Ja, derfen’s denn des (die Weltbank-Angestellten)?


Am 8. August hat die Standesvertretung der 15.000 Weltbank-Angestellten einen offenen Brief (staffassociation@worldbank.org) an die Mitglieder des 25 Personen umfassenden Executive Board (Verwaltungsrat) geschrieben, in welchem sie fordert, dass bei der in einem Jahr anstehenden Neuwahl des Weltbank-Präsidenten endlich der von den Gouverneuren bereits 2011 für die Wahl 2012 verlangte „offene, leistungsorientierte und transparente“ Such- und Auswahlprozess tatsächlich durchgeführt wird.

Tatsache ist, dass in der seit 70 Jahren bestehenden Weltbank (sie wurde gemeinsam mit dem Internationalen Währungsfonds 1944 in Bretton Woods gegründet) durchwegs US-amerikanische Männer zu Präsidenten bestimmt wurden (im Währungsfonds durchwegs Europäer, seit dem unrühmlichen vorzeitigen Abgang von Dominique Strauss-Kahn erstmals mit Christine Lagarde eine Frau). Skurril ist natürlich, dass die Gouverneure der Weltbank (meist die Finanzminister der 186 Mitgliedsländer) 2012 ihre eigene Forderung nur für den Suchprozess einhielten – da gab es eine exzellent ausgewiesene Gruppe von Bewerberinnen und Bewerbern auch aus Schwellen- und Entwicklungsländern – aber dann doch wieder einen zwar honorigen, aber den Anforderungen einer riesigen Entwicklungsorganisation nicht gewachsenen US-Amerikaner bestellten.

Seither ist die Unruhe in der Bank groß. Präsident Kim hat einen noch immer nicht abgeschlossenen tiefgreifenden Umstrukturierungsprozess eingeleitet, der zum Abgang unzähliger hoher und mittlerer Managerinnen und ExpertInnen führte und im „Rest“ der Belegschaft Unsicherheit und große Unruhe erzeugt hat. Die jährliche Umfrage in der Belegschaft über ihre Zufriedenheit mit der Bank, ihrer Mission und dem Top-Management zeigt, wie der Offene Brief ausführt, großes Engagement der Belegschaft, jedoch weiß nur weniger als ein Drittel, wohin das Management die Bank führt. Und noch weniger Personen meinen, dass die Führung der Bank eine Kultur der Offenheit und des Vertrauens lebt.

In diesem Sinne verlangt die Belegschaftsvertretung für die Neuwahl ein klares Anforderungsprofil, einen internationalen, transparenten Suchprozess, der von einem glaubwürdigen Suchkomitee geleitet wird, sowie einen transparenten Interview- und Auswahlprozess.

Innerhalb der Weltbank kommt dies einer Sensation gleich: die Belegschaftsvertretung hat keine verbrieften Mitwirkungsrechte bei der Präsidentenwahl, und kann auch bei vielen relevanten inhaltlichen und personellen Entscheidungen nicht mitreden. Sie wird nur in Gehaltsfragen und in Fragen der Arbeitsbedingungen, etc. konsultiert. Dass sie bereits zum jetzigen Zeitpunkt sich so exponiert, zeigt den hohen Grad der Unzufriedenheit mit dem amtierenden Präsidenten, und noch mehr mit den Eigentümern der Bank, die ja letztendlich den Präsidenten, die Präsidentin wählen. Die Belegschaftsvertretung verlangt nicht mehr und nicht weniger, als dass die Bankorgane bei der Wahl des Top-Management dieselben Kriterien anlegen, die die Weltbank von ihren Mitgliedsländern bei der Vergabe von Krediten verlangt: gute Führung, Transparenz, Diversität, internationaler Wettbewerb und qualifikationsbestimmte Selektion.

Es sind ja nicht „nur“ die Anliegen der Belegschaft, die eine solche scheinbare Selbstverständlichkeit verlangen: die Schwellen- und Entwicklungsländer fordern schon seit vielen Jahren eine Änderung der Stimmgewichte in der Bank (und im IMF), damit eine stärkere Vertretung im Verwaltungsrat mit Mitgliedern aus Entwicklungs- und Schwellenländern, und damit auch mehr Einfluss auf die Richtung und Gebarung dieser wichtigen weltweiten Institutionen (IMF und Weltbank). Die USA und Europa, bzw. die OECD-Länder halten in diesen Institutionen die überwiegende Mehrheit der Stimmgewichte, und weigern sich, dieser sinnvollen Forderung nachzugeben. Nach langjährigen Verhandlungen ist das Stimmgewicht Chinas im IMF nunmehr auf heiße 6.1%, in der Weltbank auf 4.6% (von 2.8%) angehoben worden. In beiden Institutionen verfügen die USA über ein über 15% hinausgehendes Stimmgewicht, können somit alle wichtigen, mit qualifizierter Mehrheit (85%) abzustimmenden Angelegenheiten blockieren. Wichtige Schwellenländer haben kürzlich auf diesen Ausschluss von wichtigen Entscheidungen durch die Gründung der New Development Bank (BRICS Bank, Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) reagiert, sowie China durch die Gründung der Asian Infrastructure Investment Bank (AIIB), wo diese Länder große Finanzmittel einsetzen und vor allem „ihre eigenen Regeln“ machen wollen. Sind diese (und andere) Gründungen erfolgreich, zerfällt das notwendige Ideal einer einheitlichen globalen Wirtschafts-Governance weiter in viele Fragmente. In einer Zeit der großen politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten eine fatale Entwicklung.

Die Schwächung der Weltbank unter dem derzeitigen Top-Management (kürzlich wurden auch die sozialen und Umweltauflagen für Weltbankkredite reduziert) ist nicht nur ein internes Problem dieser Institution. Für an die Bedeutung von international breit akzeptierten Institutionen als Garanten für gedeihliche Entwicklung der Weltwirtschaft glaubende Menschen muss der Brief der Belegschaftsvertretung ein Alarmzeichen darstellen. Es ist zu hoffen, dass sich der österreichische Gouverneur der Weltbank, der Finanzminister, spätestens bei der nächsten Weltbanktagung im Herbst (und schon vorher im Verein mit gleichgesinnten europäischen Finanzministern) positiv zum Anliegen der Weltbank-Angestellten äußert. Es geht um die Glaubwürdigkeit und Akzeptanz einer globalen Institution.

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2 Comments

Filed under Global Governance, Socio-Economic Development

2 responses to “Ja, derfen’s denn des (die Weltbank-Angestellten)?

  1. Dr. Peter Neumann

    Lieber Kurt.
    Du hast die Lage genau beschrieben und ich kann auch deine Vorstellungen einer transparenten Vorgangsweise unter Beachtung von Wahlkriterien, welche die höchsten Kvalifikationen fordern, nachvollziehen. Leider muss man die Möglichkeit einer solchen wünschenswerten Zustand bezweifeln.
    Die Vertreter der stimmberechtigten Mitgliedsländer haben erfahrungsgemäss reine politische Interessen prioritiziert. Ersichtlich ist das aus den langjährigen und anhaltenden Wiederstand gegen eine Nachjustierung der Stimmgewichtige, wodurch die sich schnell entwickelnden Länder wie China, Indien und Brasilien einen verstärkten Einfluss erzielen würden – auf Kosten der Europäischen Mitgliedern sowie der USA. Will man eine global geleitete Weltbank, hätte eine solche Umverteilung der Stimmgewichte längst realisiert werden sollen in Anbetracht der geänderten relativen Grössen der Volkswirtschaften.
    Das Ziel den best kvalifizierten Kandidaten zu wählen hat nicht die höchste Priorität.
    Dasselbe gilt allgemein für andere internationale Organisationen auch.

    • Lieber Peter, Du hast wahrscheinlich recht in Deiner sehr “realpolitischen” Einschätzung der Realitäten. Wie es in der Vergangenheit gelaufen ist, habe ich ja auch mehrfach beschrieben. Dennoch meine ich, dass es meine Aufgabe ist, die österreichischen Authorities in eine Diskussion zu verwickeln, was diese Entwicklung für eine globale Ordnung bedeuten kann.

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