Winteroper 2018


Hochkonzentriert und vor allem sängerisch großartig Don Carlos von G. Verdi in der Kammeroper. Schillerfans werden vielleicht nicht ganz auf ihre Rechnung kommen, da diese von vielen Don Carlos-Versionen sehr geschickt primär auf das Familiendrama der Habsburger setzt: eine dysfunktionale Vater-Sohn-Beziehung, die noch verstärkt wird durch die Tatsache, dass der Vater Philipp den Sohn Carlos die Braut wegschnappt, eine Geliebte-Geliebter-Beziehung zwischen Elisabeth und Carlos, die nicht nur am Vater, sondern auch an der staatsfrauischen Verantwortung Elisabeths scheitert, eine Freund-Bruder-Beziehung zwischen Posa und Carlos, der eine politischer Idealist, der andere zerrissener Biedermeier-Romantiker – und das alles vor der Drohgebärde und dem Machtanspruch des Großinquisitors, mit dem Philipp Posa einerseits droht, von dem Philipp aber seine Herrschaft bedroht sieht, und dem anderen Gegensatzpaar Elisabeth-Eboli, die eine „Mutter Maria“, die andere Magdalena. Das alles ist sehr folgerichtig und vor allem zeitlos von Regisseur Dutrieux gedacht, und auch in einigen Bildern (zB in der ersten Szene das Erscheinen Elisabeths vor dem Finster im dunklen Nachthimmel, während Carlos im Schloss schmachtet) eindrucksvoll umgesetzt. Allerdings erinnert die Statik der Figurenführung an 1950er Walküre-Aufführungen: meist stehen die Protagonistinnen stocksteif, und bewegen sich kaum. Natürlich hängt das auch mit der Enge der Bühne zusammen, aber viele andere Kammeroperaufführungen waren weit dynamischer. Als zweite Kritik möchte ich anbringen, dass die Lautstärke der Sängerinnen unangebracht ist: erst gegen Ende – vielleicht weil die Kraft ausgeht – zeigen Elisabeth, Posa und Carlos auch Pianissimo-Stellen, von denen es in dieser grandiosen Oper viel mehr gäbe. So singen sie die ersten 2 Stunden aus vollem Halse – dem kleinen Haus absolut unangemessen.

Aber das Positive überwiegt bei weitem: vor allem Jenna Siladie als Elisabeth sticht aus dem durchwegs überragenden Ensemble hervor: hoheitsvoll, Liebe der Staatsraison opfernd singt sie ihre Arien wunderbar (wenn auch zu laut). Ihr liebender Gegenpart Andrew Owens fällt anfangs durch schneidenden Tenor auf, der sich aber im Verlauf wunderschön der zerrissenen Seele anpasst; Kristjan Johannesson als Posa ist makellos, wenn ihm auch gegen Ende einige Kickser passieren: wunderschön jedoch seine letzte (Sterbe-)Szene; Dumitru Madarasan als Philipp orgelt eindrucksvoll und bringt das Dilemma zwischen hybrider Staatsverantwortung („ich beherrsche die halbe Welt“) und Nicht-Lieben-Könnender eindrucksvoll auf den Punkt; Tatiana Kuryatnikova als impulsive zurückgewiesene, aber letztlich bedauernde Rächerin bringt klangvollen Schwung, und Ivan Zinoviev als großkotziger Inquisator, der seine Kirchenmacht voll für seine weltlichen Machtgelüste ausnützt, wirkt glaubwürdig sinister.

Das Wiener KammerOrchester unter der Leitung von Matteo Pais unterstützt formschön, manchmal wirkt die Einfachbesetzung der Instrumente aber etwas dünn. Dennoch: diese Großoper als Kammerstück und Familienaufstellung zu bringen, hat sich bewährt.

Noch eines: so wichtig und gut die Übertitelungen sind: sobald die Bühne erleuchtet ist, sind die Schriftzüge kaum mehr lesbar: dies sollte dem Lichtregisseur doch aufgefallen sein. Bitte um Abstellung!

Wunderbar beklemmend sind Musik und Inszenierung der „Die Weiden“ von Johannes Maria Staud (und Durs Grünbein) in der Staatsoper. Die Kombination der tollen, sich bewegenden Flusslandschaften auf dem Riesenvorhang mit real sichtbaren Aktionen und einer äußerst vielfältigen, hunderterlei Stimmungen ausdrückenden grandiosen Musik ist ein wirkliches Erlebnis. Unwahrscheinlich, wie viele unterschiedliche Wassertöne (von tropfend, zu strömend, von ruhig fließend zu tsunamiartigen Überschwemmungen) Staud hier hervorzaubert und mit Klangteppichen versieht, die einem zwar nicht, wie bei Wagner intendiert, das Denken nehmen und die reine Emotion bedienen, sondern eine sich steigernde Beklemmung des unausweichlichen bösen Endes ansteuern. Äußerst praktisch und effektvoll ist die Nutzung der sich meist drehenden ansteigenden Drehbühne, die Szenenwechsel praktisch im Vorbeilaufen ermöglicht, aber auch die Dynamik der Bootsfahrt und des Unheils sichtbar macht. Einige der Ideen wirken zwar lächerlich, so erinnert das an Seilen hängende Kanu an die 3 Knaben-Gondel in der Zauberflöte, doch ändert das nichts am äußerst positiven Gesamteindruck dieser Inszenierung, die zeigt, dass man heute Oper auch formal neu und äußerst interessant gestalten kann. Die vielen Sprechpassagen erleichtern das Verständnis für die Handlung, allerdings sollte man dem Protagonisten Tomasz Konieczny (Peter) neben seinem hervorragenden Singen einige Stunden an deutscher Intonation anbieten: es ist eigentlich nicht einsehbar, dass man ihn (wie auch in anderen Opern) hier kaum verständlich nuscheln läßt. Dies wird noch auffälliger als seine Liebe-Partnerin Lea (Rachel Frenkel) – auch nicht in deutscher Umgebung aufgewachsen – nicht nur grandios singt, sondern sehr verständlich, wenn auch manchmal etwas zu leise, spricht. Die Nur-Sprechrollen des identitären Komponisten Krachmeyer (Udo Samel), der unausstehliche Faschismus-Text exzellent bringt, sowie die der atemlosen und möglicherweise auch inhaltlich überwältigten Reporterin (Sylvie Rohrer) tragen wesentlich zur Dramatik der gesamten Szene bei. Grauenhaft effektiv Wolfgang Bankl als Demagoge, dessen Rede an Qualtingers Lesung von Karl Kraus Die letzten Tage der Menschheit erinnern, und zwar an die Heimstunde der Cherusker in Krems, bei denen das faschistische „Heil wie Hedl klingt“.

Unverständlich bleibt (mir), warum die Vorauskritik Grünbeins Libretto überschwänglich gelobt hat: viele der Text sind genauso platt wie jene des Opern-Standardrepertoires. Staud erfreut die Besucher mit einer Reihe von musikalischen Zitaten, etwa aus Meistersinger, oder die Anlehnung an die Walküren-Rufe (Heijaho), und anderes. Fantastisch seine Jazz-Szenen. Äußerst wirkungsvoll auch das Zusammenspiel von im Orchestergraben produzierter Musik und Zuspielung. Das Orchester unter Ingo Metzmacher macht das Zuhören dieser erstklassigen Partitur zu einem Erlebnis.

Sängerisch ist Rachel Frenkel als Lea allen anderen eine Klasse voraus: sie meistert die ungeheuer anspruchsvolle, fast die ganze Zeit auf der Bühne stehende, und dynamisch gestaltete Partie sehr überzeugend: ihre Suche nach den familiären zentraleuropäischen Wurzeln und nach der lokalen Erinnerung schrecklicher Ereignisse 1945 (negativ!), gepaart mit einer leidenschaftlich beginnenden, an der Nicht-Anpassung ihrerseits an die verdrängte Realität der Jetztzeit durch die lokale, sich immer mehr in Karpfen verwandelnde Bevölkerung zuende gehenden Liebe, ihre durch Außensicht erleichterte Standhaftigkeit gegenüber der Unmenschlichkeit und Xenophobie, ihr Grauen (verstärkt durch Begegnung mit einem untoten Opfer) am Ort des „alten“ Verbrechens, das macht und singt sie äußerst glaubwürdig. Sängerisch exzellent (wenn auch sprachlich defizient) Tomas Konieczny als ihr Liebhaber, der sich zuhause nicht von der Verdrängungsorgie der Seinen zugunsten seiner Liebe lösen kann; sehr gut auch die Braut Kitty (Andrea Carroll), die zwischen Anpassung und Beibehaltung der eigenen Identität laviert und spritzig singt, etwas schwach ihr Bräutigam Edgar (Thomas Ebenstein), dessen Tenor einfach zu schwach für diese von ihm ansonsten sehr gut dargestellte Rolle ist. Gut auch die Väter und Mütter von Lea und Peter, sowie die skurrilen Zwillingsschwestern Peters, Fritzi und Frantzi, deren Gehabe zwar dem Sinn nach unverständlich bleibt, die aber ihre Verhaltensauffälligkeit glaubwürdig, auch sängerisch, bringen.

Einige Kritiken haben die Story, in der es sehr aktuell um Verdrängung der Geschehnisse von 1945, sowie die damit einhergehende Ausgrenzung der anderen (Flüchtlinge, Juden, Städter) im Rahmen einer Liebesreise im Kanu entlang des Stromes geht, als zu holzhammerartig beschrieben. Ich bin hingegen der Meinung, dass eine solche „aktuelle“ Oper genau den nagel auf den Kopf trifft. Staud und Grünbein ist es hier gelungen, eine Parabel (die Verwandlung der Mitmenschen in hartmäulige Karpfen) mit wunderbarer Musik und Inszenierung (ganz großartig Andrea Moses und Jan Pappelbaum) in die heutige identitäre Gegenwart zu übersetzen. Ein großes Verdienst der Staatsoper, die dieses Werk in Auftrag gegeben hat.

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