“You break it, you own it”: No Longer

This ancient retail sale adage did make sense: it alerted the handler of a (fragile) product to take care not to drop it, otherwise he would have to pay for it.

US Trump’s Populist Economic Policy

In our modern age, the powerful no longer honor this admonition. The most striking example is the economic policy of President Trump who wilfully abrogated US obligations under international agreements, e.g. his withdrawal from the Paris Climate Accord, from the Iran deal, but also, more relevant for his desired re-election, his threats and impositions of tariffs on a number of economies: stell and aluminum on his European partners, including persistent threats on automobile exports, on China where now (mutual) tariffs are covering a large part of ex- and imports, on his (former) NAFTA-parners Canada and Mexico.

As the global economic institutions, like the International Monetary Fund, OECD, the European Commission, and many forecasting institutes show from month to month, this „trade war“ poses the major downside risk to the global economy: GDP growth rates have been lowered by up to 50 basis points in recent forecasts. At the same time, the US President is putting increasing pressure on the Federal Reserve System to engineer the first reduction in interest rates since the beginning of the financial crisis in 2008. the Fed Chair, appointed by Mr. Trump himself, seems to attempt to resist this pressure, but recent indications are that a 25 basis point reduction will follow soon. Mr. Trump‘s economic policy consists of a massive reduction in corporate tax rates, in creating havoc around the world with threats and implementations of tariff impositions – and an expansionary monetary policy: all this at a time where he boasts of an excellent economic performance („the best economy the US has ever had“), with the longest cyclical upswing in history and a (measured) unemployment rate which is the envy of every EU economy.

Anything for Re-Election

Of course, Mr. Trump needs a strong economy for his election campaign. Any letdown of economic cynamics must be avoided. So first he breaks some of the main levers of US and global economic performance by his tariff policy, then he pulls all levers and exerts pressure on monetary policy to forget about its independent assessment and subsequent steering of the economy and to (inappropriately) lower interest rates: Bully Trumponomics!

Monetary Policy to Counter Trade Wars?

It is very unclear whether a lowering of interest rates by the Fed will create the desired (by Trump) effect. But symbolically it will be important: it will show the world and financial markets that thue US President has all the levers of economic policy in his hands. It the positive economic persists, Trump can claim that it was his actions on fiscal and monetary policy and on intimidating his trading partners. However, it the US economy should weaken more, Trump will have to own it and take the blame – unless he will be able to convince his electorate that he, as President, was infavor of a much stronger stimulus.

For the world economy as a whole, this populist approach to macroeconomic policymaking is extremely dangerous. We know that the US President does not care about the world economy, only about his existing and potential electorate.

Europe and the US: Two Wrong Approaches to Economic Policy

For a European, this criticism is not easy to make. European economic policy making still has at its core the consequences of the „Maastricht Criteria“: the deleterious Fiscal Compact, the legislated „Debt Brake“ – austerity. This misguided policy agenda, essentially pro-cyclical during the recovery from the crisis, has cost trillions of euros in missed growth, many thousands of unemployed, has destroyed young peoples‘ aspirations and thrown many into poverty.

So we have, in the two largest economies of the world, two „competing“ economic policy models: one „rules-based“, but based on the wrong rules, and one „populist“ which throws all established prescriptions of macropolicy over board. And none of them is willing to tackle the existential threats of climate change, of digitalization, of the imminent threats to cititens‘ well-being.

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EU-Mercosur-Handelsvertrag

Der EU-Mercosur-Handelsvertrag, der noch von allen Mitgliedstaaten und dem EU Parlament ratifiziert werden muss, bringt zwar Zollersparnisse, belastet jedoch die Umwelt und die Verteilungssituation. Es ist wahrscheinlich, dass die negativen Effekte im Sozial- und Umweltbereich die positiven Wachstumseffekte übersteigen. Damit sind seine Wohlfahrtseffekte insgesamt negativ zu beurteilen.

Für den Inhalt verantwortlich: International – Zeitschrift für internationale Politik
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Wörgl, Mini-Bots, Lagarde: zwei Beispiele verkürzter Wirtschaftsjournalistik

Wörgl heute?

Es ist schade, dass der FALTER dem zweifellos als politischer Kommentator verdienstvollem P.M. Lingens in seiner wöchentlichen Kolumne (fast) ein Monopol über wirtschaftliche Berichterstattung einräumt. Denn Lingens‘ Verständnis von Wirtschaftspolitik ist lückenhaft und einseitig. Er geißelt zwar zurecht die „Sparpolitik der EU“, manifestiert in der 3%-Defizitgrenze, dem 60% Staatsschuldenkriterium und der auch in Österreich wieder diskutierten sinnlosen und falschen „Schuldenbremse“, doch seine Lösungsvorschläge, in denen er sich wiederum (FALTER 26/19) am „Wunder von Wörgl“, dem Experiment in der Zwischenkriegszeit, lokal eigene Schuldscheine auszugeben und damit der Enge der offiziellen Währungspolitik zu entkommen, orientiert, greifen viel zu kurz.

Warum: das Wörgler Experiment, so wichtig es war, kam zu einer Zeit als Wirtschaften weitgehend lokal beschränkt war. Die Wörgler hatten zwar Zutrauen zu „ihren“ Schuldscheinen, akzeptierten sie also als „Geld“, aber schon die nächste Gemeinde, das gesamte Land Tirol oder auch Österreich insgesamt, hatte keine Grund, auf die Seriosität der Wörgler Behörden zu bauen: daher blieb das Wörgler Wunder auf Wörgl beschränkt. Zurecht stellte die Nationalbank dieses „Wunder“ ab. Heute gibt es zwar lokal begrenzte Tauschzirkel (zB in der Wiener Schöpfwerk-Siedlung), bei denen Waren und Dienstleistungen lokal ausgetauscht werden – sinnvoll – aber über den Bezirk, ja die Anlage hinaus akzeptiert niemand diese als „Geld“. Auch italienische „Mini-Bots“, für die Lingens sich einsetzt, würden über Italien hinaus, ja nicht einmal in Italien selbst über Steuerzahlungen hinaus, von iemandem akzeptiert werden, verlören dadurch ihren Charakter als Geld: Geld, das nicht durch Gold oder andere materielle Werte gedeckt ist, sondern nur durch das Vertrauen der Bürgerinnen in die Einlösbarkeit, macht es zum Geld. Es benötigt das Vertrauen in den Staat, in die Zentralbank, dass die Scheine und Münzen jederzeit eingelöst werden können, damit diese Scheine „Geld“ werden. Da es Aufgabe der Zentralbanken ist, die Stabilität des Geld- und Währungssytems für die Bürgerinnen und Unternehmen zu garantieren, wenden sich Zentralbanken auch gegen solche Privatinitiativen, eigene geldähnliche Zahlungsmittel zuzulassen. Sie könnten, wenn diese eine gewisse Quantität übersteigen, nicht mehr die Geldmenge im Umlauf kontrollieren und die Stabilität des Systems sicherstellen. Daher also der Widerstand gegen „Wörgler Wunder“, italienische Mini-Bots – zu Recht. Lingens, der zurecht gegen die Enge des EU-Sparkorsetts argumentiert, übersieht diese wichtige geldpolitische Funktion der Zentralbanken. Es geht hier nicht um die Verteidigung eines nur dem Ego der Zentralbanken nützendes Monopol, sondern um die Stabilität des Zahlungssystems.

Italiens Misere

Lingens verwechselt auch die realwirtschaftlichen Auswirkungen der Sparpolitik mit deren Finanzierung, indem er diese beiden Stränge gleichsetzt. Italien ist nicht nur bedient, weil die EU ihm keine weitere Verschuldung zugestehen will (bei einer Verschuldungsquote von mehr als 130% des BIP und hohen Zinszahlungen, die das Staatsbudget mit mehr als 5% des BIP belasten und damit produktivere Ausgaben beschränken), sondern eben auch weil es jahrzehntelang seine Ausgabenpolitik falsch eingesetzt hat und die durch den Beitritt zur Eurozone niedrigeren Zinsen nicht für eine sinnvolle Wachstums- Umwelt- und Sozialpolitik genutzt hat. Italiens Misere und Wachstumsschwäche kann nicht allein durch eine expansive Fiskalpolitik (die offenbar die Europäische Kommission ihm jetzt zähneknirschend teilweise zugesteht) saniert werden, sondern braucht zusätzlich auch Erneuerung seines Staatsapparats, ein effizienteres Steuersystem, Steigerung des Innovationsbudgets, Effizienzsteigerungen im Sozialsystem. So lange die EU und die westliche Weltwirtschaft sich dem Diktat der „freien“ Finanzmärkte zu ihrer Finanzierung unterwerfen, muss Italien auch darauf achten, dass es von diesen finanziert wird: nur mit EZB-Finanzierung kann es nicht gehen.

Lohnhöhe und Lohnstückkosten?

Noch eine Lingenssche Fehlinterpretation gehört ausgeräumt: wie schon in seinem Buch „Die Zerstörung der EU“ suggeriert er auch im Artikel „Das nächste Griechenland droht“ (Falter 26/19), dass Deutschland durch sein „Lohndumping“ niedrigere Arbeitskosten als das Vereinigte Königreich, bzw. Italien hätte. Wahr ist viel mehr, dass eine Arbeitsstunde in der Privatwirtschaft in Deutschland 2018 35.0€ gekostet hat, in Italien 27.2€, im Vereinigten Königreich 26.3€, in Österreich 34.3€ (Quelle: IMK). Wahr ist zwar auch, dass in Deutschland (und Österreich) ihre für die Wettbewerbsfähigkeit wichtigen Lohnstückkosten (also die Relation der Arbeitskosten zur Produktivität) in den letzten 20 Jahren deutlich weniger stark gestiegen sind als etwa in Italien (was sowohl auf niedrigere Steigerungen oder gar Rückgänge bei den Lohnzahlungen und deutlich stärkeren Produktivitätsanstieg als in Italien zurückzuführen ist), aber dennoch seine Lohnkosten noch immer um 29% höher liegen als in Italien. Offenbar „vertragen“ die hochpreisigen deutschen Waren dies. Deutschlands „Lohndumping“ (Lingens) bezieht sich also nur auf die relative, nicht aber absolute Verbesserung seiner Wettbewerbsfähigkeit. Italiens traurige Fast-Schlußlichtposition bei den Ausgaben für Forschung, Entwicklung und Innovation ist für den Großteil der Verschlechterung seiner Wettbewerbsposition verantwortlich. Dennoch bleibt Italien bei Industriewaren ein Netto-Exporteur (wie Deutschland). Konkret: Deutschlands Arbeitskosten sind heute deutlich höher als jene Italiens, sind aber in den letzten Jahren deutlich langsamer gewachsen, wodurch Deutschland, neben der Qualität seiner Waren, auf Kosten Italiens (und anderer Länder) deutlich Marktanteile gewinnen konnte.

Maastricht oder sinnvolle Wirtschaftspolitik

Mit Lingens lehne ich das selbstgeschnürte Korsett der EU-Budgetpolitik als ökonomisch gegenproduktiv ab. Aber es für alle Miseren der EU-Länder und derEuro-Zone verantwortlich zu machen, und die Hauptverantwortung dafür Deutschland zuzuschieben, ist zu vereinfacht und falsch. Niemand hindert die Euroländer daran, diese Regeln zu ändern, bzw. deren immer weitere Festschreibung – unter dem Titel der notwendigen Disziplinierung der ansonsten verschwenderischen Staatsapparate und Politiker – zugunsten eines sinnvollen Mix aus flexibler Makropolitik und vorwärtsgerichteten Strukturmaßnahmen auf den Misthaufen einer falsch verstandenen „Schwäbischen Hausfrauen-Politik“ zu entsorgen. Nichts hindert die EU-Institutionen daran, den räuberischen Finanzmärkten ihre die realen Lebensverhältnisse zerstörenden „Suchen nach Ertrag“ mit spekulativem Schwerpunkt wegzunehmen und den Finanzsektor auf seine gesellschaftlich eigenen positiven Finanzierungsaufgaben zu beschränken. Niemand hindert die einzelnen EU und Euro-Regierungen daran, die Interessen der Multinationalen Konzerne in die Schranken zu weisen und eine den Menschen und der Umwelt dienende Wirtschafts-, Sozial- und Umweltpolitik zu betreiben. Die EU sind wir alle, auch Deutschland ist nur ein, wenn auch mächtiges Mitglied. Eine Umkehr tut not: diese ist aber deutlich komplizierter als von Lingens mit seinem Deutschland-Bashing angedacht.

IMF-Praxis und Lagarde

Im STANDARD vom 5.7. bezeichnet Andreas Schnauder Christine Lagarde als ungeeignet für den EZB Job, da sie „für jene Markteingriffe (steht), unter denen Europa leidet“. Natürlich ist der IMF, dem Lagarde noch vorsteht, seit Jahrzehnten für seine „Konditionalität“, die strengen Spareingriffe berüchtigt, unter denen vor allem Entwicklungsländer, die Kredite vom IMF brauchten, litten. Aber der Griechenland-Fall, den Schnauder ausdrücklich zitiert, lag anders. Im IMF war 2014 die Stimmung der 192 Anteilseigner, denen der IMF „gehört“, gegen eine weitere Beteiligung des IMF an der berüchtigten Troika aus EU-Kommission, EZB und IMF, da sie darin eine Bevorzugung der reichen EU sahen, anstatt dass sich der ohnedies kapitalbeschränkte IMF den Entwicklungs- und Schwellenländern widmete. Es war Deutschland, das die weitere Beteiligung des IMF an der Griechenland-“Rettung“ forderte, da es fürchtete, dass politische Bedenken in vielen Ländern der EU dazu führen könnten, dass die Auflagen Griechenlands für sein künftiges zweites Rettungspaket zu lax ausfallen könnten. Dem IMF traute Deutschland mehr „gesunder Härte“ zu und bestand auf der Einbindung des IMF – was dort bei vielen Mitgliedern sehr skeptisch gesehen wurde. Lagarde stimmte endlich zu, behielt aber eine gewisse Distanz zum Rest der Troika. Darüber hinaus ist Lagarde für eine deutlich mildere Version der IMF-Auflagen eingetreten, und hat Budgetausweitungen, soziale Rechte und Umweltprobleme zu Anliegen des IMF gemacht, trotz ihrer generell orthodoxen, wirtschaftskonservativen Ausrichtung.

Quantitative Easing der EZB

Schnauder polemisiert auch gegen die geldpolitischen Maßnahmen der Draghi-EZB, der die außergewöhnlichen EZB-Maßnahmen zur Konjunkturrettung der Eurozone erfolgreich einsetzte und damit eine finanztechnische Katastrophe des Euroraumes verhinderte. Die deutsche Argumentation, dass damit die deutschen Sparer durch die Niedrigzinsen quasi enteignet würden, wiegt bei Schnauder die erreichte Stabilität leicht auf. Schnauder hat recht, wenn er meint, dass diese EZB-Maßnahmen nicht unbedingt in Unternehmenskredite geflossen sind, sondern überwiegend gefährliche Blasen auf den Immobilien- und Aktienmärkten verursacht haben: dennoch war durch die Selbstfesselung der Fiskalpolitik in der EU die EZB der einzig verbliebene wirtschaftspolitische Akteur, der letztendlich zu einem, wenn auch schwachen Aufschwung in der EU und Eurozone beitrug. Dies sollte man anerkennen – und nicht in Jens Weidmannscher Manie (dieser ist Bundesbank-Präsident) die armen Sparer bejammern. Die EZB als letzte Abwehrlinie gegen eine tiefe Depression war eine absolute Notwendigkeit. Dass Mario Draghi dafür die rechtlichen Grenzen mehr als strapaziert hat, spricht nicht gegen ihn, sondern gegen den dümmlichen Versuch, wirtschaftspolitische Vorgänge primär juridisch regeln zu wollen. Diese die EU und Eurozonen-Regelung durchziehende Dummheit verkennt, dass wirtschaftliche Vorgänge mit Menschen, Unwägbarkeiten, Anpassungs- und Vermeidungsstrategien zu tun haben. Deshalb ist die Volkswirtschaftslehre eine Sozialwissenschaft und keine physikalische Wissenschaft – wie leider allzu viele Modelle, sowie die grundlegende Unlogik der Annahme eines „homo oeconomicus“, eines nur rational agierenden Wirtschaftssubjekts postulieren wollen. Im Ende muss Geldpolitik vor allem die Stabilität des Finanzsystems sicherstellen. Die Zinsinteressen der Sparer bleiben zweitrangig.

Beide angeführten Fälle zeigen, dass zumindest zusätzliche Interpretationen oder weitere Differenzierungen der Argumente nützlich wären, um die Leserinnen umfassender zu informieren.

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Zwei Wochen in Zentralasien

Als (relativer) Kenner – aus beruflichen Gründen – von Kasachstan und früherer Besucher der Highlights von Uzbekistan nahm ich an einer kleinen, von einer Bekannten organisierten Reise nach Kirgistan teil, der sich noch 3 Tage in Uzbekistan anschlossen.

Tian-Shan Gipfel von Aslan-Bob(Kirgistan) aus: Hochweiden und 4000er

Tian-Shan Gipfel von Aslan-Bob(Kirgistan) aus: Hochweiden und 4000er

Die Kombination: hier das gebirgige, sehr arme Kirgistan, das von den Tian-Shan-Bergen im Nordosten und dem Pamir im Süden mit über 4000 Metern von überall her mit strahlen weißen Berggipfeln bezaubernd eingerahmt wird, und dort das uralte Kulturland Uzbekistan, in dem einige der schönsten islamischen Bauwerke (Medresen, Mausoleen, Moscheen) stehen, dieser Kontrast bildete eine auch in Zentralasien einsame, wunderbare Komplementarität für mitteleuropäische Reisende. Hier die nomadischen Viehzüchter Kirgistans, von denen viele im Sommer die riesigen Hochalmen mit ihren Tieren (Kühe, Pferde, Yaks, Ziegen, Schafe) bevölkern, die fantastischen Weiten der Hochtäler mit Wiesen voller Edelweissteppichen, die Bergseen Issyk-Kul (zweithöchster Bergsee der Welt auf 1600 m, 11 mal so groß wie der Bodensee) und Son-Kul (fast 3.000 m hoch mit mehreren Yurtencamps als Ausgangspunkt für wunderbare Wanderungen, die über 3300 m hohen Bergpässe, die Jahrtausende alten Felszeichnungen von Tieren, die Walnusswälder, Canyons und farbigen Schluchten, die an die amerikanischen Nationalparks (Bryce Canyon) erinnern – und dort die von den Nachkommen Tschingis Khans, Timor, Ulugbek und Babur im 14.-16. Jahrhundert errichteten Moscheen und Universitäten einer sesshaften Seidenstraßen-Kultur in Samarkand – all das bleibt unvergesslich.

Jurtendorf am Son-Kul-See auf 3000 m: endlose Pferdeweiden mit glasklarem, eiskaltem Wasser

Jurtendorf am Son-Kul-See auf 3000 m: endlose Pferdeweiden mit glasklarem, eiskaltem Wasser

Die Wanderungen in Kirgistan, die traurigen Überreste von Unterwasser-Torpedo-Testgeländen im Issyk-kul, die extrem freundlichen Menschen, die sichtbare Armut in den Sommerweiden, wo die Menschen in einfachen Yurten leben, aber auch die instabile politische Situation zeigen das Dilemma dieses Landes auf. Größter Arbeitgeber und Devisenbringer (40% der Exporterlöse) Kirgistans ist ein von einer kanadischen Firma betriebener Goldbergbau auf 4.000 m(!) Höhe im Permafrost mit gewaltigen Umweltproblemen (Kumtor-Mine). Kirgistan ist stolz darauf, das „demokratischste“ Land Zentralasiens zu sein, das seit der Wende schon die 5. Regierung hat: aber es ist gerade auch dieser häufige Regierungswechsel, der ausländische Investoren vom Investieren abhält, der inländische Investoren dazu bring, ihr Kapital ins Ausland zu schaffen, und der viele Kirgisen (das Land ist viermal so groß wie Österreich, hat aber nur 6 Millionen Einwohner) ins Ausland, vor allem Russland, treibt, um dort vor allem auf dem Bau etwas Geld zu verdienen.

Die Stadt Osh im seit Jahrhunderten umkämpften, weil äußerst fruchtbaren, Ferghana-Tal ist 3.000 Jahr alt, hat einen der ältesten Bazare (seit dem 11. Jahrhundert), der heute jedoch weitestgehend chinesischen Ramsch (neben einigen schönen einheimischen Filzdingen und Metallhandwerkern) anbietet. Das pro-Kopf-Einkommen von gemessenen 3.500 $ pro Jahr bleibt weitgehend in den Händen einiger weniger. Der Großteil der Bevölkerung ist arm: unsere (russischstämmige) Führerin verdient in ihrem Hauptberuf als Lehrerin etwa 200 €, ihre Schwester als Fachärztin in einer staatlichen Klinik 85 €. Trotz niedrigerer Preise kämpfen die Menschen schwer um Überleben.

Ein viel höheres Lebensniveau weisen große Teile Uzbekistans auf. In der Hauptstadt Taschkent sind die zaristischen Bauten und Parkanlagen der 1860er Jahre großzügigst gepflegt, das Leben pulsiert, die Altstadt ist klein, ein massives Erdbeben 1966 veranlasste die Sowjets, den Großteil neu zu bauen – etwa im (versuchten) Stil des Haussmannschen Paris. Fahrten durch mittlere Dörfer und Städte zeigen ein gigantisches Bauprogramm, das bereits von der Regierung des vor 2 Jahren verstorbenen Langzeit-Diktators Karimov vor Jahren gestartet wurde, angeblich zur „Modernisierung“, in Wahrheit jedoch (auch) zur sozialen Kontrolle, da die alten niedrigen in Lehmziegelbauweise um einen Innenhof gruppierten traditionellen Gebäude, in denen Kleinvieh gehalten und Gemüse und Obst/Wein angebaut und mit den Nachbarn geplaudert wurde, ratzeputz niedergerissen und die Menschen in moderne Mehrfamilienhäuser umgesiedelt wurden und werden. Damit geht viel von der alten Lebensweise verloren. Auch der neue Präsident Mirziyoyev, der auch die korrupte Tochter Karimovs, die jahrelang an nationalen und internationalen öffentlichen Bauvorhaben mitgeschnitten hatte, ins Gefängnis werfen ließ, führt diesen Modernisierungsprozeß weiter: Ganze Straßenzüge werden dem Erdboden gleichgemacht und neue Siedlungshäuser entstehen: zwiespältig!

Registanplatz in Samarkand bei Nachtbeleuchtung - faszinierende Symmetrie

Registanplatz in Samarkand bei Nachtbeleuchtung – faszinierende Symmetrie

Aber im uzbekischen Ferghanatal wachsen – unter massiver Bewässerung – Baumwolle, Reis, alle Obstarten, Getreide in Hülle und Fülle und hervorragender Qualität. In anderen, Wüstengegenden, herrscht weiterhin große Armut. Die Touristenzentren Samarkand, Buchara, Chiva – und andere – werden intensiv beworben, die Infrastruktur ausgebaut. Die von den Sowjets in den 1970er Jahren gestarteten Restaurierungen (UNESCO Weltkulturerbe) der alten Baudenkmäler sind meines Erachtens nur jenen des Iran vergleichbar – und hier noch konzentrierter vorhanden. Der Registanplatz in Samarkand ist atemberaubend, die Gräberstraße mit mehr als 20 erhaltenen (restaurierten) Mausoleen vom 12.-16.Jahrhundert einmalig! Seit Mirziyoyev braucht man kein Einreiseisum mehr, auch die Uzbeken können frei ausreisen (zu Karimovs Zeiten benötigten sie ein nur schwer erhältliches Ausreisevisum.

Der neue Aufbruch wird überall sichtbar. Die Umweltschäden durch die riesigen Bewässerungskanäle, die Wasserkonflikte mit Kirgistan und Tadschikistan, die Austrockung der Aral-See werden von der Regierung anerkannt, und münden in die Forcierung des Tourismus, der jedoch weitgehend auf die Hauptstadt und die oben genannten Städte konzentriert ist. Die jahrhundertealte Bewässerungs-(Un-)Kultur wird jedoch weiter betrieben. Warum man in solch ariden Regionen massiv Reis anbauen muss, bleibt ein Rätsel, der traditionelle Baumwollanbau, der Uzbekistan zu einem der weltgrößten Baumwollexporteure macht, ein Umweltdesaster, der Abholzung des brasilianischen Regenwaldes vergleichbar. Gold und Uran, sowie vor allem Erdöl- und Erdgasvorkommen machen Uzbekistan mit etwa 7.000 $ pro Kopf (relativ zu Kirgistan) reich. Auch dieses Geld landet in den Händen weniger, der neue Präsident versucht jedoch, auch gegen die Interessen der herrschenden Clans, mehr davon den Menschen im Land zukommen zu lassen: die Infrastruktur zeigt dies.

In beiden Ländern gibt es etwa 120 Nationen, die heute in diesen jahrtausendelang umkämpften Territorien leben: viele sind erst in der Stalinzeit aus den Randregionen der Sowjetunion dorthin deportiert worden, bzw. „freiwillig“ selbst übersiedelt. Die willkürlich gezogenen Staatsgrenzen, erst seit der Wende relevant, führen immer wieder zu ethnischen, vor allem aber auf Zugang zu Wasser konzentrierten Konflikten: die Regelungen der beiden Flüsse Syr-Darya und Amur-Darya, die die Region (Tadschikistan, Kasachstan, Kirgistan, Uzbekistan, Turkmenistan) entwässern, bleibt offen: wer welche Staudämme, welche Bewässerungskanäle, welche Wasserrechte bekommen soll, ist schon zumindest seit meiner Weltbankzeit (2002-2004) ungelöst: ein gravierendes politisches und Ressourcenproblem.

Kirgistan eignet sich hervorragend zu Wanderungen aller Schwierigkeitsgrade. Wir sahen sogar dreimal (europäische) Distanzradfahrer die 3.300 Meter hohen Pässe auf fürchterlichen Straßen hinaufradeln. Die riesigen Hochweiden mit Pferden in Hundertschaften, die von überall her leuchtenden weißen vergletscherten Berggipfel, die Edelweißteppiche und anderen derzeit blühenden Pflanzen, die ganz andere Landschaftscharakteristik als in den Alpen, die sehr unterschiedlichen Lebensformen, ausgezeichnetes (allerdings sehr fleischlastiges) Essen, die extrem freundlichen Menschen sind sehr zu empfehlen.

Timur Madrase (Universität) in Samarkand: Wissenschaftsort im 16. Jahrhundert

Timur Madrase (Universität) in Samarkand: Wissenschaftsort im 16. Jahrhundert

Über die uzbekischen mittelalterlichen Wissenschaftserfolge, vor allem in der Medizin und der Astronomie, die sich in den lange vor Europa formierten Universitäten (Medresen) entlang der Seidenstraße entwickelt haben, die für die Überleitung des alten ägyptischen und griechischen Wissens nach Europa verantwortlich sind, gar nicht zu reden. Unsere europazentrierte Weltdeutung kommt dort ins Wanken: der riesige Sextant, den Herrscher Ulugbek im 16. Jahrhundert unter- und überirdisch zur Sonnen- und Sternebeobachtung gebaut hat, hat die genausten Messungen der Planetenbahnen vor Entdeckung des Teleskops weltweit ermöglicht!

Die Errungenschaften der mongolischen Expansion haben ein Weltreich von China bis in die Türkei geschaffen und im 12. Jahrhundert eine Währungsunion und die Anfänge eines organisierten Postwesens über diese Tausenden Kilometern gebracht. Die Deportation in die Hauptstädte der persischen und chinesischen Wissenschafter und Künstler haben diese sehr hoch entwickelte Seidenstraßen-Kultur entwickelt. Dschingis Khan und seine Nachfahren sind bei ihrer Westexpansion bis nach Bosnien gekommen, haben jedoch dort umgedreht, weil dort an Reichtümern und Kulturschätzen, und schon gar nichts an Künstlern und Kunstwerken vorhanden war: sie haben sich lieber auf Persien und China konzentriert. Die nunmehr restaurierten Kunstwerke sind Zeugnis davon, aber auch von der extremen Ausbeutung der jeweils heimischen Bevölkerungen, die mit ihrer Arbeit Schweiß diese wunderbaren Bauwerke in riesiger Dimension und Anzahl geschaffen haben: Hinfahren und Anschauen und Staunen!

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Festwochen 2019 und mehr

Das letzte Mal als ich Richard Strauss‘ „Die Frau ohne Schatten“ gehört habe, muss in den späten 1950er Jahren in Graz gewesen sein. In Erinnerung ist mir davon nur der Ruf des Falken geblieben. Die jetzige Aufführung in der Wiener Staatsoper ist musikalisch sensationell: allen voran das Orchester unter Christian Thielemann, dem man die Freude und Routine an der Spätromantik anhört. Im Gegensatz zu einigen Kritikern, die das Orchester als zu zurückgenommen gehört haben, um den Sängern und Sängerinnen mehr Raum zu geben, habe ich ein fulminantes Orchester gehört, das sowohl den Bühnendarstellern genügen Platz ließ, aber in den dramatischen Stellen mit vollem Brio die Staatsoper erbeben ließ, eine Sternstunde.

Und dann die Sängerinnen: allen voran der strahlende Sopran von Camilla Nylund als Kaiserin, die auch in der Personengestaltung als Geliebte, als Mitfühlende und dann als selbst Liebende unübertroffen agiert; Nina Stemma in der Rolle der Färberin schafft es blendend, das Zickige, Frustrierte und am Leben und ergebenen Ehemann Verzweifelnde mit am Schluss Liebe geben Könnende zu verbinden, stimmlich ebenfalls wunderbar. Und auch Evelyn Herlitzius als die intrigante Menschenhasserin ist makellos. Von den Männern schießt zweifellos Wolfgang Koch als Barak den Sympathie- und Stimmvogel ab, obwohl Stephen Goulds Kaiser zuerst sehr heldisch, dann in den lyrischen Passagen überzeugend wirkt. Sebastian Holecek als Geisterbote singt ebenfalls hervorragend.

Musikalisch scheint mir die Oper zweigeteilt. Erster und zweiter Akt schwelgen in wunderschönen Passagen, vor allem die Szenen am Ende des zweiten Aktes ließen mich sprachlos zurück. Im dritten Akt wirkt alles sublimierter, und irgendwie allzu sehr an die Zauberflöte mit ihren maurerischen Ritualen und Prüfungen erinnernd, und zu lang. Irgendwie ist das Pulver verschossen, obwohl natürlich die am Ende alles besiegende Liebe erst hier gefunden wird.

Die Inszenierung ist relativ unauffällig und nicht störend, obwohl einige Einfälle – etwa die Leichen vor dem Falknerhaus und der von der Kaiserin Gepflegte – Sinnerklärungsraum nach oben haben.

Aber das soll vom überwältigenden Allgemeineindruck nicht ablenken: ein wirklich wunderschöner Opernabend, eine Sternstunde des abgehenden Direktors Meyer.

Was für eine Zertrümmerung des Theaters mit grandioser Wirkung: Robert Wilson‘s Produktion „Mary Said What She Said“ mit der fulminanten Isabelle Huppert als Maria Stuart. Einen Abend vor ihrer Hinrichtung erinnert sie sich an ihre Jugend, ihre mehreren Ehen, (Fehl-)Geburten, ihre Liebhaber, vor allem aber ihren Kampf mit Cousine Elisabeth, die sie 18 Jahre lang in schimmligen Gefängnissen gefangen hielt. Sie appelliert an ihren Bruder, den König von Frankreich, ihre Ansehen zu schützen und ihren Sohn, den sie „nie gehen gesehen hat“ zu seinem Amt zu verhelfen. Die Geschichte und ihre Fakten sind weitestgehend bekannt. Aber wie Huppert in einem eineinhalbstündigen Monolog dies bringt, als Rede-Maschinengewehr, als Heulende, als Flehende, immer als Stolze „ich bin die einzige wahre Königin von Schottland“, ist einzigartig. Wilsons tolle Lichtregie lässt sie eingangs ganz klein hinten, mit dem Gesicht zum Publikum, stehen als sie ihren Monolog beginnt: rasend schnell, man kann kaum die Übertitel mitlesen, aber darauf kommt es gar nicht an. Es ist die Art, wie Huppert dies bringt, mit stilisierten, unnatürlichen Armbewegungen, fest in ihrem Brokatkleid mit Halskrause eingeschlossen, fast unbeweglich starr, weiß geschminkt, nur ein großer roter Mund redet, brüllt, fleht, schreit, weint in einem Feuerwerk von Tönen. Die emotionale Ausnahmesituation nach langen Jahren des Leidens, der Isolierung von Freunden, von ihren 3 Marys (ihren Hofdamen), ihren Liebhabern hat sie fast wahnsinnig gemacht. Sie gibt zwar keine Angst vor dem Tod zu, phantasiert aber dennoch pausenlos vom schwarz bedeckten Block, vom Geländer des Hinrichtungsplatzes. Huppert macht dies mit Wilsons Hilfe ganz besonders eindrucksvoll. Auch ihre Verbeugungen passen zu dieser stilisierten Figur: abruptes Abknicken des Oberkörpers, kein Lächeln, nur der rote Mund im weißen Gesicht. Neues, anderes Theater!

Rene Pollesch‘ „Deponie Highfield“ im Akademietheater: ein unterhaltsames verqueres Stück mit exzellenten Schauspielerinnen (Kathrin Angerer, Birgit Minichmayr, Caroline Peters, Irina Sulaver, Martin Wuttke). Worum es geht, bleibt unklar, Zu den Klängen einer amerikanischen Westernserie stürzen die Fünf („wir sind nicht die glorreichen Sieben, sondern nur 5) wild schießend in Cowboytracht herein zu den 7 Pferden (6 weiße Lippizaner, ein Brauner) und beginnen einen Dialog, oberflächlich extrem klischeehaft und banal, oft witzig mit Hintergrund. Immer wieder geht es um Sichtbarkeit, die durch Repräsentation vernichtet wird, vor allem aber um die offenbar austauschbare (zwischen den Fünf: jeder mit jeder) „größte Liebe meines Lebens“, die jedoch zwei Tage nach der Trennung, die jeweils die eine oder andere verursacht hat, vollkommen vergessen ist. Ein fragwürdiger Auftrag, jemanden oder etwas an die mexikanische Grenze zu bringen, wird wiederholt. Einige sehr schale Sprachwitzchen (Lipica und Ibiza) sind überflüssig. Immer wieder werfen sich die 5 in wilder Schießerei (unklar ist, ob sie beschossen werden oder wen sie beschießen) auf den Boden in bester Stunt-Manier, und setzen dann unvermittelt ihren Nicht-Dialog, ihre Anklage an den verlassen habenden Partner/in, an weinerliche oder aggressive Reminiszenzen fort. Was das Ganze soll, bleibt (mir) verborgen, unterhaltsam war es dennoch.

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Zeit für eine neue Wirtschaftspolitik

Eines der Opfer der Turbulenzen der Regierung Kurz ist die Wirtschaftspolitik: zwar brüsten sich in Wahlreden der abgewählte Kanzler und sein InterimsVize und Finanzminister des „Endes der Schuldenpolitik“ und des „Nulldefizits“, ohne offenbar zu verstehen, dass dies keine Ziele einer an Mensch und Natur ausgerichteten Wirtschaftspolitik sein können, sondern bestenfalls Instrumente. Aber auch diese sind, ungeachtet ihres jahrelangen Hinausposaunens durch die Europäische Union, falsch und vielfach gegenproduktiv. Die Arbeitslosigkeit bleibt weiterhin hoch, die Armutsgefährdungsrate und die Zahl der tatsächlich Armen im viertreichsten Land der EU sind eine Verhöhnung der Armen und jener Beschäftigten, die seit vielen Jahren keine Netto-Lohnerhöhung erhalten haben – trotz Wirtschaftswachstums. Die Rate der Investitionen in Realkapital (Maschinen, Fahrzeuge, Gebäude und Ausrüstungen) bleibt niedrig, viele Unternehmen stecken ihre Gewinne eher in den ausbeuterischen Finanzsektor, der mit Staatsgarantien und Steuerzahlergeld vor seinen eigenen Aktivitäten immer wieder „gerettet“ werden muss. Ein Armutszeugnis für eine angeblich ach so erfolgreiche Wirtschaftspolitik.

Der Bundespräsident verkündet, dass die neue Übergangsregierung keine neuen Initiativen setzen solle: warum eigentlich nicht? Sie könnte mit einem erstarkten (?) Parlament endlich eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik machen. Dazu müßte sie sich vom Dogma des „Nulldefizits“ lösen und dort hinein investieren, wo die Zukunftschancen der Menschen liegen; sie müßte die begonnene Steuerreform um eine gewichtige ökologische Ausrichtung anreichern, die Halbierung der Flugabgabe streichen, Kerosin besteuern und eine Methan- und/oder CO2-Steuer einführen. Damit könnte sie einen wichtigen Schritt auf dem Weg in eine Erfüllung ihrer Verpflichtungen aus dem Pariser Abkommen machen, statt in einer zahnlosen „Klimastrategie“ nur einige teure Anreize für Unternehmen zu geben. Sie müßte die Entlastung der unteren Einkommen stärker durchführen, und dies durch Erbschafts-/Vermögenssteuern und Umweltsteuern (teilweise) gegenfinanzieren. Sie müßte mehr in Bildung, vor allem im Vorschul-, Primär- und Sekundärbereich, sowie in die Facharbeiter-Ausbildung investieren, um der nächsten Generation flexibel Chancen zu eröffnen.

Auf der EU-Ebene müßte sie das Verschweigen der Regierung Kurz bezüglich einer Reform der nicht funktionierenden Eurozone beenden, und nach einer offenen Diskussion in Österreich die auf dem Tisch liegenden Vorschläge von Präsident Macron und anderen bewerten und sich aktiv einbringen. Nur zu sagen, wie bisher, „wir unterstützen Option 4 von Juncker, also die Rückführung vieler Aktivitäten in die Nationalstaaten und die Lösung der wirklich globalen Probleme auf EU-Ebene“, ohne eine tiefere Diskussion, was das im einzelnen heißen soll, reicht nicht mehr.

Leider hat die Regierung Kurz viel Glaubwürdigkeit auf der EU-Ebene durch ihre Koalition mit der rechtsextremen FPÖ verspielt. Die Unsäglichkeiten des Ibiza-Videos haben Österreichs Glaubwürdigkeit nicht erhöht, im Gegenteil. Eine Experten/Beamten-Interimsregierung wird bei den wichtigen Zukunftsgesprächen der EU nur wenig Gehör finden, noch dazu, wo der wichtigste Teil dieser Gespräche und Festlegungen nicht in den offiziellen Sitzungen, sondern in den Gesprächen davor, dazwischen und danach stattfindet: da sind Österreichs Beamte, so versiert sie sein mögen, nicht Gesprächspartner auf Augenhöhe. Es ist derzeit kaum vorstellbar, dass Österreichs Regierung in Brüssel eine Persönlichkeit als möglichen Kommissaranwärter nennen kann, an dem die anderen 27 nicht vorbeikönnen: erstens gibt es eine solche Person in Österreich mangels internationaler Organisationserfahrung nicht, zweitens siehe Interims-Regierung… Österreich wird also wahrscheinlich ein Ressort zugewiesen bekommen, das „übrig bleibt“, und muss dann eine oder zwei mögliche Anwärter nennen. Österreichs Standing wird dadurch nicht besser. Auch in der Frage des Kommissionpräsidenten/Präsidentin kann Österreich nicht effektiv mitmischen. Kurz hat bisher aus Parteiräson sich für EVP Spitzenkandidat Weber ausgesprochen. Das könnte die neue Premierministerin zwar ändern, aber auch ihr fehlt der gute Kontakt zu den anderen Regierungschefs.

Nolens volens sollte Österreich also seine Ambitionen (hat es welche?) auf EU-Ebene aufgeben (sehr zum Leidwesen des Schreibers dieser Zeilen), und sich dem Vakuum der österreichischen Wirtschaftspolitik widmen. Dies würde allerdings auch bedeuten, dass die neue Kanzlerin eine/n versierte/n Wirtschaftspolitiker/in mit dem Finanzministerium betraut. Leider ist der Letzte, der von Wirtschaftspolitik etwas verstanden hat, vor 24 Jahren aus dem Amt geschieden. Die seitherigen Amtsinhaber haben es eher mit dem sprichwörtlichen Milchmädchen, bzw. ihrem deutschen Pendant, der schwäbischen Hausfrau, gehalten, die ja, wie wir alle wissen, „nicht mehr ausgeben kann als sie einnimmt“. Von Kredit, von Investitionen, von Zukunftsorientierung keine Ahnung.

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Kultur im wintrigen Frühling 2019

Ehre, wem Ehre gebührt: obwohl eine äußerst hausbackene Inszenierung (die 244. Aufführung einer uralen Otto-Schenk/Schneider-Siemssen) ist diese Aufführung von Beethovens Fidelio eine Wucht. Angefangen von der äußerst dynamischen Orchesterführung von Adam Fischer, der das Staatsopernorchester wunderbar intonieren läßt, sowohl in den lyrischen Passagen wie in der stark hervorgehobenen Dramatik, bis zum sensationellen Florestan von Brandon Jovanovich, der wie kein anderer von mir gesehener und gehörter Florestan im Kerker Tränen hervorrufend als nach Gerechtigkeit rufende Jammergestalt singt und spielt: so überzeugend und stimmlich brillant bringt einem niemand anderer die Trostlosigkeit, das Elend und die Hoffnungslosigkeit, die nur durch die Illusion des Engels Leonore durchbrochen wird, zum Ausdruck. Hervorragend auch Thomas Johannes Mayer als Bösewicht Don Pizarro, dem die Wildheit förmlich aus Kehle und Körper springt, ebenso überzeugend Wolfgang Bankl als Rocco und wunderschön in ihrer Ver(w)irrung Chen Reiss als Marzelline. Leider fällt Anne Schwanenwilms als Leonore etwas ab, sie bleibt hölzern und schafft es nicht wirklich, den Übergang vom Kerkergehilfen zur liebenden Ehefrau und Retterin überzeugend darzustellen. Gut auch der Chor, vor allem in der Schlussszene. Daher: allen innerlichen Schmähungen der Uralt-Inszenierung zum Trotz ein wunderschöner Abend mit einem besonders erinnerungswürdigen Florestan.

Richard Strauss‘ Salome (auch bereits die 237. Aufführung dieser Barlog-Inszenierung) ist ein Erlebnis. Michael Boder als Dirigent schafft es, eine fast nahtlose Dynamik mit dem furiosen Orchester zu erzeugen, ohne Hänger, ohne Schwächen. Die von der Kritik gescholtene Gun-Brit Barkmin schafft es, die grauenvolle Entwicklung der Salome vom verwöhnten und gelantweilten Prinzesschen zur obsessiven sexbesessenen Mörderin, überzeugend darzustellen und stimmlich der schwierigen Rolle mehr als gerecht zu werden. Warum man einer solchen Sängerin im Schleirtanz nicht ein Double zur Verfügung stellt, sollte sich die Intendanz fragen, denn was Barkmin hier aufführt, ist an Peinlichkeit kaum zu überbieten. Dennoch sängerisch einwandfrei und mehr. Die Schleimigkeit und Feigheit, und letztlich die Abscheu des Herodes bringt Herwig Pecoraro exzellent auf die Bühne. Der Jochanaan von Markus Marquardt orgelt wunderschön aus den Tiefen, bringt die Verkündigung des Christus hervorragend an die nicht zu überzeugende Salome, zeigt aber auch menschlich-fleischliche Schwächen, die er dennoch nach einer Handberührung Salomes zugunsten seiner Heiligenmission überwindet. Jörg Schneider als übergewichtiger Narraboth singt hervorragend, ebenso wie Ulrike Hetzel als ihn vergeblich zur Ordnung rufender Page. Jane Henschel gibt eher eine Karikatur der Herodias, als die von Jochanaan Verfluchte (gemeinsam mit ihrer Tochter Salome). Die 90 Minuten Aufführung vergehen wie im Flug.

Was soll man zu Verdis Macbeth sagen? Die Musik ist, vor allem in ersten Teil äußerst enttäuschend, sie wirkt unfertig, nicht durchkomponiert: zwar gibt es schöne Arien, dazwischen aber ist Leere und Flachheit. Dies ändert sich ein wenig im letzten Teil, der geschlossener und durchdachter klingt. Verdis schwächste Oper, meinem Verständnis nach. Dennoch: durchaus beachtliche Sängerleistungen, ein sehr engagierter Dirigent James Conlon, der allerdings, besonders zu anfangs mit einem kaum hörbaren unsicheren Orchester vorlieb nehmen musste. Gewaltig jedoch die Stimm- und Präsenzleistung der Tatiana Serjan als Lady Macbeth, die stimmstark die Dramatik dieser Getriebenen und Machthungrigen exzellent verkörpert. Ihre einzigen schwächeren Momente kamen in den wenigen Koloraturen, deren Behendigkeiten sie nur unzureichend meisterte. Dennoch eine sehr hörenswerte Leistung. George Petean als Macbeth stand ihr zwar um einiges nach (wie es ja auch die Rolle erfordert), doch brachte er dessen Wandlung in das von den Hexenvoraussagen getriebene Monster durchaus überzeugend zur Geltung. Ferruccio Furlanetto gab einen überzeugenden Banco, ohne jedoch extra zu brillieren. Positiv zu erwähnen ist auch die Inszenierung. Die Lichtszenerie ist erhellend, die verschiebbaren riesigen Betonblöcke lassen den sich auf die Machterhaltung verengenden Tunnelblick der beiden Macs äußerst beklemmend erscheinen. Mein Entschluss jedoch: nie wieder Macbeth – es zahlt sich nicht aus.

Ziemlich enttäuschend ist Leonard Bernsteins Candide in der Kammeroper, apostrophiert vom Maestro als comical operetta. Voltaires fulminanter gleichnamiger Roman, eine Weltreise mit den unvorstellbarsten Abenteuern und Personen, konzipiert als Gegenschrift zu Leibnitzs glaubensütigem Optimismus, in „der besten aller möglichen Welten“ (der Guru Dr. Pangloss) zu leben und dem Rationalität und den jeweiligen Kontext gegenüberzustellen, wird Bernstein meines Erachtens nicht gerecht. Hier haben wir eine gefällige Inszenierung, ambitionierte und tolle SängerInnen und ein bestens bestücktes, vergrößertes Kammerorchester, das Bernsteins Potpourri mit Verve zum Besten gibt. Aber die Figur des Parzifal-ähnlichen naiven Candide, der überall seine Cunegonde sucht, bleibt blass, die von ihm zu überstehenden Abenteuer platt und die End-Idylle, im Schrebergartenbau seine Bestimmung zu finden, unglaubwürdig. Wie von Bernstein zu erwarten, baut er in seine Musik alle möglichen Elemente und Zitate ein, von madrigalähnlichen Chören, über melodische Klassik, Jazzelemente und natürlich Musical-schmissige Weisen. Für jemanden (wie mich), der Operetten wegen ihrer Vorspiegelung der heilen Welt verabscheut und Musicals ditto, eine Enttäuschung, wenn man Bernsteins tiefer gehenden Musikwerke gehört hat.

Ein wirklich grauslicher Schock hingegen ist Episode 2 der 3 Episodes of Life von Markus Öhn im Rahmen der Wiener Festwochen im Studio Molière. Es geht um die „klassische“ MeToo-Situation, der Direktor einer Tanzgruppe empfängt eine seiner Tänzerinnen in seinem Hotelzimmer. So weit so bekannt. Aber wie abstoßend dies auf einer Kinoleinwand mit 2 durch fixe Masken versehenen mit breiten Sexlippen ausgestatteten Protagonisten verallgemeinernd dargestellt wird, ist hart zu ertragen. Der Direktor wird anfangs im Bad gezeigt, wo er sich genüsslich seinen Hodensack rasiert und dann im Bademantel (darunter nur Unterhose) auf seine Tänzerin wartet, mit Prosecco und Prosciutto und Crackers im sterilsten aller Hotelzimmer versehen. Extrem ungustiös und schwer zu ertragen, wie diese Vorbereitungen in vielen Wiederholungen und Zeitlupe gezeigt werden – alles untermalt mit elektronischer Musik, die von einer maskierten Performerin und einem Performer grandios veranstaltet wird. Dann kommt die hausbackene Tänzerin, Direktor spielt galant, schenkt ihr Prosecco ein, erklärt „väterlich“ dessen Wert, dann gibt es abstoßende Versuche – immer mit leichten sexuellen Anspielungen – sich und gegenseitig den Prosciutto in den Maskenmund zu stopfen, danach bittet der Direktor, nachdem er die tänzerische und künstlerische Qualität übertrieben lobt, eine Fußmassage machen zu dürfen. Allem stimmt die Tänzerin leicht widerstrebend zu, offenbar bewusst, dass ihre Karriere durch Widerstand nicht befördert würde. Direktor streichelt die Beine immer höher hinauf, zieht die Tänzerin hoch, und legt sie auf den Fussboden und beginnt langsam einen immer furioseren Cunnilingus, bis er selbst – mit Eigenhilfe – zum Höhepunkt kommt. Dazwischen hat er ihr die Unterwäsche zerrissen, betastet ihre Brüste: sie liegt still, klammert sich an ihre Umhängetasche, die sie nie abgelegt hat und die Reste des Prosciutto– und läßt alles mit sich geschehen, ohne Orgasmus. Der Direktor kriecht ins Bad aus dem Bild. Langsam richtet sie sich auf, und statt sich nun davonzustehlen, geht sie ins Bad, sieht den dort wie tot liegenden Direktor, den sie zu trösten beginnt, und meint, er solle sich nicht schämen, das wäre schon öfters vorgekommen. Darauf hängt er sich an sie und streichelt mit seinen spermabedeckten Händen ihr Gesicht und Haar. Offenbar will er mehr (Zärtlichkeit, Sex?), sie aber zieht sich zurück, geht dann. Zuvor noch richtet er ihr aus, den anderen Mädchen nichts davon zu erzählen, da diese sonst eifersüchtig würden. So armselig, so ungustiös, abstoßend und schockierend ist diese Täter-Opfer-Situation, so antierotisch ist Sex, noch nie gezeigt worden. Es kostete enormen Aufwand, dies eineinhalb Stunden durchzusitzen. Mir wurde richtig physisch schlecht dabei. Im Ganzen „Spiel“ gab es nichts offen Lüsternes, nichts Romantisches, nichts Erotisches, nur Armseliges, fast folgerichtig „Alltägliches“ : das ist die „Kunst“ dieses Abends, eine oft gelesene MeToo-Situation so abstoßend darzustellen, wie sie vielleicht wirklich ist. Ob damit Klischees bedient werden? Ob die Rollenverteilung Täter-Opfer gelungen ist? Das alles bleibt offen: das Abstoßende der Darstellung, das wahrscheinlich der Wirklichkeit nahekommt, bleibt im Gedächtnis. Erwähnens wert noch jedenfalls der Effekt der ekelerregenden Masken, die je nach Situation, je nach Fotografierwinkel, je noch Kopfhaltung der Protagonisten, ungeheuer szeneverstärkend und versatil wirken, wobwohl sie aus Hartmaterial sind, also nicht flexibel, nicht einmal wie Habjans Klappmaulpuppen den Mund bewegen können.

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