Das MARE NOSTRUM in der Oper 2018


Zwei vollkommen unterschiedliche Zugänge, zwei Jahrhunderte Unterschied und zwei diametral musikalische Prozesse: ich spreche von „Die Zauberinsel“ in der Kammeroper und „Il Barbiere di Siviglia“ in der Staatsoper.

Die Zauberinsel ist definiert als Opernpasticcio von Jean Renshaw und Dieter Senft nach William Shakespeares »The Tempest«  unter Verwendung von Musik des 17.-Jahrhunderts britischen Barockmeister Henry Purcell – ein eigenartiges Unterfangen. So tendenziell vorhersehbar das Sujet – im Machtkampf unterlegener Bruder wird mit seinen beiden Zwillingstöchtern auf unwirtliche Insel verbannt, versklavt den dortigen Machthaber, erringt mit Liebes-Luftgeist magische Kräfte, will die nach Schiffbruch dort anlangenden Söhne des verhassten Bruders mit seinen Töchtern verbinden, erleidet dabei Probleme, führt aber diese zu Happyend und zurück aufs Festland, und verbleibt mit Caliban auf der Insel – und so wunderbar einfallsreich Jean Renshaws Regie und die Sänger- und Sängerinnenleistung mit dem grandiosen Bach Consort, so zerrissen wirkt diese aus allen möglichen Musikstücken Purcells zusammengeschusterte Musik. Wenn man an die wunderbare Purcelloper Dido und Aeneas denkt, die wie aus einem Guss ist, so wird dieses Pasticcio des Einezlstücken aus Purcells vielfältigem Schaffen nicht gerecht. Schade, denn alle Sänger, vielleicht mit Ausnahme der blassen Ariel (Tatiana Kuryatnikova), machen ihre Sache sehr sehr gut. Besonders hervorragend der Countertenor des Riccardo Angelo Strano als Hippolito – es ist schon erstaunlich, woher das Theater an der Wien immer wieder diese tollen Countertenöre auftreibt, aber ebenso bemerkenswert Jenna Siladiew als Miranda und Ilona Rvolskaya als Dorinda. Exzellent auch Dumitru Madarasan als der Trunkenbold Trincola, der die als Stroh-Sexpuppe aufgetreten und -getragen werdende Schwester des Taliban zur Frau bekommt: schmunzeln machte mich seine, auch von meinem Chor gesungene, Liebeshymne „I gave her cakes and I gave her wine“, die er immer wieder hervorbringt. Auch Johannes Bamberger als Ferdinand und vor allem Krsitjan Johannesson als grundelnder Bass und hassender und sorgender Vater Prospero, der auch die verbindenden Texte spricht, machen ihre Sache äußerst gut. Besonders hervorheben msus ich aber auch Martin Dvorak als das Monster Caliban, den Renshaw (wie sie dies öfters macht) akrobatische Glanzleistungen verbringen läßt, und der manchmal auch kaum verständliche Wortfetzen äußern darf, vor allem wenn er Trincola anstiften will, Prospero auf die Seite zu bringen, damit er selbst wieder über seine Insel gebieten kann.

Alles in allem: absolut sehens- und hörenswert, aber leider der wunderbaren Musik Purcells nicht voll gerecht werdend.

Als Gegenstück dazu Rossinis Barbier, durchkomponiert und in der 475. (!!) Aufführung dieser Inszenierung (nach Günther Rennert) noch immer überzeugend (im Gegensatz zu einige der vollkommen vom Staub überschwemmten Schenk-Inszenierungen). Ein hervorragend von Jean-Christophe Spinosi geleitetes Orchester, und vor allem eine sichtlich Spaß habende Besetzung bringt dieses flache Luststück mit Schmiss und Verve auf die Bühne. Ganz toll Margarita Gritskova als Rosina, die die schwierigen Passagen mit Leichtigkeit und exzellenter Schauspielkunst meistert, hervorragend auch Wolfgang Bankl als Bartolo, souverän sowohl in Stimme und Spiel Adrian Eröd als Figaro, aber auch Jinxu Xiahou als Almaviva, auch wenn er etwas Zeit braucht, um sich stimmlich in Form zu bringen. Witzig und sängerisch tadellos Anatoli Sivko als Basilio. Als eher Nicht-Rossini-Fan fand ich das Ganze doch sehr stimmig, witzig und musikalisch trotz des Sujets anspruchsvoll. Der Kontrast einer durchkomponierten Oper zu einem „Pasticcio“ am Vorabend war eklatant. Für mich erhebt sich die Frage, warum die Kammeroper nicht etwa Dido und Aeneas spielt und statt dessen einem Komponisten wie Purcell Gewalt mit einer zusammengestückelten Oper tun muss. Es gäbe genug anderes anspruchsvolles Material.

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