Noch mehr Kultur Ende 2017


Daniel Kehlmanns hochgelobter neuer Roman Tyll hiterläßt einen zwiespältigen Eindruck. Beeindruckend ist die sehr einfache Sprache, die in kurzen Sätzen auf mehreren Ebenen vom 30-jährigen Krieg erzählt, vom durch das Land vazierenden Narren und Gaukler Tyll Ulenspiegel, von den vergeblichen Mühen Elizabeth Stuarts, des böhmischen Winterkönigs Frau, ihren Status zu erhalten, von der Inquisition mit Jesuitischen Richtern, durch Folter erzwungenen Geständnissen von Hexen und Hexern, von den Lügen der Wissenschaft, von Gustav Adolf, dem Schwedenkönig, vom harten aber freien Leben des fahrenden Volkes, von ein bisschen Liebe, der Suche nach Geborgenheit, dem Standesdünkel, den Fährnissen der ex-post Geschichtsschreibung – und einigem anderem mehr. Der fürchterliche fast endlos dauernde Krieg ist zwar im Hintergrund allgegenwärtig, wird jedoch nur am Rande durch den Ritt des Winterkönigs ins Soldatenlager Gustav Adolfs spürbar, sowie in eher abstrakt wirkenden Schilderungen von entvölkerten und zerstörten Dörfern, abgeholzten Wäldern und einigen Episoden mit marodierenden Söldnern. Der Freigeist Tyll, entlaufener Sohn eines als Hexer gehängten und verbrannten Müllers, dessen einzige “Schuld“ in seinem etwas esoterischen und wissenschaftlichen Interesse – inmitten einer Analphabeten und von Gutsherren und Pfaffen beherrschten dörflichen Gesellschaft – liegt, lernt das Gauklerhandwerk, stellt Dünkel und Adel bloß, etwa mit der Idee einer leeren Leinwand, die angeblich ihre Bilder nur für nicht Uneheliche, nicht-Betrüger, nicht Dumme, nicht Diebe sichtbar wird – ein Trick, der alle es Besichtigende zu Elogen über dessen Inhalt und Schönheit hinreißt (ähnlich später im Stück „Kunst“ von Yasmina Reza, wo auch eine kahle weiße Leinwand (weißes Bild mit weißen Streifen) als großartiges Bild angepriesen wird und niemand sich etwas dagegen zu sagen traut, aus Angst als Banause gebrandmarkt zu werden). Als Hofnarr an mehreren Höfen spielt Tyll seine Rolle als vulgärer Beschimpfer und einziger Verkünder der Wahrheit vor hohen Damen und Herren, als Gefährte und Bruder der mit ihm entlaufenen Nele, die er beschützt und mit der er seine Gaukler-Kunststücke aufführt und letztlich als vom Schicksal hin- und Hergeworfener, der in der letzten Szene noch der erfolglosen Elisabeth Stuart Trost zuspricht, bevor er im allgemeinen Gewirr des Ende des 30jährigen Krieges verschwindet. Sein Schicksal zeigt auch den hohen Preis der „Freiheit“ auf, der in Armut, Ausgeliefertsein und letztlich Einsamkeit besteht. Wunderschön ist die Eloge der Elizabeth auf das englische Theater, das sie ins Deutsche Reich immigrierte Kurfürstin und später Königin von Böhmen, als Ingebriff der für sie aif immer verlorenen Kultur ansieht. Auch die Schilderungen einzelner Personen – des schwächlichen, aber von sich selbst eingenommenen und sich selbst belügenden Friedrich von der Pfalz, der den 30-jährigen Krieg auslöst; des lügnerischen Welt-Wissenschafters Athanasius Kirchner; des Müllers und Vaters von Tyll; des feisten Grafen Wolkenstein, der sich die Geschichte für seine Memoiren zurechtlügt; des ungehobelten Kriegspragmatikers Gustav Adolf (Vorbild Donald Trumps?); sowie der Elizabeth, und jenes der Nele, die glücklicherweise fast durch ein Wunder ins bürgerliche Leben und dessen Sicherheiten findet – sind wunderschön und sehr gut gelungen.

Worauf der Roman hinauswill, ist nicht ganz klar: dafür ist er zu heterogen. Ein „Sittenbild“ der verschiedensten Stände im 17. Jahrhundert? Eine Wiederaufnahme des Duos menschliches Schicksal und Wissenschaft (wie in der Vermessung der Welt), die nur auf eigenen Vorteil bedachte Haltung von Adel, Klerus, Wissenschaft und „Volk“? Im Gegensatz zur Vermessung, welche abgeschlossen wirkt, bleibt hier allzu vieles offen. Als einzige echte Menschen werden nur Tyll und Elizabeth, mit Abstrichen weil weniger ausgeführt, Nele gezeigt: alle übrigen bleiben etwas oberflächlich gezeichnet, nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Damit aber geht das Buch über den von Kehlmann gewählten Zeitrahmen der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts hinaus und weist mögliche Parallelen und Deutungsmuster auch zu unserer Zeit auf.

Joseph Roths „Radetzkymarsch“, in der Bearbeitung von Koen Tachelet, stellt die Verlorenheit des „Enkels des Helden von Solferino“ in der zu Ende gehenden Habsburgermonarchie ins Zentrum dieses interessanten Experiments. Der von frühester Jugend an zum Militär erzogene, dafür aber grundlegend ungeeignete Leutnant Trotta, der an den östlichen Grenzen der Monarchie dient, trägt die Last seines Großvaters auf den Schultern, der in der Schlacht von Solferino dem Kaiser das Leben gerettet und dabei selbst verwundet und für sein Verdienst geadelt wurde. Trottas Vater, Bezirkshauptmann in der Provinz, lebt ganz in der alten Zeit, läßt jeden Sonntag vor seinem Fenster den Radetzkymarsch blasen – als Vertreter des Kaisers und verlangt von seinem Sohn das Wiederaufleben des Heldentums dessen Großvater. Trotta taumelt von einer Geliebten zur anderen, wird mit dem Tod der ersten sowie seines Militärfreundes konfrontiert, verläßt die hochrangige Reiterkompanie und geht zur Infanterie, trinkt immer mehr „90-prozentigen“ in der ukrainischen Provinz, wo er die Sprache der Soldaten nicht versteht – und findet immer weniger seinen Platz. Er träumt vom Bauernleben im slowenischen Heimatdorf, weiß aber auch dass er nur Soldat gelernt hat und kein Bauer ist. Begegnungen mit dem senilen Kaiser, den sein Vater wie den lieben Gott verehrt, verstärken das Gefühl des „Enkeldaseins“. Herannahende Aufstände der Arbeiter werden zum Schicksal, als er zwar den Befehl, auf die streikenden Arbeiter schießen zu lassen, verweigern will, dann doch auch dazu zu schwach ist und schießen läßt. Unerlaubte Heimaturlaube nach Wien mit weiteren erotischen Abenteuern lassen ihn immer mehr sich selbst verlieren. Sein Vater, der strikt an der alten Welt festhalten will, beginnt ihn erst als Mensch zu sehen, als er vollkommen zerrüttet, Abschied vom Militär nimmt, um „vielleicht Buchhalter“ zu werden: er kann ja nichts. Der beginnende Krieg 1914 läßt ihn wieder einrücken, an der russischen Front wird er, der seinen Truppen dringendst benötigtes Wasser bringen will, dabei erschossen.

Dramatisierungen von Romanen sind meistens problematisch, diese scheint mir sehr gelungen, da es ihr in einer innovativen Inszenierung gelingt, die morbide Stimmung des keinen Platz habenden Einzelnen in einer untergehenden Welt, eindrucksvoll nachzuzeichnen. Die ProtagonistInnen sitzen alle hinten in der Bühne, aufgereiht wie Hühner, und kommen nach vorne, um ihren je Part zu spielen, wobei sie von riesigen gasgefüllten Luftballons, die kaum je ruhig liegen, begleitet werden, diese zu Spielbällen, Sitzkissen und ähnlichem machen. Alle tragen nur Unterwäsche (zumindest unten), ziehen sich aber immer wieder zur Kenntlichmachung ihrer Rolle Uniformjacken, Hosen, Kleider, etc. an. Hervorragend der weitgehend demente Kaiser von Johann Adam Oest, verzweifelt und vehement Philipp Hauß als Trotta, steif Falk Rockstroh als sein Vater. Oest spielt auch den versoffenen Maler Moser, der als Kontinuum zwischen dem Helden von Solferino und Trotta, ebenso wie der Kaiser den lagen Zeitraum zwischen 1867 und 2016 nachzeichnet. Sehr gut auch Andrea Wenzl in der Rolle der – sehr unterschiedlichen – Geliebten Trottas, exzellent auch Steven Scharf als Chojnicki, der polnische Großgrundbesitzer, der als einziger den Untergang des Vielvölkerreiches herankommen sieht und begrüßt, jedoch im Wahn endet, in welchem er – Ironie – als einziger wiederum den Tod des Kaisers verkündet.

Loving Vincent, eine britisch-polnische Koproduktion, ist ein ungewöhnlicher Film, insofern als die Animationen von mehr als 100 Malern gemalt/gezeichnet sind, und zwar jeweils ausgehend von Bildern von Vincent van Gogh. Das macht ungewöhnliche Effekte, wirkt aber nach einiger Zeit etwas bedrückend oder erschlagend, da eben viele der Van Goghschen Landschaftsbilder in ihren Farben und Formen sehr sehr heftig sind. Der Film entwickelt eine Art Kriminalstory, nach der ein junger Schmied, der von van Gogh gemalt wurde, sich auf Gebot seines Vaters auf die Suche nach van Goghs letzten Lebensstationen macht und dabei in Zweifel geworfen wird, ob die „offizielle“ These eines Selbstmords van Goghs tatsächlich so war. Dabei begegnet er den letzten Personen, die vanGogh in seinen letzten Tagen und auch am letzten Tag gesehen und auch gesprochen haben – von denen jede zuerst unterschiedliche Versionen des möglichen Tatverlaufes geben. Das Rätsel bleibt ungelöst, wenn auch starke Vermutungen den Selbstmord bestätigen. Die Filmtechnik der gemalten Animationen, der schwarz-weiß-Rückblicke, ist innovativ und recht eindrucksvoll: dennoch bleibt der Eindruck zurück, dass es mehr um das Experiment der „gemalten Animation“ mit ihrem riesigen Aufwand an Malern geht als um ein schlüssiges Filmkonzept.

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2 Comments

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2 responses to “Noch mehr Kultur Ende 2017

  1. Ruth Seliger

    Lieber Kurt, vielen Dank! Der Neid frisst mich, dass du Zeit zum Lesen hast. Ich habs beim Kehlmann nur bis zum Kauf des Buches geschafft, es liegt noch originalverpackt im Regal.
    Alles Liebe,
    Ruth

  2. Giuseppe Pennisi

    Thanks Invio eseguito dallo smartphone BlackBerry 10. Da: Kurt Bayer’s CommentaryInviato: domenica 14 gennaio 2018 17:07A: giuseppe.pennisi@gmail.comRispondi a: Kurt Bayer’s CommentaryOggetto: [New post] Noch mehr Kultur Ende 2017

    a:hover { color: red; } a { text-decoration: none; color: #0088cc; } a.primaryactionlink:link, a.primaryactionlink:visited { background-color: #2585B2; color: #fff; } a.primaryactionlink:hover, a.primaryactionlink:active { background-color: #11729E !important; color: #fff !important; }

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    kurtbayer posted: “Daniel Kehlmanns hochgelobter neuer Roman Tyll hiterläßt einen zwiespältigen Eindruck. Beeindruckend ist die sehr einfache Sprache, die in kurzen Sätzen auf mehreren Ebenen vom 30-jährigen Krieg erzählt, vom durch das Land vazierenden Narren und Gaukler T”

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