Gibt Europa auf? Zur Fragilität der westlichen Gesellschaften

 

Bis vor kurzem konnte man glauben, dass unsere Gesellschaften unverrückbar fest im System der liberalen offenen Demokratie verankert sind, die sich nach dem Ende des zweiten Weltkriegs – auch unter dem Druck der US-Amerikaner – etabliert hat. In Österreich bekamen wir bereits im Jahr 2000 den ersten Schock, als die schwarz-blaue Regierung die wichtige Institution der Sozialpartnerschaft in Frage und ins Abseits stellte. Dies wurde zwar nach deren Ablöse wieder teilweise rückgängig gemacht, sogar mit deren demokratiepolitisch bedenklichen Verankerung in der Verfassung, aber plötzlich sahen wir, wie schwach die Grundpfeiler unserer Realverfassung sind, wenn eine Regierung gezielt vorgeht. Derzeit bekommen wir das wieder, verstärkt und offenbar wirksamer, vorgeführt. Eine national-konservative Regierung versucht vehement, ihr wirtschaftsfreundliches Konzept einer aus dem letzten Jahrhundert stammenden neo-liberalen Ausrichtung autoritär durchzusetzen. Sie folgt dabei Beispielen aus Ungarn und Polen, aus dem derzeitigen Italien. Aber auch in Deutschland bröckeln die Fassaden, das Erstarken der AfD, die Auflehnung aus Bayern gegen alles, was nach „liberal“ klingt, das konfuse Verhalten der Sozialdemokraten: möglicherweise wird Österreich diesmal zum Vorangeher Deutschlands. In Frankreich verliert der wirtschaftsliberale Reformer Macron, der sich zum Ziel gesetzt hat, die Links-Rechts-Spaltung zu überwinden, Minister und Ansehen, und in den USA hat sich der obszöne narzisstische Berserker Trump zum Vorsprecher des autoritären Nationalismus gemacht. Seine kürzliche Rede vor der UNO-Vollversammlich, bei der er explizit erklärte, internationale Zusammenarbeit sei ihm Wurscht, die Welt solle wissen, dass er immer für „America First“ sei, erschreckte die Delegierten ebenso wie es sie lauthals amüsierte, als er seine Regierung zur jemals besten in Amerika ausrief.

Ein besonderer Fall ist Großbritannien, wo die Spaltung der Bevölkerung in einer Schicksalsfrage zwischen nostalgisch auf das verlorene Weltreich Blickende (nationalistische „Brexiteers“) und die Vertreterinnen der offenen Gesellschaft (denunziert als „Bremainers“, also jene die jammernd in der EU bleiben wollen) von der hilflosen Regierung und der hilfloseren Opposition der Labor Party tatenlos und „clueless“ mit angesehen wird. Hier wird nicht mehr diskutiert, es wird nur taktiert und propagiert. Und das in der „ältesten Demokratie“ der Welt, wie die Briten gerne von sich sagen. Die kürzlichen Parteitage von Labor und Konservativen haben keine Klärungen gebracht, haben keine Zukunftsvision, keine Aussichten auf Wie Weiter erkennen lassen. Labor ist zerrissen zwischen EU-Skeptikern (Corbyn und seine Momentum-Leute) und jenen, die als Mitglieder die EU menschenfreundlich und sozial machen wollen, die Tories zwischen rabiaten Selbstdarstellern, die unter allen Umständen, mit allen (von ihnen nicht deklarierten) Konsequenzen austreten wollen (zB Rees-Mogg und Johnson) und von einer „Souveränität“ träumen, die wie Joschka Fischer so treffend sagt, aus dem vorigen Jahrhundert stammt und versunken ist wie Schnee vom vergangenen Jahr. Wie diese Zerrissenheit zu kitten ist, und vor allem wer das können soll, ist nicht absehbar: der Zerfall Großbritanniens, und eine noch weiter fragmentierte Gesellschaft stehen im Raum.

Und dann noch die EU: hier fuhrwerkt man weiter, als ob nichts gewesen wäre: zwar gibt es Verfahren gegen Demokratieverstöße von Ungarn und Polen, aber sonst ist „business as usual“. Man ist hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt. Dabei ginge es vor allem darum, dass die EU sich auf der geopolitischen Ebene bemerkbar macht, wo gerade der Hegemonialkampf zwischen den USA und dem aufstrebenden und nach Einfluss heischendem China läuft. Hier geht es darum, wer die Regeln für Wirtschaft und Gesellschaft im laufenden Jahrhundert bestimmen wird: dabei sind weder die USA noch China für die „offene Gesellschaft“. Da wäre die EU mit ihrem Wertesystem besonders gefragt, das noch immer, wenn auch immer schwächer, auf einem solidarischen Gesellschaftssystem aufbaut, das alle Bevölkerungsteile teilnehmen läßt am Gesellschafts- und politischen Leben. Zwar sprechen die hohen Quoten der Armen und Armutsgefährdeten auch in Europa (über 20% in Deutschland, über 40% in Griechenland) eine deutliche Sprache, aber hier, und nur hier gibt es Armutsbekämpfung, öffentlichen Zugang zum Gesundheitssystem und zur Ausbildung. Wenn Europa nicht im internationalen Tohuwabohu darum kämpft, werden diese öffentlichen Güter als “wettbewerbsschädlich“ bald verboten werden. Und die österreichische Ratspräsidentschaft? Fällt nur insofern auf, als der Bundeskanzler mit Präsident Putin poussiert, während gleichzeitig britische und niederländische Fahnder russische Cyber-Kriminelle festnehmen, die sich in internationale Organisationen und Wahlen einhacken.

Die europäischen Eliten tanzen nach dem Willen der vom derzeitigen „System“ Profitierenden, bzw. (in Großbritannien) nach dem der Souveränitätsnostalgiker. Es kommt zunehmend auf die Zivilgesellschaft, auf die Bevölkerungen an, ihre Politiker aufzufordern, das europäische Solidarmodell als Errungenschaft zu sehen und auf der globalen Ebene als genuines Interesse Europas zu verteidigen.

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Das MARE NOSTRUM in der Oper 2018

Zwei vollkommen unterschiedliche Zugänge, zwei Jahrhunderte Unterschied und zwei diametral musikalische Prozesse: ich spreche von „Die Zauberinsel“ in der Kammeroper und „Il Barbiere di Siviglia“ in der Staatsoper.

Die Zauberinsel ist definiert als Opernpasticcio von Jean Renshaw und Dieter Senft nach William Shakespeares »The Tempest«  unter Verwendung von Musik des 17.-Jahrhunderts britischen Barockmeister Henry Purcell – ein eigenartiges Unterfangen. So tendenziell vorhersehbar das Sujet – im Machtkampf unterlegener Bruder wird mit seinen beiden Zwillingstöchtern auf unwirtliche Insel verbannt, versklavt den dortigen Machthaber, erringt mit Liebes-Luftgeist magische Kräfte, will die nach Schiffbruch dort anlangenden Söhne des verhassten Bruders mit seinen Töchtern verbinden, erleidet dabei Probleme, führt aber diese zu Happyend und zurück aufs Festland, und verbleibt mit Caliban auf der Insel – und so wunderbar einfallsreich Jean Renshaws Regie und die Sänger- und Sängerinnenleistung mit dem grandiosen Bach Consort, so zerrissen wirkt diese aus allen möglichen Musikstücken Purcells zusammengeschusterte Musik. Wenn man an die wunderbare Purcelloper Dido und Aeneas denkt, die wie aus einem Guss ist, so wird dieses Pasticcio des Einezlstücken aus Purcells vielfältigem Schaffen nicht gerecht. Schade, denn alle Sänger, vielleicht mit Ausnahme der blassen Ariel (Tatiana Kuryatnikova), machen ihre Sache sehr sehr gut. Besonders hervorragend der Countertenor des Riccardo Angelo Strano als Hippolito – es ist schon erstaunlich, woher das Theater an der Wien immer wieder diese tollen Countertenöre auftreibt, aber ebenso bemerkenswert Jenna Siladiew als Miranda und Ilona Rvolskaya als Dorinda. Exzellent auch Dumitru Madarasan als der Trunkenbold Trincola, der die als Stroh-Sexpuppe aufgetreten und -getragen werdende Schwester des Taliban zur Frau bekommt: schmunzeln machte mich seine, auch von meinem Chor gesungene, Liebeshymne „I gave her cakes and I gave her wine“, die er immer wieder hervorbringt. Auch Johannes Bamberger als Ferdinand und vor allem Krsitjan Johannesson als grundelnder Bass und hassender und sorgender Vater Prospero, der auch die verbindenden Texte spricht, machen ihre Sache äußerst gut. Besonders hervorheben msus ich aber auch Martin Dvorak als das Monster Caliban, den Renshaw (wie sie dies öfters macht) akrobatische Glanzleistungen verbringen läßt, und der manchmal auch kaum verständliche Wortfetzen äußern darf, vor allem wenn er Trincola anstiften will, Prospero auf die Seite zu bringen, damit er selbst wieder über seine Insel gebieten kann.

Alles in allem: absolut sehens- und hörenswert, aber leider der wunderbaren Musik Purcells nicht voll gerecht werdend.

Als Gegenstück dazu Rossinis Barbier, durchkomponiert und in der 475. (!!) Aufführung dieser Inszenierung (nach Günther Rennert) noch immer überzeugend (im Gegensatz zu einige der vollkommen vom Staub überschwemmten Schenk-Inszenierungen). Ein hervorragend von Jean-Christophe Spinosi geleitetes Orchester, und vor allem eine sichtlich Spaß habende Besetzung bringt dieses flache Luststück mit Schmiss und Verve auf die Bühne. Ganz toll Margarita Gritskova als Rosina, die die schwierigen Passagen mit Leichtigkeit und exzellenter Schauspielkunst meistert, hervorragend auch Wolfgang Bankl als Bartolo, souverän sowohl in Stimme und Spiel Adrian Eröd als Figaro, aber auch Jinxu Xiahou als Almaviva, auch wenn er etwas Zeit braucht, um sich stimmlich in Form zu bringen. Witzig und sängerisch tadellos Anatoli Sivko als Basilio. Als eher Nicht-Rossini-Fan fand ich das Ganze doch sehr stimmig, witzig und musikalisch trotz des Sujets anspruchsvoll. Der Kontrast einer durchkomponierten Oper zu einem „Pasticcio“ am Vorabend war eklatant. Für mich erhebt sich die Frage, warum die Kammeroper nicht etwa Dido und Aeneas spielt und statt dessen einem Komponisten wie Purcell Gewalt mit einer zusammengestückelten Oper tun muss. Es gäbe genug anderes anspruchsvolles Material.

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What is the appropriate role of structural reforms in E(M)U deepening?

What is the appropriate role of structural reforms in E(M)U deepening?, Kurt Bayer, Andreas Breitenfellner

This article has just been published in Focus on European Integration Q3/2018 , http://www.oenb.at/focus.

Kurt Bayer

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Junckers letzte Rede

 

Ob Jean-Claude Junckers letzte Rede zur Lage der Union vor dem EU-Parlament  am 12.10.2018 ein ähnlicher Mythos wird wie General Custer‘s Last Stand, ist zu bezweifeln. Das wäre ohnedies nicht wünschenswert, da auf Custers und seiner Mannen Tod u.a. das Massaker von Wounded Knee folgte, bei dem mehr als 300 Frauen und Kinder von der US-Armee ermordet wurden, wodurch in den 1880er Jahren die Indianerkriege als beendet erklärt und die traurigen Reste der Ureinwohner ihrem desolaten Schicksal in weit entlegenen Reservationen zugeführt wurden.

Juncker wirkt bei seiner Rede erstaunlich blutleer, nichts vom Schmähtandler und Küsserkönig. Zwar zeigte er inneres pro-EU-Feuer als er, der überzeugte „Europäer“ als vehementer Kritiker des (neuen) Nationalismus auftrat, aber seine Rede bleib humor- und populismusfrei. Gespickt mit Lächerlichkeiten wie der vehementen Beschwörung des Endes der Zeitumstellung („die EU-Länder sollen selbst entscheiden, welches Zeitmaß sie wollen“) bleib die Rede eher ein etwas lustloser Rechenschaftsbericht, der die noch offenen Fragen des Kommissionsprogramms herunterbetete, aber mit einiger Emphase zu hoher Wahlbeteiligung am 29.5.2019 aufrief.

Wichtigster neuer Punkt war die Beschwörung der Wichtigkeit Afrikas für die EU, ein Investitionsprogramm auf Augenhöhe, welches jedoch Einzelheiten schuldig blieb. Juncker forderte wieder einiges, das die Kommission schon vorgeschlagen hatte, etwa eine Digitalsteuer, ein Plastikverbot, die Schaffung legaler Wege für Zuwanderung (hier warf er wieder Flüchtlinge und (Wirtschafts-)Migranten in einen Topf, sowie Fortschritte bei der Verteidigungsunion. In Außen- und Steuerpolitik forderte er einmal mehr – mE nach sinnvoll – den Übergang zu Qualifizierten Mehrheitsentscheidungsregeln statt der alles lähmenden Einstimmigkeit.

In meinen Augen erstaunlich war das lahm bleibende Bekenntnis zu einer „Sozialunion“, wobei er jede Einzelheit schuldig blieb. Ebenso erstaunlich war die Nichterwähnung der Wirtschaftspolitik, außer die alte Forderung nach Stärkung des Euro durch Komplettierung der Bankenunion (sinnvoll, K.B.) und die Schaffung einer Kapitalmarktunion (sinnlos, K.B.) zu wiederholen. Kein Wort darüber, dass die EU-Wirtschaftspolitik, ganz stark getragen durch die Kommission, keine Lehren aus der Wirtschafts- und Finanzkrise gezogen hat, außer als Pflaster einige Maßnahmen zur Regulierung der offiziellen Finanzmärkte zu treffen. Junckers Beteuerung, er sei immer zu Griechenland gestanden und habe große Hochachtung vor den Opfern, die die Bevölkerung dort gebracht hätte, um sich die Solidarität der anderen EU-Länder zu verdienen, klingen hohler als hohl, wenn man bedenkt, dass die Kommission als Treiber der Griechenland-Troika der vehementeste Befürworter dieser verheerenden Austeritätspolitik in Griechenland war – sogar gegen den schwachen Protest des Internationalen Währungsfonds. Kein Wort von Juncker zur Zähmung und Re-Dimensionierung der Finanzmärkte, deren jährliches Umsatzvolumen das Siebenhundertfache des BIP erreicht: alles für „tiefe und liquide Finanzmärkte“ zu erreichen und die Realwirtschaft zu stärken? Da weinen ja die Hühner!!

Juncker hat zwar gefordert, dass die EU vom „Global Payer“ zum „Global Player“ werden müsse, also vom Zahler zum Mitgestalter, doch hat er dies nur auf den Militärbereich bezogen. Dass die EU als zweitgrößter Wirtschaftsraum der Welt, als weltgrößter Handelsblock auch bei der zerbröselnden Welt-Wirtschaftsordnung aktiv mitreden sollte, um die künftigen Regeln mit-zubestimmen, davon kein Wort. Juncker selbst-beweihräuchernde Behauptung, in seinen Gesprächen mit China und den USA habe die EU sehr Wohl Flagge gezeigt, ist zum Weinen. Denn vor allem in den USA hat er bestenfalls defensiv erreicht, dass bis auf weiteres keine Autozölle eingehoben werden sollen. Das ist doch keine Mit-Gestaltung der Handelsregeln: wo sind die EU-Initiativen zur Neugestaltung der Bretton-Woods-Institutionen, der Welthandelsorganisation, von internationalen Steuerabkommen zur Eliminierung der Steuerflucht und der Steueroptimierung der Konzerne – über die Digitalfirmen hinaus? Wo sind die Initiativen, Afrika in IMF und Weltbank mehr Stimmrechte und Einfluss auf Kosten der über-repräsentierten EU-Länder zu ermöglichen und auch den großen Schwellenländern entsprechend Mitwirkung und Mitsprache zu ermöglichen? Das Festhalten am Pariser Klimaabkommen allein ist zu wenig.

Junckers Rede war die eines müden alten Mannes. Es war aber wenigstens die Rede eines europäischen Machers, bei dem das Feuer für die EU noch glost, der einen europäischen „Patriotismus“ statt eines rückwärts gewandeten „Nationalismus“ fordert. Dafür, aber auch nur dafür, sei ihm gedankt. Mit dieser Rede wird er keinen einzigen potenziellen Nichtwähler, geschweige denn eine Nichtwählerin zur Wahlurne bringen: eine vergebene Chance!

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No Surprise: the Continuing Power of Finance

In „Surprising outcomes of the financial crash“ (Financial Times, 7.9.2018) Gillian Tett cites five valid „counter-intiuitive surprises“ about the lessons (not) learned from the recent financial crisis: overall debt is significantly higher than before, market concentration of US banks has even increased, American investment banks – at the root of the crisis – are outdoing their European counterparts, as are New York and Chicago, „shadow banks“ not command a higher share of financial assets than before, and retribution, measures in terms of indictments and jailing of high bank officials, is practically non-existent. After the onset of the crisis, high leverage was seen as a root cause, too-big-to-fail needed to be addressed, the power of investment banking rolled back, shadow banks to be brought into regulatory regimes, and the culprits to be punished – as they had been in the Savings&Loan crisis during the 1980s.

Tett concludes that „cynics might say that these five surprises show just how powerful the financial elite remains in the west“ and that the crisis should have led to a resurgence of left parties, but that instead right-wing populists had become the political beneficiaries, who are not interested in reining in the financial sector.

I think that Tett‘s relegation of the power argument to „cyncics“, i.e. its dismissal by her, is at least premature. Let us recall that Wall Street‘s financing of US campaigns is still rampant, that emasculation of the Frank-Dodd regulation by bank lobbying and the more recent deregulatory attempts by the Trump administration and soundings from the City of London that after Brexit the UK should engange in de-regulatory competition with the European Union are significant examples of the continuing influence of the financial sector on politicians, let alone the unsolved problems of the bank-sovereign nexus, where banks hold significant amounts of sovereign debt, making sovereigns dependent on banks, etc. Let us just remember that the neo-liberal Big Bang and Mayday deregulations of the 1980s ran under the banner that financial markets needed to be „free“ (from regulation) that self-regulation worked and that freed financial markets would benefit citizens and businesses. As long as this ideology reigns, as long as financial institutions, „investors“ are the prime arbiters of businesses‘ and countries‘ viability (and can influence these assessments through their own activities), as long as the „Resistable Rise“ (Unaufhaltsame Aufstieg, B. Brecht) of the financial sector is not stopped and reversed, as long will „business as usual“, adorned with a number of small regulatory restrictions, reign – and the underlying instability caused by the unleashing of the financial sector continue. The risk of another, still deeper, crisis looms. The power of the financial sector is unbroken.

 

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Deutscher EU-Positionswechsel: EZB oder EK?

Seit einiger Zeit wird berichtet, dass Angela Merkel nicht mehr auf der EZB-Nachfolge für Jens Weidmann bestehen will, sondern dass sie einen ihrer Vertrauten, Wirtschaftsminister Peter Altmaier oder EU-Parlamentarier Weber lieber in den Posten des Kommissionspräsidenten hieven will. Der Laie (jedweden Geschlechts) mag der Meinung sein, dass diese sehr verantwortungsvollen Positionen offen ausgeschrieben, die Interessenten von einem externen Gutachtergremium nach Fachkenntnissen und Führungsqualität bewertet und dann vom EU-Rat gewählt und bestellt werden: schön wärs, oder schmecks!

Diese Positionen werden an die großen Länder verteilt, bzw. von diesen ab und zu auch an kleine vergeben – wenn dies politisch opportun erscheint. Nach dieser Logik steht Deutschland bei den bevorstehenden Groß-Entscheidungen Nachfolge Draghi Europäische Zentralbank und Präsident der Europäischen Kommission – beide im Herbst 2019 fällig – zumindest oder höchstens eine dieser Positionen zu, so zumindest die Selbsteinschätzung der politischen Realität durch das weitaus größte Euro-Land.

Lange Zeit galt es als ausgemacht, dass Deutschland seinen Bundesbank-Chef Jens Weidmann als Nachfolger Draghis sehen will. Weidmann hat im sechsköpfigen EZB-Direktorium immer wieder gegen die Mehrheit gestimmt und die Ausweitung der Geldmenge und Senkung des Zinses massiv bekämpft, und damit die insgesamt restriktive Linie der Bundesbank auch in die Eurozone tragen wollen. Es sei hier angemerkt, dass die unkonventionellen Instrumente der EZB in der großen Finanz- und Wirtschaftskrise zwar das bisher bekannte und rechtlich zulässige Instrumentarium bis an seine Grenzen ausgereizt haben, die EZB aber aufgrund der Austeriäts-verliebten Europäischen Kommission und EU-Finanzminister der einzige wirtschaftspolitische Akteur war, der in der Krise (erfolgreich) gegengesteuert hat.

Plötzlich aber will Deutschland auf diese Zentralposition in der europäischen Wirtschaftspolitik verzichten – und strebt dafür lieber den Posten Jean-Claude Juncker‘s an, der im Herbst 2019 (zusammen mit der gesamten Kommission) zurücktritt. Was kann dahinter liegen?

Ich meine, dass das damit zusammenhängen könnte, dass Deutschland in der derzeitigen Phase der Wirtschaftslage stärker als Kommissionspräsident eingreifen (lassen) will: Seit vielen Jahren monieren viele Ökonomen, seit 2011, seit der Einführung der „Macroeconomic Imbalance Procedure (MIP)“ auch die Kommission, dass Deutschland seinen riesigen Leistungsbilanzüberschuss (mehr als 8.5% des BIP) abbauen solle, dass dieser Überschuss (und jener der Niederlande), welcher absolut gesehen der größte der Welt ist, das Wachstum der übrigen Euroländer bremse und die Eurozone destabilisiere.

Zwar ist die MIP asymmetrisch und zahnlos, weil sie größere Überschüsse als Defizite zuläßt (warum??) und nicht sanktioniert wird, doch wird der Druck auf Deutschland immer größer – nicht zuletzt durch den US-Präsidenten, der – nicht ganz zu Unrecht – in solchen Leistungsbilanzüberschüssen gegenüber den USA ausbeuterisches Verhalten sieht: als Zeichen dafür hat er die EU mit Aluminium- und Stahlzöllen belegt, droht der europäischen (primär deutschen) Autoindustrie mit 25%-Zöllen und zeigt auch gegenüber dem EU-Anbot, alle Autozölle gegenseitig auf Null zu setzen, die kalte Schulter.

Langfristige große Leistungsbilanzüberschüsse sind – wie der große Keynes schon vor 80 Jahren monierte – für die Weltwirtschaft genau so schädlich wie es Defizite sind. Für die EU führt dies dazu, dass schwächere EU-Länder weniger in die Überschussländer exportieren können, weil dort die Nachfrage zu schwach ist. Ein Leistungsbilanzüberschuss bedeutet nämlich, dass in diesem Land die volkswirtschaftliche Sparrate deutlich höher ist als die Investitionsrate, dass also zu wenig investiert wird, das Geld und die Anstrengungen lieber ins Ausland fließen als in den heimischen Markt. EU-Versuche, dies zu ändern, also zum Beispiel auch die so genannte „Bankenunion“ durch Einführung einer Eurozonen-weiten Einlagensicherung zu komplettieren, wodurch Bankruns verhindert werden könnten, scheitern bisher u.a. an Deutschland, die weder in diesem Bereich, noch etwa durch die Ausgabe von Eurobonds oder durch ein gemeinsames Eurozonen-Budget die für eine Währungszone notwendige Risikoteilung akzeptieren wollen. Ihr innenpolitisch sehr wirksames Schein-Argument lautet, wie übrigens schon ab 2010 bei der Hilfe für Griechenland (die weitestgehend an deutsche und französische Banken weiterlief), dass man die Gelder der tugendhaften Deutschen, die so brav so viel sparen, nicht den liederlichen Südländern überantworten dürfe. Argument stark – aber falsch, da es damit das Funktionieren der gemeinsamen Geldpolitik untergräbt.

Daher mein Schluss: Deutschland will lieber den Kommissionspräsidenten, da sich in dessen Bereich die wahren Kämpfe der nächsten Jahre um die „richtige“ EU und Eurozonen-Politik abspielen werden. Die Agenda für die EZB ist weitgehend gelaufen, dort werden die expansiven Maßnahmen zunehmend zurückgefahren. Aber nach dem Vorpreschen Emmanuel Macrons über die künftige Europapolitik, nach dem sich steigernden Druck auf die deutschen Leistungsbilanz-Überschüsse verschiebt sich das Machtzentrum in der EU wieder weg von der EZB („der Mohr hat seine Schuldigkeit getan“) hin zur Kommission und zur Fiskalpolitik. Und da möchte Deutschland an oberster Stelle mitmischen.

Für das Funktionieren der EU und der Eurozone in diesen turbulenten Zeiten von „Mein Land zuerst“ ist das eine angstmachende Nachricht: statt endlich die Lektionen aus der Finanz- und Wirtschaftskrise zu lernen und die EU-Politik grundlegend umzustellen, wird dies zu einem Weiterstolpern, zu einem weiter Lavieren, und damit zu einer weiteren Schwächung der EU und Eurozone führen. Sinnvoller wäre es, die Macronschen Vorstellungen einmal offen zu diskutieren und vor allem das Gesamtwohl der Menschen in der EU in den Vordergrund zu stellen, statt auf veralteten moralinsauren Vorstellungen von „gut (Sparen)“ und „böse (Investieren)“ zu bestehen.

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Real or Nominal Productivity Slowdown?

(published as “Real productivity is an efficiency measure” in the Financial Times Letters to the Editor 16.8.2018)

The Financial Times (among others) has been deploring for a long time that UK productivity is lowest among the G-7 countries (most recently Chris Giles „Productivity crisis is most severe in the western world“ FT 13.8.18) and that it has been growing most slowly or even falling. This is  a problem because „productivity, output per hour worked, is the way nations become richer, living standards rise and governments have the resources to improve public services or cut taxes“. So far, so ok.

The problem lies with Giles‘ definition, when he says that „labour productivity is normally measured as the value of goods and services produced for each hour worked“. Here he confuses real productivity as an efficiency measure, where input (labour hours) is compared to physical output (e.g. the number of cars, or a production index), with a value measure where physical efficiency is combined with the ability of the producer to set prices. Productivity measured in such a way confuses efficiency with monopoly power and price-setting ability. This becomes even clearer when Giles states that before the present „slump“ high productivity growth was achieved by „industries such as computing, finance and professional services“ whose growth performance has dropped sharply after 2008″. While it is difficult to measure the physical output of service industries, it is clear that the mentioned group has high price-setting power, and thus can charge prices which might be above competitive prices. This would have little to do with efficiency.

I also doubt whether the activities of the financial sector before 2008 should be the benchmark for today‘s performance of the sector. Their stellar „productivity performance“ may have contributed significantly to the Great Recession.

What seems to be happening to depress „nominal“ productivity is that businesses have much more negotiating power vis-a-vis weak labour unions than previously, being able to pay low wages to workers; it is also true that the UK employs a larger percentage than other countries of unskilled, low-wage workers (many of them immigrants).

Efforts by the statisticians should be directed towards gaining data on „real productivity“, the true, technical measure of efficiency. If that keeps falling, then yes, the UK has a problem (in addition to the misguided and incompetent way to lead the BREXIT negotiations).

By the way: It might also be opportune to inform the reading public of the more important productivity measure, namely „total factor productivity“ which measures efficiency gains beyond using more capital and labor. This measure is the true driver of our material well-being.

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