Theaterherbst 2018


 

Fulminant ging das 25-Jahr-Jubilärum der Musicbanda Franui im Konzerthaus über die Bühne. Das „Ständchen der Dinge“ genannte Programm wurde unter der Mitwirkung des wundervollen Bariton Florian Boesch, des Puppenspielers und Kunstpfeifers (und Sängers und Sprechers) Nikolaus Habjan, von Doerte Lyssewski und Peter Simonischek als Leser, Wolfgang Mitterers, der an der Orgel Unerhörtes aufführte und des tollen Sängers Karsten Riedel abgefeiert. Es war wieder einmal die originelle, unvergleichliche Fusion von Romantik (Schubert, Schumann und Brahms) mit Volksmusik und jazzigen Arrangements, von authentischen Lebensbeschreibungen in Villgraten, von Georg Kreisler (Triangel) und anderen, immer tiefsinnigen Gedichten und Prosa- und Musikstücken. Bezeichnend für den Trauermarsch-Fetischismus der Franui ist nicht nur der Aficionados altbekannte Zugabe-Trauermarsch (lostzns obi, losstzn obi, lossztn obi den Falott), sondern auch die Beziechnung der drei Teile als vor-vorletzter, vorletzter und letzter Teil. Die phänomenale Musikalität der Franui läßt auch die eigenartigsten Texte nie kitschig werden, haben oftmals tiefgründigen Humor – welcher gut auch ohne die tollpatschige gewollt osttirolerische Rede n des sonst wunderbaren Adnreas Schett auskommen könnte.

Die externen Mitwirkenden rundeten ein Programm ab, auf das man als zuhörender Laie nie kommen würde. Gegen Ende zu wird das Programm immer melancholischer (siehe „Trauermarsch“), aber es bleibt stimmig. Habjan als Puppenspieler, erstaunlicher Sänger und begnadeter Pfeifer bleibt ein Original, das man erfinden müsste, wenn es ihn nicht gäbe.

Standing Ovations nach mehr als 3 Stunden Programm.

Das ambitionierte Projekt Verteidigung der Demokratie, eine Politshow von Christine Eder und Eva Jantschitsch im Volkstheater ist nicht nur zu diesem Zeitpunkt äußerst wichtig, sondern auch ausnehmend gut gelungen. Das Stück mit Musik baut auf den Verfassungsentwürfen von Hans Kelsen am Beginn der Republik Österreich nach dem Ende des 1. Weltkrieges auf und zeigt die Kontroversen zwischen Kelsen und Ludwig von Mises (Österreichische Schule der Nationalökonomie und Begründer des Instituts für Wirtschaftsforschung) bezüglich des Freiheitsbegriffes auf: Kelsen betont die individuellen Bürgerrechte, Mises die Bedeutung des Privateigentums für die persönliche Freiheit: nur jemand, dem niemand etwas vorschreiben kann, weil man dessen Eigentum verwendet (zB mietet), ist tatsächlich frei. Kelsen ist da strikt anderer Meinung und betont, dass Privateigentum aber schon gar nichts mit Freiheit zu tun habe. Das Stück läßt dann den radikalen Marktbefürworter Friedrich von Hajek auftreten, der sich gegen John Maynard Keynes positioniert, Thatcher und Reagan und der Wirtschaftspolitik beeinflußt, da er laut Stück (und Stephan Schulmeister) durch die Gründung der Mont Pelerin Society in der Schweiz langfristig der Marktideologie auch in der Volkswirtschaftslehre zum Durchbruch verholfen hätte. Ich selbst hänge dieser Verschwörungstheorie nicht an, wenn ich auch Hajeks, dann Friedmanns Neoliberalismus und dessen Deutungshoheit anhänge. Weiter geht es zu den Chicago Boys, die nach dem CIA-geförderten Sturz Salvador Allendes Chile zum Vorzeigeland des Neoliberalismus gemacht haben: Flexibilisierung der Löhne und Arbeitsbedingungen, faktische Abschaffung der Gewerkschaften, Privatisierungen großen Stils, auch des Pensionssystems und Schulwesens. Die Spätfolgen dieser den gesellschaftlichen Zusammenhalt zerstörenden Politik („there is nothing like society, there are only individuals“ (M. Thatcher)) werden in den letzten Jahren vermehrt sichtbar. Nach dieser gewaltigen Tour d`horizon über die Wirtschafts-und Demokratiegeschichte, die immer wieder mit den einzelnej Lebensstationen Kelsen gespickt ist (Wien, Deutschland, Schweiz, Prag, USA – immer wieder Lehren in neuen Sprachen) und sehr clever die jeweiligen Protagonisten der Ökonomie vorstellt, zerstören die Darstellerinnen wütend das aus Blöcken aufgebaute Gebäude der herrschenden Ökonomie – und nehmen dabei gleich die Demokratie, deren Gebot des Dialogs und Ausgleichs mit. Aktuelles wird immer wieder durch dazwischen geschaltete Telefonanfragen verunsicherter Bürger an eine offizielle Stelle zur Darstellung der Demokratie (oder so ähnlich) veranschaulicht, wo es um Terrorismusangst, Migrantenangst, Sicherheitsangst und andere Ängste, die zunehmend die Bürgerinnen verunsichern geht: all diese werden durch bürokratische Endlosfloskeln beantwortet. Der zunehmende Abbau von demokratischen Grundrechten, die im totalen Überwachungsstaat münden (können) wird zur End-Dystopie dieses Abends. Zwischen den einzelnen Phasen immer wieder hervorragende Musiknummern von Eva Jantschitsch, zum Teil mit entstellten Tönen, wodurch trotz extremer Lautstärke die Texte kaum verständlich sind. Diese über die Bühne zu projizieren, wäre eine große Hilfe.

Die Inszenierung dieses Stückes ist grandios, mit einfachsten Mitteln und großer physischer und vor allem mnemotechnischer Leistung der Darstellerinnen. Ich fürchte nur, dass für die Nicht-Eingeweihten Ökonominnen und Demokratiebeflissenen im Publikum das rasante Sprachtempo die Verständnisfähigkeit auf eine allzu harte Probe stellt: schade.

Als (kritischer) Ökonom hätte ich mir eine intensivere ökonomische Beratung bei der Stückerstellung gewünscht, das hätte vielleicht etwas mehr Ordnung in das riesige herangezogene Material gebracht. Die Schau, die teilweise in der Inszenierung an die alten Brecht-Inszenierungen (etwa „Die Mutter“) erinnern, aber viel dynamischer angelegt sind, ist äußerst verdienstvoll, qualitativ hochwertig umgesetzt. Besonders verdienstvoll ist die Wiederbelebung Kelsens und seine wiederholt vorgebrachte Meinung, dass Demokratie nichts mit Privateigentum zu tun hat, also auch mit genossenschaftlichem und öffentlichen Eigentum verbunden sein kann. Angela Merkels Diktum von der „marktgerechten Demokratie“ wird somit ad absurdum geführt und sollte schleunigst auch bei unseren Politikern auf dem Misthaufen der falschen Gesetzmäßigkeiten entsorgt werden. Frenetischer Beifall, auch von den vielen Jugendlichen im Auditorium.

Buchtipp: Perfidious Albion von Sam Byers, Faber&Faber 2018. Ein dystopischer Roman, der ungeheuer packend die nicht unrealistischen Möglichkeiten der neuen Digitalisierung schildert, die Manipulation der öffentlichen Meinung, die ungeheure Machtzusammenballung bei den Datenbesitzern – und die Ausgeliefertheit auch der Kritischsten an die Manipulation dieser. Das Bild vom Großen Bruder aus 1984 steigt auf, hoch technisiert, aber ebenso mächtig. Es geht um das nur langsam sichtbare „Experiment“ einer anonym bleibenden Firma, angeblich einen Wohnblock im öffentlichen Eigentum zu übernehmen und die noch verbleibenden Mieter hinauszuekeln. Darauf hin bilden sich Unterstützergruppen, Gegner, die aufeinander und die Mieter losgehen: alles ist von denselben Mächten gesteuert. Drei Frauen – und die ihnen teilweise zugehörigen Männer – versuchen auf unterschiedliche Weise, nachdem sie langsam in Schritten hinter die Machenschaften kommen – auch diese Versuche sind von den Machthabern manipuliert – sich gegen dieses Experiment, das sich eine stinknormale mittlere Kleinstadt als Exerzierfeld ausgesucht hat, zu wehren, bevor der Algorithmus auf ganz England ausgeweitet wird. Die eine Frau arbeitet in dem Manipulationsbetrieb (hier weiss keiner vom anderen wieviel dieser weiss, und keiner weiss alles), sie ist in den Medien angreifbar weil sie in einer Dreierbeziehung lebt, vom Arbeitgeber angreifbar, weil sie in ihrem Curriculum eine Gewalttat stehen hat); die zweite ist scheinbar extern objektiv, hat aber eine Reihe von Internet-Persönlichkeiten erfunden, mit denen sie die zunehmend fremdenfeindlichen und reaktionären Kolumnen ihres Liebhabers attackiert – natürlich ohne desssen Wissen; die dritte ist auch technisch hochbegabt und scheint sich eher erotischen Manipulaitonen hinzugeben: diese drei versuchen, die Manipulation aufzudecken, Nummer 1 muss sich zum Schutz ihrer Familie einkaufen lassen, Nummer 3 bleibt außen vor, und Nummer 2 scheint aus dem Ganzen halbwegs intakt hervorzugehen. Allerdings bleibt dies offen, da sie nach dem Auffliegen des gesamten Irrsinns (oder der realistischen Zukunft) erstmals wieder die Natur wahrnimmt und „Petrichor“ denkt. Ich mußte diesen Begriff googeln: er bedeutet den feinen Geruch, der nach einem Regen von der warmen Erde aufsteigt (????). Danach ddreht sie ihren Computer auf – und das Buch schließt vielleicht folgerichtig mit der „Fehlermeldung 404: Die Seite, die Sie suchen, existiert noch nicht“. Irritierend, aber nicht unlogisch.

Im Hamakom Theater Nestroyhof spielt das grandios choreographierte und gut gespielte, aber rätselhaft bleibende Stück von Alfred Drach „Das Kasperlspiel vom Meister Siebentot“. Vordergründig geht es um Populismus, soweit verständlich: die Kasperlpuppe (aus Sägemehl) wird durch eine Blutspende des Publikums lebendig und spielt dessen Aussagen in etwas abgeänderter Folge zurück, wodurch sich neue Bedeutungen ergeben. Es spielen eine (Horvathsche) armselige Hure und ihr Zuhälter, ein Schuster, eine Tänzerin, ein Lehrer, zwei Soldaten, die immer wieder in unterschiedlichen Formationen auftreten und vom Kasperl Meister Siebentot, der die Abgünde menschlichen Handels darstellt beamtshandelt werden. Die ihm folgen, werden mit einem Kasperlhut belohnt. Im Programmheft wird die anarchistische, antifaschistische Haltung Drachs, der das Stück 1935 als Anti-Hitler-Stück begann beschrieben. Dennoch läßt mich das Stück ratlos zurück. Tolle sängerische und darstellerische Leistungen und eine exzellente Inszenierung wiegen diese Ratlosigkeit nicht auf.

Im Theater an der Wien eine fulminante Aufführung von Händels „Teseo“, einem Medea-Stück. Wunderbare Musik, dirigiert von Rene Jacobs mit der auf Originalinstrumenten spielenden Berliner Akademie für Alte Musik, einem entsprechend personell reduzierten Arnold Schönberg Chor und (fast) durchgehend fantastisch besetztem Ensemble machen diese Aufführung zu einem Erlebnis. Das Ganze ist zeitlich in die Zeit am Ende des 2. Weltkrieges versetzt (stimmiger und zu heute passender wäre das Ende des 1. Weltkrieges gewesen) und spielt in einem barocken Adelspalais mit wunderbarer Ausstattung, welches an das Stadtpalais Liechtenstein erinnert. Es geht um die letzten Schlachten eines Bruderkrieges, die vom unbekannten Teseo für den König von Athen, Egeo, gewonnen werden. Egeo hat der Königstochter Medea, einer Zauberin, für ihre Schlachthilfe die Ehe versprochen, entbrennt aber nun plötzlich für sein Mündel Prinzessin Agilea, die ihrerseits Teseo liebt wie er sie. Die unglückselige Medea, die nicht in der Liebe, sondern nur in der Rache und Vernichtung der RivalInnen ihre Befriedigung finden kann (dem sind schon ihr Bruder und ihre Kinder zum Opfer gefallen) wütet im Zorn, verspricht jedoch hinterhältig Teseo, dass sie sich beim König für seine Liebe zu Agilea einsetzen wird – tut sie aber nicht und bringt Agilea fast um, läßt sie aber leben, damit diese Teseo entsage und ihm dies selbst mitteile. Agilea stimmt zu, um Teseo, dem Medea andererseits den Tod androht, zu retten, kann dies jedoch nicht und gesteht Teseo alles. Es soll zur Hochzeit kommen, dabei aber will Medea, dass der König Teseo vergifte, was dieser vorhat. Er erkennt jedoch plötzlich in Teseo seinen verschollenen Sohn, beschimpft Medea, die sich in letzter Raserei selbst den Tod gibt.

Dies alles ist bemerkenswert inszeniert, wobei einige der Zauberszenen (die Elevation Medeas, die Monster, die an Teseo nagen) ebenso entbehrlich sind, wie die Heroin- und Alkoholsucht Medeas. Grandios ist vor allem Gaelle Arquez als Medea, die in wunderbarer Petrol- und dann roter Robe und mit ungeheurer Vitalität und Monstrosität die Rachegeöttin Medea gibt und stimmlich fast unübertroffen agiert. Blass gezeichnet die „gute“ Agilea, Mari Eriksmoen, als Gegenpol, die die schwierigsten und längsten Koloraturen meistert und berührende Liebesduette mit Teseo singt. Dieser wird von Lena Belkina vielleicht am relativ schwächsten gesungen und kann, da einen Kopf kleiner als Medea und auch Agilea, die Rolle des heldischen Liebhabers nur unglaubwürdig darstellen (ja, auch die Optik spielt in der Oper eine Rolle). Ob hier die Besetzung mit einem (weiteren) Countertenor nicht besser gewesen wäre. Dennoch wächst auch sie in den Duetten zu berührender Form auf. Christophe Dumaux als König Egeo singt sehr schön als Counternor timbriert den eifersüchtigen, geilen und dann wütenden, letztlich großherzigen König, der der „Stimme des Blutes“ nachgibt und zugunsten seines wieder gefundenen Sohnes Teseo auch auf den Thron verzichtet. Ausgezeichnet auch das Neben-Liebespaar Clizia (Robin Johannsen) und Arcane (Benno Schachtner), die es leichter haben, da sie nur durch eine einzige Verwirrung zur endgültig vom König abgesegneten Liebe gehen müssen.

Händels Musik ist ganz wunderbar, die kammermusikartige Orchestrierung bringt wunderschöne lyrische und orkanartige Ausbrüche hervor. Insgesamt eine ganz großartige Vorstellung.

Ist es ein „Sittenbild“ der Medienbranche, das sich in „Der Untergang des österreichsichen Imperiums oder Die Gereizte Republik“ im Theater an der Gumpendorferstraße ausbreitet? Jedenfalls eine ganz tolle Inszenierung, in welcher die bis auf Blut und die Zähne gehenden Auseinandersetzungen in der gezeigten Realität kontrastiert werden mit idyllischen Landschafts-, Lauf- und Wasserfall-Badebildern, die sich die Protagonisten offenbar so sehr wünschen. Es geht um acht Schreibende, die sich wie schon viele Jahre vorher (mit Ausnahmen) in einer feudalen Villa am Semmering treffen, um – unter Wegsperren der Handies – miteinander zu plaudern, zu diskutieren, zu streiten, mit einem gräßlichen neudeutschen Wort „abzuhängen“. Grotesk, aber wirklich witzig sind die immer wieder eingestreuten „nach unserer Tradition……“ (zB gehen die Männer jetzt kochen; oder: trinken die Frauen einen Campari Soda), die die aufbrechenden Existenzprobleme, Eheprobleme, und vor allem Berufsprobleme durchbrechen. Einer der acht, der jüngste, früher Schützling einer der Frauen, ist nunmehr Herausgeber oder Chefredakteur eines kommerziell sehr erfolgreichen Boulevardblatts (lies: KronenZeitung), die meisten anderen sind 50 plus, und offenbar durch verschiedene Ereignisse nicht mehr „angestellt“, sondern Freiberufler. Die meisten sind/waren „links“ und „kritisch“, der Junge ist es nicht: der biedert sich an die neuen Machtverhältnisse an, ist erfolgreich und lockt die Prekären, die vom „guten Journalismus“ träumen, mit Lockangeboten („Du kannst alles schreiben, was Du willst; ich will Dich, nicht Deine Meinung….“). Diese wanken und zögern. Standhafter sind die Frauen, obwohl auch nicht ganz eindeutig. Letztlich kommt es zum Faustkampf der einen Frau mit dem Jungen, der früher ihr Schützling war, sie aber auf dem Weg nach oben nicht mitgenommen hat. Sie besiegt ihn mit ihrer brutalen Kampftechnik – eine Weile sieht es so aus, als ob sich (fast) alle anderen in den Blutrausch mitnehmen lassen, doch lassen sie es bleiben. Der scheinbar Besiegte offeriert, den anderen die Füße zu waschen, wobei er allerdings den einen oder anderen ausspart. Letztlich bleibt er Sieger: Rechte Kommerz hat gegen linken Journalismus gewonnen.

Das Stück ist gespickt mit ganz aktuellen Erwähnungen von Ereignissen der jüngsten Zeit, vielleicht zu plakativ: dennoch zeigt es gut den nach rechts drehenden Zeitgeist Europas und Österreichs an – und dabei auch den Einfluß der Medien: zwar wird die potenzielle Macht des 4. Standes (Medien) als zu Ende beurteilt, der junge, in seiner Selbstverliebtheit und seinem Erfolg sich suhlende Medienmacher jedoch zeigt, dass Regierungspropaganda sich für einige bezahlt macht.

Hervorragende Schauspielerinnen-Leistungen mit hohem körperlichem Einsatz, tolle Musikeinlagen und schräge, aber hervorragende Inszenierungs-Ideen machen dies zu einem Danse Macabre der 2. Republik. Absolut sehenswert!

Ein anderer Buchtipp: erstmals habe ich etwas von Evelyn Waugh gelesen und war fasziniert. A Handful of Dust“ aus dem Jahr 1934 zeigt die Ignoranz und Dekadenz der englischen Adelsgesellschaft zwischen den Kriegen auf in einer ganz nüchternen, aber raffinierten Sprache. Haupt-Protagonisten sind ein junges Paar auf einem viel zu großen Landgut, welches eine beispielhaft glückliche Ehe führt, zumindest scheint es so nach außen. Der Mann ist auf dem Gut aufgewachsen, letztlich ist es ihm „mehr wert als alles andere auf der Welt“. Die junge Frau scheint die Idylle zu genießen, beginnt aber – ohne dass die Gründe hiefür erläutert werden – mit einem „Undesirable“ fremdzugehen – und entfernt sich immer weiter von Mann und Kind, welches ohnedies einer Nanny anvertraut ist. Sie nimmt eine einfache Wohnung in der Stadt, ihr Mann, der vermeint, dass sie ein Volkswirtschaftsstudium !!) begonnen hat, schiebt seine lange ventilierten Pläne, sein Haus zu modernisieren, auf um ihr das bieten zu können. Sie bewegt sich in einem Zirkel von Frauen (teils neu aus London, meist jedoch auf ihrem vorigen Kreis), die ohne irgendwelche Gewissensbisse oder Schuldgefühle ihrem Mann gegenüber, sie in ihrer neuen Umgebung bestärken. Auch sie selbst scheint keinerlei schlechtes Gewissen zu empfinden, ja sie versucht sogar, ihn mit einer anderen zu verkuppeln (was abolut mißlingt).Durch einen Unfall stirbt das Kind („niemand ist schuld“!!!!), sie nimmt dies zum Anlaß, ihn um die Scheidung zu bitten. Durch ihre exorbitanten Alimenteforderungen (natürlich willigt er ein, die Schuld auf sich zu nehmen, Gentleman der er ist) kommt er auf ihre Untreue, sieht plötzlich ihre Intrigen ein, und beschließt, auf Abenteuerreise zu gehen. So kommt er in den Amazonas, als Gentleman-Explorer nach der Suche nach einer nie zuvor gesehenen Stadt. Dabei kommt er fast um, wird von einem bei Indianern lebenden Halbweißen aufgenommen, der seine Malaria und sonstigen Wunden pflegt, und von ihm nur „Vorlesen“ erbittet, da er zwar eine große Bibliothek hat, aber nicht lesen kann. Es stellt sich heraus, dass er den Briten quasi als Gefangenen hält, ihn nicht wegläßt und während eines induzierten Fieber- und Halluzinationsschubes eine Suchexpedition mit Hinweis auf einen Grabhügel wegschickt. Unser Held geht im Urwald verloren. Zuhause erbt nicht seine (Ex-)Frau, sondern verarmte Verwandte Haus und Gut und ziehen dort – die Geldnot ruft – eine Silberfuchsfarm auf, auch mit dem Ziel, das Anwesen wieder zu seiner früheren Glorie zu führen. Zu seinen Ehren bauen sie auf dem Anwesen ein Denkmal mit der Inschrift „Anthony Last of Hetton, Explorer, Born at Hetton 1902, Died in Brazil, 1934“ auf.

Die Art, wie Waugh diese unglaubliche Geschichte, die Mindsets der Hauptcharaktere, aber auch die Gesellschaft beschreibt, ist unnachahmlich konzise, unverschnörkelt und präzise. Nachlesenswert.

Werner Schwabs „Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos“ im Akademietheater macht eine einheitliche Bewertung schwer. Die grauenhaften Verhältnisse der Mieter eines Zinshauses, hier die frömmelnde Mutter mit ihrem sich als Künstler (Maler) fühlendem verkrüppelten, vielfach mißbrauchtem Sohn, der sich in Träumen und Fantasien den Tod seiner „Mutti“ sehnlichst herbeiwünscht, die Familie „mit Migrationshintergrund“ aber österreichisch sein wollenden Nachbarn Kovacic, mit reichsdeutscher Mutter, voll mit Angestelltemstolz protzendem Vater, der seine minderjährigen Töchtern nicht nur befingert, sondern brutal vergewaltigt, und darüber die vor Hass auf die Mieter, auf die Menschheit, auf sich selbst (alter Ego von Schwab?) thronende, reiche Frau Grollfeuer, all dies wird in typisch Schwabscher Manier und Unmanier langatmig abgefeiert. Das Ganze wird gemildert dadurch, dass es durch das grandiose Puppenspiel von Regisseur und Puppenführer Nikolaus Habjan, plus einige andere, stark abstrahiert wird: einzig Frau Grollfeuer wird 1:1 lebendig und fantastisch durch Barbara Petritsch dargestellt. Regie und Ausstattung sind hervorragend, besonders eindrucksvoll das auf den Vorhang porträtierte wunderschöne Gesicht von Petritsch in rätselhafter Mimik, ebenso wie die Lichtregie in der fulminanten Schlußszene, als Grollfeuer mit ihren ungeliebten Mit-Mietern die ganze Menschheit (und sich selbst) zerstört. Der ganze letzte Akt versöhnt mit den ersten beiden, von denen jedenfalls die Darstellung der Familie Kovacic reichlich überflüssig für den Höhepunkt des dritten ist. Im letzten monologisiert Petritsch über ihr hasserfülltes, liebeloses, verkommenes Leben, das sie weitgehend allein mit ihrem Hass auf sich selbst und die Umwelt – mit Ausnahme einer kurzen Phase mit dem Gynäkologen und Psychoanalytiker Grollfeuer – verbracht hat. Hier wächst Schwab über den sonst sehr stark an Thomas Bernhard erinnernden Sprachduktus hinaus. Der Regie mit Petritsch gelingt hier ein berührender, überzeugender Monolog mit Tiefgang. Die Sprache der Grollfeuer mit ihren non-sequiturs, ihren Wiederholungen, ihren Analogien schafft, a la Wittgenstein, ein tieferes Bewußtsein über die Armseligkeiten der menschlichen Existenzen. Inwieweit dies über Grollfeuer hinaus verallgemeinerbar ist, bleibe dahingestellt. Ich sehe darin die Lebenserzählung des Schwab selbst. Der Kontrast zur Sprache der anderen Mieter, vielleicht mit Ausnahme des Krüppels in seiner Traumerzählung, ist gewollt und stimmig. Der Krüppelkünstler verdient sich dadurch auch die Umarmung und Forttragung seiner Leiche durch Frau Grollfeuer, vielleicht eine Andeutung von Liebe ihrerseits?

Der Eidnruck bleibt gespalten: zur Pause dachte ich mir, dass ich mir eigentlich diesen Schmarrn nicht weiter ansehen wolle, obwohl die Regie außerordentlich ist. Der dritte Akt entschädigt jedoch für die Längen und Überdrüsse der vorigen mehr als genug. Einige Kürzungen wären anzuraten.

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