforschung zu etablieren. Ein Stück des Weges dorthin hat sie in einer Reihe von Bereichen bereits trotz der genannten Schwierigkeiten zurückgelegt.

 

Offenlegung: ich bin sowohl im Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung als auch im Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche als (unbezahlter) Konsulent tätig.

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Filed under Life, Socio-Economic Development

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