Herbstkultur in Wien


Hamlet

Im Wohnzimmer mit alles überschreiender Blümchentapete spielt sich Anno Schreiers Theater an der Wien-Auftragswerk Hamlet ab. Mit fulminanter Musik, die kein Spannungselement ausläßt, geht hier die Entlarvung einer dysfunktionalen Familie ab. Shakespeare würde diese klamaukige, aber auch ernsthafte Familiengeschichte lieben, ebenso wie das Publikum es tut. Es geht nicht um die gesamte Hamlet-Geschichte, sondern „nur“ um die Darstellung der Familienzerfleischung. Der tote Vater kommentiert als Sprechrolle das Geschehen, die aufgesexte Mutter, deren Gier vor nichts Halt macht, der zögerliche Hamlet und die hurenhafte Ophelia wirbeln mit dem mörderischen Claudius über die Bühne. Ein Pastor (nicht von Shakespeare) spielt Geilspecht wie Vermittler. Die Sprache ist vielleicht etwas zu flapsig-(reichs)deutsch, gibt aber dem Ganzen einen psychotherapeutischen Charakter. Sängerische Großleistungen von Theresa Kronthaler (Ophelia), Jochen Kowalski als Geist/Teufel, Marlis Petersen (Gertrud) und Bo Skovhus (Claudius), sowie Kurt Streit (Pastor) passen vorzüglich zum exzellenten Schönberg-Chor, der hier die Rolle eines griechischen Chors als Kommentator und Warner einnimmt. Andre Schuen als Hamlet weist sich im modernen Ambiente als Shakespearscher Zweifler und Zauderer, aber auch als Narzist aus. Großartig wie die Musik das Orchester.

Falstaff

Der im heutigen Wien zu Unrecht als Vergifter Mozarts und musikalisch schwachbrüstig denunzierte Antonio Salieri hätte diese hoch originelle Inszenierung seines Falstaff hoffentlich geliebt. Herein tänzeln Stan und Olli, letzterer wird Falstaff, ersterer Bardolf als Diener und Intrigant des und gegen ersteren. Die ganze heutige britische Königsfamilie tritt auf, die Queen mit Handtasche, immer gefolgt von Prinz Philipp, Charles und seiner Camilla, Kate und Harry, wobei die Damen Ms. Ford und Ms. Slender von Falstaff in unsäglicher Manier (auch das passt ins Brexit-England) proponiert werden. Mr. Ford kommt in James Bond-Manier und rast wie Graf Almaviva, Ehebruch vermutend. Das Ganze wirkt nie künstlich, sondern passt hervorragend. Die Ausstatter verwenden auch noch einen mit Plastikkugeln gefüllten Pool, in den die Protagonisten geworfen werden, sich stürzen, und suhlen – ein besonders attraktiver Gag. Salieris Musik (Dirigent Rene Jacobs) klingt anfangs etwas blechern, wird aber von Jacobs in ganz lichte Höhen getrieben. Der Schönberg-Chor singt nicht nur exzellent, sondern ist die gesamte Zeit voll mitspielend in die Handlung eingebunden und bringt der gesamten Inszenierung eine unheimliche Dynamik dar, die nur anfangs etwas aufgesetzt wirkt. Exzellente Sängerleistungen werden von Anett Fritsch als lebensnahes Kate-Double (Mrs. Ford) und als vom Wiesenfest kommende „Tedesca“ in Lederhosen vollbracht, ebenso wie vom hervorragenden Christoph Pohl (Falstaff), der die Lüsternheit und Olli’sche Schlauheit immer wieder büßen muss und zuletzt sogar – wie im Zirkus – als Rache zersägt wird. Sein Alter Ego Bardolfo wird von Thomas Gleadow mit tollem körperlichem und stimmlichen Einsatz gegeben. Auch die anderen SängerInnen passen sich dieser hervorragenden, Shakespeare relativ treu bleibenden Aufführung an. Die Akademie für Alte Musik aus Berlin zeigt mit Jacobs, dass Salieri mehr als ein Usurpator der von Mozart gewünschten Position war. Diese Inszenierung ist jedenfalls ein Glücksfall.

Beethoven/Schostakowitsch

Ein bemerkenswerter Abend im Konzerthaus: das Tokyo Symphony Orchestra unter der eleganten Leitung von Jonathan Nott spielte das Beethoven Violinkonzert D-Dur zwar, wie offenbar heute immer üblicher, sehr laut, vor allem in den reinen Orchesterpassagen, übertönte aber nie die sehr bestimmte und fantastische Pianissimi hervorzaubernde Isabelle Faust. Das Orchester war sehr präzise und technisch unerhört versiert. Der auswendig dirigierende Nott (eine Sonderleistung vor allem beim zweiten Stück) holte auch viel an Musikalität aus dem Ensemble heraus, er dirigierte einige Anfangspassagen eher langsam, forcierte aber in den dynamischeren Passagen das Tempo. Faust spielte eine eher ungewöhnliche Kadenz, im Duo mit dem Pauker, sehr eindrucksvoll.

Das Highlight war aber zweifellos der Schostakowitsch (10. Symphonie), der die ganze Meisterschaft des Komponisten für Variabilität (Tempowechsel, Dynamik- und Lautstärkenwechsel, Bukolik und stampfende Militärrhythmen und was es da alles noch gibt) brillant dargeboten aufzeigte. Vor allem die rasenden und stampfenden Rhythmen im 2. und 4. Satz beeindruckten ungeheuer. Da kam auch das technisch brillante Orchester zum Tragen, sodass der ganze Goldene Saal des Musikvereins vibrierte: die einzelnen Bläsersoli (Klarinette, Flöte, Oboe, Horn, Trompeten, Posaunen), die sich zerspragelnden Geiger brachten ein furioses Klangerlebnis, hinter dem die vielen lyrischen Passagen etwas zurückblieben.

Händels Alcina

Eine Barockoper in der Wiener Staatsoper ist ein Risiko wegen des riesigen Zuschauerraums. Aber die Musiciens du Louvre unter Marc Minkowski meisterten dies bravourös. Die Inszenierung strotzt vor Einfällen: Adrian Noble zieht die Oper als Spiel im Spiel auf, wodurch sich immer eine ganze Reihe von Personen auf der Bühne – zusätzlich zu den Sängern – befinden, die immer wieder Sessel für die Protagonisten bereitstellen, sich antrinken und sonst aber unauffällig verhalten; der Regisseur des Barockspiels sitzt auf der Bühne, immer wieder erscheinen einige Musiker aus dem Orchestergraben ebenfalls auf der Bühne und begleiten die Arien. Hinter dem Barockpalastambiente eröffnet sich eine endlose Wiese mit hohem Gras – die Insel. Einige Tanzeinlagen verkürzen die langen Zwischenspiele und bringen etwas Leben in die sonst so statische Barock-Bude.

Obwohl die Geschichte von Verzauberung, Liebe, Leidenschaft und sexueller Ausbeutung genügend verwirrenden Stoff bildet, der durch die üblichen Verkleidungen Frau/Mann noch verwirrender wird, gibt es kaum Action: es geht vielmehr um Gefühle, um tiefe Gefühle, die endlos vorgebracht werden: jeder Gefühlsausbruch mindestens mit fünf textlichen Wiederholungen, aber äußerst spannenden Musikvariationen. Unter dem sehr guten Sängerensemble stechen besonders Chen Reiss als Morgana und Myrto Papatanasiu als Alcina hervor, ebenso Rachel Frenkel als Ruggiero. Ganz erstaunlich der kleine Tölzer Sängerknabe als Oberto, der drei lange Arien inklusive Koloraturen zu bewältigen hat. Minkowski hat seine Musiciens voll im Griff – wahrscheinlich klängen sie im Theater an der Wien noch besser, aber das Publikum war jedenfalls auch in der Staatsoper zu Recht begeistert.

Woody Sez

im Vienna English Theater brachte eine äußerst vergnügliche und komptente Revue des Lebens und vieler Lieder von Woody Guthrie. Das Viererensemble sang und spielte die Lebensstationen Woodys, seine tragische Lebensgeschichte und sein noch tragischeres Ende, seinen Kampf für die Arbeiter und Bauern während des Dustbowl-Zeit, als eine mehrjährige Dürre im Südosten der USA Hunderttausende auf einen fürchterlichen Treck Richtung Kalifornien auf der Suche nach Arbeit und einem (besseren) Leben schickte(exzellent erzählt in John Steinbecks Grabes of Wrath). Zumindest bei „this land is your land, this land is my land, from California tot he New York Island“ sang ein Großteil des Publikums mit.

Schade: die in den Medien hochgelobte „Untergangsrevue“ Alles Walzer, alles brennt von Christine Eder im Volkstheater entpuppt sich als allzu hastiger Streifzug über ein absolut Interesse heischendes Thema, nämlich die Entstehung des „Roten Wien“ seit dem Bauboom und Ausnahmezustand 1886 bis zum Bürgerkrie 1934. Die Grundidee, dies anhand der Biographien der großen Adelheid Popp, der „roten Erzherzogin“ und Enkelin des Kaisers Elisabeth, und von Viktor Adler, dem Gründervater der österreichischen Sozialdemokratie zu erzählen ist gut. Ebenso, das Ganze musikalisch mit Musik von Eva Jantschitsch, alias Gustav, zu untermalen. Aber die Ausführung bleibt schal: zwar werden in atemloser Reihenfolge das Elend der Ziegelböhm, der Aufstieg der Arbeiterschaft gegen äußerst widrige, weil militärisch-autoritäre Widerstände, die Erkämpfung des allgemeinen und dann des Frauenwahlrechts, die Liebschaften der Erzherzogin und ihre Hinwendung zum Sozialismus, die Herrschaft des Mini-Napoleons, des austrofaschistischen Engelbert Dollfuss, teilweise sogar witzig erzählt, doch bleibt das Ganze flach, zusammenhanglos und lässt diesen Zuschauer etwas nostalgisch zurück: wie eindrucksvoll war 1977 die Proletenpassion von Heinz R. Unger und den Schmetterlingen, sowohl inhaltlich als auch musikalisch gelungen. Alles Walzer, alles brennt fühlt sich wie ein schwacher Abklatsch an. Dennoch: einige Nummern von Gustav, von ihr selbst vorgebracht, sind gut, aber es gibt kein durchgängiges Musikkonzept: da wird zu viel zitiert, die Musik bleibt blass. Qualtinger hat „Was dem Wiener ins Gmiat geht“ („a obgschöte Brunwurscht, des Gschbeiblert vor der Stehweinhalle“, etc. deutlich lakonischer und wortverständlicher gebracht als die bemühte Steffi Krautz. Alles in allem eine vergebene Chance, politisches Infotainment zu betreiben. Dennoch: das Publikum, offenbar nicht mit links-alternativem Hintergrund wie der Schreiber, brachte mindestens 10 Verneigungen des sehr bemühten Ensembles und der Musiker mit seinem Applaus vor den Vorhang.

Christoph Willibald Gluck: Armide

Kaum gespielt, eigentlich schade, denn das ist eine Oper mit packender Musik, exzellentem Libretto und grandiosem Liebesdrama als Wettstreit zwischen Liebe und „Ruhm“ (am Schlachtfeld). Die Story spielt während der Kreuzzüge im Heiligen Land und dort wird, wie bekannt, wüst gekämpft und massakriert (auch damals schon). Die Prinzessen Armide, die so schön ist, dass alle „Helden“ sie begehren, weist alle ab und läßt sie hinrichten. Nur einer, der Kreuzritter Renaud, ist ihren Reizen bisher nicht erlegen. Dieser, aus Kreuzzug-internen Gründen vom weiteren Mitmachen verbannt, macht sich auf, die formidable Armide, bisher unbesiegt sowohl als Frau als auch als Feldherrin, zu besiegen. Es stellt sich heraus, dass die Attraktivität Armides auf einem Zauber beruht. Sie benutzt diesen, um die Gefährten Renauds, und letztlich auch ihn, in die Arme ihrer daheim zurückgelassenen Geliebten und Kinder sinken zu lassen – offenbar um sie von ihrem Feldzug gegen Armide abzubringen. In innigem Gesang und Lieben möchten sich die Helden ihren Frauen hingeben – diese werden jedoch jäh als Illusion entlarvt und verschwinden. Armide entdeckt selbst die Liebe und verbringt mit Renaud (in Feinripp-Unterhose, ohne Eingriff) wundervolle Liebesstunden. Doch dann taucht der personifizierte Hass auf und versucht, zuerst erfolgreich, Armide ihr wahres Ziel nahezubringen, nämlich Renaud und damit die Kreuzritter zu vernichten. A. ist hin- und hergerissen, wird jedoch einer Entscheidung enthoben, da sich Renaud und Gefährten doch entschließen, sich männlich dem Ruhm statt der Liebe zu widmen.

Gluck setzt diese Liebesgeschichte, und den Konflikt beider zwischen Ruhm (Pflicht) und Liebe, dramatisch in Musik um, sodaß die drei Stunden in der Staatsoper wie im Flug vergehen. Marc Minkowski mit seinen Musiciens du Louvre bringt Dramatik pur, und die grandiose Gaelle Arquez als Armide singt und spielt sensationell: die Stimmungswechsel als grausame Henkerin und hingebungsvolle Geliebte, ihre Selbstzweifel singt sie mit Inbrunst und wunderschöner Stimmme, die alles vom gehauchten pianissimo bis zum kraftvollen fortissimo makellos meistert. Ihr Renaud (Stanislas de Barbeyrac) ist nicht ganz ebenbürtig, dennoch äußerst überzeugend. Hervorzuheben ist noch Margaret Plummer als Hass, die die Gemüter (und Armide) aufpeitscht. Auch die anderen Partien sind hervorragend besetzt. Die inszenierung ist glaubhaft, in einem sich in seinen Teilen drehenden Käfigturm, einzig die ständigen Garderobenwechsel, wobei die Umhänge an Peek&Kloppenburg-Kleiderständern herein- und hinausgerollt werden, sind erklärungsbedürftig, ebenso wie die Gewänder der Hofdamen (?) Armides, die aussehen wie altchinesische Mandarinen-Mäntel, oder aus japanischen Samurai-filmen bekannte weitärmelige Roben.

Verdienter langer Applaus für alle. Minkowski und seine Musiciens, als Lückenbüßer für das in Japan befindliche Staatsopernorchester eingesetzt, sind viel mehr als das.

Schatten (Eurydike sagt),

Elfriede Jelineks Uminterpretation der Orpheus-Sage im F23, einer verlassenen Fabrik im Wiener Niemandsland in der Regie von Sabine Mitterecker. Die Halle war kalt, die drei Eurydiken (Sarah Sanders, Christina Scherrer, Alexandra Sommerfeld) spielten exzellent, bzw. deklamierten sie ihren Text. Die Wortspielchen Jelineks wirken auf mich altbacken, auch wenn sie clever sind. Gut ist die Idee, das Ganze aus der Sichtweise Eurydikes zu betrachten, die in dieser Version froh ist, ihren frivolen Sängerknaben, der sich in der Hysterie der Groupies, die „alle ihre Körperöffnungen ihm öffnen“ suhlt, los zu sein und sich wehrt, von ihm wieder auf die Erde geholt zu werden. Gut auch die Sichtweise, dass der Verlust des Orpheus die Debatte bestimmt, aber der Verlust der VonUnsGegangenen ignoriert wird. Altbacken die Geisselung der Kleider-Kaufsucht der E., gut jedoch die Idee, dass Kleider nicht nur zur Behübschung des Körpers dienen, sondern dass man sich in ihnen auch vor der Öffentlichkeit verstecken kann. Sehr viel mehr konnte ich dieser Version nicht entnehmen – und trauerte jener Version im Akademietheater vor wenigen Jahren nach, in welcher der grandiose Nikolaus Habjan die damals sieben Eurydiken mit einer Jelinek-Puppe begleitete, die dem Ganzen skeptisch zusah.

Trümmerfrauen, Bombenstimmung im Grazer Schauspielhaus, vom Tausendsassa Sandy Lopicic, der auch Regie führte, mehrere Instrumente und auch schauspielte, stellte sich als dynamische Revue heraus, mit der Hauptrichtung Anti-Kriegsstimmung zu verbreiten. Im Vorspann spricht eine Putzfrau (Margarethe Tiesel) mit sich und dem Publikum über Kriegs- und Nachkriegs-Kochrezepte (wie man Eichelkaffee macht, wie man verschimmeltes Brot wieder genießbar macht, sie man den fehlenden Sauerrahm durch Milch, Essig ersetzt, etc.), geht immer wieder schauen, wann denn der Inspizient die Vorstellung beginnen lässt – verbreitet also wohlig-nostalgische Stimmung. Dann kommen die fünf Musiker und vier SchauspielerInnen auf die Bühne, allesamt in Kriegs-Nachkriegskleidern und beginnen mit einem Hubert von Goisern Lied, setzen, einzelne Szenen spielend, mit Brecht/Weill, Biermann, Sting, Heintje, Georg Kreisler bis Grönemeyer fort, und bieten, zusammen mit den Schauspielern einen fulminanten Szenenreigen mit Abschied des Soldaten in den Krieg, mit den sexuellen Nöten der daheimgebliebenen Frauen, mit den Übergriffen der Soldaten, mit den Zerstörungen, aber auch mit der Hoffnung auf ein besseres Leben. Die einzelnen Szenen, die Wahl der Musikinstrumente, von traditionellen bis zu Kochlöffeln, von um eine Lampe arrangierten Hupen bis zu Windrädern, die Gesangseinlagen, all das ergab einen äußerst vergnüglichen Abend, der vielleicht dem Thema „Trümmerfrauen“ weniger gerecht wurde als dem Thema „Bombenstimmung“.

Im Hamakom-Theater am Nestroyplatz spielt Robert Schindels „Dunkelstein“, ein Drama, das sich um die unterschiedlichen Meinungen der jüdischen „Gemeinde“ vor dem Anschluß dreht und durch diese Uneinheitlichkeit auch explizit die These widerlegt, die jüdische Gemeinde hätte sich sogar mit Waffengewalt gegen die Übergriffe der Nazis, auch gegen den Holocaust wehren können. Diese Gemeinde gibt es nicht, zeigt Schindel auf, es gibt Assimilierte, die sich auf ihren Kriegsdienst in der KuK-Armee berufen, es gibt die bürgerlichen, es gibt Zionisten, es gibt Kommunisten: deren Meinungen zueinander sind ähnlich divergent wie gegenüber der „arischen“ Bevölkerung. Der Hauptteil des Dramas erinnert aber an den Rabbiner Benjamin Murmelstein, der zum Leiter der „Auswanderungsstelle“ wurde, in Kooperation mit den Nazis, die Wien „judenfrei“ machen wollten. In dieser Funktion wurde Murmelstein zur Kooperation, aber nicht Kollaboration gezwungen – und war so, trotz vieler Anfeindungen auch von Seiten der Juden dafür verantwortlich, dass von 180.000 Wiener Juden 120.000 emigrieren konnten, bevor die Deportationen einsetzten. Murmelstein/Dunkelstein mußte allerdings auch diese organisieren – und damit auch Menschen „selektieren“. Das moralische Dilemma des Rabbiners, mit den Nazis zu kooperieren und ihnen dabei (auch) seine Kriterien für Hilfe zu oktroyieren, womit er einige zum sicheren Tod verurteilte, damit andere überleben konnten, wird von Michael Gruner in dieser sehr einfachen, aber sehr wirkungsvollen Inszenierung von Frederic Lion, ganz überzeugend dargestellt. Noch ärger wird sein Dilemma, als D. selbst nach Theresienstadt deportiert und dort zum letzten „Judenältesten“, zum „Führer der Juden“ eingesetzt wird. Auch dort muss er bei Selektionen mithelfen, hat aber, im Gegensatz zum frühen Wien, keine Möglichkeit, Ausreisen zu erwirken. Judenräte waren auch nach Kriegsende verachtet als Nazi-Kollaborateure, was auch Murmelstein zu fühlen bekam. Schindel gelingt es aber, ohne zu werten, ganz exzellent, das moralische, aber auch taktisch/strategische Dilemma eines Mannes zu zeigen, der in einem mörderischen System Entscheidungsgewalt über Leben und Tod bekommt, und dafür mindestens so viel Schmähungen und Verachtung erhält wie Hochachtung. Auch die anderen Charaktere, die in den vielen kleinen Szenen gezeigt werden, sind bestens in der Lage, ein Schlaglicht auf diese fürchterliche Zeit und vor allem deren Menschen zu werfen. Exzellent mit musikalischen Einlagen („Wien, Wien nur Du allein…“) versehen, freut sich der heutige Besucher – trotz des vermittelten Entsetzens – in einer ruhigeren, wenn auch bedrohlichen Zeit zu leben. Übrigens: Schindel selbst wurde als Säugling von Murmelstein am Leben erhalten: der Großteil seiner Familie kam im Holocaust um.

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