Category Archives: European Union

Falsche Methode, richtiger Schluss?

(unter dem Titel “Und der Euro rentiert sich doch!” im FALTER 12/19 leicht verändert erschienen)

Auf Basis einer vom Centrum für Europäische Politik (CEP) in Freiburg erstellten Studie kommt Peter Michael Lingens im Falter 10/19 („Der Euro als Verlustgeschäft“) zum Schluss, dass „nur Deutschland, die Niederlande und vermutlich Österreich“ von der Einführung des Euro profitierten. Danach haben Frankreich und Italien, Spanien und Portugal „verloren“, und der Euro sei auch „für die Eurozone insgesamt ein massives Verlustgeschäft gewesen“. Lingens referiert brav und zustimmend die Ergebnisse dieser Studie.

Starke Aussagen, die allerdings auf einer äußerst dubiosen Methode basieren. Diese sollte man sich näher ansehen: Das pro-Kopf-Einkommen der einzelnen Euro-Länder wird für den Zeitraum vor der Euro-Einführung (also hier 1980-1999) nach einer großspurig „synthetische Kontrollmethode“ genannten Methode mit dem anderer Länder verglichen, die ihnen „nach wirtschaftlicher Stärke, Struktur und Entwicklung“ (Lingens) ähnlich waren. Für die Zeit danach (1999-2017) wird die Entwicklung der einzelnen Länder mit jener der (gewichteten) Vergleichsländergruppe verglichen, und aus den Abweichungen der heroische Schluss gezogen, ob das jeweilige Euroland Gewinner oder Verlierer der Euro-Einführung war.

Mit welchen Ländern wird nun verglichen? Niederlande mit Dänemark, Japan, Neuseeland und Singapur; Frankreich mit Australien und UK; Deutschland mit Bahrain, Japan, Schweiz und UK; Spanien mit Türkei und UK, Portugal mit Barbados, Israel, Neuseeland und Singapur, usw. Vergleiche mit europäischen Ländern mögen ja aufgrund kultureller und vielleicht auch wirtschaftlicher Ähnlichkeiten noch einigermaßen einleuchten, was aber Bahrain, Barbados, Neuseeland und Singapur mit der Wirtschaftsentwicklung in der Eurozone zu tun haben, wissen nur das CEP und Lingens. Stolz verkündet letzterer, dass die jeweilige Vergleichsmischung „nicht geschätzt“ wurde, sondern „mathematisch ermittelt und gewichtet“. Offenbar wurde statistisch (nicht mathematisch) so lange nach Ländern und deren Gewichten gesucht, bis man eine möglichst hohe Übereinstimmung der Entwicklung 1980-1999 mit dem jeweiligen Euroland erhielt: und das soll seriös sein, Daten so lange über Statistikprogramme laufen zu lassen, bis man sachlich nicht nachvollziehbare „Ergebnisse“ erhält? Und wie geht CEP weiter vor? Es nimmt an, dass die weitere Entwicklung der jeweiligen Vergleichsgruppe einen passenden Standard für die Jahre nach der Euro-Einführung bildet, dass also Wirtschaftspolitik, Betroffenheit von der Finanzkrise, interne und externe Schocks, aber auch zB die Investitionsquote, Lohnanteil, Exportstruktur etc. mit dem jeweiligen Euroland so vergleichbar sind, dass jede verbleibende Abweichung nur mehr auf die Euro-Einführung zurückgeführt werden kann. Barbados mit Portugal, Bahrain mit Deutschland? Humbug sagt Scrooge im Christmas Carol, Humbug sage ich.

Lingens teilt die Einschätzung der CEP-Autoren, dass insgesamt die Einführung des Euro ein „katastrophales Ergebnis“ war. Er betont wie in vielen seiner Kolumnen, dass Deutschland und die Niederlande nur wegen ihres Lohndumping „zwingenderweise“ auf Kosten der anderen „gewonnen“ haben. Und die Eurozone insgesamt habe der Sparpakt um höheres BIP-Wachstum gebracht. Dieser Einschätzung stimme ich ja zu, allerdings kann man das nicht aus dieser Studie herauslesen.

20 Jahre Euro geben tatsächlich Anlass, über Erfolge und Misserfolge zu diskutieren. Man könnte für den Euro positiv anführen, dass er die schwere Finanz- und Wirtschaftskrise „bewältigt“ hat, wenn auch zu hohen Kosten für die Steuerzahler und einzelne Länder; dass die Inflation zum Stillstand gekommen ist; dass der Wechselkurs zum Dollar (mit starken Schwankungen) weitgehend konstant geblieben ist; dass die Mitgliedschaft in der Eurozone allen Ländern ermöglicht hat, relativ stabile Rahmenbedingungen beizubehalten, und auch Versuche von Drittländern, einzelne Euroländer gegeneinander auszuspielen, vereitelt hat. Natürlich ist dem entgegenzuhalten, dass eine stärkere politische Einigung, die eine Voraussetzung für eine gemeinsame Währung bildet, ausgeblieben ist; dass die Wirtschaftsstrukturen einzelner Euroländer sich nicht genügend an die gemeinsame Währung angepasst haben; dass eine ganze Reihe von Koordinierungs- und Krisenbekämpfungsinstrumenten erst sehr spät eingeführt werden musste; dass, wie Lingens richtig meint, die einseitige Fixierung der Eurozonen-Wirtschaftspolitik auf Konsolidierung der öffentlichen Budgets schwersten Schaden für viele Länder angerichtet hat; dass die Blockierung einer Komplettierung der Bankenunion (gemeinsame Einlagensicherung) die Stabilität des Euro weiterhin bedroht; dass die Nicht-Verhinderung des Steuerwettbewerbs mindestens ebenso schädlich für den Erfolg der Eurozone ist, wie das deutsche Lohndumping.

Eine solche Diskussion wäre nach 20 Jahren Euro-Einführung angebracht. Dafür brauchen wir jedenfalls keine CEP „Studie“ mit hanebüchenen Annahmen, sondern tiefer in die Strukturen gehende Analysen. Das erst wäre faktenbasierte Politikdiskussion.

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EU Industrial Policy: the Market-State Dilemma Unsolved

 

In „EU Industrial Policy after Siemens-Alstom. Finding a new balance between openness and protection“ (https://ec.europa.eu/epsc/publications/other-publications/eu-industrial-policy-after-siemens-alstom_en?pk_source=mailing_list&pk_medium=email&pk_campaign=epsc-2019-ipp), the EU has reacted swiftly to the uproar, mainly in Germany and France, after the Commission nixed the intended Alstom-Siemens merger, but also to the French-German manifesto on industrial policy. This quick reaction by the European Political Strategy Centre is to be commended.

Basically, two issues are at stake: to ensure the further competitiveness of European industry in the face of globalization and the strong emergence of China („active part“), and second, how to counter the repeated violations of China (and other emerging countries) of intellectual property rights, of trade violations, of limiting market access. It is mainly the latter point which has called the experts (not yet the politicians) to action: the attempt to create a „European Champion“ in rail transport and signalling by the proposed and aborted merger as a counter-force to Chinese suppliers has started a long overdue debate in the EU of how to proceed in the future. A second case-in-point is the spread of Huawei G-5 networks (hard and software) in the rolling out of the superfast 5G networks, where the US (and a number of other countries) maintain that Huawei‘s close connection to the Chinese government could endanger the security of countries because this might give access to the transported data to the Chinese government. The most recent naming of China as a „systemic competitor“ by the EU lays the groundwork for defensive action.

In its paper, the EU claims that competition enforcement, i.e. forbidding the Siemens-Alsthom merger, „does not prevent the creation of European champions“. Over the past ten years, the EC had allowed around 3000 mergers and blocked only nine. The paper expresses the concern that relaxing competition rules might lead European industry into a downward spiral of inefficiency. This concern is well in line with the EU‘s „market first“ dogma of economic policy, but does not stand up to closer scrutiny, also when the EU itself maintains that existing competition rules are no longer fit for purpose, especially with respect to digitalization. The EU‘s fear of „political arbitrariness“ is more driven by ideological purity considerations than by reality. Germany and other countries recently have opted for stricter intervention rules by political authorities when mergers or acquisitions of „systemically important“ firms are concerned. Whether by such interventions the frustrated investor can be held back from acquiring frontier technology, can be doubted. Dynamic considerations are in order here, with a views to assess future technological progress and especially patnerships with international partners (see my blog on Feb. 23, 2019).

However, there is a clear case that important infrastructure institutions, networks, energy and water supply, but also social infrastructure like pension providers, healthcare, universities and other educational facilities, should remain in the respective government‘s hands. The sorry example of the privatization of most material infrastructure in Great Britain should serve as an example.

Not only the important contributions of Mariana Mazzucato have shown convincingly, how much government interference, government push, has been instrumental in creating some of the disruptive technological breakthroughs. The example of the US DARPA, the defense-oriented technology institution, and its successes are a case in point. The EU paper calls on member states‘ responsibility to develop joint and coordinated strategies, involving cooperation, instead of country-specific, isolated policies.

The EU paper rightly stresses the important, if frequently under-appreciated role, which proper public procurement can play in furthering new technologies. Estimates show that up to 16% of GDP are turned over by public procurement. We know from Japanese experiences in the 1980s how important this can be.

The EU strategy paper makes sense when it calls on reciprocity as the basic principle for mutual market access: it does not make sense to permit foreign firms to invest heavily in European tech firms and infrastructure, if other countries do not allow this. The operational question is by which instruments this can be achieved, apart from existing rules governing the World Trade Organisation.

The major emphasis of this important paper calls for a rejuvenation of Single-Market efforts. On the one hand, there are many gaps in the completion of the Single Market, e.g. in digitalization where joint efforts across members are lacking. This has not only negative effects on the respective industries themselves (the paper points to the „seamless“ connections in the US and in China, Europe‘s main competitors), but also, and probably more important, on the role the leading companies/countries achieve in setting global standards: first movers who penetrate the markets set the technical and connectivity standards – which others will have to follow. Europe so far has only been successful in setting standards for data privacy, but nowhere else.

The rolling out of of „Important projects of common European interests“, as a tool to join up national efforts, which has been initiatiated already in 2014, has not occurred. Up to now, only one project – microelectronics – has seen the light of day (2018). It covers respective Artificial Intelligence value chains, has received pledges of 1.75 bill € from Germany, France, and Italy, and is supposed to mobilize another 6 billion € from the private sector. It remains a puzzle, why this instrument is not joined up with the European Fund for Strategic Investment („Juncker Fund“). Launched about the same time. This failure to use existing instruments – instead of creating new ones – also makes the paper‘s call for a European Sovereign Wealth Fund problematic. The German proposal for an industrial strategy (see my Blog Industriepolitik: Neuer Wein in neuen Schläuchen?, Feb. 22, 2018) also proposes a Public Fund which would be able to invest in high-tech firms threatened by foreign investors, but could also be used to invest in new ventures.

Assessment

The EU paper is welcome, because it systematically discusses the need for a new industrial strategy at EU level. Like the German proposal, it suffers from its indecision when and where state intervention is warranted in a manifestly market-oriented economy. It warns agains protectionism: while it sees justification for limiting certain foreign investments into European high-tech firms, it regards intervention with great suspicion on the active side. It would be time to jump that fence and start a serious discussion of where the limits of the touted „openness“ of the European model are when it comes to a globalized world where the „European Model“ needs to be protected from unfettered market forces: material and immaterial infrastructure, the whole range of welfare state infrastructure need to remain in the hands of European governments. A new European industrial strategy must not content itself with maintaining „competitiveness“ in the global markets, but must define first and foremost, to what purpose this competitiveness must be geared to. The definition of so-called „missions“, like combating climate change, the greening of society, the support for ageing societies, maintaining public health, the fight against cross-border criminal activities, including tax evasion, maintaining citizens‘ need for privacy, the safeguarding of the well-being of all members of the European societies – these must be driving the new industrial policy. Such a focus would also counteract the singular EU paper obsession with promoting digitalization and artificial intelligence projects – important objectives, no doubt, but such focus would neglect three quarters of EU industry. A proper industrial policy cannot restrict itself to the “high-tech” end of the industrial portfolio, but must also address the low- and medium-technology parts of goods and services production. This is where productivity problems arise.

The present EU paper, while important, is far too narrow, and too supply-oriented. Europe‘s place in the future world will not be determined by how large its platform firms are (relative to those in China and the US), but how the well-being of its citizens, important also to maintain support for the political system, can be safeguarded in a world increasingly driven by supply-side-oriented economic policy considerations. It is not the competitiveness of corporations with which an EU industrial strategy needs to be exclusively concerned, it is the role such corporations can play in maintaining and strengthening citizens‘ well-being which includes both a sound natural environment, and a high degree of social protection.

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Für eine neue Wettbewerbspolitik

Grundlegendes tut sich international in der Wettbewerbspolitik: auf der einen Seite scheinen Donald Trump‘s Hegemonialstreitigkeiten mit China auch auf andere Länder überzugreifen. Dies manifestiert sich in den Ausschließungen der chinesischen Digitalfirma Huawei vom Aufbau der G-5 Netze in einer Reihe von Staaten, mit dem (vorgeschobenen?) Argument, dass Huawei durch seinen dann erfolgenden Zugriff auf Nutzerdaten damit chinesische Behörden und Spionageinstitutionen füttern könnte. Huawei hat bisher strikt zurückgewiesen, dass es Daten an chinesische Behörden weiterliefern könne, und bisher hat kein Land Informationen oder Beweise veröffentlicht, die solches nahelegen. Andererseits erzählt der frühere EU-Botschafter in China immer wieder die Geschichte, dass Jack Ma, der Inhaber der größten privaten chinesischen Internetfirma Alibaba auf die Frage, ob er mit seiner Firma dem Staat China und seinen Behörden dienen wolle, geantwortet habe „Es wäre mir eine Ehre!“. Ob dies ironisch gemeint war oder er es tatsächlich gemeint habe, bleibe dahingestellt. Die Abwehr Chinas zeigt sich aber auch in immer weiteren rechtlichen Vorstößen, zB von Deutschland, dass der Staat den Aufkauf von eigenen wichtigen („systemisch relevanten“) Firmen durch ausländische Firmen (sprich: Chinas) verbieten könne, damit nicht eigene Technik in chinesische Hände gerate. Anlass war der voriges Jahr erfolgte Aufkauf der deutschen Technologiefirma Kuka durch Chinesen.

Auf der anderen Seite der Medaille, aber auch wieder durch den Aufstieg Chinas zur Weltmacht (zumindest im wirtschaftlichen Bereich) veranlasst, ist der kürzliche Fall des Verbots des Zusammenschlusses der deutschen und französischen Eisenbahnfirmen Alsthom und Siemens durch die (zuständige) EU-Kommission. Die beiden hatten argumentiert, dass der Aufbau eines „europäischen Champions“ nötig sei, um der Konkurrenz von chinesischen Eisenbahnanbietern Paroli bieten zu können. Die EU-Kommission argumentiert, dass dieser Zusammenschluss (trotz einiger Zugeständnisse der Werber durch angebotenen Abverkauf einiger Sparten) zu einem Monopol in Europa führen würde, wodurch der Wettbewerb ausgeschlossen, und damit die Preise für die Nutzer steigen würden – und auch mangels Konkurrenz Innovationen nicht vorangetrieben würden.

Die zweite wichtige Entwicklung ist die Frage, ob das bestehende Wettbewerbsrecht aus dem 20. Jahrhundert, welches primär auf Produktions- und Dienstleistungsfirmen alten Stils zugeschnitten war, für die Internetgiganten wie Amazon, Google, Facebook, etc. praktische Anwendung finden könne, da es bei diesen Netzwerkindustrien um viel fungiblere Leistungen (Advertising) geht, die aufgrund von Daten, die Nutzer beisteuern ihre Leistungen erbringen. Die bisherigen Entwicklungen bezüglich Datenschutz, Verdrängung von traditionellen Medien aus dem Advertising-Geschäft, Steuerverschiebungen, Marktmacht und politischem Einfluss zeigen, dass die bisherigen Gesetze nicht ausreichen, um Konsumenten und User zu schützen, um die Privatsphäre nicht allzu sehr zu beeinträchtigen und um diese Unternehmen zur Leistung eines fairen Beitrages zur Gesellschaft zu bringen. Schon allein die Definition, wo diese Firmen ihre Leistungen erbringen (was normalerweise Ort der Besteuerung ist), ist nicht konsensfähig, noch weniger, ob diese Firmen nicht ihre Datenlieferanten (die User) für ihren „Rohstoff“ bezahlen müßten.

Wir haben es also mit zwei unterschiedlichen Strängen zu tun, die jedoch beide aufzeigen, dass die Bestimmungen aus der „alten“ Ökonomie nicht mehr greifen. Mir persönlich scheinen die „Gefahren“, dass China sich „unsere“ Technologien (dort wo wir noch führend sind) aneignen will, nicht größer als in der Vergangenheit, als US-amerikanische Firmen sich die Techniken der Europäer aneignen wollte. Die derzeitige Stimmung ist stärker durch die Angst vor der „gelben Gefahr“ geprägt, den unheimlichen Aufstieg des früher bettelarmen Chinas zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. Aber in den späten 1960er Jahren gab es den „Défi Americain“ von Jean-Jacques Servan-Schreiber, in den 1980er Jahren die Angst vor dem unaufhaltsamen Aufstieg Japans, der mit ähnlichen Mitteln einherging als der jetzige Chinas. Natürlich bin ich der Meinung, dass chinesische Industriespionage, illegale Nachahmungen, „reverse engineering“ unter Umgehung von Patentrechten, erzwungener Technologietransfer, etc. bekämpft werden sollten. Es scheint mir aber sinnlos, den weiteren Aufstieg Chinas durch Abschottungsmaßnahmen bremsen zu wollen. Dies hat noch nie funktioniert: auch Venedig ist es nicht gelungen, durch Androhung der Todesstrafe für Glasbläser, die ihr Wissen außerhalb Venedigs weitergäben, diese Kunst auf Murano zu halten. Auch die US-amerikanischen COCOM-Verbote haben die Sowjetunion und China nicht daran hindern können, ihre je eigenen Weltraum-Waffensysteme zu entwickeln. Höchstens ist eine kleine Zeitverzögerung gelungen.

Ich bin allerdings der Meinung, dass europäische Länder ihre Versorgungsunternehmen, ihre Kommunikations- und Verkehrsinfrastruktur, ihr Gesundheitswesen und ihr Ausbildungswesen weder an private Ausländer noch an Inländer verkaufen (privatisieren) sollten, da die Versorgung mit öffentlichen Gütern eine genuine Staatsaufgabe darstellt und nicht einem kommerziellen Gewinnkalkül unterworfen werden sollte.

Zu fordern ist jedenfalls, dass eine grundlegende Diskussion über eine dem 21. Jahrhundert angepaßte Wettbewerbspolitik jedenfalls raschest zu führen ist. Dabei müssen auch die grundlegenden Fragen diskutiert werden, ob sich eine solche Politik primär am vermeintlichen Wohl der Verbraucher (niedrige Preise) ausrichten solle, oder auch strategisch volkswirtschaftliche Kriterien (Versorgungssicherheit, langfristige globale Konkurrenzbedingungen) berücksichtigen solle.

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Die Mutter aller Parlamente kannibalisiert sich.

Beim unsäglichen Brexit-Prozess scheint es immer mehr um wahl- und verantwortungstaktische Spielchen als um Sachliches und die Einbindung möglichst breiter Parlamentariergruppen zu gehen. Am Dienstag, den 12.2. hat Theresa May wieder einmal das Parlament hingehalten, die für den kommenden Donnerstag geplante Abstimmung verschoben und um mehr Zeit für Verhandlungen mit der EU gebeten. Mehr Zeit nach mehr als 1 ½ Jahren zermürbender Verhandlungen?

Oppositionsführer Jeremy Corbyn hat vor einigen Tagen in einem Brief Unterstützung für May angekündigt, wenn sie für eine dauernde Zollunion des Vereinigten Königreiches mit der EU einträte, das UK Mitsprache bei Handelsabkommen erhielte, das Parlament über Mitmachen oder Nicht-Mitmachen bei künftigen EU-Änderungen entscheiden könnte. May hat dies postwendend als nicht „ihrem“ Deal entsprechend zurückgewiesen und (fälschlicherweise) behauptet, ihr Deal garantiere sowieso alles, was Corbyn fordert.

Es sieht ganz so aus, als ob May absichtlich Zeitverzögerung spiele, um den Druck auf ihre Abgeordneten zu erhöhen, im letzten Moment doch noch ihrem Deal zuzustimmen (der aber schon im Verhältnis 2:1 abgelehnt wurde), und damit einen Abschied aus der EU ohne Vereinbarung zu verhindern. Auch Corbyn muss gewusst haben, dass May seine Bedingungen nicht annehmen würde. Er wollte der Bevölkerung weismachen, dass er sich bemüht habe, damit ihn letztendlich keine Schuld an einem ungeregelten Austritt trifft. Dass er dabei seine eigene Parlamentsfraktion überrumpelt hat, die mehrheitlich für ein zweites Referendum entschieden hat, unterscheidet ihn von May, deren ganzes Bestreben bisher war, ihre eigene zerstrittene Fraktion zusammenzuhalten – auf Kosten der Einbindung anderer Parlamentsfraktionen.

Und natürlich hauen Regierungsfraktion und Hauptopposition auf die EU, die sich (angeblich) so starr zeige und darauf beharrt, den so mühsam vereinbarten Deal nicht mehr aufschnüren zu wollen. Keine Rede davon im UK, wieviel Ressourcen, Zeit, Arbeitsstunden und Nerven die intransigente britische Verhandlungstaktik bisher schon verursacht hat.

Folgende Optionen stehen offen:

– May erreicht bei der EU eine Zusicherung, die sie als rechtlich verbindlich ihren Hardlinern verkaufen kann, dass der (irische) Backstop zeitlich befristet ist: Ob dies die Parlamentarier überzeugt, steht in den Sternen.

– May hat tatsächlich eine brauchbare Lösung für die irische Grenzfrage im Talon, der sowohl die EU als auch ihre Dissidenten bei den Tories überzeugt. Ich halte dies für denkunmöglich.

– May sucht bei den EU-27 um eine Verlängerung der Verhandlungsfrist an, damit am 29. März das UK nicht in einen ungeregelten Austritt schlittert. Was das bringen soll, wenn es wie bisher keine neuen Vorschläge des UK gibt, weiss niemand: mehr vom selben verstärkt nur die Agonie. Die letzten Wirtschaftszahlen, nach denen im 4. Quartal 2018 das britische BIP um 0.4% gegenüber dem Vorjahr gesunken ist, sprechen Bände: die Unternehmen investieren aufgrund der Unsicherheit nicht, die Konsumenten halten sich zurück. Die Wirtschaft warnt und warnt und warnt.

– May läßt sich doch noch herab – und das Parlament stimmt zu – einen ungeregelten Austritt auszuschließen. Das könnte die Gemüter und die Investitionsbereitschaft beruhigen, bringt aber auch keine Lösung. Zuende gedacht könnte dies nur bedeuten, dass May den Austrittsantrag zurückzieht. Dies würde Neuwahlen bedeuten, oder ein vorgezogenes neues Referendum, oder aufgrund der allgemeinen Ermattung würde das UK einfach in der EU bleiben. Die Austrittsbefürworter in der Tory-Partei würden jedenfalls May stürzen.

– Wie zerrissen und zerstritten das Vereinigte Königreich ist, läßt sich kaum vorstellen: Befürworter des Austritts gegen Verbleiber; Proponenten eines zweiten Referendums gegen solche, die dies als „Sakrileg an der Demokratie“ bezeichnen; Schotten gegen England; Labour-Befürworter des Verbleibs gegen die jungen Corbyn-Stützer. Ein Match alle gegen alle, welches nur schlecht ausgehen kann. Die Verantwortung für das Staatsganze ist bei den meisten Akteuren den eigenen Karrierewünschen, den taktischen Spielchen, dem „nur ja nicht als Schuldiger dastehen“, dem Zynismus (ja, ein ungeregelter Austritt wird ein bisschen was kurzfristig kosten, aber die langfristige Zukunft ist sonnig) gewichen. Albion ist perfide gegen sich selbst.

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Ein Trojanischer Esel für die Weltbank

US-Präsident Donald Trump hat David Malpass, derzeit Staatsekretär für Internationale Angelegenheiten im Finanzministerium, als Kandidat für die Weltbank-Präsidentschaft vorgeschlagen. Malpass war in mehreren US-Regierungen vertreten, aber auch Chefökonom der knapp vor der Finanzkrise zusammengebrochenen Bank Bear Sterns, und Wirtschaftsberater Trump’s während dessen Wahlkampfes. Er hat immer wieder multilaterale Institutionen und auch die Weltbank kritisiert und teilt Trump’s Verachtung gegenüber globalen Institutionen. Dennoch hat er – sehr überraschend – die Zustimmung der USA zur letzten Kapitalaufstockung der Weltbankgruppe erteilt.

Bekanntlich beanspruchen die USA seit deren Gründung den Präsidentensessel bei der Weltbank (die Europäer jenen des Managing Director im Internationalen Währungsfonds), und haben bisher alle Versuch anderer Länder, andere Kandidaten zu nominieren, vereitelt (siehe dazu meinen Blog “The World Bank is not a US-Fiefdom”, 10.1.2019). Der letzte, vorzeitig zurückgetretene Präsident Kim, den Obama noch kurz vor der Wahl Trumps wiederbestellen ließ, war ein ziemliches Desaster – wie übrigens auch der von Bush vorgeschlagene Paul Wolfowitz, Vertreter der amerikanischen NeoCons, der einen vorzeitigen unrühmlichen Abschied nehmen musste. Nun also wieder jemand, der die von ihm (vielleicht) zu führende Institution hasst, sie aber dennoch – falls gewählt – den amerikanischen geopolitischen Interessen unterordnen wird. (In meiner Zeit als österreichischer Exekutivdirektor im Verwaltungsrat der Weltbank war es ein offenes Geheimnis, dass der jeweilige US-Vertreter mehrmals täglich die 200 Meter zwischen Treasury und Weltbank zurücklegte, um dort seine Weisungen zu empfangen).

Die Nominierungsfrist für die Weltbank läuft bis Mitte März: bisher haben nur die USA eine Nominierung vorgenommen, obwohl das Nominierungsrecht de jure allen 192 Weltbank-Mitgliedern offen steht. Gerüchteweise überlegen die EU-Finanzminister eine eigene Kandidatur, obwohl es sich niemand gerne mit dem polternden Trump verderben will. Angemessen wäre es jedenfalls, eine Gegenkandidatin zu stellen. Noch angemessener wäre es für die EU, nicht eine EU-Bürgerin, sondern einen der vielen möglichen fähigen Kandidaten aus einem Schwellen- oder Entwicklungsland zu nominieren – und dabei ihre Stimmenmehrheit gegenüber den USA einzusetzen. Vor der Wahl Kims hatte schon eine ganze Reihe von äußerst kompetenten Personen ihr Interesse geäußert, doch blieb letztlich Kim der einzige Kandidat. Ich jedenfalls würde zB Ngozi Okonjo Iweala vorschlagen, die 25 Jahre in der Weltbank, zuletzt als Managing Director verbracht hat und dann zweimal Finanzministerin Nigeriens war, eine äußerst kompetente, hoch angesehene Entwicklungsökonomin, die neben der nigerianischen auch die US-Staatsbürgerschaft hat und eine ausgewiesene Multilateralistin ist.

Malpass hat sich nun am 8.2.2019 in der Financial Times “Whqt I would do as the next president of the World Bank”)quasi als kommender Weltbank-Präsident vorgestellt. Sein Artikelchen beschwört alles, was gut und schön ist (Armutsbekämpfung, Kampf gegen Klimawandel, Ermächtigung von Frauen, etc.), bleibt aber extrem mager in Bezug auf wo er die Probleme der Weltbank sieht und wie er diese beheben möchte. Von einer Vision, oder Mission keine Rede. Der Artikel wirkt so wie ein untergeordneter Weltbankvertreter Schülern seine Bank vorstellen würde, nicht so wie das “Vorstellungsgespräch” mit der er skeptische Kritiker überzeugen wolle. Was vielleicht Kontur des Künftigen anzeigt, ist dass M. die Weltbank auf die ärmsten Länder der Welt konzentrieren möchte (aber es gibt auch in etwas fortgeschritteneren Ländern wieChina, Indonesien, Malaysien, Brasilien, etc. noch sehr viele sehr Arme), was dem US-Argument, die Weltbank solle weniger für China tun, nachkommt. M. zeigt seine Überzeugung, dass es vor allem darum gehe, messbare Ergebnisse, a la Steigerung des Medianeinkommens zu erzielen, womit er meint, dass BIP-Wachstum vor allem der Mittelklasse zugute kommen solle. Und dann brüstet er sich damit, dass er mit “Ivanka Trump, der Weltbank und den G-20 Ländern” die Women Entrepreneur Finance Initiative auf die Beine gestellt habe, womit er sowohl seine Dankbarkeit gegenüber dem Trump-Clan wie auch seine Glaubwürdigkeit, sich für Frauen einzusetzen vorzeigen will. Und dann will er “best practices” für Entwicklung identifizieren, die dann allen Entwicklungsländern zugute kommen sollen: dies klingt in meinen Ohren wie etwa der berüchtigte “Washington Consensus” aus den 1980er Jahren, als aus den Industrieländern importierte neo-liberale Rezepte den weniger entwickelten Ländern aufgezwungen wurden. Und natürlich preist er einen stärkeren Fokus der Weltbank auf Initiativen, die den Privatsektor stärken, an – und erwähnt mit keinem Wort, dass globale Institutionen wie die Weltbank vor allem Globale Öffentliche Güter unterstützen sollten. Ein wahres Trauerspiel, ein entwicklungspolitischer Rückschritt.

 

Zusatzkommentar 12.2.: Unverständlicher Weise empfiehlt der Economist vom 9.2.2019 (“A qualified pass” – Achtung Wortspiel!!!) den Weltbank-Gouverneuren, Malpass zu akzeptieren – trotz seiner in vorigen Positionen geäußerten negativen und destruktiven Haltung zu Multilateralen Institutionen. Als “Argumente” führt der Economist an, dass Malpass einer der wenigen “grownups” in der US-Regierung sei und Erfahrung habe – und dass eine Nichtwahl Malpass’ den US-Präsidenten so erzürnen könnte, dass er sich “violently against the institution” stellen könnte – also Angst! Jedoch spricht sich der Economist dagegen aus, dass ein künftiger Weltbank-Präsident Malpass diese Institution als Instrument der Eindämmung Chinas missbrauchen solle. Ein mehr als frommer Wunsch, wenn man die frühere Instrumentalisierung der Weltbank durch die USA in Betracht zieht, umso mehr als Trump alles nur unter diesem Blickwinkel sieht: America First!  Wehren den Kontinuitäten!!!

 

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Das Brexit-Chaos: May Deal oder MayDay?

Großbritannien hat sich in eine unmögliche Lage manövriert: zur wichtigsten Zukunftsfrage seit dem 2. Weltkrieg gibt es Wunschvorstellungen, Illusionen, Großmachtfantasien, aber auch zunehmende Angst vor der Auflösung eine mehr als 40 Jahre dauernden engen Verbindung mit dem Kontinent. Die Regierung hat zwar äußerst dilettantisch – viel zu spät, ohne eigene realistische Vorstellungen – eine Vereinbarung mit der EU über die Auflösung der Mitgliedschaft ausgehandelt, welche aber offenbar vom Parlament, das sich in einem langen Kampf erst das Mitspracherecht von der Regierung erkämpfen musste, keine Zustimmung findet. Die regierende Toryparty ist sich vollständig uneins, die oppositionelle Labour Party erst recht, die die Regierung unterstützende nordirische DUP ist gegen den „May Deal“. Am kommenden Dienstag, den 15. Jänner, soll die (erste?) Abstimmung über den Deal im Parlament stattfinden. Sie wird aller Voraussicht nach negativ ausgehen. Das Parlament hat Mitte der laufenden Woche beschlossen, die Regierung müsse nach einer fehlgegangenen Abstimmung 3 Sitzungstage später, am Montag, den 21.1. einen neuen Plan (B) vorlegen. Bisher hat die Regierung immer behauptet, es gäbe keinen Plan B, es gäbe nur den May Deal oder keinen Deal, d.h. einen ungeordneten Austritt Großbritanniens aus der EU am Stichtag des 29. März 2019.

In den letzten Tagen hat Labourchef Corbyn mehrmals verkündet, er würde bei negativem Votum am Dienstag einen Misstrauensantrag gegen die Regierung stellen und Neuwahlen fordern. Auch eine solche Abstimmung dürfte keine Mehrheit finden. Corbyn‘s Behauptung, dass nach einem Labour Wahlsieg er einen „besseren“ Deal als May aushandeln könne, ist Illusion: die EU beharrt auf ihrem Verhandlungsergebnis.

Was könnten also die möglichen Auswege aus diesem Dilemma sein? May hat angedeutet, dass sie immer wieder „ihren“ Deal zur Abstimmung bringen könnte – in der Hoffnung, dass je näher das Fallbeil des 29. März rückt, der Druck auf die Abgeordneten den von (fast) niemandem im Parlament gewünschten ungeordneten Austritt zu verhindern, so stark würde, dass sie endlich dem May Deal zustimmen würden. Und das kommt von einer Regierungschefin, die sich gegen ein neues EU-Referendum mit dem Argument sträubt, man könne aus demokratiepolitischen Überlegungen nicht so oft abstimmen lassen, bis man das gewünschte Ergebnis erhalte!

Corbyn‘s vage Hoffnungen sind ebenso Illusion: derzeit scheint die Chance, dass die EU einer von einigen Proponenten gewünschten „Norwegen-Lösung“ oder einer „Kanada-Lösung“ zustimmt, vollkommen unrealistisch. Auch gibt es für diese und andere „Lösungen“ keine parlamentarische Mehrheit.

Die ganze Art, wie und warum das Referendum 2016, die Notifizierung des Art.50, mit der das Austrittsdatum (2-Jahresfrist) festgelegt wurde und wie die Verhandlungen von der Regierung im Alleingang geführt wurden, zeigt ein gravierendes Demokratiedefizit in Großbritannien auf. Weder wurden die für den Verbleib stimmenden Schottland und Nordirland berücksichtigt, noch die Interessen der 48%, die für den Verbleib gestimmt hatten, weder die Interessen das Parlaments an Mitsprache in dieser grundlegenden Verfassungsfrage, noch jene der Oppositionsparteien. Ich habe gleich nach dem Ausgang des Referendums vorgeschlagen, dass die Regierung für die Verhandlungen mit der EU gemeinsam mit der Opposition vorgehen solle und dass eine breite Debatte über die zu verfolgenden Optionen mit der Bevölkerung organisiert werden sollten. Die Gründe jener Briten, die für den Ausstieg stimmten, sind ja breit gestreut: sie reichen von den Illusionisten eines „Global Britain“, die sich wieder als neue Weltmacht imaginieren, über jene, die die EU als nicht reformierbar finden, bis zu jenen vielen, die vom britischen „System“, der neoliberalen Wirtschaftspolitik, der Verarmung vieler Menschen, dem Elitismus der Eton und Oxford-Absolventen enttäuscht sind, und sich durch die Öffnung des Arbeitsmarktes nach dem EU-Beitritt der 10 mittel- und osteuropäischen Staaten 2004 und 2007 und durch die Globalisierung in ihren Zukunftschancen bedroht fühlen.

Dieses Demokratiedefizit aufzugreifen, darüber eine ernsthafte Debatte mit der Bevölkerung und dem Parlament zu starten – und dies als Voraussetzung für eine neue Volksabstimmung zum Thema EU zu machen, wäre eine Chance, aus dem derzeitigen Dilemma herauszukommen. Dazu müßte nach einer Abstimmungsniederlage am Dienstag die Regierung mit Zustimmung des Parlaments bei der EU entweder den Austrittsantrag rückgängig machen (dies ist rechtlich möglich), oder um eine mittelfristige Verlängerung der Austrittsfrist ansuchen mit dem Argument, dass der Prozess der Austrittsverhandlungen auf unzureichender, wenn nicht falscher, Grundlage gemacht wurde. Da es dazu Einstimmigkeit bei den EU-27 benötigt, wäre ein solches Demokratiedefizit-Eingeständnis vom Land der „Mutter aller Parlamente“ für dieses zwar schwierig (und würde von den vehementen Brexit-Befürwortern a la Boris Johnson und anderen massiv bekämpft), würde aber die EU-27 überzeugen können, dass künftig diese lebenswichtige Entscheidung für Großbritannien und die EU in professionellen, und vor allem legitimierten Bahnen verlaufen könnte, sie daher zustimmen sollten.

In einer solchen alle Gesellschaftsschichten, alle Teilnationen, alle Interessengruppen einbindenden nationalen Enquete müsste es natürlich nicht nur um die Austrittsbedingungen, sondern viel mehr noch um die künftige Beziehung Großbritanniens zur EU gehen. Diese liegt bisher ja vollkommen im Dunkeln, da die EU (richtigerweise) darauf bestanden hat, erst die Austrittsbedingungen zu vereinbaren, bevor man über die künftigen Beziehungen verhandeln könne.

Dieser Weg würde eine Re-Demokratisierung Großbritanniens mit breitester Einbindung der Bevölkerung und Interessengruppen ermöglichen. Es würden die Gründe für das Misstrauen der Bevölkerung in das Gesellschafts- und Wirtschaftssystem diskutiert, die Rolle der die Politik vor sich hertreibenden Finanzmärkte, das Schicksal der Teil-Nationen und ihre Wünsche – mit einem Wort die Neuordnung von Gesellschaft und Wirtschaft für die Zukunft. Das ist ein schwieriger Weg, aber wenn er erfolgreich gegangen würde, könnte er die Grundlage für einen neuen Volksentscheid mit entsprechender Einbindung von Parlament und Regierung bilden. Und er könnte wegweisend sein für andere europäische (und andere) Länder, die zunehmend von populistischen und rechtsradikalen Strömungen heimgesucht werden. Ein solcher Prozess würde der Bedeutung des Anlasses, das Verhältnis Großbritanniens zur EU neu zu überdenken, gerecht werden. Der bisherigen Prozess ist es jedenfalls nicht.

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Structural Policy

In a recent Policy Paper for the Vienna Institute of International Economics (wiiw) on EU structural policy (https://wiiw.ac.at/which-structural-reforms-does-e-m-u-need-to-function-properly–p-4782.html) I outlined conditions, definitions and developments of structural policies for the objectives laid down in the EU Treaty. The abstract is reproduced here:

Structural reform proposals have undergone significant change both as proposed by IMF and OECD as by the European Union. From a narrow flexibility-enhancing (‘liberalising’) focus complementing a strict budget consolidation course, they have evolved towards embracing institutional reforms and promoting of growth and productivity. Some of these reform proposals are motivated by increasing divergence between Member States since the financial crisis, others attempt to compensate for the fact that EMU did not and does not yet constitute an optimal currency area with all its institutions required.

This paper analyses the various motivations and restrictions for structural reforms and proposes an even wider array of additional reforms, with the aim to enhance socio-economic-environmental sustainability and well-being in the European Union (‘progressive’ reforms).
› ‘Progressive reforms’ should establish equivalence between economic, social and environmental objectives.
› Excessive ‘financialisation’ of the economy should be reversed by promoting longer-term real investment decisions, by slowing financial trading decisions, by increasing capital requirements of financial institutions, by levying financial transactions taxes, etc.
› Productivity-oriented wage setting and working conditions procedures through collective bargaining covering a wide spectrum of the labour force should be promoted as enhancing workers’ well-being and be balanced with flexibility requirements.
› Industrial policies aimed at enhancing the innovative capabilities of countries, with appropriate education, patent and innovation interventions need to gain wide-spread acceptance.
› The ‘race to the bottom’ with respect to corporate and personal income taxation, as well as generous tax-reducing policies need to be prevented.
› National and regional preferences with respect to social and cultural aspects need to be exempted from competition rules, as manifestations of social cohesion, environmental protection and identitypreserving heritage.
› In cases where cross-country spillovers matter, such ‘progressive’ structural policies should be set as general framework conditions by the European Union but be adjusted and implemented by the Member States.

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