Author Archives: kurtbayer

About kurtbayer

25 Jahre angewandte Wirtschaftsforschung im Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung, 10 Jahre österreichische und EU-Wirtschaftspolitik und Internationale Finanzinstitutionen im Finanzministerium, 2 Jahre Exekutivdirektor bei der Weltbank (für 10 Länder) und 5 Jahre Board Director bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) in London. Seit 2012 Kommentator und Wirtschaftspublizist. 25 years of applied economic research, 10 years as policy advisor and manager in Austrian government's treasury department, 7 years in boards of international financial institutions (World Bank, European Investment Bank, European Bank for Reconstruction and Development), at present independent consultant on economic policy questions, consultant at Austrian Institute of Economic Research (WIFO) and at the Vienna Institute for Economic Studies (wiiw).

Buch- und Operntipps

Wunderbar fantastisch ist Judith Schalanskys Roman „Verzeichnis einiger Verluste“, in welchem die Autorin in 12 separaten Kapiteln in extrem anziehender Weise über vergangene/verlorene Dinge erzählt: von Sapphos Liebesliedern, dem DDR Palast der Republik, Greta Garbos spätem Leben in New York, dem kaspischen Tiger, und anderem. Sie will mit diesen Vignetten erinnern, dass mindestens so viel verschwunden ist wie existiert, dass unsere Welt, bzw. unser Wissen auf Untergegangenem aufbaut – aber auch, dass immer wieder schon verloren Gegangenes wieder gefunden, entziffert, erinnerlich gemacht wird. Am faszinierenden ist neben der akribisch recherchierten und erfundenen Gedankenwelt die Sprache der Autorin, die je nach Gegenstand einmal ganz lakonisch kurz, journalistenhaft, dann wieder lyrisch ausbreitend und poetisch ist, wie etwa in den erstaunlichen Flora-, Fauna- und Naturbeschreibungen. In jeder der Geschichten kommen Außenseiter-Personen vor, die sich um die Objekte kümmern, so ein alter Schweizer, der in seinem autarken Garten das Wissen der Welt auf Holztafeln aufgeschrieben und aufgehängt hat, oder die Garbo, die in exaltierter und depressiver Weise ihre verbleibende Lebenszeit vergeudet, oder der Mondbegeisterte, der in seiner Phantasie (?) auf dem Mond siedelt, oder das DDR-Lehrerpaar, dessen tristes Privatleben minutiös und lapidar geschildert wird. Es gibt keine Moral, keine Bewertung, nur grandiose Schilderungen von Bewahren, Verlieren, Erinnern. Ein Namensverzeichnis am Ende gibt detailliert Auskunft über griechische und römische Dichter und Kaiser, über italienische Renaissancemeister, über Jazzmusiker und deutsche Junker, französische Seefahrer, und viele andere. Schalansky hat für die einzelnen Geschichten gewissenhaftest recherchiert und beeindruckt mit Fachwissen aus vielen Gebieten. Entscheidend bleibt jedoch die wunderbare Sprache ihrer Erzählungen.

Die „Operngroteske Die Überflüssigen“ von Autor, Komponist, Ensembleführer und Pianist Alexander Kukelka im Hamakom Theater im Nestroyhof ist ein vollgestopftes Sammelsurium von überbordender Handlung und sehr interessanter Musik, die vom Neuen Wiener Musiktheater ganz hervorragend dargeboten wird. Die Musik und deren Protagonisten ist zweifellos das Herausragendste an diesem Abend: sowohl die variantenreiche Musik, vor allem aber die immer nur die Sängerinnen unterstützende Orchestrierung, die also nie die Führung übernimmt oder die Sänger übertönt, ist hörenswert: meist sehr rhythmisch skandierend, von romantischen bis jazzigen bis filmmusikalischen Ausprägungen, bietet das kleine Ensemble sie ganz toll an. Auch an den Sängerinnen und Sängern gibt es absolut nichts auszusetzen, hervorzuheben wäre zweifellos der volltönende, sehr artikulationsfreudige Bass von Rupert Bergmann (Hüter des Mülls), aber auch der Sopran der Societylady Eva-Maria Neubauer, etwas weniger bemerkenswert jener von Ewelina Jurga als Essenszustellerin, sind bemerkenswert. Etwas schwächer die beiden anderen Männer, der vor Selbstmotivation und Körperstählung strotzende Dieter Kschwendt-Michel (Ex-CEO) und der Tenor des Öko-Flüchtlings Emil Kohlmayr kommen an die Damen nicht ganz heran, obwohl sie respektable Leistungen bieten.

Teile der Überfülle der Handlung:

– Müllsammler und Deponiebewohner delektiert sich an den unterschiedlichsten Plastikverpackungen

– Gescheiterter Manager-Yuppie wird durch Kanalrohr auf die Deponie gespült, verachtet Müllsammler, stählt selbstgefälligst seinen Körper

– Ihren Kredit verloren habende Societylady kommt ebenfalls auf der Deponie an, schminkt sich ununterbrochen, betrachtet ihren Körper „wie ihr Haus, das gepflegt werden muss“, wehrt sich gegen philosophische Vereinnahmungsversuche des Müllsammlers, wirft letzten Endes ein Auge auf den Ex-Manager

– Essenszustellerin, eben entlassen, kommt auf die Deponie, zeigt als einzige menschliche Gefühle gegenüber dem Müllmann und später gegenüber dem Flüchtling

– Flucht von der Deponie aller auf einem versteckten Floss des Müllsammlers, der ob mehrfach geäußerten „Das Boot ist voll“ dann von seinem sich später als sein Sohn entpuppender Manager vom Floss gestossen wird, persönliche Annäherungsversuche der Societylady an den Ex-Manager gipflen in Titanic-Pose (witzig!)

-Öko-Flüchtling kommt auch aufs Boot, wird gegen den Widerstand der Wohlstandsbürger durch die Essenszustellerin, die sich als verkappte Sängerin entpuppt, dort festgehalten.

– Manager erfährt von seinem Vater, wird angesichts des durch ihn selbst verursachten Todes dessen zum Menschen – und opfert sich zugunsten des Flüchtlings auf dem Floss in einem Sturm

– Society-Tussi erkennt, dass Essenszustellerin schwanger ist, erinnert sich schmerzlich an das eigene verlorene Kind und gibt sich mütterlich

– Der tote Müllmann erscheint am Balkon als Lieber Gott und redet den Flossflüchtlingen gut zu, schwafelt vom Raumschiff Erde und dem Öko-Schönen und Guten

– Essenszustellerin freut sich auf Baby und tut sich mit Öko-Flüchtling zusammen.

Wem das noch nicht genug ist, der muss sich diese Oper unbedingt ansehen und anhören. Die Message von der Leere „unseres“ handy- und internetgetriebneen Lebens, der physische und moralische Müll, der sich dadurch auf der Deponie anhäuft, in die die Normalbürger geschwemmt werden („Die Überflüssigen“) – all das ist zu dick aufgetragen, die Clichés zu banal, um unter die Haut zu gehen. Die schwachen Emotionen machen das nicht wett, wohl aber die Musik und die sängerisch und darstellerischen Darbietungen.

Die zerrissenen Identitäten der Bürgerinnen und Bürger von Ex-Yugoslavien, aus Sicht dreier Generationen von slovenischen Personen erzählt Goran Vojnovic in seinem Roman „Unter dem Feigenbaum“ in eindrucksvoller Weise. Die Verwebung der nationalen Identitäten mit den persönlichen Beziehungs- und Liebesgeschichten führt in der ersten Generation zur „Flucht“ des Großvaters zu einem Job in Ägypten (bewogen durch die Erpressung eines Oberen, die jüdische Herkunft seiner Frau publik zu machen), nach seiner Heimkehr zum Rückzug mit seiner Frau nach nunmehr Kroatien, wo sie ein kleines Haus haben – und letztlich zu seinem Selbstmord, nachdem er erfährt, das seine Frau sich aufgrund seiner Flucht von ihm scheiden lassen wollte, seine Frau, von der er sich nach seiner Rückkehr die Wiederherstellung der idyllischen Zweisamkeit erwartet, die sie vorher hatten. Der bosnisch-stämmige Mann seiner Tochter wiederum, Vater des Erzählers, geht während des Jugoslavienkriegs, ohne sich von Frau und Kind zu verabschieden, in die Schluchten des Bosnienkrieges, strandet dort menschlich wie beruflich und vermag es bei seinem Besuch in Slovenien viele Jahre später – anlässlich des Begräbnisses seines Schwiegervaters – in keiner Weise, seiner tief getroffenen Frau die Beweggründe seines Weggehens zu erklären. Der Erzähler wiederum, der sich in ein großbürgerliches Mädchen verliebt und langsam die Verwerfungen emotionaler und ethnischer Herkunft seiner Vor-Generationen erfährt, scheitert ebenso wie sein Vater und sein Großvater an den unausgesprochenen Tabus, die der Vielvölkerstaat für das Überleben seiner Bürgerinnen und Bürger aufgebaut hat.

Dieses Buch macht alle Illusionen über die vermeintliche Idylle des Vielvölkerstaates Jugoslavien zunichte und zeigt in literarisch hervorragender Weise die daraus entstehenden persönlichen Verletzungen und Verheerungen auf. Es ist absolut lesenswert.

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Das Brexit-Chaos: May Deal oder MayDay?

Großbritannien hat sich in eine unmögliche Lage manövriert: zur wichtigsten Zukunftsfrage seit dem 2. Weltkrieg gibt es Wunschvorstellungen, Illusionen, Großmachtfantasien, aber auch zunehmende Angst vor der Auflösung eine mehr als 40 Jahre dauernden engen Verbindung mit dem Kontinent. Die Regierung hat zwar äußerst dilettantisch – viel zu spät, ohne eigene realistische Vorstellungen – eine Vereinbarung mit der EU über die Auflösung der Mitgliedschaft ausgehandelt, welche aber offenbar vom Parlament, das sich in einem langen Kampf erst das Mitspracherecht von der Regierung erkämpfen musste, keine Zustimmung findet. Die regierende Toryparty ist sich vollständig uneins, die oppositionelle Labour Party erst recht, die die Regierung unterstützende nordirische DUP ist gegen den „May Deal“. Am kommenden Dienstag, den 15. Jänner, soll die (erste?) Abstimmung über den Deal im Parlament stattfinden. Sie wird aller Voraussicht nach negativ ausgehen. Das Parlament hat Mitte der laufenden Woche beschlossen, die Regierung müsse nach einer fehlgegangenen Abstimmung 3 Sitzungstage später, am Montag, den 21.1. einen neuen Plan (B) vorlegen. Bisher hat die Regierung immer behauptet, es gäbe keinen Plan B, es gäbe nur den May Deal oder keinen Deal, d.h. einen ungeordneten Austritt Großbritanniens aus der EU am Stichtag des 29. März 2019.

In den letzten Tagen hat Labourchef Corbyn mehrmals verkündet, er würde bei negativem Votum am Dienstag einen Misstrauensantrag gegen die Regierung stellen und Neuwahlen fordern. Auch eine solche Abstimmung dürfte keine Mehrheit finden. Corbyn‘s Behauptung, dass nach einem Labour Wahlsieg er einen „besseren“ Deal als May aushandeln könne, ist Illusion: die EU beharrt auf ihrem Verhandlungsergebnis.

Was könnten also die möglichen Auswege aus diesem Dilemma sein? May hat angedeutet, dass sie immer wieder „ihren“ Deal zur Abstimmung bringen könnte – in der Hoffnung, dass je näher das Fallbeil des 29. März rückt, der Druck auf die Abgeordneten den von (fast) niemandem im Parlament gewünschten ungeordneten Austritt zu verhindern, so stark würde, dass sie endlich dem May Deal zustimmen würden. Und das kommt von einer Regierungschefin, die sich gegen ein neues EU-Referendum mit dem Argument sträubt, man könne aus demokratiepolitischen Überlegungen nicht so oft abstimmen lassen, bis man das gewünschte Ergebnis erhalte!

Corbyn‘s vage Hoffnungen sind ebenso Illusion: derzeit scheint die Chance, dass die EU einer von einigen Proponenten gewünschten „Norwegen-Lösung“ oder einer „Kanada-Lösung“ zustimmt, vollkommen unrealistisch. Auch gibt es für diese und andere „Lösungen“ keine parlamentarische Mehrheit.

Die ganze Art, wie und warum das Referendum 2016, die Notifizierung des Art.50, mit der das Austrittsdatum (2-Jahresfrist) festgelegt wurde und wie die Verhandlungen von der Regierung im Alleingang geführt wurden, zeigt ein gravierendes Demokratiedefizit in Großbritannien auf. Weder wurden die für den Verbleib stimmenden Schottland und Nordirland berücksichtigt, noch die Interessen der 48%, die für den Verbleib gestimmt hatten, weder die Interessen das Parlaments an Mitsprache in dieser grundlegenden Verfassungsfrage, noch jene der Oppositionsparteien. Ich habe gleich nach dem Ausgang des Referendums vorgeschlagen, dass die Regierung für die Verhandlungen mit der EU gemeinsam mit der Opposition vorgehen solle und dass eine breite Debatte über die zu verfolgenden Optionen mit der Bevölkerung organisiert werden sollten. Die Gründe jener Briten, die für den Ausstieg stimmten, sind ja breit gestreut: sie reichen von den Illusionisten eines „Global Britain“, die sich wieder als neue Weltmacht imaginieren, über jene, die die EU als nicht reformierbar finden, bis zu jenen vielen, die vom britischen „System“, der neoliberalen Wirtschaftspolitik, der Verarmung vieler Menschen, dem Elitismus der Eton und Oxford-Absolventen enttäuscht sind, und sich durch die Öffnung des Arbeitsmarktes nach dem EU-Beitritt der 10 mittel- und osteuropäischen Staaten 2004 und 2007 und durch die Globalisierung in ihren Zukunftschancen bedroht fühlen.

Dieses Demokratiedefizit aufzugreifen, darüber eine ernsthafte Debatte mit der Bevölkerung und dem Parlament zu starten – und dies als Voraussetzung für eine neue Volksabstimmung zum Thema EU zu machen, wäre eine Chance, aus dem derzeitigen Dilemma herauszukommen. Dazu müßte nach einer Abstimmungsniederlage am Dienstag die Regierung mit Zustimmung des Parlaments bei der EU entweder den Austrittsantrag rückgängig machen (dies ist rechtlich möglich), oder um eine mittelfristige Verlängerung der Austrittsfrist ansuchen mit dem Argument, dass der Prozess der Austrittsverhandlungen auf unzureichender, wenn nicht falscher, Grundlage gemacht wurde. Da es dazu Einstimmigkeit bei den EU-27 benötigt, wäre ein solches Demokratiedefizit-Eingeständnis vom Land der „Mutter aller Parlamente“ für dieses zwar schwierig (und würde von den vehementen Brexit-Befürwortern a la Boris Johnson und anderen massiv bekämpft), würde aber die EU-27 überzeugen können, dass künftig diese lebenswichtige Entscheidung für Großbritannien und die EU in professionellen, und vor allem legitimierten Bahnen verlaufen könnte, sie daher zustimmen sollten.

In einer solchen alle Gesellschaftsschichten, alle Teilnationen, alle Interessengruppen einbindenden nationalen Enquete müsste es natürlich nicht nur um die Austrittsbedingungen, sondern viel mehr noch um die künftige Beziehung Großbritanniens zur EU gehen. Diese liegt bisher ja vollkommen im Dunkeln, da die EU (richtigerweise) darauf bestanden hat, erst die Austrittsbedingungen zu vereinbaren, bevor man über die künftigen Beziehungen verhandeln könne.

Dieser Weg würde eine Re-Demokratisierung Großbritanniens mit breitester Einbindung der Bevölkerung und Interessengruppen ermöglichen. Es würden die Gründe für das Misstrauen der Bevölkerung in das Gesellschafts- und Wirtschaftssystem diskutiert, die Rolle der die Politik vor sich hertreibenden Finanzmärkte, das Schicksal der Teil-Nationen und ihre Wünsche – mit einem Wort die Neuordnung von Gesellschaft und Wirtschaft für die Zukunft. Das ist ein schwieriger Weg, aber wenn er erfolgreich gegangen würde, könnte er die Grundlage für einen neuen Volksentscheid mit entsprechender Einbindung von Parlament und Regierung bilden. Und er könnte wegweisend sein für andere europäische (und andere) Länder, die zunehmend von populistischen und rechtsradikalen Strömungen heimgesucht werden. Ein solcher Prozess würde der Bedeutung des Anlasses, das Verhältnis Großbritanniens zur EU neu zu überdenken, gerecht werden. Der bisherigen Prozess ist es jedenfalls nicht.

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TheWorld Bank is Not a US Fiefdom

Since its start in 1944, the World Bank President has always been a US citizen. In an unholy alliance with „Europe“, a US-European non-gentleman‘s agreement has been maintained that Europe holds the IMF Managing Director position (currently Christine Lagarde) and the US the World Bank Presidency (currently Jim Yong Kim). Kim has just announced that he will leave his post 3 years early by end-February 2019. Let us recall that in 2012 when Kim was first installed by President Obama and then in 2016 when Obama prematurely pushed him into his second term, that there was widespread disapproval of his appointment, not only by developing and emerging countries‘ authorities, but also by indstrial ones. In both cases, highly qualified nominees had been named, only to be steamrolled by the combined votes of European and US authorities. Sure, there was also the problem that emerging and developing countries could not agree on a single joint candidate, but this pales in significance to the obstinate claim by Europe and the US to maintain their hold on the Bretton Woods institutions. And this in spite of the fact that in the last 20 years at least the economic, if not the political, weight of the indstrial countries has fallen to below 50% of World GDP. But like in the after World War II years, the US still refuses to give up its blocking minority in these institutions, while the Europeans still command more than a third of the voting shares and of the number of Board Directors in both institutions. The US has used the Bretton Woods institutions as tools of their geo-political direction, the Europeans have been less successful, mainly because they were not able to agree on joint EU positions. Even though, they marshalled the IMF to support their crisis programmes, as part of a “Troika” of the European Commission, the European Central Bank and the IMF, to the dismay of the Fund’s  other shareholders.

It is no surprise that these valuable global institutions, the IMF safeguarding short-term balance of payments stability, the World Bank Group helping the longer-term development process of countries, have fallen into a sort of disrepute with their clients. The IMF, because it imposes heavy adjustment costs on clients‘ budgets, usually resulting in severe cutbacks of social expenditures and government employee wages, in favor of pushing ortodox liberal market philosophies, the World Bank for also following the disreputable „Washington Consensus“ prescriptions of liberalizing labor and product markets, privatizing state-held enterprises and establishing the predominance of the „free market“ on its clients‘ policies. As a consequence,  emerging countries recently founded their own (parallel) institutions, like the New Development Bank, the Contingent Reserve Arrangement, the Asian Infrastructure Investment Bank, in order to be more independent of the Bretton Woods Institutions. Recently, the US has criticized the World Bank for financing too much in China. The present „trade war“ instigated by the US against China and allies is likely to increase such tensions.

Mr. Kim‘s sudden departure again opens up a discussion about the future leadership of the World Bank. Kristalina Georgieva, at present Chief Manager of the World Bank, will in the interim assume  Mr. Kim‘s position. As a long-term World Bank manager, and EU Commissioner, she has development and political experience and is well regarded. Still, this opening is another chance for the World Bank Governors to show that they see this institution as one of the bedrocks of a global rules-based order. In this vain, they should select a new President as a result of an open selection process, dismissing the unholy duopoly of the EU and the US. Clearly, such a move would also have implications for the future leadership of the IMF. It is exactly the assault on global institutions which the US President has launched which should incentivize the other world leaders to show that a global institution is only credible if it is seen as legitimate by all its members. The premature shoving-in of Mr. Kim in 2016 by President Obama (ostensibly in order to prevent an even more controversial appointment by President Trump) has backfired: not only, because Kim‘s tenure has been marred from his start by a near-permanent effort to remodel the Bank which has led to more navel-gazing and stonewalling, or leaving, of World Bank staff, but also because all of Mr. Kim‘s efforts to appease President Trump‘s government seem to have been in vain. More recently, he has steered the World Bank into calmer waters. The future needs of a global development institution, more open, more representative, more legitimate and more open to different development directions is (nearly) undisputed.

In this situation, it is with complete incomprehension that I read in the Financial Times of Jan.9, 2019 (“Why the World Bank needs an American leader”) that the President of the World Bank Alumni Association makes an impassioned plea that the US should once more nominate the next World Bank President from within the US, „perhaps with an open selection process. This statement – legitimized by whom? – flies in the face of an open and transparent selection process, in order to find the best leader for this still important development institution. That description does certainly not fit Ivanka Trump !(no joke: this is what international newspapers report as possible on Jan. 12).

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Aufruf: So kann es nicht weitergehen!

 

  • 24 % der EU-Bevölkerung (über 120 Millionen Menschen) sind von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, darunter 27 % der Kinder, 20,5 % der über 65-Jährigen und 9 % der Erwerbstätigen.
  • Beinahe 9 % der Europäerinnen und Europäer leiden unter materieller Armut – sie können sich keine Waschmaschine, kein Auto und kein Telefon leisten und haben auch kein Geld für Heizung oder unvorhergesehene Ausgaben.
  • 17 % der Europäerinnen und Europäer leben von weniger als 60 % des in ihrem Land üblichen durchschnittlichen Haushaltseinkommens.
  • 10 % leben in Haushalten, in denen niemand eine Arbeit hat.
  • Die Sozialsysteme in den verschiedenen EU-Ländern sind nicht alle gleich leistungsfähig. In den Ländern mit den effizientesten Systemen konnte das Armutsrisiko um 60 % reduziert werden, in den Ländern mit den am wenigsten effizienten Systemen um weniger als 15 % (EU-Durchschnitt: 35 %).
  • 12 Millionen mehr Frauen als Männer leben in Armut.
  • Minderheitengruppen wie Roma sind besonders benachteiligt: zwei Drittel sind arbeitslos, nur die Hälfte der Kinder gehen in den Kindergarten und nur 15 % schließen die weiterführende Schule ab.

Diese bulletpoints (Quelle: https://ec.europa.eu/social/main.jsp?langId=de&catId=751) sind nicht etwa der Alarmruf der ewig Kritisierenden, sondern stammen aus offiziellen EU-Quellen. Als Resultat schlägt das Sozialinvestitionspaket der EU im Rahmen der Strategie Europa 2020 zwei Routen zur Armutsbekämpfung vor: besserer und treffsicherer Einsatz der Sozialausgaben der Mitgliedstaaten und soziale Investitionen, also Ausbildung, aktive Arbeitsmarktpolitik u.ä., um die Chancen v.a. junger Menschen zu verbessern. Das reicht aber nicht.

Seit Jahren weist die EU als reichste Region der Welt eine Armutsgefährdungsquote von mehr als einem Fünftel der Bevölkerung auf , die kaum zurückgeht (laut Eurostat 2008: 23.7%, 2017 22.5% der Bevölkerung). Gleichzeitig stagnieren Reallöhne, und der Anteil der Löhne am EU-Volkseinkommen ist im Schnitt um 10 Prozentpunkte in den letzten zwanzig Jahren gefallen: das sind alarmierende Zahlen, die aber bis vor kurzem kaum zu politischen Gegenmaßnahmen geführt haben. Solange die sozialen Proteste gegen diese Entwicklungen auf einige NGOs und Sozialinstitutionen, aber auch auf kleine Länder wie Griechenland, Portugal beschränkt waren, die während der Krise „Programme“ von Seiten der Troika aus EZB, EU und IMF erhalten hatten, wurden sie in der Kern-EU weitgehend ignoriert. Auch der Zulauf zu rechtsradikalen populistischen Parteien in Österreich, Belgien, Dänemark, Schweden, Ungarn und Polen wurde zwar wahrgenommen und beklagt, aber auch der führte nicht zu wirksamen politischen Maßnahmen.

Erst das EU-feindliche populistische Auftreten der neuen italienischen Regierung, die Hintergründe des Brexit, und besonders der Aufruhr der französischen (und belgischen) „gilets jaunes“ läßt die EU die Effekte ihrer Wirtschaftspolitik bemerken, und an einigen Schräubchen drehen: so lässt die EU-Kommission offenbar zu, dass Frankreichs Budgetdefizit im nächsten Jahr wieder die 3%-Grenze überschreitet, so einigt man sich mit Italien – in abenteuerlich lächerlicher Weise – darauf, dass dessen Defizit im nächsten Jahr statt vereinbarten 1.8%, und von Italien geplanten 2.4% nunmehr 2.04% (!!!) des BIP betragen soll. Wie lächerlich will man sich noch machen? Hundertstel Prozentpunkte werden prognostiziert und abgesegnet?? Und diese Maßnahmen sollen die tiefgehende Frustration der Bürgerinnen, die zunehmende Verelendung, die extreme Ausgrenzung immer breiterer Bevölkerungsschichten „in den Griff bekommen?“

Was muss noch alles kommen, damit die politisch Verantwortlichen merken, dass ihr viel gelobtes marktfreundliches Wirtschaftssystem an seine Grenzen gestoßen ist, dass es immer mehr Armut und Ausgrenzung produziert, dass es massiv die Umwelt schädigt, und dass es vor allem den gesellschaftlichen Zusammenhalt, der für das Weiterbestehen demokratischer Verhältnisse essenziell ist, nicht nur gefährdet, sondern schon tiefgehend angegriffen hat. So lange sich die Proteste auf Entwicklungsländer und auf die oft gewaltsamen Proteste anläßlich von G-7 und G-20Treffen und die Jahrestagungen von Währungsfonds und Weltbank beschränkten, konnte man sie „Berufsprotestierern“ und anderen Unzufriedenen zuordnen. Aber die Occupy-Proteste, die Ausschreitungen in den französischen Banlieus und englischen Vostädten, und nunmehr die fast alle Gesellschaftsschichten erfasst habenden Proteste in Frankreich zeigen, dass das Drehen an kleinen Schräubchen nicht mehr ausreicht.

Die Politik hat die Entscheidungen über die Wirtschaftspolitik den entfesselten Finanzmärkten überlassen. Liest man die einschlägigen Gazetten, hört man den EU-Finanzministern zu, so wird permanent das „Vertrauen der Finanzmärkte“ beschworen, das es immer und immer wieder zu gewinnen gilt. Die Bürger merken, dass sich die Politik von ihrer Gestaltungsverantwortung verabschiedet, dass sie sich obstrusen Zahlenspielchen (3% Defizit, 60% Schuldenquote) als Hauptkriterien der Wirtschaftspolitik ausgeliefert hat, und dass sie die Macht an die sich hundertfach vervielfältigt habenden Finanzvolumina und deren davon profitierenden Akteuren abgegeben hat. Dass diese nicht das Gemeinwohl, nicht die Wohlfahrt der Vielen, im Auge haben, sondern ihre eigenen Profitinteressen haben wohl die Protestierenden verstanden, nicht aber die Wirtschaftspolitik.

Dass die verfehlte Wirtschaftspolitik, primär auf das Erreichen des „Nulldefizits“ ausgerichtet, in Europa die Finanzkrise verlängert und massiv verschärft hat (die EU ist seit 2007 nur ein Drittel der USA gewachsen) ist der EU keine Erwähnung wert. Man brüstet sich, dass man die fehlenden Krisenbekämpfungsinstrumente nachgeholt habe und man für die nächste Krise gerüstet sei – eine Fehlmeinung sondergleichen. Warum hat es keine tiefgreifende Analyse der EU-Krisenbekämpfungspolitik gegeben, die im besten Fall zu einer Umkehr anregen könnte? Weil „man“ der Meinung ist, dass es nur an den fehlenden Instrumenten, nicht aber am Beibehalten an der Austeritätspolitik gelegen ist.

Die EU-Gremien sind durch das Brexit-Chaos weitestgehend blockiert. Eine vorausschauende Vision, wie man die Finanzmärkte zähmen und auf die ihnen zukommende Funktion, die Realwirtschaft zu finanzieren, zurückführen könnte, fehlt. Es fehlt an einer Handels- und Investitionspolitik, die nicht nur Effizienzkriterien, sondern gleichwertig soziale und Umweltauswirkungen zu verbessern sucht. Es fehlt an einer an der Steigerung der Wohlfahrt der Bürgerinnen ausgerichteten Wirtschaftspolitik, die nicht die Maximierung oder Optimierung des zunehmend obsoleten Bruttoinlandsprodukts-Konzepts als Maßstab nimmt. Und es fehlt vor allem an einer Strategie, wie die EU als größter oder zweitgrößter Wirtschaftsraum der Welt beitragen kann, eine regelbasierte Kooperation auf globaler Ebene beizubehalten, welche nicht nur durch die US-Regierung schwerst gefährdet ist. Wo bleibt die EU im Hegemonialkampf zwischen den USA und China um künftige Technologien und Gesellschaftsverhältnisse?

Alle Akteure der EU (Kommission, Rat und Mitgliedsländer und Parlament) müssen endlich begreifen, dass es zu einem weiteren „Aufstand der Massen“ mit unabsehbaren Folgen für unser politisches System kommen wird, wenn nicht die Macht der Finanzmärkte gebrochen und zu einer Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik übergegangen wird, die soziale, ökologische und wirtschaftliche Interessen zum Wohle der gesamten Bevölkerung adressiert werden. Mögliche Folgen zeichnen sich nicht nur in den Visionen der Populisten, sondern bereits in einigen unserer Nachbarländer ab. „Wehret den Anfängen“ darf nicht nur ein an historischen Beispielen orientierter Slogan bleiben. Unsere Demokratie, die auf der Gesamtverantwortung des Staates und Solidarität der Bevölkerung beruht, ist fragiler als viele Mainstream-Politiker denken.

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Structural Policy

In a recent Policy Paper for the Vienna Institute of International Economics (wiiw) on EU structural policy (https://wiiw.ac.at/which-structural-reforms-does-e-m-u-need-to-function-properly–p-4782.html) I outlined conditions, definitions and developments of structural policies for the objectives laid down in the EU Treaty. The abstract is reproduced here:

Structural reform proposals have undergone significant change both as proposed by IMF and OECD as by the European Union. From a narrow flexibility-enhancing (‘liberalising’) focus complementing a strict budget consolidation course, they have evolved towards embracing institutional reforms and promoting of growth and productivity. Some of these reform proposals are motivated by increasing divergence between Member States since the financial crisis, others attempt to compensate for the fact that EMU did not and does not yet constitute an optimal currency area with all its institutions required.

This paper analyses the various motivations and restrictions for structural reforms and proposes an even wider array of additional reforms, with the aim to enhance socio-economic-environmental sustainability and well-being in the European Union (‘progressive’ reforms).
› ‘Progressive reforms’ should establish equivalence between economic, social and environmental objectives.
› Excessive ‘financialisation’ of the economy should be reversed by promoting longer-term real investment decisions, by slowing financial trading decisions, by increasing capital requirements of financial institutions, by levying financial transactions taxes, etc.
› Productivity-oriented wage setting and working conditions procedures through collective bargaining covering a wide spectrum of the labour force should be promoted as enhancing workers’ well-being and be balanced with flexibility requirements.
› Industrial policies aimed at enhancing the innovative capabilities of countries, with appropriate education, patent and innovation interventions need to gain wide-spread acceptance.
› The ‘race to the bottom’ with respect to corporate and personal income taxation, as well as generous tax-reducing policies need to be prevented.
› National and regional preferences with respect to social and cultural aspects need to be exempted from competition rules, as manifestations of social cohesion, environmental protection and identitypreserving heritage.
› In cases where cross-country spillovers matter, such ‘progressive’ structural policies should be set as general framework conditions by the European Union but be adjusted and implemented by the Member States.

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Winteroper 2018

Hochkonzentriert und vor allem sängerisch großartig Don Carlos von G. Verdi in der Kammeroper. Schillerfans werden vielleicht nicht ganz auf ihre Rechnung kommen, da diese von vielen Don Carlos-Versionen sehr geschickt primär auf das Familiendrama der Habsburger setzt: eine dysfunktionale Vater-Sohn-Beziehung, die noch verstärkt wird durch die Tatsache, dass der Vater Philipp den Sohn Carlos die Braut wegschnappt, eine Geliebte-Geliebter-Beziehung zwischen Elisabeth und Carlos, die nicht nur am Vater, sondern auch an der staatsfrauischen Verantwortung Elisabeths scheitert, eine Freund-Bruder-Beziehung zwischen Posa und Carlos, der eine politischer Idealist, der andere zerrissener Biedermeier-Romantiker – und das alles vor der Drohgebärde und dem Machtanspruch des Großinquisitors, mit dem Philipp Posa einerseits droht, von dem Philipp aber seine Herrschaft bedroht sieht, und dem anderen Gegensatzpaar Elisabeth-Eboli, die eine „Mutter Maria“, die andere Magdalena. Das alles ist sehr folgerichtig und vor allem zeitlos von Regisseur Dutrieux gedacht, und auch in einigen Bildern (zB in der ersten Szene das Erscheinen Elisabeths vor dem Finster im dunklen Nachthimmel, während Carlos im Schloss schmachtet) eindrucksvoll umgesetzt. Allerdings erinnert die Statik der Figurenführung an 1950er Walküre-Aufführungen: meist stehen die Protagonistinnen stocksteif, und bewegen sich kaum. Natürlich hängt das auch mit der Enge der Bühne zusammen, aber viele andere Kammeroperaufführungen waren weit dynamischer. Als zweite Kritik möchte ich anbringen, dass die Lautstärke der Sängerinnen unangebracht ist: erst gegen Ende – vielleicht weil die Kraft ausgeht – zeigen Elisabeth, Posa und Carlos auch Pianissimo-Stellen, von denen es in dieser grandiosen Oper viel mehr gäbe. So singen sie die ersten 2 Stunden aus vollem Halse – dem kleinen Haus absolut unangemessen.

Aber das Positive überwiegt bei weitem: vor allem Jenna Siladie als Elisabeth sticht aus dem durchwegs überragenden Ensemble hervor: hoheitsvoll, Liebe der Staatsraison opfernd singt sie ihre Arien wunderbar (wenn auch zu laut). Ihr liebender Gegenpart Andrew Owens fällt anfangs durch schneidenden Tenor auf, der sich aber im Verlauf wunderschön der zerrissenen Seele anpasst; Kristjan Johannesson als Posa ist makellos, wenn ihm auch gegen Ende einige Kickser passieren: wunderschön jedoch seine letzte (Sterbe-)Szene; Dumitru Madarasan als Philipp orgelt eindrucksvoll und bringt das Dilemma zwischen hybrider Staatsverantwortung („ich beherrsche die halbe Welt“) und Nicht-Lieben-Könnender eindrucksvoll auf den Punkt; Tatiana Kuryatnikova als impulsive zurückgewiesene, aber letztlich bedauernde Rächerin bringt klangvollen Schwung, und Ivan Zinoviev als großkotziger Inquisator, der seine Kirchenmacht voll für seine weltlichen Machtgelüste ausnützt, wirkt glaubwürdig sinister.

Das Wiener KammerOrchester unter der Leitung von Matteo Pais unterstützt formschön, manchmal wirkt die Einfachbesetzung der Instrumente aber etwas dünn. Dennoch: diese Großoper als Kammerstück und Familienaufstellung zu bringen, hat sich bewährt.

Noch eines: so wichtig und gut die Übertitelungen sind: sobald die Bühne erleuchtet ist, sind die Schriftzüge kaum mehr lesbar: dies sollte dem Lichtregisseur doch aufgefallen sein. Bitte um Abstellung!

Wunderbar beklemmend sind Musik und Inszenierung der „Die Weiden“ von Johannes Maria Staud (und Durs Grünbein) in der Staatsoper. Die Kombination der tollen, sich bewegenden Flusslandschaften auf dem Riesenvorhang mit real sichtbaren Aktionen und einer äußerst vielfältigen, hunderterlei Stimmungen ausdrückenden grandiosen Musik ist ein wirkliches Erlebnis. Unwahrscheinlich, wie viele unterschiedliche Wassertöne (von tropfend, zu strömend, von ruhig fließend zu tsunamiartigen Überschwemmungen) Staud hier hervorzaubert und mit Klangteppichen versieht, die einem zwar nicht, wie bei Wagner intendiert, das Denken nehmen und die reine Emotion bedienen, sondern eine sich steigernde Beklemmung des unausweichlichen bösen Endes ansteuern. Äußerst praktisch und effektvoll ist die Nutzung der sich meist drehenden ansteigenden Drehbühne, die Szenenwechsel praktisch im Vorbeilaufen ermöglicht, aber auch die Dynamik der Bootsfahrt und des Unheils sichtbar macht. Einige der Ideen wirken zwar lächerlich, so erinnert das an Seilen hängende Kanu an die 3 Knaben-Gondel in der Zauberflöte, doch ändert das nichts am äußerst positiven Gesamteindruck dieser Inszenierung, die zeigt, dass man heute Oper auch formal neu und äußerst interessant gestalten kann. Die vielen Sprechpassagen erleichtern das Verständnis für die Handlung, allerdings sollte man dem Protagonisten Tomasz Konieczny (Peter) neben seinem hervorragenden Singen einige Stunden an deutscher Intonation anbieten: es ist eigentlich nicht einsehbar, dass man ihn (wie auch in anderen Opern) hier kaum verständlich nuscheln läßt. Dies wird noch auffälliger als seine Liebe-Partnerin Lea (Rachel Frenkel) – auch nicht in deutscher Umgebung aufgewachsen – nicht nur grandios singt, sondern sehr verständlich, wenn auch manchmal etwas zu leise, spricht. Die Nur-Sprechrollen des identitären Komponisten Krachmeyer (Udo Samel), der unausstehliche Faschismus-Text exzellent bringt, sowie die der atemlosen und möglicherweise auch inhaltlich überwältigten Reporterin (Sylvie Rohrer) tragen wesentlich zur Dramatik der gesamten Szene bei. Grauenhaft effektiv Wolfgang Bankl als Demagoge, dessen Rede an Qualtingers Lesung von Karl Kraus Die letzten Tage der Menschheit erinnern, und zwar an die Heimstunde der Cherusker in Krems, bei denen das faschistische „Heil wie Hedl klingt“.

Unverständlich bleibt (mir), warum die Vorauskritik Grünbeins Libretto überschwänglich gelobt hat: viele der Text sind genauso platt wie jene des Opern-Standardrepertoires. Staud erfreut die Besucher mit einer Reihe von musikalischen Zitaten, etwa aus Meistersinger, oder die Anlehnung an die Walküren-Rufe (Heijaho), und anderes. Fantastisch seine Jazz-Szenen. Äußerst wirkungsvoll auch das Zusammenspiel von im Orchestergraben produzierter Musik und Zuspielung. Das Orchester unter Ingo Metzmacher macht das Zuhören dieser erstklassigen Partitur zu einem Erlebnis.

Sängerisch ist Rachel Frenkel als Lea allen anderen eine Klasse voraus: sie meistert die ungeheuer anspruchsvolle, fast die ganze Zeit auf der Bühne stehende, und dynamisch gestaltete Partie sehr überzeugend: ihre Suche nach den familiären zentraleuropäischen Wurzeln und nach der lokalen Erinnerung schrecklicher Ereignisse 1945 (negativ!), gepaart mit einer leidenschaftlich beginnenden, an der Nicht-Anpassung ihrerseits an die verdrängte Realität der Jetztzeit durch die lokale, sich immer mehr in Karpfen verwandelnde Bevölkerung zuende gehenden Liebe, ihre durch Außensicht erleichterte Standhaftigkeit gegenüber der Unmenschlichkeit und Xenophobie, ihr Grauen (verstärkt durch Begegnung mit einem untoten Opfer) am Ort des „alten“ Verbrechens, das macht und singt sie äußerst glaubwürdig. Sängerisch exzellent (wenn auch sprachlich defizient) Tomas Konieczny als ihr Liebhaber, der sich zuhause nicht von der Verdrängungsorgie der Seinen zugunsten seiner Liebe lösen kann; sehr gut auch die Braut Kitty (Andrea Carroll), die zwischen Anpassung und Beibehaltung der eigenen Identität laviert und spritzig singt, etwas schwach ihr Bräutigam Edgar (Thomas Ebenstein), dessen Tenor einfach zu schwach für diese von ihm ansonsten sehr gut dargestellte Rolle ist. Gut auch die Väter und Mütter von Lea und Peter, sowie die skurrilen Zwillingsschwestern Peters, Fritzi und Frantzi, deren Gehabe zwar dem Sinn nach unverständlich bleibt, die aber ihre Verhaltensauffälligkeit glaubwürdig, auch sängerisch, bringen.

Einige Kritiken haben die Story, in der es sehr aktuell um Verdrängung der Geschehnisse von 1945, sowie die damit einhergehende Ausgrenzung der anderen (Flüchtlinge, Juden, Städter) im Rahmen einer Liebesreise im Kanu entlang des Stromes geht, als zu holzhammerartig beschrieben. Ich bin hingegen der Meinung, dass eine solche „aktuelle“ Oper genau den nagel auf den Kopf trifft. Staud und Grünbein ist es hier gelungen, eine Parabel (die Verwandlung der Mitmenschen in hartmäulige Karpfen) mit wunderbarer Musik und Inszenierung (ganz großartig Andrea Moses und Jan Pappelbaum) in die heutige identitäre Gegenwart zu übersetzen. Ein großes Verdienst der Staatsoper, die dieses Werk in Auftrag gegeben hat.

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Theaterherbst 2018

 

Fulminant ging das 25-Jahr-Jubilärum der Musicbanda Franui im Konzerthaus über die Bühne. Das „Ständchen der Dinge“ genannte Programm wurde unter der Mitwirkung des wundervollen Bariton Florian Boesch, des Puppenspielers und Kunstpfeifers (und Sängers und Sprechers) Nikolaus Habjan, von Doerte Lyssewski und Peter Simonischek als Leser, Wolfgang Mitterers, der an der Orgel Unerhörtes aufführte und des tollen Sängers Karsten Riedel abgefeiert. Es war wieder einmal die originelle, unvergleichliche Fusion von Romantik (Schubert, Schumann und Brahms) mit Volksmusik und jazzigen Arrangements, von authentischen Lebensbeschreibungen in Villgraten, von Georg Kreisler (Triangel) und anderen, immer tiefsinnigen Gedichten und Prosa- und Musikstücken. Bezeichnend für den Trauermarsch-Fetischismus der Franui ist nicht nur der Aficionados altbekannte Zugabe-Trauermarsch (lostzns obi, losstzn obi, lossztn obi den Falott), sondern auch die Beziechnung der drei Teile als vor-vorletzter, vorletzter und letzter Teil. Die phänomenale Musikalität der Franui läßt auch die eigenartigsten Texte nie kitschig werden, haben oftmals tiefgründigen Humor – welcher gut auch ohne die tollpatschige gewollt osttirolerische Rede n des sonst wunderbaren Adnreas Schett auskommen könnte.

Die externen Mitwirkenden rundeten ein Programm ab, auf das man als zuhörender Laie nie kommen würde. Gegen Ende zu wird das Programm immer melancholischer (siehe „Trauermarsch“), aber es bleibt stimmig. Habjan als Puppenspieler, erstaunlicher Sänger und begnadeter Pfeifer bleibt ein Original, das man erfinden müsste, wenn es ihn nicht gäbe.

Standing Ovations nach mehr als 3 Stunden Programm.

Das ambitionierte Projekt Verteidigung der Demokratie, eine Politshow von Christine Eder und Eva Jantschitsch im Volkstheater ist nicht nur zu diesem Zeitpunkt äußerst wichtig, sondern auch ausnehmend gut gelungen. Das Stück mit Musik baut auf den Verfassungsentwürfen von Hans Kelsen am Beginn der Republik Österreich nach dem Ende des 1. Weltkrieges auf und zeigt die Kontroversen zwischen Kelsen und Ludwig von Mises (Österreichische Schule der Nationalökonomie und Begründer des Instituts für Wirtschaftsforschung) bezüglich des Freiheitsbegriffes auf: Kelsen betont die individuellen Bürgerrechte, Mises die Bedeutung des Privateigentums für die persönliche Freiheit: nur jemand, dem niemand etwas vorschreiben kann, weil man dessen Eigentum verwendet (zB mietet), ist tatsächlich frei. Kelsen ist da strikt anderer Meinung und betont, dass Privateigentum aber schon gar nichts mit Freiheit zu tun habe. Das Stück läßt dann den radikalen Marktbefürworter Friedrich von Hajek auftreten, der sich gegen John Maynard Keynes positioniert, Thatcher und Reagan und der Wirtschaftspolitik beeinflußt, da er laut Stück (und Stephan Schulmeister) durch die Gründung der Mont Pelerin Society in der Schweiz langfristig der Marktideologie auch in der Volkswirtschaftslehre zum Durchbruch verholfen hätte. Ich selbst hänge dieser Verschwörungstheorie nicht an, wenn ich auch Hajeks, dann Friedmanns Neoliberalismus und dessen Deutungshoheit anhänge. Weiter geht es zu den Chicago Boys, die nach dem CIA-geförderten Sturz Salvador Allendes Chile zum Vorzeigeland des Neoliberalismus gemacht haben: Flexibilisierung der Löhne und Arbeitsbedingungen, faktische Abschaffung der Gewerkschaften, Privatisierungen großen Stils, auch des Pensionssystems und Schulwesens. Die Spätfolgen dieser den gesellschaftlichen Zusammenhalt zerstörenden Politik („there is nothing like society, there are only individuals“ (M. Thatcher)) werden in den letzten Jahren vermehrt sichtbar. Nach dieser gewaltigen Tour d`horizon über die Wirtschafts-und Demokratiegeschichte, die immer wieder mit den einzelnej Lebensstationen Kelsen gespickt ist (Wien, Deutschland, Schweiz, Prag, USA – immer wieder Lehren in neuen Sprachen) und sehr clever die jeweiligen Protagonisten der Ökonomie vorstellt, zerstören die Darstellerinnen wütend das aus Blöcken aufgebaute Gebäude der herrschenden Ökonomie – und nehmen dabei gleich die Demokratie, deren Gebot des Dialogs und Ausgleichs mit. Aktuelles wird immer wieder durch dazwischen geschaltete Telefonanfragen verunsicherter Bürger an eine offizielle Stelle zur Darstellung der Demokratie (oder so ähnlich) veranschaulicht, wo es um Terrorismusangst, Migrantenangst, Sicherheitsangst und andere Ängste, die zunehmend die Bürgerinnen verunsichern geht: all diese werden durch bürokratische Endlosfloskeln beantwortet. Der zunehmende Abbau von demokratischen Grundrechten, die im totalen Überwachungsstaat münden (können) wird zur End-Dystopie dieses Abends. Zwischen den einzelnen Phasen immer wieder hervorragende Musiknummern von Eva Jantschitsch, zum Teil mit entstellten Tönen, wodurch trotz extremer Lautstärke die Texte kaum verständlich sind. Diese über die Bühne zu projizieren, wäre eine große Hilfe.

Die Inszenierung dieses Stückes ist grandios, mit einfachsten Mitteln und großer physischer und vor allem mnemotechnischer Leistung der Darstellerinnen. Ich fürchte nur, dass für die Nicht-Eingeweihten Ökonominnen und Demokratiebeflissenen im Publikum das rasante Sprachtempo die Verständnisfähigkeit auf eine allzu harte Probe stellt: schade.

Als (kritischer) Ökonom hätte ich mir eine intensivere ökonomische Beratung bei der Stückerstellung gewünscht, das hätte vielleicht etwas mehr Ordnung in das riesige herangezogene Material gebracht. Die Schau, die teilweise in der Inszenierung an die alten Brecht-Inszenierungen (etwa „Die Mutter“) erinnern, aber viel dynamischer angelegt sind, ist äußerst verdienstvoll, qualitativ hochwertig umgesetzt. Besonders verdienstvoll ist die Wiederbelebung Kelsens und seine wiederholt vorgebrachte Meinung, dass Demokratie nichts mit Privateigentum zu tun hat, also auch mit genossenschaftlichem und öffentlichen Eigentum verbunden sein kann. Angela Merkels Diktum von der „marktgerechten Demokratie“ wird somit ad absurdum geführt und sollte schleunigst auch bei unseren Politikern auf dem Misthaufen der falschen Gesetzmäßigkeiten entsorgt werden. Frenetischer Beifall, auch von den vielen Jugendlichen im Auditorium.

Buchtipp: Perfidious Albion von Sam Byers, Faber&Faber 2018. Ein dystopischer Roman, der ungeheuer packend die nicht unrealistischen Möglichkeiten der neuen Digitalisierung schildert, die Manipulation der öffentlichen Meinung, die ungeheure Machtzusammenballung bei den Datenbesitzern – und die Ausgeliefertheit auch der Kritischsten an die Manipulation dieser. Das Bild vom Großen Bruder aus 1984 steigt auf, hoch technisiert, aber ebenso mächtig. Es geht um das nur langsam sichtbare „Experiment“ einer anonym bleibenden Firma, angeblich einen Wohnblock im öffentlichen Eigentum zu übernehmen und die noch verbleibenden Mieter hinauszuekeln. Darauf hin bilden sich Unterstützergruppen, Gegner, die aufeinander und die Mieter losgehen: alles ist von denselben Mächten gesteuert. Drei Frauen – und die ihnen teilweise zugehörigen Männer – versuchen auf unterschiedliche Weise, nachdem sie langsam in Schritten hinter die Machenschaften kommen – auch diese Versuche sind von den Machthabern manipuliert – sich gegen dieses Experiment, das sich eine stinknormale mittlere Kleinstadt als Exerzierfeld ausgesucht hat, zu wehren, bevor der Algorithmus auf ganz England ausgeweitet wird. Die eine Frau arbeitet in dem Manipulationsbetrieb (hier weiss keiner vom anderen wieviel dieser weiss, und keiner weiss alles), sie ist in den Medien angreifbar weil sie in einer Dreierbeziehung lebt, vom Arbeitgeber angreifbar, weil sie in ihrem Curriculum eine Gewalttat stehen hat); die zweite ist scheinbar extern objektiv, hat aber eine Reihe von Internet-Persönlichkeiten erfunden, mit denen sie die zunehmend fremdenfeindlichen und reaktionären Kolumnen ihres Liebhabers attackiert – natürlich ohne desssen Wissen; die dritte ist auch technisch hochbegabt und scheint sich eher erotischen Manipulaitonen hinzugeben: diese drei versuchen, die Manipulation aufzudecken, Nummer 1 muss sich zum Schutz ihrer Familie einkaufen lassen, Nummer 3 bleibt außen vor, und Nummer 2 scheint aus dem Ganzen halbwegs intakt hervorzugehen. Allerdings bleibt dies offen, da sie nach dem Auffliegen des gesamten Irrsinns (oder der realistischen Zukunft) erstmals wieder die Natur wahrnimmt und „Petrichor“ denkt. Ich mußte diesen Begriff googeln: er bedeutet den feinen Geruch, der nach einem Regen von der warmen Erde aufsteigt (????). Danach ddreht sie ihren Computer auf – und das Buch schließt vielleicht folgerichtig mit der „Fehlermeldung 404: Die Seite, die Sie suchen, existiert noch nicht“. Irritierend, aber nicht unlogisch.

Im Hamakom Theater Nestroyhof spielt das grandios choreographierte und gut gespielte, aber rätselhaft bleibende Stück von Alfred Drach „Das Kasperlspiel vom Meister Siebentot“. Vordergründig geht es um Populismus, soweit verständlich: die Kasperlpuppe (aus Sägemehl) wird durch eine Blutspende des Publikums lebendig und spielt dessen Aussagen in etwas abgeänderter Folge zurück, wodurch sich neue Bedeutungen ergeben. Es spielen eine (Horvathsche) armselige Hure und ihr Zuhälter, ein Schuster, eine Tänzerin, ein Lehrer, zwei Soldaten, die immer wieder in unterschiedlichen Formationen auftreten und vom Kasperl Meister Siebentot, der die Abgünde menschlichen Handels darstellt beamtshandelt werden. Die ihm folgen, werden mit einem Kasperlhut belohnt. Im Programmheft wird die anarchistische, antifaschistische Haltung Drachs, der das Stück 1935 als Anti-Hitler-Stück begann beschrieben. Dennoch läßt mich das Stück ratlos zurück. Tolle sängerische und darstellerische Leistungen und eine exzellente Inszenierung wiegen diese Ratlosigkeit nicht auf.

Im Theater an der Wien eine fulminante Aufführung von Händels „Teseo“, einem Medea-Stück. Wunderbare Musik, dirigiert von Rene Jacobs mit der auf Originalinstrumenten spielenden Berliner Akademie für Alte Musik, einem entsprechend personell reduzierten Arnold Schönberg Chor und (fast) durchgehend fantastisch besetztem Ensemble machen diese Aufführung zu einem Erlebnis. Das Ganze ist zeitlich in die Zeit am Ende des 2. Weltkrieges versetzt (stimmiger und zu heute passender wäre das Ende des 1. Weltkrieges gewesen) und spielt in einem barocken Adelspalais mit wunderbarer Ausstattung, welches an das Stadtpalais Liechtenstein erinnert. Es geht um die letzten Schlachten eines Bruderkrieges, die vom unbekannten Teseo für den König von Athen, Egeo, gewonnen werden. Egeo hat der Königstochter Medea, einer Zauberin, für ihre Schlachthilfe die Ehe versprochen, entbrennt aber nun plötzlich für sein Mündel Prinzessin Agilea, die ihrerseits Teseo liebt wie er sie. Die unglückselige Medea, die nicht in der Liebe, sondern nur in der Rache und Vernichtung der RivalInnen ihre Befriedigung finden kann (dem sind schon ihr Bruder und ihre Kinder zum Opfer gefallen) wütet im Zorn, verspricht jedoch hinterhältig Teseo, dass sie sich beim König für seine Liebe zu Agilea einsetzen wird – tut sie aber nicht und bringt Agilea fast um, läßt sie aber leben, damit diese Teseo entsage und ihm dies selbst mitteile. Agilea stimmt zu, um Teseo, dem Medea andererseits den Tod androht, zu retten, kann dies jedoch nicht und gesteht Teseo alles. Es soll zur Hochzeit kommen, dabei aber will Medea, dass der König Teseo vergifte, was dieser vorhat. Er erkennt jedoch plötzlich in Teseo seinen verschollenen Sohn, beschimpft Medea, die sich in letzter Raserei selbst den Tod gibt.

Dies alles ist bemerkenswert inszeniert, wobei einige der Zauberszenen (die Elevation Medeas, die Monster, die an Teseo nagen) ebenso entbehrlich sind, wie die Heroin- und Alkoholsucht Medeas. Grandios ist vor allem Gaelle Arquez als Medea, die in wunderbarer Petrol- und dann roter Robe und mit ungeheurer Vitalität und Monstrosität die Rachegeöttin Medea gibt und stimmlich fast unübertroffen agiert. Blass gezeichnet die „gute“ Agilea, Mari Eriksmoen, als Gegenpol, die die schwierigsten und längsten Koloraturen meistert und berührende Liebesduette mit Teseo singt. Dieser wird von Lena Belkina vielleicht am relativ schwächsten gesungen und kann, da einen Kopf kleiner als Medea und auch Agilea, die Rolle des heldischen Liebhabers nur unglaubwürdig darstellen (ja, auch die Optik spielt in der Oper eine Rolle). Ob hier die Besetzung mit einem (weiteren) Countertenor nicht besser gewesen wäre. Dennoch wächst auch sie in den Duetten zu berührender Form auf. Christophe Dumaux als König Egeo singt sehr schön als Counternor timbriert den eifersüchtigen, geilen und dann wütenden, letztlich großherzigen König, der der „Stimme des Blutes“ nachgibt und zugunsten seines wieder gefundenen Sohnes Teseo auch auf den Thron verzichtet. Ausgezeichnet auch das Neben-Liebespaar Clizia (Robin Johannsen) und Arcane (Benno Schachtner), die es leichter haben, da sie nur durch eine einzige Verwirrung zur endgültig vom König abgesegneten Liebe gehen müssen.

Händels Musik ist ganz wunderbar, die kammermusikartige Orchestrierung bringt wunderschöne lyrische und orkanartige Ausbrüche hervor. Insgesamt eine ganz großartige Vorstellung.

Ist es ein „Sittenbild“ der Medienbranche, das sich in „Der Untergang des österreichsichen Imperiums oder Die Gereizte Republik“ im Theater an der Gumpendorferstraße ausbreitet? Jedenfalls eine ganz tolle Inszenierung, in welcher die bis auf Blut und die Zähne gehenden Auseinandersetzungen in der gezeigten Realität kontrastiert werden mit idyllischen Landschafts-, Lauf- und Wasserfall-Badebildern, die sich die Protagonisten offenbar so sehr wünschen. Es geht um acht Schreibende, die sich wie schon viele Jahre vorher (mit Ausnahmen) in einer feudalen Villa am Semmering treffen, um – unter Wegsperren der Handies – miteinander zu plaudern, zu diskutieren, zu streiten, mit einem gräßlichen neudeutschen Wort „abzuhängen“. Grotesk, aber wirklich witzig sind die immer wieder eingestreuten „nach unserer Tradition……“ (zB gehen die Männer jetzt kochen; oder: trinken die Frauen einen Campari Soda), die die aufbrechenden Existenzprobleme, Eheprobleme, und vor allem Berufsprobleme durchbrechen. Einer der acht, der jüngste, früher Schützling einer der Frauen, ist nunmehr Herausgeber oder Chefredakteur eines kommerziell sehr erfolgreichen Boulevardblatts (lies: KronenZeitung), die meisten anderen sind 50 plus, und offenbar durch verschiedene Ereignisse nicht mehr „angestellt“, sondern Freiberufler. Die meisten sind/waren „links“ und „kritisch“, der Junge ist es nicht: der biedert sich an die neuen Machtverhältnisse an, ist erfolgreich und lockt die Prekären, die vom „guten Journalismus“ träumen, mit Lockangeboten („Du kannst alles schreiben, was Du willst; ich will Dich, nicht Deine Meinung….“). Diese wanken und zögern. Standhafter sind die Frauen, obwohl auch nicht ganz eindeutig. Letztlich kommt es zum Faustkampf der einen Frau mit dem Jungen, der früher ihr Schützling war, sie aber auf dem Weg nach oben nicht mitgenommen hat. Sie besiegt ihn mit ihrer brutalen Kampftechnik – eine Weile sieht es so aus, als ob sich (fast) alle anderen in den Blutrausch mitnehmen lassen, doch lassen sie es bleiben. Der scheinbar Besiegte offeriert, den anderen die Füße zu waschen, wobei er allerdings den einen oder anderen ausspart. Letztlich bleibt er Sieger: Rechte Kommerz hat gegen linken Journalismus gewonnen.

Das Stück ist gespickt mit ganz aktuellen Erwähnungen von Ereignissen der jüngsten Zeit, vielleicht zu plakativ: dennoch zeigt es gut den nach rechts drehenden Zeitgeist Europas und Österreichs an – und dabei auch den Einfluß der Medien: zwar wird die potenzielle Macht des 4. Standes (Medien) als zu Ende beurteilt, der junge, in seiner Selbstverliebtheit und seinem Erfolg sich suhlende Medienmacher jedoch zeigt, dass Regierungspropaganda sich für einige bezahlt macht.

Hervorragende Schauspielerinnen-Leistungen mit hohem körperlichem Einsatz, tolle Musikeinlagen und schräge, aber hervorragende Inszenierungs-Ideen machen dies zu einem Danse Macabre der 2. Republik. Absolut sehenswert!

Ein anderer Buchtipp: erstmals habe ich etwas von Evelyn Waugh gelesen und war fasziniert. A Handful of Dust“ aus dem Jahr 1934 zeigt die Ignoranz und Dekadenz der englischen Adelsgesellschaft zwischen den Kriegen auf in einer ganz nüchternen, aber raffinierten Sprache. Haupt-Protagonisten sind ein junges Paar auf einem viel zu großen Landgut, welches eine beispielhaft glückliche Ehe führt, zumindest scheint es so nach außen. Der Mann ist auf dem Gut aufgewachsen, letztlich ist es ihm „mehr wert als alles andere auf der Welt“. Die junge Frau scheint die Idylle zu genießen, beginnt aber – ohne dass die Gründe hiefür erläutert werden – mit einem „Undesirable“ fremdzugehen – und entfernt sich immer weiter von Mann und Kind, welches ohnedies einer Nanny anvertraut ist. Sie nimmt eine einfache Wohnung in der Stadt, ihr Mann, der vermeint, dass sie ein Volkswirtschaftsstudium !!) begonnen hat, schiebt seine lange ventilierten Pläne, sein Haus zu modernisieren, auf um ihr das bieten zu können. Sie bewegt sich in einem Zirkel von Frauen (teils neu aus London, meist jedoch auf ihrem vorigen Kreis), die ohne irgendwelche Gewissensbisse oder Schuldgefühle ihrem Mann gegenüber, sie in ihrer neuen Umgebung bestärken. Auch sie selbst scheint keinerlei schlechtes Gewissen zu empfinden, ja sie versucht sogar, ihn mit einer anderen zu verkuppeln (was abolut mißlingt).Durch einen Unfall stirbt das Kind („niemand ist schuld“!!!!), sie nimmt dies zum Anlaß, ihn um die Scheidung zu bitten. Durch ihre exorbitanten Alimenteforderungen (natürlich willigt er ein, die Schuld auf sich zu nehmen, Gentleman der er ist) kommt er auf ihre Untreue, sieht plötzlich ihre Intrigen ein, und beschließt, auf Abenteuerreise zu gehen. So kommt er in den Amazonas, als Gentleman-Explorer nach der Suche nach einer nie zuvor gesehenen Stadt. Dabei kommt er fast um, wird von einem bei Indianern lebenden Halbweißen aufgenommen, der seine Malaria und sonstigen Wunden pflegt, und von ihm nur „Vorlesen“ erbittet, da er zwar eine große Bibliothek hat, aber nicht lesen kann. Es stellt sich heraus, dass er den Briten quasi als Gefangenen hält, ihn nicht wegläßt und während eines induzierten Fieber- und Halluzinationsschubes eine Suchexpedition mit Hinweis auf einen Grabhügel wegschickt. Unser Held geht im Urwald verloren. Zuhause erbt nicht seine (Ex-)Frau, sondern verarmte Verwandte Haus und Gut und ziehen dort – die Geldnot ruft – eine Silberfuchsfarm auf, auch mit dem Ziel, das Anwesen wieder zu seiner früheren Glorie zu führen. Zu seinen Ehren bauen sie auf dem Anwesen ein Denkmal mit der Inschrift „Anthony Last of Hetton, Explorer, Born at Hetton 1902, Died in Brazil, 1934“ auf.

Die Art, wie Waugh diese unglaubliche Geschichte, die Mindsets der Hauptcharaktere, aber auch die Gesellschaft beschreibt, ist unnachahmlich konzise, unverschnörkelt und präzise. Nachlesenswert.

Werner Schwabs „Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos“ im Akademietheater macht eine einheitliche Bewertung schwer. Die grauenhaften Verhältnisse der Mieter eines Zinshauses, hier die frömmelnde Mutter mit ihrem sich als Künstler (Maler) fühlendem verkrüppelten, vielfach mißbrauchtem Sohn, der sich in Träumen und Fantasien den Tod seiner „Mutti“ sehnlichst herbeiwünscht, die Familie „mit Migrationshintergrund“ aber österreichisch sein wollenden Nachbarn Kovacic, mit reichsdeutscher Mutter, voll mit Angestelltemstolz protzendem Vater, der seine minderjährigen Töchtern nicht nur befingert, sondern brutal vergewaltigt, und darüber die vor Hass auf die Mieter, auf die Menschheit, auf sich selbst (alter Ego von Schwab?) thronende, reiche Frau Grollfeuer, all dies wird in typisch Schwabscher Manier und Unmanier langatmig abgefeiert. Das Ganze wird gemildert dadurch, dass es durch das grandiose Puppenspiel von Regisseur und Puppenführer Nikolaus Habjan, plus einige andere, stark abstrahiert wird: einzig Frau Grollfeuer wird 1:1 lebendig und fantastisch durch Barbara Petritsch dargestellt. Regie und Ausstattung sind hervorragend, besonders eindrucksvoll das auf den Vorhang porträtierte wunderschöne Gesicht von Petritsch in rätselhafter Mimik, ebenso wie die Lichtregie in der fulminanten Schlußszene, als Grollfeuer mit ihren ungeliebten Mit-Mietern die ganze Menschheit (und sich selbst) zerstört. Der ganze letzte Akt versöhnt mit den ersten beiden, von denen jedenfalls die Darstellung der Familie Kovacic reichlich überflüssig für den Höhepunkt des dritten ist. Im letzten monologisiert Petritsch über ihr hasserfülltes, liebeloses, verkommenes Leben, das sie weitgehend allein mit ihrem Hass auf sich selbst und die Umwelt – mit Ausnahme einer kurzen Phase mit dem Gynäkologen und Psychoanalytiker Grollfeuer – verbracht hat. Hier wächst Schwab über den sonst sehr stark an Thomas Bernhard erinnernden Sprachduktus hinaus. Der Regie mit Petritsch gelingt hier ein berührender, überzeugender Monolog mit Tiefgang. Die Sprache der Grollfeuer mit ihren non-sequiturs, ihren Wiederholungen, ihren Analogien schafft, a la Wittgenstein, ein tieferes Bewußtsein über die Armseligkeiten der menschlichen Existenzen. Inwieweit dies über Grollfeuer hinaus verallgemeinerbar ist, bleibe dahingestellt. Ich sehe darin die Lebenserzählung des Schwab selbst. Der Kontrast zur Sprache der anderen Mieter, vielleicht mit Ausnahme des Krüppels in seiner Traumerzählung, ist gewollt und stimmig. Der Krüppelkünstler verdient sich dadurch auch die Umarmung und Forttragung seiner Leiche durch Frau Grollfeuer, vielleicht eine Andeutung von Liebe ihrerseits?

Der Eidnruck bleibt gespalten: zur Pause dachte ich mir, dass ich mir eigentlich diesen Schmarrn nicht weiter ansehen wolle, obwohl die Regie außerordentlich ist. Der dritte Akt entschädigt jedoch für die Längen und Überdrüsse der vorigen mehr als genug. Einige Kürzungen wären anzuraten.

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