Weibliche Ermächtigung wozu?


(Buchbesprechung, die Seitenzahlen beziehen sich auf die englische Version)

Feminismus, nicht Kapitalismus

In ihrem neuen Buch “The Double X Economy. The epic potential of empowering women” (Faber&Faber, London 2020) analysiert die renommierte, vielfach in internationale Bemühungen zur Frauen-Gleichstellung einbezogene britisch-amerikanische Oxford Professorin Linda Scott ökonomische Benachteiligungen von Frauen durch männliche Dominanz über die Zeit und über den Globus in leicht lesbarer Form. Ihre These: es ist nicht ein bestimmtes Wirtschaftssystem, zB der Kapitalismus, und es ist auch nicht ein bestimmtes Zeitalter, in welchem Frauen vom Arbeitsmarkt ferngehalten, ins Haus verbannt, vom Erbrecht und Grundbesitz ausgeschlossen, sexuell und wirtschaftlich ausgebeutet und von grundlegend aggressiven Männern unterworfen sind, sondern dies ist seit Menschengedenken und überall so. Natürlich differenziert Scott auch, aber das Grundmuster bleibt. Das Patriarchat ist allgegenwärtig. Die “grundsätzlich gewalttätigen” Männer haben sich die Ressourcen unter den Nagel gerissen. Dadurch seien sie grösser und stärker als die schlechter ernährten Frauen geworden, wodurch sie wieder die Frauen unterdrücken konnten. Das sei aber nicht in der Evolution so deterministisch angelegt, denn bei unseren Vorfahren, den Bonobos, gäbe es inklusive, die gesamte Bande gleichwertig einbeziehende Familienbeziehungen, während es beim zweiten Zweig unserer Vorfahren, den Schimpansen, das dominierende Alpha-Männchen gibt, das alle Rivalen um Reproduktion ausbootet, sich von den Weibchen hofieren lässt und sich einen Deut um den Nachwuchs schere, ja sie sogar, wenn sie nicht von den Müttern geschützt würden, töte und manchmal auch verspeise. Den Unterschied im Verhalten zwischen diesen beiden Vorfahrenfamilien erklärt Scott mit der Eindeutigkeit der Vaterschaft der Jungen bei den Schimpansen, während bei den Bonobos die Weibchen Sex mit mehreren Männchen hätten, sodass “pater semper incertus” sei, was sich auf das positive Familienverhalten der Männchen und der anderen Weibchen auswirke. Bei Friedrich Engels „Vom Ursprung der Familie“ klingt dies überzeugender.

Was ist die Double X Economy?

Was Scott mit ihrer “Double X Economy” wirklich meint, bleibt rätselhaft: ist es die Beschreibung der Wirtschaft, wie sie ist – also inklusive der weiblichen Diskriminierung – oder ist es, wie der Untertitel suggeriert, das ungehobene Potenzial, welches Gleichberechtigung im Wirtschaftlichen ermöglichen würde. Im Titel der deutschen Übersetzung, die eben im Hanser Verlag erschienen ist, (“Das weibliche Kapital”) wird eher auf letzteres verwiesen. Auf ersteres scheint Scott jedoch anzuspielen, wenn sie meint, dass ohne Frauen am Arbeitsmarkt die US-Wirtschaft um 40% kleiner wäre (p.132). Unglaubwürdig erscheint ihr Zitat einer internationalen Studie (p. 283), dass bei voller Teilnahme von Frauen am Welthandel das globale GDP um 140 Billionen $ (!!!) grösser wäre, das heisst weit mehr als doppelt so gross als das derzeitige (2019 war das Welt/GDP laut IMF 87 Billionen $).

Diskriminierung jederzeit und überall

Scotts Buch ist absolut lesenswert, da es eine breite tour d’horizon über Frauendiskriminierung über Zeit und Raum bringt und sich offenbar auf eine riesige Literatur stützt. Diese ist allerdings nicht wissenschaftlich genau zitiert, sondern in einem Mischmasch von erklärenden und Zitierungsfussnoten versteckt. Eindrucksvoll sind ihre (manchmal zu oft wiederholten) Fallbeispiele, zB über kenianische Mädchen (Scotts Lieblingsbeispiel), die bei Eintritt der ersten Menstruation die Schule verlassen, da sie keine geeigneten Sanitärprodukte hätten, um die Blutung  zu verbergen. Gleichzeitig werden sie dadurch sexuell verfügbares Freiwild für die Männer, die sie oft vergewaltigen. Die Gratisverteilung von Binden hätte dies behoben. Oder die weltweit verbreitete Praxis des Brautpreises, bzw. den gegenteiligen Tauschvorgang der “Ausstattung”, die beide dazu führten, dass die Braut bei der Heirat der Heimatfamilie verlustig geht und jener des Mannes als Quasifremde ausgeliefert sei, vor allem aber von diesem wirtschaftlich und sozial vollkommen abhängig werde. Dadurch würden junge Frauen zur Ware, mit der ihre Väter handelten. Oder eine Studie zu Business School Professorinnen in den USA, welche schlechter bezahlt, oft in “weiche” Fächer (human resources) abgeschoben und damit auch von lukrativen Nebengeschäften ferngehalten wurden. Oder die Mechanismen, mit denen Mädchen und Frauen vom Finanzsystem einerseits ausgebeutet würden (weniger Kredite, oft höhere Zinsen), aber auch nicht als Finanzakteure zugelassen würden.

Frauen als bessere Männer?

Mein Hauptproblem mit diesem Buch ist nicht die beeindruckende Fülle der Einzelheiten und Fallstudien zu Diskriminierung, auch nicht der oft naive Zugang zu Veränderungen, die Scott vorschlägt, sondern das Ziel. Es scheint, als ob Scott aus Frauen Männer machen wollte, unbeachtlich der Art der Ökonomie, die Männerdominanz heute mit sich gebracht hat. Sie scheint zu meinen, dass wenn Frauen gleich viel ökonomische Macht hätten wie Männer, dass es dann keinen Klimawandel, keine Unmweltzerstörung, keine Armut, keine soziale Ausgrenzung geben würde. Zumindest scheinen diese Verwerfungen, mit Ausnahme der Armut, die ihrer Sicht nach am besten durch Frauenpower bekämpft würde, sie nicht zu interessieren. Konkret attackiert sie die gegen den Neoliberalismus, bzw. Kapitalismus argumentierenden Frauen auf einer WTO Konferenz 2017 in Bünos Aires, die einer „Declaration on Trade and Women Empowerment“ nicht zustimmen wollten, da sie meinten, es gälte eher, die Folgen des so genannten Freihandels auf Entwicklungsländer und die Armen der Welt aufzuzeigen als die Unterdrückung armer Bäuerinnen durch arme Bauern. Diese dissidenten Frauenorganisationen argumentierten – meiner Meinung nach zurecht – dass “sie es satt haben, dass das Ziel der Gleichberechtigung der Frauen als zynisches Scheinargument zur Festigung des neoliberalen Welthandelssystems” herangezogen wird (p.285/6). Scott sieht dies gegenteilig, Frauenermächtigung geht ihr vor, auch innerhalb des bestehenden Systems.

Unbefriedigende Forderungen

Am Ende schlägt Scott drei Arten von Forderungen vor, eine für die USA, eine für Global Governance, die Lenkung der Weltwirtschaft und eine für Individuen. Jene für die USA enthalten das Verbot von Arbeitsvereinbarungen, welche bei Konflikten zwingend Schlichtung durch vom Arbeitgeber genannte Institutionen erfordern (dies scheint die übliche Vereinbarung in den USA zu sein, im Gegensatz von paritätisch besetzten Arbeitsgerichten in Europa); den Erlass aller Studienkredite (ein riesiges Problem in den USA, vor allem für Frauen, die aufgrund niedrigerer Gehälter viel länger mit Rückzahlungen belastet sind; Bernie Sanders hatte dies in seinem Wahlkampf gefordert); flächendeckende gratis Kleinkinderbetreuung (in den USA gibt es fast keine öffentlichen Kinderbetreuungsstätten, allerdings ermöglicht die Ganztagsschule die in Europa zusätzlich zu organisierende Nachmittagsbetreuung von Schulkindern); Verlagerung der Entscheidung über ungerechte Bezahlung von den Gerichten zur Exekutive (dies ist sehr aktuell, da die flächendeckende Besetzung von Bundesrichtern durch die Regierung Trump zu meist erzkonservativen, oft frauenfeindlichen Ernennungen führte); gleichberechtigte Teilnahme von Frauen an staatlich finanzierten Infrastruktur-Projekten, wie zB dem Green Deal (hier geht es primär um Arbeitsplätze); und neue Schutzmassnahmen für Hausfrauen und Mütter (über Alimenteregelungen hinaus). Die ist sehr amerikanisch und auf Europa nur sehr eingeschränkt anwendbar.

Auf der Weltebene beklagt Scott zu Recht die Verbannung von frauenspezifischen Themen bei den meisten Jahrestagungen der weltweiten Organisationen in spezifische Frauenkonferenzen, Nebenschauplätze, welche abseits der von Männern dominierten Hauptkonferenz stattfinden. Sie sieht Lichtblicke jedoch durch die Ernennung von Ch. Lagarde zur IMF-Chefin (jetzt Europäische Zentralbank), und würde sicher die aktuellen Ernennungen von Frauen zur Weltbankpräsidentin, zur Präsidentin der EBRD und zur WTO-Chefin begrüssen. Dies sind wichtige Schritte, ändern jedoch noch zu wenig an den Zusammensetzungen der meisten Gremien, die eindeutig von Männern dominiert werden.

Auf der individüllen Ebene plädiert Scott für “geschlechtsbewusste” Anlageprodukte, in die Frauen investieren könnten, für bedachten Konsum (fair trade), für gleichberechtigte Teilnahme am Arbeitsmarkt, für Frauenspezifische Nicht/Regierungsorganisationen und die allgemeine Hebung des Bewusstseins für geschlechtsspezifische Anliegen, sowie für bewusste Sprache.

Diese Vorschläge sind insgesamt enttäuschend. Nach dem Anspruch in weiten Teilen des Buches, der untedrückten “Frauenökonomie” zu ihrem Recht zu verhelfen, hätte ich mir stärker transformatorische Ideen erwartet. So bleibt der schale Geschmack “Frauen sollten werden wie Männer” übrig. Dennoch: für die Fülle der Fallstudien ist das Buch lesenswert, wenn es auch nicht viel Neues bringt.

Offenlegung

Offenlegung: Ich bin mir natürlich bewusst, dass ich als Mann einen “falschen” Blickwinkel auf dieses Buch haben kann. Die eben ausgebrochene Debatte, welche Identität ein Übersetzer haben muss, um “wahrhaftig” übersetzen zu können („kann ein weißer Mann das Gedicht einer schwarzen Frau „richtig“ übersetzen?) – ich halte sie für vollkommen fehlgeleitet –  geht in diese Richtung. Daher sollte jede und jeder, die/der diese Besprechung liest, im Auge haben, dass dies von einem Mann verfasst ist.


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