Endlich wieder Live-Kultur


Nach längerem Warten im eisigen Wind öffnete endlich das Akademietheater am 27. Mai seine ersehnten Pforten: Impfpass, Check des Namens auf der personalisierten Eintrittskarte und letztlich Einlass. Trotz „Ausverkauft“ Schilds bei der Kassa recht spärliche Besetzung der Plätze, die Reihe vor uns war vollkommen leer.

Thomas Bernhards „Die Jagdgesellschaft“ zeigt in einer äußerst spannenden (gegen Schluß nachlassenden) Regie von Lucia Bihle die typisch Bernhardsche Resignation, das Warten auf den unvermeidlichen Tod, die sich selbst mehr oder weniger heile Welt vorspielende dekadente Gesellschaft. Der riesige Wald des Generals ist (von diesem unbemerkt) vom Borkenkäfer befallen und damit der kompletten Rodung gewidmet. Ist dies ein Anklang an den Kirschgarten von Tschechow, wo es auch um den Untergang eines (falschen) Lebensstils anhand eines Stücks Natur geht?

Das Jagdhaus des Generals ist ein Puppenhaus ganz in rot; die Kostüme aller Teilnehmer sind barockisierend ganz in Rot, alles ist rot. Die Schauspielerinnen agieren „künstlich“ (Brecht?), ihre Bewegungen sind abgehackt, fahrig, märchenhaft. Zwischen den einzelnen Szenen immer wieder schwarze oder dunkle Kürzestszenen-Flashes, die Düsteres ahnen lassen. Zwei lebende weiße Kaninchen (Alice im Wunderland?) werden geherzt, die von der Jagdpartie (General und zwei Minister, die ihn zum Rücktritt überreden wollen) geschossenen Hasen an den Beinen aufgehängt und von der Köchin verarbeitet, Zwillinge beleben die Nebenräume, richten Gewehre aufeinander, ein Prinz mit Prinzessin tanzt und lobt den General.

Der Dichter (Markus Scheumann, poetisch) soll der Generalin (Maria Happel, ausgezeichnet) während der immer längeren Jagd-Abwesenheit des Generals (Martin Schwab, grandios) Gesellschaft leisten, kommt ihr mehrere Male physisch näher (immer wieder unterbrochen), schwärmt ihr vom schönen Leben vor, erregt aber den Zorn des zurückgekehrten Generals, der von seiner Lebenslüge (ein Arm in Stalingrad abgerissen, deswegen großes Verdienst für das Vaterland) schwadroniert und den schwächlichen Poeten verhöhnt. Die Generalin, dem Poeten nicht abgeneigt, verkündet dennoch immer wieder die Verdienste des todkranken Generals, ganz unterstützende Ehefrau, die ihm die grauenhafte Boschaft, dass sein Wald sterben wird, nicht zumuten will. Das macht dann letztlich der Poet, worauf der General das Zimmer verlässt und sich erschießt. Dazwischen immer wieder der imposante Diener/Holzknecht Asamer (Jan Bülow), der mit Riesenaxt nicht nur Holz zerkleinert, sondern immer wieder durch das Zimmer schleicht, akustisch vom Boden untermalt und mit seinen extrem langen Haaren wie ein Bote aus der nächsten Welt erscheint.

Alles ist rätselhaft, aber doch durchschaubar, durchdrungen von Morbidität und Todesahnen. Die Farbgebung (alles ist rot) läßt an Märchen denken, hinter denen man aber doch eine sehr unangenehme Wirklichkeit verspürt. Sehr langer Applaus – endlich wieder face-to-face Theater!

Das MUMAZ Museum in Mistelbach zeigt eine sehr sehenswerte Ausstellung über das Volk der Maya in Zentralamerika (angeblich die meisten Artefakte, die je außerhalb Zentralamerikas gezeigt wurden). Eine hoch professionell kuratierte Show in diesem wunderschönen kleinen Museum zeigt einen kurzen Überblick über den historischen, großen Fußabdruck, den die Maya in Zentralamerika primär von vor Christi Geburt bis ca 1200 hinterlassen haben, mit großen Städten, monumentalen Steinbauten und Pyramiden im Regenwald, aber auch deren Handwerke (Textilien, Agrar, Töpferei) und ihr schwieriges Überleben und Aufrechterhalten von ca 30 verschiedenen Sprachen und kulturellen Traditionen. Jede, die Tikal oder andere Ruinenstädte gesehen hat (viel scheinen noch im Dschungel verborgen zu sein) kennt die Stelen, die Halbreliefs, die Steinpyramiden, die Wasseranlagen, aber auch die extrem grausamen Rituale, denen Gefangene geopfert wurden (ich erinnere mich besonders an das schrecklich anmutende Halbrelief, wo einer Gefangenen eine mit scharfen Dornen besetzte Schnur durch die Zunge gezogen wird, bevor sie getötet wird). Besonders eindrucksvoll aber sind die vielen wunderbaren Keramiken aus der vor- und klassischen Zeit (ca 250 vor Ch. Bis 600 nach Chr.), toll erhalten, von einer Kunstfertigkeit, die den eurozentrischen Menschen (mich!), der den „Ursprung der Kultur“ im antiken Griechenland verortet hat, mehr als beeindruckt. Auf jeden Fall sehenswert ebenso wie die sehr instruktiven Schautafeln der Entzifferung der mayaischen Hieroglyphen.

(Offenlegung: meine Enkeltochter hat einen Maya-Namen „Ixchel“, der in Mistelbach auch in einer Schautafel als Name einer Mondgöttin vorkommt)

Zur im selben Museum angesiedelten Hermann Nitsch-Ausstellung habe ich nichts zu sagen.

Die Staatsoper bringt mit „L‘Incoronazione di Poppea“ von Claudio Monteverdi eine äußerst ungewöhnliche Inszenierung. Highlights sind zweifellos die Sängerinnen und der Concentus Musicus unter der sehr klugen und intensiven Führung von Pablo Hera-Casado, sowie der außergewöhnlich breite Einsatz der Tänzerinnen mit einer spannenden, sehr stark unterstützenden und interpretierenden Choreographie von Jan Lauwers und Paul Blackman. Im Hinter- und auch Vordergrund wird ununterbrochen getanzt, manchmal wirkt das unruhig und lenkt von den Sängerinnen ab, meist aber bringt es eine tolle Zusatznote zum sonst eher statischen Geschehen auf der Vorderbühne. Auch die Sängerinnen sind teilweise in die Tanzerei einbezogen, vor allem der Protagonist Nerone (Kate Lindsey), die stimmlich großartig, figürlich nicht ganz optimal besetzt, aber auch schauspielerisch eindrucksvoll zwischen großkotzigem Herrscher, der alles darf, geilem, auch nekrophilem Sexmaniac und – zum Schluß im eindrucksvollen Liebesduett mit Poppea – hingebungsvollem Liebendem perfekt bi- (oder tri-)polare Störung zelebrierend, changiert, vielfach in Bewegungsimitation von Michael Jackson als zappelnder Irrer. Statuesk, machtgeil, zielgerichtet auf die Kaiserinnenkrone zustrebend, dieser alles unterordnend, wunderbar in ihren Ausbrüchen und – wieder im Schlußduett – plötzlich als romantisch Liebende entpuppt stellt und singt Slavka Zamecnikova eine wunderbare Poppea. Als verschmähte Kaiserin Ottavia bleibt Christina Bock etwas starr, schwingt sich jedoch zu rachelüsterner Anstifterin am Mord von Poppea durch Ottone auf. Auch sie ist am besten in ihrer wunderschönen Abschiedsarie als sie ins erzwungene Exil geht. Willard White als mahnender Seneca dröhnt in wundervollem Bass und geht würdevoll in den erzwungenen Tod. Etwas blass bleibt Xavier Sabata als der von Poppea verschmähte Ex-Liebhaber Ottone, dessen Countertenor in den tieferen Lagen das Orchester nicht zu übertönen vermag, in den Höhen und seiner zerrissenen Dramatik (zwischen Verschmähung, Rache, endlicher „Zufriedenheit“ mit Drusilla (in gemeinsamer Verbannung) aber sehr überzeugned wirkt. Ganz ausgezeichnet im Vorspiel die Trias Virtu (Vera-Lotte Boecker), Fortuna (Johanne Wallroth) und Amore (Isabel Signoret), deren Dreikampf nach heftiger Gegenwehr durch die Liebe entschieden wird.

Monteverdis Musik drückt Intrige, Machtkampf, Liebesglück und -unglück sehr gekonnt aus, wirkt allerdings manchmal etwas dünn, schwingt sich aber vor allem in den dramatischeren Szenen zu großer Wirkung auf.

Dem langanhaltenden Applaus, verstärkt durch viele Bravo-Rufe merkte man das Ausgehungertsein des Publikums an. Dies soll jedoch nicht die eindrucksvollen Musikerinnen-Leistungen und das sehr interessante Regiekonzept von Jan Lauwers schmälern.

Dem von mir hochverehrten H.C. Artmann hat das Akademietheater anläßlich seines 100. Geburtstags eine Hommage gewidmet, die sich vor Ort als eine an H.C. aber auch gerhard Rühm entpuppte. 1 1/2 Stunden geballter Gedichte- und Liedervortrag durch den großartigen Robert Reinagl (ein wirkliches Kabaretttalent) und die ambitionierte Dunja Sowinetz, deren Singstimme leider nicht mit Reinagl mithalten kann, die aber in den Dialektgedichten brillierte. Begleitet oder vielmehr gleichwertig unterstützt wurden die bieden durch Andreas Radovan, von dem auch viele/alle? Kompositionen stammen, Lenny Dickson und Konstantin Wladigeroff – kongenial. Reinagl hätte sich die “Eingangsconference”, die hauptsächlich aus Zitaten der türkisen Familie stammten, sparen können. Dadurch bekam das Ganze eine zu slapstickartige Schlagseite, denen ein Großteil der Gedichte und Lieder nicht entsprach: diese zeigten die zarte, liebesbedürftige, aber auch morbide, schaurige und todessehnsüchtige Seite von Artmann und Rühm und offerierten die notwendige Hintergründigkeit, die über die Fäkalsprache, die immer wieder Lachstürme beim Publikum hervorruft (“Österreicher als anal-re-oder depressiv”?). Einige der Artmanngedichte kenne ich von Qualtinger-Darbietungen, zB Wos unguaz, kindafazara, blauboad, vor allem aber die Zugabe agsoffana untam Chrisbam, an deren Interpretation Sowinetz/Reinagl nicht herankamen. Kein einziges der vorgetragenen Gedichte schaut positiv in die Gegenwart, geschweige denn Zukunft, nicht verwunderlich, da die beiden doch gegen die Wohlstandssattheit der “Wiederaufbaugeneration” anschrieben und ansangen. Was die beiden wohl heute schreiben würdenß Von Rühm wissen wir es ja, Hartmann ist leider schon zu lange weg. Ein würdiger Abend, der das Lachen im Hals erstickte.

Im Hamakom-Theater geben Anne Bennent und Jakob Schneider, unter der Regie von Ingrid Lang, Jon Fosses Stück “Ich bin der Wind”. Ein rätselhaftes Stück, in welchem zwei Personen afu einem im Meer schaukelnden Boot, über Nähe, Tod, Ängste, Kontrollverlust und Risikoaversion und Liebe reden. Im Stück selbst geht es um “den einen” und “den anderen”, in Langs Regie wird “der eine” von einer Frau, Anne Bennent, dargestellt. Es ist (mir) nicht klar, ob es eigentlich um eine einzige Person und ihre Zerrissenheit, ihre Gespaltenheit, gehen soll, oder doch um zwei. Jedenfalls sind sie gegensätzlich, sie extrem verletztlich, das Risiko (sie steuert das Segelboot hinaus ins offene Meer) suchend, er als ihr Halt, aber ängstlich und risikoscheu. Die beiden verbindet offenbar ein gemeinsames Geschehen, über das nicht gesprochen werden kann, das aber mit Tod zu tun hat: ob es der Tod eines Freundes ist, den “der andere” nicht verhindert hat, oder der Selbstmord “des einen” – im Rückblick erzählt, bleibt offen. Es gibt auch keine Handlung, es geht um die Worte, die gesagt werden und gleich darauf wieder zurückgenommen werden müssen, es geht um das widersprüchliche Sein jedes der beiden. Meines Erachtens ist es nicht hiflreich, dass Bennent ihren “einen” als immer wieder in katatonische Verrenkungen, in Wimmern, in sinnlose Laute verfallend anlegt: vielleicht soll das auch den vom Autor gewünschten Gegensatz zu ihrem doch meist recht realistischem Verhalten darstellen. Durch diesen Regietrick wird jedoch die Allgemeingültigkeit der Vielfältigkeit jeder Person entwertet, da der Zuseher sie leicht als verrückt klassifizieren, und damit ihr Verhalten auf ihn selbst nicht zutreffend interpetieren kann. Löst man sich von der “Handlung” und hört nur auf die Worte, und hört vor allem zu, dann wird das Stück doch – trotz aller Unzugänglichkeit – zu einem Abbild der Nöte der Menschen. Beide Schauspielerinnen bringen in dieser Schwere Großartiges auf die Bühne

Im Akademietheater gab es anläßlich ihres 85. Geburtstags (verspätet) eine tolle Lesung von Elisabeth Orth der Christine Lavant Erzählung “Kubinchen”. Mehr als eine Stunde lang modulierte Orth diese etwas einfache Erzählung so, dass man keine Minute gelangweilt war, oder sich wegen der Maske aus dem schwülen Saal wünschte. Orth las ohne Pathos, sehr einfach-pragmatisch, was für diese Erzählung, die von dem gesellschaftlichen “Aufstieg” einer vorher als “Konkubine” und danach Kubinchen (weil ihre Lebensgemeinschaft mit einem geschiedenen Künstler im kleinen Kärntner Dorf den verruchten namen Konkubine (“asiatisch”) doch nicht trug) verachteten “Person” (hinter Frau, Mensch), der man alles, aber auch wirklich alles anschaffen kann, erzählt. Was man ihr konkret anschafft, ist, dass sie drei alten Männern in allem zu Diensten sein solle. Ihre Angst vor diesen, aber auch ihre echte Hilfsbereitschaft dreht diese Lüstlinge um, sodass sie plötzlich alle drei sie (gleichzeitig) heiraten wollen, sie also ehrbar machen wollen. Doch Kubinchen quält sich selbst bis fast zum Selbstmord mit einer Briefffreundschaftsgeschichte, die sie offenbar gleichzeitig mit der (Zivil-)Ehe mit ihrem akademischen Maler unterhielt, eine Freundschaft, die weil auf Papier, so wahr, so echt für sie war, dass sie sie alle Gemeinheiten ertragen liess. Aus dieser ihrer sich slebst eingestandenen Schuld heraus lehnt sie die Brautrolle ab und bleibt als geachtete Frau als Wirtschafterin (und nur das) bei den 3 Alten. Wie Lavant die Herrschaftsverhältnisse, die Selbstverständnisse der Personen beschreibt, ist grandios. Wie ihr Orth Stimme und Leben verleiht, ebenso.

Danach ein etwas peinliches Hommage-Gespräch des Burgtheaterdirektors mit der Jubilarin, eine vielleicht nett gemeinte Geste für die Hochverehrte, die jedoch in seinem Beharren, wann und wie sie einander das erste Mal getroffen hatten, allzu eitel-rechthaberisch wirkte. Elisabeth Orth wird er ertragen haben.

Das ist der exzessivste Roman, den ich meiner Erinnerung nach je gelesen habe. Biographie von Max Biller verbraucht nicht nur 893 Seiten Text, sondern übersteigt in seinen Vermischungen unterschiedlichster Lebensphasen der beiden Lebensmenschen (?) Noah Forlani und Solomon Karubiner und ihrer Vorfamilien, in der wilden Umherspringen von Orten wie Tel Aviv, Prag, Wien, Miami, Buczacz (angeblicher Herkunfts- und Sehnsuchtsort der beiden), in seinen sexuellen Ausschweifungen und Phantasien – und natürlich in seinen alles Leben bestimmenden Holocaust-Erfahrungen und Erinnerungen der Väter der beiden, sowie letztlich inder immer wiederkehrenden Schriftsteller-Bestimmung fast aller Protagonistinnen alles was ich bisher gelesen habe. Es wird hier ein obsessives, alle Konventionen ablehnendes von provozierendes Jude-Sein beschrieben, das wohl mit Billers eigener Biographie zu tun hat. Es werden Bücherprojekte, die den Holocaust instrumentalisieren und für alle “echten” Juden ein Graus sein müssen, gewälzt, Filmprojekte, wobei Noah als Mitfinanzier vorgibt, von Islamisten in Darfur den Kopf abgeschnitten zu bekommen, es wird endlos über Erektionen und “Halbe” philosophiert, anläßlich des gigantischen weißen Hinterteils einer “Schickse” öffentlich masturbiert, entdeckt und mit Flucht und vermeintlichem Mord am Aufdecker reagiert, eine monströse Buddha-Statue (wie vieles mit dem Suffix – le, also Buddhale – versehen) durchzieht den Roman, kurz es gibt nichts was man sich nicht in Alpträumen vorstellen kann – und einiges mehr. Ob Noah und Soli wirklich zwei Personen oder “nur” Alter Egos einer Person sind, ist oft unklar, der meistens Ich-Erzähler Solomon schlüpft allzu oft in Noahs Persona. Die beiden (?) planen seit Jahren einen gemeinsamen Besuch in Buczacz, der Heimat ihrer Väter, die übrigens beide, um ihr eigenes Leben zu retten, ihre Väter in die Todeslager geschickt haben. Der Besuch im heutigen B. bleibt blass und folgenlos, das Furioso von 890 Seiten versickert in der Nachbarstadt Iwano-Frankiwsk, wo die beiden mitten in der Nacht auf der kalten Marmortreppe der “Podolischen Bezirksphilharmonie” sitzen und auf etwas Aufbauendes des Ukrainischen Befreiungsorchesters warten, welches nie kommt: wahrscheinlich schlafen die Musiker schon.

Nur für Menschen mit sehr langem Atem und sehr starkem Magen empfehlenswert.

Spannung und Dramatik vom Anfang bis zum (bitteren?) Ende erzeugt das Franz Welser-Möst Dirigat an der Staatsoper mit Richard Strauss’ Elektra: wie er das Orchester in dramatische Hochspannung führt und in die wenigen lyrischen Passagen abtropfen läßt, wie er die notwendigen Fortissimi hervorruft, ohne die hervorragenden Sängerinnen zuzudecken, ist ganz groß. Und natürlich wird das auch von hervorragenden Sängerinnen mit-erzeugt, vor allem Ausrine Stundyte als zerbrochene, nur auf Rache (Vergeltung) sinnende Klytemnästra, die die “banale” Lebenslust” (Mann, wenn auch Bauer, Kinder) ihrer Schwester Chrysothemis – hervorragend gesungen von Camilla Nylund – verachtet und ächtet (durch Verdammung) und ihrer Zuneigung suchenden, angstvollen Mutter Klytemnästra (Michaela Schubert) ins Gesicht schleudert, wie sie sich angesichts deren kommenden Todes begeilen wird – eine Wucht der Zerrissenheit, der Rache, der Monomanie. Letztlich hat sie mit ihrem Leben abgeschlossen, haust in einer Höhle, frißt mit den Hunden, scheut alle Menschen – und wartet nur auf die Rückkehr von Bruder Orest (auch hervorragend Derek Welton), damit dieser Mutter und Aegisth, die Mörder ihres heissgeliebten Vaters Agamemnon, endlich ums Leben bringt. Nach getaner Tat, der auch viele Gefolgsleute der Agamemnon-Mörder zum Opfer fallen, Leichen überall, wirft sie sich in einen ekstatischen Siegestanz, an dessen Ende sie zu Tode sinkt.

Harry Kupfers alte Inszenierung hat die Einfachheit für sich. Dennoch finde ich die überlebensgroße Agamemnon-Statue mit abgechlagenen Kopf allzu plakativ, die zerborstene Weltkugel, auf der sein Fuß ruht, die gleichzeitig Elektras Behausung zu sein scheint, übertrieben – und die von der Statue herunterhängenden Seile, die zu Turngeräten von Elektra und Orest werden, einfach dümmlich. Auch die Kostüme, vor allem der Dienerinnen, tragen nicht unbedingt zur Erzählung bei, ihr Herumhuschen irritiert. Aber Inszenierung hin oder her: Orchester, Sängerinnen, Dirigent tragen zu einer Sternstunde der Wiener Staatsoper bei.

Im Konzerthaus zelebrierte Igor Levit sein mehrmals verschobenes Beethoven-Programm mit den 33 Diabelli-Variationen. Das Auditorium war übervoll, mehr als 90% waren der Masken-Empfehlung am Einang gefolgt, nach Aufforderung durch den Konzerthausmanager gab es nur mehr einige wenige verantwortungslose Maskenverweigerer, denen die Danebensitzenden erstaunlicher Weise keinen “shitstorm” bereiteten.

Levits Interpretation der Diabelli-Variationen zeichnet sich durch Extreme aus: extreme Verzögerungen im Tempo, extreme Wechsel zwischen langsamen und reißend schnellen Passagen, extreme Variierung der Tonstärken von kaum hörbarem Pianissimo zu fast den Flügel destabilisierenden Fortissississimi. In mehreren Fällen ende dei Variation mit Fortissimi und tröpfelt dann in einem pianississimo aus. Das ist sicher eine Art, die sonst vielleicht doch etwas langweiligen Diabellivariationen zu spielen, mir kommt es maniriert und gekünstelt vor, wenn auch hoch modern. Vor Jahren hatte ich Buchbinder damit gehört, der es meiner Erinnerung nach eher “frühromantisch” angegangen war, viel leichter ins Ohr gehend, eher emotionaler als die kalte frenetische Interpretation Levits. Aber natürlich: Levit ist ein ganz hervorragender Pianist. Mit der Zugabe eines ganz einfachen Schostakowitsch Walzers hat er mich mehr als versöhnt. Da steckte seine ganze Musikalität drinnen – die bei Diabelli vermisst wurde.

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