Author Archives: kurtbayer

About kurtbayer

25 Jahre angewandte Wirtschaftsforschung im Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung, 10 Jahre österreichische und EU-Wirtschaftspolitik und Internationale Finanzinstitutionen im Finanzministerium, 2 Jahre Exekutivdirektor bei der Weltbank (für 10 Länder) und 5 Jahre Board Director bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) in London. Seit 2012 Kommentator und Wirtschaftspublizist. 25 years of applied economic research, 10 years as policy advisor and manager in Austrian government's treasury department, 7 years in boards of international financial institutions (World Bank, European Investment Bank, European Bank for Reconstruction and Development), at present independent consultant on economic policy questions, consultant at Austrian Institute of Economic Research (WIFO) and at the Vienna Institute for Economic Studies (wiiw).

Falsche Methode, richtiger Schluss?

(unter dem Titel “Und der Euro rentiert sich doch!” im FALTER 12/19 leicht verändert erschienen)

Auf Basis einer vom Centrum für Europäische Politik (CEP) in Freiburg erstellten Studie kommt Peter Michael Lingens im Falter 10/19 („Der Euro als Verlustgeschäft“) zum Schluss, dass „nur Deutschland, die Niederlande und vermutlich Österreich“ von der Einführung des Euro profitierten. Danach haben Frankreich und Italien, Spanien und Portugal „verloren“, und der Euro sei auch „für die Eurozone insgesamt ein massives Verlustgeschäft gewesen“. Lingens referiert brav und zustimmend die Ergebnisse dieser Studie.

Starke Aussagen, die allerdings auf einer äußerst dubiosen Methode basieren. Diese sollte man sich näher ansehen: Das pro-Kopf-Einkommen der einzelnen Euro-Länder wird für den Zeitraum vor der Euro-Einführung (also hier 1980-1999) nach einer großspurig „synthetische Kontrollmethode“ genannten Methode mit dem anderer Länder verglichen, die ihnen „nach wirtschaftlicher Stärke, Struktur und Entwicklung“ (Lingens) ähnlich waren. Für die Zeit danach (1999-2017) wird die Entwicklung der einzelnen Länder mit jener der (gewichteten) Vergleichsländergruppe verglichen, und aus den Abweichungen der heroische Schluss gezogen, ob das jeweilige Euroland Gewinner oder Verlierer der Euro-Einführung war.

Mit welchen Ländern wird nun verglichen? Niederlande mit Dänemark, Japan, Neuseeland und Singapur; Frankreich mit Australien und UK; Deutschland mit Bahrain, Japan, Schweiz und UK; Spanien mit Türkei und UK, Portugal mit Barbados, Israel, Neuseeland und Singapur, usw. Vergleiche mit europäischen Ländern mögen ja aufgrund kultureller und vielleicht auch wirtschaftlicher Ähnlichkeiten noch einigermaßen einleuchten, was aber Bahrain, Barbados, Neuseeland und Singapur mit der Wirtschaftsentwicklung in der Eurozone zu tun haben, wissen nur das CEP und Lingens. Stolz verkündet letzterer, dass die jeweilige Vergleichsmischung „nicht geschätzt“ wurde, sondern „mathematisch ermittelt und gewichtet“. Offenbar wurde statistisch (nicht mathematisch) so lange nach Ländern und deren Gewichten gesucht, bis man eine möglichst hohe Übereinstimmung der Entwicklung 1980-1999 mit dem jeweiligen Euroland erhielt: und das soll seriös sein, Daten so lange über Statistikprogramme laufen zu lassen, bis man sachlich nicht nachvollziehbare „Ergebnisse“ erhält? Und wie geht CEP weiter vor? Es nimmt an, dass die weitere Entwicklung der jeweiligen Vergleichsgruppe einen passenden Standard für die Jahre nach der Euro-Einführung bildet, dass also Wirtschaftspolitik, Betroffenheit von der Finanzkrise, interne und externe Schocks, aber auch zB die Investitionsquote, Lohnanteil, Exportstruktur etc. mit dem jeweiligen Euroland so vergleichbar sind, dass jede verbleibende Abweichung nur mehr auf die Euro-Einführung zurückgeführt werden kann. Barbados mit Portugal, Bahrain mit Deutschland? Humbug sagt Scrooge im Christmas Carol, Humbug sage ich.

Lingens teilt die Einschätzung der CEP-Autoren, dass insgesamt die Einführung des Euro ein „katastrophales Ergebnis“ war. Er betont wie in vielen seiner Kolumnen, dass Deutschland und die Niederlande nur wegen ihres Lohndumping „zwingenderweise“ auf Kosten der anderen „gewonnen“ haben. Und die Eurozone insgesamt habe der Sparpakt um höheres BIP-Wachstum gebracht. Dieser Einschätzung stimme ich ja zu, allerdings kann man das nicht aus dieser Studie herauslesen.

20 Jahre Euro geben tatsächlich Anlass, über Erfolge und Misserfolge zu diskutieren. Man könnte für den Euro positiv anführen, dass er die schwere Finanz- und Wirtschaftskrise „bewältigt“ hat, wenn auch zu hohen Kosten für die Steuerzahler und einzelne Länder; dass die Inflation zum Stillstand gekommen ist; dass der Wechselkurs zum Dollar (mit starken Schwankungen) weitgehend konstant geblieben ist; dass die Mitgliedschaft in der Eurozone allen Ländern ermöglicht hat, relativ stabile Rahmenbedingungen beizubehalten, und auch Versuche von Drittländern, einzelne Euroländer gegeneinander auszuspielen, vereitelt hat. Natürlich ist dem entgegenzuhalten, dass eine stärkere politische Einigung, die eine Voraussetzung für eine gemeinsame Währung bildet, ausgeblieben ist; dass die Wirtschaftsstrukturen einzelner Euroländer sich nicht genügend an die gemeinsame Währung angepasst haben; dass eine ganze Reihe von Koordinierungs- und Krisenbekämpfungsinstrumenten erst sehr spät eingeführt werden musste; dass, wie Lingens richtig meint, die einseitige Fixierung der Eurozonen-Wirtschaftspolitik auf Konsolidierung der öffentlichen Budgets schwersten Schaden für viele Länder angerichtet hat; dass die Blockierung einer Komplettierung der Bankenunion (gemeinsame Einlagensicherung) die Stabilität des Euro weiterhin bedroht; dass die Nicht-Verhinderung des Steuerwettbewerbs mindestens ebenso schädlich für den Erfolg der Eurozone ist, wie das deutsche Lohndumping.

Eine solche Diskussion wäre nach 20 Jahren Euro-Einführung angebracht. Dafür brauchen wir jedenfalls keine CEP „Studie“ mit hanebüchenen Annahmen, sondern tiefer in die Strukturen gehende Analysen. Das erst wäre faktenbasierte Politikdiskussion.

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EU Industrial Policy: the Market-State Dilemma Unsolved

 

In „EU Industrial Policy after Siemens-Alstom. Finding a new balance between openness and protection“ (https://ec.europa.eu/epsc/publications/other-publications/eu-industrial-policy-after-siemens-alstom_en?pk_source=mailing_list&pk_medium=email&pk_campaign=epsc-2019-ipp), the EU has reacted swiftly to the uproar, mainly in Germany and France, after the Commission nixed the intended Alstom-Siemens merger, but also to the French-German manifesto on industrial policy. This quick reaction by the European Political Strategy Centre is to be commended.

Basically, two issues are at stake: to ensure the further competitiveness of European industry in the face of globalization and the strong emergence of China („active part“), and second, how to counter the repeated violations of China (and other emerging countries) of intellectual property rights, of trade violations, of limiting market access. It is mainly the latter point which has called the experts (not yet the politicians) to action: the attempt to create a „European Champion“ in rail transport and signalling by the proposed and aborted merger as a counter-force to Chinese suppliers has started a long overdue debate in the EU of how to proceed in the future. A second case-in-point is the spread of Huawei G-5 networks (hard and software) in the rolling out of the superfast 5G networks, where the US (and a number of other countries) maintain that Huawei‘s close connection to the Chinese government could endanger the security of countries because this might give access to the transported data to the Chinese government. The most recent naming of China as a „systemic competitor“ by the EU lays the groundwork for defensive action.

In its paper, the EU claims that competition enforcement, i.e. forbidding the Siemens-Alsthom merger, „does not prevent the creation of European champions“. Over the past ten years, the EC had allowed around 3000 mergers and blocked only nine. The paper expresses the concern that relaxing competition rules might lead European industry into a downward spiral of inefficiency. This concern is well in line with the EU‘s „market first“ dogma of economic policy, but does not stand up to closer scrutiny, also when the EU itself maintains that existing competition rules are no longer fit for purpose, especially with respect to digitalization. The EU‘s fear of „political arbitrariness“ is more driven by ideological purity considerations than by reality. Germany and other countries recently have opted for stricter intervention rules by political authorities when mergers or acquisitions of „systemically important“ firms are concerned. Whether by such interventions the frustrated investor can be held back from acquiring frontier technology, can be doubted. Dynamic considerations are in order here, with a views to assess future technological progress and especially patnerships with international partners (see my blog on Feb. 23, 2019).

However, there is a clear case that important infrastructure institutions, networks, energy and water supply, but also social infrastructure like pension providers, healthcare, universities and other educational facilities, should remain in the respective government‘s hands. The sorry example of the privatization of most material infrastructure in Great Britain should serve as an example.

Not only the important contributions of Mariana Mazzucato have shown convincingly, how much government interference, government push, has been instrumental in creating some of the disruptive technological breakthroughs. The example of the US DARPA, the defense-oriented technology institution, and its successes are a case in point. The EU paper calls on member states‘ responsibility to develop joint and coordinated strategies, involving cooperation, instead of country-specific, isolated policies.

The EU paper rightly stresses the important, if frequently under-appreciated role, which proper public procurement can play in furthering new technologies. Estimates show that up to 16% of GDP are turned over by public procurement. We know from Japanese experiences in the 1980s how important this can be.

The EU strategy paper makes sense when it calls on reciprocity as the basic principle for mutual market access: it does not make sense to permit foreign firms to invest heavily in European tech firms and infrastructure, if other countries do not allow this. The operational question is by which instruments this can be achieved, apart from existing rules governing the World Trade Organisation.

The major emphasis of this important paper calls for a rejuvenation of Single-Market efforts. On the one hand, there are many gaps in the completion of the Single Market, e.g. in digitalization where joint efforts across members are lacking. This has not only negative effects on the respective industries themselves (the paper points to the „seamless“ connections in the US and in China, Europe‘s main competitors), but also, and probably more important, on the role the leading companies/countries achieve in setting global standards: first movers who penetrate the markets set the technical and connectivity standards – which others will have to follow. Europe so far has only been successful in setting standards for data privacy, but nowhere else.

The rolling out of of „Important projects of common European interests“, as a tool to join up national efforts, which has been initiatiated already in 2014, has not occurred. Up to now, only one project – microelectronics – has seen the light of day (2018). It covers respective Artificial Intelligence value chains, has received pledges of 1.75 bill € from Germany, France, and Italy, and is supposed to mobilize another 6 billion € from the private sector. It remains a puzzle, why this instrument is not joined up with the European Fund for Strategic Investment („Juncker Fund“). Launched about the same time. This failure to use existing instruments – instead of creating new ones – also makes the paper‘s call for a European Sovereign Wealth Fund problematic. The German proposal for an industrial strategy (see my Blog Industriepolitik: Neuer Wein in neuen Schläuchen?, Feb. 22, 2018) also proposes a Public Fund which would be able to invest in high-tech firms threatened by foreign investors, but could also be used to invest in new ventures.

Assessment

The EU paper is welcome, because it systematically discusses the need for a new industrial strategy at EU level. Like the German proposal, it suffers from its indecision when and where state intervention is warranted in a manifestly market-oriented economy. It warns agains protectionism: while it sees justification for limiting certain foreign investments into European high-tech firms, it regards intervention with great suspicion on the active side. It would be time to jump that fence and start a serious discussion of where the limits of the touted „openness“ of the European model are when it comes to a globalized world where the „European Model“ needs to be protected from unfettered market forces: material and immaterial infrastructure, the whole range of welfare state infrastructure need to remain in the hands of European governments. A new European industrial strategy must not content itself with maintaining „competitiveness“ in the global markets, but must define first and foremost, to what purpose this competitiveness must be geared to. The definition of so-called „missions“, like combating climate change, the greening of society, the support for ageing societies, maintaining public health, the fight against cross-border criminal activities, including tax evasion, maintaining citizens‘ need for privacy, the safeguarding of the well-being of all members of the European societies – these must be driving the new industrial policy. Such a focus would also counteract the singular EU paper obsession with promoting digitalization and artificial intelligence projects – important objectives, no doubt, but such focus would neglect three quarters of EU industry. A proper industrial policy cannot restrict itself to the “high-tech” end of the industrial portfolio, but must also address the low- and medium-technology parts of goods and services production. This is where productivity problems arise.

The present EU paper, while important, is far too narrow, and too supply-oriented. Europe‘s place in the future world will not be determined by how large its platform firms are (relative to those in China and the US), but how the well-being of its citizens, important also to maintain support for the political system, can be safeguarded in a world increasingly driven by supply-side-oriented economic policy considerations. It is not the competitiveness of corporations with which an EU industrial strategy needs to be exclusively concerned, it is the role such corporations can play in maintaining and strengthening citizens‘ well-being which includes both a sound natural environment, and a high degree of social protection.

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Strukturbruch in der Weltwirtschaft

(veröffentlicht in der Zeitschrift “International” 1/2019)

Die Prognosen: Wachstumsabschwächung mit weiteren Risiken nach unten

Die Expansion der Weltwirtschaft, mit der die durch die Finanz- und Wirtschaftskrise 2007 ff. verursachte, das Weiterbestehen des Kapitalismus bedrohende Wachstumsschwäche überwunden wurde, hat sich nunmehr abgeschwächt. Die Prognosen der internationalen Institute zeigen alle, dass sich auch zu Beginn des Jahres 2019 die Wachstumsabschwächung weiter fortgesetzt hat. Beispielgebend für diese Institutionen sagt die anlässlich des Treffens des Weltwirtschaftsforums in Davos Ende Jänner vorgelegte Revision des World Economic Outlook des Internationalen Währungsfonds (IMF), dass zwar für 2018 das Weltwirtschaftswachstum wie früher prognostiziert 3.8% betragen haben dürfte, 2019 jedoch „nur mehr“ 3.5% und 2020 3.6% betragen soll, um 0.2, bzw. 0.1 Prozentpunkte unter der Prognose aus dem Oktober 2018 (WEO 2019, S.1). Die Prognosen anderer Institute sind ganz ähnlich. Die Wachstumsabschwächung hat bereits im 2. Halbjahr 2018 begonnen und dürfte sich weiter fortsetzen.

Diese Entwicklungen sind je nach Region sehr unterschiedlich: In den Industrieländern) soll das Wachstum von 2.3% im Jahre 2018 auf 2.0% 2019 und weiter auf 1.7% im Jahr 2020 zurückgehen (davon Eurozone von 1.8% auf 1.6% und 1.7%); Deutschland wächst nur schwach wegen seiner Probleme mit der die Wirtschaft dominierenden Autoindustrie; Frankreich schwach wegen der Proteste der Gelbwesten und deren unsicheren Auswirkungen und Dauer; USA 2.5% im Jahre 2019 und 1.8% 2020 wegen des Auslaufens der Effekte der Senkung der Körperschaftsteuern und Anhebung der Notenbankzinsen; und Japan soll 2019 um 1.1% wachsen, jedoch nur 0.5% 2020).

In den Schwellen- und Entwicklungsländern soll das Wachstum sich 2019 nur ganz leicht von 4.6% auf 4.5% abschwächen, 2020 aber wieder auf 4.9% zunehmen. Dabei sollen die asiatischen Länder von 6.5% 2018 auf 6.3% 2019 und 6.4% 2020 weiterhin relativ wachstumsstark bleiben, wobei jedoch die durch die Zollstreitigkeiten und anderen Handelsprobleme Chinas mit den USA zu erwartenden Effekte unsicher, aber jedenfalls wachstumsreduzierende Auswirkungen haben werden. Lateinamerika soll sich nach dem Rezessionsjahr 2018 (1.1%) auf 2.0% 2019 und 2.5% 2020 leicht erholen, jedoch wird auch dieses Wachstum schwächer eingeschätzt als noch im Oktober, neben hausgemachten Problemen auch wegen der steigenden USA-Zinsen, die die hochverschuldeten lateinamerikanischen Länder besonders stark negativ betreffen. Im Mittleren Osten, Nordafrika , Afghanistan und Pakistan soll das Wirtschaftswachstum 2019 weiterhin mit 2.4% schwach bleiben, aber 2020 auf 3% ansteigen. In Sub-Sahara-Afrika erwartet der IMF einen Wachstumsschub von 2.9% im Jahre 2018 auf 3.5% und 3.6%, aber auch hier werden die fallenden Ölpreise für niedrigere als im letzten Herbst erwartete Ergebnisse verantwortlich gemacht. In der GUS (Gemeinschaft Unabhängiger Staaten), dem 9 Mitglieder umfassenden losen Staatenbund in der Nachfolge der Sowjetunion soll das Wirtschaftswachstum in den nächsten beiden Jahren etwa 2 ¼% betragen: die Schwäche wird mit den niedrigeren Öl- und Gaspreisen, sowie den Russlandsanktionen begründet.

Oberflächlich betrachtet sehen diese Wachstumsrückgänge, bzw. deren Prognosen nicht gravierend aus. Im allgemeinen führen die Institute die Wachstumsabschwächung weniger auf „natürliche“ Konjunkturbewegungen zurück als auf die durch die USA verursachten Spannungen im Welthandelssystem, auf die pessimistischeren Einschätzungen der Finanzmarktteilnehmer, auf die noch nicht sichtbaren Wirtschaftsprogramme einiger neuen Regierungen (u.a. Südafrika, Mexiko), mögliche weitere USA-Maßnahmen, geopolitische Spannungen im Nahen Osten und Ostasien, sowie auch Einflüsse des Klimawandels und des beobachtbaren „Rückganges des Vertrauens in bestehende Institutionen und politische Parteien“ (IMF 2019, S.6).

Ende der Fahnenstange für den herrschenden Finanzkapitalismus?

In der Realität, die von vielen der Mainstream-Wirtschaftspolitiker und Prognoseinstitute, nicht wahrgenommen werden will, dürfte sich jedoch eine radikale Zeitenwende andeuten, die das Weiterbestehen des die letzten Jahrzehnte dominierenden Finanzkapitalismus signalisieren könnte. Die sich immer stärker abzeichnende ungelöste Umwelt- und Klimakrise, die zunehmende Ungleichheit innerhalb und zwischen Ländern, und der damit einhergehende Vertrauensverlust der Bevölkerungen in die bestehenden politischen Systeme, sowie der damit in Zusammenhang stehende Zulauf zu rechtspopulistischen bis rechtsextremen autoritären Parteien und Führungsfiguren, stellen unser bestehendes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem in Frage.

Angesichts dieser Situation sind die Politikvorschläge des IMF unbefriedigend. Sie bleiben im traditionellen neo-klassischen Paradigma stecken – und werden damit der tatsächlichen Lage nicht gerecht. Ihr Ziel ist es vor allem, die BIP-Wachstumsraten wieder zu erhöhen. Dazu verlangen sie mehr multilaterale Kooperation, um Handelskonflikte nicht über Zollschranken lösen zu wollen, und um globale Probleme wie Migration, Finanzmarktregulierung, Steuerwettbewerb und -vermeidung, Korruption anzugehen, sowie die Stärkung der globalen finanziellen Sicherheitsnetze. Angesprochen werden schon auch die Probleme des Klimawandels mit ihren verheerenden Auswirkungen auf Mensch und Wirtschaft (WEO, S.7), allerdings ohne darauf genauer einzugehen, geschweige denn Politikvorschläge zu machen. Zu den globalen Politikprioritäten kommen dann noch jene für die Einzelstaaten, die auch über die traditionellen Vorschläge wie Steigerung der Produktivität, der Teilnahme am Arbeitsmarkt für Industrieländer und dem Vorschlag für flexiblere Wechselkurse, tragfähige Schuldenpolitik und „Rationalisierung“ (sprich Reduzierung) laufender Staatsausgaben wie Gehälter der Staatsangestellten und Subventionen nicht hinausgehen . Es bleibt „More of the same“. Die einzelnen Problembereiche sind zwar richtig angesprochen, diese sind aber nur die Symptome einer sehr bedrohlichen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Problemlage.

Weiter so“ ist eklatantes Politikversagen

Die sich derzeit abzeichnende Abschwächung des Wirtschaftswachstums ist also nicht mit einer „normalen“ Konjunkturabschwächung zu vergleichen. Diese äußert sich üblicherweise durch Kostensteigerungen, die in der Hochkonjunktur bei Löhnen, Kapitalgütern und Rohstoffpreisen durchgesetzt haben, aber letztendlich zur Investitionszurückhaltung bei Unternehmen führen. Sie bauen Lagerbestände ab und investieren höchstens in Erhaltungs-, nicht aber kapazitätserweiternde Investitionen. Ihre Umsätze sinken, die entlassen Arbeitnehmer, die Steuereinnahmen sinken, und so geht die Gesamtnachfrage zurück, die sich aus Investitions-, Konsum- und Staatsnachfrage zusammensetzt. Passiert das in mehreren Ländern, geht auch der letzte Ausweg, die Exportnachfrage zurück, und es kommt zur Rezession. Dieses vereinfachte Konjunkturbild blendet jedoch die heute dominante Rolle der Finanzmärkte aus: diese finanzieren nicht mehr nur Investitionen der Unternehmen und privaten Konsum und Staatsnachfrage, sondern haben den Finanzinvestoren, die mit Währungen, Aktien, Anleihen, Wechselkursen, Rohstoffmärkten, und allem anderen spekulieren, den bestimmenden Einfluss auf das Wirtschaftsgeschehen eingeräumt. Die Liberalisierungsschübe der späten 1980er Jahre haben die Finanzmärkte „entfesselt“, aber statt der von deren Propagandisten behaupteten durchdringenden Effizienzsteigerungen des Wirtschaftens riesige Schwankungen, Spekulationsblasen und Unsicherheiten eingebrockt. Die Finanzkrise, die 2007 in den USA mit Realitätenpreisspekulationen ausgelöst, sich über die Industrieländer auch auf viele Schwellen- und Entwicklungsländer verbreitet hat, da die Finanzinstitutionen heute internationale vernetzt sind, hat die Weltwirtschaft fast zum Erliegen gebracht. Die Irrationalität der Finanzmärkte zeigt sich an aktuellen Beispielen: trotz des gravierenden Brexit-Debakels habe sie auf die britischen Spreads kaum reagiert, sehr wohl und deutlich jedoch auf die geringen Ausgabenerhöhungen, die die (rechtspopulistische) italienische Regierung plant1.

Es geht nicht mehr an, dass die Akteure auf den Finanzmärkten mit ihren „Erwartungen“ (das sind primär Profiterwartungen) die Notenbankpolitik, die Fiskalpolitik und damit die Gesellschafts- und Sozialpolitik der Welt weiter bestimmen. Erster Agendapunkt einer neuen Politik muss also ein Zurückdrängen der Finanzmärkte sein, deren Jahresumsätze mehr als 500 mal so hoch sind wie das Welt-BIP (mehr dazu weiter unten).

Zweiter grundlegender Punkt, der das bestehende Wirtschaftssystem in Frage stellt, ist die Bedrohung des Planeten, unserer Gesellschaften, durch die Umweltkrise, am plakativsten sichtbar in den wissenschaftlich fast hundertprozentig anerkannten Analysen der Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) der Vereinten Nationen. Diese verlangen in ihrem Bericht von 2018 (https://ipcc.ch) dringendst, dass der Welt-Temperaturanstieg bis 2030 auf maximal 1.5 Grad über dem Wert von 1990 beschränkt werden muss, ansonsten nicht wieder gutzumachende Schäden an Natur und Überlebensfähigkeit unseres Lebensstils eintreten werden. Viele dieser identifizierten Auswirkungen, vor allem in Bezug auf Trockenheit, Stürme und Wassermangel, finden bereits in vielen Ländern der Welt, vor allem auf der südlichen Halbkugel, aber auch im mediterranen Gebiet statt und verstärken die weltweiten Migrationsbewegungen. Zwar hat sich die Weltgemeinschaft 2015 in Paris auf diese Zielsetzungen verständigt, doch hat sich bisher weder Wirtschafts- noch Gesellschaftspolitik hinreichend dieses Problems angenommen. Der Ausstieg der USA, dem Hauptemittenten klimaschädlicher Gase, aus dem Pariser Vertrag, dem noch andere Länder (zB Brasilien) folgen, argumentiert mit der Notwendigkeit, Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze zu generieren, die durch Umweltschutzmaßnahmen behindert würden,, verschärft diese Krise. Die Versuche internationaler und einiger nationaler Institutionen, Energiesysteme auf erneuerbare Energieträger (und auch Nuklearenergie) umzustellen, sind unzureichend, umso mehr als bisher eine die Nachfrage nach klimaschädlichen und umweltbedrohenden Produkten und Dienstleistungen beschränkende Politik (Raumplanung, Verkehrssysteme, Bebauungsvorschriften, direkte Verbote schädlicher Produkte) ausbleibt. Im bestehenden Paradigma ist „der Kunde König“, also alles was Reklame und Propaganda den Konsumenten und Steuerzahlern einredet, als unverrückbar und jedenfalls nicht durch Staatseingriff lenkbar („Konsumentensouveränität“) kategorisiert ist – auch wenn es auf Kosten der Allgemeinheit geht. Wie die Hauptvertreterin des Marktparadigmas, Margaret Thatcher, so fürchterlich sagte: There is no such think as society“ 2. Für sie und ihre heute stärker werdenden Anhänger gibt es nur Individuen.

Der dritte Punkt, der auf das Ende des bestehenden Systems des Marktliberalismus hindeutet, ist die „soziale Frage“, explizit festgemacht an der sich dadurch massiv verschlechternden Verteilung von Einkommen und Vermögen. Dies wurde in den letzten Jahren zunehmend intensiv untersucht, und vor allem durch die weltweit Aufsehen erregt habende Veröffentlichung von Piketty‘s Buch „Kapital im 21. Jahrhundert“ akribisch mit weltweiter Datenarbeit unterlegt. Zwischen Industrieländern und den ärmsten Entwicklungsländern klaffen riesige Einkommenslücken: so beträgt etwa das pro-Kopf-Einkommen der Schweiz 81.000 $, jenes der USA 58.000$, jenes Österreichs 45.000 $, jedoch jenes des ärmsten Landes Burundi nur 290 $, von Malawi 320$, von Niger 360$. Das sind Relationen von mehr als 250:1. Auf kaufkraftbereinigt sinkt diese Lücke (zwischen Luxemburg und Liberia) nur auf 100:1. (In dieser Rechnung sind die Steueroasen wie Monaco und die Erdölstaaten des Mittleren Ostens noch gar nicht eingerechnet: diese würden diese „Lücken“ noch weiter vergrößern). Natürlich wissen wir, dass die Einbindung in des Weltwirtschafssystem in Ländern wie China, Indien, Brasilien, Vietnam und andere hunderte Millionen von Menschen aus der ärmsten Armut befreit und zum Teil sogar zu europäischen Mittelklassestandards verholfen hat. Dennoch haben sich zwischen ganz reich und ganz arm die Relationen weiter verschlechtert. Die Verelendung vieler Länder schreitet voran.

Dasselbe gilt auf für die Verhältnisse innerhalb der Industrieländern: in den meisten haben sich die Einkommensunterschiede in den letzten Jahren massiv vergrößert. Zu einem wichtigen Teil geht dies auf die Stagnation der Reallöhne über die letzten Jahrzehnte zurück, was auch im Rückgang der Lohnquote (Anteil der Löhne am Volkseinkommen) in den OECD-Ländern, der zwischen 5 und 10 Prozentpunkten zwischen 1990 und 2017 liegt, absehbar ist (Bayer 2019). Die Kluft zwischen den Einkommen der durchschnittlichen Arbeitnehmer und deren Manager ist von etwa 40:1 auf über 150:1 angestiegen, vor allem in den angelsächsischen Ländern. Diese sich verschlechternde Einkommensverteilung, die durch noch ungleichere Vermögensverteilungen mit getrieben wird, ist nicht nur ein soziales (Verarmung) und ökonomisches (unzureichende Nachfrage) Problem, sondern auch zunehmend ein politisches: der soziale Zusammenhalt geht verloren, die Polarisierung der Gesellschaften nimmt zu. Dies ist an den laufenden Protesten der „Gelbwesten“ in Frankreich, den zunehmenden Streiks, vor allem aber am Zulauf zu rechtspopulistischen Parteien und Führungsfiguren (Trump, UKIP, AfD in Deutschland, FPÖ in Österreich, Lega in Italien, Schwedendemokraten, Vlaams Block, und anderen in Ungarn, Polen, Dänemark, Belgien) ablesbar. Damit hat auch „der Westen“ ein massives Systemproblem, da den bestehenden Mittelparteien des Mainstream offenbar die Lösung der massiven Sozial- und Umweltprobleme nicht (mehr) zugetraut wird. Die von den Rechtspopulisten angebotenen „einfachen“ Lösungen, die primär in Abschottung, Nationalismus, plebiszitären Entscheidungsfindungen und Polarisierung bestehen, tragen nur wenig zu den angesprochenen Problemlagen bei.

Finanzmarkt treibt Kurzfristigkeit des Unternehmenskalküls

Börsennotierte Wirtschaftsunternehmen werden heute unter dem Diktat des „Shareholder Value“ betrieben. Danach ist die (fast) einzige Aufgabe des Unternehmens, den Kapitaleignern möglichst hohe Gewinne zu ermöglichen. Da diese tagtäglich die Möglichkeit haben, ihr Kapital anderswo einzusetzen, es also aus dem Unternehmen abzuziehen, steht das Management unter Druck, jederzeit einen möglichst hohen Börsenwert sicherzustellen. Da der Wert der Unternehmensbeteiligung aber nicht nur im Börsenwert ablesbar ist, sondern auch an möglichst hohen Dividendenzahlungen, schütten Manager eher Dividenden aus als in Realkapital zu investieren oder die Löhne zu erhöhen. Dies führt dazu, dass oft nur kurzfristige Maximierungskonzepte durchgeführt werden, anstatt auf die langfristige Steigerung des Unternehmenswertes hinzusteuern. Darüber hinaus wird, um das materielle Interesse der Manager mit jenem der Kapitaleigner möglichst zu verschränken (Manager haben gegenüber nicht vor Ort befindlichen Eigentümern einen großen Informationsvorsprung) ein Großteil der Managerentlohnung über „erfolgsgetriebene“ Boni, Aktienoptionen und andere variable Gehaltsbestandteile durchgeführt. Dadurch haben die Manager aber auch den Anreiz, besonders zum jeweiligen Erfolgsmessungszeitpunkt oder zum vereinbarten Zeitpunkt der Einlösung der Optionen den Unternehmenswert auch künstlich hochzutreiben – oft nicht zum Vorteil des langfristigen Unternehmenswerts.

Plädoyers über die Ablösung der Shareholder-Value-Ideologie zugunsten der Optimierung eines „Stakeholder Value“ nehmen zu (u.a. Brennan 2019). Dabei geht es darum, die Interessen aller am Unternehmen Interessierten zufriedenzustellen: die Kapitaleigner, die Arbeitskräfte, die Vorlieferanten und Abnehmer, vor allem aber auch das gesellschaftliche Umfeld, also die „Community“, deren Wohl und Wehe auch von jenem des Unternehmens abhängig ist. Solche Forderungen mögen rückwärtsgewandt klingen, da sie oft an die Eigentümer/Manager früherer Jahrzehnte erinnern, die sich an einem solchen Stakeholder Value orientiert haben. Auch genossenschaftliche Organisationsformen als Alternative zum börsennotierten Unternehmen haben grundsätzlich mehr Stakeholder-Orientierung. Erhöhungen der Fixanteile an der Entlohnung der Manager, und überhaupt eine Überprüfung der Höhe der Managergehälter, wären kleine Schritte auf dem Weg zu langfrstigerer Unternehmensorientierung.

Kleine und mittlere Unternehmen, die nicht börsennotiert sind, deren Fremdfinanzierung weitgehend von traditionellen Geschäftsbanken kommt, sind weniger den (hohen) Renditeerfordernissen der Finanzmärkte ausgesetzt (man erinnere sich an die Forderung des früheren Geschäftsführers der Deutschen Bank, Ackermann, der mindestens 15% Rendite als Ziel vorgab), und können durch langfristigere Finanzierung und individuelle Verhandlung mit dem Kreditgeber auch besser längerfristige Überlegungen anstellen, darunter auch den notwendigen Aufbau von Unternehmens-Knowhow durch langfristige Arbeitsverträge, Ausbildungsgänge und natürlich bessere Bezahlung der Arbeitskräfte.

Global Governance-Demise

Eine florierende Weltwirtschaft und -gesellschaft benötigt Kooperation, gemeinsame Problembewältigung, vor allem bei globalen Problemen, wie Klimawandel, Migration, Bekämpfung der Steuervermeidung, Korruption, kriminellen Aktivitäten, aber auch Stabilisierung der Finanzmärkte. Dazu sind in den letzten 80 Jahren eine Vielzahl von Globalen Institutionen entstanden, von der Welthandelsorganisation (WTO), dem Internationalen Währungsfonds (IMF), der Weltbank und anderen Entwicklungsbanken, spezialisierten UNO-Organisationen, und vielen anderen. Die derzeitige Entwicklung lässt die Kooperationsbereitschaft stark sinken (Bayer 2019). Die Welt steuert auf einen vermeintlichen Handelskrieg zwischen den USA und China zu, wobei sich dahinter aber viel stärker ein Machtkampf um die Hegemonie in der Weltwirtschaft verbirgt. Die USA sehen ihre langjährige Rolle als eindeutiger Hegemon durch den Aufstieg Chinas bedroht, auch wenn sie und ihre langjährigen Verbündeten (der „Westen“) noch immer in vielen Bereichen eindeutig dominieren (Wolf 2019). Fehlverhalten relativ zu globalen Regeln ist zweifellos bei vielen Akteuren vorhanden. Anerkenntnis dieser sollte jedoch zu regelkonformem Verhalten, sowie zu Reformen der global vereinbaren Regeln führen, anstatt zu einseitigen und aggressiven Aktivitäten. Angesichts der globalen Krisen im sozialen und Umweltbereich ist stärkere Kooperation und nicht Konfrontation und Abschottung vonnöten (Bayer 2019).

Wege für die Zukunft

Wie oben argumentiert, handelt es sich bei der derzeitigen Wachstumsabschwächung weniger um ein „normales“ Konjunkturmuster, sondern um ein strukturelles Problem mit dem herrschenden System der Weltwirtschaft, welches durch nationalistische Abschottung, Handelskonflikte und Autarkeibestrebungen verstärkt wird. Folgende Fehlentwicklungen müssen prioritär angegangen werden:

– Die Übermacht des Finanzsystems, seine Allgegenwart und Beeinflussung der Unternehmenspolitik und der Wirtschaftspolitik auf nationaler und globaler Ebene muss zugunsten eines der Realwirtschaft dienenden Paradigmas gebrochen werden.

– Raschest muss eine weltweite sichtbare „Mission“ zur Bekämpfung der Umweltkrisen gestartet werden, die alle Bereiche der Wirtschaftspolitik umkrempelt.

– Die immer weitergehende soziale Krise durch Verelendung der Menschen in den armen aber auch weniger armen Ländern, die klaffende Einkommens- und Vermögensverteilung bedroht den sozialen Frieden auf globaler und nationaler Ebene. Diese Ungleichheiten sind nicht allein durch Steuer- und Abgabesysteme zu lösen, sondern nur durch primär bei den Lohnbedingungen, bei der internationalen Konkurrenz, bei den Entlohnungssystemen und deren Akteure.

– Der Finanzbereich muss durch deutlich höhere Eigenkapitalerfordernisse, durch risikoadäquate Hinterlegung von Vermögenswerten, durch Stärkung traditioneller Banken, durch Zurückdrängung von Firmenzusammenschlüssen, aber auch durch Vermeidung von Vermögens- und damit Steuerverschiebungen, durch Steuern auf Finanztransaktionen, und andere Maßnahmen der Wirtschaft und den Konsumenten allein nutzbar gemacht werden.

– Die Wirtschaftspolitik soll sich nicht weiteran der Steigerung des Bruttoinlandsprodukts als Hauptindikator, sondern an der Steigerung und Beibehaltung des Wohlbefindens der Menschen orientieren. Weitere BIP-Steigerungen führen in vielen Bereichen eher zu einer Beeinträchtigung als zur Steigerung der menschlichen Wohlfahrt (Wilkinson-Pickett 2009). Bei allen Maßnahmen sind gleichzeitig soziale, ökologische und ökonomische Interessen zu verfolgen, statt einseitig den (Finanz-)Unternehmen dienende.

– Wirtschafts- und Gesellschaftspoltik braucht viel mehr Mitwirkung der Bevölkerungen, und zwar nicht nur beratend, sondern auch in Entscheidungen. Neue Ansätze über Fokusgruppen, über elektronische Bürgerversammlungen und andere Partizipationsformen sind nötig.

Prognosen über die weitere Entwicklung sind schwierig. Klar ist jedoch, dass ein Weiterbestehen auf den Verwerfungen, welche das bestehende Wirtschafts- und Gesellschaftssystem hervorruft, zu tiefgreifenden Krisen führen wird.

Ein Beispiel für nachhaltige Entwicklung?

Die sozialdemokratisch-progressive Fraktion im EU-Parlament propagiert zurecht das Ziel eines „Nachhaltigen Wohlergehens für Alle“ (Feigl/Hoffmann 2019). Dieses wird mit einem umfassenden Programm (Well-Being 2018) mit Empfehlungen unterlegt und umfasst folgende Bereiche: den Umbau des Kapitalismus; Soziale Gerechtigkeit für Alle; Sozio-ökologischer Fortschritt; Ermöglichung von Reformen und Ermächtigung der Bevölkerung und damit sehr weitreichende Zielsetzungen und Instrumente. Dieses Programm ist zwar für die Europäische Union intendiert, kann jedoch weitgehend für die Weltgesellschaft als leitend gesehen werden, auch wenn im Weltmaßstab die Ungleichheit der Einkommen und Lebensbedingungen weit größer ist als innerhalb der EU. Durch die Fokussierung der Studie auf „Gleichheit“, bzw. Abbau von Ungleichheiten als Hauptziel wird jedoch die ökologische Dimension eher unterbelichtet behandelt. Abbau von Ungleichgewichten ist natürlich eine wichtig, doch übersieht diese Priorisierung, dass es vorrangig, darum gehen muss, die allgemeine Quantität von ökologischen Beeinträchtigungen einzudämmen. Der Ausstoß von Treibhausgasen, der damit verursachte Klimawandel, der Raubbau an Wasser mit seinen Auswirkungen auf die Meere, der Verlust von Artenvielfalt, und anderes mehr sind so weit fortgeschritten, dass sie insgesamt das Wohlergehen der Menschheit bedrohen – wenn auch in regional und sozial unterschiedlichem Ausmaß. Daher müssen Anstrengungen unternommen werden, die gesamte Menge an Abbau von „Umweltkapital“ zu senken, um ein Überleben des Planeten und seiner Menschheit zu sichern.

Richtig ist in diesem Bericht, dass soziale, wirtschaftliche und ökologische Zielsetzungen eng miteinander verbunden sind und daher gesamthafte Strategien zur Sicherung aller drei Bereiche notwendig sind. Woran es dem Bericht und seinen Vorschlägen mangelt, ist, wie mit den zwischen diesen Zielsetzungen vielfach auftretenden Konflikten umzugehen ist, etwa mit der gewünschten Zahl der Steigerung von gesunden Arbeitsplätzen und dem vielfach damit verbundenen Ausstoss von Emissionen; oder mit dem Wunsch der Erhaltung von natürlichen Habitats und den ökonomischen Interessen, meist profitgetrieben, von Wirtschaftsunternehmen. Auch wird die Rolle der dominierenden Finanzmärkte nur unzureichend angesprochen.

Bayer, K. (2018). Disruption in Global Economic Governance – Risse in der internationalen Wirtschaftsordnung, https://wordpress.com/post/kurtbayer.wordpress.com/2385, 29.11.2018

Bayer, K. (2019). Ändert die Wirtschaftspolitik! Der Standard, 25.Januar 2019

Brennan, L. Corporations must rethink capitalism to heal society‘s wounds. Financial Times, Jan. 30, 2019

Feigl,G., Hoffmann,U. Europa 2030 (2019): Nachhaltiges Wohlergehen für Alle? Arbeiterkammer Wien, https://awblog.at/nachhaltiges-wohlergehen-fuer-alle/

Piketty, Th.Capital in the Twenty-First Century. Cambridge, Mass. 2014

Rasmus, Jack. Global Economy on the Bring as Davos Crowd Parties On, (2019) https://www.globalresearch.ca/global-economy-bringk-davos-croed-parties/5666277

Report of the Independent Commission for Sustainable Equality | 2019-2024 https://www.progressivesociety.eu/publication/report-independent-commission-sustainable-equality-2019-2024

Well-Being for Everyone in a Sustainable Europe (2018), Report of the Independent Commission for Sustainable Equality | 2019-2024 Brussels, November 2018; https://www.progressivesociety.eu/sites/default/files/2018-12/S%26D_ProgressiveSociety-SustainableEquality_BROCHURE_V18_spreadsWEBSITE.pdf

28, 2019W

Wilkinson, R., Pickett K. (2009). The Spirit Level. Why Equality is Better for Everyone. Penguin Books, London

World Economic Outook (WEO 2019).

https:/www.imf.org/en/Publications/WEO/Iissues/2019/01/11/weo-update-january-2019

Wolf, M. The challenge of one world, two systems. Financial Times, Jan. 30, 2019

1Am 1. Feber 2018 zahlt die italienische Regierung um 248 Basispunkte mehr als Deutschland, Britannien nur 107 Basispunkte.

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Was der Finanzkapitalismus so mit den Unternehmen macht

 

Unternehmen der Realwirtschaft kaufen üblicherweise Vorprodukte, aus denen ihre Mitarbeiterinnen Waren oder Dienstleistungen herstellen, die verkauft werden. Die daraus erwirtschafteten Erträge fließen als Einkommen an die Mitarbeiterinnen, es werden (hoffentlich) Steuern bezahlt, die übrigbleibenden Gewinne werden investiert (in Anlagen und Maschinen, Forschung und Entwicklung) und der „Rest“ wird an die Kapitaleigner ausgeschüttet. So die einfache Darstellung aus der Zeit vor dem Überhandnehmen des Finanzkapitalismus, der den fälschlich so genannten „Investoren“, also eher Finanzjongleuren, die treibende Kraft über das Unternehmensgeschehen überantwortet hat. Seither werden Unternehmen und ihre Manager und Eigentümer von kurzfristigen Kalkülen geleitet: vom täglich zu „optimierenden“ Börsenkurs, von der Angst, dass bei sinkendem Kurs die Investoren ihr Kapital abziehen und anderswo „investieren“. Da die Managergehälter aber durch Aktienoptionen und andere „leistungsorientierte Remunerationen“ und Boni zum größten Teil bestimmt werden, werden die Kalküle der Manager (deren Insiderinformation über das Unternehmen ihnen einen Wissensvorsprung vor den Kapitaleignern (Aktienbesitzern) ermöglicht), jenen der Aktienbesitzer angeglichen: sie wollen auf Teufel komm raus jederzeit (kurzfristig) möglichst hohe Börsenkurse lukrieren. Nicht die langfristigen Gewinnaussichten der Unternehmen bestimmen deren Börsenwert, sondern die kurzfristige Rendite. Das führt unter anderem zu folgender „Perversion“ der Entscheidungsgrundlagen für die Aufteilung der Unternehmensergebnisse:

Am 7. März 2019 berichtete die Financial Times folgendes: 2018 schütteten US-amerikanische Unternehmungen 1.25 Billionen Dollar an ihre Aktionäre in Form von Dividenden und Aktienrückkäufe aus. 798 Mrd wurden durch Aktienrückkäufe lukriert, 456 durch Dividenden. Getrieben durch Präsident Trump’s Steuerreform stiegen die Gewinne der Aktienbesitzer im Vorjahr um 33%. Seit Ende der Krise in den USA, also 2019, stiegen diese Zugewinne der Kapitaleigner um 8 Billionen Dollar, also ca. 50% eines amerikanischen Jahres/BIP. Laut FT würden diese Gewinne mehr als ausreichen, um alle börsennotierten Unternehmen des Vereinigten Königreichs, Frankreichs, Deutschlands, Spaniens, Italiens und Schwedens aufzukaufen!

Dividendenzahlungen gehören zu den traditionellen (laufenden) Gewinnen von Aktienbesitzern. Ein neueres Phänomen sind Aktienrückkäufe: einerseits spülen sie Teile des Börsenwerts in die Taschen der Verkäufer, andererseits gewinnen damit die verbleibenden Aktionäre (und auch die Manager, die ja über Aktienoptionen u.a. an den Unternehmen beteiligt sind) da – bei gleichbleibendem Unternehmenserfolg – das Volumen an Eigenkapital geringer wird, also sich die Eigenkapitalrendite erhöht – und damit auch der Aktienkurs.

In der amerikanischen Diskussion – in Europa findet sie in geringerem Ausmass statt – ist die Praxis der Aktienrückkäufe seit neuestem umstritten, da sie die Ungleichheit der Einkommen und Vermögen weiter vergrößert, und den Unternehmen Kapital entzieht, das vielleicht doch besser in den langfristigen Unternehmenserfolg (real) investiert würde. Die marktliberale Theorie jedoch besagt (”Free cash flow Hypothese” von Michael Jensen), dass “überflüssiges” Kapital, das nicht “sinnvoll” (profitabel) im Unternehmen selbst verwendet werden kann (???) am besten ausgeschüttet werde, da die Ausbezahlten dieses Kapital dann wieder gewinnbringend investieren würden – anstatt es den Managern des alten Unternehmens zu überlassen, die damit nur ihre eigenen Taschen stopfen oder in sinnlose Projekte investieren würden, um ihr Prestige und ihre Remuneration zu steigern.

Natürlich gäbe es auch die (gesamtwirtschaftlich sinnvolle) Möglichkeit, neben unternehmensinternen Investitionen in Gebäude, Anlagen, und Forschung auch die Löhne der Arbeitnehmer erhöhen – was aber nicht im Sinne der auf Kostenreduktion angelegten “Wettbewerbsstrategien” vieler moderner Unternehmen zu sein scheint. Das würde zwar die Unzufriedenheit mit den langfristig stagnierenden Löhnen und der immer weiter auseinander klaffenden Einkommensverteilung reduzieren (wichtige Gründe für den um sich greifenden Rechtspopulismus) – aber das ist ja nicht Aufgabe der finanzmarktgetriebenen Unternehmungen.

Einige demokratische Senatoren in den USA, auch der unterlegene republikanische Präsidentschaftskandidat Marco Rubio, schlagen vor, diese gesamtgesellschaftlich schädliche Praxis der massiv zunehmenden Aktienrückkäufe dadurch zu reduzieren, indem sie diese nur zulassen wollen, wenn den Arbeitnehmern ein Mindestlohn von zumindest 15 Dollar pro Stunde bezahlt würde (Sanders, Schumer), bzw die bevorzugte steuerliche Behandlung von solchen Aktivitäten abzuschaffen (Rubio).

In den USA, aber auch Japan und Europa wird derzeit mehr an Aktienkapital durch Rückkäufe “vernichtet” als durch neue Listungen von Unternehmen an den Börsen zugeführt wird. Nüchtern betrachtet, könnte man behaupten, dass dies, v.a. in Japan und Europa, angesichts der schrumpfenden Bevölkerungen “adäquat” sei, andererseits zeigt die weitere Faszination der Wirtschaftspolitik mit wachsender Wirtschaft, bzw. die weiterhin steigenden Aktienkurse, dass von Schrumpfung oder Nachhaltigkeit nicht die Rede sein kann. Die zitierten Zahlen zeigen hingegen wieder einmal, dass jede mögliche Beeinflussung der Aktienkurse, jede finanzgetriebene Aktivität nicht das Wohl der Gesamtwirtschaft, das Wohl der Arbeitnehmer, das “Ergrünen” der Wirtschaft, die Nachhaltigkeit – und wie die ganzen Schlagworte der Sonntagsreden lauten – zum Ziel hat, sondern nur das kurzfristige materielle Wohl der Aktienbesitzer und ihrer Manager.

Das massenhafte Auftreten dieser Rückkäufe ist nur eine der vielen Absurditäten des modernen Finanzkapitalismus. Einzelfälle könnten einem rationalen gesamtwirtschaftlich sinnvollen Kalkül geschuldet sein. Ihr systematisches Auftreten, welches kurzfristigem Gewinn das langfristige Wohlergehen der Unternehmen, seiner Arbeitnehmer und der Gesellschaft unterordnet, muss jedoch als eine der Perversitäten des Finanzkapitalismus erkannt und bekämpft werden. Das 15 Dollar-Limit ist zwar wohl gemeint – und zeigt gleichzeitig die niedrigen Lohnambitionen der US-Demokraten auf (der derzeitige Mindestlohn liegt in den USA bei der Hälfte, in Österreich beträgt der „Mindestlohn“ etwas 1.750 € je Monat, also etwa 11 € pro Stunde), sind aber sicher nicht geeignet, den durch die Aktienrückkäufe verursachten gesamtwirtschaftlichen Schaden zu verhindern. In den USA sind in den letzten 20 Jahren die gesamten privaten und öffentlichen Investitionen am BIP von 23% auf 19% gesunken, im Vereinigten Königreich von 18% auf 17%, in der EU von 23% auf 21%, in Österreich von 26% auf 24%. In all diesen Ländern ist die Lohnquote (der Anteil der Löhne und Gehälter am BIP) in diesem Zeitraum zwischen 5 und 10 Prozentpunkten gefallen. Finanzaktivitäten dominieren realwirtschaftlich und gesamtgesellschaftlich orientierte Unternehmenskalküle. Cui bono?

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Kultur anfangs 2019

Donizettis „Lucia di Lammermoor“ in einer Neuinszenierung an der Wiener Staatsoper ist von der professionellen Kritik teils heftig kritisiert worden: ich halte dagegen, obwohl noch immer kein Donizetti-Fan. Erstaunlich stimmig ist das grau-in-graue Bühnenbild der ersten Akte, das den trüben Ausgang dieser Tragödie einer Frau, die sich den Machterhaltungsspielen ihres Bruders opfert, eindringlich voraussagt. Schnee am Boden, Schneeflocken die vom Himmel fallen, verstärken in dieser sonnenlosen Inszenierung den Eindruck der Hoffnungslosigkeit. Diese eindrucksvolle, minimalistische Ausstattung lenkt den Blick stärker auf das traurige Schicksal einer mit den Realitäten des Lebens, die ihrer Liebe entgegenstehen, nicht fertig werdenden Lucia. Diese Lucia (Olga Peretyatko), von der Kritik wegen ihrer „kleinen“ Stimme gescholten, wird von Anfang an als den sie umgebenden Kräften nicht gewachsene, in der Liebe zu Edgardo (Juan Diego Florez) ihre Erlösung erhoffend, dargestellt. Sie ist stimmlich hervorragend, in der Darstellung überzeugend, auch in der „Wahnsinns“-Arie, die sicherlich von der Callas, Gruberova oder Netrebko anders gesungen wurde. Ich fand sie hervorragend berührend. Florez erfüllt alle in ihn gesetzten Erwartungen, vor allem auch deshalb herausragend, weil er sich darstellerisch elegant sehr bescheiden verhält, nur im Schlußapplaus die Pose des Spitzentenors dem Publikum gegenüber einnimmt. Stimmlich ebenfalls grandios, darstellerisch extrem hölzern, Jongmin Park als Raimondo, der zwar zur Person Lucia (und ihrer unmöglichen Liebe) steht, aber der Loyalitätsraison der Männerherrschaft den Vorzug gibt – und damit auch Schuld am grauenvollen Ende auf sich lädt. Weniger bemerkenswert der stimmlich zu wenig hervortretende Bariton von George Petean als Enrico, der den machtgeilen Bösewicht Enrico nur erahnen läßt – und seine Schuld am Verderben von Lucia durch seine Rachegelüste an Edgardo kompensieren will (ganz klar ein Fall für den Psychiater). Die kleine Rolle der Alisa wird von Virgine Verrez ganz hervorragend gesungen und gespielt. Der Chor, der hier eine große Rolle spielt, singt hervorragend, seine Choreographie bringt zwar etwas Bewegung in die sonst statische Inszenierung, etwas mehr Koordination wäre besser gewesen. Das Orchester ist hervorragend eingestellt, Evelino Pido treibt es kompetent an, ohne die Sängerinnen zu übertönen: die Glasorgel verdient besonderes Lob, ebenso wie die hervorragenden Bläser.

Genial fand ich das mit vielen Grautönen in den ersten drei Aktiven spielende Bühnenbild, der Turm im ersten Akt erinnert an den Flakturm im heimatlichen Augarten, seine Verwandlung im zweiten Akt in strich-stilisierte Häuser oder Landschaften (?) passt genau. Der blutrote Hintergrund im letzten Akt bringt einen hervorragenden Kontrast des zum traurigen Höhepunkt rasenden Stücks. Alles in allem eine bemerkenswerte Aufführung, auch wenn sie mich nicht zum Donizetti-Fan gemacht hat. Dessen Musik finde ich trotz allem zu einfach gestrickt.

Als Kontrastprogramm Carla Ana Maza aus Chile, wohnhaft in Paris, die Singer-Songwriter-Lieder mit ihrem Cello zur Aufführung bringt, ein bisschen wie weiland Astrid Gilberto klingt und ungeheure Töne und Klangmuster aus ihrem Cello holt, das sie meist zupfend bearbeitet. Die lateinamerikanische Schwermut ist das hervorragende Element ihrer Darbietung, gottseidank ab und zu durchbrochen durch fetzigere Jazzrhythmen. Sie singt (allerdings kaum verständlich) auf Spanisch, Englisch und Französisch und streut auch die eine oder andere bekannte Melodie (Habanera?) ein. Mehr Dynamik hätte nicht geschadet, weniger Wehmut auch nicht. Dennoch durchaus erfreulich.

Sehr, sehr eindrucksvoll Felix Mendelssohn-Bartholdys „Elias“ Oratorium im Theater an der Wien. Grandiose Musik in fast durchgehender Dramatik, mit eingesprenkelten lyrischen Phasen, die Elias‘ Zweifel, Verzweiflung und Depressionen sichtbar machen, eine beeindruckende Inszenierung, vor allem die Choreographie des grandiosen Schönberg Chors, dem viel an Bewegung und Schauspiel abverlangt wird, und der fantastisch singt. Die Musik ist sehr beeindruckend, zwischen Klassik und Frühromantik, im letzten Teil erstaunlicher Weise (für mich) einige Anklänge an den ihn hassenden und verachtenden Richard Wagner (Rheingold). Anfangs stellt Regisseur Calixto Bieto den Gottesstreit zwischen Herr und Baal mit einer Pappkirche dar, die zertrümmert und wieder aufgebaut und wieder zerstört wird. Ansonsten verwendet er sehr eindrucksvoll lange Metallroste, die aufgestellt, niedergefahren und gefängnisgleich installiert werden, zwischen und unter denen und über denen sich die Menge der Israeliten dauernd bewegt. Das RSO-Orchester unter Jukka-Pekka Saraste brilliert mit einer unerhörten Dynamik, läßt aber auch die Sänger effektiv hören. Die Inszenierung macht die Zerrissenheit des Elias in einer psychologisch eindrucksvollen Weise deutlich: seine Hingabe zu Gott, seine Versuche, die abgefallenen Israeliten zu bekehren, seine Wundertaten im Namen des Herrn, sein Gottesbeweis, seine Brutalität als er die 450 Baal-Propheten nach seinem gelungenen Gottesbeweis höchstpersönlich, bzw. mithilfe des Engels (Stimme Gottes) abschlachtet, seine Hoffnungslosigkeit versagt zu haben, seine Angst vor Rache der Baal-Anhänger und seine Verzweiflung: der Prophet als zerrissener Mensch! Christian Gerharer wird dieser Deutung sehr eindrucksvoll gerecht, sowohl stimmlich als auch darstellerisch. Neben ihm sticht ganz besonders Maximilian Schmitt als Obadjah hervor, der (als ursprünglicher Parteigänger des Baal-Anhängers König Ahab) immer wieder versucht, Elias aufzurichten, ihm Mut zu geben und auch die Israeliten von der Richtigkeit, zu Gott zurückzukehren zu überzeugen versucht. Sein sehr heller Tenor verkörpert den Glaubensoptimismus in dunklen Zeiten. Eindrucksvoll auch Kai Rüütel als Engel (Stimme des Herrn), der Elias nicht nur anleitet und stützt, sondern durchaus auch sich selbst überläßt; wunderschön auch Maria Bengtsson als Witwe, deren Verzweiflung und Gotteszweifel über den Tod ihres Sohnes Elias dazu bewegt, sich massiv (und erfolgreich) beim Herrn für dessen Wiedererweckung einzusetzen. Überzeugend auch Ann-Beth Solvang als Königin Isebel, die ihre Niederlage beim Gottesbeweis nicht verkraftet und Elias den Tod als Rache verkündet.

Interessant an der Inszenierung ist auch die Riesenprojektion des fliegenden Raben, wenn der Herr Elias erscheint, da dieser dadurch ein positives Image verkörpert, in Kontinuität zum Beginn in der Wüste beim Bach Krit, wo nach Gotteswort Raben Elias mit Brot und Fleisch versorgen. Etwas lächerlich wirkt die Übergießung von Elias mit einem kleinen Plastikeimer (mit Schnabel) mit Benzin durch Obadjah, der dann in der Hand von Elias ein kleines Feuerzeug entzündet – als Symbol für die feurige Himmelfahrt des Elias. Noch einmal muss ich aber den Chor hervorheben, dessen Leistung für diese grandiose Elias-Darstellung nicht überbewertet werden kann.

Offenlegung: Vielleicht beruht meine Begeisterung für diese Performance auch darauf, dass mein eigener Chor vor kurzem zwei wunderschöne Stücke aus dem Elias gesungen hat „Hebe Deine Augen auf“ und „Jauchzet dem Herrn, Eurem Gott“.

 

Äußerst eindrucksvoll, sowohl das Stück als auch die Inszenierung, und besonders die Leistung der Darstellerinnen, ist „Der Watschenmann“ nach dem Roman von Karin Peschka, in der Regie von Berenice Hebenstreit im Volx/Margareten. Das Stück spielt 1954, ein Jahr vor dem Staatsvertrag und dem Abzug der Besatzungsarmeen, in einem Wien, das noch voll von den Verheerungen ist, die der Krieg in den Beziehungen und Seelen der Menschen angerichtet hat. Als am Kriegsende Geborener dachte ich, 9 Jahre nach dem Krieg (ich war schon im Gymnasium) seien die Hauptfolgen vergangen und vergessen: vielleicht waren sie das für mich, wahrscheinlich aber auch nicht für meine Eltern. Im Stück geht es um einen verlorenen Burschen (sehr effektvoll Katharina Klar als Heinrich), der in seinem Messias-Wahn es auf sich nimmt, sich provozierend zusammenschlagen zu lassen, um „damit den Menschen den Krieg aus den Seelen zu treiben“ (und dann durch deren Schuldgefühle, ihn verprügelt zu haben, ein paar Groschen als Kompensation zu bekommen). Wie Christus will er dadurch die Wiener erretten. Gleichzeitig erinnert diese Methode an frühere Bioenergetik-Workshops und Gestalt-Methoden, durch Schlagen eines Tennisschlägers auf einen Polster, die verdeckten Aggressionen ins Tageslicht zu befördern. Er provoziert damit einen Wirt, einen Polizisten, einen Alt-Nazi und Boxer – der erhoffte Erfolg bleibt jedoch aus. Gleichzeitig ist das Stück eine Familiengeschichte: Heinrich ist durch irgendwelche Umstände zu einem weichherzigen Jugoslawien-Flüchtling geraten, der sich mit einer Hure zusammengetan hat, die (vergeblich) auf ihren Schuster wartet, der in russischer Kriegsgefangenschaft vermutet wird, und für den sie dessen Werkstatt aufbewahrt – um nach seiner Heimkehr mit ihm ein neues Leben beginnen zu können. Diese beiden versorgen Heinrich – mehr oder weniger willig – als Elternersatz. Eine Begegnung mit einem US-Besatzungssoldaten bringt Heinrich ein Gulasch und weitere Freundschaft, bis dieser wieder zurück in die USA muss. Heinrich, der offenbar einen Gedächtnisverlust erlitten hat, wird inzwischen auf die Rolle seines Vaters (persönlich:„Du bist ein halbes Mädchen“, „aus Dir müssen wir einen ordentlichen Buben machen“; politisch: offenbar ein Nervenarzt, der Kinder ins Gas schickte) aufmerksam gemacht – was seinem Die-Leiden-der-Menschheit-auf-sich-Nehmen“ weiteren Auftrieb gibt. Der Schuster kommt nicht zurück (dh verwundet erinnert er sich nicht mehr an seine Lydia), Dragan sucht das Weite, Lydia zerstört die Werkstatt – und Heinrich träumt weiter von sich als Raben, der sowohl die Welt von oben sieht als auch in ihr lebt (????). Effektvoll kontrastiert wird diese traurige, hoffnungslose „Familiengeschichte“ mit der Ideologie des Neuen Österreich – repräsentiert durch Bürgermeister Franz Jonas und seine Eröffnung der früher bombardierten Marienbrücke. Die Darstellerinnen entäußern sich ihres Inneren: sie sind die „typischen Kleinen Leute“, die nicht nur materiell, sondern vor allem seelisch für immer die Folgen des Krieges zu tragen haben. Sehr effektvoll werden Teile des Stückes durch die Geigerin Hristina Susak ergänzt, die leichte dissonante Töne fabriziert, rhythmische Zwischenpunkte setzt – und am Ende das Lied vom Raben mit traditionell gezupfter Geige begleitet.

Die Inszenierung ist karg, die Behausung Dragans und Lydias und Heinrichs) ist ein durchsichtiges Netz, die Darsteller vielfacher Rollen, deklamieren teils in Brechtscher Manier wichtige Textbausteine, stellen aber auch realistisch „Wiener Typen“ neuen Stils dar. Ein sehr effektvoll gebrachtes wichtiges Stück über den „underbelly“ der herrschenden Wiederaufbau-Saga Österreich.

 

Eigenartig vom Musikalischen her, passend von der Thematik ist das Zusammenspannen der Ravel-Oper L’Enfant und des Offenback-Aktes “Olympia” aus Hoffmanns Erzählungen in der Kammeroper. Das Ravel-Stück erinnert ein wenig an Alice in Wonderland, es geht um einen jungen Mann, der vor einem Panoptikum sich durch einen Blick in die Puppe Olympia unsterblich verliebt und in seine Kindheitserinnerungen zurückgeworfen wird, als er unbändig gegen die brave Mutter rebellierte, alles zerschmetterte, aber sich dann Pendeluhr, Teetasse, Fauteuil und Katzen sich an ihm rächen; im Gaten gesellen sich Libelle, Fledermaus, Eichhörnchen dazu und werfen ihm ihre Schandtaten vor; der Bub (Hoffmann) hilft jedoch einem sich verletzt habenden Tier und wird dadurch bei den Tieren “rehabilitiert”. Als junger Mann (siehe Anfang) träumt er von der  automatischen Olympia, die von Spalanzani gebaut wurde und diesem viel Geld einbringen soll: sie kann sich bewegen, sogar Walzer tanzen und singen. Hoffmann gesteht ihr, benebelt, seine Liebe, will sie heiraten, als sie jedoch von einem Gläubiger Spalanzanis zertrümmert wird. Hoffmann bleibt desillusioniert zurück.

Ob Ravel bewußt sein L’Enfant um die Offenbach-Geschichte gebaut hat, weiß ich nicht: das Ganze ist – trotz seines tragischen Endes – jedenfalls äußerst unterhaltsam inszeniert. Die fabelhaften Sängerinnen und Sänger, auch großartig in der Darstellung der vielen Rolle, die jede/r zu singen hat, und ihre einfallsreichen Kostüme bringen das in meinen Augen hervorragende “Alleinstellungsmerkmal” der Kammeroper voll zum Tragen: da es nur eine kleine Bühne und keine Technik gibt, sind die Regisseure immer gefordert, sich etwas wirklich Besonderes einfallen zu lassen. Das ist auch hier voll aufgegangen.

Schräg ist die Kombination der lautmalerischen Tiermusik Ravels mit dem opern/operettenhaften Sound Offenbachs. Bei Ravel gibt es in dem ganzen Getöne nur eine Arie (Mutter), während bei Offenbach es davon nur so wimmelt – und dort natürlich die Koloraturkünste der Olympia jene der Fiakermilli oder der Königen der Nacht noch übertreffen. Auch das Orchester muss jeweils mehrere Instrumente spielen und bringt dies hinreißend zur Geltung. Es ist aber die Inszenierung, die Höchstlob verdient.

 

Absolut bemerkenswert ist Peter Iljitsch Tschaikowskis „Die Jungfrau von Orleans“ im Theater an der Wien. Während es an der wunderschönen Musik einhellig Lob von Kritik und Publikum gibt (inklusive Hochrufe für die Dirigentin Oksana Lyniv), scheiden sich an der Inszenierung die Geister: vor der Pause laute Buh-Rufe, die aber von Bravo-Rufen überwiegend gekontert wurden. Ich finde die Inszenierung sensationell: sie ist innovativ, sehr einfühlsam, produziert wunderschöne Tableaus mit hervorragenden Lichteffekten und schafft es dabei, nicht überzuinszenieren, sondern eine Deutung der Johanna und ihres tragischen Schicksals ans Tageslicht zu zaubern, die sie als zerrissene, tragische und letztlich mit ihren „Übervätern“ (dem leiblichen Vater, dem König, und Gott) nicht zu Rande kommende Figur zeigen. Sie ist den Männern ausgeliefert, wird von ihnen für deren eigene Zwecke instrumentalisiert und geopfert. In ihrer Aufschwungsphase lässt Regisseuse Lotte de Beer sie von Suffragetten, Maggie Thatcher, Madonna und anderen unterstützen (oder hängen sich diese an ihren Erfolg an?), doch sobald sich Johannas Schicksal wendet, wenden auch diese sich gegen sie und zermalmen sie. Johannas Jungfräulichkeits-Wahn, mit dem sie sich Gott als Gegenleistung für ihre militärischen Erfolge für „ihren“ König verspricht, garantiert ihr auch den Erfolg. Als sie sich in Lionel verliebt und sich ihm hingibr, verliert sie ihre Führungsgabe und damit ihre selbstgewählte(?) Mission: sie kann mit dieser Situation nicht umgehen. Diesen „Sündenfall“ (Sex mit einem Mann) zeigt de Beer eindrucksvoll mit an Nitsch erinnernden Blutfahnen zu Johannas „Thron“ hin, wobei das Blut offenbar auch den Verlust der Jungfräulichkeit symbolisiert: Johanna wird „zur Frau“ – und schafft das nicht.

Die Inszenierung mischt Bilder kleinbürgerlicher Intimität (die Küche, ihr Mädchenzimmer mit Postern von Amy Winehouse und Marylin (??) mit Mobiliar aus den 1950er Jahren mit abstrakteren Tabelaus, die an gemalte Nazarener-Bilder, an die Apotheose der Marianne von Delacroix und andere Zitate erinnern, läßt Kinderballette die Szene auflockern, Engel aktrobatisch am Himmel ertanzen – alles, um die Zerrissenheit, die Menschlichkeit der Johanna sichtbar zu machen: ihren Konflikt mit dem bigotten Vater, den sie trotz der Tatsache, dass er sie des Teufels zichtigt und damit ihren Feuertod verursacht; ihre Aufforderungen an den der Sinnlichkeit verfallenen König, sich aufzuraffen und zu kämpfen (sie macht das dann für ihn), ihre unbändige Liebe für Lionel in Konflikt mit ihrer „Mission“, ihre Anziehungskraft für den Erzbischof, der ihre Sendung von Gott bestätigt, sich aber im richtigen Moment geil an sie heranmacht – für all das gebührt der Regisseuse volles Lob. Dass diese Darstellung der Johanna nicht dem Schillerschen und mythologischen Klischee entspricht, zeigt die Reaktion einer entrüsteten französischen Freundin, die in der Pause das Theater verließ. Schade für sie, dass sie den tollen zweiten Teil nicht erleben konnte.

Lena Belkina singt die Johanna exzellent und gibt ihr das von der Regie gewünschte allzu menschliche Profil. Dass ihre Stimme „zu klein“ wäre, wie die Kritik bemängelte, konnte ich nicht feststellen. Herausragend auch Raymond Very als Raimond, ihr Verständnis zeigender (ursprünglicher) Verlobter, der sie mit schönem Tenor gegen ihren bigotten Vater (achtbar Willard White) zu verteidigen sucht. Gut auch der verkommene König (Dmitry Golovnin) und seine Geliebte Agnes Sorel (Simona Mihai), die allerdings etwas blass blieb. Überzeugend auch Kristjan Johannesson als Lionel, in den Schatten gestellt aber von Daniel Schmutzhard als Dunois.

Die Wiener Symphoniker in gewohnt souveräner Form, exzellent wieder einmal der viel beschäftigte Schönberg Chor.

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Industriepolitik: neuer Wein in neuen Schläuchen?

Kürzlich hat der deutsche Wirtschafts- und Energieminister Altmaier den Entwurf zu einer „Nationalen Industriestrategie 2030“ (https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Publikationen/Industrie/nationale-industriestrategie-2030.pdf?__blob=publicationFile&v=10) vorgelegt. Um dies nicht als deutschen Alleingang erscheinen zu lassen, nennt er dies im Untertitel „Strategische Leitlinien für eine deutsche und europäische Industriepolitik“. Vom „ordnungspolitisch“ fixierten Deutschland wäre eine Industriestrategie kaum zu erwarten gewesen, wenn nicht

a) kürzlich die EU-Kommission den Zusammenschluss von Alsthom und Siemens, die gedacht waren als „europäischer Champion“ China Paroli bieten zu können, verboten hätte,

b) die sich anbahnende Misere der deutschen Autoindustrie (“Dieselstrategie“, Fahrverbote, Vernachlässigung von e-Mobilität und autonomem Fahren), und

c) die zunehmend protektionistischen Abschottungen der USA

d) die gefühlte Bedrohung durch chinesische Konzerne, welche deutsche Technologiefirmen aufkaufen (Fall Kuka)

die Industriegroßmacht Deutschland das Fürchten gelehrt hätten. Also eine „Anlassstrategie“?, die auch die ordoliberalen Deutschen zum pragmatischen Umdenken bringt? Bisher waren Gedanken eine eine „Industriepolitik“ in Deutschland eher unerwünscht, auch wenn durch Airbus, Eurofighter, Bankenrettungen, Kohlesubvention etc. in der Realität viel mehr der verpönten Staatseingriffe getätigt worden sind, als die eifernden Puristen zugeben wollen.

Altmaiers Entwurf trägt diesem Dilemma Rechnung, indem er immer wieder versichert, dass Deutschland weiterhin zum Dogma der Sozialen Marktwirtschaft (Ludwig Erhard selig) stehe, Staatseingriffe wirklich nur in genau definierten Einzelfällen, und auch zeitlich beschränkt vorgeschlagen werden. Altmaier bringt auch die bahnbrechende Erkenntnis aufs Tapet, dass manchmal die „Summe der betriebswirtschaftlichen Einzelentscheidungen der Unternehmen eine Landes nicht ausreicht, um globale Kräfte- und Wohlstandsverschiebungen auszugleichen oder zu verhindern“ (S 3), also auch dort ist der Unterschied zwischen mikro- und makroökonomischem Kalkül endlich angekommen.

Die Strategie sieht in der erzeugenden Industrie (im weitesten Sinne) den Garant für Wohlstand, deshalb will Altmaier auch den Industrieanteil am BIP in Deutschland von derzeit 23% auf 25% steigern, und jenen der EU auf 20% (dies ist bereits EU-Ziel in der Strategie 2020!!). Primär geht es bei den genannten Zielsetzungen um die „Sicherung und Wiedererlangung von wirtschaftlicher und technologischer Kompetenz, Wettbewerbsfähigkeit und Industrie-Führerschaft auf nationaler, europäischer und globaler Ebene“ – in allen relevanten Bereichen (S. 4).

Diese industriellen „Schlüsselbereiche“ für Deutschland sind: die Stahl-, Kupfer- und Aluminium-Industrie; die Chemieindustrie; der Maschinen- und Anlagenbau; die Automobilindustrie; die optische Industrie; die Medizingeräteindustrie; der Green-Tech-Sektor; die Rüstungsindustrie; die Luft- und Raumfahrtindustrie; die additive Fertigung (3D-Druck).

Der Entwurf erkennt, dass Deutschland in diesen Bereichen führend ist/war, aber durch Mängel bei der Digitalisierung, und vor allem der Anwendung der Künstlichen Intelligenz ins Hintertreffen zu rücken scheint; er beklagt das Nicht-Vorhandensein großer Plattformindustrien, wie sie in den USA und China entstanden sind. Andere Länder (er meint offenbar diese beiden) seien bei der Entwicklung neuer Technologien viel weiter (in den USA der Privatsektor der Tech-Plattformen; in China eine gezielte Industriestrategie „China 2025“) und könnten Deutschland den Rang ablaufen. Er beschwört auch den Übergang von Eigentumsrechten in diese Länder, in den USA dadurch, dass erfolgreiche deutsche Start-Ups zunehmend durch US-amerikanische Venture Capital Fonds finanziert und dadurch zu „US-amerikanischen Unternehmen“ würden, in China durch den Aufkauf deutscher Technologiefirmen). Deutschland müsse bei den neuen „disruptiven“ Technologien eine Führungsposition erlangen, da sich sonst die Gefahr eines erheblichen Verlustes an Wertschöpfung ergebe (S.7).

Als Orientierungspunkte einer neuen Industriestrategie nennt der Entwurf:

– Erhaltung der industriellen und technologischen Souveränität

– Steigerung des Industrieanteils als Wohlstandsgarant

– Erhalt geschlossener Wertschöfpungsketten

– Ausbau vorhandener Stärken und Aufholen bei Nachhinken

– Stärkung des industriellen Mittelstandes

– Nationale und europäische Champions: Size matters (S.12)

– Abwehr von ausländischen Fusionen zur Abwehr von Gefährdungen der nationalen Sicherheit (erinnert das nicht an Trump?)

– Schaffung einer öffentlichen Beteiligungsfazilität durch zeitweiligen Übernahme von durch ausländische Fusionswünsche bedrohten Tech-Firmen

– Einführung eines neuen volkswirtschaftlichen Verhältnismäßigkeitsprinzips, welches besagt, dass Eingriffe nur bei „großer volkswirtschaftlicher Bedeutung“ eines Vorgangs erlaubt seien und jeweils das gelindeste Mittel (Instrument) anzuwenden sei. Kurioserweise werden hier zwei konkrete Beispiele für gewünschte Staatseingriffe genannt, nämlich die Batteriezellenproduktion (Förderungen oder Unterstützung von Konsortien) und Plattformökonomie, Künstliche Intelligenz und Autonomes Fahren (wo staatliche Beteiligungen sinnvoll seien) (S.14).

Und alles immer wieder unter den heiligen ordoliberalen Prinzipien (bei mir entsteht das Gefühl, dass Altmaier dies so oft betont, um seine zahlreichen Gegner einer Industriepolitik von vornherein zu entkräften).

Zum Schluss (S.15) fordert Altmaier noch eine Europäische Industriestrategie, die auf den Strategien der wichtigsten EU-Industrieländer aufbauen solle. Da in den EU-Institutionen davon viele Akteure betroffen wären (Wettbewerb, Handel, Telekommunikation, Energie), fordert er zur Bündelung einen „Rat der europäischen Industrieminister“, der diese Agenden bündeln solle.

Altmaier will seinen Entwurf sowohl in Deutschland wie in der EU mit allen Stakeholdern diskutieren, und in Deutschland vom Kabinett dann beschlossen werden.

Einschätzung:

Es ist positiv, dass sich endlich auch Deutschland zu einer Industriestrategie entschlossen hat (zumindest der Wirtschaftsminister). Wie diese dort allerdings in den orthodoxen ordoliberalen Rahmen eingepasst werden soll, ist ein sehr breiter Spagat. Dass es konkreter Anlässe (Dieselskandal, Fusionsverbot, Ausverkauf deutscher Technologiefirmen) dafür bedarf, spricht gegen die strategische Kompetenz der Bundesregierung, ist jedoch politischer Pragmatik geschuldet.

Größtes Manko dieser Strategie ist es, dass sie exklusiv auf die Stärkung des Angebots von Technologiefirmen setzt: welchen Zwecken dies dienen soll – außer dem vagen Hinweis der Sicherung des Wohlstandes – bleibt undiskutiert. Zwei Beispiele: dass auch die Rüstungsindustrie und deren Stärkung genannt wird, zeigt, dass ethische Bedenken angesichts der Weltsituation hier keine Rolle spielen („de Zweck heiligt alle Mittel“); zweitens ein vollkommenes Ausblenden von sozialen und ökologischen Aspekten einer solchen Strategie.

Ein viel sinnvollerer Weg wäre die Definition von „Missionen“/“Visionen“ für die deutsche Gesellschaft gewesen, zB die Sicherung von gut bezahlten Arbeitsplätzen; die ökologische Erneuerung der deutschen Wirtschaft; die Erneuerung der vielfach desolaten Verkehrsinfrastruktur; der Ausbau und die Verbreitung deutscher Kulturerrungenschaften; Steigerung der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung deutscher Unternehmen (etwa zur Abkehr von Steuervermeidung) und einige andere mehr, zu deren Befriedigung dann das öffentliche Gut einer staatlichen gesamtgesellschaftlichen Lenkung (mit allen zur Verfügung stehenden Instrumenten) herangezogen werden sollte: das wäre ein bahnbrechende Industriestrategie gewesen. Die Berufung auf Erhards Soziale Marktwirtschaft, welche um das ökologische Ziel anzureichern wäre, reicht nicht. Die gesellschaftlichen Verwerfungen, die das neo/ordo-liberale System nach 70 Jahren – trotz aller frühen Erfolge – hervorgebracht haben und den gesellschaftlichen Zusammenhalt sowie demokratische Prozesse bedrohen, müssen anerkannt und bekämpft werden. Über neue Formen der Partizipation der Bürgerinnen, über neue Entscheidungsfindungen, über die zu erreichenden Ziele muss mit der Bevölkerung diskutiert werden.

Zu konkretem: die beiden Anlassfälle – abgesehen von der Autoindustrie – also stärkere Schranken gegen ausländische Aufkäufe von Tech-Unternehmen, sowie die Bildung von Europäischen Champions, sind nicht leicht zu beurteilen. Im ersten Fall ist es fraglich, ob in Zeiten der internationalen Vernetzung durch globale Wertschöfpungsketten (siehe den Fall Huawei) Deutschland sich nicht selber mittelfristig schwächte, wenn es Ausländern verböte, sich einzukaufen. Die Frage, wie technischer Vorsprung abgesichert werden kann (Patentrecht), zeigt, dass dies auf Dauer nicht möglich ist, aber sehr wohl zeitweilige Vorsprünge sichern kann. Jedenfalls ist jeder dieser Fälle nicht nur statisch, sondern dynamisch zu betrachten und dabei auch zu bewerten, ob internationale Kooperationen, die man durch Verbote gefährdet, nicht doch nationalen Alleingängen vorzuziehen sind.

Im zweiten Fall würde ich schon die Frage stellen, ob nicht eine losere Kooperation Alsthom-Siemens ähnliche Wirkungen wie die von einer Fusion erhofften zeitigen könnte, ohne die Monopolisierungs- und Preistreiber-Argumente der EU-Kommission zu stärken. Wo ist wirklich Größe entscheidend? Brauchen wir wirklich Europäische Champions? Wie kann man deren Macht, sowohl die ökonomische als auch die politische, beschränken.

Altmaier ist zu danken, dass er diese Diskussion angestoßen hat. Als langjähriger Verfechter von industriepolitischen Konzepten, der auch (vergeblich) versucht hat, dieses Thema bei Entwicklungsbanken salonfähig zu machen, sehe ich einer vertiefenden Diskussion, wie sie nunmehr Frankreich und Deutschland gestartet haben, positiv entgegen.

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Für eine neue Wettbewerbspolitik

Grundlegendes tut sich international in der Wettbewerbspolitik: auf der einen Seite scheinen Donald Trump‘s Hegemonialstreitigkeiten mit China auch auf andere Länder überzugreifen. Dies manifestiert sich in den Ausschließungen der chinesischen Digitalfirma Huawei vom Aufbau der G-5 Netze in einer Reihe von Staaten, mit dem (vorgeschobenen?) Argument, dass Huawei durch seinen dann erfolgenden Zugriff auf Nutzerdaten damit chinesische Behörden und Spionageinstitutionen füttern könnte. Huawei hat bisher strikt zurückgewiesen, dass es Daten an chinesische Behörden weiterliefern könne, und bisher hat kein Land Informationen oder Beweise veröffentlicht, die solches nahelegen. Andererseits erzählt der frühere EU-Botschafter in China immer wieder die Geschichte, dass Jack Ma, der Inhaber der größten privaten chinesischen Internetfirma Alibaba auf die Frage, ob er mit seiner Firma dem Staat China und seinen Behörden dienen wolle, geantwortet habe „Es wäre mir eine Ehre!“. Ob dies ironisch gemeint war oder er es tatsächlich gemeint habe, bleibe dahingestellt. Die Abwehr Chinas zeigt sich aber auch in immer weiteren rechtlichen Vorstößen, zB von Deutschland, dass der Staat den Aufkauf von eigenen wichtigen („systemisch relevanten“) Firmen durch ausländische Firmen (sprich: Chinas) verbieten könne, damit nicht eigene Technik in chinesische Hände gerate. Anlass war der voriges Jahr erfolgte Aufkauf der deutschen Technologiefirma Kuka durch Chinesen.

Auf der anderen Seite der Medaille, aber auch wieder durch den Aufstieg Chinas zur Weltmacht (zumindest im wirtschaftlichen Bereich) veranlasst, ist der kürzliche Fall des Verbots des Zusammenschlusses der deutschen und französischen Eisenbahnfirmen Alsthom und Siemens durch die (zuständige) EU-Kommission. Die beiden hatten argumentiert, dass der Aufbau eines „europäischen Champions“ nötig sei, um der Konkurrenz von chinesischen Eisenbahnanbietern Paroli bieten zu können. Die EU-Kommission argumentiert, dass dieser Zusammenschluss (trotz einiger Zugeständnisse der Werber durch angebotenen Abverkauf einiger Sparten) zu einem Monopol in Europa führen würde, wodurch der Wettbewerb ausgeschlossen, und damit die Preise für die Nutzer steigen würden – und auch mangels Konkurrenz Innovationen nicht vorangetrieben würden.

Die zweite wichtige Entwicklung ist die Frage, ob das bestehende Wettbewerbsrecht aus dem 20. Jahrhundert, welches primär auf Produktions- und Dienstleistungsfirmen alten Stils zugeschnitten war, für die Internetgiganten wie Amazon, Google, Facebook, etc. praktische Anwendung finden könne, da es bei diesen Netzwerkindustrien um viel fungiblere Leistungen (Advertising) geht, die aufgrund von Daten, die Nutzer beisteuern ihre Leistungen erbringen. Die bisherigen Entwicklungen bezüglich Datenschutz, Verdrängung von traditionellen Medien aus dem Advertising-Geschäft, Steuerverschiebungen, Marktmacht und politischem Einfluss zeigen, dass die bisherigen Gesetze nicht ausreichen, um Konsumenten und User zu schützen, um die Privatsphäre nicht allzu sehr zu beeinträchtigen und um diese Unternehmen zur Leistung eines fairen Beitrages zur Gesellschaft zu bringen. Schon allein die Definition, wo diese Firmen ihre Leistungen erbringen (was normalerweise Ort der Besteuerung ist), ist nicht konsensfähig, noch weniger, ob diese Firmen nicht ihre Datenlieferanten (die User) für ihren „Rohstoff“ bezahlen müßten.

Wir haben es also mit zwei unterschiedlichen Strängen zu tun, die jedoch beide aufzeigen, dass die Bestimmungen aus der „alten“ Ökonomie nicht mehr greifen. Mir persönlich scheinen die „Gefahren“, dass China sich „unsere“ Technologien (dort wo wir noch führend sind) aneignen will, nicht größer als in der Vergangenheit, als US-amerikanische Firmen sich die Techniken der Europäer aneignen wollte. Die derzeitige Stimmung ist stärker durch die Angst vor der „gelben Gefahr“ geprägt, den unheimlichen Aufstieg des früher bettelarmen Chinas zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. Aber in den späten 1960er Jahren gab es den „Défi Americain“ von Jean-Jacques Servan-Schreiber, in den 1980er Jahren die Angst vor dem unaufhaltsamen Aufstieg Japans, der mit ähnlichen Mitteln einherging als der jetzige Chinas. Natürlich bin ich der Meinung, dass chinesische Industriespionage, illegale Nachahmungen, „reverse engineering“ unter Umgehung von Patentrechten, erzwungener Technologietransfer, etc. bekämpft werden sollten. Es scheint mir aber sinnlos, den weiteren Aufstieg Chinas durch Abschottungsmaßnahmen bremsen zu wollen. Dies hat noch nie funktioniert: auch Venedig ist es nicht gelungen, durch Androhung der Todesstrafe für Glasbläser, die ihr Wissen außerhalb Venedigs weitergäben, diese Kunst auf Murano zu halten. Auch die US-amerikanischen COCOM-Verbote haben die Sowjetunion und China nicht daran hindern können, ihre je eigenen Weltraum-Waffensysteme zu entwickeln. Höchstens ist eine kleine Zeitverzögerung gelungen.

Ich bin allerdings der Meinung, dass europäische Länder ihre Versorgungsunternehmen, ihre Kommunikations- und Verkehrsinfrastruktur, ihr Gesundheitswesen und ihr Ausbildungswesen weder an private Ausländer noch an Inländer verkaufen (privatisieren) sollten, da die Versorgung mit öffentlichen Gütern eine genuine Staatsaufgabe darstellt und nicht einem kommerziellen Gewinnkalkül unterworfen werden sollte.

Zu fordern ist jedenfalls, dass eine grundlegende Diskussion über eine dem 21. Jahrhundert angepaßte Wettbewerbspolitik jedenfalls raschest zu führen ist. Dabei müssen auch die grundlegenden Fragen diskutiert werden, ob sich eine solche Politik primär am vermeintlichen Wohl der Verbraucher (niedrige Preise) ausrichten solle, oder auch strategisch volkswirtschaftliche Kriterien (Versorgungssicherheit, langfristige globale Konkurrenzbedingungen) berücksichtigen solle.

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