A Keynesian’s Misstep

(published as “Inflation analysis will have Keynes turning in his grave” in Letters Financial Times, Sept.23, 2021)

Tony Thirlwall‘s commentary („Not every type of inflation is bad for the economy“, FT, Letters, Sept. 21, 2021) sounds like an old-type German analysis: let usput a concept into its constituent parts (here inflation), analyze its neatly separated categories, and „zap“, we have a solution. T. recognizes four types of inflation:pure cost inflation (e.g. wage rate increases), structureal, ported and pure demand inflation. He rates wage increases as the most negative type of inflation, as „cost inflation eats into profits and reduces investment“. Really? What about wages as the source of Thirlwall‘s „good“-rated demand inflation? Are not wages still a significant part (if too low as wage shares in GDP have fallen over decades in OECD countries) of effective demand? And, while he favorably cites Keynes that „in an impoverished world it is worse to provoke unemployment than ..disappoint the rentier“, he forgets the power of wages to increase demand and thus employment. Thirlwall argument that wages „to eat into profits“ gives a sacrosanct right to maximum profits as the goal of economic activity. Keynes must be revolving in his grave to read such arguments. Let it be stated categorically: wages are costs and demand factors!

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Kultur: Beginn der Herbstsaison 21/22

Beginn der persönlichen Theatersaison mit Shakespeare‘s Richard II. in der Regie von Johan Simons. Ein minimalistisch-karges Bühnenbild, dominiert von flexiblen Holzgerüsten, die offenbar die jeweilige Machtkonstellation im englischen Königshof darstellen, daher auf- und ab- und anders gebaut werden, je nach Aufstieg und Fall. Das funktioniert gut, wird aber gegen den langatmigen Schluss zeittreibend und mühsam, hätte also nach Ansicht weiter Teile des Publikums sicher beschleunigt werden können. Es geht vor allem um den unsicheren, wankelmütigen König (exzellent Jan Bülow), der anfangs einen Rechtsstreit um Mord (vielleicht von ihm selbst angestiftet) entscheiden soll, sich für ein „Gottesurteil“ (Duell) entscheidet, im letzten Moment aber die Kontrahenten, darunter seinen Cousin Bolingbroke (Sarah Viktoria Frick, weniger überzeugend) in die Verbannung schickt, dessen Vermögen für einen Niederschlagungs-Ausflug nach Irland konfisziert, seine Verbannungsdauer reduziert und sich, von seiner französischen Frau (Staciyan Jackson, eher farblos) angestachelt, auf den Feldzug begibt.

Inzwischen hat Bolingbroke ein Heer gesammelt, Loyalität vieler Adeliger erhalten und rückt in England ein, zwingt Richard zur Übergabe der Königswürde, demütigt ihn durch die Verpflichtung, ein Sündenregister vor den Adeligen zu verlesen und händisch die Krone zu übergeben. Richard will und will wieder nicht, zögert, weigert sich, Bolingbroke selbst zu krönen, will die zu übergebende Krone nicht loslassen, willigt aber letztlich ein. Nun findet die Separierung von Köngiswürde und Menschsein statt, Richard, der bereits als 11-jähriger den Thron bestieg, erweist sich als schwächlich, unsicher, menschlich eben. Ohne besondere Regung akzeptiert er die Gefangennahme, sendet seine Frau zurück nach Frankreich und wird letztlich im Gefängnis ermordet – angeblich gegen den Willen von Bolingbroke (Heinrich IV), der lamentiert, dass seine Regentschaft mit einem Mord des Vorgängers beginnt. Folgerichtig schickt er den ihn angeblich mißverstanden habenden Mörder ins Exil und zelebriert seinen Aufstieg.

Dies ist eines der schwächeren Königsdramen, eine typische Familiengeschichte, wo alle Prätendenten auf den Thron miteinander verwandt und verschwägert sind, einander umbringen und statt versprochenen Frieden neue Loyalitäts- und Bürgerkriege entfachen.

Die Inszenierung konzentriert sich auf das Verhältnis Institution (Krone) und Mensch, zeigt Motivation und Stimmung des Königs und seines Widersachers gut auf, gelingt jedoch allzu langatmig. Gute Schauspielerleistungen (vor allem der unverwüstliche Martin Schwab als Vater Bolingbrokes), eine interessante Lichtregie und eine Intimität, dadurch, dass alle 11 Schauspielerinnen permanent auf der Bühne sind, oft im Hintergrund auf Sessel verbannt, machen das zu einer Kammerspiel, das besser auf die kleine Akademietheater-Bühne gepasst hätte.

Der relativ flaue Applaus war sicher auch auf die Maskenpflicht und die dadurch schwer erträgliche Länge des Stücks zurückzuführen. Ein interessanter, wenn auch mühsamer Abend.

xx

Buch: In “Das Paradies meines Nachbarn” beschreibt die hochgelobte und viel geehrte Iranerin Nava Ebrahimi die Lebenswege zweier iranischstämmiger Deutscher in einer Designfirma: der eine ein großkotziger von Managementweisheiten und -härten auftretender Unsympathler, der andere ein mit seinem Talent und seiner Arbeit wie seiner Beziehung hadernder eher weicher Typ. Letzterer wird von seinem Boss angeheuert, auf eine geheimnisvolle Mission mit ihm nach Dubai zu fliegen. Nava Ebrahimi erzählt deren Tagesabläufe und Verhalten in rasch dahinziehender Sprache, geht auf die Befindlichkeiten der zwei sehr unterschiedlichen Männer “mit Migrationshintergund”, deren (Des-)Interesse an der alten Heimat und anderes ein – und streut dazwischen das miserable Leben eines im Rollstuhl sitzenden Iraners zuhause ein, der im Irakkrieg schwer verwundet worden war. Dazwischen taucht ei geheimnisvoller Brief auf, den der Iraner in Dubai dem Deutschen überbringen soll. Erst sehr spät löst sich das Rätsel: der Verwundete ist statt des Kotzbrocken in den Krieg geschickt worden: Dessen Mutter hat ihn aufgenommen: nun, nach ihrem Tod soll er dem anderen den Brief überbringen, ohne dass er weiss, dass jener dieser ist. Der Kotzbrocken schafft die Begegnung nicht und hat seinen Untergebenen angeheuert, um beim Dubaier Treffen ihn selbst zu spielen – damit er nicht die Konfrontation mit dem statt ihm Verwundeten erleben muss. Das dramatische Treffen des Weichen mit dem Verletzten, und dann der erschütternde Inhalt des Briefes der Mutter, die ihr Leben, ihre Beweggründe, ihr Leid und das des Verletzten offenlegen muß jeden Leser, jede Leserin extrem betroffen machen. die Hoffnungslosigkeit der Jüngeren im Iran, die Zukunftslosigkeit, aber auch die existenziellen Probleme der Emigrierten werden von Ebrahimi auf eine Weise geschildert, die große Kunst ist. Das Ungleichgewicht im Buch, in welchem der erschütternde Knalleffekt erst sehr spät kommt, ist eine gewisse Hypothek, durch die es sich jedenfalls durchzulesen lohnt.

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Long or Short Term: a Policy Dilemma

Covid Exacerbates Existing Fault Lines

The actual economic policy debate suffers from a basic (perceived?) conflict between structural future needs and their short-term impact. Already before the Covid crisis which plunged the world economy into a 5 percent loss in GDP and a significant inrease in unemployment, trouble was there: ever-widening income and wealth distribution with long-term falling wages, threatening the loss of social cohesion and impoverishment; the urgent need to adjust economies and societies to climate change and biodiversity loss, and the looming disruptive effects on labor markets via digitalization are only the most visible ones.

Corona has exacerbated these problems and elevated the pandemic public health problems into a priority policy agenda. The effects of the climate crisis are suddenly felt the world over in the form of droughts, floods, forest fires; income and wealth distribution has become more severe, as asset owners heaped additional wealth on their portfolios, while low-income workers lost their jobs, income and job security, and digitalization disrupted more and more areas of life, be it as labor-evaluating algorithms, as algorithmic stock market trading or as the rise of cryptocurrencies, but also as replacing more and more routine jobs, and the pernicious effects of unbridled „social media“ content. Underlying these effects were the immense extensions of central bank balance sheets by various forms of quantitative easing, leading to heretofore unimaginable increases in government, business and household debt. Clearly, new policy agendas are necessary to deal with these structural, long-term threats to our future.

Media Attention Favors the Short Term

But media and politicians are myopically looking at the short term. They are celebrating the most recent GDP growth rates, especially in industrial countries, as a „complete recovery“ from the Corona-induced falls in GDP. They ignore that Corona raises its ugly head once more and is not over yet; they conveniently forget that annual growth rates in 2021 build on the recessionary low GDP data from one year ago, and that even the forecasts that some countries have already reached or surpassed GDP levels of before the crisis, still omit that the loss in wellbeing is still severe, since a „correct“ comparison would be with the growth path expected before the crisis. This short-term „recovery“ ignores the deep disruption Corona has caused to the affected enterprises and the functioning of labor markets, which cannot be switched on just like that. In addition, the recent disruption in supply chanins, exacerbated by the East-West separation efforts engineered by the US and China, will require additional major adjustments to the globalized business models.

Similarly, there is a sudden fear in media and some central bank governors that the most recent increases in inflation rates (to between 2% and 3%) might signal a return to high inflation or the stagflation of the 1970s. These are the same persons who recently deplored the undershooting of central banks‘ 2% inflation targets during the past years as leading to eternal deflation. They conveniently forget that most central banks have adjusted their strategies and targets, moving away from point targets („2 percent or lower“) to more average ones over several years, including other than inflation objectives. Central banks have changes strategies but also warn that recovery is still incomplete, thus monetary policy still needs to be supportive.

The renowned financial thinktank IIF (International Institute of Finance) in its recent monitor has calculated that gobal debt this summer hit unprecedented 296 trillion $ (355% of global GDP), nearly 10% more than a year ago. According to IIF, governments contributed 86 tn $, the financial sector 69 tn $, the non-financial corporates 86 tn $, and households 55 tn $. According to the Financial Times, after the financial crisis of more than ten years ago, the debt ratio was around 300% of GDP. A large part of the increase comes from two sources: one, unprecedented government expenditures to help business weather the crisis, including wage subsidies for workers; the other stems from increases in China. Such high debt levels (much higher increases than even during World War 2) lead to two worries: increases in interest rates when debt maturities are short (however, Austria among other recently issued 100-year bonds thus reducing short-term vulnerability); but also a general increase in firm, household and government vulnerability when such large sums slosh around the world, subject to the „perceptions“ of financial markets. However, central banks may have learned to deal with these problems, having developed a number of new instruments.

Policy Dilemma

The potential policy dilemma is clear: to address the long-term, structural danger signs of our economies, high debt, hyped „high“ inflation rates, low wages (the wage ratios in the OECD countries have fallen for the last more than 20 years), and the climate crisis will have short-term growth-reducing effects. Most politicians shy away from long-term policy measures which might threaten their future election results, thus avoiding to „govern for the future“. They leave most of the structural policies to mainly symbolic Sunday or election speeches.

To get average wage levels up to „comfortable living wages“, to improve working conditions and adjust them to a positive work-life balance might increase inflation rates, leading to the often cited and hyped „wage-price spirals“. Recent evidence points to the contrary, higher wages might solve the price-inducing labor shortages.

To combat the climate crisis we need effect significant behavioral changes by businesses and households: going on as before will not get the world out of this mess. Combating climate change also requires to finance large investments, both in the private sector, but also where no financial returns are possible (biodiversity, long-term green infrastructure) from public coffers. If politicians keep promising „no new taxes“, these funds can only come from even more borrowing, raising debt levels even further.

Similarly, if we want to prepare for the next pandemic, significant additional public funds will have to go into the health sector, apart from private investments (also aided by public ones) from pharma firms.

If we want to lower the high debt ratios, either we will have to foster high GDP growth, damaging environment and climate even more, or engage in severe austerity, endangering the cohesion of society by cutting social expenditures.

A number of other conflict zones, euphemistically called trade-offs, lurk in the shadows. Our politicians rarely talk about them (one exception is the US president Biden who encounters, however, stiff opposition from both parties in Congress). Some of these tradeoffs can be mitigated by smart political packages, but some will remain.

New Decision Strategies

What we need are open discussions in our societies whichshort-term costs are „acceptable“ to large parts of the populations, in order to create a better society and economy of the future. We have to realize that this involves severe political battles, since vested interests who have profited from the present „system“ and have gotten us into this predicament, will fight back. And they have very strong lobbying power and political influence. But also aside from these vested interests, very different preferences and points of view exist in our diversified societies with respect to the desirable future. It is an illusion to think that rational argument will convince everybody of the path to take, see e.g. the difficulties our governments have in convincing around 30% of the populations to accept anti-Covid inoculations.

Decision mechanisms which respect different viewpoints need to be found. A promising way has been to engage in discussions including as wide parts of the populations as possible, aided by expert testimony, and to accept that „elegant“ (corner) solutions will not find wide acceptance, thus bearing the seed of being circumvented, shunned, evaded. More promising is to aim for compromises which comprise the least common denominator among opintion, with the aim to come to conclusions which are „acceptable“ to wide parts of the population, if not preferred. Unconventional solutions (e.g. debt forgiveness; imaginative zoning to reduce mobility needs; flexible working times chosen by workers; banning socially damaging or useless activities, especially in financial markets and crypto; etc.) need to enter the discussion space, if we want to avoid and repair the damages of the present system and give citizens a promise of a positive future.

The challenges to our future are clearly visible to all who want to see: to continue on the trodden paths, maybe with little tweaks here or there, will not do. This would threaten society by ever wider divisions, leading to possible violent protestations; it would threaten the viability of our planet and thus the wellbeing of large populations. We need to confront the requirements of a different, better future and convince our populations that short-term costs need to be borne (equitably!!) in order to assure a viable and better future for all. We need politicians who are brave enough to set policy frameworks in this direction.

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Marianas Dritter Streich

Nach ihren bahnbrechenden „The Entrepreneurial State“ (2013) und dem besonders beeindurckenden „The Value of Everything: Making and Taking in the Global Economy“ (2018) hat Mariana Mazzucato, die kanadisch-italienische Innovationsforscherin, die am University College in London lehrt, mit „Mission Economy: A Moonshot Guide to Changing Capitalism“, Allen Lane, London 2021 ihr drittes Buch vorgelegt. Dabei geht es um die inhaltliche Fortsetzung der in den beiden vorigen Büchern angesprochenen Themen, erstens um eine Neu-Einschätzung der Bedeutung staatlichen Handels im Innovationsprozess und zweitens um die Änderung der Zielsetzung wirtschaftlicher Aktivitäten zugunsten der Allgemeinheit, statt Profitmaximierung.

Die „Mission Economy“ baut auf der empirischen Erfahrung des bislang größten Missionsprojekts auf, der Apollo Mission der USA, die das Ziel hatte (nach dem „Sputnik Shock“, als die Sowjets als erste einen Satelliten in die Erdumlaufbahn brachten), als erstes einen Menschen auf den Mond zu bringen. Mazzucato zeigt die politischen Voraussetzungen, vor allem aber den gigantischen wissenschaftlichen, technischen, ökonomischen und vor allem logistischen Aufwand auf, mit dem diese „Mission“ letztlich erfolgreich abgeschlossen wurde. Am wichtigsten dabei war die Zielorientierung („man on the moon“) und die dafür notwendigrMobilisierung unzähliger Institutionen, Forschungseinrichtungen, Unternehmen, Menschen, sowie die weitgehende Freiheit dieser, mit welchen Mitteln diese Mission erfüllt werden sollte. Präsident Kennedy hatte seinen „whatever it takes“ (@ Mario Draghi) Moment, mit dem er die außerhalb von Kriegsmobilisierungen unerhörte Aktivierung aller gesellschaftlichen Kräfte ermöglichte. Kernpunkt ist die klare Kommunikation und das geplante Zusammenspiel vieler/aller Politikbereiche unter das gemeinsame Ziel.

Mazzucato nimmt sich dieses Beispiel als Role Model zur Bewältigung der heutigen Krisen. Mögliche „Missionen“ sieht sie definiert durch die Agenda 2030, mit denen die 17 „Sustainable Development Goals“ von der internationalen Gemeinschaft beschlossen wurden.

Aus diesen wählt sie beispielhaft drei aus: den Grünen New Deal (vanderLeyen hat diesen auch das europäische Mann-auf-den-Mond-Projekt genannt), Innovation zur Sicherung des allgemeinen Zugangs zu Gesundheitsversorgung (aktualisiert durch die Coronakrise), sowie die Schließung der großen Ungleichheits-Lücke, die die Digitalisierung zwischen Ländern und Personen aufreißt.

Wichtig dabei wird eine Führungsrolle des Staates (der Öffentlichen Hände) sein, wobei entgegen herrschender ökonomischer Meinung der Staat vom Reparateur von Marktunvollkommenheiten zum Schaffer und Gestalter von Märkten werden muss, also eine ganz zentrale aktive Rolle einnimmt. Dabei geht es um klare Führerschaft, um Initierung von Innovationsprozessen als Risikonehmer aber auch als Mitbeteiligter an den Gewinnen der Innovationen, um organisatorischen Wandel hin zu Flexibilität und Partnerschaft mit Unternehmen und BürgerInnen, um geeignete Finanzierungsmodelle, die von der bestehenden Praxis, dass der Staat alle Risiken trägt, die Privatwirtschaft jedoch alle Gewinne einheimst, abgehen, um die aus dem Missionsprozess entstehenden, oft sehr bedeutsamen „Nebeneffekte“ (zB die Erfindung von Teflon, des Internets, etc.), sowie um die Herstellung gemeinsamer Zielsetzungen zwischen Staat und Unternehmen.

Anders als im Apollo-Beispiel geht es aber bei den heute notwendigen Missionen primär nicht um technische Erfolge, sondern um soziale Innovationen, was bedeutet, dass die Aktivierung und „Mitnahme“ der Bevölkerungen absolute Voraussetzung für Erfolg ist. Die Klimakrise kann nicht ohne volle Überzeugung, ohne volle Mitwirkung der Bevölkerung bewältigt werden. Auch die innovationsaffine Mazzucato betont die dadurch ungleich schwierigere Aufgabe der heute notwendigen Missionen.

Mazzucato geht vielleicht zu weit, wenn sie mit ihrer Missionsorientierung die Schaffung eines „guten Kapitalismus“ erwartet. Sie geisselt die herrschende Ökonomie und deren Festsetzung in den Köpfen der Professoren, vor allem aber der Politiker. Ihr „besseres“ System beruht daher auf besserer Theorie und vor allem Praxis. Dabei geht es erstens um die Tatsache, dass gesellschaftlicher Wert nur gemeinschaftlich, nicht indivudduell, geschaffen werden kann; dass zweitens es staatliche Aufgabe ist, Märkte zu schaffen und aktiv zu beeinflussen, und nicht nur Marktversagen zu korrigieren; drittens, dass die dynamischen Fähigkeiten des Staates, der Wirtschaft und Gesellschaft aus ihrer Lethargie gelöst werden müssen; viertens, dass öffentliche Budgets sich nicht an künstlichen Konstrukten wie Maastricht-Kriterien oder Schuldenbremsen zu orientieren hätten, sondern an den Resultaten der Missionen; fünftens, dass Staat, Unternehmen und BürgerInnen gemeinsam Risiken tragen und an den Erträgnissen partizipieren müssen; sechstens, dass die Unternehmen sich an partnerschaftlichem Stakeholder-wert statt an der alleinigen Bedienung der Aktienbesitzer (shareholder) orientieren müssen; und siebtens, vielleicht am wichtigsten, dass es zu breiter Mitwirkung vieler („picking the willing“) beim Design der Zukunft kommen muss, damit die Welt eine bessere werde.

Damit bleibt also Mazzucato im Kapitalismus-Modell, innerhalb des Wachstumszwanges, aber mit deutlich gemilderten Auswirkungen. Sie betreibt keinen naiven Technologiefetischisms bezüglich der Klimakrise, sondern sieht Verhaltensänderungen als absolut notwendig für eine nachhaltige Zukunft an.

Der Missions-Ansatz, der alle Politikbereiche und die gesamte Wirtschaft und Gesellschaft der Erreichung von gemeinsam festgelegten Zielen zur Bekämpfung von existenziellen Krisen und Zukfuntsanforderungen unterordnet, ist zweifellos ein wichtiger Beitrag zur Politikformulierung und -umsetzung. Der österreichischen Politik scheint er heute – trotz existenzieller Bedrohungen – ebenso weit entfernt wie 1994, als ein Konsortium aus Österreichischem Institut für Wirtschaftsforschung, Forschungszentrum Seibersdorf und Joanneum Research dem damaligen Wissenschaftsminister Erhard Busek das Ergebnis eines von seinem Ministerium vergebenen Auftrags zu einer strategischen Innovationspolitik vorlegte, und er unseren bereits damaligen Vorschlag einer Missionsorientierung abschätzig mit den Worten wegwischte: „Missionen kenne ich nur von der Bekehrung von Afrikanern“.

Mazzucato, die eine beeindruckende Liste von Beratungen wichtiger Politiker in allen Erdteilen aufzuweisen hat, sollte von der österreichischen Bundesregierung als Expertin gehört und eingeladen werden. Ihr Buch ist jedenfalls als Anleitung für eine Einhegung der ärgsten Auswüchse des Kapitalismus und für eine Bekämpfung der Klima- und Gesundheitskrise, aber auch für Vorbereitung der Gesellschaft auf die ditigalisierte Welt zu empfehlen. Inwieweit jedoch dieser Missionsansatz die daneben unverändert bleibenden Mechanismen des Kapitalismus zum besseren wenden kann, bleibt zweifelhaft.

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Die falsche Mär vom “Guten Kapitalismus gegen den Klimawandel” durch mehr Kapitalmarkt

(veröffentlicht leicht gekürzt in Der Standard am 2.9.2021)

Eine hochrangige Bankencorona (kein Wortspiel!) bestehend aus Alpbachpräsident Treichl, Axel Weber, Chef der schweizerischen UBS, EU Kapitalmarktkommissarin Mairead McGuiness und Breugel-Thinktank Vizechefin Maria Demertzis und offenbar auch Freund Thomas Wieser, früher Eurogruppengeschäftsführer, plädiert – wie Der Standard am 31.8.2021 berichtet – in Alpbach dafür, die Klimakrise in Europa durch eine Verstärkung der Kapitalmarktfinanzierungen zu bekämpfen. Argumentiert wird dies mit der Notwendigkeit, auch privates Kapital für die notwendigen Investitionen zu gewinnen (richtig!). Angeführt wird der alte Hut, dass Unternehmensfinanzierung in Europa nur zu 25% über den Kapitalmarkt, aber 75% über Banken laufe, während diese Relation in den USA in etwa umgekehrt ist. Suggeriert wird, dass letztere „besser“, erstere „schlechter, weil weniger dynamisch“ finanziert wären. Der Brexit hätte zusätzlich den größten europäischen Risikokapitalmarkt, London, aus der EU verabschiedet, die Schweiz als zweitgrößter Risikokapitalgeber sei Nicht-EU Mitglied. Die vorgeschlagene Lösung daher: in der EU müsse endlich die „Kapitalmarktunion“, also der gemeinsame Kapitalmarkt, vollendet werden, eine Steigerung der Kapitalmarktfinanzierung auf 35% würde das notwendige Investitionskapital sicherstellen (Treichl). Vor allem Startup Finanzierung in „junge, ideenreiche“ Unternehmen würde einen wichtigen Beitrag leisten.

Die EuropäerInnen, vor allem die Jungen, müßten endlich ihr Sparkapital nicht in Sparbücher (die keine Zinsen abwerfen) und Lebensversicherungen investieren, sondern müßten „mehr Risiko“ nehmen und ihre Ersparnisse in den Kapitalmarkt investieren. Erstaunlich dabei die Aussage von McGuiness: „Unternehmen und Investoren wollen Sicherheit“. Im Klartext: die kleinen Sparer müssen mehr (alles?) Risiko tragen, Unternehmen und Großanleger brauchen „Sicherheit“: was für eine verkehrte Welt. Üblicherweise spricht die Ökonomie vom Unternehmertum als Risikonehmer, von Investitionen als risikoreich; der Gewinn sei gerechte Belohnung für Risikotragung. Und jetzt: die Konsumenten, die Jungen, die SparerInnen sollen das Risiko tragen, damit Unternehmen und „Investoren“ (damit sind heutzutage immer Financiers gemeint und nicht die eigentlichen Unternehmer, die in reale Anlagen, Maschinen und Gebäude investieren) ihren Gewinn sicher nach Hause tragen können.

Kaum eine Rede in Alpbach davon, dass „die Finanzmärkte“ vor 10 Jahren die größte Wirtschafts- und Finanzkrise über uns gebracht haben, kaum eine Rede davon, dass viele Anlagefonds, die sich das grüne Mäntelchen umhängen, bei genauerer Betrachtung mehr in fossile Anlagen investieren als in grüne, keine Rede davon, dass mehr als die Hälfte der Kapitalmarktumsätze mit „Schattenbanken“, also nicht regulierten Fintechs und Private Equity und Geldfonds gemacht wird und Regulatoren sich weltweit die Zähne an den Versuchen ausbeissen, die hochspekulativen Pyramidenspiele, genannt „Cryptowährungen“ regulativ in den Griff zu bekommen, keine Rede davon, dass in den letzten 20 Jahren die Börsenkurse um ein Vielfaches der Wirtschaftsleistung gestiegen sind (S&P heuer bereits um mehr als 20%) und viele Experten tagtäglich einen massiven Einbruch, eine neue Finanzkrise, erwarten.

Klar ist, dass die Bewältigung der Klimakrise hohe Investitionen benötigt, um die Dekarbonisierung von Wirtschaft und Gesellschaft durchzusetzen. Dafür ist zweifellos auch sehr viel privates Kapital nötig. Klar ist aber auch, dass mit Investitionen und Technologie, die Gewinne abwerfen, allein weder die Klimakrise zu bewältigen ist noch jene Umweltkrisen zu lösen sind, die keine neuen „Märkte“ bereitstellen, zB die Meeresverseuchung, die Erhaltung und Wiederherstellung der Biodiversität, die Bodenversiegelung, und viele andere. Diese Bereiche brauchen entweder öffentliches Geld (keine Gewinne!) und Ge- und Verbote, also gute und strikte Regulierung und deren Umsetzung.

Die kapitalmarktaffinen USA haben bisher trotz hoher Kapitalmarktquoten, trotz riesiger Risikokapitalmärkte, mindestens ebenso große (sogar deutlich größere) „Klimasünden“ begangen wie die EU. Mehr Kapitalmarkt löst also keine Klimakrise. Die überhohen, dort erwarteten Renditen (die kürzlichen Steuervermeidungsvorschläge der OECD setzen „Übergewinne“ bei Renditen von mehr als 10% (!!!) an) haben das Kapital in vollkommen falsche Kanäle gelenkt, die Flutung der Geldmärkte mit Geldern durch die Zentralbanken (Stichwort: Quantitative Easing) haben riesige Blasen in den Realitäten- und Kapitalmärkten erzeugt, jedoch bisher keine positive Wirkung gegen die Klimakrise erkennen lassen.

Es geht daher nicht darum, die instabilen Kapitalmärkte auf Kosten größerer Risikotragung durch die SparerInnen zu vergrößern, nicht um die Illusion eines dadurch „guten Kapitalismus“, sondern um die richtige Politik. In einzelnen Fällen mögen Kapitalmarktinstrumente richtig sein, um den Klimawandel zu bekämpfen, in anderen sind es clevere Bankenfinanzierungen oder – horribile dictu – öffentliche Gelder. Jedenfalls aber sind, auch abgesehen vom Klimawandel, die von den Panel-Teilnehmern hochgelobten Kapitalmärkte viel zu groß, deren Aktivitäten zerstören die Natur, heizen das Klima an, vergrößern die Verteilungsprobleme und destablisieren jenen Teil der Wirtschaft, die wir alle dringend brauchen. Die vom Standard berichtete Alpbachdiskussion hat dem Klima jedenfalls einen Bärendienst erwiesen. Angesichts der Teilnehmer an dieser Diskussion ist allerdings kaum anderes zu erwarten. Schade um ein wichtiges Thema!

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