Author Archives: kurtbayer

About kurtbayer

25 Jahre angewandte Wirtschaftsforschung im Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung, 10 Jahre österreichische und EU-Wirtschaftspolitik und Internationale Finanzinstitutionen im Finanzministerium, 2 Jahre Exekutivdirektor bei der Weltbank (für 10 Länder) und 5 Jahre Board Director bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) in London. Seit 2012 Kommentator und Wirtschaftspublizist. 25 years of applied economic research, 10 years as policy advisor and manager in Austrian government's treasury department, 7 years in boards of international financial institutions (World Bank, European Investment Bank, European Bank for Reconstruction and Development), at present independent consultant on economic policy questions, consultant at Austrian Institute of Economic Research (WIFO) and at the Vienna Institute for Economic Studies (wiiw).

HALBVOLL ODER HALBLEER?

Am 6. Dezember 2017, dem Nikolaustag, hat Kommissionpräsident Juncker weitreichende Vorschläge zur Vervollkommnung von Europas Wirtschafts- und Währungsunion (WWU) vorgelegt. Laut seiner Aussage dient dies dazu, die Einheit der WWU zu stärken, ihre Effizienz zu verbessern, sowie die demokratische Legitimität zu erhöhen.

Die neuen Vorschläge, die auf bereits bestehenden Initiativen aufbauen, sind als institutionelle und inhaltliche Antwort auf Schwächen der WWU gedacht, die in der seit 2008 (nunmehr angeblich beendeten) Krise sichtbar geworden sind. Im konkreten geht es um die Erweiterung des Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) zu einem Europäischen Währungsfonds, um die Integration der diversen Ausformungen des Stabilitäts- und Wachstumspaktes in den Europäischen Rechtsbestand, um neue Budgetinstrumente zur Stabilisierung des Euro sowie solche, die Strukturreformen unterstützen sollen, und endlich um die Installierung eines Europäischen Finanzministers. Nach Aussage Junckers sind all diese Schritte möglich, ohne die EU-Verträge zu ändern. Mit diesen Einzelvorschlägen hat die Kommission auch einen Fahrplan über die nächsten 18 Monate vorgelegt – und schließen damit die österreichische EU-Präsidentschaft im 2 Halbjahr 2018 mit ein – innerhalb dessen die vorgeschlagenen Schritte durchgeführt werden sollen.

Seither haben sich bereits einige europäische Finanzminister zu Wort gemeldet, die Teile dieser Vorschläge ablehnen, sowohl aus inhaltlichen als auch aus „machtpolitischen“ Gründen. Folgt man nämlich Juncker, so gewänne die Kommission bei Annahme dieser Vorschläge gegenüber dem Rat massiv an Einfluss: derzeit ist die Eurogruppe ein nicht im EU-Vertrag vorgesehenes „informelles“ Gremium, bei dem die Minister den Ton angeben. Durch die Vorschläge gewänne die Kommission deutliche Einflussmöglichkeiten. Derzeit ist der ESM außerhalb des EU-Budgets ein Instrument des Rates (der Eurogruppe), dann würde es zum Instrument der Kommission. Der Vorschlag, den Eurogruppenvorsitz mit dem des für Wirtschaft und Finanzen zuständigen Kommissar zusammenzulegen, würde die Kommission stärken. Gleichzeitig würden die Juncker-Vorschläge die derzeitige, relativ klare Kompetenzaufteilung zwischen Kommission und Rat durch die Doppelzuständigkeit des Finanzministers verwischen.

Kleine Länder wie Österreich haben immer großes Interesse an einer stärkeren Position der EU-Kommission, da diese gehalten ist, gesamteuropäisch zu entscheiden. Dabei kommt das Gewicht der Großen, also besonders von Deutschland, Frankreich – und dann auch Italiens, Spaniens und Polens, weniger zum Tragen als im Rat.

Ob Österreich diesen Juncker-Vorschlägen positiv entgegentreten sollte, hängt jedoch nicht nur von dieser Schutzfunktion der Kommission für die Kleinen ab, sondern von der Ausrichtung der Wirtschaftspolitik. Soll heißen: solange in der Europäischen Kommission die Gruppenmeinung vorherrscht, dass Budgetkonsolidierung und Senkung der Staatsschuldenquote, zusammen mit marktfreundlichen „Strukturreformen“ weiterhin die Hauptstoßrichtung der Europäischen Wirtschaftspolitik bilden sollte, stellt eine weitere Stärkung der Kommission eher eine Drohung als ein Positivum dar. Die Meinungen im Rat sind doch (etwas) differenzierter, und hier könnte Österreich (wenn Finanzminister und Kanzler dies so wollten) im Rat Bundesgenossen suchen (und finden), die einer ausgewogeneren Wirtschaftspolitik, etwa im Rahmen des „Magischen Fünfecks“ (Wachstum, Arbeitslosigkeit, Inflation, Außengleichgewicht und Budgetsaldo) das Wort reden, statt nur eines der Ziele zu verfolgen.

Das Paradoxon dieser ganzen Übung von Juncker ist ja, dass man sich in der Kommission zwar Gedanken über die institutionellen Schwächen der WWU gemacht hat (das ist grundsätzlich positiv), aber keinen Gedanken daran verschwendet, ob die Einseitigkeit der auf Budgetkonsolidierung ausgerichteten Wirtschaftspolitik nicht auch signifikant dazu beigetragen hat, dass die WWU erst 10 Jahre nach Beginn der Krise die Wirtschaftskraft von vorher erreicht hat.Und trotz des nunmehr gefeierten Fortschritts der Wachstumsraten ist noch eine ganze Reihe von Ländern mit extrem hohen Arbeitslosenraten und sozialer Desintegration belastet. Die EU-Länder und Mitglieder der WWU sind 2017 deutlich „ungleicher“ als 2008: die viel beschworene „Konvergenz“ hat nicht stattgefunden. Warum dies so ist, und ob nicht verfehlte Wirtschaftspolitik ganz deutlich zu diesem Misserfolg beigetragen hat, sollte sehr wohl eine Vervollständigung der WWU begleiten. Eigentlich wäre eine solche Rückschau-Analyse zuerst zu machen, und aus der inhaltlichen Fehlerbehebung dann die dazu notwendigen institutionellen Reformen abzuleiten. Positiv an Juncker ist, dass die Kommission nun endlich einsieht, dass die WWU als Wirtschafts- und Sozialraum mehr ist als nur die Summe der einzelnen Mitgliedstaaten, dass eine „eigene“ WWU-Poltikentwicklung notwendig ist, die dann natürlich „interaktiv“ auf die einzelnen Länder umzulegen ist. Für die Österreicher: die WWU ist eben nicht nur „ce qui reste“, sondern ein eigenständiger Wirtschaftsraum mit eigenständiger Währung und gemeinsam zu gestaltender Wirtschafts- und Finanzpolitik.

 

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Move On, Eurozone!

Guntram Wolff of the Bruegel Institute has once more made an interesting contribution to where the Eurogroup should go (Beyond the Juncker and Schäuble Visions of Euro-Area Governance, Bruegel Policy Brief 6, November 2017). In Juncker he criticizes the proposed predominance of the Commission in fiscal policy making which would blur the delicate balance between Commission and Council; in Schäuble he criticizes the perception that national fiscal policy has no spill-overs to other countries, and the neglected necessity of the Euro Group having to provide public goods in terms of stabilisation, growth and inflation. Both criticism are justified.

Wolff‘s own proposal would, in a nutshell, create a permanent Eurogroup president (who is not finance minister of a member state), with a mandate to represent the interests of the whole euro area and would regularly report to the European Parliament. There would be a special Euro Area budget (as part of the EU budget) in order to provide public goods and stabilization. The European Stability Mechanism (ESM) would become a „permanent fire brigade“ to manage sovereign debt and make proposals for (necessary) restructuring; the Commission would still make fiscal policy recommendations to member states, under reformed (simplified) fiscal rules.

The most noteworthy positive part of this proposal is the fact that it – finally – elevates decision-making for the Eurogroup as an economic entity to its necessary level. Up to now, Eurogroup effects are a side-product of national fiscal policies, instead of the interactive nature of Euro and national policy making necessary to create the best results for the group and the members. It has been neglected too long by EU rules and their responsible creators that a monetary union needs (more) joint decision-making: the European Central Bank which sets monetary policy for the whole Euro Area has lacked an adequately endowed fiscal counterpart, in order to optimize the fiscal/monetary policy stance of the Eurogroup. Wolff sets out the division of labor between the new Eurogroup authority and the Commission, as well as the national ministers of finance, always minding the „delicate“ division of powers between these.

The second important feature involves the European Stability Mechanism, which in this proposal would be upgraded and be able to make staff proposals to member states‘ debt management positions, before they become untenable. Wolff maintains that at this time a „Eurogroup safe asset“, a jointly issued EUM bond is not possible, thus a strengthening of ESM/OTM (the ECB-run monetary policy tool) would be necessary – as a political agreement by the member states. Once a sovereign deb crisis occurs, it requires a highly political decision by national and European policy makers to agree on the distribution of the adjustment burdens. Here the emphasis is on joint decisions, involving European policy makers.

Wolff regards the establishment of a European Finance Minister is unrealistic, since it would require significant taxation and spending powers and the capacity to borrow (just like national finance ministers). This would require Treaty changes and political acceptance, not available. Juncker‘s idea to elevate the Commissioner to Vice President and Finance Minister would be too little, but Wolff agrees to a significant Euro budget for his Eurogroup President, worked out as a result of the necessary re-orientation of the next EU financial framework: in the vain of Macron, he proposes significant changes to the present budget, emphasizing more strongly „European“ public goods (border control, climate change investments, R&D and European Universities, stabilization and debt). In order to provide these „European“ public goods, budget increases (beyond the present limit of 1% of EU GDP) might be required. Thus, a Commission budget commissioner would cooperate with the new Eurogroup President, in effect creating a „Eurosystem of Fiscal Policy“, as an effective counterpart to the ECB.

Where I disagree with Wolff is the following: his proposal, like those of Juncker‘s and Schäuble‘s are strong on institutional questions, because they see the Eurogroup‘s past and present problems primarily in institutional gaps. All three of them assume, to various degrees, that the role of fiscal and monetary policy is overwhelmingly, if not exclusively, restricted to stabilization, to the smoothing of the business cycle. They see no role of macroeconomic policy in generating and increasing citizens‘ wellbeing, i.e. growth, employment, environmental improvement and social stability. They seem to believe that if macro policy manages to stabilize national budgets and reduce sovereign debt, there would be no growth-employment-environmental-social conundrum, because all that would be related to „structural“ policy, to the flexibilisation of labor and product markets. But it has been precisely this neglect of the medium-to-long-term „growth“-effects of macro policies which has kept the Eurozone in a decade-long recession. It is precisely this supply-side-only reliance on the medium and long-term prospects of our economies and societies which has created strong divergence between the countries of the Eurozone. Of course, this is not to deny, that structural policies, competition policy, workers‘ rights, wage-setting, financial sector regulation, environmental and social policies are important: but they need to be aligned with macroeconomic policies, where each plays its appropriate role stabilization, employment and well-being of citizens.

The most recent proposals to restructure a more functional Eurozone make important contributions to options for a better institutional set-up. However, in terms of substance, they are all still tied to a single-minded emphasis of fiscal policy objectives of achieving balanced budgets in the short to medium run. Proposals to e.g. exempt certain public investments in infrastructure (material and immaterial) from the budget rules are also ignored in the Juncker-Schäuble-Wolff proposals. They show no recognition or reflection that the „lost decade“ of the Eurozone may be due to this false direction of economic policy making

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Winterkultur 2017 1

Oscar Wildes Dorian Gray im Akademietheater ist ein außergewöhnliches Ereignis. Die Dekadenzstory aus dem viktorianischen England passt gut in die heutige Zeit: die Selbstverliebtheit des Dorian, die Anhimmelung durch seinen Malerfreund und andere, die Absolutheit von Schönheit, die Manipulation seiner Person durch Harry, Dorians rasch entflammte und ebenso wiedererloschene Liebe zu einer zweitklassigen Schauspielerin – das alles passt auch heute. Die dramatische Geschichte vom reichen, wunderschönen aber naiven Dorian, der in den Einfluss Harrys fällt und dann – Faustgleich – alle Erlebnisse, die die Welt zu bieten hat, auskosten will, und dann merkt, dass genau das sein Leben zerstört, wird durch seine Projektion auf sein gemaltes Ebenbild noch dupliziert. Seine Angst vor dem Verlust von Schönheit und Jugend, die er zuerst in der Projektion afu sein Porträt wahrnimmt, seine Unfähigkeit, damit umzugehen, lasst ihn – wörtlich – über Leichen gehen und zerstört ihn.

Das alles bringt diese Aufführung (Bast) in unheimlich spannender, stilisierter Form, wobei Markus Meyer akrobatisch und virtuous als einzig Lebender zwischen gesplitteten Bildschirmen, die die Zerrissenheit seiner Seele zeigen, hin- und herturnt. Die andere Protagonisten, der Maler und Lord Harry, sind nur als Teil-Projektionen zu sehen. Das alles wird sehr dynamisch und mit exzellenter Musik untermalt. Damit gelingt dem Regisseur, dieses nicht als Bühnenstück konzipierte Werk Wildes dramatisch lebendig zu machen, sehr, sehr eindringlich. Der verdiente Applaus für Meyer wollte kein Ende nehmen.

Abel Gance‘s „J‘accuse“, ein Erster Weltkriegs-Film aus dem Jahr 1919 wird durch die grandiose Live-Musik Philippe Schoellers zu einem besonders eindrucksvollen Werk. Der Stummfilm, der zwischen Liebesgeschichte, Kameraderie, Patriarchalismus und Kriegsgreueln hin- und herschwankt zeigt die Einzelschicksale dreier Liebender auf. Die Musik ist punktgenau auf die Handlung des extrem langen Films zugeschnitten und muss Schoeller Jahre an Arbeit gekostet haben. Im Rahmen von Wien Modern ein richtiges Schmuckstück.

Ein echtes Fundstück war das Konzert für Cello und Orchester des mir vollkommen unbekannten Edouard Lalo (1823-1892), aufgeführt vom exzellenten Brussels Philharmonic unter Stephane Deneve, mit dem hervorragenden Cellisten Gautier Capucon (Bruder des bekannteren Geigers). Sogar der neben mir sitzende Ex-Musikschullehrer und früherer Geiger beim ORF-Orchester hatte noch nie von Lalo gehört, fühlte sich aber beim Konzert stark an Janacek erinnert. Mir gefiel vor allem der lyrische zweite Satz, der endlich dem Solisten genügend Sound-Platz gab, sein Können zu zeigen und hier das romantische Repertoire des Komponisten, der laut Programmheft ein großer Anhänger Schuberts, Mendelssohns und auch Wagners war, voll zum Klingen zu bringen.

Als kurzes Vorstück dazu gab es die ungeheuer dynamische „Flammenschrift“ des zeitgenössischen Guillaume Connesson – laut Programmheft eine Art musikalisches Porträt der gewalttätigen Leidenschaften Beethovens – eine Interpretation, die der oben erwähnte Musikschullehrer als intimer Beethoven-Kenner strikt ablehnte. Wie immer, das Stück kam dem exzessiven Stil des Dirigenten voll entgegen und wurde vom Orchester mit großer Verve und Lust interpretiert.

Enttäuscht wurden meine Erwartungen im Kabarett „Durchs Rote Meer. Zwischen Revolution und Reformation“ in der „Hölle“ des Theaters an der Wien. Die Anklänge an Vorkriegskabaretts in Berlin und Wien sind ja willkommen, aber geboten wurden eher schwache Nummern. Zwar war die musikalische Begleitung durch Albero Verde exzellent, und auch einige Nummern waren durchaus witzig (Hysterische Ziege, Kakadu, Der schönste Mann von Wien), aber die Zusammenarbeit mit dem Letzten Erfreulichen Operntheater hätte doch etwas tiefergehende Texte verdient. Armin Bergs dümmliche Lohengrin-Persiflage muss entweder besser erzählt oder noch besser gar nicht gebracht werden.

Enttäuschend und auch ärgerlich ist Michael Hanekes Film „Happy End“. Der Vorspann ist eingewoben in einen Handy-Bildschirm, auf dem offenbar schriftlich gechattet wird. Der Text ist von Reihen ab der Kinomitte nicht zu lesen. Im Laufe des Films stellt sich heraus, dass das Chatten eine der Schlüssel für den Verlauf dieser grauenhaften Geschichte ist, weil dadurch unbeabsichtigt die Weichen für das weitere Geschehen gestellt werden. Das hätte schon anfangs anders als durch lange nicht-lesbare Chatting-Sequenzen sichtbar gemacht werden können. So fühlt man sich als Kinobesucher vom Regisseur nicht ernst genommen.

Zusätzlich bleibt der Film eigenartig zerrissen: die einzelnen Personen werden nicht wirklich glaubhaft gemacht, alles spielt sich irgendwie beiläufig ab, wenn es auch für die Protagonisten große Bedeutung hat. Haneke verschleudert hier das Talent von Isabelle Huppert und auch J.-L. Trintignant und seiner anderen Schauspieler. Irgendwie wirkt der Film unfertig – ganz im Gegensatz zu früheren Haneke-Filmen. Die Geschichte des verlassenen, vereinsamten Mädchens gäbe viel her.

Richard Strauss‘ Daphne, eine „bukolische Tragödie“ an der Staatsoper hinterläßt zwiespältige Gefühle. Die Geschichte von der natur- und baumverliebten Daphne, die den Tag lobt und Angst vor der nächtlichen Bacchanalie hat, bei dem sich nicht nur die Schafe paaren, hat ein schauderhaftes Libretto, das offenbar auch Strauss, der den Stoff liebte, Sorgen bereitete. Der Qualität des Libretto (in einer Sprache, die an den Jedermann altertümelnd erinnert) folgt eine scheußliche Inszenierung: zwar ist die Bühne als klassizistisches Wohnzimmer mit Opalfenstern und einem großen „Hinterraum“, auf dem sich ein Großteil der Handlung abspielt, schön gestaltet, doch ist die Tanzszene mit aus Dionysos‘ Kopf hervorhüpfenden Teufeln, die dümmlich herumspringen eher einer Perchtenszene für Kinder als eines Bacchanals würdig; ebenso wirkt die Verwandlung Daphnes in einen Lorbeerbaum, auf dessen Wurzelstock sich ein riesiger Phallus (?) senkt, ebenso deplatziert und sinnentleert, wie die mehrere Male die Bühne durchquerenden Muscheln und Korallen: wer hat sich das ausgedacht, wer verunglimpft Strauss? Dagegen ist die Musik von Strauss‘ Feinstem, mit Anklängen an Wagners Klangrauschen (Logemotiv) und Tristan, aber auch wieder typisch Strauss: vor allem die letzte Szene der Transfiguration der baumverliebten und sex-abstinenten Daphne in den Baum gestaltet er sehr, sehr eindrucksvoll. Leider war Regine Hangler als Daphne dem Score nicht ganz gewachsen, machte aber trotz scheußlicher Schminke (griechische Theatermaske?) und trotz der Tatsache, dass sie sich mehrmals auf ihr Sofa als Schmollwinkel und Schmuseecke zurückziehen musste, recht gute Figur. Als ihre Mutter Gaia war Janina Baechle offenbar indisponiert, kaum hörbar und auch sonst blass. Besser, aber auch nur so, war Dan Paul Dumitrescu als ihr Mann (und Daphnes Vater) Peneios, wieder eine Stufe besser Benjamin Bruns als zurckgestoßener Liebhaber Daphnes Leukippos. Wunderbar strahlend aber Andreas Schlager als Apollo, der auch Daphne begehrt, Leukippos tötet, aber dann von Daphnes „Reinheit“ und Naturverliebtheit so angetan ist, dass er sein Opfer Leukippos in den Himmel aufnehmen lässt und Daphne ihren – von ihr nie so geäußerten – Wunsch erfüllt, sie in den immergrünen Lorbeer zu verwandeln, dessen Zweige die (keusche) Stirn der Sieger im olympischen Wettkampf schmücken werden. Simone Young vollführte als Dirigenten mit dem fabelhaften Orchester eine Orgie in ausladenden Armbewegungen. Hätte sie einen Armbewegungszähler (statt Schrittzählers) würde sie olympische Höhen erklimmen. Vor allem am Anfang deckte sie mit dem Orchester Daphne und Gaia zu. Ende gut, alles gut? Nein, eine solche Inszenierung sollte eher unterbleiben und einer szenischen Vorstellung Platz machen

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Die Rolle des Bankensektors für die Realwirtschaft

(Als Gastkommentar am 15.11.2017 in der Wiener Zeitung erschienen)

Geht es nach der turbulenten Bankengeschichte in Österreich, müsste es heute dem Wirtschaftsstandort viel schlechter gehen. Ein paar Highlights lassen die Geschichte österreichischer Banken eher als Geschichte deren Skandale erscheinen: Fusion Zentralsparkasse-Länderbank; Fusion Länderbank-Creditanstalt; Übernahme der Postsparkasse durch die Bawag, danach deren Fast-Kollaps wegen abenteuerlicher Spekulationen sowie Übernahme durch US-Fonds; Unicredit/Bank Austria: zuerst Übernahme, jetzt Zerschlagung; die unselige Geschichte der Hypo-Alpe-Adria und deren extrem teures (für die Steuerzahler) Ende; Restrukturierung nach Fast-Kollaps des Volksbankensektors; mehrfache Restrukturierungen der Raiffeisenbank. Und das sind nur die wichtigsten Fälle. Dazu kommen die wenig zufriedenstellenden Ergebnisse der Stresstests durch die europäische Aufsicht, die den Österreichern kein gutes Zeugnis ausstellen.

Über diesen Problemen darf man allerdings nicht vergessen, dass die Versorgung österreichischer Unternehmen mit Krediten und anderen Finanzdienstleistungen trotzdem relativ gut ist. Zwar hinken die österreichischen Banken – teils durch ihre noch immer starke (regionale) Politikverbundenheit, teils durch ihre dadurch ausgelöste Schwierigkeit, den Sektor nachhaltig zu konsolidieren, bei „modernen“ Finanzdienstleistungen den internationalen Konkurrenten hinterher. Aber bei „traditionellen“ Leistungen funktionieren sie gut. Dennoch besteht die Gefahr, dass sie die sich ändernden Bedingungen der „Realwirtschaft“, deren Digitalisierung, die sich in Schlagworten wie Industrie 4.0, „smart factory“, „sharing economy“ und anderen ausdrückt, nicht genügend unterstützen. Erinnern wir uns an den absurden Streit der Bankenaufsicht mit einem Schuhhersteller über dessen (eigenartige) Form des „crowd financing“, anstatt dass sich die Aufsicht um die Etablierung von neuen elektronischen Plattformen zur Finanzierung von Unternehmungen mit positiven Zukunftsaussichten, aber geringen materiellen Sicherstellungen gekümmert hätte.

Die sehr starke Orientierung der Österreichischen Nationalbank auf Finanzmarktstabilität als Ober-Regulator des Finanzsektors hat die Steuerzahler viel gekostet. Sie hat jedoch nicht den österreichischen „Erbsündenfall“ verhindert, dass den österreichischen – und später osteuropäischen – Kunden Milliarden an angeblich so billigen Fremdwährungskrediten vermittelt wurden, deren spätere Auflösung hier wie dort die Konsumnachfrage und das Wirtschaftswachstum eingebremst hat. In der Zwischenzeit ist das Thema aus den Medien verschwunden und den harten Ebenen der Aufarbeitung gewichen.

Der österreichische Bankensektor hat weiterhin einen signifikanten Nachholbedarf: „passiv“, also durch Reduzierung des Overbanking in Österreich und Abbau der in der Finanzkrise entstandenen „faulen“ Kredite; und „aktiv“ durch Modernisierung seiner Produkte und damit Absicherung des Wirtschaftsstandortes Österreich. Die Diskussion über Bargeld und Digitalwährungen hat hierzulande noch gar nicht richtig begonnen.

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PARADISE LOST

(am 8.11.2017 als Kommentar in Der Standard erschienen)

Die neuesten Enthüllungen der Steuerkonstrukte der großen Firmen und der Reichen („Paradise Papers“) zeigen einmal mehr, dass die bestehenden Steuergesetze nicht ausreichen, um Steuervermeidung gigantischen Ausmaßes zu verhindern. Spezialisierte Beratungskanzleien „optimieren“ die Steuern der Mächtigen durch Ausnutzung der unterschiedlichen Gesetzgebungen in einzelnen Ländern. Das mag alles legal sein in dem Sinne, dass (meist) keine bestehenden Gesetze gebrochen werden, aber es zeigt eben genau die Schwäche jener Gesetze – und damit die Verantwortung der Politik. Die Versuche der G-20 Länder, der OECD und auch der EU, Teile dieser Steuervermeidung einzudämmen, zeigen aber auch die Schwächen dieser Versuche auf: zwar ist es gelungen, zwischen Steuerbehörden Datenaustausch zu organisieren, aber viele, vor allem schwächere, Länder sind technisch-organisatorisch nicht in der Lage, mit dieser Datenflut etwas Sinnvolles anzufangen; zwar hat die OECD über die BEPS-Aktivitäten versucht, gemeinsame Verrechnungsstandards einzuführen, aber die USA als größte Wirtschaft tun da nicht mit, und die anderen Länder verzögern die Implementierung; zwar versucht sich die EU, über das Beihilfenrecht (das keine Einstimmigkeit erfordert), in halbherzigen Bekämpfungsmaßnahmen, aber schon die Klassifizierung in „schädlichen“ und „nicht schädlichen“ Steuerwettbewerb zeigt, dass hier großer Verhandlungsspielraum der einzelnen Mitgliedstaaten besteht, ihre je eigenen Steuervergünstigungen herauszuhalten. Die Absurdität, in einem gemeinsamen Währungsraum, im Binnenmarkt einander durch Steuerbegünstigungen Investitionen abzujagen, wird erst gar nicht apostrophiert.

Und warum geht da nichts weiter? Wie gesagt, es geht um falsch verstandene „Standortkonkurrenz“, die das eigene Land attraktiver machen will. Der Einfluss der Wirtschaftslobbies auf die Steuergesetzgebungen wird mit dem Rechtsruck immer größer: wer die Macht hat, macht die Gesetze. Die Großen haben bisher jedenfalls verhindert, dass die Gesetze an die heutigen Möglichkeiten, global freien Kapitalverkehr digital nutzen zu können, angepaßt werden. Der „Kollateralschaden“, dass dadurch der gesellschaftliche Zusammenhalt zerbricht, wird zugunsten der je eigenen Steueroptimierung in Kauf genommen.

Und Österreich? Hier lobt man sich dafür, dass bisher nur 2 österreichische Namen in den Paradise-Files aufgetaucht sind: also geht uns das Ganze nix an, wir sind ja sowieso Musterknaben. Vergessen ist der lange österreichische Kampf gegen den automatischen Informationsaustausch, die Rückzugsgefechte gegen die Aufhebung des Bankgeheimnisses, vergessen der Misserfolg des österreichischen Finanzministers, endlich die lange geforderte Finanztransaktionssteuer auf den Weg zu bringen. Einen Aufschrei der eigentlich dafür „zuständigen“ NGO Transparency International Austrian Chapter sucht man vergebens: dort hat man sich von den diese Angelegenheiten verfolgenden Mitgliedern vor einiger Zeit im Zwist getrennt (der Autor dieser Zeilen war Teil jener Gruppe).

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Will the EU Ever Learn?

Policy Review

Now that growth rates in EMU and EU are finally positive, some politicians proclaim the 2008 ff. crisis to be over – and want to continue economic policy as before. But if we reflect that it took more than 10 years to recover the GDP level of before the crisis and that the similarly crisis-hit US has grown much faster and started to grow much earlier, we must realize that output lost by the crisis amounts to between 10% and 20% of GDP.

While the present economic situation is encouraging, even though it has not yet reached all strata of society, especially wage earners, this might be the optimal time to reflect on what went wrong, on what policy errors were made and what institutional gaps remain.

I see two major faultlines: the direction of economic policy, and the lack of crisis-fighting institutions in EMU.

Austerity

From the start of the common currency in 1999 the major macroeconomic policy direction of EMU (and the EU) was budgetary discipline. The Stability and Growth Pact was its major instrument, with its infamous 60% debt level and 3% deficit level as the major indicators. While adherence to SGP was lacking, initiated by Germany and France, it still remained the overriding policy direction. During the crisis, it was amended and strengthened by the curiously named Two-Pack and Six-Pack, and the Fiscal Compact, requiring EMU states to install „debt brakes“ in national legislation, preferably shielded by constitutional majorities.

All economic theory, even mainstream theory, would have called for a relaxation of budgetary policies during recessions, for additional (public) investment to enhance demand and for the development of a medium-term growth strategy, anchoring member states‘ short-term policy directions in a growth-enhancing medium-term strategy. While initially, after the crisis broke in 2008, EU finance ministers declared themselves „to be all Keynesians now“, making additional budgetary resources available , 1 ½ years later this growth-enhancing dynamic was abandoned and the Maastricht criteria were pursued once more. A more sustained growth strategy, a relaxation of the deficit criterion in favor of growth-enhancing investment would have contributed to an earlier end to the crisis, to faster growth, to lower unemployment and higher wages. President Juncker‘s EFSI investment initiative came far too late, and was too small to overcome the major policy direction towards austerity.

One would have thought that a thorough review would be undertaken by the European Commission to assess whether this sustained austerity direction during the crisis was the appropriate policy response. Up to now, this discussion has  not taken place.

Fiscal Backstop

The second area concerns the financial side. While before the crisis it was assumed that the no-bailout clause of the treaty would be sufficient to prevent country-specific banking and/or sovereign crises from spreading, reality proved different. The bank-sovereign nexus, the large holdings of sovereign bonds by national banks, made sure that banking crisis would spread to the sovereign, and the large pre-crisis financial inflows between nations were responsible for crisis risks spreading across borders. Only slowly did the recognition take hold that there was no fiscal backstop, no mechanism to deal with sovereign crises, no mechanism to prevent implicitly subsidized investment banks creating excessive risks. Attempts were then made to „complete“ banking union, by a common supervisory framework, a restructuring mechanism (ESM), a recapitalization facility and a common deposit insurance institution. While the two former were implemented gradually, if insufficiently, the last is still outstanding. On the basis of the former, in 2012 ECD President Draghi installed a quasi backstop („whatever it takes“) and later instituted the Outright Monetary Financing Program which injected liquidity into the markets by purchasing sovereign bonds on the secondary market (Most recently it was decided to limit this program from 2018). Thus, it was not the finance ministers, but the European Central Bank which provided the major anti-crisis instrument.

Now there is talk to transform the ESM into a European Monetary Fund (EMF), but its role is still under discussion: while Germany would like it to become the major implementer of the SGP, France sees it more as a risk-sharing instrument, which could also perform ex-ante risk-preventing operations. Germany, and others (among them Austria) militate against a EMF-supported „transfer union“, with the same argument they oppose the Deposit Insurance facility, fearing that it would be „their“ banks or their own country which would have to support crisis countries. While these fears are not without cause, they fail to recognize that future crisis prevention urgently needs a risk-sharing instrument, in order to assure financial investors (the misnamed „markets“) that their investment is safe.

Bleak Outlook

The Monetary Union was established in the face of major flaws: the member countries did not form an Optimal Currency Area, their economic and social structures were too diverse, the labor flows among members too restricted to act as a buffer. No effective crisis-preventing instruments were installed in time, only much later, and only hesitantly, after the spreading crisis threatened the very existence of the Monetary Union. The ideologically mistaken insistence on continued austerity during the crisis nearly brought a number of countries down, but could not be contained within these countries. Thus, we are talking about a European problem.

Both the economic policy mis-direction and the lack of appropriate institutions now seem to be continued, because „my country first and only“ sentiments are strengthened by politicians looking at their domestic constituencies, at the expense of the European whole. Since no deep review of policy errors leading up to and during the crisis is being undertaken, the danger becomes real that continuing as before remains the policy maxim. Underlying divergencies within the EU and EMU remain intact, threatening another, and deeper crisis, since the major anti-crisis actor 2008 ff., the European Central Bank, has nearly exhausted its arsenal of instruments

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Herbstkultur 2017: Opern, Konzerte, Bücher, Lieder

Nicola Porporas Oper „Arianna in Nasso“ in der Kammeroper war ein zwiespältiges Erlebnis. Dies ist eine Abart des vielseitig bearbeiteten Ariadne-Themas durch den genialen Barockkomponisten Porpora. Wie gewohnt, bieten Orchester (Bach Consort Wien) und die Sänger hervorragende Umsetzungen dieser sehr dynamischen Musik. Die Inszenierung durch Sergey Morozow ist modern, visuell durchaus stimmig, jedoch im Programmheft überladen von Gerede über Post-Internet Art, Digitalisierung, Identitätssuche und ähnlichem: weitgehend unnötig, und auch für den Laien nicht sichtbar werdend. Dennoch: die Bühnenbild-Idee mit direktem Spiel im Vordergrund und hinter transparenten Vorhängen im Kubus im Hintergrund die zweite Ebene ist meist gelungen.

In der Oper geht es um Theseus und Ariadne, ihrer Flucht aus Kreta nach Naxos und dem dortigen Aufeinandertreffen mit Theseus Erstfrau Antiope und seinem Bewunderer Piritoo – und alles kontrolliert vom Liebesgott Bacchus und dessen Hohepriester Onaro (ein und dieselbe Person). Letztlich geht es um die Dreiecksbeziehung Theseus – Antiope – Ariadne, doch spielt sich eine erotische Permutation (jede/r mit jeder/m) ab, leicht verwirrend. Grandios singt der Countertenor Ray Chenez den Theseus und verkörpert auch spielerisch dessen Zwiespalt zwischen Liebe/Lust und Pflicht. Seine Koloraturtechnik ist atemberaubend. Auch Anna Gillingham als Arianna steht ihm kaum nach, etwas schwächer (sowohl sängerisch als auch spielerisch) sind Carolina Lippo als erst verlassene, dann wiedergewonnene Antiope, sowie Matteo Loi als Piritoo, dessen Bunny-Aufmachung im letzten Akt Rätsel aufgibt. Über, hinter und zwischen allen thront Anna Marshania als Onaro/Bacchus, die stimmlich ihrer Rolle die Festigkeit und auch ihre griechische Gotteseigenschaft, nämlich sehr menschlich zu sein gibt. Letztlich stellt sich heraus, dass ihre Weisung an Theseus, zu Antiope zurückzukehren, nicht ganz uneigennützig ihrer eigenen Lust auf Ariadne entgegenkommt.

Was sich Regisseur und Ausstatter dabei gedacht haben, wenn sie Theseus und Ariadne nach ihrem ersten Liebesakt im Cubus in einem Leiner-Küchenblock (235 €) mit Schürzchen und Kaffeemaschine im kleinbürgerlichen Haushalt zeigen, bleibt ebenso uneinsichtig, wie das Spiel der diversen Protagonisten mit konischen Mini-Zypressen (phallisch??), die gestreichelt und gekost werden. Und noch etwas: im Programmheft wird ein „happy end“ behauptet: wenn es in der tatsächlichen Aufführung ein solches geben sollte, dann – entgegen meiner Erwartung – nur eines für Bacchus, und vielleicht Ariadne, die nach Theseus halt schnell die Realität der Macht des Gottes einsieht und mit diesem zieht. Aber der arme Theseus wird hinter dem Screen von Antiope mit einer Messerattacke (Anspielung auf die gängigen Messerattentate??) getötet. Sein Blut spritzt gewaltig: Happy End? – Naja, vielleicht in der „post-Internet-Welt“ des Regisseurs.

Musik und Sängerinnen entschädigen für das überhochmetzte Regiekonzept von Morozov, das jedoch nur in einigen der beschriebenen Absurditäten störend wirkt, sonst eher bieder, die Musik unterstützend. Ein Rat noch an die Verantwortlichen: die kleine Kammeroper verträgt nicht die volle Lautstärke der SängerInnen, die dem großen Haus angemessen sein mag. Mitunter wurde das wunderbare Orchester arg übertönt.

Musikalisch ein absolutes Naturereignis ist Prokofiefs „Der Spieler“ in der Staatsoper. Zwar leidet die Aufführung an dem langen, konversationsartigen Text (Libretto: Prokofief), dessen Überlänge nur wenig zur Handlung beiträgt, der aber auf den neuen Bildschirmen – zumindest von den hinteren Logensitzen aus – fast nicht zu lesen ist), ist jedoch vor allem musikalisch von Orchester und Sängern, aber auch inszenatorisch sehr gelungen. Simone Young läßt das Orchester rhythmisch pointiert, aber auch schwelgerisch schwingen und geht sichtlich selbst in der Musik auf. Sängerisch großartig in der Monsterrolle des fast ununterbrochen auf der Bühne stehenden und singenden Alexej ist Misha Dydik, der auch mit vielen Bravorufen gefeiert wurde, ebenso wie Dmitry Ulyanov als fetter General. Etwas weniger zur Geltung kam die Polina von Elena Guseva, die oftmals nur schwer das Orchester übertönte und auch darstellerisch nicht überzeugt. Die famose Linda Watson als die zuerst reiche, dann arme, Erbtante Babulenka spielte dramatisch ihre Qualitäten aus: Blanche, die Angebetete des Generals, wurde von Elena Maximova passabel gesungen, spielte ihre Rolle als undurchsichtige Kokette hervorragend.

Gewünscht hätte ich mir, dass Prokofief einen gelernten Librettisten zur Übertragung des Dostojewksi-Romans beauftragt hätte, der die Textpassagen gestrafft hätte und damit textfreien Musikpassagen mehr Aufmerksamkeit der Zuhörer gestattet hätte: denn musikalisch ist dies wirklich ein Ereignis, welches den Zusammenbruch der russischen Gesellschaft nach der letzten Jahrhundertwende, die alles übertönende Spielsucht, der sich jegliches menschliche Gefühl unterordnet hervorragend erlebbar macht.

Karoline Grubers viel besprochene Inszenierung stellt ein Karussell als Scheinwelt und als Symbol des Roulettetisches in den Vordergrund, ein riesiger zerbrochener Wandspiegel im Hintergrund zeigt die zerbrechende Gesellschaftsordnung durch die kommende Revolution, aber auch durch ihre eigene Dekadenz nach. Die weißen Masken der Spieler deuten auf ihre Rollenhaftigkeit und Oberflächlichkeit der Figuren hin, hinter der sich nichts Reales mehr verbirgt, außer die Gier nach Geld. Im letzten Akt erinnern die Spieler in ihrem unaufhörlichem Hin und Her in ihrer Körperhaltung an Anthony Quinns Quasimodo im Glöckner von Notre Dame, oder vielleicht noch stärker an die Entourage der Rocky Horror Picture Show. Vor diesem grotesken Hintergrund spielt sich das Drama zwischen Alexej und Polina ab, deren Versuche zur Liebe von der Spielsucht überwuchert wird und die letztlich zum tragischen Ende (anders als bei Dostojevski), dem Erwürgen Polinas durch A. Wird. Zu Recht riesiger Applaus.

Das hoch gelobte und mit Preisen ausgezeichnete Buch von Robert Menasse „Die Hauptstadt“ ließ mich ratlos zurück. Ich finde das Stilelement, möglichst kurze, vielfältige Veduten von anfangs nichts miteinander zu tun habenden Personen (einige haben auch bis zum Ende keine Berührungspunkte) zu beschreiben, äußerst verwirrend. Es geht ein durchgehender Testflug ab, das Ganze wirkt zersplittert – ohne dass dem Leser der Sinn dieser Erzählweise eingängig wird. Menasse schwelgt in Brüssels Stadtgeografie, zumindest den einzelnen Straßen und Lokalen um den Place Schuman, das EU-Viertel, und den Innenbezirk St. Catherine, in denen sich seine Protagonistinnen bewegen. Nur dem Eingeweihten sagen die einzelnen Straßennamen etwas, die begangen werden: dennoch wirken diese prätentiös präsentierte Kenntnis eher betulich und mit Insiderwissen protzend. Namensgebend für das Buch ist ein Robert Musil („Parallelaktion“) nachempfundenes EU-Kommissions-Jubliläumsprojekt, welches durch klischeehaft gezeichnete EU-Beamtinnen, einen alten sterbenden Auschwitz-Überlebenden, sowie einen österreichischen Volkswirtschaftsprofessor verkörpert wird – nämlich Auschwitz als d a s Sinnbild für die Geburt der EU darzustellen, und durch eine dort neu zu errichtende EU-Hautpstadt zu adeln. Was damit der Mord einer unbekannt bleibenden Person durch einen polnischen Kirchensoldaten, der im Auftrag der polnischen Kirche gefährliche Islamisten in Geheimdienstmanier erschießen soll, bleibt unerschlossen. Die vielleicht witzig sein sollende Idee der Sichtung eines in Brüssel herumlaufenden Schweins, mit Seitenhieben auf die Boulevardpresse, soll offenbar Verbindung zu einer der Hauptpersonen, einem österreichischen Schweinefarmer und Präsidenten einer Europäischen Schweizezüchtervereinigung darstellen, dem das Betreiben eines multilateralen Schweine-Handelsvertrages der EU-Bauern mit China mißlingt, da einzelne Länder bilaterale Verträge mit China abschließen sollen, was nach EU-Recht gar nicht möglich ist (ist das von Menasse, dem EU-Kenner, beabsichtigt?). Beeindruckend und berührend sind als einzige in diesem sonst eher ärgerlichen Buch die immer wieder auftauchenden Kindheitserinnerungen an das Tausendjährige Reich und seine psychischen Folgen für die Überlebenden. Immer wieder tauchen ganz aktuelle politische Bezüge auf: so wird die mediale Suche nach einem Namen für das vazierende Schwein nach einem Blogstorm, der den Namen „Mohammed“ propagiert, abgebrochen; österreichische Politiker der jüngsten Vergangenheit tauchen, kaum verschlüsselt auf, der EU-Kommissionspräsident wird als guter Küsser in den Nacken dargestellt, etc., etc. Menasse kann es nicht lassen, sein EU-Insiderwissen zur Schau zu stellen. Ärgerlich sind auch einige grammatikalische Fehler, zB „er schwindelte“, womit gemeint sein dürfte „ihn schwindelte“, auch „außen vor“ ist eher auf den deutschen als den österreichischen Markt gemünzt. Alpbach, das mehrmals vorkommt, schreibt man nicht Alpach.

Vielleicht ist meine Kritik an dem Buch durch meine Kenntnis der Brüsseler EU-Interna und der EU-Gegoraphie Brüssels gebiassed, vielleicht macht dieser Genre-Roman für die Nicht-Insider mehr Sinn. Dennoch: die Perlen in dem Buch sind zu wenige.

Eher empfehlen würde ich The Underground Railroad“ des Pulitzer-Preisträgers Colson Whitehead, der die Geschichte eines Sklavenmädchens in den US-Südstaaten der 1870er Jahre sehr eindringlich beschreibt. Die vollkommene Ausgeliefertheit der Sklavenfamilien auf den Baumwollfarmen in Georgia, das willkürliche Auseinanderreißen der Familien, die Kinderarbeit, den Hunger, die Bestrafungen, die sexuelle Ausbeutung der Mädchen und Frauen durch die weißen Herren und die Aufseher sind wie selten zuvor eindringlich dargestellt. Cora, die Protagonistin, die bei ihrer Mutter auf der Plantage aufwächst, erfährt den großen Schock, als diese plötzlich weg ist, geflohen – und nie mehr wieder gesehen wird. Vollkommen schutzlos bleibt das Mädchen, widerständig baut sie auf einem winzigen Fleck zwischen den Hütten der Sklaven Rüben an und verteidigt dieses einzige „Privateigentum“ gegenüber den anderen Sklaven mit Zähnen und Klauen. Lange überlegt sie, die Flucht zu wagen, auch da sie sieht, was mit den wieder eingefangenen Sklaven passiert. Als sie sich den Peitschenhieben für einen Jungen entgegenstellt, wird sie selbst im Gesicht schwer verletzt. Dennoch bleibt sie ein Sexualobjekt für den Eigentümer. Erst nach einiger Zeit gelingt es Caesar, einem Mitsklaven, der erstaunlicherweise lesen gelernt hat, sie zur Mitflucht zu bewegen, die sie dann abenteuerlichst unternehmen, wobei eine weitere Fluchtgefährtin eingefangen wird. Auf der Underground Railroad, die in diesem Buch tatsächlich nicht nur so heißt, sondern eine wirkliche Eisenbahn im Untergrund ist, gelangen sie weiter nach Norden, finden Unterschlupf bei einem der weißen Helfer, werden jedoch – jeder extra – von den von den Plantagenhändlern angeheuerten Sklavenjägern, die sich als Privatmiliz Zugang zu jedem Haus, zu jeder Wohnung verschaffen, wieder eingefangen und zurückgebracht. Neben den Scheußlichkeiten des Selbst-Erlebten muss Cora mitansehen, wie eine weiße Familie, die sie eine Zeitlang in einem winzigen Dachverschlag versteckt, von deren Mitbürgern nach Entdecken Coras brutalst ermordet wird – und einer Allee von Gehängten am Weg zur Stadt einverleibt wird. Letztlich gelingt es Cora, ihrem verhaßten Peiniger zu entkommen und den Weg in die Freiheit zu finden. Der Leser, erschüttert von dem Grauen der eindringlichst beschriebenen Sklaverei, wünscht ihr das und vergibt dem Autor das allzu unwahrscheinliche Happy End.

Alban Bergs Wozzek im Theater an der Wien ist ein durchschlagender Erfolg. Die Verfassung des Librettos durch Berg selbst nach Georg Büchners Drama macht eine fast hundertprozentige Übereinstimmung von Musik und Text möglich. Hochdramatisch geht es her, die Armseligkeit der Existenz Wozzeks und Maries, die Verkommenheit letzterer (sie fügt sich in der ersten Szene, bei der sie ihren Sohn schlafend legt und ihm Wiegenlieder vorsingt, einen Heroin-Schuss), das Elend und die Ausweglosigkeit der Armut gelingt Berg, aber auch der sehr minimalistischen Inszenierung von Robert Carsen, sowie den von Leo Hussain geleiteten Wiener Symphonikern (fast) perfekt. Die Bühne ist immer der Innenhof einer Kaserne, deren Architektur an das Nazi-Luftwaffenministerium (jetzt Finanzministerium) in Berlin erinnert, und nur durch Vorhänge fokssierte Schauplätze abtrennt. Das Militärambiente dominiert sowohl die Behandlung Wozzeks (Florian Bösch) durch den Hauptmann (exzellent John Daszak), wie auch durch den die eigene Wissenschaftskarriere vergötternden Doktor (ganz ausgezeichnet Stefan Cerny), der Wozzek zu Experimenten mißbraucht. Die unglückliche Marie (hervorragend Lise Lindstrom) wird in einer Büchner-Brechtschen Manier als Opfer der Verhältnisse dargestellt, changierend zwischen Liebe zu ihrem kleinen Sohn, der finanziellen Abhängigkeit von Wozzek und den wenigen Lebens-Aktivitäten, die ihre Hingabe an den Tambourmajor und die Soldaten ermöglicht. Sensationell singt und spielt Florian Bösch den von Wahnvorstellungen aber auch den elenden Verhältnissen getriebenen Wozzek, dessen Suche nach Nähe und Anerkennung von seinen halluzinierenden Angstvorstellungen dominiert wird. Die Geschäftsmäßigkeit, mit der er Maries Kehle durchschneidet, nachdem ihm dies als einziger Ausweg für die „Sicherheit, wo man hingehört“ erscheint, macht einen frösteln. Und die allerletzte Szene, in welcher Maries und Wozzeks kleiner Sohn, während seine Spielkameraden die Leiche seiner Mutter beäugen wollen, ein Gewehr als Steckenpferdersatz nimmt, auf dem er in den dunklen Hintergrund „reitet“, zeigt grandios auf, dass auch der nächsten Generation kein besseres Los beschieden sein wird als der heutigen. Wenn es bei dieser Aufführung eine Kritik gibt, gilt sie dem Dirigenten, der zwar die dramatischen Akzente perfekt auslotet, in den (wenigen) lyrischen Szenen aber etwas farblos bleibt.

Ein Konzertereignis möchte ich herausheben: am 22.10. spielte Roland Batik mit dem Wiener Concert-Verein seine wunderbare Komposition „Meditation upon Peace“, sein 1. Klavierkonzert. Dies ist eine ganz toll gelungene Kombination von wunderschöner klassischer Musik mit gekonnt eingestreuten Jazz-Elementen, die kongenial vom Orchester, vor allem aber vom Kontrabassisten Heinrich Werkl komplettiert wurde. In dieser Komposition (vielleicht auch in vielen anderen) gelingt es Batik, sich ganz von der gekünstelten Freistellung von jeglichem klassischem Musikwissen seines einstigen Lehrers Friedrich Gulda zu lösen und eine wunderschöne Verbindung von klassischer und Jazzmusik herzustellen, ohne schroffe Übergänge und ohne dass diese Kombination aufgesetzt wirkt. Batik und das Orchester bekamen dafür frenetischen Beifall, was ihn dazu bewog, noch seine „Bagatelle“ zuzugeben, was ebenfalls mit Jubel belohnt wurde. Weniger subtil war Batiks und des Orchesters Performance in Mozarts Klavierkonzert in b-Dur (KV 505), wobei vor allem das Orchester den kleinen Brahmssaal übertönte – wie mir scheint, eine immer häufiger zutreffende Mode der Dirigenten, volle Pulle spielen zu lassen – auch wenn es gar nicht so passt. Gepasst hat diese kontrastreiche Wiedergabe allerdings dann bei Haydns Symphonie mit dem Paukenschlag, die der Dirigent Claus Peter Flor besonders lustvoll mit dem Orchester zelebrierte.

Das mir bis dahin unbekannte Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra unter seinem österreichischen Chefdirigenten Sascha Goetzel brachte im Grossen Musikvereinssaal eine zu vergessende Islamej:Fantasie orientale des Russen Milij Balakirew, die viel aus Tschindarassabum bestand; danach aber ein sehr interessantes Violin-Doppelkonzert „Shadow Walker“ von Mark-Anthony Turnage, als österreichische Erstaufführung, bei der Daniel Hope und Vadim Repin auf Period-Violinen brillierten, das auf Bezug einer künstlerischen Arbeit an der Londoner Shaftsbury Avenue basierte, in welcher der Künstler seinen Schatten als ihn verfolgenden Doppelgänger fotografierte. Laut Programmheft soll das etwas mit Identitätsfindung zu tun haben, schön und gut, aber für mich in der schönen Musik nicht wirklich sichtbar. Brillante Musik mit vielen Schattierungen, deren stilistische Zuordnung schwer zu identifizieren war, aber äußerst interessante Tonfolgen erscheinen ließ. Als Gustostück danach Berlioz‘ Symphonie fantastique. Episode de la Vie d‘un Artiste, in der das riesig besetzte Orchester all seine Farbigkeit, Lautstärke aber auch Musikalität zeigen konnte. Der Walk durch das Leben des Komponisten, von den träumerischen Fantasien von seiner Geliebten, zur pastoralen Lieblichkeit, zur wild brodelnden Leidenschaft, zum Hexensabbath und letztlich zum dröhnenden, pulsierenden Dies Irae war eine Wucht, die Dirigent und Orchester mit großem Verve und Freude musizierten.

Das hervorragende Minetti-Quartett im Sängerknaben-Konzertsaal Muth bot einen kantigen Haydn, Streichquartell in F-Dur, op.77/2, der die Mär vom guten Onkel Haydn im exzellenten Zelebrieren der Kontraste verschwinden liess. Noch eindrucksvoller Schostakowitschs Streichquartell Nr. 7, das durch die tragischen Lebensumstände (Tod seiner früheren Frau, Ächtung durch das Stalin-regime, welches in ihm auch nach dessen Tod nachwirkte) dominiert scheint. Die Aufgeregtheit von Satz 1 und 3 (Beginn) wird durch Todesklage im 2. abgelöst, und mündet am Ende des 3. Satzes dann in Abgeklärtheit. Die perfekte Synchronisation der Musikerinnen, aber auch ihr intensives Mitleben mit der Emotionalität dieses Stückes machen dies zu einem besonderen Hörerlebnis. Und dann noch eins drauf: Schuberts „Der Tod und das Mädchen“ bringt auch die Gequältheit des unheilbar Kranken zum Ausdruck, das Depressive korrespondiert so gar nicht mit dem biedermeierlichen „3-Mäderlhaus-Gefühl“, welches meine lange verstorbene Großmutter mit Schubert verband. Auch hier wieder eine meisterliche Wiedergabe des so hervorragend eingespielten Quartetts.

Der Georg Kreisler-Liederabend „Wien ohne Wiener“ unter der Regie des genialen Puppenspielers im Wiener Volkstheater brachte begeisterten Applaus, Pfiffe (positiv) und sogar Trampeln als Zeichen der Zustimmung im ausverkauften Theater. Besonders eindrucksvoll war die Gestaltung und Führung der Puppen, zB beim Der Tod der muss ein Wiener sein, oder Gemma Taubenvergiften im Park, im Triangelspieler aber auch am Donaukanal. Das singende und schauspielernde Ensemble von Sängern/Schauspielern/Puppenführern/Musikanten brachte ganz neue Töne in die schon eher depressiven Nummern des großartigen Kreisler, da die Musikbearbeitung von Franui die Liedertexte kongenial verstärkte. Leider war bei einigen der sonst großartigen Sänger die Textdeutlichkeit weniger ausgeprägt, sodass ein wesentlicher Teil der Lieder verlorenging. Das wurde aber durch die Puppen, aber auch sonstige Darstellung mehr als wettgemacht. Etwas schal der Ausflug in die Jetzt-Politik mit einem zackigen Autoritär Kurz, dennoch verblüffend, wie zeitlos einige der Texte Kreislers sind (zB vom Zugrabetragen der Freiheit). In jedem einzelnen Lied bleibt die Heimatlosigkeit des Vertriebenen – und seine vergebliche „Wiedereingliederung“ in die österreichische Gesellschaft spürbar.

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