Kulturfrühling 2018


 

Nikolaus Habjans Inszenierung und Darstellung von Paulus Hochgatterers “Böhm” im Grazer Schauspielhaus ist ein Triumph der Darstellung über das Stück. Habjan als Einzeldarsteller mit seinen Klappmaul- und anderen Puppen ist grandios, als Beweger der Puppen, als deren (und sein eigener) Sprecher, der sekündlich Dialoge-Sprechgewohnheiten wechselt und als Requisiteur, der sich die jeweils passenden Komparsen holt. Das Stück ist eine Collage unterschiedlichster Szenen aus dem Leben eines Bewunderers und öfters auch in die Rolle Karl Böhms schlüpfenden alten Mannes, offensichtlich eines Schulwarts aus Graz/Liebenau. Mit diesem Spiel im Spiel gelingt es, sowohl Distanz zu Böhm wie auch Identifizierung mit ihm darzustellen. Als Stück erinnert es an Habjans Darstellung von Qualtingers/Merzs Herr Karl, wo auch einzelne Szenen mit unterschiedlichem Personal lose aneinandergereiht werden. Das Stück ist weniger eine Abrechnung mit Böhms karrieregetriebenen Mitläufertums mit den Nazis, als ein Porträt seines recht unangenehmen Charakters, gepaart mit großartigem Dirigat. Das Heruntermachen von Schubert (“Syphilitiker”, der wie Brahms zu dirigieren ist), die Vergötterung von Beethoven, Strauss und Wagner durch Böhm wird jeweils mit Musikproben unterlegt. Die häuslichen Szenen beim im Rollstuhl sitzenden Schulwart, bei denen Habjan selbst einen offenbar aus Osteuropa stammenden Betreuer mit seiner vermeintlich blond bezopften Teenager/Schwester spielt, die den in Böhm schwelgenden Schulwart mit Fragen aus ihrem Mittelschulleben (Inuit, Surinam, Marathon) nervt, wechseln ab mit Szenen aus der Machtübernahme der Nazis, die Fritz Busch als Intendant der Dresdner Oper hinausdrängen, mit Szenen aus Böhms opportunistischem Mitläufertum, der von “Tristan” in Dresden träumt und sich wohl bewusst ist, dass dies auf Kosten Buschs geht, mit grandiosen Szenen des mieselsüchtigen und arroganten Dirigenten Böhm, der die Sänger tögelt (den aufmüpfigen Walter Berry, die opportunistische Elisabeth Schwarzkopf, Gundula Janowitz, Christa Ludwig), der die Orchester und deren Musiker heruntermacht und von seiner eigenen Interpretation der Werke als einzig gültiger vollkommen überzeugt ist. Dazu passt sein Zitat als von Hitler zu den „Gottbegnadeten“ gezählt worden zu sein – ohne jegliche Selbstreflexion. Seine Dialoge mit dem mitlaufenden Geiger Schneiderhahn sind wahre Fundstücke der Anpassung an die “Verhältnissse”. Unwitzig ist das Geschenk des Betreuers, nämlich Laufschuhe, an den Schulwart, die dann zu Wortwitzchen über “Mitläufer” werden. Zu guter Letzt träumt der Schulwart von tatsächlichen Begegnungen mit Böhm beim Bühnentürl der Wiener Staatsoper, wo er ihm einige Fragen stellen will, die Böhms Charakter und seine Motivationen berühren – und von diesem stantepede als Unsinn deklariert werden. Dies zeigt dann doch die Distanz des Protagonisten zu seinem Idol auf. Er stirbt, wird von Habjan dann in den Hintergrund der Bühne getragen zu einer auf einer Säule drohnenden Büste von Böhm, der er sterbend streichelnd über den Kopf streicht, worauf dieser zu Boden fällt und zerschellt. Tosender vielfacher Applaus für den Vielfachkünstler Habjan.

Der viel gelobte Roman “Unter der Drachenwand” von Arno Geiger erzehlt die Geschichte eines im Russlandfeldzug verwundeten ganz jungen Soldaten, der am Mondsee sich erholt und während dieser Monate zwischen seinen traumatisierenden Kriegserlebnissen und einem “normalen” Leben hin- und hergerissen ist. Seine Erlebnisse mit den Einheimischen, mit evakuierten Mädchenschulklassen und deren Lehrerin, mit einer evakuierten Deutschen, mit der er eine erstaunlich normale Liebesbeziehung eingeht, seinem dort lebenden Onkel als Dorfpolizist, einem widerständigen Gärtner charakterisieren diese an sich interessante Geschichte. Doch Geiger gelingt es nicht, dies fesselnd zu erzählen. Zwar sind einzelne Geschichten gut geschildert, aber das Ganze wirkt zerrissen und unfertig. Ein richtiger Erzählfluß kommt nicht zustande. Erstaunlich auch handwerkliche Fehler, wie Briefe, die sich über mehr als zehn Buchseiten erstrecken: kaum vorstellbar, dass jemand so viel Zeit und Papier im Kriege aufbringen konnte. Auch bleibt die Person des Protagonisten flach: weitgehend scheint er ohne tieferes Innenleben zu sein und die Ereignisse weitestgehend an sich vorbeifließen zu lassen. Vielleicht ist dies dem jungen Alter des Protagonisten geschuldet, das Geiger so darzustellen versucht, vielleicht soll es das Ausgeliefertsein der Menschen während der Kriegszeit darstellen – es wirkt jedenfalls nicht überzeugend. Unser Protagonist versucht zwar, teilweise erfolgreich, seine Wiederabstellung in den Krieg hinauszuzögern, da er sein neues Leben offenbar schätzt, die damit verbundenen Seelenqualen und Existenzängste bleiben jedoch weitgehend ausgespart. Dass das Ganze in einem persönlichen Happyend landet, macht das Buch noch einmal unglaubwürdiger.

Ein ganz besonderer Schmarrn ist der Film Black Panther. Für einen Verächter von Fantasie-Filmen (ich habe keinen einzigen gesehen) waren die Ankündigungen eines “All-Black”-Aufgebots an Schauspielern und Regisseuren, zusammen mit dem Titel, von dem ich mir ein Diskussion der “Black Panther”-Bewegung in den 1970er Jahren naiverweise erhoffte, war das eine große Enttäuschung. Ich wusste auch nicht, dass dieser Film auf einem Comic beruhte, hätte mich besser informieren sollen als über eine vollkommen unzureichende Filmvorschau im FALTER. Eine lächerliche Story, gut gegen böse, eine utopische afrikanische Gesellschaft, deren Reichtum auf einem wohlgehüteten wundertätigen Metall beruht, Kämpfe zwischen guten Bewahrern und bösen Modernisierern, all das ist kitschig, lächerlich, ja halt Fantasy. Nur schwarz ist leider zu wenig. Auch die Versuche der britischen Wirtschaftszeitung Economist, eine ökonomische Fabel aus diesem Filmchen herauszulesen, retten diesen Schmarrn nicht.

Witzig und bedrückend dagegen “Stalin’s Death”. Dieser Film zeigt beeindruckend die Willkür dieses despotischen Regimes, der jederzeit jeden auf eine ominöse “Liste” bringen konnte, die Folter und Tod herbeiführt. Er zeigt in wirklich witziger Weise den Opportunismus, die Brutalität und auch die prekäre Existenz der Mitglieder des Politbüros, die miteinander bei Saufgelagen um die Gunst Stalins buhlen, einander mit jeweils passenden Witzen zu übertrumpfen versuchen, die Verkommenheit von Stalins Sohn, der im Wodkarausch als Princeling herumkommandiert und herumschießt, die Verrücktheit, aber auch Menschlichkeit von Stalins Tochter Svetlana, und schließlich die Grabenkämpfe und Intrigen des Politbüromitglieder nach Stalins Tod um seine Nachfolge: der Haudegen Schukow, der die Vorherrschaft der glorreichen Armee sichern will, der Geheimdienstchef Beria, der Dossiers über alle hat und als erster seine Machtansprüche sichert, die Marionette Malenkov, der als Stellvertreter Stalins Gehorsam von allen einfordert, und letztlich Chruschtschow, der zwar mit dem Terror aufhören will, aber seinen Machtgelüsten alles unterordnet. Am witzigsten ist jedenfalls die Szene, als all diese Männer von Stalins Gehirnblutung erfahren, in seine Datscha fahren und den in seinem Urin am Boden liegenden Diktator gemeinsam aufheben und in ein Bett legen sollen. Ebenso wie nach Feststellung seines endgültigen Todes jeder als erster in seiner Limousine davonfahren will, um seine Machtansprüche sicheraustellen: dabei blockieren die wegfahrenden Autos einander so wie das Verkehrschaos im Pink Panther. Witzig auch der Kontrast zwischen der Einblendung der bürokratischen Regeln bei Stalins Tod und der “Realpolitik” seiner präsumptiven Nachfolger.

Wieder einmal Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ in der Staatsoper, in der Inszenierung aus 2014 von Sven-Erich Bechtold, dirigiert vom herorragenden Adam Fischer und einem sehr gut disponierten Staatsopernorchester, das allerdings im Rheingold häufige Probleme bei den Hörnern hatte. Rheingold ließ sich prächtig an. Die Inszenierung geht sehr gut auf die Personenzeichnungen ein, das machohafte weltmachtgeile Gehabe von Wotan, die um ihre Liebe und Würde und die Schwester kämpfende Fricka (sehr gut Michaela Schuster), die nur Schaukämpfe um ihre Schwester liefernden Froh und Donner, den machtversessenen und geilen Alberich (ganz hervorragend Martin Winkler), die voll dröhnenden, ehr wie schwarze Michelin-Riesen ausstaffierenden Riesen (auch sehr gut Ryan Speedo Green und Sorin Coliban), sowie die letztlich traurigen Rheintöchter, stimmlich stark Daniela Fally, Stephanie Houtzeel und Bongiwe Nakani. Warum die armen Rheintöchter allerdings in einer der häßlichsten Rheindarstellungen auf dunkelgrünen sich hebenden und senkenden Erdhügeln sich Alberichs erwehren müssen, bleibt unerklärt. Ein Wort zum sängerisch hervorragenden Tomasz Konieczny als Wotan: er überbetont die wagnerschen Doppelkonsonanten- Alliterationen so stark (etwa brrrrünstige Brrrünhilde – nur als Beispiel, kommt so nicht vor!), dass es störend wirkt. Das hat er ein wenig in der „Walküre“ abgelegt, wo er wiederum sängerisch hervorragend, zwar gegen Ende etwas schwächelnd, die Macho-Herrscher-Seelenkonflikte nach der Niederlage gegen Fricka, aber auch seine grenzenlose Wut ob des Ungehorsams seiner Lieblingstochter Brünnhilde austobt. Weniger scheint ihn zu stören, dass ihm Erda den Untergang seiner Dynastie vorausgesagt hat, mehr dass er sich nicht durchsetzen konnte. Christopher Ventris sang einen exzellenten Siegmund, fast noch überzeugender war Simone Schneider als Sieglinde, die extrem berührend, in ihrer Angst vor Hunding, in ihrer Selbstanklage gegen das Nachgeben ihm gegenüber, ihrem Glück der verkündeten Schwangerschaft zu grandioser Form aufläuft. Ebenso überzeugend Irene Theorin als Brünnhilde, die den Zuhörer wunschlos glücklich macht. Jongmin Park als Hunding singt und spielt den Finsterling, der seine Ehre verteidigt, hervorragend. Die Steigerung von Rheingold auf Walküre, sowohl bei den SängerInnen als im Orchester, lassen hohe Erwartungen für die beiden letzten Teile erwarten.

Nach der fulminanten Walküre wirkt Siegfried deutlich ruhiger und kontemplativer. Lange Dialoge und Erzählungen zwischen Mime und Siegfried, dem Wanderer und Alberich, Erda und Wotan und letztlich Siegfried un Brünnhilde machen Platz für eine viel lyrischere Musik. Zwar wird dies durch die Aufregung des Drachentötens durchbrochen und letztlich durch das Ende des Liebesduetts zwischen Siegfried und Brünnhilde, es gibt aber dem Orchester unter dem absolut in Kontrolle befindlichen Adam Fischer viel Gelegenheit, seine Meisterschaft zu zeigen. Die Sänger sind durch die Bank wieder exzellent. Neu ist hier Stephen Gould als Siegfried, der diese Monsterrolle mit nachhaltigem Heldentenor bis zum Ende bravourös meistert, die „heldenhaften“ Teile ebenso schafft wie die „bubenhaften“ und letztlich auch die „liebhaberhaften“ in all ihren Nuancen. Die wiederum hervorragende Irene Theorin steht ihm als Brünnhilde in nichts nach, sie schafft die pianissimi-Stellen nach ihrem Erwecktwerden vielleicht noch besser als er. Neu ist auch Hila Fahima als Waldvögelein, ein paarmal ein wenig zitternd, insgesamt jedoch glockenhell weissagend und den Weg weisend. Konieczny als Wanderer ist gleichbleibend überzeugend, Martin Winkler als Alberich bewundernswert, und Herwig Pecoraro als Mime wirkt als ob er für diese Rolle perfekt geschaffen sei. Monika Bohinec wirkt in ihren weißen Tüchern als nicht von dieser Welt und zeigt Unwillen über ihren Ruf auf die Erde ebenso wie über die Intrigen des Wotan in überzeugender Weise. Jongmin Park singt eindrucksvoll den kämpfenden und sterbenden Fafner.

Die Götterdämmerung beginnt in düsterer Nachtumgebung mit den Erzählungen der 3 Nornen (exzellent Monika Bohinec, Stephanie Houtzeel und Caroline Wenborne), die das Ende der Götterwelt vorhersagen und durch das zerrissene (Lebens-)Seil beklagen, womit auch ihre Weissagungskraft verloren ist. Warum die wiederum exzellente Brünnhilde (Irene Theorin) ihren ihn zum Aufbruch zu neuen Taten drängenden Liebhaber Siegfried aus Krankenhaus-Vlies-Tüchern wickeln muss, bleibt ein Rätsel. Dennoch läßt sich dieser nicht lang bitten, besteigt das Ross Grane und läßt B. zum Zeichen seiner ewigen Liebe den Ring zurück. Diesen verteidigt Brünnhilde heftig als plötzlich ihre Walkürenschwester Waltraute (hervorragend Nora Gubisch) auftaucht und ihr von der Depression in Walhall und dem Dahinsiechen Wotans berichtet, der die abgestorbene Weltesche hat fällen und zu Scheiten hat aufschichten lassen: nur die Rückgabe des Ringes an die Rheintöchter könnte Walhall noch retten. Doch Brünnhilde verteidigt ihr Menschsein und ihre Liebe und schickt Waltraute mit leeren Händen zurück.

Am Gibichungenhof stachelt derweil Hagen (sehr überzeugend Albert Pesendorfer) die schwächlichen Gunter und Gutrun auf, sich endlich mit dem je besten verfügbaren Partner/in zu versehen und verspricht ihnen, dies mithilfe eines Zaubertranks zu bewerkstelligen. Da kommt auch schon Siegfried (für Gutrun auserkoren) lustig daher, schließt mit Gunter Blutsbrüderschaft, trinkt den Saft – und schon will er an Ort und Stelle, Brünnhilde vergessend – Gutrun „besitzen“. Dies gesteht ihm Gunter zu, wenn er ihm selbst hilft, Brünnhilde „zu freien“. Gesagt-getan, mithilfe des Tarnhelms gibt sich Siegfried als Gunter aus, besteigt den flammenumtosten Felsen, entreißt Brünnhilde den Ring, und legt – ganz Blutsbruder – über Nacht das Schwert zwischen Brünnhilde und sich. In der Zwischenzeit erscheint Vater Alberich dem daheimgebliebenen Hagen und trägt ihm auf, den Ring für ihn, Alberich, zu erobern. Hagen bekommt selbst Weltherrschaftsgelüste. Siegfried kehrt zurück, bekommt Gutrun, als Gunter und Brünnhilde eintreffen und die Doppelhochzeit geplant wird, versucht die widerstrebende Brünnhilde ihren Siegfried an gemeinsame Zeiten zu erinnern, was dieser – undank Zaubertranks – nicht kann. Daher gibt sie Hagen nach, der aus Rache Siegfried ermorden will. Vorgeschobener Grund soll sein, dass er entgegen dem Eid als Blutsbruder die Nacht mit Brünnhilde verbracht haben soll, was Brünnhilde bestätigt. Beim morgendlichen Jagdausflug dann sagen die Rheintöchter Siegfried seinen nahenden Tod voraus, was er als „Weibergeschwätz“ abtut und mit seiner Erfahrung mit Frauen begründet. Also sticht ihn Hagen von hinten nieder – auch hier spielt Brünnilde mit, die ihm Siegfrieds Verwundbarkeit am Rücken mitgeteilt hat. Hagen möchte den Ring an sich reißen, wendet sich aber mit Schaudern ab, als sich die Hand des Toten erhebt. Brünnilde erkennt den Zauber, trauert um den herrlichsten Helden und beschließt, mit Roß Grane den Scheiterhaufen zu besteigen. Sie nimmt den Ring, verspricht ihn den Rheintöchtern, die ihn aus ihrer Asche wiedergewinnen – und verbrennt. Im Hintergrund geht Walhall in Flammen auf.

Musikalisch wieder ganz hervorragend, Adam Fischer brilliert mit dem Orchester, die Sängerinnen und Sänger zeigen sich von Weltformat, besonders hervorzuheben noch Tomasz Konieczny, der nach den schweren und ausdauernden Wotan-Partien der ersten drei Abende hier noch den Gunter singt, in etwas höherer Stimmlage als Wotan und wieder makellos. Stephen Gould als Siegfried, Martin Winkler als Alberich, sowie die Rheintöchter bleiben noch zu erwähnen. Es gibt keine Schwachstelle, außer bei der Inszenierung: die lächerlichen Christbäumchen am Felsen, die Bootsflotille am Weiher wirken deplatziert. Zu erklären wäre noch, warum immer wieder Sänger/Innen am Boden liegen müssen, kein Bett, keine Decke, nur Stein und Erde und harter Bretterboden: da hätte der Regisseur vielleicht etwas weniger hart umgehen sollen. Das minimalistische Bühnenbild mag ja seine Berechtigung finden, dann hätte aber die Abstraktion durchgehalten werden müssen und nicht mit naturalistischen Stilelementen verunglimpft werden sollen. Mehr Licht wäre auch nicht schlecht gewesen.

Doch sind die Kleinigkeiten, die der musikalische Grandeur dieses oftmals bombastischen Klangmalerei und die Perfektion der Sängerinnen und Sänger, des Dirigenten und des Orchsters eindeutig und vielfach übertönen.

Absolut unterhaltsam mit tragischem Unterton ist das Stück „Babylon“ des schottischen Puppenspielers Neville Tranter im Wiener Schuberttheater. Tranter ist der Guru Nikolaus Habjans, der bei ihm das Spiel mit den Klappmaulpuppen gelernt und weiterentwickelt hat. Die Technik ist für Habjankenner unverwechselbar: hervorragend selbstgemachte Puppenköpfe mit Armen und Gewand werden vom Spieler getragen, oftmals an jedem Arm eine, die dann miteinander in Dialoge münden, die vom Spieler, Tranter (ebenso wie bei Habjan), hervorragend mit verschiedenen Akzenten und Wortmelodien versehen werden: man schaut nie auf den Spieler/Sprecher, sondern nur auf die Puppen. Es geht um einen Strand in Nordafrika, von dem ein letztes Flüchtlingsboot nach „Babylon“ aufbrechen soll. Es treten auf: der Teufel, der geldgierige Kapitän, sein in seinen Hund, den er nicht mitnehmen darf, verliebte Steuermann, Gottvater (vertrottel) mit seinem realitätsnahen Ratgeber Engel Uriel, der idiotische (zu lange allein in der Wüste) Jesus mit Pinkie, seinem Schaf, eine arabische Mutter, ein schwarzer Knabe mit einem katholischen stummen Priester. Die Dialoge sind witzigst, die Puppen grotestk. Die Geschichte endet mit einem Bombardement des Flüchtlingsbootes, dem nur Jesus (und Pinkie) entkommen, da sie doch nicht auf das Boot gestiegen sind: Jesus hatte offenbar Zweifel, ob die Menschen in Babylon wirklich auf ihn warteten. Obwohl die Geschichten nicht zuende erzähhlt sind, also viele Stränge offen bleiben, übertönt die Liebenswürdigkeit und Kunst Tranters diese Schwächen.

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