Ukraine: Wiederaufbau mit Oligarchen?

Ukraine: Wiederaufbau mit Oligarchen?

(leicht verändert in Der Standard am 19.5.22 veröffentlicht)

Bisher sind Milliarden an Hilfsgeldern aus dem Westen in die Ukraine geflossen, um sie in ihrer Selbstverteidigung zu unterstützen. Weitere Milliarden werden nötig sein.

Gleichzeitig beginnt international eine Diskussion über die Finanzierung des Wiederaufbaus.

Bei der Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank in Washington Mitte April 2022 bezifferte der ukrainische Premierminister Schmyhal die Kosten des Wiederaufbaus derzeit auf 600 Milliarden Dollar.

Reparationen

Auch Russland wird sich an diesen Kosten beteiligen müssen. Dazu könnten die im Ausland beschlagnahmten Währungsreserven der Russischen Nationalbank, im Ausmaß von etwa 350 Mrd $ ebenso herangezogen werden, wie die beschlagnahmten Vermögenswerte russischer Oligarchen. Wie groß letztere Summe ist, ist derzeit nicht vollständig bekannt bekannt. Einzelne Schätzungen beziffern die Vermögen russischer StaatsbürgerInnen im Ausland mit 1 Billion $.

Beschlagnahmungen: öffentliche und private Vermögen

Nach geltendem internationalen Recht ist es zulässig, dass UN-Mitglieder Vermögen eines Aggressors beschlagnahmen dürfen, im Fall von Privatpersonen muss jedoch nachgewiesen werden, dass diese mit der Regierung, bzw. dem Eroberungsfall in engem Kontakt stehen. Auch Österreichs „Erfolge“ bei der Aufspürung von Vermögen von auf Sanktionslisten stehenden Personen sind – aufgrund gesetzlicher Möglichkeiten, vielleicht auch mangelnden Impetus der Banken und Behörden – mangelhaft. Allerdings ist strittig, ob diese Vermögen nach Ende des Anlassfalls, also des Krieges, nicht zurückgegeben werden müssen. Sie könnten in diesem Falle nur als Teil eines „Friedensabkommens“ zu Reparationen herangezogen werden, also jedenfalls nicht sofort. Realpolitiker würden anmerken, dass die Verhandlungsmacht dabei im „Westen“ liegt, da sich dort die beschlagnahmten Gelder befinden. Die juristische Aufarbeitung wird jedenfalls viele Jahre dauern und vielen AnwältInnen langjähriges gutes Auskommen sichern.

Wiederaufbau unter oligarchischen Strukturen?

Bisher in der internationalen Diskussion vernachlässigt, dennoch extrem wichtig ist die Frage, inwieweit die Ukraine in der Lage sein wird, ihren Wiederaufbau zu bewerkstelligen. Tatsache ist, dass die internen Institutionen der Ukraine bereits vor dem Krieg Anlass zu massiver Kritik gegeben haben. Auch die Ukraine ist weitgehend ein “Oligarchenstaat”, in welchem aufgrund der kriminellen Art der Privatisierung von früherem Staatsvermögen und neuer Machtnetze keine Rede von einer auch nur annähernd “freien Marktwirtschaft” sein kann. Im Corruption Perceptions Index von Transparency International rangiert die Ukraine 2021 auf Platz 122 von 180 Ländern. Aggressor Russland nimmt Platz 136 ein, Belarus Platz 82. Ebenso liegt die Ukraine bei der Bewertung der Qualität der Regierungsarbeit am untersten Ende ihrer regionalen Osteuropa und Kaukasusgruppe und wird dabei unter allen 38 Empfängerländern der EBRD 2021 nur von Turkmenistan, Bosnien, Tadjikistan, Libanon und Westbank-Gaza untertroffen.

Bisher wurde in der internationalen Medienöffentlichkeit auch fast nichts über die Vermögen der ukrainischen Oligarchen im In- und Ausland berichtet, vor allem auch nichts darüber, dass sie bereit wären, ihr Vermögen zur Verteidigung und zum Wiederaufbau einzusetzen.

Ein Verteidigungs- und Wiederaufbaufonds

Ein für den Wiederaufbau etablierter “Verteidigungs- und Wiederaufbaufonds”, in welchem Hilfs- und beschlagnahmte Gelder gebündelt und gezielt vergeben werden können, scheint sinnvoll. Es geht es dabei um wichtige inhaltliche Fragestellungen, nämlich in welche Richtung dieser Wiederaufbau, mit welchen inhaltlichen und zeitlichen Prioritäten gelenkt werden soll: soziale (Wohnungen, Ausbildung, Gesundheit) rittern mit wirtschaftlichen Notwendigkeiten (weiterhin Schwerpunkt auf Getreide und Schwerindustrie oder Überspringen der üblichen Entwicklungsstufen hin zu einer modernen technologiegetriebenen Wirtschaft), ebenso fossil- energiepolitische mit “grünen” Notwendigkeiten. Die Kriegszerstörungen sollten auch Anlass zur Stilllegung alter, energieverschwenderischer Industriestrukturen bieten, die Abhängigkeit von alten Kohle- und Atomkraftwerden, sowie von russischem Gas zu verringern und aktiv den Klimawandel zu bekämpfen.

Künftige Rolle der Zivilgesellschaft

Die Mühen der Wiederaufbau-Ebene, wann immer diese kommen, dürfen nicht vor der (berechtigten) Hochachtung des ukrainischen Verteidigungswillens, vor der Heroisierung von Präsident und Bevölkerung kapitulieren und die Notwendigkeit der Überwindung weiterhin starker oligarchischer Machtstrukturen übersehen. Die demokratiepolitische Fortschritte der letzten Jahren reichen noch nicht. Der Wiederaufbau muss mit dieser Hypothek, die das Land ausgeplündert hat, Schluss machen und transparente wirtschaftliche und politische Verhältnisse schaffen. Dies können nur die UkrainerInnen selbst.

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Will Oligarchs Reconstruct Ukraine?

Billions of Dollars have been spent on aiding Ukrainians fighting Russia’s invasion of their country. More will be necessary and forthcoming. At the same time an international discussion of how reconstruction of this partially destroyed country has started. At the spring meeting of the International Monetary Fund and the World Bank two weeks ago Ukraine’s prime minister Schmyhal estimated the costs of reconstuction at around 600 bill $. The longer the war and the destruction of infrastructure and buildings goes on, the higher the costs will be.

Russian Reparations

It is clear that Russia will have to foot part of this bill. Observers state that the impounded more than 350 bill $ of Russia National Bank reserves which are held abroad may be used for reconstruction, as well as the assets impounded from sanctioned oligarchs and others. No robust estimates exist how much the latter will be. Russian assets in Switzerland are estimated at between 150 bill $ and 200 bill $, but not all of that belongs to sanctioned persons. Italy so far has impounded 1 bill $ worth of Russian assets. The website „Russian Asset Tracker“ is attemöpting to identify Russian assets abroad. Frankfurter Allgemeine Zeitung reports on the demand of a number of prominent economists for world wide registers of ownership, a demand so far unsuccessfully lodged previously in discussions about tax shifting. These have so far only very partially successful. Some estimates assess Russian assets abroad at around 1 trillion $.

How to deal with Russian assets abroad is being discussed controversially by legal scholars (see e.g. https://www.lawfareblog.com/response-philip-zelikow-confiscating-russian-assets-and-law). All seem to agree about the legality of UN members impounding an aggressor’s assets; however, with respect to private persons’ assets a close link to the offending government must be established. The “technical” problem that final assets ownership frequently is very difficult to establish because shell firms, intricate structures, etc. are being used to shield beneficial ownership is well known to me from my stint at the World Bank and EBRD boards when trying top obtain clearance from the compliance department about the ban by these banks to do business with “politically exposed persons”. A whole field of tax advisers and lawyers lives well off this opacity. Investigative platforms recently have uncovered a host of hidden assets, both legal and illegal.

Impounding Official and Private Assets

These impounded official and private assets could form part of the money necessary for defense and reconstruction. However, legal controversy exists whether these funds can be disbursed now, or – as reparations – only after hostilities cease. A number of international and national laws seem to forbid immediate disbursement, since these assets would have to be paid back once the reason for impounding them – the war – ceases. But in a “peace settlement” Russian reparations, with or without the impounded funds – will be part of the settlement. In Realpolitik, however, since the West holds these funds (maybe in trusteeship to the Ukraine), its negotiating position to include them into reparations is strong. Legal arguments, however, will secure the income of generations of lawyers to come.

Ukraine’s Governance Deficiencies

Another question, hitherto ignored in analyses and media, is whether Ukraine will be able to implement its reconstruction. We nave to remember that already before the war, Ukraine’s domestic institutions and structures were far from satisfactory. As a legacy of the way the Soviet Union was dissolved and the concomitant privatization of former Soviet state assets, Ukraine has become an “oligarch state”, far from resembling a Western democracy. Transparency International’s Corruption Perceptions Index for 2021 allots to Ukraine 32 of 100 possible points and ranks it only in place 122 out of 180 countries surveyed. That puts it in the neighborhood of Swaziland, Nepal, Egypt, Algeria and Zambia. Russia gets 29 points, rank 136. EBRD’s assessment of “good governance” puts Ukraine at the bottom of its regional group Eastern Europe and Caucasus. Of the 38 recipient countries of EBRD funds, only the governments of Turkmenistan, Bosnia, Tadjikistan, Lebanon and Westbank-Gaza are ranked worse than Ukraine. This puts the ability of a future Ukraine to implement the costly and difficult task or rebuilding in severe doubt.

So far we also have not heard of Ukrainian oligarchs (domestic or abroad) to spend part of their assets to rebuild the devastated country.

A Defense and Reconstruction Fund

Reasonable proposals have been made to bring these defensive and reconstructions funds into a dedicated fund which guarantees efficient management and non-corrupt disbursements. The question arises of whether this should be lodged within one of the existing institutions, e.g. World Bank or EBRD, or other, or whether a completely new structure would be optimal. While the development banks have local experience and project experience in the country, their decision structures and procedures are slow and expensive.

Also, important questions of substance need to be solved, primarily by Ukrainians: what should be the priorities of reconstruction (e.g. habitation or enterprises, education or healthcare, infrastructure and fossil and nuclear energy or green energy, etc.), should the country further rely on grain and heavy industry or jump ahead into high-tech production and services, could this occasion be used to scrap outdated heavy industry structure and build a climate-friendly and green economy, and many more. All successful reconstruction will also depend on many of the highly educated persons who fled abroad returning to help.

Future Role of Ukrainian Civil Society

The hardships of a long drawn-out reconstruction should not deter from honoring the amazing efforts by the Ukrainian government and especially its heroic population in answering this outrageous violation of international law and agreements by Russia. But we must look reality in the eye: old and present Ukrainians structures are not fit to bring Ukraine into a functioning market economy, unless deep-seated reforms are affected. Some positive steps have been made in the past, but deep flaws remain. The future struggle of Ukrainian civil society may no longer (hopefully!) be its neighbor Russia, but the fight against vested oligarchic interests.

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Verbietet Endlich Crypto!

1.3 Billionen $ sind in privaten Cryptowährungen veranlagt. Am 12. Mai stürzte die größte der hunderten Cryptowährungen, Bitcoin, auf einen Wert von 27.000 $ ab; in guten Zeiten war Bitcoin 68.000$ wert gewesen. Grund war, dass eine der größten „Stablecoins“, Tether, deren Unique Selling Proposition (USP) ihre Quasi-Garantie war, Parität zum Dollar aufrechtzuerhalten, wodurch sie zu einem „sicheren Hafen“ für Crypto-Investoren wurde, bevor sie weitere andere Veranlagungen durchführen, auf 95 cent abgestürzt war. Damit geriet die gesamte Asset Class in Turbulenzen.

Tether gibt vor, seine 80 Mrd $ an Cryptos mit derselben Menge echter Assets abzusichern, womit die Parität zum Dollar wieder hergestellt werden könnte. Jedoch weigert sich Tether (und kann mangels Aufsicht nicht gezwungen werden) zu sagen, wie viele und vor allem welche Assets diese Reserven umfassen: Keine Aufsicht, keine Verpflichtung allgemein akzeptierte Verbuchungsstandards einzuhalten, keine Überprüfung des Realitätsgehalts.

Erinnern wir uns: seit einigen Jahren werden private Crypto-“Währungen“ (das sind sie eigentlich nicht!) gepusht, von Libertären Staats- und Zentralbankverächtern geliebt, als Schild gegen Inflation – im Gegensatz zu offiziellen Währungen – gehypt und als private Alternative der Zukunft auch von Geldwäschern und anderen Kriminellen vergöttert, da sich Transaktionen der Kontrolle durch Behörden entziehen. Und: natürlich sind sie Spekulationsobjekte, aber auch Pyramidenspiele, bei denen die Früheinsteiger gewinnen, solange der Kurs steigt. Die Art, wie Cryptos geschaffen, im Jargon „geschürft“ werden, mithilfe der Blockchain-Technologie, verschlingt atemberaubende Mengen an Strom, da weitere Schürfungen immer weiterreichende Algorithmen erfordern. Schätzungen gehen davon aus, das Bitcoin als größte Crypto, mehr Strom verschlingt als die Slowakei in einem Jahr. Und, um das ökologische Argument in Zeiten horrend steigender Energiepreise noch zu verstärken, haben sich die Schürfzentren, Server, nach Russland, China, Kasachstan*) und die Ukraine verlagert, wo Strom (vor der Ukrainekrise) billig war – und vor allem mit klimaschädlicher Kohleverstromung hergestellt wird.

Bisher haben sich Cryptos der Beaufsichtigung durch Finanzmarktaufseher entzogen, da sie in ein schwarzes Loch (aktuelles Wortspiel beabsichtigt!) der zu beaufsichtigenden Institutionen fallen: sie sind keine Banken, keine Versicherungen, keine Hedge Fonds, keine Private Equity Fonds: also ist niemand für sie zuständig, auch wenn besorgte AufseherInnen schon länger nach gesetzlichen Möglichkeiten suchen, Regeln vorzuschreiben, um unbetamte AnlegerInnen zu schützen, vor allem aber, um die heilige Finanzmarktstabilität zu gewährleisten. Dies ist deshalb ein Risiko, da zB der Umtausch von Cryptos in „wirkliches Geld“, aber auch der zunehmende Crypto-Anteil in den Portfolios von Banken und Hedgefonds ein Überschwappen der Volatilität der Cryptos in übliche Finanzmärkte verursachen kann.

Der Absturz der Cryptowährungen wäre also der geeignete Anlass, Crypto zu verbieten: die Stabilität der Finanzmärkte, die sinnlose Energievergeudung für Spekulationsobjekte, die das Klima schädigende Kohleverstromung, die Verluste vieler gutgläubiger Kleinanleger – all dies spricht für ein Verbot, und zwar jetzt!

Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Notenbanken der Welt ihre Versuche aufgeben sollten, offizielle virtuelle Währungen auf ihre Wirksamkeit zu untersuchen. Zwar ist mir nicht einsichtig, ob die damit zu gewinnenden „Effizienz“- und Kostengewinne tatsächlich das Risiko wert sind, auf der anderen Seite zeigen vor allem die nordischen Ländern, in welchen Transaktionen mit Cash zugunsten von virtuellen Zahlungen mit Bankkarten verdrängt worden sind, dass Metall- und Papiergeld möglicherweise ihren Zenith überschritten haben. Wichtig bleibt jedoch die Garantie des Staates, der Notenbanken, für das ausgegebene Geld: auch wenn die Staatsverächter noch so sehr die De-Zentralität eines privaten Crypto-Marktes loben, ziehe ich die gute alte Staatsgarantie vor, die durch ein demokratisch legitimiertes Politiksystem im besten Fall zur Rechenschaft gezogen werden kann.

*) Aktuelles: Im Juli 2021 hat China das Schürfen von Cryptos verboten, worauf eine Vielzahl von Schürfoperationen nach Kasachstan übersiedelte; dort jedoch gibt es zunehmend Probleme mit der Stromversorgung generell, worauf die Regierung die Registrierung von Schürfoperationen verlangt, um die Illegalen aufzuspüren, und vor allem 2 mal eine Stromsteuer für Schürfer einführte. Dies führte zur Schließung einer Reihe von kasachischen Operationen, worauf einige von ihnen nach Russland auswichen. Derzeit werden am meisten Schürfungen in den USA vorgenommen, auch Chile und Argentinien scheinen attraktiv.

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Aufruf österreichischer Ökonominnen und Ökonomen: Russlands Kriegsfinanzierung reduzieren

Wien, am 25. April 2022

Österreich kann sich für ein EU-Erdöl-Embargo einsetzen!
Angesichts der Fortdauer des Krieges Russlands unter Putin gegen die Ukraine ist es gerade für ein
militärisch neutrales Land dringend geboten, die Möglichkeiten nicht-militärischer Antworten
zur Gänze auszuschöpfen.
Gewichtige Argumente sprechen für einen Stopp von EU-Importen von Erdöl und
Erdölprodukten aus Russland (oder zumindest hohe EU-Importzölle) als nächste Sanktion:
• Der Export von Erdöl und Erdölprodukten an die Europäische Union hat für Russlands
Deviseneinnahmen und damit auch für die Finanzierung des Krieges eine vielfach größere
Bedeutung als der Export von Kohle oder Erdgas an die EU.
• Die Einsparpotenziale sind bei Erdöl deutlich größer als bei Erdgas – und bestehen vor
allem in Sektoren, deren CO2-Emissionen in den letzten Jahren weit überproportional
gestiegen sind (insb. Straßen- und Flugverkehr).
• Die Klimaschädlichkeit, in CO2-Emissionen pro Energieeinheit, ist bei Erdöl größer als bei
Erdgas.
• Die Substitution durch andere Anbieter ist bei Erdöl einfacher als bei Erdgas, in technischer
Hinsicht – und auch ökonomisch, da Russland bei Erdöl und Erdölprodukten einen viel
kleineren Anteil an den gesamten Weltexporten hat.
Allerdings sollte ein EU-Erdöl-Embargo mit Maßnahmen zur gezielten Dämpfung der EU-
Erdölnachfrage verbunden werden, um insbesondere den Preiseffekt zu Lasten von Drittländern
in Grenzen zu halten.
Für die österreichische Regierung besteht aufgrund der verfassungs- und völkerrechtlich
verpflichtenden militärischen Neutralität eine besonders große Verantwortung, sich für nicht-
militärische Antworten auf die von der russischen Führung angeordneten völkerrechtswidrige
kriegerische Aggression einzusetzen. Hier steht auch die internationale Glaubwürdigkeit der
österreichischen Politik auf dem Spiel.
Faktum ist, dass die Abhängigkeit der österreichischen Wirtschaft von Erdölimporten aus
Russland geringer als jene von Erdgasimporten aus Russland ist. Einerseits erschwert diese
Sachlage außenpolitisch die österreichische Befürwortung eines EU-Erdöl-Embargos als nächsten
Sanktionsschritt, weil der Eindruck entstehen könnte, Österreich wolle Sanktionskosten auf
andere EU-Mitgliedstaaten abwälzen. Österreich müsste daher zugleich seine Bereitschaft für
substanzielle eigene Beiträge zur solidarischen Unterstützung der von russischen Erdölimporten
besonders abhängigen Mitgliedstaaten im Sinne einer europäischen Energieunion erklären.
Andererseits erhält die sachlich richtige Befürwortung eines EU-Erdöl-Embargos durch
Österreich dadurch Glaubwürdigkeit, dass natürlich das Risiko besteht, dass Putin in Reaktion
auf einen EU-Erdölimportstopp einen sofortigen Erdgasexportstopp verfügt. Ein solcher Schritt,
mit dem Putin selbst seine Kriegsfinanzierung weiter reduzieren würde, ist jedoch nicht sehr
wahrscheinlich. Er war schon bisher als Antwort auf Sanktionen möglich – und nach einem
Rückgang an Exporteinnahmen aus Erdöl würden jene aus Erdgas für Russland wertvoller werden,
weshalb ein Erdgasexportstopp ökonomisch noch weniger rational wäre. Vor allem aber wäre die
Angst vor Gegenmaßnahmen Russlands kein guter Ratgeber für die österreichische Politik.
Entschlossener Einsatz gegen diesen Krieg ist als solidarischer Beitrag für Frieden, Freiheit und
Gerechtigkeit geboten und zudem für eine kleine offene Volkswirtschaft von existenzieller
Bedeutung, da er auch die völkerrechtlichen Grundfesten der Weltwirtschaft erschüttert.
Die österreichische Bundesregierung sollte sich daher entschlossen für ein EU-Embargo auf
Erdölimporte aus Russland als nächsten Sanktionsschritt einsetzen sowie umgehend eine
substanzielle Verringerung der österreichischen Erdgasimporte aus Russland vorantreiben.
Darüber hinaus bleibt das Drängen auf einen sofortigen Waffenstilland unerlässlich.Wien, am 25. April 2022
Erstunterzeichnet1 von:
Karl Aiginger, Ökonom, Europaplattform: Wien Brüssel
Kurt Bayer, Ökonom, Wien
Rainer Bartel, Universitätsprofessor am Institut für Volkswirtschaftslehre, Linz
Birgit Bednar-Friedl, Assoz. Professorin für Volkswirtschaftslehre, Universität Graz
Ulrich Berger, Professor für Volkswirtschaftslehre, Department Volkswirtschaft,
Wirtschaftsuniversität Wien
René Böheim, Ökonom, Johannes Kepler Universität Linz und Wifo Wien
Fritz Breuss, Jean-Monnet-Professor für wirtschaftliche Aspekte der Europäischen
Integration, Institut für Volkswirtschaftslehre, Wirtschaftsuniversität Wien
Jesús Crespo Cuaresma, Professor für Volkswirtschaftslehre, Institut für
Volkswirtschaftslehre, Wirtschaftsuniversität Wien
Gabriel Felbermayr, Professor für Wirtschaftspolitik, Institut für Volkswirtschaftslehre,
Wirtschaftsuniversität Wien
Jarko Fidrmuc, Professor für Internationale und Digitale Ökonomie, Zeppelin Universität,
Friedrichshafen, Deutschland
Michael Finus, Professor für Klima- und Umweltökonomik, Universität Graz
Georg Fischer, Ökonom, Wien
Alexia Fürnkranz-Prskawetz, Professorin für Mathematische Ökonomie, Wien
Michael Getzner, Professor für Finanzwissenschaft und Infrastrukturökonomie, Technische
Universität Wien
Alois Guger, Ökonom, Wien
Elisabeth Hagen, Ökonomin, Wien
Heinz Handler, Ökonom, Europaplattform: Wien Brüssel
Mario Holzner, Universitätslektor für angewandte Ökonometrie, Universität Wien und
Geschäftsführender Direktor, Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw)
Judith Kohlenberger, Migrationsforscherin, Institut für Sozialpolitik, WU Wien
Kurt Kratena, CESAR (Centre of Economic Scenario Analysis and Research), Wien
Ingrid Kubin, Professorin für Internationale Wirtschaft, WU Wien
1 Die Unterzeichneten verleihen ihrer persönlichen Position Ausdruck und vertreten dabei nicht die
Institutionen, denen sie angehören.

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Was jetzt zu tun ist: Krisenwirtschaft – Marktwirtschaft 2

Im Posting vom 8. April „Marktwirtschaft – Kriegswirtschaft“ (https://wordpress.com/post/kurtbayer.wordpress.com/3342) habe ich bereits auf die aktuelle Vierfach-Krisensituation (Ukraineüberfall, Pandemie, Klimaerwärmung, soziale Verteilungskrise) hingewiesen, und wurden 5 allgemeine Handlungsanleitungen gegeben. In dem vorliegenden Posting werden 10 konkretere Schritte vorgeschlagen, die die österreichische Bundesregierung raschest angehen soll, um der alarmierenden, einzigartigen Sachlage zu begegnen.

1. Nolens volens müssen alle vier Krisen gleichzeitig bekämpft werden. Die vier Krisen sind unterschiedlich miteinander verbunden, verstärken einander, doch können die notwendigen Maßnahmen zur Bekämpfung einander auch konterkarieren. Die Ukrainekrise macht jedoch zB auch Teile der Klimakrise (fossile Energien) deutlicher und kann so deren Bekämpfung befördern. Politische Eingriffe müssen diese Tradeoffs und/oder Synergien berücksichtigen.

2. Diese Krisen-Situation erfordert starke Interventionen der öffentlichen Hände: diese können in finanztechnischen Maßnahmen bestehen, die die öffentlichen Budgets betreffen, aber jedenfalls auch in regulatorischen Eingriffen (Geboten, Verboten, Aufforderungen, Empfehlungen), die nicht direkt die Budgets belasten. Die privaten Budgets werden jedenfalls, zumindest indirekt, belastet. Ein Krisenwirtschafts-Paradigma muss „more business as usual“ ablösen. Der Markt allein kann die Krisen nicht lösen.

3. Alle Maßnahmen, die dem Ziel der Krisenbekämpfung entgegenstehen, sind zu unterlassen nach dem Paracelsus-Gebot „primum non nocere“ („keinsfalls schaden“). Dazu zählen zB solche, die Anreize zu klimafreundlicherem Verhalten, solche die friedenssichernden Aktivitäten, solche die die Volksgesundheit beeinträchtigen, und auch solche die einer Verbesserung der schiefen Einkommensverteilung entgegenstehen. No-goes sind zB Erhöhung des Pendlerpauschales, Senkung der Energieabgabe, Aufrufe zur Lohnzurückhaltung, Massenzusammenkünfte ohne Pandemie-Schuitzmassnahmen, Reduzierung von ICU-Betten, etc.

4. Vorbereitung von Bevölkerung und Unternehmen auf Öl- und/oder Gasembargo, sei es von der EU verhängt oder als Retorsionsmaßnahme Russlands auf Sanktionen. Dabei sollten von den am 8. 4. an dieser Stelle vorgeschlagenen Institutionen Szenarien errechnet werden, die vollständige oder auch Teilembargos in ihren Auswirkungen bewerten. Die Auswirkungen solcher Embargos erfordern sowohl strikte Sparmaßnahmen, bewertet nach ihren kurz- und mittelfristigen Effekten auf Wohlbefinden (Heizung, Warmwasser), auf Produktion, Arbeitsplätze, sowie die sofortige Suche nach inhaltlichen Substituten fossiler Energien, sowie nach anderen Lieferanten. Letzteres erfordert verstärkte Aktivitäten auf EU-Ebene, die die unterschiedlichen Betroffenheiten der einzelnen Länder mit einbeziehen, aber auch als großer Nachfrager stärkere Verhandlungsmacht hat und dass Frontrunning einzelner Länder, die sich um ihre je eigene Versorgung kümmern, im Interesse des Gemeinsamen Marktes hintanhalten können.

5. Sowohl verteilungs-, klima- und gesundheitspolitische Zielsetzungen erfordern jedenfalls (teilweise gravierende) Verhaltensänderungen, die durch die Politik gemeinsam mit der Bevölkerung zu konzipieren und durchzusetzen sind. Dazu zählen beispielsweise Eingriffe in die Unternehmensautonomie aus Gründen der Versorgungssicherheit, in die Gehaltsstrategien der Vorstände; in die Kompetenz der Gebietskörperschaften zur Bodennutzung, der Städte zur Bereitstellung von öffentlichem Raum und zur Veränderung der Mobilitätspraktiken; in volksgesundheitsschädliche Produkte (Zucker-, Salzgehalt, Inhaltsstoffe); in medienpolitische Angelegenheiten zur Ächtung von Fake News.; in die Landwirtschaft zum Verbot klima- und gesundheitsschädlicher Praktiken, etc.

6. Konkrete industriepolitische Maßnahmen müssen differenziert werden nach Kurz- und Langfristigkeit, nach Betroffenheit einzelner Unternehmen, sowie nach deren Bedeutung für die Gesamtwirtschaft (Energie, Umwelt, soziale Relevanz, Versorgung, Arbeitsplätze, Sekundäreffekte durch Lieferketten). Dabei geht es einerseits um die Förderung neuer, krisenbekämpfender und resistenter Aktivitäten (zB Umstieg auf erneuerbare Energien, Entwicklung emissionsarmer Produkte und Prozesse), aber auch um Stilllegung/Umbau besonders krisenschädlicher Produktionen, bzw. Förderung von Substitutionsprodukten und Dienstleistungen. Dazu zählen zB die Förderung von neuen derzeit kaum beforschten Antibiotikamittel, Vorrang der Volksgesundheit vor teuren Spezialproblemen, Verwendung von Beton für Windmasten statt Wohnbauten, Innovationsanreize, öffentliche Beteiligung am Umbau besonders gesundheits- und umweltschädlicher Produktionen, Kreislaufwirtschaft. Dazu müssen geeignete finanztechnische Institutionen („Grüne Entwicklungsbank“) geschaffen werden.

7. Als militärisch neutrales Land muss Österreich möglichst viel zur Beendigung des Russland-Krieges tun, diplomatische Kanäle öffnen, verstärkt wieder eine friedensschaffende und -erhaltende Außenpolitik entwickeln, vielfach mit gleichgesinnten Partnern. Das bisherige opportunistische Verhalten (gegenüber der EU, gegenüber internationaler Solidarität, gegenüber der eigenen Bevölkerung), getrieben durch Partikularinteressen und ein verqueres Demokratieverständnis, hat diese einstmals von Österreich erfolgreich betriebene Position hintertrieben.

8. Besonders wichtig für eine erfolgreiche Bekämpfung der multiplen Krisen ist eine durchgehende Einbindung der Bevölkerung, wobei der neu installierte Klimarat ein Minischritt in dieser Richtung andeutet. Das erfordert Transparenzwillen der Regierung, ein Abgehen von nur auf Wohlfühlpolitik ausgerichteten Interventionen, sowie den Mut, öffentlich mit allen Beteiligten/Betroffenen mögliche Folgen der Krisen und ihrer Bekämpfung zu diskutieren, un ddie Ergebnisse zu kommunizieren.

9. Die Krisen selbst sowie ihre Bekämpfung werden „Wohlstand“ kosten, vor allem wenn dies gemessen wird am Nationalprodukt, an den Einkommen. Bisher ist die Bevölkerung – im Gegensatz zu Deutschland – darauf nicht eingestellt, vielmehr hat die Politik bisher, auch durch sehr teure Finanzinterventionen, suggeriert, dass alle Einkommensverluste ausgeglichen werden können. Erfolgreiche Krisenbekämpfung aber wird auch Verhaltensänderungen im Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell, bei den Haushalten und Unternehmen erfordern: rechtzeitige Einstimmung der Bevölkerung mit der Versicherung, bestmöglich „faire“ Lastenverteilung anzustreben, ist notwendig. Der Herstellung eines neuen öffentlichen Verständnisses, worin „Wohlstand“ besteht, unter Einbeziehung mittel- und langfristiger Risikofaktoren, der sich nicht im kurzfristigen materiellen Erfolg äußert, kann die Krisenbekämpfung erleichtern.

10. Als kleines Land spielt Österreich in der globalen Governance, der globalen Steuerung von Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt, nur eine unwichtige Rolle. Dennoch kann es mit Gleichgesinnten in der EU, in globalen Institutionen, gemeinsam pragmatische Lösungen vorschlagen. In internationalen Institutionen muss sich Österreich dafür einsetzen, die althergebrachte „Westdominanz“ zugunsten einer gerechteren Verteilung von Einfluss und Stimmrechten aufzugeben. Dabei muss der Grundsatz gelten, auch über ideologische und „Werte“-Grenzen hinweg möglichst alle Länder einzubinden. Nur so können globale Probleme kooperativ und ohne Gewalt gelöst werden.

Die derzeitige Krisensituation erlaubt „Politics as Usual“ nicht länger. Die bisherigen Instrumente taugen nicht für die Ernsthaftigkeit der Lage. Der Umstieg in einen „kriegswirtschaftlichen“ Modus (auch wenn er nicht so genannt werden sollte, besser wäre „krisenwirtschaftlich“) ist der Lage angemessen. Gehen Gesellschaft und Politik nicht diesen Weg, werden die verschiedenen Arten von Kosten für die Bevölkerung, für den Zeitverlust, für die Ineffizienz der üblichen Maßnahmen viel größer sein als die Kosten einer effektiven Krisenbekämpfung. Dieser Weg erfordert Mut zur Wahrheit, zum Konflikt mit eingesessenen Interessengruppen.

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