Impressionen von Kurt Bayers 75er

Einige Bilder von meinem “Geburtstags-Vortrag” im Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung, betitelt mit “Risse in der Globalen Wirtschaftsordnung” und von den vor- und nachgelagerten Festivitäten.

 

Attached are a number of fotos from the birthday lecture “Disruption in Global Economic Governance” (“Risse in der Globalen Wirtschaftsordnung”) at the Austrian Institute of Economic Research, including pre- and after-lecture festivities.

 

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Theaterherbst 2018

 

Fulminant ging das 25-Jahr-Jubilärum der Musicbanda Franui im Konzerthaus über die Bühne. Das „Ständchen der Dinge“ genannte Programm wurde unter der Mitwirkung des wundervollen Bariton Florian Boesch, des Puppenspielers und Kunstpfeifers (und Sängers und Sprechers) Nikolaus Habjan, von Doerte Lyssewski und Peter Simonischek als Leser, Wolfgang Mitterers, der an der Orgel Unerhörtes aufführte und des tollen Sängers Karsten Riedel abgefeiert. Es war wieder einmal die originelle, unvergleichliche Fusion von Romantik (Schubert, Schumann und Brahms) mit Volksmusik und jazzigen Arrangements, von authentischen Lebensbeschreibungen in Villgraten, von Georg Kreisler (Triangel) und anderen, immer tiefsinnigen Gedichten und Prosa- und Musikstücken. Bezeichnend für den Trauermarsch-Fetischismus der Franui ist nicht nur der Aficionados altbekannte Zugabe-Trauermarsch (lostzns obi, losstzn obi, lossztn obi den Falott), sondern auch die Beziechnung der drei Teile als vor-vorletzter, vorletzter und letzter Teil. Die phänomenale Musikalität der Franui läßt auch die eigenartigsten Texte nie kitschig werden, haben oftmals tiefgründigen Humor – welcher gut auch ohne die tollpatschige gewollt osttirolerische Rede n des sonst wunderbaren Adnreas Schett auskommen könnte.

Die externen Mitwirkenden rundeten ein Programm ab, auf das man als zuhörender Laie nie kommen würde. Gegen Ende zu wird das Programm immer melancholischer (siehe „Trauermarsch“), aber es bleibt stimmig. Habjan als Puppenspieler, erstaunlicher Sänger und begnadeter Pfeifer bleibt ein Original, das man erfinden müsste, wenn es ihn nicht gäbe.

Standing Ovations nach mehr als 3 Stunden Programm.

Das ambitionierte Projekt Verteidigung der Demokratie, eine Politshow von Christine Eder und Eva Jantschitsch im Volkstheater ist nicht nur zu diesem Zeitpunkt äußerst wichtig, sondern auch ausnehmend gut gelungen. Das Stück mit Musik baut auf den Verfassungsentwürfen von Hans Kelsen am Beginn der Republik Österreich nach dem Ende des 1. Weltkrieges auf und zeigt die Kontroversen zwischen Kelsen und Ludwig von Mises (Österreichische Schule der Nationalökonomie und Begründer des Instituts für Wirtschaftsforschung) bezüglich des Freiheitsbegriffes auf: Kelsen betont die individuellen Bürgerrechte, Mises die Bedeutung des Privateigentums für die persönliche Freiheit: nur jemand, dem niemand etwas vorschreiben kann, weil man dessen Eigentum verwendet (zB mietet), ist tatsächlich frei. Kelsen ist da strikt anderer Meinung und betont, dass Privateigentum aber schon gar nichts mit Freiheit zu tun habe. Das Stück läßt dann den radikalen Marktbefürworter Friedrich von Hajek auftreten, der sich gegen John Maynard Keynes positioniert, Thatcher und Reagan und der Wirtschaftspolitik beeinflußt, da er laut Stück (und Stephan Schulmeister) durch die Gründung der Mont Pelerin Society in der Schweiz langfristig der Marktideologie auch in der Volkswirtschaftslehre zum Durchbruch verholfen hätte. Ich selbst hänge dieser Verschwörungstheorie nicht an, wenn ich auch Hajeks, dann Friedmanns Neoliberalismus und dessen Deutungshoheit anhänge. Weiter geht es zu den Chicago Boys, die nach dem CIA-geförderten Sturz Salvador Allendes Chile zum Vorzeigeland des Neoliberalismus gemacht haben: Flexibilisierung der Löhne und Arbeitsbedingungen, faktische Abschaffung der Gewerkschaften, Privatisierungen großen Stils, auch des Pensionssystems und Schulwesens. Die Spätfolgen dieser den gesellschaftlichen Zusammenhalt zerstörenden Politik („there is nothing like society, there are only individuals“ (M. Thatcher)) werden in den letzten Jahren vermehrt sichtbar. Nach dieser gewaltigen Tour d`horizon über die Wirtschafts-und Demokratiegeschichte, die immer wieder mit den einzelnej Lebensstationen Kelsen gespickt ist (Wien, Deutschland, Schweiz, Prag, USA – immer wieder Lehren in neuen Sprachen) und sehr clever die jeweiligen Protagonisten der Ökonomie vorstellt, zerstören die Darstellerinnen wütend das aus Blöcken aufgebaute Gebäude der herrschenden Ökonomie – und nehmen dabei gleich die Demokratie, deren Gebot des Dialogs und Ausgleichs mit. Aktuelles wird immer wieder durch dazwischen geschaltete Telefonanfragen verunsicherter Bürger an eine offizielle Stelle zur Darstellung der Demokratie (oder so ähnlich) veranschaulicht, wo es um Terrorismusangst, Migrantenangst, Sicherheitsangst und andere Ängste, die zunehmend die Bürgerinnen verunsichern geht: all diese werden durch bürokratische Endlosfloskeln beantwortet. Der zunehmende Abbau von demokratischen Grundrechten, die im totalen Überwachungsstaat münden (können) wird zur End-Dystopie dieses Abends. Zwischen den einzelnen Phasen immer wieder hervorragende Musiknummern von Eva Jantschitsch, zum Teil mit entstellten Tönen, wodurch trotz extremer Lautstärke die Texte kaum verständlich sind. Diese über die Bühne zu projizieren, wäre eine große Hilfe.

Die Inszenierung dieses Stückes ist grandios, mit einfachsten Mitteln und großer physischer und vor allem mnemotechnischer Leistung der Darstellerinnen. Ich fürchte nur, dass für die Nicht-Eingeweihten Ökonominnen und Demokratiebeflissenen im Publikum das rasante Sprachtempo die Verständnisfähigkeit auf eine allzu harte Probe stellt: schade.

Als (kritischer) Ökonom hätte ich mir eine intensivere ökonomische Beratung bei der Stückerstellung gewünscht, das hätte vielleicht etwas mehr Ordnung in das riesige herangezogene Material gebracht. Die Schau, die teilweise in der Inszenierung an die alten Brecht-Inszenierungen (etwa „Die Mutter“) erinnern, aber viel dynamischer angelegt sind, ist äußerst verdienstvoll, qualitativ hochwertig umgesetzt. Besonders verdienstvoll ist die Wiederbelebung Kelsens und seine wiederholt vorgebrachte Meinung, dass Demokratie nichts mit Privateigentum zu tun hat, also auch mit genossenschaftlichem und öffentlichen Eigentum verbunden sein kann. Angela Merkels Diktum von der „marktgerechten Demokratie“ wird somit ad absurdum geführt und sollte schleunigst auch bei unseren Politikern auf dem Misthaufen der falschen Gesetzmäßigkeiten entsorgt werden. Frenetischer Beifall, auch von den vielen Jugendlichen im Auditorium.

Buchtipp: Perfidious Albion von Sam Byers, Faber&Faber 2018. Ein dystopischer Roman, der ungeheuer packend die nicht unrealistischen Möglichkeiten der neuen Digitalisierung schildert, die Manipulation der öffentlichen Meinung, die ungeheure Machtzusammenballung bei den Datenbesitzern – und die Ausgeliefertheit auch der Kritischsten an die Manipulation dieser. Das Bild vom Großen Bruder aus 1984 steigt auf, hoch technisiert, aber ebenso mächtig. Es geht um das nur langsam sichtbare „Experiment“ einer anonym bleibenden Firma, angeblich einen Wohnblock im öffentlichen Eigentum zu übernehmen und die noch verbleibenden Mieter hinauszuekeln. Darauf hin bilden sich Unterstützergruppen, Gegner, die aufeinander und die Mieter losgehen: alles ist von denselben Mächten gesteuert. Drei Frauen – und die ihnen teilweise zugehörigen Männer – versuchen auf unterschiedliche Weise, nachdem sie langsam in Schritten hinter die Machenschaften kommen – auch diese Versuche sind von den Machthabern manipuliert – sich gegen dieses Experiment, das sich eine stinknormale mittlere Kleinstadt als Exerzierfeld ausgesucht hat, zu wehren, bevor der Algorithmus auf ganz England ausgeweitet wird. Die eine Frau arbeitet in dem Manipulationsbetrieb (hier weiss keiner vom anderen wieviel dieser weiss, und keiner weiss alles), sie ist in den Medien angreifbar weil sie in einer Dreierbeziehung lebt, vom Arbeitgeber angreifbar, weil sie in ihrem Curriculum eine Gewalttat stehen hat); die zweite ist scheinbar extern objektiv, hat aber eine Reihe von Internet-Persönlichkeiten erfunden, mit denen sie die zunehmend fremdenfeindlichen und reaktionären Kolumnen ihres Liebhabers attackiert – natürlich ohne desssen Wissen; die dritte ist auch technisch hochbegabt und scheint sich eher erotischen Manipulaitonen hinzugeben: diese drei versuchen, die Manipulation aufzudecken, Nummer 1 muss sich zum Schutz ihrer Familie einkaufen lassen, Nummer 3 bleibt außen vor, und Nummer 2 scheint aus dem Ganzen halbwegs intakt hervorzugehen. Allerdings bleibt dies offen, da sie nach dem Auffliegen des gesamten Irrsinns (oder der realistischen Zukunft) erstmals wieder die Natur wahrnimmt und „Petrichor“ denkt. Ich mußte diesen Begriff googeln: er bedeutet den feinen Geruch, der nach einem Regen von der warmen Erde aufsteigt (????). Danach ddreht sie ihren Computer auf – und das Buch schließt vielleicht folgerichtig mit der „Fehlermeldung 404: Die Seite, die Sie suchen, existiert noch nicht“. Irritierend, aber nicht unlogisch.

Im Hamakom Theater Nestroyhof spielt das grandios choreographierte und gut gespielte, aber rätselhaft bleibende Stück von Alfred Drach „Das Kasperlspiel vom Meister Siebentot“. Vordergründig geht es um Populismus, soweit verständlich: die Kasperlpuppe (aus Sägemehl) wird durch eine Blutspende des Publikums lebendig und spielt dessen Aussagen in etwas abgeänderter Folge zurück, wodurch sich neue Bedeutungen ergeben. Es spielen eine (Horvathsche) armselige Hure und ihr Zuhälter, ein Schuster, eine Tänzerin, ein Lehrer, zwei Soldaten, die immer wieder in unterschiedlichen Formationen auftreten und vom Kasperl Meister Siebentot, der die Abgünde menschlichen Handels darstellt beamtshandelt werden. Die ihm folgen, werden mit einem Kasperlhut belohnt. Im Programmheft wird die anarchistische, antifaschistische Haltung Drachs, der das Stück 1935 als Anti-Hitler-Stück begann beschrieben. Dennoch läßt mich das Stück ratlos zurück. Tolle sängerische und darstellerische Leistungen und eine exzellente Inszenierung wiegen diese Ratlosigkeit nicht auf.

Im Theater an der Wien eine fulminante Aufführung von Händels „Teseo“, einem Medea-Stück. Wunderbare Musik, dirigiert von Rene Jacobs mit der auf Originalinstrumenten spielenden Berliner Akademie für Alte Musik, einem entsprechend personell reduzierten Arnold Schönberg Chor und (fast) durchgehend fantastisch besetztem Ensemble machen diese Aufführung zu einem Erlebnis. Das Ganze ist zeitlich in die Zeit am Ende des 2. Weltkrieges versetzt (stimmiger und zu heute passender wäre das Ende des 1. Weltkrieges gewesen) und spielt in einem barocken Adelspalais mit wunderbarer Ausstattung, welches an das Stadtpalais Liechtenstein erinnert. Es geht um die letzten Schlachten eines Bruderkrieges, die vom unbekannten Teseo für den König von Athen, Egeo, gewonnen werden. Egeo hat der Königstochter Medea, einer Zauberin, für ihre Schlachthilfe die Ehe versprochen, entbrennt aber nun plötzlich für sein Mündel Prinzessin Agilea, die ihrerseits Teseo liebt wie er sie. Die unglückselige Medea, die nicht in der Liebe, sondern nur in der Rache und Vernichtung der RivalInnen ihre Befriedigung finden kann (dem sind schon ihr Bruder und ihre Kinder zum Opfer gefallen) wütet im Zorn, verspricht jedoch hinterhältig Teseo, dass sie sich beim König für seine Liebe zu Agilea einsetzen wird – tut sie aber nicht und bringt Agilea fast um, läßt sie aber leben, damit diese Teseo entsage und ihm dies selbst mitteile. Agilea stimmt zu, um Teseo, dem Medea andererseits den Tod androht, zu retten, kann dies jedoch nicht und gesteht Teseo alles. Es soll zur Hochzeit kommen, dabei aber will Medea, dass der König Teseo vergifte, was dieser vorhat. Er erkennt jedoch plötzlich in Teseo seinen verschollenen Sohn, beschimpft Medea, die sich in letzter Raserei selbst den Tod gibt.

Dies alles ist bemerkenswert inszeniert, wobei einige der Zauberszenen (die Elevation Medeas, die Monster, die an Teseo nagen) ebenso entbehrlich sind, wie die Heroin- und Alkoholsucht Medeas. Grandios ist vor allem Gaelle Arquez als Medea, die in wunderbarer Petrol- und dann roter Robe und mit ungeheurer Vitalität und Monstrosität die Rachegeöttin Medea gibt und stimmlich fast unübertroffen agiert. Blass gezeichnet die „gute“ Agilea, Mari Eriksmoen, als Gegenpol, die die schwierigsten und längsten Koloraturen meistert und berührende Liebesduette mit Teseo singt. Dieser wird von Lena Belkina vielleicht am relativ schwächsten gesungen und kann, da einen Kopf kleiner als Medea und auch Agilea, die Rolle des heldischen Liebhabers nur unglaubwürdig darstellen (ja, auch die Optik spielt in der Oper eine Rolle). Ob hier die Besetzung mit einem (weiteren) Countertenor nicht besser gewesen wäre. Dennoch wächst auch sie in den Duetten zu berührender Form auf. Christophe Dumaux als König Egeo singt sehr schön als Counternor timbriert den eifersüchtigen, geilen und dann wütenden, letztlich großherzigen König, der der „Stimme des Blutes“ nachgibt und zugunsten seines wieder gefundenen Sohnes Teseo auch auf den Thron verzichtet. Ausgezeichnet auch das Neben-Liebespaar Clizia (Robin Johannsen) und Arcane (Benno Schachtner), die es leichter haben, da sie nur durch eine einzige Verwirrung zur endgültig vom König abgesegneten Liebe gehen müssen.

Händels Musik ist ganz wunderbar, die kammermusikartige Orchestrierung bringt wunderschöne lyrische und orkanartige Ausbrüche hervor. Insgesamt eine ganz großartige Vorstellung.

Ist es ein „Sittenbild“ der Medienbranche, das sich in „Der Untergang des österreichsichen Imperiums oder Die Gereizte Republik“ im Theater an der Gumpendorferstraße ausbreitet? Jedenfalls eine ganz tolle Inszenierung, in welcher die bis auf Blut und die Zähne gehenden Auseinandersetzungen in der gezeigten Realität kontrastiert werden mit idyllischen Landschafts-, Lauf- und Wasserfall-Badebildern, die sich die Protagonisten offenbar so sehr wünschen. Es geht um acht Schreibende, die sich wie schon viele Jahre vorher (mit Ausnahmen) in einer feudalen Villa am Semmering treffen, um – unter Wegsperren der Handies – miteinander zu plaudern, zu diskutieren, zu streiten, mit einem gräßlichen neudeutschen Wort „abzuhängen“. Grotesk, aber wirklich witzig sind die immer wieder eingestreuten „nach unserer Tradition……“ (zB gehen die Männer jetzt kochen; oder: trinken die Frauen einen Campari Soda), die die aufbrechenden Existenzprobleme, Eheprobleme, und vor allem Berufsprobleme durchbrechen. Einer der acht, der jüngste, früher Schützling einer der Frauen, ist nunmehr Herausgeber oder Chefredakteur eines kommerziell sehr erfolgreichen Boulevardblatts (lies: KronenZeitung), die meisten anderen sind 50 plus, und offenbar durch verschiedene Ereignisse nicht mehr „angestellt“, sondern Freiberufler. Die meisten sind/waren „links“ und „kritisch“, der Junge ist es nicht: der biedert sich an die neuen Machtverhältnisse an, ist erfolgreich und lockt die Prekären, die vom „guten Journalismus“ träumen, mit Lockangeboten („Du kannst alles schreiben, was Du willst; ich will Dich, nicht Deine Meinung….“). Diese wanken und zögern. Standhafter sind die Frauen, obwohl auch nicht ganz eindeutig. Letztlich kommt es zum Faustkampf der einen Frau mit dem Jungen, der früher ihr Schützling war, sie aber auf dem Weg nach oben nicht mitgenommen hat. Sie besiegt ihn mit ihrer brutalen Kampftechnik – eine Weile sieht es so aus, als ob sich (fast) alle anderen in den Blutrausch mitnehmen lassen, doch lassen sie es bleiben. Der scheinbar Besiegte offeriert, den anderen die Füße zu waschen, wobei er allerdings den einen oder anderen ausspart. Letztlich bleibt er Sieger: Rechte Kommerz hat gegen linken Journalismus gewonnen.

Das Stück ist gespickt mit ganz aktuellen Erwähnungen von Ereignissen der jüngsten Zeit, vielleicht zu plakativ: dennoch zeigt es gut den nach rechts drehenden Zeitgeist Europas und Österreichs an – und dabei auch den Einfluß der Medien: zwar wird die potenzielle Macht des 4. Standes (Medien) als zu Ende beurteilt, der junge, in seiner Selbstverliebtheit und seinem Erfolg sich suhlende Medienmacher jedoch zeigt, dass Regierungspropaganda sich für einige bezahlt macht.

Hervorragende Schauspielerinnen-Leistungen mit hohem körperlichem Einsatz, tolle Musikeinlagen und schräge, aber hervorragende Inszenierungs-Ideen machen dies zu einem Danse Macabre der 2. Republik. Absolut sehenswert!

Ein anderer Buchtipp: erstmals habe ich etwas von Evelyn Waugh gelesen und war fasziniert. A Handful of Dust“ aus dem Jahr 1934 zeigt die Ignoranz und Dekadenz der englischen Adelsgesellschaft zwischen den Kriegen auf in einer ganz nüchternen, aber raffinierten Sprache. Haupt-Protagonisten sind ein junges Paar auf einem viel zu großen Landgut, welches eine beispielhaft glückliche Ehe führt, zumindest scheint es so nach außen. Der Mann ist auf dem Gut aufgewachsen, letztlich ist es ihm „mehr wert als alles andere auf der Welt“. Die junge Frau scheint die Idylle zu genießen, beginnt aber – ohne dass die Gründe hiefür erläutert werden – mit einem „Undesirable“ fremdzugehen – und entfernt sich immer weiter von Mann und Kind, welches ohnedies einer Nanny anvertraut ist. Sie nimmt eine einfache Wohnung in der Stadt, ihr Mann, der vermeint, dass sie ein Volkswirtschaftsstudium !!) begonnen hat, schiebt seine lange ventilierten Pläne, sein Haus zu modernisieren, auf um ihr das bieten zu können. Sie bewegt sich in einem Zirkel von Frauen (teils neu aus London, meist jedoch auf ihrem vorigen Kreis), die ohne irgendwelche Gewissensbisse oder Schuldgefühle ihrem Mann gegenüber, sie in ihrer neuen Umgebung bestärken. Auch sie selbst scheint keinerlei schlechtes Gewissen zu empfinden, ja sie versucht sogar, ihn mit einer anderen zu verkuppeln (was abolut mißlingt).Durch einen Unfall stirbt das Kind („niemand ist schuld“!!!!), sie nimmt dies zum Anlaß, ihn um die Scheidung zu bitten. Durch ihre exorbitanten Alimenteforderungen (natürlich willigt er ein, die Schuld auf sich zu nehmen, Gentleman der er ist) kommt er auf ihre Untreue, sieht plötzlich ihre Intrigen ein, und beschließt, auf Abenteuerreise zu gehen. So kommt er in den Amazonas, als Gentleman-Explorer nach der Suche nach einer nie zuvor gesehenen Stadt. Dabei kommt er fast um, wird von einem bei Indianern lebenden Halbweißen aufgenommen, der seine Malaria und sonstigen Wunden pflegt, und von ihm nur „Vorlesen“ erbittet, da er zwar eine große Bibliothek hat, aber nicht lesen kann. Es stellt sich heraus, dass er den Briten quasi als Gefangenen hält, ihn nicht wegläßt und während eines induzierten Fieber- und Halluzinationsschubes eine Suchexpedition mit Hinweis auf einen Grabhügel wegschickt. Unser Held geht im Urwald verloren. Zuhause erbt nicht seine (Ex-)Frau, sondern verarmte Verwandte Haus und Gut und ziehen dort – die Geldnot ruft – eine Silberfuchsfarm auf, auch mit dem Ziel, das Anwesen wieder zu seiner früheren Glorie zu führen. Zu seinen Ehren bauen sie auf dem Anwesen ein Denkmal mit der Inschrift „Anthony Last of Hetton, Explorer, Born at Hetton 1902, Died in Brazil, 1934“ auf.

Die Art, wie Waugh diese unglaubliche Geschichte, die Mindsets der Hauptcharaktere, aber auch die Gesellschaft beschreibt, ist unnachahmlich konzise, unverschnörkelt und präzise. Nachlesenswert.

Werner Schwabs „Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos“ im Akademietheater macht eine einheitliche Bewertung schwer. Die grauenhaften Verhältnisse der Mieter eines Zinshauses, hier die frömmelnde Mutter mit ihrem sich als Künstler (Maler) fühlendem verkrüppelten, vielfach mißbrauchtem Sohn, der sich in Träumen und Fantasien den Tod seiner „Mutti“ sehnlichst herbeiwünscht, die Familie „mit Migrationshintergrund“ aber österreichisch sein wollenden Nachbarn Kovacic, mit reichsdeutscher Mutter, voll mit Angestelltemstolz protzendem Vater, der seine minderjährigen Töchtern nicht nur befingert, sondern brutal vergewaltigt, und darüber die vor Hass auf die Mieter, auf die Menschheit, auf sich selbst (alter Ego von Schwab?) thronende, reiche Frau Grollfeuer, all dies wird in typisch Schwabscher Manier und Unmanier langatmig abgefeiert. Das Ganze wird gemildert dadurch, dass es durch das grandiose Puppenspiel von Regisseur und Puppenführer Nikolaus Habjan, plus einige andere, stark abstrahiert wird: einzig Frau Grollfeuer wird 1:1 lebendig und fantastisch durch Barbara Petritsch dargestellt. Regie und Ausstattung sind hervorragend, besonders eindrucksvoll das auf den Vorhang porträtierte wunderschöne Gesicht von Petritsch in rätselhafter Mimik, ebenso wie die Lichtregie in der fulminanten Schlußszene, als Grollfeuer mit ihren ungeliebten Mit-Mietern die ganze Menschheit (und sich selbst) zerstört. Der ganze letzte Akt versöhnt mit den ersten beiden, von denen jedenfalls die Darstellung der Familie Kovacic reichlich überflüssig für den Höhepunkt des dritten ist. Im letzten monologisiert Petritsch über ihr hasserfülltes, liebeloses, verkommenes Leben, das sie weitgehend allein mit ihrem Hass auf sich selbst und die Umwelt – mit Ausnahme einer kurzen Phase mit dem Gynäkologen und Psychoanalytiker Grollfeuer – verbracht hat. Hier wächst Schwab über den sonst sehr stark an Thomas Bernhard erinnernden Sprachduktus hinaus. Der Regie mit Petritsch gelingt hier ein berührender, überzeugender Monolog mit Tiefgang. Die Sprache der Grollfeuer mit ihren non-sequiturs, ihren Wiederholungen, ihren Analogien schafft, a la Wittgenstein, ein tieferes Bewußtsein über die Armseligkeiten der menschlichen Existenzen. Inwieweit dies über Grollfeuer hinaus verallgemeinerbar ist, bleibe dahingestellt. Ich sehe darin die Lebenserzählung des Schwab selbst. Der Kontrast zur Sprache der anderen Mieter, vielleicht mit Ausnahme des Krüppels in seiner Traumerzählung, ist gewollt und stimmig. Der Krüppelkünstler verdient sich dadurch auch die Umarmung und Forttragung seiner Leiche durch Frau Grollfeuer, vielleicht eine Andeutung von Liebe ihrerseits?

Der Eidnruck bleibt gespalten: zur Pause dachte ich mir, dass ich mir eigentlich diesen Schmarrn nicht weiter ansehen wolle, obwohl die Regie außerordentlich ist. Der dritte Akt entschädigt jedoch für die Längen und Überdrüsse der vorigen mehr als genug. Einige Kürzungen wären anzuraten.

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Disruption in Global Economic Governance – Risse in der Globalen Wirtschaftsordnung

(At the invitation of the Chair of the Washington-based Emerging Markets Forum meeting in Tokyo on Oct.28-30 I gave a speech on the above topic. On Nov. 28, I gave asimilar lecture (in German) at the Austrian Institute of Economic Affairs (WIFO) on the occasion of my 75th birthday. The background paper can be uploaded from http://www.emergingmarketsforum.org/wp-content/uploads/2018/10/Global-Economic-Governance-for-web.pdf.)

In my presentation I argued that the multilateral system of global economic governance was in crisis, and that Western domination would come to a halt. I talked about the drivers of this process, of why global cooperation was necessary and about future issues to be considered in re-designing global governance.

The Drivers

The most obvious driver of the demise of global cooperation is the US withdrawal from various multilateral agreements (TPP, TTIP, the Paris Climate Accord, the Iran agreement, the recent migration pact, among others), their attack on the world Trade Organization, the imposition of tariffs on friends and foes on national secutrity grounds, and others more. President Trump’s recent speech at the UN General Assembly where he reiterated his disdain for global cooperation and professed once more his “America First” agenda proves the point.

But all this is overlaid by the fact that in global institutions (IMF, World Bank, also WTO) the  “West”, i.e. the industrial countries, who built these institutions after Word War II and have dominated them ever since, have failed to adjust voting rights and influence to shifting economic weights. Today, industrial countries together produce less than 50% of global output, while 25 years ago this share was around 2/3. Attempts by emerging and developing countries to gain more voting rights, access to financial means and influence on these institutions have continually been rebuffed. The latest “quota review” by the IMF has brought only minor changes, another quota review is in progress. The IMF is still – as ever – run by a European, the World Bank still – as ever – by an American. Emerging countries have “voted with their feet” and created their own institutions: the New Development Bank by the  BRICS countries, the Contingent Reserve Arrangement, the Asian Infrastructure Investment Bank, and others. These new institutions make the existing fragmentation of global governance even stronger.

A third driver is increasing disillusionment with the existing “system” of globalization, global governance, in the “West”: the rising inequality within countries, loss of job security, high unemployment, stagnating wages, the reduction in the share of wages in total output, and very strongly, the destruction of the environment and climate change – all these are attributed to this system, which is said to be dominated by neo-liberal profit motives, pushed by multinational corporations and the rich who profit from it. Increasingly violent protests agains G-7, G-20, IMF/World Bank Meetings have resulted. The rise of right-wing populist parties who promise an end to “globalism” and a return to “my country first”-nostalgia, lead to loss of confidence in the political process, in the “elites” and threaten social and political cohesion.

Why Global Cooperation?

The delivery of global public goods (climate, migration, security, economic stability, the fight against cross-border crime, tax evasion and money laundering) require joint, i.e. global action. No country alone can provide them, without agreements they will be under-supplied.

Global cooperation is necessary for the vast majority of small and developing countries: The strong do not need cooperation, they get their way anyway, witnout considering the effects on the other countries; also, if only 2 countries dominate, we know from economics that duopolies are inherently unstable, and their battle for domination can draw the whole world into an abyss.

The present time of vast technological developments (digitilization, artificial intelligence) is the time where the regulatory rules for the futures are being decided, see e.g. the ongoing fight for how the next G-5 technoligy will be developed. It is of utmost importance that joint rules are developed which also consider the interests of small and weak countries.

Future Issues

Here we need to talk about substance and instiutions. Frequently in discussions of future global governance, the all-important substance question is left out, but how the world economy and society will develop in the 21st century is of eminent importance for the citizens of the world. Their support of the global order is necessary for its sustainability.

In theory, the template for the future economic and trading system exists already in the form of the 2015 by all UN-members agreed Sustainable Development Goals. They give equal weight to economic, social and environmental objectives – even though they leave out how potenital conflicts between these three areas would be mitigated. Thus, Three E’s”: efficiency – equity – environment are important. Today, in international agreements (WTO rules, Free Trade Agreements, Double Taxation Agreements, etc.) the conomic goal dominates, often at the expense of equity and environmental considerations.

Further, much more input from civil society is necessary, both in the deliberation, but also in the decision-making processes of global rules. Political elites frequently benefit themselves from rules-making (corruption) and often do not take the interests of their citizens into account, unless they are supported by powerful lobbies. It would be also important to give more weight to sub-national political entities (states, cities) which frequently are setting examples in cross-border cooperation.

The excessive amount of destabilizing (short-term) capital flows needs to be reined in. Today for every transaction in the real sector, several hundred financial transactions are undertaken. This is destabilizing, as the financial crisis in Latin America, in East Asia and especially in the West (2008 ff.) have shown. In the same vain, efforts to stop money laundering and fight tax evasion must be stepped up.

Future rules must give much more consideration to the state of development, the cultural and historical heritage of countries. Infant-indstry arguments, industrial policy, public property, etc. are often important identification points for populations which they do not want to give up in the name of economic efficiency. In this way, the trend towards “regulatory alignment” in agreements must be re-considered.

Representations and voting shares in existing global governance institutions must be aligned to today’s economic weights, and diverse approaches to socio-economic developments must be accepted. There are legitimate value systems outside of the West. Only then is more capital for these institutions warranted.

Today, the fruits of trade and direct investment are shared very unequally. I propose to create a Compensation Fund to be funded by the proceeds from these activities, to be shared by both home and host country workers. I am not talking about cash payments, but of training of displace workers in home countries and of better wages or the building up of social protection systems in the host countries. This would go some way to even out the gains from trade and would make cross-border activities more acceptable to the populations.

As far as institutions and power are concerned, the only thing certain is that the Western domination of the global governance system is receding. It is most likely that multi-polarity will be the dreigning geo-political and also economic criterion of the next decades. This will make consensual global rules-setting very unlikely. Rather, it seems probable that in some areas “coalitions of the willing” might be formed, whose members want to proceed with agreements. Such caoalitions should remain open to accept future members. It seems likely that for such agreements to get traction, at least one strong member from the developed and one strong one from the emerging countries’ side should be included – but these two should not be allowed to set rules to their own benefit at the expense of all other countries.

Multi-polarity means also that Western “values” will no longer dominate. The West needs to recognize the existence and legitimacy of other value systems. Imposition of Western values on (all) other countries will disappear, but they should further persist in the West. An interest-based policy („Realpolitik“) is in order.

A future system of global economic governance will need to be wider in terms of substance by including with equal weights social and environmental objectives. It will be even more fragmented because fewer universal agreements are likely and since more and more institutions will be created, by like-minded groups of countries or non-governmental organizations (“vertical funds”).Still, it is to be hoped that common sense prevails that in our common world stewardship of creating a good life for all requires cooperation, if of new types.

 

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Das EU-Dilemma Italien

(als Kommentar in der Wiener Zeitung vom 20.11.2018 leicht abgeändert erschienen)

Die italienische Regierung beharrt gegenüber dem EU-Kommission auf ihrem vorgelegten Entwurf für das Staatsbudget 2019. Es sieht eine Neuverschuldung von 2.4% des um optimistisch geschätzte 1.5% wachsenden Bruttoinlandsprodukts vor. Da die Vorgängerregierung von der EU abgesegnete 0.8% Neuverschuldung paktiert hatte, wird dies von der Kommission als schwerer Verstoß gegen die EU-Budgetregeln gesehen. Italien lehnt eine Neuvorlage ab. Die EU-Budgetregeln sehen genaue Prozeduren für die Budgetgebarung der Mitgliedstaaten vor. Sanktionszahlungen, die bis zu 0.5% des BIP reichen können, sind möglich.

Italiens Regierung, deren einzelne Mitglieder alle möglichen originellen EU-feindlichen Verhaltensweisen zeigen, argumentieren die neuerlichen Ausgabensteigerungen damit, dass die Sparmaßnahmen der EU die italienische Bevölkerung massiv verarmt hätten, weswegen nun ein Ausgleich geschaffen werden müsse.

Ein genauerer Blick in die Zusammensetzung des italienischen Budgets zeigt, dass entgegen herrschender Meinung Italiens Regierungen die von ihr beeinflussbaren Ausgaben seit vielen Jahren im Zaume halten: Italien erzielt seit Jahren einen „Primärüberschuss“ im Budget. Die jahrelangen Defizite (und damit Erhöhungen der exorbitanten Schuldenquote) werden durch die hohen Zinszahlungen, die Italien zur Finanzierung seiner Schulden leisten muss, verursacht. Diese betragen im Durchschnitt etwa 4% des BIP. Tatsache ist aber auch, dass die Wachstumsschwäche Italiens, welches in den letzten 20 Jahren insgesamt nur um etwa 7% gewachsen ist, (Deutschland und Frankreich um etwa 30%), jedenfalls in die Verantwortung aller Regierungen der letzten 20 Jahre fällt.

Die Finanzkrise der letzten zehn Jahre hat gezeigt, dass die Bekämpfung der hohen Schuldenquoten Europas durch „Sparpolitik“, wie sie die EU-Kommission durchgesetzt hat, kontraproduktiv war: während der Krise sind die Schuldenquoten der Euro-Länder um mindestens 10 Prozentpunkte gewachsen, die Arbeitslosigkeit ist in den meisten Ländern rasant angestiegen und die Verarmung breiter Bevölkerungsschichten hat zugenommen. Dieser Sparpolitik sind auch die italienischen Regierungen der letzten Jahre gefolgt, ohne dass das Wachstum angesprungen ist, ohne dass die Schuldenquoten sich verringert hätten.

Nach dieser Logik haben die Argumente der europafeindlichen italienischen Regierung einiges für sich. Allerdings lösen die jetzt geplanten zusätzlichen Ausgaben nichts an der grundlegenden Wachstumsschwäche: ein kurzfristiger Wachstumsschub wird rasch verpuffen. Schlüssig wäre eine Erhöhung der Defizitquote, wenn ein Großteil in langfristig wachstumsstärkende Maßnahmen fließen würde: etwa in eine Steigerung der erbärmlich niedrigen Forschungs- und Entwicklungsausgaben (Schlusslicht in Europa), in eine Verbesserung der digitalen Infrastruktur, in effiziente Ausbildungs- und Weiterbildung, in innovationsfördernde Maßnahmen. Solche Ausgaben versprechen jedoch nicht zusätzliche Stimmen bei der nächsten Wahl, sondern sprächen für staatsmännische Verantwortung: diese der derzeitigen italienischen Regierung zuzusprechen, wäre jedoch ebenso weit von ihrem Selbstverständnis entfernt wie die Sorge um die Integration von Flüchtlingen.

Regeln sind zwar wichtig, die Forderung ihrer Einhaltung muss sich jedoch auch nach den sich ändernden Gegebenheiten richten: ein noch höheres Primärdefizit Italiens hilft niemandem.

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Gibt Europa auf? Zur Fragilität der westlichen Gesellschaften

 

Bis vor kurzem konnte man glauben, dass unsere Gesellschaften unverrückbar fest im System der liberalen offenen Demokratie verankert sind, die sich nach dem Ende des zweiten Weltkriegs – auch unter dem Druck der US-Amerikaner – etabliert hat. In Österreich bekamen wir bereits im Jahr 2000 den ersten Schock, als die schwarz-blaue Regierung die wichtige Institution der Sozialpartnerschaft in Frage und ins Abseits stellte. Dies wurde zwar nach deren Ablöse wieder teilweise rückgängig gemacht, sogar mit deren demokratiepolitisch bedenklichen Verankerung in der Verfassung, aber plötzlich sahen wir, wie schwach die Grundpfeiler unserer Realverfassung sind, wenn eine Regierung gezielt vorgeht. Derzeit bekommen wir das wieder, verstärkt und offenbar wirksamer, vorgeführt. Eine national-konservative Regierung versucht vehement, ihr wirtschaftsfreundliches Konzept einer aus dem letzten Jahrhundert stammenden neo-liberalen Ausrichtung autoritär durchzusetzen. Sie folgt dabei Beispielen aus Ungarn und Polen, aus dem derzeitigen Italien. Aber auch in Deutschland bröckeln die Fassaden, das Erstarken der AfD, die Auflehnung aus Bayern gegen alles, was nach „liberal“ klingt, das konfuse Verhalten der Sozialdemokraten: möglicherweise wird Österreich diesmal zum Vorangeher Deutschlands. In Frankreich verliert der wirtschaftsliberale Reformer Macron, der sich zum Ziel gesetzt hat, die Links-Rechts-Spaltung zu überwinden, Minister und Ansehen, und in den USA hat sich der obszöne narzisstische Berserker Trump zum Vorsprecher des autoritären Nationalismus gemacht. Seine kürzliche Rede vor der UNO-Vollversammlich, bei der er explizit erklärte, internationale Zusammenarbeit sei ihm Wurscht, die Welt solle wissen, dass er immer für „America First“ sei, erschreckte die Delegierten ebenso wie es sie lauthals amüsierte, als er seine Regierung zur jemals besten in Amerika ausrief.

Ein besonderer Fall ist Großbritannien, wo die Spaltung der Bevölkerung in einer Schicksalsfrage zwischen nostalgisch auf das verlorene Weltreich Blickende (nationalistische „Brexiteers“) und die Vertreterinnen der offenen Gesellschaft (denunziert als „Bremainers“, also jene die jammernd in der EU bleiben wollen) von der hilflosen Regierung und der hilfloseren Opposition der Labor Party tatenlos und „clueless“ mit angesehen wird. Hier wird nicht mehr diskutiert, es wird nur taktiert und propagiert. Und das in der „ältesten Demokratie“ der Welt, wie die Briten gerne von sich sagen. Die kürzlichen Parteitage von Labor und Konservativen haben keine Klärungen gebracht, haben keine Zukunftsvision, keine Aussichten auf Wie Weiter erkennen lassen. Labor ist zerrissen zwischen EU-Skeptikern (Corbyn und seine Momentum-Leute) und jenen, die als Mitglieder die EU menschenfreundlich und sozial machen wollen, die Tories zwischen rabiaten Selbstdarstellern, die unter allen Umständen, mit allen (von ihnen nicht deklarierten) Konsequenzen austreten wollen (zB Rees-Mogg und Johnson) und von einer „Souveränität“ träumen, die wie Joschka Fischer so treffend sagt, aus dem vorigen Jahrhundert stammt und versunken ist wie Schnee vom vergangenen Jahr. Wie diese Zerrissenheit zu kitten ist, und vor allem wer das können soll, ist nicht absehbar: der Zerfall Großbritanniens, und eine noch weiter fragmentierte Gesellschaft stehen im Raum.

Und dann noch die EU: hier fuhrwerkt man weiter, als ob nichts gewesen wäre: zwar gibt es Verfahren gegen Demokratieverstöße von Ungarn und Polen, aber sonst ist „business as usual“. Man ist hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt. Dabei ginge es vor allem darum, dass die EU sich auf der geopolitischen Ebene bemerkbar macht, wo gerade der Hegemonialkampf zwischen den USA und dem aufstrebenden und nach Einfluss heischendem China läuft. Hier geht es darum, wer die Regeln für Wirtschaft und Gesellschaft im laufenden Jahrhundert bestimmen wird: dabei sind weder die USA noch China für die „offene Gesellschaft“. Da wäre die EU mit ihrem Wertesystem besonders gefragt, das noch immer, wenn auch immer schwächer, auf einem solidarischen Gesellschaftssystem aufbaut, das alle Bevölkerungsteile teilnehmen läßt am Gesellschafts- und politischen Leben. Zwar sprechen die hohen Quoten der Armen und Armutsgefährdeten auch in Europa (über 20% in Deutschland, über 40% in Griechenland) eine deutliche Sprache, aber hier, und nur hier gibt es Armutsbekämpfung, öffentlichen Zugang zum Gesundheitssystem und zur Ausbildung. Wenn Europa nicht im internationalen Tohuwabohu darum kämpft, werden diese öffentlichen Güter als “wettbewerbsschädlich“ bald verboten werden. Und die österreichische Ratspräsidentschaft? Fällt nur insofern auf, als der Bundeskanzler mit Präsident Putin poussiert, während gleichzeitig britische und niederländische Fahnder russische Cyber-Kriminelle festnehmen, die sich in internationale Organisationen und Wahlen einhacken.

Die europäischen Eliten tanzen nach dem Willen der vom derzeitigen „System“ Profitierenden, bzw. (in Großbritannien) nach dem der Souveränitätsnostalgiker. Es kommt zunehmend auf die Zivilgesellschaft, auf die Bevölkerungen an, ihre Politiker aufzufordern, das europäische Solidarmodell als Errungenschaft zu sehen und auf der globalen Ebene als genuines Interesse Europas zu verteidigen.

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Das MARE NOSTRUM in der Oper 2018

Zwei vollkommen unterschiedliche Zugänge, zwei Jahrhunderte Unterschied und zwei diametral musikalische Prozesse: ich spreche von „Die Zauberinsel“ in der Kammeroper und „Il Barbiere di Siviglia“ in der Staatsoper.

Die Zauberinsel ist definiert als Opernpasticcio von Jean Renshaw und Dieter Senft nach William Shakespeares »The Tempest«  unter Verwendung von Musik des 17.-Jahrhunderts britischen Barockmeister Henry Purcell – ein eigenartiges Unterfangen. So tendenziell vorhersehbar das Sujet – im Machtkampf unterlegener Bruder wird mit seinen beiden Zwillingstöchtern auf unwirtliche Insel verbannt, versklavt den dortigen Machthaber, erringt mit Liebes-Luftgeist magische Kräfte, will die nach Schiffbruch dort anlangenden Söhne des verhassten Bruders mit seinen Töchtern verbinden, erleidet dabei Probleme, führt aber diese zu Happyend und zurück aufs Festland, und verbleibt mit Caliban auf der Insel – und so wunderbar einfallsreich Jean Renshaws Regie und die Sänger- und Sängerinnenleistung mit dem grandiosen Bach Consort, so zerrissen wirkt diese aus allen möglichen Musikstücken Purcells zusammengeschusterte Musik. Wenn man an die wunderbare Purcelloper Dido und Aeneas denkt, die wie aus einem Guss ist, so wird dieses Pasticcio des Einezlstücken aus Purcells vielfältigem Schaffen nicht gerecht. Schade, denn alle Sänger, vielleicht mit Ausnahme der blassen Ariel (Tatiana Kuryatnikova), machen ihre Sache sehr sehr gut. Besonders hervorragend der Countertenor des Riccardo Angelo Strano als Hippolito – es ist schon erstaunlich, woher das Theater an der Wien immer wieder diese tollen Countertenöre auftreibt, aber ebenso bemerkenswert Jenna Siladiew als Miranda und Ilona Rvolskaya als Dorinda. Exzellent auch Dumitru Madarasan als der Trunkenbold Trincola, der die als Stroh-Sexpuppe aufgetreten und -getragen werdende Schwester des Taliban zur Frau bekommt: schmunzeln machte mich seine, auch von meinem Chor gesungene, Liebeshymne „I gave her cakes and I gave her wine“, die er immer wieder hervorbringt. Auch Johannes Bamberger als Ferdinand und vor allem Krsitjan Johannesson als grundelnder Bass und hassender und sorgender Vater Prospero, der auch die verbindenden Texte spricht, machen ihre Sache äußerst gut. Besonders hervorheben msus ich aber auch Martin Dvorak als das Monster Caliban, den Renshaw (wie sie dies öfters macht) akrobatische Glanzleistungen verbringen läßt, und der manchmal auch kaum verständliche Wortfetzen äußern darf, vor allem wenn er Trincola anstiften will, Prospero auf die Seite zu bringen, damit er selbst wieder über seine Insel gebieten kann.

Alles in allem: absolut sehens- und hörenswert, aber leider der wunderbaren Musik Purcells nicht voll gerecht werdend.

Als Gegenstück dazu Rossinis Barbier, durchkomponiert und in der 475. (!!) Aufführung dieser Inszenierung (nach Günther Rennert) noch immer überzeugend (im Gegensatz zu einige der vollkommen vom Staub überschwemmten Schenk-Inszenierungen). Ein hervorragend von Jean-Christophe Spinosi geleitetes Orchester, und vor allem eine sichtlich Spaß habende Besetzung bringt dieses flache Luststück mit Schmiss und Verve auf die Bühne. Ganz toll Margarita Gritskova als Rosina, die die schwierigen Passagen mit Leichtigkeit und exzellenter Schauspielkunst meistert, hervorragend auch Wolfgang Bankl als Bartolo, souverän sowohl in Stimme und Spiel Adrian Eröd als Figaro, aber auch Jinxu Xiahou als Almaviva, auch wenn er etwas Zeit braucht, um sich stimmlich in Form zu bringen. Witzig und sängerisch tadellos Anatoli Sivko als Basilio. Als eher Nicht-Rossini-Fan fand ich das Ganze doch sehr stimmig, witzig und musikalisch trotz des Sujets anspruchsvoll. Der Kontrast einer durchkomponierten Oper zu einem „Pasticcio“ am Vorabend war eklatant. Für mich erhebt sich die Frage, warum die Kammeroper nicht etwa Dido und Aeneas spielt und statt dessen einem Komponisten wie Purcell Gewalt mit einer zusammengestückelten Oper tun muss. Es gäbe genug anderes anspruchsvolles Material.

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What is the appropriate role of structural reforms in E(M)U deepening?

What is the appropriate role of structural reforms in E(M)U deepening?, Kurt Bayer, Andreas Breitenfellner

This article has just been published in Focus on European Integration Q3/2018 , http://www.oenb.at/focus.

Kurt Bayer

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