Category Archives: Life

Wie könnte eine künftige Wirtschaft aussehen? – 2 Buchbesprechungen

Tim Jackson. Post Growth. Life after Capitalism, politypress, Cambridge, UK 2021

Dieses Buch ist gleichzeitig erfrischend und enttäuschend. Es baut auf seinem sehr bekannten Bestseller von 2017 „Prosperity without Growth“ auf und kombiniert scharfe Analyse mit wunderschöner Sprache, deren Rhythmus seinesgleichen in populärwissenschaftlichen Abhandlungen sucht. Die Sprache ist des Sustainability Professors in Essex zweiter Passion, der literarischen Dramatik, geschuldet. Fast kein Satz ist länger als ein/zwei Zeilen, prägnant geht er seiner Verurteilung des Wachstumsdynamik verursachenden Konsumerismus als Grundübel des herrschenden Wirtschaftssystems nach. Und zwischen die Analysen streut er Erzählungen, etwa die vom vietnamesischen Mönch Thich Nhat Han ein, der auf den Spuren Mahatma Gandhis und Martin Luther King sich massiv für Friedensinitiativen eingesetzt hat. Jacksons besondere Verehrung gilt Robert Kennedy, dessen 1968er Wahlreden Jackson für den möglichen Beginn einer neuen Ära bezeichnet, die Versöhnung, Jugendrebellion und (eines von Jacksons Lieblingsthemen) Kritik am Buttoinlandsprodukt als Maßstab für Wohlergehen und politischen Erfolg predigten. Kurze Zeit darauf war Kennedy, der auch ein Hoffnungsstrahl gegen die Diskriminierung der Afroamerikaner war, tot, erschossen.

Jacksons zweite Guru ist Lynn Margulis, eine unkonventionelle Biologin, der er die Betonung von Symbiose (Zusammenarbeit) als stärkeren Motor bei der Evolution als Darwins Überlegenskampf und Auswahl des Stärkeren, also eines kompetitiven Konzepts, zuschreibt. Margulis wird damit zur Urmutter von Jackson‘s buddhistisch angehauchtem Solidaritäts- und Zusammenarbeits-Credo.

Zu Recht greift Jackson eine der Triebfedern des Wachstumsdogmas, die Steigerung der Arbeitsproduktivität, als gesellschaftlich fehlgeleitet an: Profitstreben führt zu Kostenminimierung, also auch Arbeitskostensenkung durch Produktivitätssteigerung, deren Erträgnisse wie wir heute alle schmerzhaft erleben, zum großen Teil nicht den Werktätigen zugutekommen. Auch technischer Fortschritt wird in den Dienst der (Arbeits-)Produktivitätssteigerung gestellt, deren ungerechte Verteilung jedoch zu allzu geringer Nachfrage (im Land) und zur fortwährenden Steigerung der Exportquote (Globalisierung) drängen. Werktätige kaufen Konsumgüter, deren Herstellung und vor allem deren immer weiter gehender Konsum, angetrieben durch Marketing und Reklame, den Menschen suggeriert, dass mehr besser sei – auch wenn die grundlegenden Lebensbedürfnisse und ein bestimmter Luxuskonsum darüber hinaus schon mehr als gesichert ist.

Folge dieses Wirtschaftssystems ist Vereinzelung („ich will mehr haben als der Nachbar“), Verlust von Solidarität, übermäßiger Verbrauch fossiler und anderer Ressourcen mit Folgen für Umwelt und Klima, sowie immer stärker um sich greifende psychische Krankheitsbilder. Er zitiert zB Pickett/Wilkinson, die 2009 in „Spirit Level“ empirisch nachgewiesen haben, dass Drogenmissbrauch, Depressionen, Diabetes, andere psychische und physische Erkrankungen deutlich zunehmen, wenn ein gewisses materielles Wohlstandsniveau (damals etwa 25.000$ pro Kopf) in einer Gesellschaft überschritten wird. Dann werden die negativen Folgen dieses materiellen Wohlstandes – wie immer gemessen – größer als der Zuwachs an materiellem Reichtum. Methodisch erinnert das an die ersten „Umwelt-Defensivkosten-Rechnungen“ der 1980er Jahre, als versucht wurde, ein besseres Wohlstandsmass als das BIP unter anderem dadurch zu errechnen, dass Umweltverzehr, also der Verbrauch von „Umweltkapital“ vom BIP abzuziehen ist. Diesem Versuch, das BIP als Wohlstandsmaß zu retten, sind noch viele weitere Versuche gefolgt, durch Addition des Wertes der unbezahlten Arbeit, Subtraktion von reinen Ermöglichern der BIP-Erzielung (etwa Kosten für interne und externe Sicherheit), sowie von solchen BIP-Elementen, die eindeutig die Wohlfahrt schmälern, wie die Kosten von Autounfällen.

Jackson zitiert eine beeindruckende Anzahl von Wissenschaftern aus der Antike bis heute als „Testimonials“ dafür, dass unbeschränktes Wachstum physisch nicht möglich ist – und destruktiv für ein tatsächlich „Gutes Leben für alle“ ist. Philosophisch wird Jackson, wenn er den Zielen eines solchen guten Lebens nachspürt. Er ist bescheiden in seinen Ansprüchen als Reformer: nach dem zitierten Mönch Thich Nham Han fordert er von uns, die permanente Gier nach mehr zu unterdrücken, den feinen Winden des Seins nachzuspüren und die Endlichkeit von Zeit und Weltressourcen endlich anzuerkennen. Das ist meines Erachtens enttäuschend, da es einer politischen Agenda mangelt. Das wird noch verstärkt dadurch, dass er zwar Macht anspricht, aber dies nicht als die Möglichkeit zur Interessensdurchsetzung versteht, sondern eher als Möglichkeit des einzelnen, sich zu überwinden. Zu wenig, nach meinem Geschmack, spricht er auch die Rolle des Finanzsektors an, der in den letzten Jahrzehnten von einer reinen Finanzierungsfunktion zum Bestimmer und Treiber des Immer Mehr, auf Kosten der Menschen, der Umwelt und der realen Wirtschaft, die zur Befriedigung der Grundbedürfnisse weiterhin notwendig ist, mutiert ist, und letztlich der „Super-Ausbeuter“ unserer Gesellschaft geworden ist.

Für österreichische Leserinnen hat er auch ein (bitteres) Zuckerl parat: in der Einleitung zitiert er die Rede des damals neu gewählten, 33 Jahre jungen, Sebastian Kurz in Davos 2020, der Innovation und eine junge, neue Ökonomie als Ablösung für die veraltete (?) propagierte. Das kla ng in Jacksons Ohren wie das Versprechen, dass neue Politiker die Zeichen der Zeit verstanden hatten. Doch dann sagte Kurz (ich zitiere in meiner Übersetzung):“Kürzlich hatte ich eine Diskussion über verschiedene Philosophien, zB die Post-Growth Society. Uns wird gesagt, es sei für ein Land besser, nicht zu wachsen, und es wäre besser, nicht Wachstum, sondern Glück (Happiness) zu messen. Klingt ja alles wundervoll und romantisch. (dann zwinkerten Kurz‘s Augen besserwissend) Aber Glück zahlt keine Pensionen“ (p XIV). So viel zur Zukunftsfähigkeit der „Jungen Politikergeneration“. Aber wir Österreicherinnen und -er kennen den Zynismus dieses alten Interessen und Ideen verhafteten Kanzlers ja inzwischen zur Genüge.

Insgesamt ist Jacksons Buch (derzeit nur auf Englisch verfügbar) absolut lesenswert: der Reichtum an Zitaten, die wirklich schöne prägnante Sprache, die hohe Lesbarkeit – all das wird versammelt, um die Gefährlichkeit der Wachstumsideologie, die dem Kapitalismus inhärent ist, den Lesern nahezubringen. Und dies auf eine Weise, die nur Interesse, kein Fachwissen voraussetzt. Schade, dass Jacksons Zukunftsaussichten auf Aktivitäten der einzelnen beschränkt bleiben. Ohne Politik wird die Transformation aber nicht stattfinden.

Conrad Schuhler. Wie weit noch bis zum Krieg? Die USA, China, die EU und der Weltfrieden.

Papyrossa, Köln 2020

Thukydides oder Kant?

Ist ein Krieg zwischen den USA und China um die Welt-Hegemonie unausweichlich (Thukydides) oder kann der Konflikt friedlich gelöst werden (Kant)? Darum dreht sich Schuhlers Kurzstudie. Er sieht in der gegenwärtigen labilen Lage eine besondere Möglichkeit für die Friedensbewegung, auf den Fußspuren von Fridays for Future zu weltweiten Bewegungen zu kommen, die die wichtigsten globalen Konflikte: Hegemonie, Klimawechsel, soziale und politische Auflösungstendenzen ohne kriegerische Auseinandersetzungen lösen könnten.

Schuhler beruft sich in seiner Analyse auf Lenin, der sich – im Gegensatz zu Karl Kautsky‘s „Ultra-Imperialismus“ für die Betonung der konfliktträchtigen Interessenkonflikte zwischen den und innerhalb der konkurrierenden Länder(gruppen) ausgesprochen hat, wodurch die Bildung von größeren Machtblöcken verhindert würde. Darauf pochend meint Schuhler, dass zwar Europa zum gefügigen „Vasallen“ der USA geworden sei, und damit auf eine eigene Rolle im globalen Hegemonialkampf verzichtet hätte, dass aber die Interessengegensätze etwa zwischen Frankreich und Deutschland, zwischen den Neutralen und Nato-Mitgliedern zu groß seien, um die gemeinsame geballte Wirtschaftsmacht der USA und Europas dafür erfolgreich einzusetzen, dem stark aufstrebenden China Paroli zu bieten. Die größte Gefahr sei ein „versehentlicher“ Atomkrieg, ausgelöst durch den Zentralmächten entgehende Einzelaktionen von Untergebenen, bzw. ein „minderer“ Atomkrieg zwischen Regionalmächten, die um Einfluss kämpften, etwa Israel und Iran oder China und Indien. Die Gefahr eines „geplanten“ Atomkrieges zwischen China und USA sieht er nicht.

Das Büchlein leidet unter dem Diktat der Zeit: geschrieben zur Hochzeit Donald Trumps als US-Präsident verwendet er viel Platz, um Trumps Zerstörung multilateraler Institutionen zu brandmarken – doch ist die Zeit (zumindest vorläufig) über Trump hinweggegangen. Zu Recht weist Schuhler allerdings auf die Kontinuität des Führungsanspruchs der USA hin, von Bush Vater über Clinton, Bush Sohn zu Obama, die alle die „Unverzichtbarkeit“ der Welt-Führungsrolle der USA als natürliche Ordnungsmacht betont und auch durchgesetzt haben.

Dabei analysiert er ausführlich die Grenzüberschreitungen und Schwächen des westlichen, sprich USA Führungsanspruchs, vor allem die immer stärker zutage tretenden Auflösungserscheinungen des privat kapitalistischen Wirtschaftsmodells und des demokratischen Prozesses. Kurz, aber prägnant beschreibt er dabei die wichtige Rolle, die heute die US-Kontrolle über das Welt-Finanzsystem und der (westliche) Zugang zu Renditen weltweit spielt, in Kontrast zu den früher dominierenden (auch heute noch sehr starken) Direktinvestitionen amerikanischer Firmen in anderen Ländern. Besser wäre es zu sagen, dass zusätzlich zur realen Kapitalverwertung nunmehr die Dominanz der finanziellen Schiene gekommen ist, die durch die Rolle des US-Dollars als führende Weltwährung ermöglicht wird. Schuhler spricht den von ihm so genannten „Kapitalorganisationen“, also den riesigen Vermögensfonds wie BlackRock und den Private Equity Fonds, die 30.000 deutsche Mittelstandsunternehmen unter ihre Kontrolle gebracht hätten – also dem nicht kontrollierten und beaufsichtigten Schattenbankensektor – die tragende Rolle im modernen globalisierten Privatkapitalismus zu. Auch zur Zeit der Verfassung seiner Schrift haben bereits von ihm kaum erwähnte Plattforminstitutionen, die Sammler und Verwerter riesiger Datenmengen von Privatpersonen und deren Transaktionen ihr Unwesen getrieben. Ihre Rolle bei der Dominanz kapitalistischer Verwertungsbedingungen hätte zusätzlich angesprochen gehört, ebenso wie ihre Rolle auf chinesischer Seite als fast lückenlose soziale Kontrollinstrumente der Staatsführung.

Wie der Verfasser dieser Rezension (siehe K. Bayer. Die Governance der Globalen Wirtschafts- undSozialentwicklung, in: Freudenschuss-Reichl/Bayer, Entwicklungspolitik und Entwicklungszusammenarbeit, Manz, Wien 2008) hat Schuhler offenbar auch eine gewisse Hoffnung auf eine geordnete globale Zusammenarbeit in die Gründung der G-20 Gruppe 2008 gelegt, die neben den G-7 Ländern auch 13 weltweite Schwellenländer, darunter auch China, versammelte. Diese Gründng wurde durch die gemeinsame Anstrengungen zur Lösung der Welt-Finanzkrise ausgelöst. Sie ist allerdings später durch ihre inneren Widersprüche in einen Dauerschlag verfallen, bis sie im Jahre 2021 im Zuge der Diskussionen um die Bekämpfung der weltweiten Covid-Krise und um die Einführung einer globalen Mindeststeuer für Kapitalunternehmen wieder belebt wurde. Sie ist jedoch nicht in der Lage, auch nur die Ansätze einer die weltweiten gemeinsamen Probleme lösen könnenden „Weltregierung“ zu bilden: zu groß sind die vor allem im Hegemonial-Wettstreit zutage tretenden Gegensätze, nicht nur zwischen den uSA und China, sondern auch zwischen einander um Einfluss streitende Regionalmächte (etwa Türkei, Iran und Saudi-Arabien im Nahen Osten).

Den Niedergang der langjährigen Modellrolle der USA für viele Länder der Welt durch die sozialen Verwerfungen im Lande, die durch ihren Finanzsektor ausgelöste Finanz- und Wirtschaftskrise, die Lahmlegung demokratischer Institutionen und den gleichzeitigen Aufstieg Chinas durch seine ausgedehnten Belt-and-Road-Initiativen „auf Augenhöhe“ (@chinesische Selbstdarstellung), sowie Chinas phänomenale Erfolge bei der Reduzierung der Armut und den Aufbau einer Konsumgesellschaft sieht Schuhler als verstärkendes Element im Hegemonialkampf. Dabei komme auch kulturellen Faktoren eine wichtige Rolle zu (er zitiert den Niedergang der Filmlegende Hollywood durch H. Weinstein‘s Sexualverbrechen ebenso wie das unflätige Verhalten von D. Trump).

Etwas einseitig erscheint seine Darstellung der allein „friedfertigen“ Sicherheitsbedürfnisse Chinas, seine selbsterklärten rein defensiven globalen Bestrebungen, die nur bei Bedrohung seiner territorialen Integrität (Hongkong, Uigiren, Tibet) vehement aktiv verteidigt würden, und es notwendig machten, im südchinesischen Meer seine Einflusszonen auszuweiten. Auch dass die Neue Seidenstrasse einzig der Verbesserung der Lebensbedingungen der dort lebenden Menschen dienten – und nicht zumindest „Soft Power“ Vorteile für China zu lukrieren versuchten, ist von vielen Kommentatoren bestritten worden. Die Probleme mit dem chinesischen Finanzwesen, die oft harten in Übernahmen gipfelnden Kreditkonditionen („debt-equity-swaps“ euphemistisch genannt) bei Seidenstrassenprojekten bleiben unerwähnt, ebenso wie die Widersprüche der hunderten Millionen Wanderarbeiter ohne Zugang zu Bildung und Krankenversorgung.

Thukydides Light

Ich sehe die Situation nüchterner: der langjährige Hegemon, der mit mehr als 600:1 Stützpunkten in der ganzen Welt, einem überlegenen Militär (3 faches Budget), einer überlegenen Währung und großer wenn auch relativ schwächelnder Wirtschaftskraft durch einen riesigen „Aufsteiger“ herausgefordert wird, wehrt sich – vor allem, wenn er sich als gottgesandt („Shining City on the Hill“) für die Weltführung sieht. Lange Jahrzehnte haben sich die USA und die EU-Staaten dagegen gestemmt, China in den Internationalen Institutionen (vor allem bei Währungsfonds und Weltbank) den seiner Wirtschaftskraft angemessenen Mitspracheanspruch zu „gewähren“ (China hat nach der letzten Reform 6% des Stimmrechte, die USA 17%) und haben sich dann empört, dass China über die BRICS Bank und die Asiatische Infrastruktur-Investitionsbank (AIIB) seine eigenen, bzw. von ihm dominierten Institutionen aufgebaut hat, dennoch aber in den anderen Institutionen verblieben ist. Die möglichen Versuche, nach Niedergang der unipolaren „Weltordnung“ eine multipolare, zb regional orientierte, aufzubauen, sind an der wirtschaftlichen Schwäche Russlands, den Instabilitäten Ostasiens und Indiens, den südamerikanischen Verwerfungen, sowie den mehrfachen vergeblichen Integrationsbemühungen in Afrika weitgehend gescheitert. Natürlich hat auch der „alte Hegemon“ zu diesem Versagen beigetragen. Schuhler hofft zwar auf eine neue globale Friedensbewegung, die auch die manifesten Schwächen der überkommenen demokratischen Strukturen des Westens überwinden kann, ist aber skeptisch, ob Thukydides sich mit einem Krieg bewahrheiten wird, oder doch Kants Ewiger Frieden winkt. Ich tippe auf Thukydides Light.

Leave a comment

Filed under Life, Socio-Economic Development

Was ist heute wirtschaftlicher Erfolg?

Nationale und internationale Wirtschaftsinstitutionen, die EU-Kommission, die Europäische Zentralbank, der Internationale , verantwortliche Politiker und die meisten Medien jubeln über höhere BIP-Wachstumsraten als noch vor kurzem vorhergesagt. Laut WIFO soll Österreich heuer 4%, 2022 um 5% „wachsen“. Österreich soll, wie die Regierung sich brüstet, nach diesen Prognosen bereits vor Ende 2022 wieder das BIP-Niveau von 2019, also von vor der Coroankrise, erreicht haben. Laut EU-Kommission hinkt Österreichs Wachstumsperformance allerdings hinter vielen anderen Ländern zurück (hoher Tourismusanteil). Diese Meldungen messen den Wirtschaftserfolg einzig und allein am alten, schlechten Indikator Bruttoinlandsprodukt (BIP). Manchmal wird noch in einem Nebensatz bemerkt, dass auch dann noch die Arbeitslosenrate höher sein wird als 2019, aber das scheint „verkraftbar“ angesichts der tollen Wachstumszahlen.

Versäumtes BIP-Wachstum durch die Krise

Zuerst einmal folgendes innerhalb dieses Meßsystems: das Niveau von vor (dann) 3 Jahren wieder erreicht zu haben, ist zwar ok, aber die Erfolgsmeldungen, dass nun die Krise vorüber und verkraftet sei, „übersehen“, dass ja ohne Krise auch mit einem weiteren BIP-Anstieg 2020/21 zu rechnen war, also eigentlich der tatsächliche – so gemessene Verlust – in der Differenz zwischen diesem hypothetischen BIP und dem tatsächlichen BIP liegt. Wenn nicht dauerhaft die künftigen Wachstumsraten höher sind als vorher, bleibt ein dauerhafter Verlust. Das WIFO schätzt diesen Verlust zwischen 2020 und 2024 auf 67 Mrd € ein, also fast ein Fünftel des BIP 2020. Von Krise überwunden keine Spur.

Das BIP misst nur einen Teil des materiellen Wohlstandes

Viel gravierender aber ist – neben der Vernachlässigung der Arbeitslosigkeit – dass heute gesamtwirtschaftlicher Erfolg noch weniger als früher durch das BIP gemessen werden kann. Das BIP misst zwar (mit Einschränkungen und vielen Annahmen) die Summe der erzeugten Waren und Dienstleistungen, bzw. die Summe aus Löhnen und Gewinnen, bzw. die Summe aus Investitionen (öffentlich und privat), Privatem Konsum und der Differenz zwischen Exporten und Importen. Im Grund also rein materielle Werte, die über „den Markt“ verkauft werden. Nicht bewertet wird die nicht bezahlte Pflege- und Erziehungsarbeit, die Freiwilligenarbeit, Hausarbeit, der Verzehr von „Umweltkapital“, usw.

Vor allem aber geht es angesichts der bei weitem nicht überstandenen Dreifachkrise: Covid, Verlust des sozialen Zusammenhalts, (gemessen an der sich grotest auseinander entwickelnden Einkommens- und Vermögensverteilung), sowie der immer manifester werdenden Klimaerwärmung darum, ob die teilweise Wiederherstellung der vorigen Produktions- und Konsummuster wirklich als Erfolg gerwertet werden kann. Genau das nämlich scheint die österreichische Bundesregierung, aber auch viele andere Länderregierungen zu zelebrieren: wir verkaufen wieder mehr Autos, wir produzieren mehr Schuhe und Kleider, wir fahren wieder auf Urlaub!

Bekämpfung der Langfrist-Krisen erfordert den Aufbau neuer Strukturen, nicht die Wiederherstellung der alten

Viel wichtiger, weil das Leben aller Erdenbewohnerinnen betreffend, wäre es, den rasch und radikal notwendigen Umbau der Wirtschaft und unserer Verhaltensweisen in den „Wiederaufbau“ nach der Coronakrise einzubauen, ja zum tragenden Element zu machen, damit die Menschheit und „alle Menschen, die in Österreich leben“ eine tragfähige Basis zum Überleben über die nächste Generation hinaus hat. Stellt die Wirtschaftspolitik jedoch einseitig und überwiegend auf die Wiederherstellung der alten Produktions- und Konsummuster ab (“Wettbewerbsfähigkeit“, „Standortqualität“. „Reisefreiheit“) verstärkt sie genau jene Bereiche, die für die soziale und die Umwelt- und Klimakrise „verantwortlich“ sind. Konkret, sie negiert die in Sonntagsreden vielgelobte soziale und ökologische Tragfähigkeit, verstärkt weiter soziale Ungleichheit und Ausgrenzung und heizt den Giftsgasausstoß in die Atmosphäre und die Umweltzerstörung am Boden und im Wasser weiter an.

Also: Krisenbekämpfung erfordert neue Wirtschafts- und Verhaltensstrukturen, nicht die Wiederherstellung der alten. Es erfordert auch neue Maßstäbe, um Wirtschafts- und Gesellschaftsentwicklung bewerten zu können. Die Literatur, die die allgegenwärtige Verwendung des BIP als alleinigen Maßstab kritisiert, ist mehr als 50 Jahre alt. Die Verwendung von „Sozialindikatoren“, auch von der UNO als „Human Development Indicators“ entwickelt, sog. Umwelt-Defensivkostenrechnungen, Schätzungen für die Einbeziehung von Haus- und Pflegearbeit in das BIP, vor allem aber die Vorschläge der OECD Stiglitz-Sen-Fitoussi Group „On the Measurement of Economic Performance and Social Progress“ von 2009 und im Anschluss daran viele weitere Entwicklungen zeugen davon, dass BIP alleine zwar „einfach“, als einzelne Maßzahl, aber vollkommen inadäquat zur Messung des gesellschaftlichen Fortschritts ist. Die größte Schwierigkeit für andere Maßzahlen als das BIP sich in der Öffentlichkeit durchzusetzen, ist die Tatsache, dass die vielfachen Dimension der menschlichen Wohlfahrt nicht in einer einzigen Maßzahl darstellbar sind, und wenn ja, dass die Gewichtung einzelner Faktoren immer strittig sein wird. Faktum ist leider auch, dass die Öffentlichkeit sich an das BIP als allein seligmachenden Indikator gewöhnt hat, ebenso wie die Politik.

Gutes Leben für Alle“ enthält viele nicht einfach quantitativ messbare Faktoren

Man muß meines Erachtens vom angelsächsischen Fetischismus des „what you cannot measure, you cannot improve“ (was man nicht messen kann, kann man nicht verbessern) abgehen, und breitere Diskussionen über materielle, immaterielle, individuelle und kollektive Faktoren eines „guten Lebens“ diskutieren, die auch qualitative Wertungen einbeziehen. Diese Diskussion ist auch deshalb wichtig, weil einzelne der Zielfaktoren im Widerspruch zueinander stehen, also eine Vermehrung des einen zu einer Beeinträchtigung des anderen führt (zB fossile Energieerzeugung zur Wohlstandsvermehrung und Klimawandel), und nur eine breite Diskussion zu „angemessenem“ politischem Handeln über diese tradeoffs führen kann. Konkret heisst es, dass die Erreichung gesellschaftlicher Ziele sowohl mithilfe quantitativer Indikatoren (zB BIP) also auch qualitativen, auch subjektiven Einschätzungen (zB Happiness-Indikatoren, Befragungen) „gemessen“ werden sollten. Und: dabei muss nicht immer ein “mehr“ Ziel der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik sein. So gibt es vielfache Literatur darüber, dass die Negativa, etwa Drogenkonsum, psychische Gesundheit, vergeudete Zeit durch Fahrwege ab einer grob geschätzten BIP-pro-Kopf Summe (in ihrer bahnbrechenden 2009 Studie „The Spirit Level“ schätzten Wilkinson-Pickett dies auf damals etwa 25.000 $) so stark überhand nehmen, dass die generelle Wohlfahrt sinkt.

In seinem brandeuen Buch „Post Growth. Life after Capitalism“, Polity Press, Cambridge 2021) erklärt Autor Tim Jackson (by the way in wunderbar rhythmischer Sprache) den Kapitalismus-Zwang des Immer Mehr zum Hauptschuldigen der Lebens-, Verteilungs- und Klimakrise. Man muss nicht seinem Vorschlag, sich stärker buddhistischen Werten zuzuwenden, folgen, sollte aber doch seinen mit Hannah Arendt, Robert Kennedy, John Stuart Mill, Emily Dickinson, Zadie Smith, und anderen, auch klassischen Autoren und besonders die Biologin Lynn Margulis belegten Zitaten Raum geben, die nicht den brutal-darwinistischen Kampf um jeden Preis, sondern die durch symbiotische Beziehungen ermöglichten kollektiven Verhaltens- und Handlungsweisen als Mittel zur Überwindung der Krisen bezeichnen. Die Selbstoptimierung des Einzelnen, sein dauernder Konkurrenzkampf ums Überleben und Besser-Sein gipfelt nach Jackson im überbordenden Konsumerismus, der zur treibenden Kraft des Kapitalismus („immer mehr“) geworden ist – und damit die Einzelnen und die Menschheit verarmt, in Verteilungsneid und -kämpfe verstrickt und die Umwelt und das Klima schwer beschädigt. Leider versäumt es Jackson, in seiner bemerkenswerten philosophischen Analyse über die Rolle des überbordenden Finanzsektors bei der Verstärkung dieser kapitalistischen Entwicklungen zu sprechen. Und: Macht und deren Strukturen sieht er eher als Hahnenkämpfe um Positionen von einzelnen an, statt als beinharte Interessenpolitik.

Rechenschaftskriterium für Regierungen: Was tun Sie zum Umbau auf eine neue sozial und ökologisch tragfähige Gesellschaft und Wirtschaft?

Wir sollten unsere Regierungen also daran messen, was und wieviel sie zur Bekämpfung der sozialen Krise, des Auseinanderfallen des sozialen Zusammenhalts, der Gesundheitsvorsorge, der monströsen Verteilungssituation, des Verlusts von Biodiversität und zur raschen und effektiven Bekämpfung weiterer Treibhausgasemissionen innerhalb ihrer „Wiederaufbaupläne“ tatsächlich tun (und nicht nur darüber reden) – und nicht an der Orientierung an diesem die Krise weitertreibenden Teil-Indikator, der Zuwachsrate des Bruttoinlandsprodukts. Für Österreich sieht dieser „richtige“ Maßstab traurig aus: Standort und Wirtschaftswachstum sind die Maßstäbe der Regierung, „Wirtschaft“ geht vor Umwelt (siehe Diskussion um Lobautunnel), die Chance Arbeitsbedingungen und Löhne deutlich zu erhöhen (für die anfangs der Krise hochgelobten „Systemerhalter“ und Touristiker) wird vergeben zugunsten schärferer Zumutbarkeitsbedingungen für Arbeitslose, „Wirtschaft“ geht vor Sozialem und Umwelt. Die Wiederherstellung der alten Strukturen, die diese Regierung betreibt, steht den Erfordernissen einer Transformation hin zu einer tragfähigen Wirtschaft, die Gutes Leben für Alle ermöglicht, entgegen.

Leave a comment

Filed under Climate Change, Crisis Response, Fiscal Policy, Life, Socio-Economic Development

Verantwortungslose Verantwortungsträger

(am 11.6. leicht verändert als Leserbrief in der Wiener Zeitung veröffentlicht)

Nun ist Thomas Schmid also als Vorstand der staatlichen ÖBAG per sofort zurückgetreten. Nach Lesart des Aufsichtsrats wurde eine „einvernehmliche Lösung“ gefunden – und Schmid noch – angeblich – 200.000 € als Abfindung zuerkannt. Großzügig meinte der AR-Vositzende Kern noch, dass Schmid laut dieser Vereinbarung kein Bonus für 2021 zustünde. Offenbar sollen sich die Steuerzahlerinnen darüber freuen, dass ihm nicht der gesamte Vertrag ausbezahlt wurde.

Laut Aussage der WU-Unternehmensrecht-Professorin Kalss im Morgenjournal am 9.6. wären genügend Gründe vorhanden gewesen, Schmid ohne Abfindung des Amtes zu entheben: es wäre nicht mehr gewährleistet gewesen, dass er sein Amt wie vorgeschrieben ausüben könnte, und er hätte der Gesellschaft, also dem Staat Österreich, einen Reputationsschaden zugefügt, was der ÖBAG schade. Warum hat also der Aufsichtsrat, der sechs Stunden Beratung brauchte, um zur Amtsenthebung zu kommen, Schmid noch einmal mit 200.000 € seinen überfälligen Abgang versüsst? Und: erinnern wir uns, dass nach Bekanntwerden der ersten Chatnachrichten der Aufsichtsrat Schmid noch ein Auslaufen seines derzeitigen Vertrages bis Ende März 2022 zugestanden hatte. Damals schon hätte er ihn entlassen müssen, wenn in Österreich internationale Corporate Governance Regeln gälten.

Erinnern wir uns aber auch, dass dieser Aufsichtsrat, der eigentlich den Vorstand kontrollieren soll, von diesem selbst ausgewählt wurde. Hier soll also ein Gremium, welches die Eigentümerinteressen des österreichischen Staates vertritt, seinen „Auswähler“, dem es seine Positionen zu verdanken hat, selbst schassen: wenn das kein Interessenkonflikt ist, den man leicht mit 200.000 € Steuergeld „lösen“ kann. Ein Sittenbild der Corporate Governance des größten österreichischen Unternehmens.

Und der Eigentümervertreter, Finanzminister Blümel? Der behauptete ganz naiv, dass für Personalentscnheidungen der Aufsichtsrat verantwortlich sei, also auf Deutsch „Mein Name ist Hase, ich weiss von nichts“. Wirklich? So geht der Finanzminister mit dem ihm anvertrauten Nationalvermögen um? So behandelt er ein „Familienmitglied“, das er plötzlich nicht mehr kennt?

Es ist ein urösterreichisches Dilemma, das uns die türkise Regierungsmannschaft und die von ihr Bestellten hier vorspielen: jemand anderer ist schuld, es ist nichts strafrechtlich Relevantes passiert, Herr Schmid hat sich entschuldigt und damit ist alles in Ordnung.

Die ganze Geschichte dieser ÖBAG-Konstituierung ist ein riesiger Skandal. Zwar hat Schmid als Generalsekretär des Finanzministeriums bei der Gestaltung des Gesetzes, der Wahl über die Struktur der ÖBAG seine ihm zukommende Pflicht erfüllt, aber dass er diese auf sich selbst zurechtschneidert, dass er die Aufsichtsräte aussucht und von denen sich zum Alleinvorstand bestimmen läßt, ist Korruption hohen Ausmaßes: Und all das unter zumindest Duldung des zuständigen Finanzministers. Der Verdacht, dass Finanzminister und Bundeskanzler an dieser Scharade, nein diesem Skandal aktiv mitgewirkt haben, wird von den zuständigen Behörden untersucht. „Es gilt die Unschuldvermutung“ – die Leerformel der Beschreibung der österreichischen Realpolitik.

Leave a comment

Filed under Crisis Response, Global Governance, Life, Socio-Economic Development

Endlich wieder Live-Kultur

Nach längerem Warten im eisigen Wind öffnete endlich das Akademietheater am 27. Mai seine ersehnten Pforten: Impfpass, Check des Namens auf der personalisierten Eintrittskarte und letztlich Einlass. Trotz „Ausverkauft“ Schilds bei der Kassa recht spärliche Besetzung der Plätze, die Reihe vor uns war vollkommen leer.

Thomas Bernhards „Die Jagdgesellschaft“ zeigt in einer äußerst spannenden (gegen Schluß nachlassenden) Regie von Lucia Bihle die typisch Bernhardsche Resignation, das Warten auf den unvermeidlichen Tod, die sich selbst mehr oder weniger heile Welt vorspielende dekadente Gesellschaft. Der riesige Wald des Generals ist (von diesem unbemerkt) vom Borkenkäfer befallen und damit der kompletten Rodung gewidmet. Ist dies ein Anklang an den Kirschgarten von Tschechow, wo es auch um den Untergang eines (falschen) Lebensstils anhand eines Stücks Natur geht?

Das Jagdhaus des Generals ist ein Puppenhaus ganz in rot; die Kostüme aller Teilnehmer sind barockisierend ganz in Rot, alles ist rot. Die Schauspielerinnen agieren „künstlich“ (Brecht?), ihre Bewegungen sind abgehackt, fahrig, märchenhaft. Zwischen den einzelnen Szenen immer wieder schwarze oder dunkle Kürzestszenen-Flashes, die Düsteres ahnen lassen. Zwei lebende weiße Kaninchen (Alice im Wunderland?) werden geherzt, die von der Jagdpartie (General und zwei Minister, die ihn zum Rücktritt überreden wollen) geschossenen Hasen an den Beinen aufgehängt und von der Köchin verarbeitet, Zwillinge beleben die Nebenräume, richten Gewehre aufeinander, ein Prinz mit Prinzessin tanzt und lobt den General.

Der Dichter (Markus Scheumann, poetisch) soll der Generalin (Maria Happel, ausgezeichnet) während der immer längeren Jagd-Abwesenheit des Generals (Martin Schwab, grandios) Gesellschaft leisten, kommt ihr mehrere Male physisch näher (immer wieder unterbrochen), schwärmt ihr vom schönen Leben vor, erregt aber den Zorn des zurückgekehrten Generals, der von seiner Lebenslüge (ein Arm in Stalingrad abgerissen, deswegen großes Verdienst für das Vaterland) schwadroniert und den schwächlichen Poeten verhöhnt. Die Generalin, dem Poeten nicht abgeneigt, verkündet dennoch immer wieder die Verdienste des todkranken Generals, ganz unterstützende Ehefrau, die ihm die grauenhafte Boschaft, dass sein Wald sterben wird, nicht zumuten will. Das macht dann letztlich der Poet, worauf der General das Zimmer verlässt und sich erschießt. Dazwischen immer wieder der imposante Diener/Holzknecht Asamer (Jan Bülow), der mit Riesenaxt nicht nur Holz zerkleinert, sondern immer wieder durch das Zimmer schleicht, akustisch vom Boden untermalt und mit seinen extrem langen Haaren wie ein Bote aus der nächsten Welt erscheint.

Alles ist rätselhaft, aber doch durchschaubar, durchdrungen von Morbidität und Todesahnen. Die Farbgebung (alles ist rot) läßt an Märchen denken, hinter denen man aber doch eine sehr unangenehme Wirklichkeit verspürt. Sehr langer Applaus – endlich wieder face-to-face Theater!

Das MUMAZ Museum in Mistelbach zeigt eine sehr sehenswerte Ausstellung über das Volk der Maya in Zentralamerika (angeblich die meisten Artefakte, die je außerhalb Zentralamerikas gezeigt wurden). Eine hoch professionell kuratierte Show in diesem wunderschönen kleinen Museum zeigt einen kurzen Überblick über den historischen, großen Fußabdruck, den die Maya in Zentralamerika primär von vor Christi Geburt bis ca 1200 hinterlassen haben, mit großen Städten, monumentalen Steinbauten und Pyramiden im Regenwald, aber auch deren Handwerke (Textilien, Agrar, Töpferei) und ihr schwieriges Überleben und Aufrechterhalten von ca 30 verschiedenen Sprachen und kulturellen Traditionen. Jede, die Tikal oder andere Ruinenstädte gesehen hat (viel scheinen noch im Dschungel verborgen zu sein) kennt die Stelen, die Halbreliefs, die Steinpyramiden, die Wasseranlagen, aber auch die extrem grausamen Rituale, denen Gefangene geopfert wurden (ich erinnere mich besonders an das schrecklich anmutende Halbrelief, wo einer Gefangenen eine mit scharfen Dornen besetzte Schnur durch die Zunge gezogen wird, bevor sie getötet wird). Besonders eindrucksvoll aber sind die vielen wunderbaren Keramiken aus der vor- und klassischen Zeit (ca 250 vor Ch. Bis 600 nach Chr.), toll erhalten, von einer Kunstfertigkeit, die den eurozentrischen Menschen (mich!), der den „Ursprung der Kultur“ im antiken Griechenland verortet hat, mehr als beeindruckt. Auf jeden Fall sehenswert ebenso wie die sehr instruktiven Schautafeln der Entzifferung der mayaischen Hieroglyphen.

(Offenlegung: meine Enkeltochter hat einen Maya-Namen „Ixchel“, der in Mistelbach auch in einer Schautafel als Name einer Mondgöttin vorkommt)

Zur im selben Museum angesiedelten Hermann Nitsch-Ausstellung habe ich nichts zu sagen.

Die Staatsoper bringt mit „L‘Incoronazione di Poppea“ von Claudio Monteverdi eine äußerst ungewöhnliche Inszenierung. Highlights sind zweifellos die Sängerinnen und der Concentus Musicus unter der sehr klugen und intensiven Führung von Pablo Hera-Casado, sowie der außergewöhnlich breite Einsatz der Tänzerinnen mit einer spannenden, sehr stark unterstützenden und interpretierenden Choreographie von Jan Lauwers und Paul Blackman. Im Hinter- und auch Vordergrund wird ununterbrochen getanzt, manchmal wirkt das unruhig und lenkt von den Sängerinnen ab, meist aber bringt es eine tolle Zusatznote zum sonst eher statischen Geschehen auf der Vorderbühne. Auch die Sängerinnen sind teilweise in die Tanzerei einbezogen, vor allem der Protagonist Nerone (Kate Lindsey), die stimmlich großartig, figürlich nicht ganz optimal besetzt, aber auch schauspielerisch eindrucksvoll zwischen großkotzigem Herrscher, der alles darf, geilem, auch nekrophilem Sexmaniac und – zum Schluß im eindrucksvollen Liebesduett mit Poppea – hingebungsvollem Liebendem perfekt bi- (oder tri-)polare Störung zelebrierend, changiert, vielfach in Bewegungsimitation von Michael Jackson als zappelnder Irrer. Statuesk, machtgeil, zielgerichtet auf die Kaiserinnenkrone zustrebend, dieser alles unterordnend, wunderbar in ihren Ausbrüchen und – wieder im Schlußduett – plötzlich als romantisch Liebende entpuppt stellt und singt Slavka Zamecnikova eine wunderbare Poppea. Als verschmähte Kaiserin Ottavia bleibt Christina Bock etwas starr, schwingt sich jedoch zu rachelüsterner Anstifterin am Mord von Poppea durch Ottone auf. Auch sie ist am besten in ihrer wunderschönen Abschiedsarie als sie ins erzwungene Exil geht. Willard White als mahnender Seneca dröhnt in wundervollem Bass und geht würdevoll in den erzwungenen Tod. Etwas blass bleibt Xavier Sabata als der von Poppea verschmähte Ex-Liebhaber Ottone, dessen Countertenor in den tieferen Lagen das Orchester nicht zu übertönen vermag, in den Höhen und seiner zerrissenen Dramatik (zwischen Verschmähung, Rache, endlicher „Zufriedenheit“ mit Drusilla (in gemeinsamer Verbannung) aber sehr überzeugned wirkt. Ganz ausgezeichnet im Vorspiel die Trias Virtu (Vera-Lotte Boecker), Fortuna (Johanne Wallroth) und Amore (Isabel Signoret), deren Dreikampf nach heftiger Gegenwehr durch die Liebe entschieden wird.

Monteverdis Musik drückt Intrige, Machtkampf, Liebesglück und -unglück sehr gekonnt aus, wirkt allerdings manchmal etwas dünn, schwingt sich aber vor allem in den dramatischeren Szenen zu großer Wirkung auf.

Dem langanhaltenden Applaus, verstärkt durch viele Bravo-Rufe merkte man das Ausgehungertsein des Publikums an. Dies soll jedoch nicht die eindrucksvollen Musikerinnen-Leistungen und das sehr interessante Regiekonzept von Jan Lauwers schmälern.

Dem von mir hochverehrten H.C. Artmann hat das Akademietheater anläßlich seines 100. Geburtstags eine Hommage gewidmet, die sich vor Ort als eine an H.C. aber auch gerhard Rühm entpuppte. 1 1/2 Stunden geballter Gedichte- und Liedervortrag durch den großartigen Robert Reinagl (ein wirkliches Kabaretttalent) und die ambitionierte Dunja Sowinetz, deren Singstimme leider nicht mit Reinagl mithalten kann, die aber in den Dialektgedichten brillierte. Begleitet oder vielmehr gleichwertig unterstützt wurden die bieden durch Andreas Radovan, von dem auch viele/alle? Kompositionen stammen, Lenny Dickson und Konstantin Wladigeroff – kongenial. Reinagl hätte sich die “Eingangsconference”, die hauptsächlich aus Zitaten der türkisen Familie stammten, sparen können. Dadurch bekam das Ganze eine zu slapstickartige Schlagseite, denen ein Großteil der Gedichte und Lieder nicht entsprach: diese zeigten die zarte, liebesbedürftige, aber auch morbide, schaurige und todessehnsüchtige Seite von Artmann und Rühm und offerierten die notwendige Hintergründigkeit, die über die Fäkalsprache, die immer wieder Lachstürme beim Publikum hervorruft (“Österreicher als anal-re-oder depressiv”?). Einige der Artmanngedichte kenne ich von Qualtinger-Darbietungen, zB Wos unguaz, kindafazara, blauboad, vor allem aber die Zugabe agsoffana untam Chrisbam, an deren Interpretation Sowinetz/Reinagl nicht herankamen. Kein einziges der vorgetragenen Gedichte schaut positiv in die Gegenwart, geschweige denn Zukunft, nicht verwunderlich, da die beiden doch gegen die Wohlstandssattheit der “Wiederaufbaugeneration” anschrieben und ansangen. Was die beiden wohl heute schreiben würdenß Von Rühm wissen wir es ja, Hartmann ist leider schon zu lange weg. Ein würdiger Abend, der das Lachen im Hals erstickte.

Im Hamakom-Theater geben Anne Bennent und Jakob Schneider, unter der Regie von Ingrid Lang, Jon Fosses Stück “Ich bin der Wind”. Ein rätselhaftes Stück, in welchem zwei Personen afu einem im Meer schaukelnden Boot, über Nähe, Tod, Ängste, Kontrollverlust und Risikoaversion und Liebe reden. Im Stück selbst geht es um “den einen” und “den anderen”, in Langs Regie wird “der eine” von einer Frau, Anne Bennent, dargestellt. Es ist (mir) nicht klar, ob es eigentlich um eine einzige Person und ihre Zerrissenheit, ihre Gespaltenheit, gehen soll, oder doch um zwei. Jedenfalls sind sie gegensätzlich, sie extrem verletztlich, das Risiko (sie steuert das Segelboot hinaus ins offene Meer) suchend, er als ihr Halt, aber ängstlich und risikoscheu. Die beiden verbindet offenbar ein gemeinsames Geschehen, über das nicht gesprochen werden kann, das aber mit Tod zu tun hat: ob es der Tod eines Freundes ist, den “der andere” nicht verhindert hat, oder der Selbstmord “des einen” – im Rückblick erzählt, bleibt offen. Es gibt auch keine Handlung, es geht um die Worte, die gesagt werden und gleich darauf wieder zurückgenommen werden müssen, es geht um das widersprüchliche Sein jedes der beiden. Meines Erachtens ist es nicht hiflreich, dass Bennent ihren “einen” als immer wieder in katatonische Verrenkungen, in Wimmern, in sinnlose Laute verfallend anlegt: vielleicht soll das auch den vom Autor gewünschten Gegensatz zu ihrem doch meist recht realistischem Verhalten darstellen. Durch diesen Regietrick wird jedoch die Allgemeingültigkeit der Vielfältigkeit jeder Person entwertet, da der Zuseher sie leicht als verrückt klassifizieren, und damit ihr Verhalten auf ihn selbst nicht zutreffend interpetieren kann. Löst man sich von der “Handlung” und hört nur auf die Worte, und hört vor allem zu, dann wird das Stück doch – trotz aller Unzugänglichkeit – zu einem Abbild der Nöte der Menschen. Beide Schauspielerinnen bringen in dieser Schwere Großartiges auf die Bühne

Im Akademietheater gab es anläßlich ihres 85. Geburtstags (verspätet) eine tolle Lesung von Elisabeth Orth der Christine Lavant Erzählung “Kubinchen”. Mehr als eine Stunde lang modulierte Orth diese etwas einfache Erzählung so, dass man keine Minute gelangweilt war, oder sich wegen der Maske aus dem schwülen Saal wünschte. Orth las ohne Pathos, sehr einfach-pragmatisch, was für diese Erzählung, die von dem gesellschaftlichen “Aufstieg” einer vorher als “Konkubine” und danach Kubinchen (weil ihre Lebensgemeinschaft mit einem geschiedenen Künstler im kleinen Kärntner Dorf den verruchten namen Konkubine (“asiatisch”) doch nicht trug) verachteten “Person” (hinter Frau, Mensch), der man alles, aber auch wirklich alles anschaffen kann, erzählt. Was man ihr konkret anschafft, ist, dass sie drei alten Männern in allem zu Diensten sein solle. Ihre Angst vor diesen, aber auch ihre echte Hilfsbereitschaft dreht diese Lüstlinge um, sodass sie plötzlich alle drei sie (gleichzeitig) heiraten wollen, sie also ehrbar machen wollen. Doch Kubinchen quält sich selbst bis fast zum Selbstmord mit einer Briefffreundschaftsgeschichte, die sie offenbar gleichzeitig mit der (Zivil-)Ehe mit ihrem akademischen Maler unterhielt, eine Freundschaft, die weil auf Papier, so wahr, so echt für sie war, dass sie sie alle Gemeinheiten ertragen liess. Aus dieser ihrer sich slebst eingestandenen Schuld heraus lehnt sie die Brautrolle ab und bleibt als geachtete Frau als Wirtschafterin (und nur das) bei den 3 Alten. Wie Lavant die Herrschaftsverhältnisse, die Selbstverständnisse der Personen beschreibt, ist grandios. Wie ihr Orth Stimme und Leben verleiht, ebenso.

Danach ein etwas peinliches Hommage-Gespräch des Burgtheaterdirektors mit der Jubilarin, eine vielleicht nett gemeinte Geste für die Hochverehrte, die jedoch in seinem Beharren, wann und wie sie einander das erste Mal getroffen hatten, allzu eitel-rechthaberisch wirkte. Elisabeth Orth wird er ertragen haben.

Das ist der exzessivste Roman, den ich meiner Erinnerung nach je gelesen habe. Biographie von Max Biller verbraucht nicht nur 893 Seiten Text, sondern übersteigt in seinen Vermischungen unterschiedlichster Lebensphasen der beiden Lebensmenschen (?) Noah Forlani und Solomon Karubiner und ihrer Vorfamilien, in der wilden Umherspringen von Orten wie Tel Aviv, Prag, Wien, Miami, Buczacz (angeblicher Herkunfts- und Sehnsuchtsort der beiden), in seinen sexuellen Ausschweifungen und Phantasien – und natürlich in seinen alles Leben bestimmenden Holocaust-Erfahrungen und Erinnerungen der Väter der beiden, sowie letztlich inder immer wiederkehrenden Schriftsteller-Bestimmung fast aller Protagonistinnen alles was ich bisher gelesen habe. Es wird hier ein obsessives, alle Konventionen ablehnendes von provozierendes Jude-Sein beschrieben, das wohl mit Billers eigener Biographie zu tun hat. Es werden Bücherprojekte, die den Holocaust instrumentalisieren und für alle “echten” Juden ein Graus sein müssen, gewälzt, Filmprojekte, wobei Noah als Mitfinanzier vorgibt, von Islamisten in Darfur den Kopf abgeschnitten zu bekommen, es wird endlos über Erektionen und “Halbe” philosophiert, anläßlich des gigantischen weißen Hinterteils einer “Schickse” öffentlich masturbiert, entdeckt und mit Flucht und vermeintlichem Mord am Aufdecker reagiert, eine monströse Buddha-Statue (wie vieles mit dem Suffix – le, also Buddhale – versehen) durchzieht den Roman, kurz es gibt nichts was man sich nicht in Alpträumen vorstellen kann – und einiges mehr. Ob Noah und Soli wirklich zwei Personen oder “nur” Alter Egos einer Person sind, ist oft unklar, der meistens Ich-Erzähler Solomon schlüpft allzu oft in Noahs Persona. Die beiden (?) planen seit Jahren einen gemeinsamen Besuch in Buczacz, der Heimat ihrer Väter, die übrigens beide, um ihr eigenes Leben zu retten, ihre Väter in die Todeslager geschickt haben. Der Besuch im heutigen B. bleibt blass und folgenlos, das Furioso von 890 Seiten versickert in der Nachbarstadt Iwano-Frankiwsk, wo die beiden mitten in der Nacht auf der kalten Marmortreppe der “Podolischen Bezirksphilharmonie” sitzen und auf etwas Aufbauendes des Ukrainischen Befreiungsorchesters warten, welches nie kommt: wahrscheinlich schlafen die Musiker schon.

Nur für Menschen mit sehr langem Atem und sehr starkem Magen empfehlenswert.

Spannung und Dramatik vom Anfang bis zum (bitteren?) Ende erzeugt das Franz Welser-Möst Dirigat an der Staatsoper mit Richard Strauss’ Elektra: wie er das Orchester in dramatische Hochspannung führt und in die wenigen lyrischen Passagen abtropfen läßt, wie er die notwendigen Fortissimi hervorruft, ohne die hervorragenden Sängerinnen zuzudecken, ist ganz groß. Und natürlich wird das auch von hervorragenden Sängerinnen mit-erzeugt, vor allem Ausrine Stundyte als zerbrochene, nur auf Rache (Vergeltung) sinnende Klytemnästra, die die “banale” Lebenslust” (Mann, wenn auch Bauer, Kinder) ihrer Schwester Chrysothemis – hervorragend gesungen von Camilla Nylund – verachtet und ächtet (durch Verdammung) und ihrer Zuneigung suchenden, angstvollen Mutter Klytemnästra (Michaela Schubert) ins Gesicht schleudert, wie sie sich angesichts deren kommenden Todes begeilen wird – eine Wucht der Zerrissenheit, der Rache, der Monomanie. Letztlich hat sie mit ihrem Leben abgeschlossen, haust in einer Höhle, frißt mit den Hunden, scheut alle Menschen – und wartet nur auf die Rückkehr von Bruder Orest (auch hervorragend Derek Welton), damit dieser Mutter und Aegisth, die Mörder ihres heissgeliebten Vaters Agamemnon, endlich ums Leben bringt. Nach getaner Tat, der auch viele Gefolgsleute der Agamemnon-Mörder zum Opfer fallen, Leichen überall, wirft sie sich in einen ekstatischen Siegestanz, an dessen Ende sie zu Tode sinkt.

Harry Kupfers alte Inszenierung hat die Einfachheit für sich. Dennoch finde ich die überlebensgroße Agamemnon-Statue mit abgechlagenen Kopf allzu plakativ, die zerborstene Weltkugel, auf der sein Fuß ruht, die gleichzeitig Elektras Behausung zu sein scheint, übertrieben – und die von der Statue herunterhängenden Seile, die zu Turngeräten von Elektra und Orest werden, einfach dümmlich. Auch die Kostüme, vor allem der Dienerinnen, tragen nicht unbedingt zur Erzählung bei, ihr Herumhuschen irritiert. Aber Inszenierung hin oder her: Orchester, Sängerinnen, Dirigent tragen zu einer Sternstunde der Wiener Staatsoper bei.

Im Konzerthaus zelebrierte Igor Levit sein mehrmals verschobenes Beethoven-Programm mit den 33 Diabelli-Variationen. Das Auditorium war übervoll, mehr als 90% waren der Masken-Empfehlung am Einang gefolgt, nach Aufforderung durch den Konzerthausmanager gab es nur mehr einige wenige verantwortungslose Maskenverweigerer, denen die Danebensitzenden erstaunlicher Weise keinen “shitstorm” bereiteten.

Levits Interpretation der Diabelli-Variationen zeichnet sich durch Extreme aus: extreme Verzögerungen im Tempo, extreme Wechsel zwischen langsamen und reißend schnellen Passagen, extreme Variierung der Tonstärken von kaum hörbarem Pianissimo zu fast den Flügel destabilisierenden Fortissississimi. In mehreren Fällen ende dei Variation mit Fortissimi und tröpfelt dann in einem pianississimo aus. Das ist sicher eine Art, die sonst vielleicht doch etwas langweiligen Diabellivariationen zu spielen, mir kommt es maniriert und gekünstelt vor, wenn auch hoch modern. Vor Jahren hatte ich Buchbinder damit gehört, der es meiner Erinnerung nach eher “frühromantisch” angegangen war, viel leichter ins Ohr gehend, eher emotionaler als die kalte frenetische Interpretation Levits. Aber natürlich: Levit ist ein ganz hervorragender Pianist. Mit der Zugabe eines ganz einfachen Schostakowitsch Walzers hat er mich mehr als versöhnt. Da steckte seine ganze Musikalität drinnen – die bei Diabelli vermisst wurde.

Leave a comment

Filed under Life

Wie geht die OMV mit der Klimakrise um?

(am 1.6.2021 in der Wiener Zeitung veröffentlicht)

Am 2. Juni findet die OMV Hauptversammlung statt: die Medien sind voll von Spekulationen über die Nominierung des neuen OMV CEO, da der jetzige (CEO Seele) angekündigt hat, nächstes Jahr zu gehen. Zwar ist die Besetzung der Spitzenposition nicht unwichtig für die künftige OMV-Strategie, da es dabei auch um die jeweiligen Gewichte der zwei Sparten, des „Upstream“-Bereichs, also der Erdöl- und Erdgassparte, und des Kunststoff-Bereichs geht, der durch die Aufstockung des Borealis-Anteils auf über 70% (hier gibt es eine Diskussion um den „richtigen“ Kaufpreis, der an die Teilmutter Mubadala gezahlt wurde) an Bedeutung für das Gesamtunternehmen gewonnen hat.

Zweifellos ist die Diversifizierung des Gesamtportefeuilles durch die Borealis-Übernahme eine wichtige Weichenstellung für die Zukunftsstrategie von OMV, da damit stärker in den Weiterverarbeitungsbereich investiert wird. Laut gültiger OMV-Dekarbonisierungsstrategie soll damit auch das Ziel, bis 2050 „kohlenstoff-neutral“ zu produzieren erleichtert werden. Dieser Strategieteil, der der Verwirklichung der Pariser Klimastrategie dienen soll, sieht eine deutliche Verstärkung der Energieeffizienz in der OMV vor, eine Steigerung der kohlenstoffarmen oder -neutralen Produkte auf über 60% im Upstream-Bereich bis 2025, eine Steigerung der Carbonintensität im Raffineriebereich um 20% (damit 30% insgeamt) und eine Reduktion des Flaring im Förderbereich auf 0% bis 2030 vor.

Dies sind alles wichtige und auch wahrscheinlich „richtige“ Zielsetzungen. Aber ob sie ausreichen, um tatsächlich die Pariser Ziele zu erreichen, aber auch um das Risiko für die Anteilseigner (Österreichischer Staat vertreten durch ÖBAG, Mubadala und Privatanleger) in Schach zu halten, darf bezweifelt werden. Nicht umsonst ziehen sich Investoren wie zB der (weltgrößte) norwegische Staatsfonds aus dem Carbonsektor zurück, nicht umsonst liefern sich bei den eben anlaufenden Hauptversammlungen der großen Erdöl- und Gasproduzenten Exxon-Mobil, Shell, BP u.a. Investorengruppen und deren Vertreter massive Abstimmungsschlachten über die Dekarbonisierungsstrategien, bzw. um die diese mehr oder weniger vertretenden Generaldirektoren. Das Ziel geht darum, dass diese Unternehmen statt in Kohlenwasserstoffe in erneuerbare Energieträger und ganz andere Produkte investieren. Und nicht umsonst hat eben vorige Woche die Internationale Energieagentur in Paris nicht nur zur Schließung von Kohlengruben und v.a. mit Kohle betriebenen Kraftwerken aufgerufen, sondern sogar überraschender Weise zum Stopp von Neuinvestitionen in Exploration und Förderung von Erdöl und Erdgas aufgerufen, mit dem Ziel, die Pariser Klimaziele zu erreichen.

Davon ist bisher in der Öffentlichkeit von der OMV nichts zu hören. Auch nicht von der ÖBAG, die den österreichischen Staatsanteil verwaltet und in deren Aufsichtsrat der ÖBAG-Chef Thomas Schmid sitzt.

Da sich Österreichs Regierung zur Erreichung der Carbon-Neutralität bis 2040 verpflichtet hat, wäre es hoch an der Zeit, dass sich Österreichs größtes Erdöl- und Erdgasunternehmen, bzw. seine Eigentümer in der Öffentlichkeit zur künftigen Carbonstrategie eines der größten CO2-Emittenten des Landes äußern. Die Borealis-Strategie ist als ein erster Schritt zu begrüßen. Er kann auch einen wichtigen Baustein zu einer OMV-geleiteten Kreislaufwirtschaft in diesem Bereich darstellen, der allerdings eit über die Borealis hinausgehen muss. Die kommende Hauptversammlung selbst wird nur wenig zur Aufklärung leisten, da die syndizierten Eigentümer Österreich-Mubadala den weit überwiegenden Anteil der Eigentumsrechte kontrollieren und bisher schweigen. Die Haltung der ÖBAG wäre jedoch über die österreichischen Investoren hinaus für die Steuerzahlerinnen als Eigentümer hoch interessant. Es ist ein Anezichen dafür, wie ernst Staatsunternehmen die Regierungserklärung zur Carbon-Neutralität nehmen.

(Zwei Tage nach Veröffentlichung dieses Blogs verurteilte ein Gericht in den Niederlanden in erster Instanz Royal Dutch Shell zu deutlich stärkeren Emissionsreduktionen als im Businessplan vorgesehen. Dieses Ersturteil stellt einen wichtigen Schritt in die Verpflichtung von Unternehmen, die notwendigen Anstrengungen zur Erreichung der Pariser Klimaziele zu unternehmen. Auch wenn Shell bereits angekündigt hat, gegen dieses Urteil zu berufen, wird dieses bahnbrechend für tausende andere Privatklagen gegen Unternehmen (aber auch Regierungen) sein.)

Leave a comment

Filed under Climate Change, Crisis Response, Life, Socio-Economic Development