Marx, aber nicht marxistisch?


(unter dem Titel “Die Wikipedisierung unserer Wirtschaft” in leicht veränderter Form im Falter 38/2015 erschienen)

Der britische Wirtschaftsjournalist Paul Mason sieht klare Anzeichen dafür, dass sich der Kapitalismus alter Prägung nach der vierten langen Welle zu erschöpfen beginnt. Er sieht die letzten 25 Jahre des Neoliberalismus mit der seit 2008 manifesten Krise als letztes Aufbäumen dieses Kapitalismus, wobei sich bereits vielerorts die Saat des neuen Regimes – des von ihm so benannten „Postkapitalismus“ – breit mache. Haupttreiber dieses neuen Regimes ist die Kommunikation, die langsam aber sicher den Hauptgehalt aller Produkte und Dienstleistungen ausmache – und durch ihre universelle Verfügbarkeit, ihre praktisch zum Nulltarif herstellbare Reproduzierbarkeit die „Gesetze“ des Kapitalismus, also die Knappheit und den auf ihr aufbauenden Preismechanismus außer Kraft setze.

Mason argumentiert mithilfe des gesamten Apparats der modernen Ökonomie und sieht die neue Kommunikationsgesellschaft, den Postkapitalismus, als ähnlich großen Umsturz an wie die Ablösung des Feudalismus durch den Handelskapitalismus und jene des Handelskapitalismus durch den Industriekapitalismus. Dabei handelt es sich – wie diese historischen Formen – nicht nur um ein neues Wirtschaftssystem, sondern um ein neues Gesellschaftssystem, dessen Träger aber nicht – wie bei dem von ihm verehrten und viel zitierten Karl Marx – die Arbeiterklasse ist, sondern der einzelne, gebildete, Mensch. Mason gibt einen faszinierenden Abriss der Wirtschaftsgeschichte und der sie begleitenden Wirtschaftstheorien der westlichen Welt seit dem Mittelalter, in einer klaren, einfachen, und für ökonomische Laien verständlichen Sprache, er bedient sich kompetent der Kategorien der Ökonomie und verbindet Gesellschaftstheorie mit Mikro- und Makroökonomie, um seine Utopie zu erklären. Seine wichtigsten Kronzeugen sind der russische Ökonom Kondratieff („lange Wellen“) und Karl Marx, der in den „Grundrissen“ im „Maschinenfragment“ bereits die Utopie einer im Überfluss lebenden, Maschinen um (fast) Null Kosten erzeugenden Ökonomie entwirft, aber auch Keynes. Mithilfe der grundlegende Arbeitswertlehre, die auch Mason verwendet, erklärt Marx in diesem Fragment, dass durch Wissensanreicherung die notwendige Arbeit, die zur Reproduktion der Arbeiterklasse notwendig ist, gegen Null sinkt, wodurch es dann zum auch von Keynes erkannten „Problem“ kommt, wie denn die Bevölkerung mit der ihr zur Verfügung stehenden (Frei-)Zeit umgeht, wenn nur mehr sagen wir 6 Stunden pro Woche gearbeitet werden muss. Überfluss und Nicht-Notwendigkeit von Arbeit bilden den Kern dieser (marxistischen) Utopie. Die seit 40 Jahren in den USA, aber auch anderen Ländern stagnierenden Reallöhne sieht Mason als Beweis für diesen Trend an.

Darauf baut Mason seine Empirie auf und zeigt, dass gerade seit der Krise eine Vielzahl von genossenschaftlichen, peer-to-peer Produktionen entstanden ist, Tauschzirkel, crowd-Finanzierung, Parallelwährungen und andere Formen, in denen die alte Trennung zwischen Produzent und Konsument vermischt werden und – mithilfe neuer Kommunikationstechniken – Zeit und ihre Verfügbarkeit getauscht werden, anstatt Ware gegen Geld. Damit würde auf längere Frist – wenn sich die Informationsakkumulation in allen Produkten und Dienstleistungen durchsetzt – der hypertrophe Finanzierungssektor, der den Neoliberalismus der letzten 30 Jahre prägt, obsolet, wodurch ein ganz wichtiger Krisenfaktor wegfällt. Daneben ist auch die eklatant gewachsene Ungleichheit ein Symptom des sich zuende gesiegt habenden Neoliberalismus, ebenso wie die ökologische Katastrophe samt Klimawandel, genauso wie die demographische Zeitbombe, die Pensionssysteme und damit auch den politischen Zusammenhalt zerstört.

Mithilfe der alles durchdringenden Informationsinformation wird der Zusammenhang zwischen Arbeit und Lohn gelockert, wird Gratisproduktion möglich, die gleichzeitig auch kommerzielle Produktion zerstört. Als einleuchtendes Beispiel nennt Mason Wikipedia, welches auf der Gratisarbeit von Tausenden Beiträgern aufbaut, gratis verfügbar ist – und gleichzeitig kommerzielle Lexikon-Produktion unmöglich gemacht hat. In vielen anderen Bereichen sieht Mason ähnliche Tendenzen. Ihm geht es jetzt – politisch – darum, dass die vielen auf Gemeinschaftsarbeit, Open Source, Tauschzirkeln, und anderen von Netzwerken abhängigen Aktivitäten von Staat und Gesellschaft gefördert werden, damit sie auch gegen die Interessen jener, die vom Neoliberalismus und Status quo profitieren (und sich daher mit aller ökonomischen und politischen Macht gegen eine solche Änderung des „Systems“ stellen), durchgesetzt werden können. Die Beschränkung der Informationsmenge durch Monopolisierung und private Aneignung, etwa auch durch Patente, läßt die Gesellschaft nicht ihr Optimum erreichen, gehört daher eingeschränkt.

Mason meint, dass alle Versuche, Ökonomie und Gesellschaft durch Marktmechanismen zu verbessern (zB CO2-Steuern), nur unzureichende Feigenblätter darstellen. Daher redet er rechtlichen Beschränkungen, also den im heutigen Mainstream verpönten Nicht-Markt-Lösungen das Wort, sowohl aus Gründen der Effektivität als auch aus Gründen der Logik, da sich – wie oben ausgeführt – ein immer größerer Teil wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Aktivitäten außerhalb des Marktes (und damit des Preismechanismus) entfaltet und deshalb auch auf Preissignale kaum ansprechen würde.

Mason gelingt hier ein fortschrittliches Gegenkonzept, das nicht (marxistisch) mit einem großen Umbruch erreicht wird, sondern bereits Schritt für Schritt im Schoß des absterbenden neoliberalen Paradigmas gedeiht. Die Überwindung der Knappheit, der Ungleichheit, der ökologischen und demografischen Katastrophen – all das versucht Mason erreichbar zu machen. Einzig die Zeit verbleibt als knappes Gut.

 

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