Heißer Frühling in Oper und Theater


Erszan Mondtag, vielfach ausgezeichneter „junger“ Regisseur verharmlost Aischylos Orestie in seinem Festwochenbeitrag im Theater an der Wien: die DarstellerInnen treten alle im wuscheligen Maus- oder Rattenkostüm auf, deklamieren Walter Jens wunderschöne Übersetzung, und lassen diesen Zuseher vollkommen ratlos – und wütend – zurück: Ebenso unverständlich wie diese Idee ist die Darstellung von Baby Kassandra als greinendes Rattenbaby (oder Mausbaby). Wenn ich an Anti Nunes Romeros wunderbare Inszenierung im Burgtheater vor einem Jahr denke, in der die Geschichte aus Sicht der Erynnien erzählt wurde, kommt mir das Weinen. Der Auftritt des Orest, der dann in Manier eines alten Griechischprofessors seinen Text statisch deklamiert, gibt den Rest.

Der sonst von mir überaus geschätzten Kammeroper ist die Inszenierung meiner Lieblingsoper „Cosi fan Tutte“ vollkommen mißlungen. Sie wird, trotz Text und Musik zum Gegenteil, hier als opera buffa inszeniert, als Lachnummer, so halt eine Verwechslungs- und Verkleidungskomödie am Programmzettel steht. Die Tragik des Geschehens, dass die „launige“ Wette der Jungverliebten, provoziert vom sinistren Don Alfonso, ihre Liebe und damit ihr Leben zerstört, geht im launigen Gelächter aller unter. Mag ja sein, dass man das so sehen kann – dennoch wird diese Inszenierung da Ponte und Mozart nicht gerecht. Wunderschöner Gesang, vor allem der Damen, aber auch Don Alfonsos macht leider den Eindruck der Falsch-Inszenierung nicht wett.

A propos Gesang: die musikalisch schwache Oper Camille Saint Saens „Samson et Dalila“, die bis auf zwei schöne Arien musikalisch relativ einfallslos daherkommt, wird durch den grandiosen Roberto Alagna als tragischer Samson, aber auch die weitgehend wunderbar singende Elina Garancia vergoldet. Leider wirkt die Oper wie Stückwerk, eindimensionale Chorgesänge, verwirrende Nebenschauplätze sind Argument genug, dass die Oper – nicht nur bei uns – selten aufgeführt wird. Die hiesige Regie (Alexandra Liebke) tut das Ihre, um die Oper nicht zum Leuchten zu bringen: einzig die Darstellung der Dalila zu Beginn des 2. Aktes, als sie auf Samson wartet und in einem erleuchteten Fensterausschnitt – sonst alles dunkel – sitzt, macht ihre Zerrissenheit zwischen rächender Megäre und vielleicht doch Liebender sichtbar. Aber bitte: was soll die Idee, dass die Verführung Samsns in einem leeren Zimmer, in dem nur eine volle Badewanne steht, in welcher die beiden pritscheln? Was soll die Idee, in der unnötigen Ballettszene hüftwackelnde statt bauchtanzende Frauen zu arabischer Musik tanzen zu lassen? Gelungen ist nur die Schlußszene, in der betuchte Festgäste (gekleidet in Saint-Saens-Zeit) das Martyrium des Samson als Event-Spektakel belachen und erleben. Dass die Verdoppelung von Samson dann mit dem eigenen Körper Feuerzauber spielt, ist für die Zerstörung des Philister-Tempels durch den sterbenden Samson vollkommen unnötig. Marco Armiliato dirigiert in bester Stimmung und sehr dynamisch das Staatsopernorchester. Neben den Hauptprotagonisten ist auch Carlo Alvarez als Oberpriester sehr positiv zu erwähnen. Alagna aber hat Garancia diesmal ausgestochen, obwohl deren nunmehr (?) tieferer Mezzo in den lyrischen Szenen wunderschön wirkt.

Umberto Giordanos „Andrea Chenier“ in der Staatsoper erzeugt zwiespältige Gefühle: wieder einmal eine alte Schenk-Inszenierung (109.!!! Aufführung), die angegraut wirkt, aber doch funktioniert. Mit Jonas Kaufmann als Andrea ein angekündigter Superstar, der aber vor allem anfangs leicht indisponiert (heiser) wirkt und erst gegen Ende seine volle Kapazität, sowohl als Sänger als auch als Schauspieler erreicht. Er wird aber eindeutig ausgestochen von der grandiosen Anja Harteros als Maddalena, die unheimlich berückend singt und spielt. Sie strahlt auf der Bühne Würde, Verzweiflung, Liebe und Hingabe äußerst eingehend aus. Die vielen anderen Rollen sind sehr gut besetzt. Wieder dirigiert der quirlige, aber präzise Marco Armiliato, anfangs vielleicht zu laut (Kaufmann hat hier Problem gehört zu werden), aber im weiteren wunderschön die tollen Sänger unterstützend. Der Chor singt und spielt hervorragend, das Orchester ebenso. Dennoch: vielleicht leistet sich die neue Operndirektion einmal eine Neuinszenierung dieser wichtigen (trotz einiger Schwächen) Revolutionsoper.

 

 

Christoph Marthalers Skurril-Stück “Tiefer Schweb” ist eine marthalersche Ansammlung von Absurditäten, tiefsinnigen Parabeln und von hervorragenden Schauspielern vorgebrachten Gesängen, Geräuschen, Verhaltensweisen – und vielem mehr. Während auf 8 Bodenseeschiffen Migranten auf ihren Status warten, sind in einer Druckkammer am tiefsten Punkt des Bodensees 8 Ausschussmitglieder der drei Bodensee-Anrainerstaaten damit beschäftigt, die grundsätzlichen Regeln für diese Migranten festzulegen. Die Bürokratie wird entsprechend Marthaler auf die Schaufel genommen (als selbst früher tätiger Bürokrat finde ich, dass M. hier ein stimmiges Sittenbild gelungen ist), einzelne Ausschussmitglieder ergehen sich im Aufzählen von Geschäftsordnungspunkten, in der Selbstdarstellung ihrer Bestellung zum Ausschussmitglied, in unerklärlichen Aktivitäten. Immer wieder steigt der Druck, die Backen der Mitglieder blasen sich auf, sie torkeln herum, bis einer das Druckausgleichsrad findet, an ihm dreht – worauf alles seinen “normalen” Gang weitergeht. Mit Pamino, einem aus Illyrien stammenden Mikrobiologen, wird der Wertekanon Bayerns – als Aufnahmsprüfung für den Flüchtlingsstatus, durchexerziert, er muss die Zusammensetzung und Rezeptur von Weißwurst deklamieren und dann einen Schuhplattler vorführen, wird dann darauf hingewiesen, dass er erst nach Wieder-Ablegen aller Prüfungen als Mikrobiologe wird arbeiten dürfen – und legt dann eine Probe seines Könnens ab, indem er mitteilt, dass das Wasser des Bodensees zu 67% mit Bakterien verseucht ist, und man ihm daher nicht zu nahe kommen sollte. Dies hindert die anderen Ausschussmitglieder nicht daran, daraus mehrere Schlucke zu tun. Textzitate von Schikaneder, Bachlieder, gefühlte 25 Strophen des wunderschönen Sommerlieds von Max Bruch, sowie eine besonders originelle Chorwiedergabe durch Urinale machen die Druckkammer, die voll holzgetäfelt mit riesigem Kachelofen in der Ecke, durch den Protagonistinnen in die Kammer steigen zum Chaosraum. Erheiternd, manchmal tiefsinnig, manchmal etwas lang (die Urinierszene), aber sehr erfreulich: Theater wieder einmal ganz anders: Marthaler hat nicht enttäuscht.

Sehr interessant war im Rahmen der Festwochen die “Winterreise“, die Schuberts deprimierenden Liederzyklus mit dem Schicksal von Flüchtlingen in Ungarn kombiniert. Die Klavierbegleitung ist auf Orchester von Hans Zender umarrangiert, ganz leicht in einigen Passagen verändert. Ein Sänger, als Flüchtling in einer herabgekommenen Unterkunft angekommen, singt die Lieder, auf einer Leinwand werden Bilder von Flüchtlingen in Ungarn in verschiedenen Phasen sehr eindrucksvoll gezeigt. Das Ganze wurde vor der 2015 Flüchtlingswelle gemacht, nur der Marsch der Flüchtlinge entlang der Autobahn nach Österreich zeigt die Massenmigration. Das Eindrucksvolle an den Fotos ist, dass sie jeweils einzelne Gesichter und Personen in ihrer Verzweiflung, ihrer Vereinsamung, ihrer Hilflosigkeit, aber manchmal auch Solidarität zeigen, sie also jeweils als einzelne Menschen wahrgenommen werden. Die Parallelen zur Original-Winterreise und dem Schicksal des Wanderers sind verblüffend. Über die Inszenierung zu einzelnen Liedern kann man natürlich streiten, ebenso darüber dass der Sänger nicht Fischer-Dieskau oder Mark Padmore oder Ian Bostridge ist – und einen doch starken ungarischen Akzent in die Lieder bringt – dennoch ist es ein gelungenes Experiment. Der Akzent darf auch als geplant interpretiert werden, eben als den “Fremden” bezeichnend.

Im Akademietheater spielen sie “The Who and the What” von Ayad Akhtar, bei dem es um Generationenkonflikt, Frauenemanzipation und Familienzusammenhalt in einer pakistanisch-stämmigen (auf der Oberfläche voll integrierten) Familie in den US-Südstaaten geht. Der Vater, ein erfolgreicher Taxiunternehmer, gibt ohne deren Wissen Kontaktanzeigen bei muslimlove.com (witzig!!) für seine ältere, brillante, Harvard-studierte literarisch veranlagte Tochter auf und weist ihr einen konvertierten “Weißen” zu, den sie auch akzeptiert. Sie ist dabei, ein Buch über den Propheten “als Mensch” zu schreiben und dabei besonders die Rolle der Frauen (M. hatte 7) und der Sexualität zu betonen – ein Skandal für ihren Vater, der zufällig das Manuskript in die Hände bekommt. Das Ganze erinnert an Rushdies “Satanische Verse”, als der Vater ihr ihr aus seiner Sicht todbringendes Verhalten (in Pakistan) für ihre “Blasphemie” nahebringt. Da sie sich weigert, das Manuskript zu vernichten, verbannt er sie aus seinem Haus. Ihre jüngere Schwester, von eher geringem intellektuellen Interesse, heiratet inzwischen ihren muslimischen Jugendfreund, liebt aber heimlich einen “Weißen”. Nach zwei Jahren kehrt die ältere Tochter heimlich zurück, konfrontiert den fast gebrochenen Vater mit ihrer Schwangerschaft und dem Erfolg ihres Buches – und alles löst sich in Wohlgefallen auf: Vater und Tochter sind ver”söhnt”, obwohl der Wunsch an Allah, es möge ein Enkelsohn sein, nicht in Erfüllung geht, die jüngere Tochter darf ihren Gatten verlassen – und die Toleranz Familienliebe siegt. Das Happy End ist ein bisschen zu hollywoodesk, auch wenn das Stück insgesamt interessant ist. Dennoch bleibt ein schaler Nachgeschmack: es wirkt wie ein Stück, das sich ein westlicher Autor über die Vorkommnisse einer muslimischen Familie im Westen vorstellt: die Konflikte wirken zu orchestriert und konstruiert – auch wenn sehr offen über diverse sexuelle Praktiken – unter den Töchtern – geredet wird. Darstellerisch ist absolut nichts auszusetzen, die vier Personen spielen ganz ausgezeichnet, auch die minimalistische Inszenierung – einzige Requisiten sind ein riesiger orientalischer Wandteppich und ein paar Sesseln, die immer wieder für die ständig auf der Bühne anwesenden Protagonisten für deren Auftritte in die Mitte geschoben werden – passt. Ein allzu gefälliger Nachgeschmack bleibt.

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