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Winterkultur 2017 1

Oscar Wildes Dorian Gray im Akademietheater ist ein außergewöhnliches Ereignis. Die Dekadenzstory aus dem viktorianischen England passt gut in die heutige Zeit: die Selbstverliebtheit des Dorian, die Anhimmelung durch seinen Malerfreund und andere, die Absolutheit von Schönheit, die Manipulation seiner Person durch Harry, Dorians rasch entflammte und ebenso wiedererloschene Liebe zu einer zweitklassigen Schauspielerin – das alles passt auch heute. Die dramatische Geschichte vom reichen, wunderschönen aber naiven Dorian, der in den Einfluss Harrys fällt und dann – Faustgleich – alle Erlebnisse, die die Welt zu bieten hat, auskosten will, und dann merkt, dass genau das sein Leben zerstört, wird durch seine Projektion auf sein gemaltes Ebenbild noch dupliziert. Seine Angst vor dem Verlust von Schönheit und Jugend, die er zuerst in der Projektion afu sein Porträt wahrnimmt, seine Unfähigkeit, damit umzugehen, lasst ihn – wörtlich – über Leichen gehen und zerstört ihn.

Das alles bringt diese Aufführung (Bast) in unheimlich spannender, stilisierter Form, wobei Markus Meyer akrobatisch und virtuous als einzig Lebender zwischen gesplitteten Bildschirmen, die die Zerrissenheit seiner Seele zeigen, hin- und herturnt. Die andere Protagonisten, der Maler und Lord Harry, sind nur als Teil-Projektionen zu sehen. Das alles wird sehr dynamisch und mit exzellenter Musik untermalt. Damit gelingt dem Regisseur, dieses nicht als Bühnenstück konzipierte Werk Wildes dramatisch lebendig zu machen, sehr, sehr eindringlich. Der verdiente Applaus für Meyer wollte kein Ende nehmen.

Abel Gance‘s „J‘accuse“, ein Erster Weltkriegs-Film aus dem Jahr 1919 wird durch die grandiose Live-Musik Philippe Schoellers zu einem besonders eindrucksvollen Werk. Der Stummfilm, der zwischen Liebesgeschichte, Kameraderie, Patriarchalismus und Kriegsgreueln hin- und herschwankt zeigt die Einzelschicksale dreier Liebender auf. Die Musik ist punktgenau auf die Handlung des extrem langen Films zugeschnitten und muss Schoeller Jahre an Arbeit gekostet haben. Im Rahmen von Wien Modern ein richtiges Schmuckstück.

Ein echtes Fundstück war das Konzert für Cello und Orchester des mir vollkommen unbekannten Edouard Lalo (1823-1892), aufgeführt vom exzellenten Brussels Philharmonic unter Stephane Deneve, mit dem hervorragenden Cellisten Gautier Capucon (Bruder des bekannteren Geigers). Sogar der neben mir sitzende Ex-Musikschullehrer und früherer Geiger beim ORF-Orchester hatte noch nie von Lalo gehört, fühlte sich aber beim Konzert stark an Janacek erinnert. Mir gefiel vor allem der lyrische zweite Satz, der endlich dem Solisten genügend Sound-Platz gab, sein Können zu zeigen und hier das romantische Repertoire des Komponisten, der laut Programmheft ein großer Anhänger Schuberts, Mendelssohns und auch Wagners war, voll zum Klingen zu bringen.

Als kurzes Vorstück dazu gab es die ungeheuer dynamische „Flammenschrift“ des zeitgenössischen Guillaume Connesson – laut Programmheft eine Art musikalisches Porträt der gewalttätigen Leidenschaften Beethovens – eine Interpretation, die der oben erwähnte Musikschullehrer als intimer Beethoven-Kenner strikt ablehnte. Wie immer, das Stück kam dem exzessiven Stil des Dirigenten voll entgegen und wurde vom Orchester mit großer Verve und Lust interpretiert.

Enttäuscht wurden meine Erwartungen im Kabarett „Durchs Rote Meer. Zwischen Revolution und Reformation“ in der „Hölle“ des Theaters an der Wien. Die Anklänge an Vorkriegskabaretts in Berlin und Wien sind ja willkommen, aber geboten wurden eher schwache Nummern. Zwar war die musikalische Begleitung durch Albero Verde exzellent, und auch einige Nummern waren durchaus witzig (Hysterische Ziege, Kakadu, Der schönste Mann von Wien), aber die Zusammenarbeit mit dem Letzten Erfreulichen Operntheater hätte doch etwas tiefergehende Texte verdient. Armin Bergs dümmliche Lohengrin-Persiflage muss entweder besser erzählt oder noch besser gar nicht gebracht werden.

Enttäuschend und auch ärgerlich ist Michael Hanekes Film „Happy End“. Der Vorspann ist eingewoben in einen Handy-Bildschirm, auf dem offenbar schriftlich gechattet wird. Der Text ist von Reihen ab der Kinomitte nicht zu lesen. Im Laufe des Films stellt sich heraus, dass das Chatten eine der Schlüssel für den Verlauf dieser grauenhaften Geschichte ist, weil dadurch unbeabsichtigt die Weichen für das weitere Geschehen gestellt werden. Das hätte schon anfangs anders als durch lange nicht-lesbare Chatting-Sequenzen sichtbar gemacht werden können. So fühlt man sich als Kinobesucher vom Regisseur nicht ernst genommen.

Zusätzlich bleibt der Film eigenartig zerrissen: die einzelnen Personen werden nicht wirklich glaubhaft gemacht, alles spielt sich irgendwie beiläufig ab, wenn es auch für die Protagonisten große Bedeutung hat. Haneke verschleudert hier das Talent von Isabelle Huppert und auch J.-L. Trintignant und seiner anderen Schauspieler. Irgendwie wirkt der Film unfertig – ganz im Gegensatz zu früheren Haneke-Filmen. Die Geschichte des verlassenen, vereinsamten Mädchens gäbe viel her.

Richard Strauss‘ Daphne, eine „bukolische Tragödie“ an der Staatsoper hinterläßt zwiespältige Gefühle. Die Geschichte von der natur- und baumverliebten Daphne, die den Tag lobt und Angst vor der nächtlichen Bacchanalie hat, bei dem sich nicht nur die Schafe paaren, hat ein schauderhaftes Libretto, das offenbar auch Strauss, der den Stoff liebte, Sorgen bereitete. Der Qualität des Libretto (in einer Sprache, die an den Jedermann altertümelnd erinnert) folgt eine scheußliche Inszenierung: zwar ist die Bühne als klassizistisches Wohnzimmer mit Opalfenstern und einem großen „Hinterraum“, auf dem sich ein Großteil der Handlung abspielt, schön gestaltet, doch ist die Tanzszene mit aus Dionysos‘ Kopf hervorhüpfenden Teufeln, die dümmlich herumspringen eher einer Perchtenszene für Kinder als eines Bacchanals würdig; ebenso wirkt die Verwandlung Daphnes in einen Lorbeerbaum, auf dessen Wurzelstock sich ein riesiger Phallus (?) senkt, ebenso deplatziert und sinnentleert, wie die mehrere Male die Bühne durchquerenden Muscheln und Korallen: wer hat sich das ausgedacht, wer verunglimpft Strauss? Dagegen ist die Musik von Strauss‘ Feinstem, mit Anklängen an Wagners Klangrauschen (Logemotiv) und Tristan, aber auch wieder typisch Strauss: vor allem die letzte Szene der Transfiguration der baumverliebten und sex-abstinenten Daphne in den Baum gestaltet er sehr, sehr eindrucksvoll. Leider war Regine Hangler als Daphne dem Score nicht ganz gewachsen, machte aber trotz scheußlicher Schminke (griechische Theatermaske?) und trotz der Tatsache, dass sie sich mehrmals auf ihr Sofa als Schmollwinkel und Schmuseecke zurückziehen musste, recht gute Figur. Als ihre Mutter Gaia war Janina Baechle offenbar indisponiert, kaum hörbar und auch sonst blass. Besser, aber auch nur so, war Dan Paul Dumitrescu als ihr Mann (und Daphnes Vater) Peneios, wieder eine Stufe besser Benjamin Bruns als zurckgestoßener Liebhaber Daphnes Leukippos. Wunderbar strahlend aber Andreas Schlager als Apollo, der auch Daphne begehrt, Leukippos tötet, aber dann von Daphnes „Reinheit“ und Naturverliebtheit so angetan ist, dass er sein Opfer Leukippos in den Himmel aufnehmen lässt und Daphne ihren – von ihr nie so geäußerten – Wunsch erfüllt, sie in den immergrünen Lorbeer zu verwandeln, dessen Zweige die (keusche) Stirn der Sieger im olympischen Wettkampf schmücken werden. Simone Young vollführte als Dirigenten mit dem fabelhaften Orchester eine Orgie in ausladenden Armbewegungen. Hätte sie einen Armbewegungszähler (statt Schrittzählers) würde sie olympische Höhen erklimmen. Vor allem am Anfang deckte sie mit dem Orchester Daphne und Gaia zu. Ende gut, alles gut? Nein, eine solche Inszenierung sollte eher unterbleiben und einer szenischen Vorstellung Platz machen

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Herbstkultur 2017: Opern, Konzerte, Bücher, Lieder

Nicola Porporas Oper „Arianna in Nasso“ in der Kammeroper war ein zwiespältiges Erlebnis. Dies ist eine Abart des vielseitig bearbeiteten Ariadne-Themas durch den genialen Barockkomponisten Porpora. Wie gewohnt, bieten Orchester (Bach Consort Wien) und die Sänger hervorragende Umsetzungen dieser sehr dynamischen Musik. Die Inszenierung durch Sergey Morozow ist modern, visuell durchaus stimmig, jedoch im Programmheft überladen von Gerede über Post-Internet Art, Digitalisierung, Identitätssuche und ähnlichem: weitgehend unnötig, und auch für den Laien nicht sichtbar werdend. Dennoch: die Bühnenbild-Idee mit direktem Spiel im Vordergrund und hinter transparenten Vorhängen im Kubus im Hintergrund die zweite Ebene ist meist gelungen.

In der Oper geht es um Theseus und Ariadne, ihrer Flucht aus Kreta nach Naxos und dem dortigen Aufeinandertreffen mit Theseus Erstfrau Antiope und seinem Bewunderer Piritoo – und alles kontrolliert vom Liebesgott Bacchus und dessen Hohepriester Onaro (ein und dieselbe Person). Letztlich geht es um die Dreiecksbeziehung Theseus – Antiope – Ariadne, doch spielt sich eine erotische Permutation (jede/r mit jeder/m) ab, leicht verwirrend. Grandios singt der Countertenor Ray Chenez den Theseus und verkörpert auch spielerisch dessen Zwiespalt zwischen Liebe/Lust und Pflicht. Seine Koloraturtechnik ist atemberaubend. Auch Anna Gillingham als Arianna steht ihm kaum nach, etwas schwächer (sowohl sängerisch als auch spielerisch) sind Carolina Lippo als erst verlassene, dann wiedergewonnene Antiope, sowie Matteo Loi als Piritoo, dessen Bunny-Aufmachung im letzten Akt Rätsel aufgibt. Über, hinter und zwischen allen thront Anna Marshania als Onaro/Bacchus, die stimmlich ihrer Rolle die Festigkeit und auch ihre griechische Gotteseigenschaft, nämlich sehr menschlich zu sein gibt. Letztlich stellt sich heraus, dass ihre Weisung an Theseus, zu Antiope zurückzukehren, nicht ganz uneigennützig ihrer eigenen Lust auf Ariadne entgegenkommt.

Was sich Regisseur und Ausstatter dabei gedacht haben, wenn sie Theseus und Ariadne nach ihrem ersten Liebesakt im Cubus in einem Leiner-Küchenblock (235 €) mit Schürzchen und Kaffeemaschine im kleinbürgerlichen Haushalt zeigen, bleibt ebenso uneinsichtig, wie das Spiel der diversen Protagonisten mit konischen Mini-Zypressen (phallisch??), die gestreichelt und gekost werden. Und noch etwas: im Programmheft wird ein „happy end“ behauptet: wenn es in der tatsächlichen Aufführung ein solches geben sollte, dann – entgegen meiner Erwartung – nur eines für Bacchus, und vielleicht Ariadne, die nach Theseus halt schnell die Realität der Macht des Gottes einsieht und mit diesem zieht. Aber der arme Theseus wird hinter dem Screen von Antiope mit einer Messerattacke (Anspielung auf die gängigen Messerattentate??) getötet. Sein Blut spritzt gewaltig: Happy End? – Naja, vielleicht in der „post-Internet-Welt“ des Regisseurs.

Musik und Sängerinnen entschädigen für das überhochmetzte Regiekonzept von Morozov, das jedoch nur in einigen der beschriebenen Absurditäten störend wirkt, sonst eher bieder, die Musik unterstützend. Ein Rat noch an die Verantwortlichen: die kleine Kammeroper verträgt nicht die volle Lautstärke der SängerInnen, die dem großen Haus angemessen sein mag. Mitunter wurde das wunderbare Orchester arg übertönt.

Musikalisch ein absolutes Naturereignis ist Prokofiefs „Der Spieler“ in der Staatsoper. Zwar leidet die Aufführung an dem langen, konversationsartigen Text (Libretto: Prokofief), dessen Überlänge nur wenig zur Handlung beiträgt, der aber auf den neuen Bildschirmen – zumindest von den hinteren Logensitzen aus – fast nicht zu lesen ist), ist jedoch vor allem musikalisch von Orchester und Sängern, aber auch inszenatorisch sehr gelungen. Simone Young läßt das Orchester rhythmisch pointiert, aber auch schwelgerisch schwingen und geht sichtlich selbst in der Musik auf. Sängerisch großartig in der Monsterrolle des fast ununterbrochen auf der Bühne stehenden und singenden Alexej ist Misha Dydik, der auch mit vielen Bravorufen gefeiert wurde, ebenso wie Dmitry Ulyanov als fetter General. Etwas weniger zur Geltung kam die Polina von Elena Guseva, die oftmals nur schwer das Orchester übertönte und auch darstellerisch nicht überzeugt. Die famose Linda Watson als die zuerst reiche, dann arme, Erbtante Babulenka spielte dramatisch ihre Qualitäten aus: Blanche, die Angebetete des Generals, wurde von Elena Maximova passabel gesungen, spielte ihre Rolle als undurchsichtige Kokette hervorragend.

Gewünscht hätte ich mir, dass Prokofief einen gelernten Librettisten zur Übertragung des Dostojewksi-Romans beauftragt hätte, der die Textpassagen gestrafft hätte und damit textfreien Musikpassagen mehr Aufmerksamkeit der Zuhörer gestattet hätte: denn musikalisch ist dies wirklich ein Ereignis, welches den Zusammenbruch der russischen Gesellschaft nach der letzten Jahrhundertwende, die alles übertönende Spielsucht, der sich jegliches menschliche Gefühl unterordnet hervorragend erlebbar macht.

Karoline Grubers viel besprochene Inszenierung stellt ein Karussell als Scheinwelt und als Symbol des Roulettetisches in den Vordergrund, ein riesiger zerbrochener Wandspiegel im Hintergrund zeigt die zerbrechende Gesellschaftsordnung durch die kommende Revolution, aber auch durch ihre eigene Dekadenz nach. Die weißen Masken der Spieler deuten auf ihre Rollenhaftigkeit und Oberflächlichkeit der Figuren hin, hinter der sich nichts Reales mehr verbirgt, außer die Gier nach Geld. Im letzten Akt erinnern die Spieler in ihrem unaufhörlichem Hin und Her in ihrer Körperhaltung an Anthony Quinns Quasimodo im Glöckner von Notre Dame, oder vielleicht noch stärker an die Entourage der Rocky Horror Picture Show. Vor diesem grotesken Hintergrund spielt sich das Drama zwischen Alexej und Polina ab, deren Versuche zur Liebe von der Spielsucht überwuchert wird und die letztlich zum tragischen Ende (anders als bei Dostojevski), dem Erwürgen Polinas durch A. Wird. Zu Recht riesiger Applaus.

Das hoch gelobte und mit Preisen ausgezeichnete Buch von Robert Menasse „Die Hauptstadt“ ließ mich ratlos zurück. Ich finde das Stilelement, möglichst kurze, vielfältige Veduten von anfangs nichts miteinander zu tun habenden Personen (einige haben auch bis zum Ende keine Berührungspunkte) zu beschreiben, äußerst verwirrend. Es geht ein durchgehender Testflug ab, das Ganze wirkt zersplittert – ohne dass dem Leser der Sinn dieser Erzählweise eingängig wird. Menasse schwelgt in Brüssels Stadtgeografie, zumindest den einzelnen Straßen und Lokalen um den Place Schuman, das EU-Viertel, und den Innenbezirk St. Catherine, in denen sich seine Protagonistinnen bewegen. Nur dem Eingeweihten sagen die einzelnen Straßennamen etwas, die begangen werden: dennoch wirken diese prätentiös präsentierte Kenntnis eher betulich und mit Insiderwissen protzend. Namensgebend für das Buch ist ein Robert Musil („Parallelaktion“) nachempfundenes EU-Kommissions-Jubliläumsprojekt, welches durch klischeehaft gezeichnete EU-Beamtinnen, einen alten sterbenden Auschwitz-Überlebenden, sowie einen österreichischen Volkswirtschaftsprofessor verkörpert wird – nämlich Auschwitz als d a s Sinnbild für die Geburt der EU darzustellen, und durch eine dort neu zu errichtende EU-Hautpstadt zu adeln. Was damit der Mord einer unbekannt bleibenden Person durch einen polnischen Kirchensoldaten, der im Auftrag der polnischen Kirche gefährliche Islamisten in Geheimdienstmanier erschießen soll, bleibt unerschlossen. Die vielleicht witzig sein sollende Idee der Sichtung eines in Brüssel herumlaufenden Schweins, mit Seitenhieben auf die Boulevardpresse, soll offenbar Verbindung zu einer der Hauptpersonen, einem österreichischen Schweinefarmer und Präsidenten einer Europäischen Schweizezüchtervereinigung darstellen, dem das Betreiben eines multilateralen Schweine-Handelsvertrages der EU-Bauern mit China mißlingt, da einzelne Länder bilaterale Verträge mit China abschließen sollen, was nach EU-Recht gar nicht möglich ist (ist das von Menasse, dem EU-Kenner, beabsichtigt?). Beeindruckend und berührend sind als einzige in diesem sonst eher ärgerlichen Buch die immer wieder auftauchenden Kindheitserinnerungen an das Tausendjährige Reich und seine psychischen Folgen für die Überlebenden. Immer wieder tauchen ganz aktuelle politische Bezüge auf: so wird die mediale Suche nach einem Namen für das vazierende Schwein nach einem Blogstorm, der den Namen „Mohammed“ propagiert, abgebrochen; österreichische Politiker der jüngsten Vergangenheit tauchen, kaum verschlüsselt auf, der EU-Kommissionspräsident wird als guter Küsser in den Nacken dargestellt, etc., etc. Menasse kann es nicht lassen, sein EU-Insiderwissen zur Schau zu stellen. Ärgerlich sind auch einige grammatikalische Fehler, zB „er schwindelte“, womit gemeint sein dürfte „ihn schwindelte“, auch „außen vor“ ist eher auf den deutschen als den österreichischen Markt gemünzt. Alpbach, das mehrmals vorkommt, schreibt man nicht Alpach.

Vielleicht ist meine Kritik an dem Buch durch meine Kenntnis der Brüsseler EU-Interna und der EU-Gegoraphie Brüssels gebiassed, vielleicht macht dieser Genre-Roman für die Nicht-Insider mehr Sinn. Dennoch: die Perlen in dem Buch sind zu wenige.

Eher empfehlen würde ich The Underground Railroad“ des Pulitzer-Preisträgers Colson Whitehead, der die Geschichte eines Sklavenmädchens in den US-Südstaaten der 1870er Jahre sehr eindringlich beschreibt. Die vollkommene Ausgeliefertheit der Sklavenfamilien auf den Baumwollfarmen in Georgia, das willkürliche Auseinanderreißen der Familien, die Kinderarbeit, den Hunger, die Bestrafungen, die sexuelle Ausbeutung der Mädchen und Frauen durch die weißen Herren und die Aufseher sind wie selten zuvor eindringlich dargestellt. Cora, die Protagonistin, die bei ihrer Mutter auf der Plantage aufwächst, erfährt den großen Schock, als diese plötzlich weg ist, geflohen – und nie mehr wieder gesehen wird. Vollkommen schutzlos bleibt das Mädchen, widerständig baut sie auf einem winzigen Fleck zwischen den Hütten der Sklaven Rüben an und verteidigt dieses einzige „Privateigentum“ gegenüber den anderen Sklaven mit Zähnen und Klauen. Lange überlegt sie, die Flucht zu wagen, auch da sie sieht, was mit den wieder eingefangenen Sklaven passiert. Als sie sich den Peitschenhieben für einen Jungen entgegenstellt, wird sie selbst im Gesicht schwer verletzt. Dennoch bleibt sie ein Sexualobjekt für den Eigentümer. Erst nach einiger Zeit gelingt es Caesar, einem Mitsklaven, der erstaunlicherweise lesen gelernt hat, sie zur Mitflucht zu bewegen, die sie dann abenteuerlichst unternehmen, wobei eine weitere Fluchtgefährtin eingefangen wird. Auf der Underground Railroad, die in diesem Buch tatsächlich nicht nur so heißt, sondern eine wirkliche Eisenbahn im Untergrund ist, gelangen sie weiter nach Norden, finden Unterschlupf bei einem der weißen Helfer, werden jedoch – jeder extra – von den von den Plantagenhändlern angeheuerten Sklavenjägern, die sich als Privatmiliz Zugang zu jedem Haus, zu jeder Wohnung verschaffen, wieder eingefangen und zurückgebracht. Neben den Scheußlichkeiten des Selbst-Erlebten muss Cora mitansehen, wie eine weiße Familie, die sie eine Zeitlang in einem winzigen Dachverschlag versteckt, von deren Mitbürgern nach Entdecken Coras brutalst ermordet wird – und einer Allee von Gehängten am Weg zur Stadt einverleibt wird. Letztlich gelingt es Cora, ihrem verhaßten Peiniger zu entkommen und den Weg in die Freiheit zu finden. Der Leser, erschüttert von dem Grauen der eindringlichst beschriebenen Sklaverei, wünscht ihr das und vergibt dem Autor das allzu unwahrscheinliche Happy End.

Alban Bergs Wozzek im Theater an der Wien ist ein durchschlagender Erfolg. Die Verfassung des Librettos durch Berg selbst nach Georg Büchners Drama macht eine fast hundertprozentige Übereinstimmung von Musik und Text möglich. Hochdramatisch geht es her, die Armseligkeit der Existenz Wozzeks und Maries, die Verkommenheit letzterer (sie fügt sich in der ersten Szene, bei der sie ihren Sohn schlafend legt und ihm Wiegenlieder vorsingt, einen Heroin-Schuss), das Elend und die Ausweglosigkeit der Armut gelingt Berg, aber auch der sehr minimalistischen Inszenierung von Robert Carsen, sowie den von Leo Hussain geleiteten Wiener Symphonikern (fast) perfekt. Die Bühne ist immer der Innenhof einer Kaserne, deren Architektur an das Nazi-Luftwaffenministerium (jetzt Finanzministerium) in Berlin erinnert, und nur durch Vorhänge fokssierte Schauplätze abtrennt. Das Militärambiente dominiert sowohl die Behandlung Wozzeks (Florian Bösch) durch den Hauptmann (exzellent John Daszak), wie auch durch den die eigene Wissenschaftskarriere vergötternden Doktor (ganz ausgezeichnet Stefan Cerny), der Wozzek zu Experimenten mißbraucht. Die unglückliche Marie (hervorragend Lise Lindstrom) wird in einer Büchner-Brechtschen Manier als Opfer der Verhältnisse dargestellt, changierend zwischen Liebe zu ihrem kleinen Sohn, der finanziellen Abhängigkeit von Wozzek und den wenigen Lebens-Aktivitäten, die ihre Hingabe an den Tambourmajor und die Soldaten ermöglicht. Sensationell singt und spielt Florian Bösch den von Wahnvorstellungen aber auch den elenden Verhältnissen getriebenen Wozzek, dessen Suche nach Nähe und Anerkennung von seinen halluzinierenden Angstvorstellungen dominiert wird. Die Geschäftsmäßigkeit, mit der er Maries Kehle durchschneidet, nachdem ihm dies als einziger Ausweg für die „Sicherheit, wo man hingehört“ erscheint, macht einen frösteln. Und die allerletzte Szene, in welcher Maries und Wozzeks kleiner Sohn, während seine Spielkameraden die Leiche seiner Mutter beäugen wollen, ein Gewehr als Steckenpferdersatz nimmt, auf dem er in den dunklen Hintergrund „reitet“, zeigt grandios auf, dass auch der nächsten Generation kein besseres Los beschieden sein wird als der heutigen. Wenn es bei dieser Aufführung eine Kritik gibt, gilt sie dem Dirigenten, der zwar die dramatischen Akzente perfekt auslotet, in den (wenigen) lyrischen Szenen aber etwas farblos bleibt.

Ein Konzertereignis möchte ich herausheben: am 22.10. spielte Roland Batik mit dem Wiener Concert-Verein seine wunderbare Komposition „Meditation upon Peace“, sein 1. Klavierkonzert. Dies ist eine ganz toll gelungene Kombination von wunderschöner klassischer Musik mit gekonnt eingestreuten Jazz-Elementen, die kongenial vom Orchester, vor allem aber vom Kontrabassisten Heinrich Werkl komplettiert wurde. In dieser Komposition (vielleicht auch in vielen anderen) gelingt es Batik, sich ganz von der gekünstelten Freistellung von jeglichem klassischem Musikwissen seines einstigen Lehrers Friedrich Gulda zu lösen und eine wunderschöne Verbindung von klassischer und Jazzmusik herzustellen, ohne schroffe Übergänge und ohne dass diese Kombination aufgesetzt wirkt. Batik und das Orchester bekamen dafür frenetischen Beifall, was ihn dazu bewog, noch seine „Bagatelle“ zuzugeben, was ebenfalls mit Jubel belohnt wurde. Weniger subtil war Batiks und des Orchesters Performance in Mozarts Klavierkonzert in b-Dur (KV 505), wobei vor allem das Orchester den kleinen Brahmssaal übertönte – wie mir scheint, eine immer häufiger zutreffende Mode der Dirigenten, volle Pulle spielen zu lassen – auch wenn es gar nicht so passt. Gepasst hat diese kontrastreiche Wiedergabe allerdings dann bei Haydns Symphonie mit dem Paukenschlag, die der Dirigent Claus Peter Flor besonders lustvoll mit dem Orchester zelebrierte.

Das mir bis dahin unbekannte Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra unter seinem österreichischen Chefdirigenten Sascha Goetzel brachte im Grossen Musikvereinssaal eine zu vergessende Islamej:Fantasie orientale des Russen Milij Balakirew, die viel aus Tschindarassabum bestand; danach aber ein sehr interessantes Violin-Doppelkonzert „Shadow Walker“ von Mark-Anthony Turnage, als österreichische Erstaufführung, bei der Daniel Hope und Vadim Repin auf Period-Violinen brillierten, das auf Bezug einer künstlerischen Arbeit an der Londoner Shaftsbury Avenue basierte, in welcher der Künstler seinen Schatten als ihn verfolgenden Doppelgänger fotografierte. Laut Programmheft soll das etwas mit Identitätsfindung zu tun haben, schön und gut, aber für mich in der schönen Musik nicht wirklich sichtbar. Brillante Musik mit vielen Schattierungen, deren stilistische Zuordnung schwer zu identifizieren war, aber äußerst interessante Tonfolgen erscheinen ließ. Als Gustostück danach Berlioz‘ Symphonie fantastique. Episode de la Vie d‘un Artiste, in der das riesig besetzte Orchester all seine Farbigkeit, Lautstärke aber auch Musikalität zeigen konnte. Der Walk durch das Leben des Komponisten, von den träumerischen Fantasien von seiner Geliebten, zur pastoralen Lieblichkeit, zur wild brodelnden Leidenschaft, zum Hexensabbath und letztlich zum dröhnenden, pulsierenden Dies Irae war eine Wucht, die Dirigent und Orchester mit großem Verve und Freude musizierten.

Das hervorragende Minetti-Quartett im Sängerknaben-Konzertsaal Muth bot einen kantigen Haydn, Streichquartell in F-Dur, op.77/2, der die Mär vom guten Onkel Haydn im exzellenten Zelebrieren der Kontraste verschwinden liess. Noch eindrucksvoller Schostakowitschs Streichquartell Nr. 7, das durch die tragischen Lebensumstände (Tod seiner früheren Frau, Ächtung durch das Stalin-regime, welches in ihm auch nach dessen Tod nachwirkte) dominiert scheint. Die Aufgeregtheit von Satz 1 und 3 (Beginn) wird durch Todesklage im 2. abgelöst, und mündet am Ende des 3. Satzes dann in Abgeklärtheit. Die perfekte Synchronisation der Musikerinnen, aber auch ihr intensives Mitleben mit der Emotionalität dieses Stückes machen dies zu einem besonderen Hörerlebnis. Und dann noch eins drauf: Schuberts „Der Tod und das Mädchen“ bringt auch die Gequältheit des unheilbar Kranken zum Ausdruck, das Depressive korrespondiert so gar nicht mit dem biedermeierlichen „3-Mäderlhaus-Gefühl“, welches meine lange verstorbene Großmutter mit Schubert verband. Auch hier wieder eine meisterliche Wiedergabe des so hervorragend eingespielten Quartetts.

Der Georg Kreisler-Liederabend „Wien ohne Wiener“ unter der Regie des genialen Puppenspielers im Wiener Volkstheater brachte begeisterten Applaus, Pfiffe (positiv) und sogar Trampeln als Zeichen der Zustimmung im ausverkauften Theater. Besonders eindrucksvoll war die Gestaltung und Führung der Puppen, zB beim Der Tod der muss ein Wiener sein, oder Gemma Taubenvergiften im Park, im Triangelspieler aber auch am Donaukanal. Das singende und schauspielernde Ensemble von Sängern/Schauspielern/Puppenführern/Musikanten brachte ganz neue Töne in die schon eher depressiven Nummern des großartigen Kreisler, da die Musikbearbeitung von Franui die Liedertexte kongenial verstärkte. Leider war bei einigen der sonst großartigen Sänger die Textdeutlichkeit weniger ausgeprägt, sodass ein wesentlicher Teil der Lieder verlorenging. Das wurde aber durch die Puppen, aber auch sonstige Darstellung mehr als wettgemacht. Etwas schal der Ausflug in die Jetzt-Politik mit einem zackigen Autoritär Kurz, dennoch verblüffend, wie zeitlos einige der Texte Kreislers sind (zB vom Zugrabetragen der Freiheit). In jedem einzelnen Lied bleibt die Heimatlosigkeit des Vertriebenen – und seine vergebliche „Wiedereingliederung“ in die österreichische Gesellschaft spürbar.

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“Ökonomen” gegen Attac: das nenn’ ich Brutalität

(Leserbrief in Die Presse am 8.9.2017 als Antwort auf Gabriel Felbermayer in Die Presse am 2.8.2017)

Die Presse brachte am 2.9.2017 unter dem Titel „Wie man Attac zum Schweigen bringt“ ein Interview mit dem österreichischen Ökonomen Gabriel Felbermayer, den sie gleich taxfrei zum „Sprachrohr der Ökonomen in der Freihandelsdebatte“ stilisiert. In diesem Interview zeiht F. „die Freunde von ATTAC“ der Unterstützung des Protektionismus, die Handelskette SPAR des vordergründigen Schutzes ihrer Profitinteressen und gleich alle Kritiker der so genannten „Freihandelsabkommen“ à la TTIP und der Globalisierung der Dummheit und rückt sie in die Nähe der Verhältnisse in Venezuela.

Als gelernter und praktizierender Ökonom erlaube ich mir, mich nicht von Felbermayer vertreten zu fühlen und seiner Holzhammerargumentation nicht zu folgen. Dazu nur einige Argumente: keiner der ökonomischen Kritiker der „Globalisierung“ oder der „Freihandelsabkommen“ tritt gegen fairen Handel ein, der Unternehmen und Konsumentinnen gleichermaßen zugute kommt. Kritiker meinen jedoch, dass es bei diesen Abkommen nicht um Freihandel, also vollkommen ungehinderten Fluss von Waren und Dienstleistungen geht, sondern, wie die endlos langen Verhandlungsdauern (bis zu 10 Jahre) vermuten lassen, um den jeweiligen Schutz eigener Unternehmensinteressen. Viele versierte Kritiker bedauern, dass die interessengeleiteten Handelsströme nicht Arbeitnehmern zugute kommen, sondern die Unternehmensgewinne enorm gesteigert haben – wie die seit Jahrzehnten fallenden Lohnquoten beweisen. Niemand übersieht dabei, dass Handel auch zu niedrigeren Preisen für Konsumgüter geführt hat, aber eben vielfach durch Druck auf die Löhne erkauft wurde: wie Netto-Wohlfahrtsgewinne sind unsicher. Ökonomen-Kritiker monieren an Abkommen wie TTIP, dass sie weit über den Handel hinausgehen und – ohne dies auszuposaunen – vielfach Investitionsschutzabkommen geworden sind, die den sozial- und umweltpolitischen  der Länder auszuhebeln versuchen – und damit Angela Merkels Ideal von einer „marktkonformen Demokratie“ nahekommen, anstatt einen „demokratiekompatiblen Markt“ anzustreben. Darüber hinaus gingen die Kritiker gegen Streitbeilegungsmechanismen vor, die sich außerhalb der üblichen Gerichtsbarkeit abspielen und von Unternehmensinteressen geleitet sein sollten.

Ökonomen-Kritiker der bestehenden Verhältnisse und Abkommen haben noch eine ganze Reihe von Argumenten im Köcher, derer sich meines Wissens ATTAC-Argumente teilweise bedienen. Kürzlich haben sich auch Professoren in Österreich diesem Reigen angeschlossen, der alle Kritiker der Unwissenschaftlichkeit zeiht – und nur ihnen, den Mainstream-Konformen Wissenschaftlichkeit zugesteht. Herr Felbermayer reiht sich in diese Gruppe ein. Er tut damit der ökonomischen Zunft keinen Dienst – und er spricht sicher nicht für alle „Ökonomen“.

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Political Correctness – Wohin?

Der direkte Anlass ist katastrophal: der Einfall von Neonazis, white supremacists und Unterstützern von „Alt Right“, der erzkonserviten rassistischen und antisemitischen Strömung, die prominent von Steve Bannon, jetzt Strategieberater Donald Trumps, vorher Chef von „Breitbart News“, einem hetzerischen Medium, unterstützt wurde, im beschaulichen Charlottesville, mit an KuKluxKlan erinnernden Fackelmärschen vor schwarze Kirchen und dann mit Waffen, Helmen und Schilden vor der Statue des Bürgerkriegsgenerals Robert E. Lee, um deren Beseitigung zu verhindern hat zu Straßenschlachten, dem Tod einer Gegendemonstrantin, zweier Polizisten und zu vielen Verletzten geführt – und in breiten Teilen der USA zur Erkenntnis, dass die lange verleugnete oder verharmloste Bewegung von identitären Terroristen unselige Zeiten der Bürgerrechtsbewegung wieder aufleben lässt. Und der Präsident, Donald Trump, hat nur allgemein Gewalt und Hass beklagt und „die Liebe beschworen“, wie sein Berater im Fernsehen sagte, ohne letztlich die Verursacher zu brandmarken.

Ganz klar, dass dieser Gewaltausbruch extrem verdammenswert ist, ganz klar, dass auch die Gesetzeshüter sich stärker mit diesem rechtsradikalen Terrorismus befassen und ihn mit den Mitteln des Rechtsstaates in die Schranken weisen müssen – und nicht nur „radikalislamischen Terrorismus“, dessen Ausrottung sich der Präsident einseitig verschrieben hat.

Dahinter aber steht wieder einmal die Frage, inwieweit Political Correctness, in diesem Fall die Beseitigung eines Symbols des 150 Jahre zurückliegenden Bürgerkrieges, also eines Südstaatengenerals, sinnvoll ist. Immer stärker wird in den USA, aber auch in Europa, von lautstarken Gruppen, vor allem von Studentinnen und Studenten verlangt, „beleidigende“ Symbole zu beseitigen, da sie eine Gruppe in ihrem Selbstwertgefühl verletzten. In diese Kategorie fällt der Beschluss des Stadtrates von Charlottesville. Eine ganze Reihe von Professoren, die „unliebsame“ Kurse anboten, wurde aus Colleges verbannt. In Oxford haben Studenten verlangt, die Statue des südafrikanischen Geschäftsmannes und Rassisten Sir Cecil Rhodes (nach welchem ein äußerst begehrtes Stipendium im UK benannt ist – auch Bill Clinton hat es gewonnen) vom Oriel College zu entfernen, nachdem 2015 schon dasselbe in Südafrika bei der dortigen Universität gefordert wurde. Es scheint, dass viele Menschen heute nicht mehr bereit oder in der Lage sind, „Beleidigungen“ ihres Egos, ihrer Identität zu ertragen, und daher die Entfernung der Steine des Anstoßes fordern. In Österreich denunzierten vor kurzem drei Professoren der Wirtschaftsuniversität andere als die von ihnen vertretene Mainstream-Ökonomie als „unwissenschaftlich“, ohne sich einer inhaltlichen Diskussion zu stellen. Man würde meinen, dass in einer Universität ein gewisser Respekt vor anderen Lehrenden und Forschenden vorhanden ist und in eine inhaltliche Diskussion mündet, die allerdings nicht in „einer einzigen Wahrheit“ münden kann: Wissenschaft eben.

Geben die Autoritäten diesen Wünschen nach, machen sie sich selbst der Geschichtslosigkeit und der Negierung von Diskussion schuldig: werden alle als negativ empfundenen Symbole der Geschichte entfernt, entschwindet auch die Geschichte und die Lektionen, die man daraus lernen kann. Viel richtiger wäre es, solche Wünsche zum Anlass zu nehmen, über die Geschichte, über das Böse und Gute, die Vielfalt von Menschen zu diskutieren, daraus zu lernen und den heutigen und künftigen Generationen zu vermitteln, dass man sich mit den Geschehnissen auseinandersetzen muss, dass die Welt nicht nur angenehm und gut ist, sondern vielschichtig und kompliziert ist. Ich denke hier als positives Beispiel an die Diskussion in Wien um die Beseitigung des Karl Lueger Denkmals, um die konstruktive Idee der Kunstuni, einen Wettbewerb zur Neugestaltung des Platzes, unter Beibehaltung der Statue zu machen, um damit die Persönlichkeit Luegers, eines Wegbereiters von Hitlers und der Nazi Antisemitismus, zu beleuchten. Wäre die Statue weg, wüßte heute und morgen fast niemand um die Taten (Modernisierung von Wien) und Untaten (virulenter Antisemitismus: “wer a Jud is, bestimm I”) des Mannes vor dem ersten Weltkrieg.

Daher: die Vielfalt der Meinungen, die Vielschichtigkeit der Persönlichkeiten, die Diversität der Welt wird immer zu unterschiedlichen Anschauungen dazu führen. Demokratische Verhältnisse bedeuten nicht, andere Meinungen akzeptieren zu müssen, sie benötigen aber Diskurs und Auseinandersetzung, damit die Einsicht entsteht, dass es unterschiedliche Anschauungen gibt, die alle legitim sind, soweit sie nicht die Rechte der anderen verletzen. Statt zu twittern, müssen wir miteinander reden, nicht nur in Echokammern Gleichgesinnte suchen. Zivilisation bedeutet das Miteinander von Gegensätzen, damit auskommen, sich damit auseinanderzusetzen.

Keinesfalls aber Gewalt und Attacken gegen andere: der Staat muss dafür sorgen, dass diese Auseinandersetzungen möglich sind und friedlich verlaufen. Wo war die Polizei in Charlottesville?

Natürlich muss man unterscheiden zwischen Symbolen, die unterschiedliche Geschichtsbilder repräsentieren und solchen, die als Negation einer menschenrechtlichen und moralischen Haltung errichtet wurden, die menschenverachtenden Regimen und Haltungen dienen. Dies macht aber nur den Diskussionbedarf noch stärker sichtbar: Es schlägt allerdings dem Fass den Boden aus, wenn der amerikanische Präsident die Sezessionisten Lee und Jackson gleichsetzt mit den Staatsgründern Washington und Jefferson. Dies verrät die Gründungsidee und den Gründungsmythos und damit das Staatsverständnis der Vereinigten Staaten. Ein solcher Präsident müsste wegen Verfassungsverletzung angeklagt werden!

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Konflikt durch Klimawandel

(am 15.8. in der Internetausgabe der Wiener Zeitung veröffentlicht)

Die heurigen Gewitter, Überflutungen, Murenabgänge und Trockenheiten zeigen auch dem verbohrtesten Österreicher, dass die Folgen des Klimawandels auch bei uns angekommen sind. Das eklatante Beispiel der Probleme der Autoindustrie durch Dieselabgasskandal, vor allem in Deutschland, das sich so lange als „Vosprung durch Technik“ und „umweltbewußtes Fahren“ als Grün-Techniknation No.1 berühmte, zeigt auch den Autoliebhaberinnen, dass es nicht nur um das ferne Abschmelzen von Grönlandeis, die Gletscherschmelze und Probleme in Afrika und Asien geht, sondern dass der Klimawandel tatsächlich uns alle betrifft, und zwar zunehmend massiv.

Die Politik steht dem, trotz der Selbstbelobigung wegen des Pariser Klimaabkommens, weitgehend hilflos, ja vielfach als Komplizin gegenüber. Beispiele gefällig? Die steuerliche Bevorzugung von Dieseltreibstoff, die dazu geführt hat, dass in Deutschland und Österreich die Hälfte der neu zugelassenen Fahrzeuge Dieselantrieb haben, und damit mit Stickoxiden und Feinstaub nicht nur Kleinkinder in ihren Kinderwägen auf Auspuffhöhe, sondern alle Stadtbewohner gesundheitlich schädigen. Oder die Tatsache, dass ein früherer deutscher Bundeskanzler Lobbyist der Öl- und Gasindustrie ist, dass ein früherer deutscher Verkehrsminister Cheflobbyist der Autoindustrie geworden ist, dass auch in Österreich Politiker fast aller Parteien ihre schützende Hand, vollgestopft mit Subventionen, über die Autoindustrie und deren Verbrennungsmotorenmanie halten, gestützt durch Medien aller Art, die mit Autobeilagen und bevorzugten TV-Übertragungen von Auto- und Motorradrennen ebenfalls zu Lobbyisten dieser die Städte veröden lassenden Technologie geworden sind. Oder das fast einhellige Urteil der österreichischen Politiker, das Urteil des Verwaltungsgerichtes gegen die 3. Startbahn in Schwechat anzugreifen.

Erst ein Gericht hat in Stuttgart die Politik zum Handeln aufgefordert, nämlich aufgrund der Umweltverschmutzung selektive Fahrverbote, vor allem für alte Dieselmotoren zu erlassen, um die Bevölkerung zu schützen, Gericht hat die 3. Startbahn (vorläufig) verboten, nicht die Politik.

Bei all den genannten Beispielen wird immer wieder das Arbeitsplatzargument dafür herangezogen, dass im Zweifelsfall wirtschaftlichen Interessen vor jenen für eine bessere Umwelt der Vorzug gegeben werden müsse. Diese letzten Entwicklungen sollten jenen die Augen öffnen, die meinen, man könne alle potenziellen Konflikte zwischen Ökologie, Ökonomie und Sozialem in „Synergien“ verwandeln; man könne also ohne Verhaltensänderungen, hauptsächlich mit technischen Lösungen (zB „Geo-Engineering“) den Lebensstil der reichen Länder weiterführen. Auch wenn dieser „Lebensstil“, diese Art zu wirtschaften und zu leben, nicht genau jene Klima- und Umweltprobleme hervorgerufen hätte, unter denen wir alle zunehmend leiden.

Die Politik ahnt diese gravierenden Konflikte – und versteckt sich bisher. Seien es Verteilungskonflikte, wo man „einigen etwas wegnehmen muss, um anderen mehr geben zu können“, seien es Umweltkonflikte, wo es um andere Siedlungsformen, anderes Mobilitäts- und Wohnverhalten, Konsumänderungen, ja vielleicht um das Schlachten der heiligen Kuh „Wirtschaftswachstum“ (in der bisherigen Form) gehen muss – all diesen umwälzenden Entscheidungen geht die Politik aus dem Weg, um nicht „die Finanzmärkte“ zu beunruhigen, um nicht das „scheue Reh“ Kapital zu vergrätzen, um nicht die satten Bürgerinnen und Bürger aufzurütteln.

Wir müssen uns – im Sinne einer Sicherstellung der längerfristigen Zukunft – vermehrt grundsätzlichen Fragen und Entscheidungen stellen. Den Kopf unter das Kopfkissen zu stecken, löst die Probleme nicht. Die Schönredner unter den Politikern, die uns eine heile Welt von „weiter so wie bisher“ vorgaukeln wollen, sollten wir in diese schöne heile Welt schicken und sie von jenen ablösen lassen, die uns reinen Wein über die Probleme einschenken, Lösungsoptionen mit uns diskutieren und auch konfliktträchtige Entscheidungen vorbereiten – und diese dann umsetzen. Mehr von allem und Weiter so wie bisher geht nicht mehr. Die Wahrheit ist uns zumutbar

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Vorsprung durch Technik?

(Unter dem Titel: Deutsches Auto, österreichisches Problem in der Zeitschrift Falter 32/17 etwas verändert veröffentlicht)

Die Skandale reißen nicht ab: zuerst die Dieselmanipulationen, die in den USA zu sehr hohen Kosten führen. VW ist bisher zu Strafen und Kompensationen von 22 Mrd € verurteilt worden. Jetzt der Kartellverdacht gegen die deutschen Autohersteller und Bosch: diese hätten zulasten ihrer Käufer und der Umwelt seit 1990 verbotene Absprachen getroffen, die nicht nur – wie sie behaupten – die Technologieführerschaft Deutschland befestigt hat, sondern zu kostensparenden gemeinsamen Einsparungen geführt hätten. Es geht unter anderem um die Größe jener Tanks, mit denen Harnstoff die Dieselabgase weitgehend neutralisieren kann. Geschädigt sind Umwelt und KäuferInnen.

Die noch zu erwartenden Strafen und die unzulänglichen Versuche der Hersteller, in Europa durch Software das Problem aus der Welt zu schaffen, wiegen angesichts der Entwicklungen auf dem globalen Mobilitätsmarkt weniger als der Imageverlust und der Nachholbedarf bei elektrischen und selbstfahrenden Autos. Endlich erkennt die internationale Gemeinschaft, dass es angesichts der Umweltprobleme, der Staus, der Verödung ganzer Städte durch geparkte und im Schneckentempo kriechende Autos nicht weiter um Autobesitz gehen kann, sondern um „Mobilitätsdienstleistungen“, also: wie komme ich am besten – und im gesamtgesellschaftlichen Sinne schonendsten Weg – von hier nach dort. Wir kennen die alte Diskussion um öffentlichen versus privaten Verkehr, aber jetzt sehen wir riesige Umwälzungen (v.a.in den USA, in China, in Korea) mit Elektrofahrzeugen und mit„autonomem“ Fahren. Carsharing war hier nur ein Anfang. Bei diesen Entwicklungen hinkt die Hochtechnologienation Deutschland, deren Autoindustrie der ganze Stolz ihrer Politiker ist, hinten nach, weil sie auf die Optimierung von Verbrennungsmotoren gesetzt hat.

Durch die Strafen und die Rückstellungen wird bereits jetzt die Investitionstätigkeit deutscher Autofirmen eingeschränkt. Der Einbruch ihrer Börsenkurse, der das sinkende Vertrauen der Investoren anzeigt, tut sein übriges. Die deutsche Politik, voran Bayern, aber auch die Bundesregierung, hat bisher ihre schützende Hand über die Autoindustrie gehalten. Das geht nicht mehr. Das kürzliche Gerichtsurteil, dass Stuttgart (alte) Dieselautos verbieten muss, die Ankündigung von Volvo, in 2 Jahren nur mehr Elektroautos zu bauen, die Ansage Großbritanniens und Frankreichs, ab 2040 Diesel- und Benzinautos zu verbieten, Verbote einzelner Städte – all dies muss die deutsche Autoindustrie alarmieren. Ein etwaiges Verbot von Verbrennungsmotoren ab 2030 würde dort 320.000 Arbeitsplätze gefährden. Deutschland, das seine Reputation als Technologieführer zu verlieren droht, gerät gegenüber seinen internationalen Konkurrenten ganz massiv in Nachteil. Viele der neuesten Entwicklungen kommen nicht von den traditionellen Autobauern und Tesla, sondern von „betriebsfremden“ Newcomern wie Google, Amazon, Microsoft und Alibaba. Deutschlands Leitindustrie ist für diese Zukunft schlecht gerüstet.

Und Österreich? Unsere Fahrzeugindustrie generiert jährlich etwa 14 Mrd € an Umsatz und beschäftigt 30.000 MitarbeiterInnen. Ein massiver Marktanteilsverlust von Deutschland im globalen Mobilitätsmarkt würde auch Österreich, das besonders stark auf Dieselmotoren setzt (BMW-Werk in Steyr, AVL-List in Graz) schwer treffen. Eine öffentliche Diskussion darüber, wie mit dieser prekären Lage umzugehen ist, fehlt. Die schützende Hand der Politik über die Verbrennungsmotoren-Industrie erweist sich als Innovationsbremse: die niedrigere Mineralölsteuer für Dieseltreibstoff, die Förderung von Verbrennungsmotoren-Standorten, alles mit der Argumentation der sonst bedrohten Arbeitsplätze, hat die Firmen fehlgelenkt. Sie haben Technologien in einem Bereich optimiert, der keine Zukunft hat. Auf die Warner hat man nicht gehört.

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Eine Vergebene Chance

Am 19.6.2017 stellte Grame Maxton, Generalsekretär des Club of Rome seinen neuen, zusammen mit Jorgen Randers verfassten, Bericht an den Club of Rome „Ein Prozent ist genug. Mit wenig Wachstum soziale Ungleichheit, Arbeitslosigkeit und Klimawandel bekämpfen“ in der Österreichischen Nationalbank vor. Gemeinsam mit Sonja Puntscher-Riekmann von der Universität Salzburg war ich als Diskussionsredner geladen.

Maxton stellte in seinem Vortrag weniger sein Buch als die gesamte Entwicklung der Umweltsituation seit dem grundlegenden CoR-Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ 1972 vor, präsentierte erschreckende Ergebnisse über Eisschmelze, Permafrost-Auftau und andere Umwelt- und klimaschädliche Entwicklungen und brachte die Meinung der ganz überwiegenden Wissenschafter der Welt mit viel Information zum Ausdruck, dass das in Paris vereinbarte Klimaziel, die Temperatur maximal um 2 Grad ansteigen zu lassen zum beeindruckenden Ausdruck.

In seinem Buch macht er „marktradikales Denken“ für die gravierende Lage bei Umwelt und Sozialem verantwortlich und stellt 13 einzelne Vorschläge zur Bekämpfung der Situation vor. Da sich die Mehrzahl der Diskussionen auf diese Vorschläge konzentrierte, seien sie hier ganz kurz angeführt (S.150):

1. Verkürzung der Jahresarbeitszeit

2. Anhebung des Renteneintrittsalters

3. Neudefinition des Begriffs „bezahlte Arbeit“ (um häusliche Pflege zu inkludieren)

4. Erhöhung des Arbeitslosengeldes

5. Erhöhung der Steuern von Unternehmen und Reichen

6. Verstärkter Einsatz grüner Konjunkturpakete

7. Besteuerung fossiler Brennstoffe und faire Verteilung der Erlöse auf alle Bürger

8. Verlagerung von der Einkommensbesteuerung auf die Besteuerung von Emissionen und Rohstoffverbrauch

9. Erhöhung der Erbschaftssteuern

10. Förderung gewerkschaftlicher Organisationen

11. Beschränkung des Außenhandels

12. Förderung kleiner Familien (Geburtenkontrolle)

13. Einführung eines existenzsichernden Grundeinkommens für diejenigen, die es am dringendsten brauchen.

Ohne auf alle einzelnen Maßnahmen einzugehen, brachte ich folgende Punkte vor.

1. Es ist gut, dass es dieses Buch gibt, da es wieder einmal auf die gravierende Situation der sozialen Lage und der Umweltsituation eingeht. Da es sehr einfach geschrieben ist, kann es weite Verbreitung – auch unter Laien – finden.

2. Kritisch ist anzumerken, dass es keine „Vision“ gibt, wie wir künftig „nachhaltig“ leben sollen. Eigentlich will das Buch, welches sich primär auf die reichen OECD-Länder bezieht, nur weniger vom Gleichen, aber keinen grundlegend anderen Lebensstil. Weder wird anderes Mobilitätsverhalten angesprochen, noch etwa hauptsächlich fleischlose Ernährung (wegen des Landverbrauchs und der Methanbelastung) noch andere Raumordnung, etc. Ob wir unseren „imperialen Lebensstil“ (Ulrich Brand) so weiterleben können und sollen, der auf der Ausbeutung von Mensch und Umwelt beruht, wird nicht angesprochen, nur das „marktradikale Denken“. Letztlich bleibt im Buch das bestehende Wirtschaftssystem aufrecht.

3. Es erstaunt, dass in einem Bericht an den Club of Rome die Vorschläge sich überwiegend auf den sozialen Sektor beziehen, und nur 3 von 13 konkret auf die Umweltsituation.

4. Während ich (fast) alle der 13 Vorschläge, jeden für sich selbst, sinnvoll finde, stehen diese unabhängig nebeneinander. Es gibt keine Gesamtschau der Effekte, keine Konsistenz, ja einige widersprechen einander diametral – so etwa die Arbeitszeitverkürzung und die Anhebung des Pensionsantrittsalters, oder es werden grüne Konjunkturpakete gefordert, was das Wachstum ankurbelt – wie ist das mit dem 1%-Ziel vereinbar?

5. Abstrus erscheint mir der Vorschlag, in der reichen Welt jeder 50-jährigen Frau, die maximal ein Kind geboren hat, 80.000€ zu geben. Erstens schrumpft in der reichen Welt fast überall die Bevölkerung, dort ist also das Bevölkerungswachstum nicht das Problem, zweitens ist vollkommen unklar, wie das gegenfinanziert werden soll – wie auch bei den anderen Vorschlägen.

Insgesamt stellen sich die Vorschläge als Mischmasch aus im einzelnen möglicherweise sinnvollen Maßnahmen heraus, von denen viele Steuergeld kosten (Arbeitslosengeld, Konjunkturpakete, Geburtenkontrolle, Grundeinkommen), deren Gesamtwirkung auf Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft vollkommen im Nebel bleiben. Wachstumssteigerung, Wachstumsabschwächung, Schuldenabbau, höhere oder niedrigere Arbeitslosigkeit, mehr oder weniger Umweltbelastung – alles ist möglich.

Und letztlich werden die Maßnahmen als „sinnvoll“ dargestellt und suggeriert, dass sie mit Überzeugungsarbeit „leicht“ durchgesetzt werden können. Ich meine dagegen, dass wirklich nachhaltiges Wirtschaften eine tiefgreifende Transformation des Gesellschafts- und Wirtschaftssystems benötigt, die auf massive Interessenkonflikte und Verteidigung von „vested interests“ stoßen wird, auf die die Proponenten sich einstellen müssen. Jene Interessen, die die derzeitige Misere herbeigeführt haben und davon profitieren, werden diese Positionen nicht durch Überzeugungsarbeit aufgeben. Das sehen wir tagtäglich.

Ich stimme allerdings mit dem Schlusswort des Autors überein, dass sofortiges Handeln nötig ist und daher auch kleine Schritte gegangen werden müssen. Mittel- bis langfristig allerdings wird es gewaltige Dynamik und politischen Druck der Bevölkerung brauchen, um die Klima- und Sozialkatastrophe abzuwenden.

=>>Randers/Maxton: Ein Prozent ist genug. oekom-Verlag

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