Eine Vergebene Chance


Am 19.6.2017 stellte Grame Maxton, Generalsekretär des Club of Rome seinen neuen, zusammen mit Jorgen Randers verfassten, Bericht an den Club of Rome „Ein Prozent ist genug. Mit wenig Wachstum soziale Ungleichheit, Arbeitslosigkeit und Klimawandel bekämpfen“ in der Österreichischen Nationalbank vor. Gemeinsam mit Sonja Puntscher-Riekmann von der Universität Salzburg war ich als Diskussionsredner geladen.

Maxton stellte in seinem Vortrag weniger sein Buch als die gesamte Entwicklung der Umweltsituation seit dem grundlegenden CoR-Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ 1972 vor, präsentierte erschreckende Ergebnisse über Eisschmelze, Permafrost-Auftau und andere Umwelt- und klimaschädliche Entwicklungen und brachte die Meinung der ganz überwiegenden Wissenschafter der Welt mit viel Information zum Ausdruck, dass das in Paris vereinbarte Klimaziel, die Temperatur maximal um 2 Grad ansteigen zu lassen zum beeindruckenden Ausdruck.

In seinem Buch macht er „marktradikales Denken“ für die gravierende Lage bei Umwelt und Sozialem verantwortlich und stellt 13 einzelne Vorschläge zur Bekämpfung der Situation vor. Da sich die Mehrzahl der Diskussionen auf diese Vorschläge konzentrierte, seien sie hier ganz kurz angeführt (S.150):

1. Verkürzung der Jahresarbeitszeit

2. Anhebung des Renteneintrittsalters

3. Neudefinition des Begriffs „bezahlte Arbeit“ (um häusliche Pflege zu inkludieren)

4. Erhöhung des Arbeitslosengeldes

5. Erhöhung der Steuern von Unternehmen und Reichen

6. Verstärkter Einsatz grüner Konjunkturpakete

7. Besteuerung fossiler Brennstoffe und faire Verteilung der Erlöse auf alle Bürger

8. Verlagerung von der Einkommensbesteuerung auf die Besteuerung von Emissionen und Rohstoffverbrauch

9. Erhöhung der Erbschaftssteuern

10. Förderung gewerkschaftlicher Organisationen

11. Beschränkung des Außenhandels

12. Förderung kleiner Familien (Geburtenkontrolle)

13. Einführung eines existenzsichernden Grundeinkommens für diejenigen, die es am dringendsten brauchen.

Ohne auf alle einzelnen Maßnahmen einzugehen, brachte ich folgende Punkte vor.

1. Es ist gut, dass es dieses Buch gibt, da es wieder einmal auf die gravierende Situation der sozialen Lage und der Umweltsituation eingeht. Da es sehr einfach geschrieben ist, kann es weite Verbreitung – auch unter Laien – finden.

2. Kritisch ist anzumerken, dass es keine „Vision“ gibt, wie wir künftig „nachhaltig“ leben sollen. Eigentlich will das Buch, welches sich primär auf die reichen OECD-Länder bezieht, nur weniger vom Gleichen, aber keinen grundlegend anderen Lebensstil. Weder wird anderes Mobilitätsverhalten angesprochen, noch etwa hauptsächlich fleischlose Ernährung (wegen des Landverbrauchs und der Methanbelastung) noch andere Raumordnung, etc. Ob wir unseren „imperialen Lebensstil“ (Ulrich Brand) so weiterleben können und sollen, der auf der Ausbeutung von Mensch und Umwelt beruht, wird nicht angesprochen, nur das „marktradikale Denken“. Letztlich bleibt im Buch das bestehende Wirtschaftssystem aufrecht.

3. Es erstaunt, dass in einem Bericht an den Club of Rome die Vorschläge sich überwiegend auf den sozialen Sektor beziehen, und nur 3 von 13 konkret auf die Umweltsituation.

4. Während ich (fast) alle der 13 Vorschläge, jeden für sich selbst, sinnvoll finde, stehen diese unabhängig nebeneinander. Es gibt keine Gesamtschau der Effekte, keine Konsistenz, ja einige widersprechen einander diametral – so etwa die Arbeitszeitverkürzung und die Anhebung des Pensionsantrittsalters, oder es werden grüne Konjunkturpakete gefordert, was das Wachstum ankurbelt – wie ist das mit dem 1%-Ziel vereinbar?

5. Abstrus erscheint mir der Vorschlag, in der reichen Welt jeder 50-jährigen Frau, die maximal ein Kind geboren hat, 80.000€ zu geben. Erstens schrumpft in der reichen Welt fast überall die Bevölkerung, dort ist also das Bevölkerungswachstum nicht das Problem, zweitens ist vollkommen unklar, wie das gegenfinanziert werden soll – wie auch bei den anderen Vorschlägen.

Insgesamt stellen sich die Vorschläge als Mischmasch aus im einzelnen möglicherweise sinnvollen Maßnahmen heraus, von denen viele Steuergeld kosten (Arbeitslosengeld, Konjunkturpakete, Geburtenkontrolle, Grundeinkommen), deren Gesamtwirkung auf Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft vollkommen im Nebel bleiben. Wachstumssteigerung, Wachstumsabschwächung, Schuldenabbau, höhere oder niedrigere Arbeitslosigkeit, mehr oder weniger Umweltbelastung – alles ist möglich.

Und letztlich werden die Maßnahmen als „sinnvoll“ dargestellt und suggeriert, dass sie mit Überzeugungsarbeit „leicht“ durchgesetzt werden können. Ich meine dagegen, dass wirklich nachhaltiges Wirtschaften eine tiefgreifende Transformation des Gesellschafts- und Wirtschaftssystems benötigt, die auf massive Interessenkonflikte und Verteidigung von „vested interests“ stoßen wird, auf die die Proponenten sich einstellen müssen. Jene Interessen, die die derzeitige Misere herbeigeführt haben und davon profitieren, werden diese Positionen nicht durch Überzeugungsarbeit aufgeben. Das sehen wir tagtäglich.

Ich stimme allerdings mit dem Schlusswort des Autors überein, dass sofortiges Handeln nötig ist und daher auch kleine Schritte gegangen werden müssen. Mittel- bis langfristig allerdings wird es gewaltige Dynamik und politischen Druck der Bevölkerung brauchen, um die Klima- und Sozialkatastrophe abzuwenden.

=>>Randers/Maxton: Ein Prozent ist genug. oekom-Verlag

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Filed under Crisis Response, Life, Socio-Economic Development

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  1. Pingback: Ein Prozent ist genug! - Club of Rome - Austrian Chapter

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