Category Archives: European Union

HALBVOLL ODER HALBLEER?

Am 6. Dezember 2017, dem Nikolaustag, hat Kommissionpräsident Juncker weitreichende Vorschläge zur Vervollkommnung von Europas Wirtschafts- und Währungsunion (WWU) vorgelegt. Laut seiner Aussage dient dies dazu, die Einheit der WWU zu stärken, ihre Effizienz zu verbessern, sowie die demokratische Legitimität zu erhöhen.

Die neuen Vorschläge, die auf bereits bestehenden Initiativen aufbauen, sind als institutionelle und inhaltliche Antwort auf Schwächen der WWU gedacht, die in der seit 2008 (nunmehr angeblich beendeten) Krise sichtbar geworden sind. Im konkreten geht es um die Erweiterung des Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) zu einem Europäischen Währungsfonds, um die Integration der diversen Ausformungen des Stabilitäts- und Wachstumspaktes in den Europäischen Rechtsbestand, um neue Budgetinstrumente zur Stabilisierung des Euro sowie solche, die Strukturreformen unterstützen sollen, und endlich um die Installierung eines Europäischen Finanzministers. Nach Aussage Junckers sind all diese Schritte möglich, ohne die EU-Verträge zu ändern. Mit diesen Einzelvorschlägen hat die Kommission auch einen Fahrplan über die nächsten 18 Monate vorgelegt – und schließen damit die österreichische EU-Präsidentschaft im 2 Halbjahr 2018 mit ein – innerhalb dessen die vorgeschlagenen Schritte durchgeführt werden sollen.

Seither haben sich bereits einige europäische Finanzminister zu Wort gemeldet, die Teile dieser Vorschläge ablehnen, sowohl aus inhaltlichen als auch aus „machtpolitischen“ Gründen. Folgt man nämlich Juncker, so gewänne die Kommission bei Annahme dieser Vorschläge gegenüber dem Rat massiv an Einfluss: derzeit ist die Eurogruppe ein nicht im EU-Vertrag vorgesehenes „informelles“ Gremium, bei dem die Minister den Ton angeben. Durch die Vorschläge gewänne die Kommission deutliche Einflussmöglichkeiten. Derzeit ist der ESM außerhalb des EU-Budgets ein Instrument des Rates (der Eurogruppe), dann würde es zum Instrument der Kommission. Der Vorschlag, den Eurogruppenvorsitz mit dem des für Wirtschaft und Finanzen zuständigen Kommissar zusammenzulegen, würde die Kommission stärken. Gleichzeitig würden die Juncker-Vorschläge die derzeitige, relativ klare Kompetenzaufteilung zwischen Kommission und Rat durch die Doppelzuständigkeit des Finanzministers verwischen.

Kleine Länder wie Österreich haben immer großes Interesse an einer stärkeren Position der EU-Kommission, da diese gehalten ist, gesamteuropäisch zu entscheiden. Dabei kommt das Gewicht der Großen, also besonders von Deutschland, Frankreich – und dann auch Italiens, Spaniens und Polens, weniger zum Tragen als im Rat.

Ob Österreich diesen Juncker-Vorschlägen positiv entgegentreten sollte, hängt jedoch nicht nur von dieser Schutzfunktion der Kommission für die Kleinen ab, sondern von der Ausrichtung der Wirtschaftspolitik. Soll heißen: solange in der Europäischen Kommission die Gruppenmeinung vorherrscht, dass Budgetkonsolidierung und Senkung der Staatsschuldenquote, zusammen mit marktfreundlichen „Strukturreformen“ weiterhin die Hauptstoßrichtung der Europäischen Wirtschaftspolitik bilden sollte, stellt eine weitere Stärkung der Kommission eher eine Drohung als ein Positivum dar. Die Meinungen im Rat sind doch (etwas) differenzierter, und hier könnte Österreich (wenn Finanzminister und Kanzler dies so wollten) im Rat Bundesgenossen suchen (und finden), die einer ausgewogeneren Wirtschaftspolitik, etwa im Rahmen des „Magischen Fünfecks“ (Wachstum, Arbeitslosigkeit, Inflation, Außengleichgewicht und Budgetsaldo) das Wort reden, statt nur eines der Ziele zu verfolgen.

Das Paradoxon dieser ganzen Übung von Juncker ist ja, dass man sich in der Kommission zwar Gedanken über die institutionellen Schwächen der WWU gemacht hat (das ist grundsätzlich positiv), aber keinen Gedanken daran verschwendet, ob die Einseitigkeit der auf Budgetkonsolidierung ausgerichteten Wirtschaftspolitik nicht auch signifikant dazu beigetragen hat, dass die WWU erst 10 Jahre nach Beginn der Krise die Wirtschaftskraft von vorher erreicht hat.Und trotz des nunmehr gefeierten Fortschritts der Wachstumsraten ist noch eine ganze Reihe von Ländern mit extrem hohen Arbeitslosenraten und sozialer Desintegration belastet. Die EU-Länder und Mitglieder der WWU sind 2017 deutlich „ungleicher“ als 2008: die viel beschworene „Konvergenz“ hat nicht stattgefunden. Warum dies so ist, und ob nicht verfehlte Wirtschaftspolitik ganz deutlich zu diesem Misserfolg beigetragen hat, sollte sehr wohl eine Vervollständigung der WWU begleiten. Eigentlich wäre eine solche Rückschau-Analyse zuerst zu machen, und aus der inhaltlichen Fehlerbehebung dann die dazu notwendigen institutionellen Reformen abzuleiten. Positiv an Juncker ist, dass die Kommission nun endlich einsieht, dass die WWU als Wirtschafts- und Sozialraum mehr ist als nur die Summe der einzelnen Mitgliedstaaten, dass eine „eigene“ WWU-Poltikentwicklung notwendig ist, die dann natürlich „interaktiv“ auf die einzelnen Länder umzulegen ist. Für die Österreicher: die WWU ist eben nicht nur „ce qui reste“, sondern ein eigenständiger Wirtschaftsraum mit eigenständiger Währung und gemeinsam zu gestaltender Wirtschafts- und Finanzpolitik.

 

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Move On, Eurozone!

Guntram Wolff of the Bruegel Institute has once more made an interesting contribution to where the Eurogroup should go (Beyond the Juncker and Schäuble Visions of Euro-Area Governance, Bruegel Policy Brief 6, November 2017). In Juncker he criticizes the proposed predominance of the Commission in fiscal policy making which would blur the delicate balance between Commission and Council; in Schäuble he criticizes the perception that national fiscal policy has no spill-overs to other countries, and the neglected necessity of the Euro Group having to provide public goods in terms of stabilisation, growth and inflation. Both criticism are justified.

Wolff‘s own proposal would, in a nutshell, create a permanent Eurogroup president (who is not finance minister of a member state), with a mandate to represent the interests of the whole euro area and would regularly report to the European Parliament. There would be a special Euro Area budget (as part of the EU budget) in order to provide public goods and stabilization. The European Stability Mechanism (ESM) would become a „permanent fire brigade“ to manage sovereign debt and make proposals for (necessary) restructuring; the Commission would still make fiscal policy recommendations to member states, under reformed (simplified) fiscal rules.

The most noteworthy positive part of this proposal is the fact that it – finally – elevates decision-making for the Eurogroup as an economic entity to its necessary level. Up to now, Eurogroup effects are a side-product of national fiscal policies, instead of the interactive nature of Euro and national policy making necessary to create the best results for the group and the members. It has been neglected too long by EU rules and their responsible creators that a monetary union needs (more) joint decision-making: the European Central Bank which sets monetary policy for the whole Euro Area has lacked an adequately endowed fiscal counterpart, in order to optimize the fiscal/monetary policy stance of the Eurogroup. Wolff sets out the division of labor between the new Eurogroup authority and the Commission, as well as the national ministers of finance, always minding the „delicate“ division of powers between these.

The second important feature involves the European Stability Mechanism, which in this proposal would be upgraded and be able to make staff proposals to member states‘ debt management positions, before they become untenable. Wolff maintains that at this time a „Eurogroup safe asset“, a jointly issued EUM bond is not possible, thus a strengthening of ESM/OTM (the ECB-run monetary policy tool) would be necessary – as a political agreement by the member states. Once a sovereign deb crisis occurs, it requires a highly political decision by national and European policy makers to agree on the distribution of the adjustment burdens. Here the emphasis is on joint decisions, involving European policy makers.

Wolff regards the establishment of a European Finance Minister is unrealistic, since it would require significant taxation and spending powers and the capacity to borrow (just like national finance ministers). This would require Treaty changes and political acceptance, not available. Juncker‘s idea to elevate the Commissioner to Vice President and Finance Minister would be too little, but Wolff agrees to a significant Euro budget for his Eurogroup President, worked out as a result of the necessary re-orientation of the next EU financial framework: in the vain of Macron, he proposes significant changes to the present budget, emphasizing more strongly „European“ public goods (border control, climate change investments, R&D and European Universities, stabilization and debt). In order to provide these „European“ public goods, budget increases (beyond the present limit of 1% of EU GDP) might be required. Thus, a Commission budget commissioner would cooperate with the new Eurogroup President, in effect creating a „Eurosystem of Fiscal Policy“, as an effective counterpart to the ECB.

Where I disagree with Wolff is the following: his proposal, like those of Juncker‘s and Schäuble‘s are strong on institutional questions, because they see the Eurogroup‘s past and present problems primarily in institutional gaps. All three of them assume, to various degrees, that the role of fiscal and monetary policy is overwhelmingly, if not exclusively, restricted to stabilization, to the smoothing of the business cycle. They see no role of macroeconomic policy in generating and increasing citizens‘ wellbeing, i.e. growth, employment, environmental improvement and social stability. They seem to believe that if macro policy manages to stabilize national budgets and reduce sovereign debt, there would be no growth-employment-environmental-social conundrum, because all that would be related to „structural“ policy, to the flexibilisation of labor and product markets. But it has been precisely this neglect of the medium-to-long-term „growth“-effects of macro policies which has kept the Eurozone in a decade-long recession. It is precisely this supply-side-only reliance on the medium and long-term prospects of our economies and societies which has created strong divergence between the countries of the Eurozone. Of course, this is not to deny, that structural policies, competition policy, workers‘ rights, wage-setting, financial sector regulation, environmental and social policies are important: but they need to be aligned with macroeconomic policies, where each plays its appropriate role stabilization, employment and well-being of citizens.

The most recent proposals to restructure a more functional Eurozone make important contributions to options for a better institutional set-up. However, in terms of substance, they are all still tied to a single-minded emphasis of fiscal policy objectives of achieving balanced budgets in the short to medium run. Proposals to e.g. exempt certain public investments in infrastructure (material and immaterial) from the budget rules are also ignored in the Juncker-Schäuble-Wolff proposals. They show no recognition or reflection that the „lost decade“ of the Eurozone may be due to this false direction of economic policy making

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PARADISE LOST

(am 8.11.2017 als Kommentar in Der Standard erschienen)

Die neuesten Enthüllungen der Steuerkonstrukte der großen Firmen und der Reichen („Paradise Papers“) zeigen einmal mehr, dass die bestehenden Steuergesetze nicht ausreichen, um Steuervermeidung gigantischen Ausmaßes zu verhindern. Spezialisierte Beratungskanzleien „optimieren“ die Steuern der Mächtigen durch Ausnutzung der unterschiedlichen Gesetzgebungen in einzelnen Ländern. Das mag alles legal sein in dem Sinne, dass (meist) keine bestehenden Gesetze gebrochen werden, aber es zeigt eben genau die Schwäche jener Gesetze – und damit die Verantwortung der Politik. Die Versuche der G-20 Länder, der OECD und auch der EU, Teile dieser Steuervermeidung einzudämmen, zeigen aber auch die Schwächen dieser Versuche auf: zwar ist es gelungen, zwischen Steuerbehörden Datenaustausch zu organisieren, aber viele, vor allem schwächere, Länder sind technisch-organisatorisch nicht in der Lage, mit dieser Datenflut etwas Sinnvolles anzufangen; zwar hat die OECD über die BEPS-Aktivitäten versucht, gemeinsame Verrechnungsstandards einzuführen, aber die USA als größte Wirtschaft tun da nicht mit, und die anderen Länder verzögern die Implementierung; zwar versucht sich die EU, über das Beihilfenrecht (das keine Einstimmigkeit erfordert), in halbherzigen Bekämpfungsmaßnahmen, aber schon die Klassifizierung in „schädlichen“ und „nicht schädlichen“ Steuerwettbewerb zeigt, dass hier großer Verhandlungsspielraum der einzelnen Mitgliedstaaten besteht, ihre je eigenen Steuervergünstigungen herauszuhalten. Die Absurdität, in einem gemeinsamen Währungsraum, im Binnenmarkt einander durch Steuerbegünstigungen Investitionen abzujagen, wird erst gar nicht apostrophiert.

Und warum geht da nichts weiter? Wie gesagt, es geht um falsch verstandene „Standortkonkurrenz“, die das eigene Land attraktiver machen will. Der Einfluss der Wirtschaftslobbies auf die Steuergesetzgebungen wird mit dem Rechtsruck immer größer: wer die Macht hat, macht die Gesetze. Die Großen haben bisher jedenfalls verhindert, dass die Gesetze an die heutigen Möglichkeiten, global freien Kapitalverkehr digital nutzen zu können, angepaßt werden. Der „Kollateralschaden“, dass dadurch der gesellschaftliche Zusammenhalt zerbricht, wird zugunsten der je eigenen Steueroptimierung in Kauf genommen.

Und Österreich? Hier lobt man sich dafür, dass bisher nur 2 österreichische Namen in den Paradise-Files aufgetaucht sind: also geht uns das Ganze nix an, wir sind ja sowieso Musterknaben. Vergessen ist der lange österreichische Kampf gegen den automatischen Informationsaustausch, die Rückzugsgefechte gegen die Aufhebung des Bankgeheimnisses, vergessen der Misserfolg des österreichischen Finanzministers, endlich die lange geforderte Finanztransaktionssteuer auf den Weg zu bringen. Einen Aufschrei der eigentlich dafür „zuständigen“ NGO Transparency International Austrian Chapter sucht man vergebens: dort hat man sich von den diese Angelegenheiten verfolgenden Mitgliedern vor einiger Zeit im Zwist getrennt (der Autor dieser Zeilen war Teil jener Gruppe).

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Will the EU Ever Learn?

Policy Review

Now that growth rates in EMU and EU are finally positive, some politicians proclaim the 2008 ff. crisis to be over – and want to continue economic policy as before. But if we reflect that it took more than 10 years to recover the GDP level of before the crisis and that the similarly crisis-hit US has grown much faster and started to grow much earlier, we must realize that output lost by the crisis amounts to between 10% and 20% of GDP.

While the present economic situation is encouraging, even though it has not yet reached all strata of society, especially wage earners, this might be the optimal time to reflect on what went wrong, on what policy errors were made and what institutional gaps remain.

I see two major faultlines: the direction of economic policy, and the lack of crisis-fighting institutions in EMU.

Austerity

From the start of the common currency in 1999 the major macroeconomic policy direction of EMU (and the EU) was budgetary discipline. The Stability and Growth Pact was its major instrument, with its infamous 60% debt level and 3% deficit level as the major indicators. While adherence to SGP was lacking, initiated by Germany and France, it still remained the overriding policy direction. During the crisis, it was amended and strengthened by the curiously named Two-Pack and Six-Pack, and the Fiscal Compact, requiring EMU states to install „debt brakes“ in national legislation, preferably shielded by constitutional majorities.

All economic theory, even mainstream theory, would have called for a relaxation of budgetary policies during recessions, for additional (public) investment to enhance demand and for the development of a medium-term growth strategy, anchoring member states‘ short-term policy directions in a growth-enhancing medium-term strategy. While initially, after the crisis broke in 2008, EU finance ministers declared themselves „to be all Keynesians now“, making additional budgetary resources available , 1 ½ years later this growth-enhancing dynamic was abandoned and the Maastricht criteria were pursued once more. A more sustained growth strategy, a relaxation of the deficit criterion in favor of growth-enhancing investment would have contributed to an earlier end to the crisis, to faster growth, to lower unemployment and higher wages. President Juncker‘s EFSI investment initiative came far too late, and was too small to overcome the major policy direction towards austerity.

One would have thought that a thorough review would be undertaken by the European Commission to assess whether this sustained austerity direction during the crisis was the appropriate policy response. Up to now, this discussion has  not taken place.

Fiscal Backstop

The second area concerns the financial side. While before the crisis it was assumed that the no-bailout clause of the treaty would be sufficient to prevent country-specific banking and/or sovereign crises from spreading, reality proved different. The bank-sovereign nexus, the large holdings of sovereign bonds by national banks, made sure that banking crisis would spread to the sovereign, and the large pre-crisis financial inflows between nations were responsible for crisis risks spreading across borders. Only slowly did the recognition take hold that there was no fiscal backstop, no mechanism to deal with sovereign crises, no mechanism to prevent implicitly subsidized investment banks creating excessive risks. Attempts were then made to „complete“ banking union, by a common supervisory framework, a restructuring mechanism (ESM), a recapitalization facility and a common deposit insurance institution. While the two former were implemented gradually, if insufficiently, the last is still outstanding. On the basis of the former, in 2012 ECD President Draghi installed a quasi backstop („whatever it takes“) and later instituted the Outright Monetary Financing Program which injected liquidity into the markets by purchasing sovereign bonds on the secondary market (Most recently it was decided to limit this program from 2018). Thus, it was not the finance ministers, but the European Central Bank which provided the major anti-crisis instrument.

Now there is talk to transform the ESM into a European Monetary Fund (EMF), but its role is still under discussion: while Germany would like it to become the major implementer of the SGP, France sees it more as a risk-sharing instrument, which could also perform ex-ante risk-preventing operations. Germany, and others (among them Austria) militate against a EMF-supported „transfer union“, with the same argument they oppose the Deposit Insurance facility, fearing that it would be „their“ banks or their own country which would have to support crisis countries. While these fears are not without cause, they fail to recognize that future crisis prevention urgently needs a risk-sharing instrument, in order to assure financial investors (the misnamed „markets“) that their investment is safe.

Bleak Outlook

The Monetary Union was established in the face of major flaws: the member countries did not form an Optimal Currency Area, their economic and social structures were too diverse, the labor flows among members too restricted to act as a buffer. No effective crisis-preventing instruments were installed in time, only much later, and only hesitantly, after the spreading crisis threatened the very existence of the Monetary Union. The ideologically mistaken insistence on continued austerity during the crisis nearly brought a number of countries down, but could not be contained within these countries. Thus, we are talking about a European problem.

Both the economic policy mis-direction and the lack of appropriate institutions now seem to be continued, because „my country first and only“ sentiments are strengthened by politicians looking at their domestic constituencies, at the expense of the European whole. Since no deep review of policy errors leading up to and during the crisis is being undertaken, the danger becomes real that continuing as before remains the policy maxim. Underlying divergencies within the EU and EMU remain intact, threatening another, and deeper crisis, since the major anti-crisis actor 2008 ff., the European Central Bank, has nearly exhausted its arsenal of instruments

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Wirtschaftlicher Selbstmord Katalaniens?

(wurde unter dem Titel “Katalonien: Geht’s noch?” als Kommentar in Der Standard am 11.10.2017 veröffentlicht)

Der STANDARD bringt am 9.10. ein Interview mit der katalanischen Ökonomin Elisenda Paluzie („Spanien wird der Hauptgeschädigte sein“), in welchem sie behauptet, dass eine Unabhängigkeitserklärung Kataloniens kaum Auswirkungen auf Kataloniens Wirtschaft haben werde, ja, dass die spanische Wirtschaft über höhere Refinanzierungskosten und über die volle Übernahme der Staatsschulden der Verlierer sein würde.

Ja geht es denn noch? Wenn Unabhängigkeit die Loslösung von Spanien bedeutet, dann wir der Staat Katalonien nicht mehr EU-Mitglied sein und natürlich auch nicht mehr Mitglied der Eurozone. Konkret bedeutet dies, dass es eine eigene Währung einführen müsste (Wechselkurseffekte?), dass es bestehende Kontrakte in die neue Währung überführen müsste, dass es eine eigene Zentralbank gründen müsste (wo gibt es da Vorarbeiten) und dass es Jahre dauern würde, bis ein neues Verhältnis zur EU verhandelt wäre ( der Brexit wäre viel leichter, da das Vereinigte Königreich nicht in der Eurozone ist und als bestehendes Land viele der institutionellen Voraussetzungen für solche Verhandlungen hat). Dass Spanien und seine EU-Freunde ein freies Katalonien nicht gerade freundlich aufnehmen würden, versteht sich von selbst. Die Grenze zwischen Katalonien und Spanien müsste mit Zollschranken gesichert werden, Katalonien könnte als Nicht-WTO-Mitglied nicht einmal die günstigen WTO-Zollsätze (wie das UK) beanspruchen. Sein Finanzsektor müsste Regulierungsinstitutionen aufbauen und – auf eigenen Beinen stehend – sich seine Finanzierungsquellen suchen.

Es ist erstaunlich, dass eine Universitätsprofessorin für Ökonomie wegen ihres vielleicht verständlichen politischen Wunsches nach Unabhängigkeit in einem Interview über die wirtschaftlichen Folgen jegliches ökonomische Verständnis vermissen lässt – und dass der STANDARD dies ohne kritische Gegenfragen so abdruckt.

Diese Vorgangsweise erinnert an die unkritischen Fragen des ORF im österreichischen Wahlkampf, wo den Dampfblasen ohne inhaltliche Tiefe einiger Kandidaten Raum gegeben wird, ohne dass sie durch tiefergehende Fragen etwas herausgefordert werden, und so den ZuhörerInnen Substanz für ihre Wahlentscheidung bieten können.

In dieser Situation ist es kein Wunder, dass auch Politiker „Expertenwissen“ für entbehrlich deklarieren. Diese tun dies natürlich, um emotionalen Tendenzen, die sie selbst schüren, Raum zu geben. Der Demokratie, dem immer wieder als Lippenbekenntnis geforderten ruhigen Dialog, schadet dies. Es kommt den „fürchterlichen Vereinfachern“ und Populisten entgegen.

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Sanktionen: Ein neuer Handelskrieg zwischen USA und Rußland oder zwischen USA und EU?

(erschienen in der Zeitschrift International III/2017)

Die Sachlage: Gaskrieg!

In der 30. Kalenderwoche haben das US-Repräsentantenhaus und der US-Senat tiefgreifende weitere Sanktionen gegen Russland, Iran und Nordkorea mit überwältigenden Mehrheiten beschlossen. Ein Dilemma für den ursprünglich Russland-freundlichen Präsidenten Trump: fällt er seinem Männerfreund Vladimir Putin in den Rücken und bestätigt das Gesetz, welches ihm auch verbietet, künftig im Alleingang diese Sanktionen zu reduzieren oder aufzuheben, oder legt er sein Veto ein, mit der Sicherheit, dass der Kongress leicht die 2/3-Mehrheiten zusammenbringt, um ihn zu überstimmen. In der Zwischenzeit hat Trump das Gesetz unterschrieben.

Die Sanktionen, scheinbar motiviert durch die Unterstützung Putins für Präsident Assad, die Krim-Situation und (vor allem) die US-Geheimdienstberichte, welche eine (elektronische) Einmischung Russlands in die US-Präsidentenwahl als sicher erscheinen lassen, richten sich sowohl gegen einzelne Personen, viel stärker aber noch gegen die russische Wirtschaft. Die Motivation dahinter ist, dass nur eine fühlbare Schwächung der russischen Wirtschaft, und besonders ihres Kernsektors Erdöl und Erdgas, dort als Warnbotschaft verstanden wird. Ursprünglich waren die Sanktionen, weitgehend im Gleichschritt mit der Europäischen Union, wegen der Annexion der Krim und der Intervention in der Ost-Ukraine verhängt worden.

Nun haben diese Sanktionen aber auch einen wichtigen, kaum unbeabsichtigten, „Kollateralschaden“, nämlich die Europäische Union, die enge Wirtschaftsbeziehungen zu Russland pflegt, und zwar einerseits als wichtiger Lieferant von hochwertigen Maschinen und anderen Gütern, andererseits aber als Importeur riesiger Mengen vor allem von russischem Gas. Eine ganze Reihe von europäischen Firmen sind an diversen Öl- und Gasförderaktivitäten Russlands beteiligt. Hier stechen vor allem die Gaspipelines zwischen Russland und der EU (Deutschland) Nordstream 1 und die projektierte Nordstream 2 hervor. Diese sollen gemeinsam über eine 1200 km-Leitung durch das Baltische Meer 55 Mrd qm Gas nach Europa bringen. Russlands Interesse an diesen Pipelines ist die Umgehung der bisherigen Lieferkette über die Ukraine, Europas Interesse ist die Sicherstellung adäquater Mengen an Erdgas aus einem Land, welches bisher – bis auf zwei Ausnahmen – äußerst liefertreu war, etwa im Gegensatz zu den Lieferanten aus dem Kaspischen Meer.

Die Europäische Union, die kürzlich bereits eine Verlängerung ihrer Russland-Sanktionen um sechs Monate beschlossen hat, aber von den USA nicht vor-informiert war, hat in Gestalt des Kommissionpräsidenten Juncker daher bereits massiv gegen diese US-Sanktionen Stellung genommen und angekündigt, dass dieses Gesetz in Europa nicht vollzogen werden würde. Hintergrund dafür ist, dass das US-Gesetz Firmen, die mit Russland in den relevanten Bereichen Geschäfte machen, ebenfalls mit Sanktionen in der Form bedroht würden, dass ihnen Geschäfte in den USA verboten würden. Der deutsche Bundespräsident und Außenminister, der österreichische Bundeskanzler und andere europäische Politiker haben gegen das US-Gesetz Stellung bezogen und betrachten dies als äußerst unfreundlichen Akt zugunsten der US-Wirtschaft. So hat der amerikanische Energieminister Perry verkündet, dass die USA zu einer globalen Energiemacht werden wollen (aufgrund ihrer riesigen Vorräte an Gas, welches mittels Fracking gefördert wird) und auch ihre „europäischen Verbündeten“ mit US-Gas beliefern wollen, anstatt das diese mit dem den USA feindlich gesinnten Russland Geschäfte machen.

Sanktionen als Teil der America-First-Strategie

Abgesehen von den möglichen Differenzen zwischen Kongress und Präsident Trump haben diese Sanktionen wirtschaftliche Logik. Sie passen genau in jene von Trump im Wahlkampf verkündete „America first“ Strategie, welche die Einzelinteressen der USA vor allen anderen geopolitischen Zielen in den Vordergrund rückt. Effektuiert wurde dies ja bereits durch die Stornierung des Transpazifischen Handelsabkommens durch Trump, und seinen massiven Druck auf Kanada und Mexiko, das seit Jahrzehnten bestehende Drei-Staaten-Abkommen NAFTA neu, und zwar zugunsten der USA, zu verhandeln. Das Transatlantische Handelsabkommen TTIP zwischen der EU und den USA liegt derzeit weitgehend auf Eis, während die US-Regierung ihre Stellung dazu überprüft und die EU aufgrund der massiven Proteste vieler Bürger in den Mitgliedstaaten weiter Verbesserungen in deren Sinn sucht.

Klar ist, dass die EU ganz stark im Visier der US-Handelsbeauftragten, und des Präsidenten, steht. Die USA haben in den letzten Jahren ganz massive Leistungsbilanzdefizite (also Überschüsse der importierten Waren und Dienstleistungen über deren Exporte) verzeichnet: im Jahr 2015 460 Mrd $, 2016 480 Mrd $. rechnet man nur die Warenbilanz, sieht es für die USA noch schlechter aus: 2015 wurde ein Handelsdefizit von 813 Mrd $ eingefahren, 2016 eines von knapp 800 Mrd $. Der Unterschied zwischen Leistungs- und Handelsbilanz zeigt die Schwäche der USA bei Industriewaren auf, während sie im Dienstleistungsexport Überschüsse verzeichnet. Der IMF schätzt in seinem letzten Wirtschaftsbericht, dass diese Defizite in den nächsten Jahren kaum zurückgehen werden. Die EU, auf der anderen Seite, verzeichnet Leistungsbilanzüberschüsse im Ausmaß von etwa 360 bis 370 Mrd $, einen wichtigen Teil davon mit den USA. Die EU importiert etwa 200 Mrd $ pro Jahr aus den USA, exportiert dahin aber ca. 300 Mrd $. Der Bilateralismus, den Präsident Trump hervorkehrt, also mit jedem Handelspartner einzeln zu verhandeln, statt Schrauben am globalen Handelssystem zu drehen, geht von der merkantilistischen Idee aus, mit jedem einzelnen Land zumindest ausgeglichen zu handeln. Machttechnisch hat diese Vorgehensweise den Vorteil, dass Verhandlungen mit einzelnen Ländern oder Länderblöcken die Größenvorteile der US-Wirtschaft deutlicher hervortreten lassen – und daher für die USA bessere Ergebnisse erzielen sollen. Trump hat ja bereits versucht, seine Handelsbilanzdefizite z.B. mit Deutschland bilateral zu seinen Gunsten zu verändern, oder auch gleich einen „Deal“ mit Brexit-Großbritannien machen zu wollen, bis er darauf hingewiesen wurde, dass Handelsangelegenheiten in der EU durch die Kommission gemeinsam verhandelt werden, also einzelne EU-Mitgliedstaaten keine eigenen Handelsabkommen abschließen dürfen.

Beabsichtigtes Nebenziel: Schwächung Europas

Aus europäischer Sicht – so sehen es auch die oben angeführten Kritiker aus Deutschland und Österreich, während etwa Polen und die Balten diese neuen Sanktionen begrüßen – sind die neuen US-Sanktionen vor allem dazu angetan, der US-Wirtschaft Vorteile zu verschaffen. Auf der einen Seite dadurch, dass sie Russland als Haupt-Energielieferanten der EU-Länder ersetzen, und damit ihre schlechte Exportbilanz aufbessern, auf der anderen Seite dadurch, dass sie ihre europäischen Konkurrenten, die mit Russland (und Iran) gute Geschäfte machen, schwächen und ihnen damit Marktanteile abjagen. Es geht hier also um einen (nur schwach verdeckten) Handelskrieg. Da die USA im Vorjahr nur etwa 6 Mrd $ nach Russland exportierten, und um 15 Mrd $ importierten, die EU aber 80 Mrd $ nach Russland exportierte, aber 140 Mrd $ importierte (90% davon Öl und vor allem Gas), ist es klar, dass die US-Wirtschaft von den Sanktionen kaum zu treffen ist, die EU hingegen schwer. Dazu kommt, dass über europäischen Produzenten von Stahlprodukten noch immer das Damoklesschwert von angekündigten Strafzöllen schwebt, die zwar hauptsächlich gegen China und Korea gerichtet sind, aber natürlich auch europäische Stahlproduzenten treffen könnten.

Kürzlich verlautete, dass jener Teil der von Trump angekündigten US-Handelsstrategie, die Exporte fördern und Importe belasten solle, indem etwa ein genereller 20% Zoll auf alle Importe verhängt werden solle, oder ein „Handelsausgleichssystem“ geschaffen werden solle, bei dem Gewinne aus Exporten unversteuert bleiben sollen, jene aus Importen jedoch belastet werden sollten (Cashflow statt Gewinnbesteuerung), nicht weiter verfolgt werden solle. Wahrscheinlich waren die Proteste der einen Großteil ihrer Wertschöpfung importierenden Handelsunternehmen, die dadurch viel stärker als Industrieprodukte belastet worden wären, zu groß, ebenso wie die Gefahr, damit massive Preiserhöhungen bei Lebensmittel und Einzelhandelswaren zu generieren und damit die primäre Trump-freundliche Wählerschicht zu vergraulen.

Dass den neuen US-Sanktionen ein „moralisches Mäntelchen“ umgehängt wird, dass sie als Strafmaßnahmen für unethisches Verhalten (Krim, Wahlkampfinterventionen) motiviert seien, ist nicht sehr glaubwürdig. Würde man Russland allein treffen wollen, hätte man nicht die „EU-Freunde“ gleich mit ins Sanktionenboot nehmen müssen. Und natürlich stellt sich hier – wie bei allen Sanktionen – die Frage, ob damit wirklich die politische (und ökonomische) Führungsschicht getroffen wird, oder nicht nur die von ihr abhängige Bevölkerung. Die Theorie, dass eine massive Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage die Bevölkerung dazu animieren wird, auf ihre Führungsschicht Druck zur Verhaltensänderung auszuüben, hat bisher in Russland nicht funktioniert. Der durch die neuen Sanktionen – so sie denn kommen – ausgeübte Druck würde aber jedenfalls deutlich größer sein als bisher. Ob er die verarmte russische Bevölkerung dazu bringt, das Joch ihrer oligarchischen und teilweise kleptokratischen Führungsschicht abzuschütteln, sei dahingestellt. Die Güterabwägung zwischen Strafe und Verelendung war offenbar nicht Kalkül der US-Abgeordneten und Senatoren, trotz der behaupteten moralischen Rechtfertigung des Sanktionsbeschlusses.

Spaltung des „Westens“, Spaltung der EU

Für Präsident Putin hat dieser Beschluss trotz seiner verbalen Entrüstung („Rüpelhaftes Benehmen“) darüber ein strategisches Zuckerl parat: nicht nur treibt der Beschluss einen Keil zwischen die „Partner“ auf beiden Seiten des Atlantik, er verstärkt auch die Differenzen zwischen den EU-Ländern: auf der einen Seite jene, die vor allem um ihre Geschäfte mit Russland fürchten, voran Deutschland und Österreich, aber auch Frankreich, Belgien, Italien, auf der anderen Seite die an Russland geografisch angrenzenden oder nahen Länder, vor allem Polen und die Balten, die aus sicherheitspolitischen Gründen jede starke Sanktion gegen Russland befürworten, da sie einer weiteren (über die Ukraine hinaus) „Nachbarschaftspolitik“ Russlands mit Angst entgegenstehen.

Strategiespiele

Politökonomisch haben wir es also mit einem „Strategiespiel“ mit drei Hauptpartnern und einer Reihe von Nebendarstellern zu tun. Die USA (nehmen wir einen Gleichklang von Kongress und Präsident an) verfolgen primär wirtschaftspolitische Interessen, wobei die Schwächung Russlands, mit welchem die Handelsbeziehungen der USA sehr gering sind, den Strohmann für eine Schwächung der europäischen Wirtschaft und eine Etablierung des eigenen Energiesektors als Hauptlieferant Europas das Ziel darstellt.

Die Europäische Union muß in dieser Situation versuchen, die sehr unterschiedlichen Interessen, sowohl wirtschaftspolitisch als auch sicherheitspolitisch, zusammenzuhalten, ihre Energiesicherheit sicherzustellen und ihre Handels- und Investitionsbeziehungen mit Russland aufrechtzuerhalten – und gleichzeitig glaubhaft den Finger zu erheben, um zu zeigen, dass die Einverleibung der Krim und die de-facto Abtrennung des Donbas und die Destabilisierung der Ukraine, auch unter Berücksichtigung der Sicherheitsinteressen Russlands, nicht hingenommen werden.

Russland hat zwar – wenn die Sanktionen denn kommen – die größten Kosten zu tragen, da vor allem seine Stellung als Hauptlieferant von Gas für Europa gefährdet ist, die Auslandskonten vieler „politically exposed persons“ gesperrt und deren Reisefreiheit reduziert ist, aber doch die Gefahr besteht, dass die bestehende ökonomische Krise zu größerer Unruhe in der Bevölkerung führt. Auf der Habenseite jedoch kann Russland eine weitere Schwächung der westlichen Allianz verbuchen, sowie mit Befriedigung sehen, dass die Interessenunterschiede innerhalb der EU zunehmen. Die Sichtbarmachung der Differenzen zwischen dem russlandfeindlichen US-Kongress und einem (bisher) russlandfreundlichen Präsidenten Trump sind ein zusätzlicher Benefit für Russland. Die Schwächung der eigenen Position wird leichter ertragbar, wenn auch den anderen Schwächungen zugefügt wurden. Und: Russland erhält diese Schwächung der westlichen Dominanz ohne selbst etwas dazutun zu müssen.

Die Spieltheorie sagt uns, dass in einem solchen „3-Personen-Spiel“ jene „gewinnen“, denen es gelingt, eine Allianz zu schmieden, auf Kosten des Dritten. In der gegenwärtigen Situation, gegeben die handelnden Personen/Institutionen, scheint eine solche Allianz derzeit ausgeschlossen. Das würde bedeuten, dass alle Drei verlieren, wenn sie ihre Strategie nicht ändern. Wer dabei wie viel verliert, ist unklar. Fakt ist jedoch, dass es nicht die handelnden Politiker sind, die die Verluste tragen, sondern die Bevölkerungen.

Abgesehen von den strategischen Überlegungen der drei handelnden Akteure gäbe es natürlich eine Lösung, welche alle besserstellen würde und hohe Kosten vermeiden könnte. Könnten die USA akzeptieren, dass sie ihr Flüssiggas in Europa absetzen, aber auch Russland einen wichtigen Anteil am europäischen Energiemarkt ließen, dann könnten die EU und die USA in einer Verlängerung ihrer nach der Krim-Einverleibung verhängten Sanktionen (vielleicht auf mehr als die von der EU angepeilten 6 Monate) die „notwendige“ Strafandrohung wegen Veränderung der Grenzen Genüge tun. Für Europa wäre dies besonders vorteilhaft, da seine Energiesicherheit durch gleich zwei Großlieferanten (neben den je eigenen Vorkommen) besser sichergestellt würde als wenn es von einem Lieferanten abhängig ist. Gleichzeitig würden die Sanktionsdrohungen und Geschäftseinschränkungen für europäische Länder wegfallen. Und Russland könnte den verschärften US-Sanktionen entgehen, einen Großteil des europäischen Gasmarktes „behalten“, würde allerdings die Genugtuung der Spaltung der atlantischen Allianz verlieren. In diesem Sinne kooperatives Verhalten könnte letztlich auch zum Beginn eines Überganges zu „normalen“ Wirtschaftsbeziehungen werden. Dazu müsste allerdings auch eine kooperative Lösung für die Ukraine gefunden werden, sowohl für deren politische Situation zwischen den „Blöcken“, als auch für deren ökonomische Situation, welche durch den von Russland durch die Nordstream Pipeline geplanten Wegfall der Durchleitungsgebühren für russisches Erdgas für Europa (2 Mrd $) massiv eingeschränkt ist.

Wirtschaftspolitische Realpolitik und Ethik

Ferdinand von Schirach hat in seiner Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 2017 vor der Rousseauschen Rationalität, vor der blinden Akzeptanz der Macht der Mehrheit in der Demokratie, vor der Verführbarkeit des „Volkes“ und vor der Absolutsetzung von Mehrheitsmeinung eindringlich gewarnt. In den drei Kontrahenten der US-Sanktionen sind zum Teil populistische Demagogen in den politischen Führungsfunktionen. Diese gaukeln den Bürgerinnen und Bürgern vor, strategisch „im Namen des Volkes“ zu handeln – auch wenn sie dadurch hohe Kosten diesen aufbürden. Nimmt man von Schirach ernst, dann müssen Demokraten dafür eintreten, dass diese Realpolitik nicht unbeachtlich ethischer Grundsätze umgesetzt werden darf, dass letztere auch gegen den Willen des „Volkes“ verteidigt werden müssen. Russland muss in diesem Sinne für sein Verhalten in der Ukraine Sanktionen erleiden, da es die geltenden ethischen globalen Normen verletzt hat. Es gilt nicht als entschuldbares Argument, dass in früheren Zeiten auch die anderen (sowohl die USA ,als auch Europa als Kolonialmacht) diese Normen verletzt haben. Gleichzeitig muss jedoch auch die Basis gelegt werden für ein künftiges gedeihliches Nebeneinander – wenn schon nicht Miteinander – in der Zukunft. Russlands eigene Sicherheitsinteressen haben dabei gleich viel Gewicht wie jene Europas. Bisher sind nur Worte gefallen, auch wenn Russland begonnen hat, Vergeltungsschläge gegen die US-Botschaft in Moskau zu erteilen, auf die Washington in ähnlicher Münze antwortet. Es gibt noch Zeit. Diese sollte genützt werden, damit die bestehende Auseinandersetzung nicht zum Beginn eines weitreichenden, desaströsen Handelskrieges wird. Eine Mitbeteiligung der Welthandelsorganisation wäre anzuraten. Eine Eskalation hätte verheerende Auswirkungen auf die europäische, die ukrainische und die russische Bevölkerung. Die Vermengung geopolitischer mit persönlicher und parteipolitischer Interessenlage durch Donald Trump, die kürzlichen Schlagabtäusche zwischen Nordkorea und den USA, sowie die Unberechenbarkeit der Haupt-Protagonisten erhöhen zweifellos das Risiko einer weiteren Eskalation.

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Macrons Europarede: europastrategisch konkret, aber wirtschaftspolitisch vage

(am 29.9.2017 leicht verändert in der Wiener Zeitung veröffentlicht)

L’Europe En Marche!

Emmanuel Macrons große Europarede in der Sorbonne am 26.9.2017 hat, neben Kommissionspräsident Junckers Rede wenige Tage zuvor, den Schirm für ein gemeinsameres Europa weiter aufgespannt. Mehr Integration, mehr Gemeinsames, mehr Zusammenarbeit mit Willigen („Europa der mehreren Geschwindigkeiten“) wären Rezepte, um den erstarkten Nationalismus, Rechts-Populismus und Unzufriedenheit der EuropäerInnen zu bekämpfen.

Eine Vielzahl von Ideen zu den Bereichen Sicherheit, Migration, Wissensgesellschaft und Verteidigung, sowohl inhaltlich als auch institutionell bilden einen auffälligen Kontrast zu der Vagheit, mit dem Macron die wirtschaftspolitische Erneuerung der Eurozone (EZ) darstellte. Er sprach zwar, wie erwartet, von der Notwendigkeit eines Eurozonenbudgets, der möglichen Installierung eines Euro-Finanzministers, sowie der Weiterentwicklung des Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM), dem Kriseninstrument der EU, doch blieben genauere Angaben dazu aus. Viele Kommentatoren führen diesen Kontrast („Ökonomie vage – andere Bereiche konkret“) auf Rücksicht auf die schwierigen Verhandlungspartner Angela Merkels bei der Regierungsbildung (vor allem CSU und FDP) zurück. Auch in der CDU selbst hat sich der abgehende Finanzminister Schäuble mehrfach skeptisch gegen solche Vertiefungen geäußert.

Wo bleibt die Makropolitik?

Versucht man, Macrons Aussagen und Vorschläge zu bewerten, fällt auf, dass er relativ wenig zur Makropolitik, also vor allem zur weiteren Ausrichtung der Budgetpolitik sagte. Zwar stellt er sein gesamtes Wirtschaftscredo in dieser Europarede vor den Hintergrund einer (nie so genannten) „Wachstumsstrategie“, mit der er die Arbeitslosigkeit, vor allem der Jugend bekämpfen, aber auch die EU und die Eurozone auf die Zukunft vorbereiten will, doch macht er dazu nur wenige konkreten Vorschläge. Aber er fordert ganz konkret eine Harmonisierung der EZ-Körperschaftsteuern, um den sinnlosen und gegenproduktiven Steuerwettbewerb der EZ-Länder einzudämmen und damit einander in- und ausländische Investoren abzujagen. Konkret will er gemeinsame Untergrenzen und Obergrenzen (wozu letzteres?) der KÖSt. Er sagt aber nichts dazu, wo diese Untergrenzen sein sollen: bei den irischen 12.5% Regelsteuersatz oder bei den französischen 34.4%, oder beim EU-Durchschnitt von 26.2%? Er spricht sich für einen europaweiten Mindestlohn aus: auch hier wieder die Frage, auf welcher Höhe? Natürlich hätte dies den Vorteil, dass der Anreiz niedrig qualifizierter Arbeitskräfte, in höhere Lohnregionen abzuwandern, reduziert würde – außer der EU-Mindestlohn ist so hoch, dass er in Bulgarien und Rumänien die Durchschnittslöhne weit übersteigt und daher zu massiven Arbeitsplatzverlusten führt. Auf der anderen Seite ist die Idee richtig, in einem gemeinsamen Währungsraum Lohnunterschiede von bis zu 10:1 zumindest teilweise einzuebnen.

Macron spricht sich auch für die Einführung einer (in Frankreich bereits bestehenden) Börsensteuer aus. Vielfach wurde das als Unterstützung für die (früher auch von Österreich – ohne Vehemenz – geforderte) Finanz-Transaktionssteuer interpretiert, aber auch hier fehlen genauere Vorstellungen. Auch die Einführung einer EU-weiten CO2-Steuer, sowie die deutlich Anhebung der Tonnenpreise im CO2-Emissionshandel wird (richtigerweise) gefordert. Neu ist der Vorschlag, eine CO2-Steuer/Zoll auf klimaschädliche Importe zu erheben.

Mit solchen Steuerideen will Macron das EZ-Budget befüllen, mit den Einnahmen aus der Börsensteuer Entwicklungszusammenarbeit in Afrika finanzieren. Genauere Kalkulationen, bzw. Schätzungen wären hilfreich. Wofür der EZ-Finanzminister dieses EZ-Budget verwenden will, bleibt insgesamt vage: einerseits schlägt Macron strukturelle Maßnahmen vor, etwa indem die bestehenden Infrastrukturschwächen behoben werden sollen, andererseits spricht er auch von Anti-Krisenmaßnahmen, also der Finanzierung von durch Rezession auftretender Arbeitslosigkeit, und dergleichen. Inwieweit damit dem bestehenden „Juncker-Fonds“ (EFSI) als Investitionsvehikel Konkurrenz gemacht werden soll, oder etwa eine europäische (Zusatz-)Arbeislosenversicherung etabliert werden soll, bleibt in den Sternen. Mit Rücksicht auf Deutschland (?) sagte er nichts zu einer gemeinsamen Schuldenfinanzierung (Eurobonds) oder stärkerer Hilfe für hoch verschuldete Länder.

Zukunftsorientierung

Zukunftsorientert verlangt Macron rascheren Ausbau der Digitalisierungs-Infrastruktur, sowie den Aufbau einer europäischen Innovationsagentur, um für die schwächelnde Innovationskraft Europas mehr und gezielter Mittel bereitstellen zu können.

Für einen nicht-deutschen und nicht-französischen Staatsbürger ist die starke Betonung eines Gemeinsamen Deutsch-Französischen Marktes einigermaßen suspekt: realpolitisch ist zwar eine inhaltliche deutsch-französische Pionierrolle bei der EZ-Vertiefung unerlässlich, ein E-2 im realwirtschaftlichen Bereich aber für die anderen 16 EZ-Länder eher Angst machend, da es die wirtschaftliche Dominanz der beiden größten EZ-Länder mit ihren fast 50% des BIP weiter stärken würde – und damit die ohnedies bestehenden Ungleichgewichte in Europa, die signifikant zur Krise beigetragen haben, verstärken. Der von Macron behaupteten Vertiefung der EZ stünde dies diametral entgegen.

Realpolitik triumphiert über Ambition 

Per Saldo ist die Rede Macrons – abgesehen von der von ihm zelebrierten „Heiligkeit“ – positiv einzuschätzen: die Länge und Tiefe der EZ-Krise (10 Jahre Stagnation mit gewaltigen Einbrüchen in den südlichen Programmländern) macht die Weiterentwicklung der Eurozone, sowie die weitere Eliminierung ihrer Erbsünden, unerlässlich. Allerdings hätte Macron stärker die Fehler der bisherigen Wirtschaftspolitik anprangern und ein geeinteres Konzept einer europäischen Wachstumsstrategie und Schuldenfinanzierung vorlegen müssen. Dies steht, trotz einer Reihe von Einzelmaßnahmen, noch aus.

In einer Zeit der immer stärkeren nationalen Nabelschau und stärkeren Eigeninteresses ist eine wichtige Stimme für ein besseres Europa ungeheuer wichtig. Noch wichtiger aber, als diese Rede zu zelebrieren, ist es, die harte Knochenarbeit für die Verwirklichung der wichtigsten Ideen zu leisten. Und dabei geht es nicht nur darum, die Regierungen vieler skeptischer Länder von der Notwendigkeit dieser Maßnahmen zu überzeugen, sondern vor allem deren Bevölkerungen. Ohne deren positive Duldung werden die Populisten und Nationalisten weiter an Boden gewinnen. Unsere Kinder und Enkel würden es uns nicht danken. Leider zeigt der österreichische Wahlkampf einmal mehr, dass von unseren PolitikerInnen keine Analyse der wirtschaftspolitischen Verfehlungen der Vergangenheit angestellt wurde und dass infolgedessen auch kaum Gedanken an die Weiterentwicklung der EU und EZ verschwenden werden. Auch das ist eine versäumte Gelegenheit.

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