ENTWICKLUNG FÄNGT ZUHAUSE


(leicht verändert in der Wiener Zeitung am 6.2.2017 veröffentlicht)

Die interessante Diskussion anlässlich der Präsentation des Buches „Entwicklungspolitik 2030: Auf dem Weg zur Nachhaltigkeit“, Herausgeber Kurt Bayer und Irene Giner-Reichl, Manz 2017 im Forum Finanz am 25.1.2017 brachte ziemlich einheitlich Kritik am herrschenden Mainstream zur Entwicklungspolitik. Und zwar in die Richtung, dass es bei Entwicklungspolitik nicht um etwas „Externes“ geht, das wir aus den reichen Ländern denen aus den armen Ländern zugedeihen lassen, sondern dass erfolgreiche Entwicklungspolitik alles Bürgerinnen und Bürger gemeinsam umfassen muss. Diese, in den im Jahr 2015 von allen UNO-Mitgliedern beschlossenen siebzehn „Nachhaltigkeitszielen“ verewigte Zielsetzung sei vor allem in Österreich, aber auch anderen Industrieländern, noch nicht angekommen. Alle drei Redner am Podium vertraten diese Ansicht: Franz Fischler, der ehemalige EU-Kommissar, jetzt Präsident des Europäischen Forum Alpbach und des Instituts für Höhere Studien, sprach über Hungerbekämpfung als Ziel und darüber, wie „unsere“ Art der Ernährung den Hunger in den armen Ländern mit hervorrufe. Er wies darauf hin, dass die Bekämpfung des Übergewichts bei 2 Milliarden Weltbürgern deutlich mehr Kosten verursacht als dies die erfolgreiche Bekämpfung des Hungers erfordern würde. Ulrich Brand, Politologe in Wien, brandmarkte den „imperialen“ Lebensstil der reichen Länder, der sowohl Bodenschätze als auch Umweltressourcen des Planeten im Übermaß beansprucht, und damit neo-koloniale Verhältnisse schaffe. Und Irmgard Kirchner von der Entwicklungszeitschrift „Südwind“ forderte Bewusstseinsbildung in zu einem „Weltbewusstsein“ ein, welches die Auswirkungen unserer Lebens- und Verhaltensweisen auf den Rest der Welt mit berücksichtigen müsse, wenn ein friedliches Miteinander sichergestellt werden solle. Klar ist allen Rednern, dass nur Aufrufe zur Gutwilligkeit nicht genügen, sondern dass die Durchsetzung neuer nachhaltigerer Lebensweisen stark verankerte „vested interests“ bekämpfen müssen, die äußerst politikmächtig am Status Quo festhalten.

Mit diesen, auch vom sehr zahlreichen Publikum vertretenen Erweiterungen gingen die RednerInnen über den vom Buch gesteckten Rahmen hinaus, der sich in 15 Kapiteln mit den neuen Rahmenbedingungen seit 2015 beschäftigen, gegeben durch die Vereinbarungen über neue Finanzierungsmodalitäten, die Nachhaltigkeitsziele und die Klimaziele. Inwieweit es in Zukunft möglich sein wird, in diesem Sinne neue globale Regeln aufzustellen und in ihrer Durchführung verbindlich zu machen, wird nach den kürzlichen Ereignissen (Äußerungen des Präsidenten Trump, Rückzug der Amerikaner aus internationaler Verantwortung, Schwächung der EU durch Brexit, neue weltpolitische Rolle Russlands, versuchte Übernahme des Globalisierungsbanners durch China, und andere) skeptisch beurteilt. Regional bestimmte Abgrenzung von Interessensphären, Zersplitterung der seit dem Ende des 2. Weltkriegs bestehenden Nachkriegs“ordnung“, unterschiedliche Koalitionenbildungen und (noch) geringere Schnittmengen gemeinsamer Interessen scheinen eher wahrscheinlich. Arme und kleine Entwicklungsländer, stark bedroht vom Klimawandel, werden die Erstbetroffenen sein.

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Filed under Global Governance, Socio-Economic Development, Uncategorized

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