Beschleunigter Aufschwung: Woher nehmen?


Optimistische Prognosen

Am 9. März hat die Industriestaaten-Organisation OECD in ihrem OECD Outlook, Interim Report („Strengthening the Recovery, the need for speed”)1 ihre optimistischeren Wachstumsprognosen für die Weltwirtschaft veröffentlicht: sie erwartet für heuer ein globales Wirtschaftswachstum von 5.6% und für nächstes Jahr eines von 4%. Damit würde die Weltwirtschaft gegen Ende des heurigen Jahres bereits den Output von vor der Covid-Krise wieder erreicht haben und nächstes Jahr wieder in etwa den vorigen Wachstumspfad eingeholt haben. Das alles beruht auf der Annahme, dass die Durchimpfungsraten in den OECD-Ländern zwischen (je nach Land) Sommeranfang und Herbst erreicht sein werden. Jene in den weniger entwickelten Ländern werden allerdings erst viel später aufgeholt haben, nämlich dann, wenn die reichen Länder mit ihren Impfungen „fertig“ sind und Teile ihrer gekauften Impfdosen an die Entwicklungsländer weitergeben. Diese Zeitangaben scheinen überaus optimistisch.

Mindestens ebenso optimistisch ist Nobelpreisträger Michael Spence (2001, zusammen mit George Akerlof und Joseph Stiglitz) , der auch die teilweise hohen und steigenden Impfraten in der zweiten Jahreshälfte dafür verantwortlich macht, dass das Schlimmste überwunden ist („The shape of global recovery“, Project Syndicate, March 17,2021)2. Spence meint zwar, dass die während der Krise überhohen Wachstumsraten der Digitalisierungsindustrien abflachen werden, aber der Nachholbedarf im privaten Konsum vor allem in den beschäftigungsintensiven Dienstleistungssektoren für einen kräftigen Aufschwung sorgen wird.

Die OECD differenziert zwischen Nordamerika und Europa: während die USA (nach geringerem Rückgang 2020) heuer um 6.5% und nächstes Jahr um 4% wachsen sollen, kommt die Eurozone mit 3.9%, bzw. 3.8% viel langsamer vom Fleck. China (7.8%, 4.9%) und Indien (12.6% und 5.4%) explodieren förmlich,während Japan (2.7% und 1.8%) ein Nachzügler bleibt. Österreich wird von der OECD in diesem neuen Bericht nicht extra ausgewiesen, doch zeigen alle anderen verfügbaren Prognosen, dass wir zumindest erst verspätet wieder aufschliessen werden: die EU (2/2021)3 gibt uns heuer nur 2.0%, für 2022 allerdings 5.1%, der IMF (10/2020, also vor dem dritten Lockdown) 4.6%, bzw. 2.1%), die ECB (12/2020) 3.0% und 4.0%, die OECD im vorjährigen Outlook (12/2020) 1.4%, bzw. 2.3%. Diese Unterschiede spiegeln nicht nur die unterschiedlichen Zeitpunkte der Prognoseerstellung wider, sondern auch die großen Unsicherheiten bezüglich des Verlaufs der Covid Pandemie und vor allem der jeweils von den Regierungen getroffenen Schließmaßnahmen. Die Tatsache, dass die Prognosen, auch der heimischen Forschungsinstitute, in letzter Zeit stark nach oben gehen, könnte den Verdacht entstehen lassen, dass sie eher der Erzeugung einer für den Aufschwung notwendigen positiven Stimmung geschuldet sind als einer nüchternen Einschätzung der Schwierigkeiten, die vor uns liegen.

Verfrühter Optimismus

Den Optimismus des raschen Wiederaufschwungs teile ich nicht. Implizit gehen alle diese Prognosen davon aus, dass sich durch die mehr als einjährige Covidkrise mit ihren massiven Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und damit auf Produktion und Dienstleistungskonsum trotz der massiven finanziellen Maßnahmen von Seiten der Notenbanken und der Finanzministerien kaum etwas, jedenfalls nichts Gravierendes, an der künftigen Wirtschaftsstruktur und dem Verjalten der Wirtschaftssubkekte (mit Ausnahme einer stärkeren Digitalisierung und Home-Office-Orientierung bei Büroberufen) ändern wird. Es soll also im Grund zu einem Aufschwung wie nach jedem „üblichen“ Konjunktureinbruch kommen. Es stimmt es, dass in den OECD-Ländern die gemessenen durchschnittlichen Sparraten massiv gestiegen sind, weil die Konsummöglichkeiten beschränkt wurden. Aber gleichzeitig sind die Schlangen vor den Suppenküchen und Gratis-Essensausgabestellen massiv angestiegen. Sozialeinrichtungen sagen unisono, dass die Armutsraten stark angestiegen sind, dass vor allem in den angelsächsischen, aber auch den „neuen“ EU-Mitgliedsländern die privaten Ersparnisse von etwa 40% der Bevölkerung fast Null sind, sie ihre Fixkosten nicht mehr decken können. Sie haben zwar „aufgestaute Nachfrage“, aber wegen hoher Arbeitslosigkeit und Einkommensverlusten keine Kaufkraft. Sie werden kaum zu dem erwarteten allgemeinen Konsumboom beitragen. Viele Haushalte sind auch hoch verschuldet und werden zuerst ihre Schuldenlast abbauen, bevor sie möglichen Nachholbedarf im Konsum befriedigen können. Inwieweit sich Konsummuster (außer vermehrte Internet-Bestellungen) ändern werden, bleibt offen. Auch Unternehmen werden zuerst ihre hohen Schulden abbauen, bevor sie in unsicheren Zeiten und ohne klare Klimastrategien der Regierungen investieren werden.

Tourismus als Retter oder Belastung?

Inwieweit die weltweite Tourismus- und Reiseindustrie wieder in Schwung kommt, ist fraglich und hängt davon ab, ob Herkunfts- und Zielländer ihre Corona-Maßnahmen und die Akzeptanz ausländischer Reisender aufeinander abstimmen und koordinieren können. Hiezu gibt es derzeit keine internationalen Institutionen, die diese politisch heikle und schwierige Aufgabe übernehmen könnten. Die Illusion, etwa auch in Österreich, dass der Sommertourismus durch Deutsche und Holländer (und andere) durch unsere Impfraten möglich sein wird, ist genau das: es geht nicht nur darum, wie rasch Österreich impft, sondern auch, ob die Haupt-Herkunftsländer österreichische Destinationen als so „sicher“ ansehen, dass sie keine Reisewarnungen oder Isolation für Rückkehrerinnen aussprechen werden. Österreichs bisheriges Verhalten ist in den Herkunftsländern nicht unbedingt als vertrauenserweckend angesehen worden. Und auch wenn diese Länder Österreich einen Persilschein ausstellen, bleibt es noch immer der Risikobewertung des einzelnen Gastes überlassen, ob und wo sie hinfahren wird. Urlaubsdestinationen sind weitgehend austauschbar.

Hysteresis bei Produktion und Dienstleistungen?

Schauen wir auf die Angebotsseite: fraglich ist, wie viele Tourismus- und Klein- und Mittelbetriebe überhaupt wieder aufsperren werden, wie viele in Konkurs gehen werden und wie viele vom Markt verschwinden. Die Hoffnung, dass die Wirtschaftshilfen der Regierung allen das Überleben gesichert haben werden, wird durch die vielen Einzelmeldungen von KMUs, von Kulturbetrieben und Einpersonennternehmen und auch größeren Unternehmungen in Frage gestellt: im Zuge der Corona-Schließungen sind viele Zulieferketten gesprengt worden, in vielen Bereichen mussten und müssen neue Lieferpartner erst gefunden und getestet werden. Die geopolitischen Verwerfungen haben Zulieferungen aus China vor allem in High-Tech-Bereichen gesperrt, die Drittlandssanktionen der USA gegen ihre vermeintlichen Gegner führen zu schwierigen und kostspieligen Neuorientierungen. Die neuen Anforderungen an die Verantwortung europäischer Endfertiger für die Arbeitsbedingungen, ökologischen Standards und Antikorruptionsmaßnahmen ihrer Zulieferer erschweren und verteuern bisherige Geschäftsmodelle. Dazu kommen die Anforderungen an Unternehmen, ihren Beitrag zur Erreichung der Pariser Klimaziele deutlich zu steigern. Darüber hinaus sind viele Unternehmen hoch verschuldet und müssen bestrebt sein, ihre Schulden abzubauen. Dies wird ihre Investitionsbereitschaft schwächen.

Im Produktions- und Dienstleistungsbereich wird sich – wie bekannt aus der Arbeitsmarktforschung – ein Hysterese-Effekt einstellen. Das bedeutet, dass die jetzt bereits mehr als ein Jahr dauernden Einschränkungen langfristig negative Auswirkungen haben werden, also nicht mit einem erhofften Konsumrausch weg vom Fenster sein werden. Große CO2-Emittenten werden zunehmend einen hohen Abschreibungsbedarf ihrer in Zukunft obsoleten (aufgrund einer ernsthaften Klimastrategie der Regierungen) Anlagen haben, wenn es ihnen nicht gelingt – und auch das kostet Geld – CO2-neutrale Herstellungsverfahren zu entwickeln.

Aufschwung vor/nach/mit Nachhaltigkeit?

Keynes hat in den 1930er Jahren Roosevelt‘s New Deal, dem er grundsätzlich positiv gegenüberstand deswegen kritisiert, weil er nicht dem von ihm propagierten Zeitplan (zuerst Aufschwung, dann erst Strukturänderungen) gefolgt ist, sondern sich primär auf angebotsorientierte Änderungsmaßnahmen verlassen hätte, und diese mit etwa 5% des GDP als Fiskalimpuls einfach zu gering waren (siehe R. Skidelsky, „Sequencing the Post-COVID Recovery“, Project Syndicate, March 16, 2021)4. Die gesamten EU-Fiskalmaßnahmen sind mit etwa 5% des GDP ebenso hoch und bestehen aus einer Vermischung von Strukturmaßnahmen (im Rahmen des EU-Recovery Plans) und makroökonomischem Impuls bei den nationalstaatlichen Maßnahmen. Ich bin der Meinung, dass heute diese Keynessche Trennung nicht mehr Sinn macht, und dass es sinnvoll wäre, wenn die fiskalischen Maßnahmen der EU-Mitgliedstaaten, soweit möglich auch klimarelevante Auflagen enthalten würden. Man sollte die inhaltlichen Vorgaben des EU-Recovery Plans (Klima, Digitalisierung, Covid-Hilfen) zum Kern einer österreichischen Langfrist- und Wirtschaftsbelegungsstrategie machen. (So könnte man Hilfen an Tourismusbetriebe mit der Erstellung von langfristig tragfähigen (sanften?) Tourismuskonzepten verbinden, die Hilfen an Fluglinien mit Treibstoffauflagen, die Hilfen an größere Unternehmen mit Auflagen zur CO2-Reduzierung). Die österreichische Regierung gibt sich jedoch – wahrscheinlich ohne dies zu wissen – auf keynesianisches Terrain und schüttet relativ großzügig Wirtschaftshilfen ohne entsprechende Auflagen aus. Damit begibt sie sich der Chance, Wirtschaft und Arbeitnehmer auf künftige Herausforderungen frühzeitig einzustellen und mit den Hilfen zu verknüpfen. Dies würde allerdings eine konsistente Strategie erfordern, die gemeinsam mit Sozialpartnern, Expertinnen und Zivilgesellschaft zu erarbeiten wäre. Im Regierungsprogramm gibt es eine Vielzahl von vereinzelten Vorhaben dazu, doch ist bisher von einer solchen übergreifenden „Corona-Bewältigungs- und Nachhaltigkeitsstrategie“ nichts zu sehen.

Realismus statt Optimismus

Europa steht mitten in einer „dritten Welle“ von Covid-Infektionen. Die Bevölkerungen tragen die von den Regierungen vorgeschlagenen Maßnahmen immer weniger mit. Die Impfraten sind aufgrund von Mängeln bei der EU-Beschaffung, Lieferschwierigkeiten der Hersteller, aber auch chaotischer Umsetzung von Impfungen deutlich langsamer als in anderen Regionen. Auch ist bisher noch nicht klar, inwieweit und wie lange Vollimpfungen wirklich Immunität vor Ansteckung und Schutz vor Weitergabe von Viren garantieren. Dazu kommt, dass die Verwerfungen sowohl auf der Angebotsseite der Wirtschaften als auch der Nachfrageseite sicher nicht kurzfristig aufgeholt werden können, sondern Wirtschaft und Gesellschaft langfristig erschüttert haben. Dazu kommen die dringend notwendigen Umbaumaßnahmen in Richtung Klimaschutz, CO2-Neutralität und Digitalisierung. Die Verzerrungen im Finanzsektor, wobei die Kurssteigerungen der Weltbörsen den Wachstumsraten der Wirtschaften um ein Vielfaches vorauseilen, sind hier noch gar nicht angesprochen worden. Inwieweit die bevorstehenden Konkurswellen den zwar etwas besser als vor der Krise 2008 kapitalisierten Bankensektor negativ betreffen, ist unvorhersehbar. Der mindestens gleich große „Schattenbankensektor“ entzieht sich jeder Regulierung und verstärkt die Volatilitäten.

Man muss keine Kassandra sein, wenn man die überoptimistischen Prognosen der internationalen Organisationen in Zweifel zieht. Die österreichischen Wirtschaftsforschungsinstitute WIFO und IHS haben inzwischen, konkret am 26.3., nachgezogen. Das WIFO rechnet in seiner pessimistischen, einen dritten Lockdown enthaltenen Variante mit heuer nur mehr 1.5% Wirtschaftswachstum.

1https://www.oecd.org/economic-outlook/march-2021/

2https://www.project-syndicate.org/commentary/vaccinations-restore-overall-economic-growth-advanced-economies-by-michael-spence-2021-03?utm_source=Project+Syndicate+Newsletter&utm_campaign=8d2c6792d0-sunday_newsletter_03_21_2021&utm_medium=email&utm_term=0_73bad5b7d8-8d2c6792d0-104289517&mc_cid=8d2c6792d0&mc_eid=d0559ad606

3In Klammer das Datum der jeweiligen Prognoseerstellung

4https://www.project-syndicate.org/commentary/keynes-criticism-of-new-deal-relevant-to-covid19-by-robert-skidelsky-2021-03?utm_source=Project+Syndicate+Newsletter&utm_campaign=8d2c6792d0-sunday_newsletter_03_21_2021&utm_medium=email&utm_term=0_73bad5b7d8-8d2c6792d0-104289517&mc_cid=8d2c6792d0&mc_eid=d0559ad606

1 Comment

Filed under Climate Change, Crisis Response, European Union, Fiscal Policy, Socio-Economic Development

One response to “Beschleunigter Aufschwung: Woher nehmen?

  1. Giuseppe Pennisi

    I share your views Giuseppe

    Il Dom 21 Mar 2021, 18:30 Kurt Bayer’s Commentary ha scritto:

    > Kurt Bayer posted: ” Optimistische Prognosen Am 9. März hat die > Industriestaaten-Organisation OECD in ihrem OECD Outlook, Interim Report > („Strengthening the Recovery, the need for speed)1 ihre verbesserten > Wachstumsprognosen für die Weltwirtschaft veröffentlicht: sie erwa” >

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