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Der Dachstein und das Nordlicht: eine Posse

(am 4.6.2018 in Der Standard leicht verändert als “Schladminger Staffelspiele” erschienen)

Schladming als realer und symbolischer Beginn der dritten österreichischen EU-Ratspräsidentschaft. Kurz, Borissov und Tusk konnten zwar nicht in einer Gondel gemeinsam in die Höhen der Planai schweben – da waren die kulturellen Unterschiede und die Sprachkenntnisse der alten und neuen Präsidentschaft vor – aber sie fanden einander dort oben und zelebrierten die „Staffelübergabe“ an Österreich.

Dies läßt den Beobachter an die Staffelübergabe des norwegischen Schiverbandes (Trondheim 1997) an Schladming aus Anlaß der in Schladming/Ramsau 1999 stattfindenden Nordischen Schi-WM mit Schmunzeln erinnern, welche anlässlich der Tour des Capitales vom damaligen Bundeskanzler Klima im Herbst 1998 mit einem Abstecher nach Oslo „gefeiert“ wurde. Diese „Tour“ fand damals üblicherweise vor jedem neuen EU-Vorsitz statt, da vor der Installierung eines Ratspräsidenten dem Vorsitzland eine deutlich stärkere Rolle als nunmehr zukam. In kürzester Zeit – damals 4 Tage – wurden alle 14 Hauptstädte angeflogen, dort nach deren besonderem Begehren während der kommenden Präsidentschaft gefragt, einige Sachfragen diskutiert, sowie die österreichischen Interessen deponiert. (Österreichs Hauptinteresse war damals, eine Ausnahme vom Bosman-Urteil zu erreichen, damit finanzkräftige Fußballvereine nicht den Sportvereinen im flachen Land alle Nachwuchskicker ohne Kompensation abluchsen konnten. Das waren halt noch Zeiten!)

Nach einer Audienz beim (sehr schweigsamen) König, bei dem auch eine österreichische Delegation im Schladminger Rock auftrat, sollte es in den Park unterhalb des Schlosses gehen, wo der Dachstein aus Eisblöcken aufgebaut war und der Bundeskanzler eine Rede vor den norwegischen schibegeisterten Massen halten, sowie die Norweger den Schladmingern ein „Nordlicht“ übergeben sollten – als Symbol der Nordischen WM. Der Sportreferent des Bundeskanzlers hatte viel Aufwand in die Vorbereitungen gesteckt. Die Realität war anders: Es nieselte und dämmerte, im Schloss-Beserlpark waren keine norwegischen Schi-Afficionados angetreten, sondern nur eine kleine Schar bekiffter, mit viel Metall gepiercter Punks anwesend, die vollkommen verdattert die Ankunft der österreichischen Delegationen, mit Bundeskanzler, Beamten, sowie Schladmingern zusahen, aber so zumindest irgendein Publikum für die Zeremonie darstellten. Der Bundeskanzler begann seine Rede mit „Norwegians: we Austrians are a peaceful nation“! (offenbar geklont aus Shakespeare‘s Julius Cäsar), die Punks lernten zu ihrer Verwunderung, dass Österreich nicht den Plan hatte, sie anzugreifen, die Schladminger Kapelle spielte zwei Weisen und verwahrte dann das „Nordlicht“, welches sich als mickrige Glasskulptur mit einer leuchtenden Funzel drin darstellte. Der Bundeskanzler war stinksauer, der Eis-Dachstein war schon weitgehend abgeschmolzen, das Ganze ein Gipfel der Jämmerlichkeit, dem die offizielle österreichische Delegation nach etwa zehn nieselnden Minuten entfloh, um zum nächsten Treffen nach Irland zu fliegen. Dass am nächsten Tag das „Nordlicht“ bei Abreise der Schladminger nicht aufzufinden war, letztlich aber doch an einem nicht zu nennenden Ort gefunden wurde, ist eine andere Geschichte.

Und die Lektion: Bundeskanzler Kurz hätte das institutionelle Gedächtnis der Beamten bemühen sollen, damit das „Nordlicht“-Beispiel nicht etwa stilgebend für die österreichische Präsidentschaft 2018 wird. Vielleicht wäre die Rax oder der Grazer Schloßberg ein optimistischeres Omen dafür gewesen.

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Heißer Frühling in Oper und Theater

Erszan Mondtag, vielfach ausgezeichneter „junger“ Regisseur verharmlost Aischylos Orestie in seinem Festwochenbeitrag im Theater an der Wien: die DarstellerInnen treten alle im wuscheligen Maus- oder Rattenkostüm auf, deklamieren Walter Jens wunderschöne Übersetzung, und lassen diesen Zuseher vollkommen ratlos – und wütend – zurück: Ebenso unverständlich wie diese Idee ist die Darstellung von Baby Kassandra als greinendes Rattenbaby (oder Mausbaby). Wenn ich an Anti Nunes Romeros wunderbare Inszenierung im Burgtheater vor einem Jahr denke, in der die Geschichte aus Sicht der Erynnien erzählt wurde, kommt mir das Weinen. Der Auftritt des Orest, der dann in Manier eines alten Griechischprofessors seinen Text statisch deklamiert, gibt den Rest.

Der sonst von mir überaus geschätzten Kammeroper ist die Inszenierung meiner Lieblingsoper „Cosi fan Tutte“ vollkommen mißlungen. Sie wird, trotz Text und Musik zum Gegenteil, hier als opera buffa inszeniert, als Lachnummer, so halt eine Verwechslungs- und Verkleidungskomödie am Programmzettel steht. Die Tragik des Geschehens, dass die „launige“ Wette der Jungverliebten, provoziert vom sinistren Don Alfonso, ihre Liebe und damit ihr Leben zerstört, geht im launigen Gelächter aller unter. Mag ja sein, dass man das so sehen kann – dennoch wird diese Inszenierung da Ponte und Mozart nicht gerecht. Wunderschöner Gesang, vor allem der Damen, aber auch Don Alfonsos macht leider den Eindruck der Falsch-Inszenierung nicht wett.

A propos Gesang: die musikalisch schwache Oper Camille Saint Saens „Samson et Dalila“, die bis auf zwei schöne Arien musikalisch relativ einfallslos daherkommt, wird durch den grandiosen Roberto Alagna als tragischer Samson, aber auch die weitgehend wunderbar singende Elina Garancia vergoldet. Leider wirkt die Oper wie Stückwerk, eindimensionale Chorgesänge, verwirrende Nebenschauplätze sind Argument genug, dass die Oper – nicht nur bei uns – selten aufgeführt wird. Die hiesige Regie (Alexandra Liebke) tut das Ihre, um die Oper nicht zum Leuchten zu bringen: einzig die Darstellung der Dalila zu Beginn des 2. Aktes, als sie auf Samson wartet und in einem erleuchteten Fensterausschnitt – sonst alles dunkel – sitzt, macht ihre Zerrissenheit zwischen rächender Megäre und vielleicht doch Liebender sichtbar. Aber bitte: was soll die Idee, dass die Verführung Samsns in einem leeren Zimmer, in dem nur eine volle Badewanne steht, in welcher die beiden pritscheln? Was soll die Idee, in der unnötigen Ballettszene hüftwackelnde statt bauchtanzende Frauen zu arabischer Musik tanzen zu lassen? Gelungen ist nur die Schlußszene, in der betuchte Festgäste (gekleidet in Saint-Saens-Zeit) das Martyrium des Samson als Event-Spektakel belachen und erleben. Dass die Verdoppelung von Samson dann mit dem eigenen Körper Feuerzauber spielt, ist für die Zerstörung des Philister-Tempels durch den sterbenden Samson vollkommen unnötig. Marco Armiliato dirigiert in bester Stimmung und sehr dynamisch das Staatsopernorchester. Neben den Hauptprotagonisten ist auch Carlo Alvarez als Oberpriester sehr positiv zu erwähnen. Alagna aber hat Garancia diesmal ausgestochen, obwohl deren nunmehr (?) tieferer Mezzo in den lyrischen Szenen wunderschön wirkt.

Umberto Giordanos „Andrea Chenier“ in der Staatsoper erzeugt zwiespältige Gefühle: wieder einmal eine alte Schenk-Inszenierung (109.!!! Aufführung), die angegraut wirkt, aber doch funktioniert. Mit Jonas Kaufmann als Andrea ein angekündigter Superstar, der aber vor allem anfangs leicht indisponiert (heiser) wirkt und erst gegen Ende seine volle Kapazität, sowohl als Sänger als auch als Schauspieler erreicht. Er wird aber eindeutig ausgestochen von der grandiosen Anja Harteros als Maddalena, die unheimlich berückend singt und spielt. Sie strahlt auf der Bühne Würde, Verzweiflung, Liebe und Hingabe äußerst eingehend aus. Die vielen anderen Rollen sind sehr gut besetzt. Wieder dirigiert der quirlige, aber präzise Marco Armiliato, anfangs vielleicht zu laut (Kaufmann hat hier Problem gehört zu werden), aber im weiteren wunderschön die tollen Sänger unterstützend. Der Chor singt und spielt hervorragend, das Orchester ebenso. Dennoch: vielleicht leistet sich die neue Operndirektion einmal eine Neuinszenierung dieser wichtigen (trotz einiger Schwächen) Revolutionsoper.

 

 

Christoph Marthalers Skurril-Stück “Tiefer Schweb” ist eine marthalersche Ansammlung von Absurditäten, tiefsinnigen Parabeln und von hervorragenden Schauspielern vorgebrachten Gesängen, Geräuschen, Verhaltensweisen – und vielem mehr. Während auf 8 Bodenseeschiffen Migranten auf ihren Status warten, sind in einer Druckkammer am tiefsten Punkt des Bodensees 8 Ausschussmitglieder der drei Bodensee-Anrainerstaaten damit beschäftigt, die grundsätzlichen Regeln für diese Migranten festzulegen. Die Bürokratie wird entsprechend Marthaler auf die Schaufel genommen (als selbst früher tätiger Bürokrat finde ich, dass M. hier ein stimmiges Sittenbild gelungen ist), einzelne Ausschussmitglieder ergehen sich im Aufzählen von Geschäftsordnungspunkten, in der Selbstdarstellung ihrer Bestellung zum Ausschussmitglied, in unerklärlichen Aktivitäten. Immer wieder steigt der Druck, die Backen der Mitglieder blasen sich auf, sie torkeln herum, bis einer das Druckausgleichsrad findet, an ihm dreht – worauf alles seinen “normalen” Gang weitergeht. Mit Pamino, einem aus Illyrien stammenden Mikrobiologen, wird der Wertekanon Bayerns – als Aufnahmsprüfung für den Flüchtlingsstatus, durchexerziert, er muss die Zusammensetzung und Rezeptur von Weißwurst deklamieren und dann einen Schuhplattler vorführen, wird dann darauf hingewiesen, dass er erst nach Wieder-Ablegen aller Prüfungen als Mikrobiologe wird arbeiten dürfen – und legt dann eine Probe seines Könnens ab, indem er mitteilt, dass das Wasser des Bodensees zu 67% mit Bakterien verseucht ist, und man ihm daher nicht zu nahe kommen sollte. Dies hindert die anderen Ausschussmitglieder nicht daran, daraus mehrere Schlucke zu tun. Textzitate von Schikaneder, Bachlieder, gefühlte 25 Strophen des wunderschönen Sommerlieds von Max Bruch, sowie eine besonders originelle Chorwiedergabe durch Urinale machen die Druckkammer, die voll holzgetäfelt mit riesigem Kachelofen in der Ecke, durch den Protagonistinnen in die Kammer steigen zum Chaosraum. Erheiternd, manchmal tiefsinnig, manchmal etwas lang (die Urinierszene), aber sehr erfreulich: Theater wieder einmal ganz anders: Marthaler hat nicht enttäuscht.

Sehr interessant war im Rahmen der Festwochen die “Winterreise“, die Schuberts deprimierenden Liederzyklus mit dem Schicksal von Flüchtlingen in Ungarn kombiniert. Die Klavierbegleitung ist auf Orchester von Hans Zender umarrangiert, ganz leicht in einigen Passagen verändert. Ein Sänger, als Flüchtling in einer herabgekommenen Unterkunft angekommen, singt die Lieder, auf einer Leinwand werden Bilder von Flüchtlingen in Ungarn in verschiedenen Phasen sehr eindrucksvoll gezeigt. Das Ganze wurde vor der 2015 Flüchtlingswelle gemacht, nur der Marsch der Flüchtlinge entlang der Autobahn nach Österreich zeigt die Massenmigration. Das Eindrucksvolle an den Fotos ist, dass sie jeweils einzelne Gesichter und Personen in ihrer Verzweiflung, ihrer Vereinsamung, ihrer Hilflosigkeit, aber manchmal auch Solidarität zeigen, sie also jeweils als einzelne Menschen wahrgenommen werden. Die Parallelen zur Original-Winterreise und dem Schicksal des Wanderers sind verblüffend. Über die Inszenierung zu einzelnen Liedern kann man natürlich streiten, ebenso darüber dass der Sänger nicht Fischer-Dieskau oder Mark Padmore oder Ian Bostridge ist – und einen doch starken ungarischen Akzent in die Lieder bringt – dennoch ist es ein gelungenes Experiment. Der Akzent darf auch als geplant interpretiert werden, eben als den “Fremden” bezeichnend.

Im Akademietheater spielen sie “The Who and the What” von Ayad Akhtar, bei dem es um Generationenkonflikt, Frauenemanzipation und Familienzusammenhalt in einer pakistanisch-stämmigen (auf der Oberfläche voll integrierten) Familie in den US-Südstaaten geht. Der Vater, ein erfolgreicher Taxiunternehmer, gibt ohne deren Wissen Kontaktanzeigen bei muslimlove.com (witzig!!) für seine ältere, brillante, Harvard-studierte literarisch veranlagte Tochter auf und weist ihr einen konvertierten “Weißen” zu, den sie auch akzeptiert. Sie ist dabei, ein Buch über den Propheten “als Mensch” zu schreiben und dabei besonders die Rolle der Frauen (M. hatte 7) und der Sexualität zu betonen – ein Skandal für ihren Vater, der zufällig das Manuskript in die Hände bekommt. Das Ganze erinnert an Rushdies “Satanische Verse”, als der Vater ihr ihr aus seiner Sicht todbringendes Verhalten (in Pakistan) für ihre “Blasphemie” nahebringt. Da sie sich weigert, das Manuskript zu vernichten, verbannt er sie aus seinem Haus. Ihre jüngere Schwester, von eher geringem intellektuellen Interesse, heiratet inzwischen ihren muslimischen Jugendfreund, liebt aber heimlich einen “Weißen”. Nach zwei Jahren kehrt die ältere Tochter heimlich zurück, konfrontiert den fast gebrochenen Vater mit ihrer Schwangerschaft und dem Erfolg ihres Buches – und alles löst sich in Wohlgefallen auf: Vater und Tochter sind ver”söhnt”, obwohl der Wunsch an Allah, es möge ein Enkelsohn sein, nicht in Erfüllung geht, die jüngere Tochter darf ihren Gatten verlassen – und die Toleranz Familienliebe siegt. Das Happy End ist ein bisschen zu hollywoodesk, auch wenn das Stück insgesamt interessant ist. Dennoch bleibt ein schaler Nachgeschmack: es wirkt wie ein Stück, das sich ein westlicher Autor über die Vorkommnisse einer muslimischen Familie im Westen vorstellt: die Konflikte wirken zu orchestriert und konstruiert – auch wenn sehr offen über diverse sexuelle Praktiken – unter den Töchtern – geredet wird. Darstellerisch ist absolut nichts auszusetzen, die vier Personen spielen ganz ausgezeichnet, auch die minimalistische Inszenierung – einzige Requisiten sind ein riesiger orientalischer Wandteppich und ein paar Sesseln, die immer wieder für die ständig auf der Bühne anwesenden Protagonisten für deren Auftritte in die Mitte geschoben werden – passt. Ein allzu gefälliger Nachgeschmack bleibt.

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Kulturfrühling 2018

 

Nikolaus Habjans Inszenierung und Darstellung von Paulus Hochgatterers “Böhm” im Grazer Schauspielhaus ist ein Triumph der Darstellung über das Stück. Habjan als Einzeldarsteller mit seinen Klappmaul- und anderen Puppen ist grandios, als Beweger der Puppen, als deren (und sein eigener) Sprecher, der sekündlich Dialoge-Sprechgewohnheiten wechselt und als Requisiteur, der sich die jeweils passenden Komparsen holt. Das Stück ist eine Collage unterschiedlichster Szenen aus dem Leben eines Bewunderers und öfters auch in die Rolle Karl Böhms schlüpfenden alten Mannes, offensichtlich eines Schulwarts aus Graz/Liebenau. Mit diesem Spiel im Spiel gelingt es, sowohl Distanz zu Böhm wie auch Identifizierung mit ihm darzustellen. Als Stück erinnert es an Habjans Darstellung von Qualtingers/Merzs Herr Karl, wo auch einzelne Szenen mit unterschiedlichem Personal lose aneinandergereiht werden. Das Stück ist weniger eine Abrechnung mit Böhms karrieregetriebenen Mitläufertums mit den Nazis, als ein Porträt seines recht unangenehmen Charakters, gepaart mit großartigem Dirigat. Das Heruntermachen von Schubert (“Syphilitiker”, der wie Brahms zu dirigieren ist), die Vergötterung von Beethoven, Strauss und Wagner durch Böhm wird jeweils mit Musikproben unterlegt. Die häuslichen Szenen beim im Rollstuhl sitzenden Schulwart, bei denen Habjan selbst einen offenbar aus Osteuropa stammenden Betreuer mit seiner vermeintlich blond bezopften Teenager/Schwester spielt, die den in Böhm schwelgenden Schulwart mit Fragen aus ihrem Mittelschulleben (Inuit, Surinam, Marathon) nervt, wechseln ab mit Szenen aus der Machtübernahme der Nazis, die Fritz Busch als Intendant der Dresdner Oper hinausdrängen, mit Szenen aus Böhms opportunistischem Mitläufertum, der von “Tristan” in Dresden träumt und sich wohl bewusst ist, dass dies auf Kosten Buschs geht, mit grandiosen Szenen des mieselsüchtigen und arroganten Dirigenten Böhm, der die Sänger tögelt (den aufmüpfigen Walter Berry, die opportunistische Elisabeth Schwarzkopf, Gundula Janowitz, Christa Ludwig), der die Orchester und deren Musiker heruntermacht und von seiner eigenen Interpretation der Werke als einzig gültiger vollkommen überzeugt ist. Dazu passt sein Zitat als von Hitler zu den „Gottbegnadeten“ gezählt worden zu sein – ohne jegliche Selbstreflexion. Seine Dialoge mit dem mitlaufenden Geiger Schneiderhahn sind wahre Fundstücke der Anpassung an die “Verhältnissse”. Unwitzig ist das Geschenk des Betreuers, nämlich Laufschuhe, an den Schulwart, die dann zu Wortwitzchen über “Mitläufer” werden. Zu guter Letzt träumt der Schulwart von tatsächlichen Begegnungen mit Böhm beim Bühnentürl der Wiener Staatsoper, wo er ihm einige Fragen stellen will, die Böhms Charakter und seine Motivationen berühren – und von diesem stantepede als Unsinn deklariert werden. Dies zeigt dann doch die Distanz des Protagonisten zu seinem Idol auf. Er stirbt, wird von Habjan dann in den Hintergrund der Bühne getragen zu einer auf einer Säule drohnenden Büste von Böhm, der er sterbend streichelnd über den Kopf streicht, worauf dieser zu Boden fällt und zerschellt. Tosender vielfacher Applaus für den Vielfachkünstler Habjan.

Der viel gelobte Roman “Unter der Drachenwand” von Arno Geiger erzehlt die Geschichte eines im Russlandfeldzug verwundeten ganz jungen Soldaten, der am Mondsee sich erholt und während dieser Monate zwischen seinen traumatisierenden Kriegserlebnissen und einem “normalen” Leben hin- und hergerissen ist. Seine Erlebnisse mit den Einheimischen, mit evakuierten Mädchenschulklassen und deren Lehrerin, mit einer evakuierten Deutschen, mit der er eine erstaunlich normale Liebesbeziehung eingeht, seinem dort lebenden Onkel als Dorfpolizist, einem widerständigen Gärtner charakterisieren diese an sich interessante Geschichte. Doch Geiger gelingt es nicht, dies fesselnd zu erzählen. Zwar sind einzelne Geschichten gut geschildert, aber das Ganze wirkt zerrissen und unfertig. Ein richtiger Erzählfluß kommt nicht zustande. Erstaunlich auch handwerkliche Fehler, wie Briefe, die sich über mehr als zehn Buchseiten erstrecken: kaum vorstellbar, dass jemand so viel Zeit und Papier im Kriege aufbringen konnte. Auch bleibt die Person des Protagonisten flach: weitgehend scheint er ohne tieferes Innenleben zu sein und die Ereignisse weitestgehend an sich vorbeifließen zu lassen. Vielleicht ist dies dem jungen Alter des Protagonisten geschuldet, das Geiger so darzustellen versucht, vielleicht soll es das Ausgeliefertsein der Menschen während der Kriegszeit darstellen – es wirkt jedenfalls nicht überzeugend. Unser Protagonist versucht zwar, teilweise erfolgreich, seine Wiederabstellung in den Krieg hinauszuzögern, da er sein neues Leben offenbar schätzt, die damit verbundenen Seelenqualen und Existenzängste bleiben jedoch weitgehend ausgespart. Dass das Ganze in einem persönlichen Happyend landet, macht das Buch noch einmal unglaubwürdiger.

Ein ganz besonderer Schmarrn ist der Film Black Panther. Für einen Verächter von Fantasie-Filmen (ich habe keinen einzigen gesehen) waren die Ankündigungen eines “All-Black”-Aufgebots an Schauspielern und Regisseuren, zusammen mit dem Titel, von dem ich mir ein Diskussion der “Black Panther”-Bewegung in den 1970er Jahren naiverweise erhoffte, war das eine große Enttäuschung. Ich wusste auch nicht, dass dieser Film auf einem Comic beruhte, hätte mich besser informieren sollen als über eine vollkommen unzureichende Filmvorschau im FALTER. Eine lächerliche Story, gut gegen böse, eine utopische afrikanische Gesellschaft, deren Reichtum auf einem wohlgehüteten wundertätigen Metall beruht, Kämpfe zwischen guten Bewahrern und bösen Modernisierern, all das ist kitschig, lächerlich, ja halt Fantasy. Nur schwarz ist leider zu wenig. Auch die Versuche der britischen Wirtschaftszeitung Economist, eine ökonomische Fabel aus diesem Filmchen herauszulesen, retten diesen Schmarrn nicht.

Witzig und bedrückend dagegen “Stalin’s Death”. Dieser Film zeigt beeindruckend die Willkür dieses despotischen Regimes, der jederzeit jeden auf eine ominöse “Liste” bringen konnte, die Folter und Tod herbeiführt. Er zeigt in wirklich witziger Weise den Opportunismus, die Brutalität und auch die prekäre Existenz der Mitglieder des Politbüros, die miteinander bei Saufgelagen um die Gunst Stalins buhlen, einander mit jeweils passenden Witzen zu übertrumpfen versuchen, die Verkommenheit von Stalins Sohn, der im Wodkarausch als Princeling herumkommandiert und herumschießt, die Verrücktheit, aber auch Menschlichkeit von Stalins Tochter Svetlana, und schließlich die Grabenkämpfe und Intrigen des Politbüromitglieder nach Stalins Tod um seine Nachfolge: der Haudegen Schukow, der die Vorherrschaft der glorreichen Armee sichern will, der Geheimdienstchef Beria, der Dossiers über alle hat und als erster seine Machtansprüche sichert, die Marionette Malenkov, der als Stellvertreter Stalins Gehorsam von allen einfordert, und letztlich Chruschtschow, der zwar mit dem Terror aufhören will, aber seinen Machtgelüsten alles unterordnet. Am witzigsten ist jedenfalls die Szene, als all diese Männer von Stalins Gehirnblutung erfahren, in seine Datscha fahren und den in seinem Urin am Boden liegenden Diktator gemeinsam aufheben und in ein Bett legen sollen. Ebenso wie nach Feststellung seines endgültigen Todes jeder als erster in seiner Limousine davonfahren will, um seine Machtansprüche sicheraustellen: dabei blockieren die wegfahrenden Autos einander so wie das Verkehrschaos im Pink Panther. Witzig auch der Kontrast zwischen der Einblendung der bürokratischen Regeln bei Stalins Tod und der “Realpolitik” seiner präsumptiven Nachfolger.

Wieder einmal Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ in der Staatsoper, in der Inszenierung aus 2014 von Sven-Erich Bechtold, dirigiert vom herorragenden Adam Fischer und einem sehr gut disponierten Staatsopernorchester, das allerdings im Rheingold häufige Probleme bei den Hörnern hatte. Rheingold ließ sich prächtig an. Die Inszenierung geht sehr gut auf die Personenzeichnungen ein, das machohafte weltmachtgeile Gehabe von Wotan, die um ihre Liebe und Würde und die Schwester kämpfende Fricka (sehr gut Michaela Schuster), die nur Schaukämpfe um ihre Schwester liefernden Froh und Donner, den machtversessenen und geilen Alberich (ganz hervorragend Martin Winkler), die voll dröhnenden, ehr wie schwarze Michelin-Riesen ausstaffierenden Riesen (auch sehr gut Ryan Speedo Green und Sorin Coliban), sowie die letztlich traurigen Rheintöchter, stimmlich stark Daniela Fally, Stephanie Houtzeel und Bongiwe Nakani. Warum die armen Rheintöchter allerdings in einer der häßlichsten Rheindarstellungen auf dunkelgrünen sich hebenden und senkenden Erdhügeln sich Alberichs erwehren müssen, bleibt unerklärt. Ein Wort zum sängerisch hervorragenden Tomasz Konieczny als Wotan: er überbetont die wagnerschen Doppelkonsonanten- Alliterationen so stark (etwa brrrrünstige Brrrünhilde – nur als Beispiel, kommt so nicht vor!), dass es störend wirkt. Das hat er ein wenig in der „Walküre“ abgelegt, wo er wiederum sängerisch hervorragend, zwar gegen Ende etwas schwächelnd, die Macho-Herrscher-Seelenkonflikte nach der Niederlage gegen Fricka, aber auch seine grenzenlose Wut ob des Ungehorsams seiner Lieblingstochter Brünnhilde austobt. Weniger scheint ihn zu stören, dass ihm Erda den Untergang seiner Dynastie vorausgesagt hat, mehr dass er sich nicht durchsetzen konnte. Christopher Ventris sang einen exzellenten Siegmund, fast noch überzeugender war Simone Schneider als Sieglinde, die extrem berührend, in ihrer Angst vor Hunding, in ihrer Selbstanklage gegen das Nachgeben ihm gegenüber, ihrem Glück der verkündeten Schwangerschaft zu grandioser Form aufläuft. Ebenso überzeugend Irene Theorin als Brünnhilde, die den Zuhörer wunschlos glücklich macht. Jongmin Park als Hunding singt und spielt den Finsterling, der seine Ehre verteidigt, hervorragend. Die Steigerung von Rheingold auf Walküre, sowohl bei den SängerInnen als im Orchester, lassen hohe Erwartungen für die beiden letzten Teile erwarten.

Nach der fulminanten Walküre wirkt Siegfried deutlich ruhiger und kontemplativer. Lange Dialoge und Erzählungen zwischen Mime und Siegfried, dem Wanderer und Alberich, Erda und Wotan und letztlich Siegfried un Brünnhilde machen Platz für eine viel lyrischere Musik. Zwar wird dies durch die Aufregung des Drachentötens durchbrochen und letztlich durch das Ende des Liebesduetts zwischen Siegfried und Brünnhilde, es gibt aber dem Orchester unter dem absolut in Kontrolle befindlichen Adam Fischer viel Gelegenheit, seine Meisterschaft zu zeigen. Die Sänger sind durch die Bank wieder exzellent. Neu ist hier Stephen Gould als Siegfried, der diese Monsterrolle mit nachhaltigem Heldentenor bis zum Ende bravourös meistert, die „heldenhaften“ Teile ebenso schafft wie die „bubenhaften“ und letztlich auch die „liebhaberhaften“ in all ihren Nuancen. Die wiederum hervorragende Irene Theorin steht ihm als Brünnhilde in nichts nach, sie schafft die pianissimi-Stellen nach ihrem Erwecktwerden vielleicht noch besser als er. Neu ist auch Hila Fahima als Waldvögelein, ein paarmal ein wenig zitternd, insgesamt jedoch glockenhell weissagend und den Weg weisend. Konieczny als Wanderer ist gleichbleibend überzeugend, Martin Winkler als Alberich bewundernswert, und Herwig Pecoraro als Mime wirkt als ob er für diese Rolle perfekt geschaffen sei. Monika Bohinec wirkt in ihren weißen Tüchern als nicht von dieser Welt und zeigt Unwillen über ihren Ruf auf die Erde ebenso wie über die Intrigen des Wotan in überzeugender Weise. Jongmin Park singt eindrucksvoll den kämpfenden und sterbenden Fafner.

Die Götterdämmerung beginnt in düsterer Nachtumgebung mit den Erzählungen der 3 Nornen (exzellent Monika Bohinec, Stephanie Houtzeel und Caroline Wenborne), die das Ende der Götterwelt vorhersagen und durch das zerrissene (Lebens-)Seil beklagen, womit auch ihre Weissagungskraft verloren ist. Warum die wiederum exzellente Brünnhilde (Irene Theorin) ihren ihn zum Aufbruch zu neuen Taten drängenden Liebhaber Siegfried aus Krankenhaus-Vlies-Tüchern wickeln muss, bleibt ein Rätsel. Dennoch läßt sich dieser nicht lang bitten, besteigt das Ross Grane und läßt B. zum Zeichen seiner ewigen Liebe den Ring zurück. Diesen verteidigt Brünnhilde heftig als plötzlich ihre Walkürenschwester Waltraute (hervorragend Nora Gubisch) auftaucht und ihr von der Depression in Walhall und dem Dahinsiechen Wotans berichtet, der die abgestorbene Weltesche hat fällen und zu Scheiten hat aufschichten lassen: nur die Rückgabe des Ringes an die Rheintöchter könnte Walhall noch retten. Doch Brünnhilde verteidigt ihr Menschsein und ihre Liebe und schickt Waltraute mit leeren Händen zurück.

Am Gibichungenhof stachelt derweil Hagen (sehr überzeugend Albert Pesendorfer) die schwächlichen Gunter und Gutrun auf, sich endlich mit dem je besten verfügbaren Partner/in zu versehen und verspricht ihnen, dies mithilfe eines Zaubertranks zu bewerkstelligen. Da kommt auch schon Siegfried (für Gutrun auserkoren) lustig daher, schließt mit Gunter Blutsbrüderschaft, trinkt den Saft – und schon will er an Ort und Stelle, Brünnhilde vergessend – Gutrun „besitzen“. Dies gesteht ihm Gunter zu, wenn er ihm selbst hilft, Brünnhilde „zu freien“. Gesagt-getan, mithilfe des Tarnhelms gibt sich Siegfried als Gunter aus, besteigt den flammenumtosten Felsen, entreißt Brünnhilde den Ring, und legt – ganz Blutsbruder – über Nacht das Schwert zwischen Brünnhilde und sich. In der Zwischenzeit erscheint Vater Alberich dem daheimgebliebenen Hagen und trägt ihm auf, den Ring für ihn, Alberich, zu erobern. Hagen bekommt selbst Weltherrschaftsgelüste. Siegfried kehrt zurück, bekommt Gutrun, als Gunter und Brünnhilde eintreffen und die Doppelhochzeit geplant wird, versucht die widerstrebende Brünnhilde ihren Siegfried an gemeinsame Zeiten zu erinnern, was dieser – undank Zaubertranks – nicht kann. Daher gibt sie Hagen nach, der aus Rache Siegfried ermorden will. Vorgeschobener Grund soll sein, dass er entgegen dem Eid als Blutsbruder die Nacht mit Brünnhilde verbracht haben soll, was Brünnhilde bestätigt. Beim morgendlichen Jagdausflug dann sagen die Rheintöchter Siegfried seinen nahenden Tod voraus, was er als „Weibergeschwätz“ abtut und mit seiner Erfahrung mit Frauen begründet. Also sticht ihn Hagen von hinten nieder – auch hier spielt Brünnilde mit, die ihm Siegfrieds Verwundbarkeit am Rücken mitgeteilt hat. Hagen möchte den Ring an sich reißen, wendet sich aber mit Schaudern ab, als sich die Hand des Toten erhebt. Brünnilde erkennt den Zauber, trauert um den herrlichsten Helden und beschließt, mit Roß Grane den Scheiterhaufen zu besteigen. Sie nimmt den Ring, verspricht ihn den Rheintöchtern, die ihn aus ihrer Asche wiedergewinnen – und verbrennt. Im Hintergrund geht Walhall in Flammen auf.

Musikalisch wieder ganz hervorragend, Adam Fischer brilliert mit dem Orchester, die Sängerinnen und Sänger zeigen sich von Weltformat, besonders hervorzuheben noch Tomasz Konieczny, der nach den schweren und ausdauernden Wotan-Partien der ersten drei Abende hier noch den Gunter singt, in etwas höherer Stimmlage als Wotan und wieder makellos. Stephen Gould als Siegfried, Martin Winkler als Alberich, sowie die Rheintöchter bleiben noch zu erwähnen. Es gibt keine Schwachstelle, außer bei der Inszenierung: die lächerlichen Christbäumchen am Felsen, die Bootsflotille am Weiher wirken deplatziert. Zu erklären wäre noch, warum immer wieder Sänger/Innen am Boden liegen müssen, kein Bett, keine Decke, nur Stein und Erde und harter Bretterboden: da hätte der Regisseur vielleicht etwas weniger hart umgehen sollen. Das minimalistische Bühnenbild mag ja seine Berechtigung finden, dann hätte aber die Abstraktion durchgehalten werden müssen und nicht mit naturalistischen Stilelementen verunglimpft werden sollen. Mehr Licht wäre auch nicht schlecht gewesen.

Doch sind die Kleinigkeiten, die der musikalische Grandeur dieses oftmals bombastischen Klangmalerei und die Perfektion der Sängerinnen und Sänger, des Dirigenten und des Orchsters eindeutig und vielfach übertönen.

Absolut unterhaltsam mit tragischem Unterton ist das Stück „Babylon“ des schottischen Puppenspielers Neville Tranter im Wiener Schuberttheater. Tranter ist der Guru Nikolaus Habjans, der bei ihm das Spiel mit den Klappmaulpuppen gelernt und weiterentwickelt hat. Die Technik ist für Habjankenner unverwechselbar: hervorragend selbstgemachte Puppenköpfe mit Armen und Gewand werden vom Spieler getragen, oftmals an jedem Arm eine, die dann miteinander in Dialoge münden, die vom Spieler, Tranter (ebenso wie bei Habjan), hervorragend mit verschiedenen Akzenten und Wortmelodien versehen werden: man schaut nie auf den Spieler/Sprecher, sondern nur auf die Puppen. Es geht um einen Strand in Nordafrika, von dem ein letztes Flüchtlingsboot nach „Babylon“ aufbrechen soll. Es treten auf: der Teufel, der geldgierige Kapitän, sein in seinen Hund, den er nicht mitnehmen darf, verliebte Steuermann, Gottvater (vertrottel) mit seinem realitätsnahen Ratgeber Engel Uriel, der idiotische (zu lange allein in der Wüste) Jesus mit Pinkie, seinem Schaf, eine arabische Mutter, ein schwarzer Knabe mit einem katholischen stummen Priester. Die Dialoge sind witzigst, die Puppen grotestk. Die Geschichte endet mit einem Bombardement des Flüchtlingsbootes, dem nur Jesus (und Pinkie) entkommen, da sie doch nicht auf das Boot gestiegen sind: Jesus hatte offenbar Zweifel, ob die Menschen in Babylon wirklich auf ihn warteten. Obwohl die Geschichten nicht zuende erzähhlt sind, also viele Stränge offen bleiben, übertönt die Liebenswürdigkeit und Kunst Tranters diese Schwächen.

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Das österreichische Doppelbudget 2018/19

Im folgenden mein Eingangsstatement als geladener Experte zum Hearing des Budgetausschusses des Österreichischen Parlaments am 5.April 2018 zu den Beratungen zum Bundesfinanzgesetz 2018 und 2019, sowie zu den Bundesfinanzrahmengesetzen 2018-2021 und 2019-2022.

„Sehr geehrte Frau Vorsitzende, werte Abgeordnete, Herr Bundesminister, Herr Staatssekretär. Angesichts der kurzen zur Verfügung stehenden Zeit (8 Minuten) ist mir nur eine grobe Analyse möglich. Ich konzentriere mich daher auf das wesentliche, und zwar das Doppelbudget 2018/19:

1. Ich halte ein Zweijahresbudget für problematisch: Konjunkturvoraussagen sind stärker mit Unsicherheit behaftet, je weiter sie in die Zukunft reichen;  Reaktion auf äußere und innere plötzlich auftauchende Events wird schwieriger, die parlamentarische Kontrolle wird durch Doppelbudgets eingeschränkt. Ich halte eine Rückkehr zur Jährlichkeit für angeraten. Ich halte auch die angekündigte zeitliche Zusammenlegung von mittelfristigem Rahmenplan und jährlicher Budgetberatung für kontraproduktiv, da damit die Mittelfriststrategiediskussion weitgehend von jener zum aktuellen Budgetvoranschlag verdrängt wird.

2. Der vorgelegte Budgetpfad sieht konjunkturell gesehen weitgehend ok aus: der Maastricht-Saldo sinkt von -0.8% im Vorjahr auf heuer -0.5% und soll sich 2019 in einen kleinen Überschuss von 0.1% desBIP drehen. Allerdings ist die Behauptung einer Zeitenwende übertrieben, da die Reduktion des Defizits rein der guten Konjunktur und dem niedrigen Zinsnivaeu zuzurechnen ist – und nicht den Interventionen dieser Regierung: der Konjunktureffekt beträgt 2018 0.6% des BIP, 2019 0.5%, der Zinseffekt -0.2% und -0.1%. Der strukturelle Saldo bleibt weiterhin im Minus und verschlechtert sich heuer (2017 -0.5%, heuer -0.9%, 2019 -0.5%). Daher bleibt der Haushalt heuer prozyklisch, wird erst nächstes Jahr leicht restriktiv (wenn die derzeit hohe BIP-Zuwachsrate bereits zurückgeht). Die Schuldenquote sinkt (heuer um 4 Prozentpunkte des BIP, nächstes Jahr um weitere 3.5 pp), das ist positiv.

3. Budgetkonsolidierung, das von Regierung und Finanzminister viel gelobte sog. „Sparen“ ist aber kein Selbstzweck, sondern nur Instrument zur Stabilisierung. Öffentliche Schulden und Defizite sind per se nichts Schlechtes, sondern es kommt darauf an, wofür die öffentlichen Gelder verwendet und wie sie erhoben werden. Das Budget sollte sich an den Drei Großen Herausforderungen“ der Gegenwart und Zukunft orientieren, bzw. diese befördern. Diese sind: Förderung des Zusammenhalts der Gesellschaft, Kampf gegen Klimawandel und Umweltzerstörung, Alterung der Gesellschaft.

a) Verhinderung der weiteren Zersplitterung der Gesellschaft: dabei geht es um Arbeitsplätze, um Hilfe für jene, die Hilfe benötigen, Schließung der Einkommensverteilungslücke, Integration von Flüchtlingen und Migranten: es gibt noch immer knapp 400.000 Arbeitslose (wenn auch die Arbeitslosenquote sinkt), aber die Regierung kürzt beim Arbeitsmarktservice gegenüber den früher vorgelegten Ansätzen massiv, sie hat die Aktion 20.000 eingestellt, kürzt bei Hilfen für Langzeitarbeitslose und bei Mitteln für die Integration, anstatt das internationale Vorzeigeobjekt österreichischer Wirtschaftspolitik, die Aktive Arbeitsmarktpolitik weiter zu optimieren und gegebenenfalls auszubauen. Sie bevorzugt bei den Maßnahmen zum Familienbonus und zur Reduzierung des Arbeitslosenbeitrags die besser Verdienenden, statt jene stärker zu unterstützen, die es am nötigsten brauchen.

b) Klimawandel, Umweltzerstörung: hier gibt es vom Budget keine wie immer gearteten positiven Signale, nur eine gegenproduktive Maßnahmen: die Halbierung der Flugabgabe macht das am stärksten umweltbelastende Transportmittel Flugzeug noch relativ billiger als es ohnedies ist, da Kerosin nicht besteuert und Flugtickets nicht der Mehrwertsteuer unterliegen; Schweden hat gerade die Flugticketabgabe um zwischen 5€ und 38€ erhöht; eine Ökologisierung des Steuersystems ist nicht einmal angedacht.

c) Alterung der Gesellschaft: auch hier werden keine lenkenden Maßnahmen im Pensionssystem sichtbar, dessen Bundesbeitrag weiter ansteigt, anstatt dass endlich das tatsächliche Pensionsantrittsalter näher an das gesetzliche hergeführt wird. Das dringendste Problem aber, eine nachhaltige Finanzierung für das Pflegesystem anzugehen, wird vernachlässigt: den Bundesländern weitgehend die finanzielle Verantwortung für die Abschaffung des Pflegeregreß (eine positive Maßnahme) anzulasten, sollte eigentlich von diesen für die Einleitung des im Österreichischen Stabilitätspakt vorgesehenen Konsultationsmechanismus benutzt werden.

d) zur Bewältigung dieser gravierenden Probleme und Sicherstellung der Zukunftsfähigkeit der österreichischen Gesellschaft müssten im Budget eigentlich die Öffentlichen Investitionen stärker ausgeweitet werden: allerdings steigen die Öffentlichen Investitionen heuer nominell nur um 1.1%, nächstes Jahr um 1.2%: angesichts der prognostizierten Inflationsraten sind dies jeweils reale Rückgänge. Damit wird die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft aufs Spiel gesetzt.

(Einige andere Problembereiche: zwar gibt es leichte Steigerungen bei F&E, doch soll die „Gießkanne mit Mitnahmeeffekten“ Forschungsprämie um 500 Mio ausgeweitet werden, aber nur 45 Mio für „Spitzenforschung“ bereitgestellt werden: dahingegen gibt es plus 125 Mio p.a. mehr für Terrorismusbekämpfung)

Fazit: Das Budget ist konjunkturell zwar richtig ausgerichtet: seine Zusammensetzung aber vernachlässigt die wichtigsten gesellschaftlichen Herausforderungen: es bekämpft nicht die Tendenz zu einer gespaltenen „Zwei-Drittelgesellschaft“, es wird den von Österreich im Pariser Klimaschutzabkommen und bei den New Yorker Sustainable Development Goals eingegangenen Verpflichtungen in keinster Weise gerecht und es trägt nichts dazu bei, die durch Alterung der Gesellschaft auftretenden akuten gravierenden Probleme zu lösen. Das Budget läutet keine Zeitenwende ein, sondern ist kleinmütig. Wo es höhere Ausgaben vorsieht etwa bei der Familienförderung, bevorzugt es jene Groß- und Mittelverdiener, die Einkommensteuer zahlen. Jene, die „nur“ Sozialversicherungsbeiträge und die regressive MWSt zahlen, die aber am meisten Hilfe brauchen, gehen ebenso leer aus wie die bedrohte Umwelt.“

Auf die folgenden Fragen der Abgeordneten äußerte ich mich (zusammenfassend) folgendermaßen:

– Die Abschaffung der „kalten“ Progression bei der Einkommensteuer dürfte jedoch nicht nur auf die Einnahmenseite des Budgets beschränkt werden, sondern müsste auch die Ausgabenseite betreffen, auch dort müssten die Staatsausgaben der Inflation angepasst werden, um das Budget „inflationsneutral“ zu gestalten.

– Bei der nachhaltigen Finanzierung der Pflege wäre eine Einbindung in das Sozialversicherungssystems die beste Lösung, wobei hier von einer Verbreiterung der Bemessungsgrundlage auszugehen sei, um nicht die Abgabenbelastung des Faktors weiters zu erhöhen. Von einer zweckgebundenen Erbschaftsteuer zur Finanzierung halte ich nichts, wenn ich auch für eine Besteuerung von Erbschaft und Vermögen grundsätzlich sei.

– Zur Diskussion über die angebliche Schaffung von „Scheinjobs“ durch die abzuschaffende Aktion 20.000, die vom Minister und der Expertin Kolm vertreten wurde, meinte ich, dass es sehr wohl gesellschaftlich relevante, nicht marktfähige Aufgaben bei den Gemeinden gäbe, die durch die Aktion erfüllt worden wären – und dass dort auch der Anreizeffekt, danach in den regulären Arbeitsmarkt einzutreten, hätte bedacht werden müssen. Man hätte jedenfalls die Evaluierung dieser Maßnahme abwarten müssen.

– Zur Ökologisierung des Steuersystems verwies ich auf die zahlreichen Studien von WIFO und vielen anderen Institutionen, die von CO2-Steuern, über die Abschaffung der bevorzugten Besteuerung von Dieseltreibstoff, Besteuerung von Flug-Kerosin, etc. bereits gemacht wurden – und die kompensatorisch zur Senkung der Arbeitsbelastung erhoben werden könnten.

– Zur Frage des Regierungsziels einer Senkung der Abgabenquote auf unter 40% des BIP führte ich aus, dass es international keine ökonomische Einhelligkeit über eine „optimale“ Abgabenquote gäbe, verwies auch auf die viel zitierte Studie von Reinhart & Rogoff (This Time is Different), die international Schuldenquoten (am BIP) auf „Optimalität“ untersucht haben und keinen Schwellenwert gefunden haben. Ich meinte, es gäbe Staaten mit hohen und niedrigen Abgabenquoten, die gute und schlechte Ergebnisse produzierten und dass die „Fetischisierung“ einer bestimmten Quote nicht zielführend sei. Viel wichtiger sei die Zusammensetzung von Abgaben und Ausgaben, sowie deren effiziente Verwendung.

-Ich wies auch darauf hin, dass im Budgetrahmen Österreichs Beiträge an die EU gleichbleibend budgetiert seien, was die Folgen des Brexit für das EU-Budget (etwa 12-14 Mrd € pro Jahr) nicht berücksichtige. Die Haltung der österreichischen Bundesregierung, “keinen Cent mehr für das EU-Budget bereitzustellen” möge zwar als Ausgangs-Verhandlungsposition für ein Nettozahler-Mitglied der EU argumentierbar sein, sei aber jedenfalls inkonsistent mit Versprechungen der Agrarministerin, dass die österreichischen Landwirte gleich viel herausbekämen, aber auch mit den auch von Österreich urgierten neuen Aufgaben der EU im Bereich der Grenzsicherung, des Asylwesens und der äußeren Sicherheit. All dies mit Effizienzsteigerungen in der EU-Verwaltung zu kompensieren, wie der Finanzminister ausführte, sei illusorisch.

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Geballtes Opern-Bunching

Saul, das Oratorium von Georg Friedrich Händel, wurde äußerst bemerkenswert im Theater an der Wien aufgeführt. Hervorragende Sänger, eine wunderbare Musik, ein fast entfesselt choreographierter Schönberg Chor und eine minimalistische Inszenierung von Claus Guth, die sehr stark die Drehbühne beschäftigte, passten perfekt zum auf Originalinstrumenten wunderschön musizierenden Freiburger Barockorchester. Die Handlung ist einfach: der von Gott zum Führer Israels auserwählte Saul ist stark, beliebt und gewinnt Dutzende von Schlachten. Sein Problem: er ist von sich und seiner Auserwähltheit vollkommen eingenommen – auch wenn er von Anfang an an quälenden Kopfschmerzen zu leiden scheint. Dramatisch wird es, als der Hirtenjunge David den Philister Goliath erschlägt – und zum neuen Helden ausgerufen wird. Anfangs belohnt ihn Saul, indem er ihm seine ältere Tochter Merab (die ihn wegen seiner Herkunft verachtet(, statt der ihn anhimmelnden Michal zur Frau gibt, wird jedoch immer wütender und eifersüchtiger auf ihn und trägt seinem David liebenden Sohn Jonathan auf, ihn zu töten – was dieser verweigert. Saul wütet, versucht selbst, David zu töten und schickt ihn in die Schlacht (wo er den Tod finden soll). In der Zwischenzeit tötet er selbst seinen Sohn Jonathan als sich ihm Verweigernder, und wird seinem Volk und sich selbst im Hass auf David immer unverständlicher. Letztlich sucht er den Teufel/Hexe auf und stirbt selbst. David kehrt aus dem Krieg zurück, nimmt sich eine neue Frau – und beginnt ähnlich seinem Vorgänger, sich selbst zu vergöttern. Man ahnt schon, dass ihn ein ähnliches Schicksal ergreifen wird.

Sehr eindrucksvoll ist der mächtige Bass, samt gewaltiger Darstellung des Saul durch Florian Boesch, der wütet, hasst, bestimmt und daran zerbricht. Noch eindrucksvoller aber ist Jake Arditti, der als Countertenor (eigentlich Sopranist) den David mit ungeheurer Intensität, parsifalartig sich in den Hof (nicht) hineinfindet, stimmlich und darstellerisch brilliert. Besonders seine Seelenqual, als ihm die falsch Tochter zugeführt wird, drückt er intensiv aus. Aus dem schwächlichen Bubi wird der verständnislose Geliebte, letztlich aber der neue Herrscher, der seine Rolle voll lebt, um aber vom selben Kopfschmerz (samt Hybris) befallen zu werden wie Saul. Merab wurde exzellent von der Einspringerin Carolina Lippo gegeben, auch Giulia Senzato als Michal und Andrew Staples als Jonathan machten mehr als bella figura. Grandios, auch mit dem meisten Applaus bedacht, der Arnold Schönberg Chor, sowohl sängerisch wie auch choreographisch eingesetzt.

Einziger Vermuthstropfen: zu wenige Obertitel: ganze Passagen werden (auf englisch) gesungen, ohne dass der Text projiziert wird. Auch wenn die Musik sich selbst trägt, wäre mehr mehr gewesen. Dennoch: ein wirklich beispielgebender Abend, wie man ein Oratorium sinngebend und perfekt szenisch darstellen kann.

Eine total andere Inszenierung von Pelleas und Melisande von Claude Debussy in der Kammeroper als jene vor kurzem in der Staatsoper. Diese ist inspiriert von Maeterlincks symbolistischem Libretto und erzählt diese unglückliche Liebesgeschichte als Erinnerung der Melisande. Das macht es möglich, eine ganze Reihe ansonsten unerklärlicher Einfälle zu bringen, da sie eben in der Rückblicks-Phantasie von Melisande wirksam werden: der Bärenkopf, den Golaud in der Anfangsszene, als der Melisande findet, trägt, und auch ein zweites Mal noch auf dem Kopf, als er Pelleas und Melisande belauscht; die immer wieder aufscheinenden Kinder; die rätselhafte, an ein Tableau von Caillebotte erinnern, Gruppe von Arkel und Genevieve, die eher rezitativartige Erzählungen machen, und anderes mehr.Das Bühnenbild ist, wie in der Kammeroper üblich (und nötig), ganz einfach, vermag aber doch, die einzelnen für die Geschichte wichtigen Lokationen wiederzugeben. Das Wiener Kammerorchester unter Claire Levacher spielt zwar ansprechend, schafft es jedoch nicht ganz, die sanften Klangwellen Debussys in voller Breite zu bringen. Ganz hervorragend sind Anna Gillingham die Melisande und macht auch darstellerisch ihren tiefen Zwiespalt, zwei Brüder zu lieben, sichtbar. Julian Gonzales singt wunderschön den Pelleas und bringkt auch dessen Traumtänzerei zur Geltung. Matteo Loi sind zwar hervorragend, schafft es jedoch kaum, mehr als Eifersucht auf den Bruder zu zeigen, als Liebhaber wirkt er unglaubwürdig, Florian Köfler singt stark einen abgrundtiefen Arkel, der als einziger die Seelennot Melisandes begreift. Eine rätselhafte, wenn auch stimmige Aufführung, bei der Melisande die Tötung ihres geliebten Pelleas und die Geburt ihrer Tochter überlebt – offenbar, damit die Geschichte mit dem Rückblick funktioniert.

Tennessee Williams‘ „Glasmenagerie“ im Akademietheater bringt vor allem hervorragende Schauspielerinnen-Leistungen. Regina Fritsch als Mutter und verlassene Ehefrau, die den Alltag nicht meistern kann und sich in vom-Winde-verweht-Reminiszenzen über ihre eigene Beliebtheit als junge Frau ergeht, ist ganz hervorragend. In der miesen Dachkammer, in der sie mit ihren Kindern haust und vom kargen Lohn des Sohnes lebt, der als Lagerarbeiter heimlich Gedichte schreibt und vom „Abenteuer“ träumt, ist ihre Hauptsorge, ihre leicht gehbehinderte, zurückgezogen lebende und von ihrer High-School-Liebe träumenden Tochter einen würdigen (dh gutverdienenden) Ehemann zu verschaffen. Sarah Viktoria Frick spielt diese Laura, die am liebsten mit selbstgebastelten Glasfiguren spielt, hervorragend: als die alte Liebe unerwartet zum Abendessen kommt, ist sie so nervös, dass sie sich erbricht – und letztlich die kleine Chance, ihren Jim zu erobern, verspielt. Dieser versucht, seinen Freund Tom von den Erfolgschancen der Rhetorik für sozialen Aufstieg zu überzeugen: das erinnert an den Graduate, dem „Plastik“ als die Zukunftschance angepriesen wird. Der Niedergang dieser Familie, wo es keine Hoffnung auf irgendetwas gibt, erfolgt unerbittlich: der Vater Säufer, der die Familie verlassen hat; die prätenziöse Mutter, die ihre Kinder nicht verstehen kann und sich in Tussy-Attitüden flüchtet; der sich nach Abenteuer sehnende Sohn; die sich jeglicher Ausbildung verweigernde Tochter, die auch die winzige Chance auf Liebe vermasselt. Das alles ist fürchterlich deprimierend dargestellt. Eine no-future-Generation (nicht unüblich für Williams), die es sicherlich auch heute noch gibt.

Tschaikowskis Oper Eugen Onegin bringt eine überzeugende Regie (Falk Richter) mit einer stilisierten Bühne (Katrin Hoffmann), von der es meist im Hintergrund schneit, offenbar trotz Referenz im Stück auf den blühenden Garten anzeigend, dass der seelische Winter (für Eugen) unausweichlich ist. Die Kälte der Verhältnisse wird auch durch einige an Eisskulpturen erinnernde Bühnenmöbel (Tatjanas Bett, Bartheke) ausgedrückt, die in spannendem Kontrast zu den heissen Liebesnöten von zuerst Tatjana, dann Lenski und dann Onegin stehen. Sängerisch macht vor allem Marius Kwiecien als Eugen hervorragende Figur und bringt auch – trotz eher kleiner Statur – seinen „ganzen Mann“ in all seinen positiven und negativen Seiten überzeugend auf die Bühne. Olga Bezsmertna als Tatjana bleibt ein bisschen hinter ihm zurück, findet jedoch im Laufe des Geschehens zunehmend in ihre Rolle. Pavel Cernoch als Lenski ist stimmlich anfangs schwach, wächst aber im letzten Akt zu voller tenoraler Größe. Margarita Gritskova stellt eine sehr erfreuliche Olga dar, Stephanie Houtzeel als Mutter Larina macht das Beste aus dieser kleinen Rolle, ebenso wie die überzeugende Aura Twarowska als Filipjewna. Furlanetto als Fürst Gremin orgelt seinen beim Publikum äußerst gut ankommenden Baß herunter. Grotesk als Karl Lagerfeld verkleidet tut sich Pavel Kiogatin als Triquet mit den höheren Tönen schwer, die er stark pressen muß. Louis Langrée dirigiert das Staatsopernorchester mit großer Verve zu einer ingesamt befriedigenden Aufführung.

Ganz besonders schön war die Staatsopern-Aufführung von Händels „Ariodante“ unter der Leitung des Meisters William Christie mit dem tollen Les Arts Florissant-Ensemble. Eine durchaus gelungene Inszenierung im statischen Umfeld einer steinernen Burg am schottischen Meer läßt den tiefen Gefühlsbewegungen der Progatonistinnen den vielen Platz, den sie für ihre je unzähligen Wiederholungen ihrer Liebes- und Schmerzenspein benötigen. Ganz grandios der szenische Einschub im 3. Akt, als die zu Unrecht verurteilte Ginevra sich nahe am Tod einer Vision ergibt, in der sie allem erdenklich Bösem ausgesetzt wird, als Olympia-gleiche Puppe am Strang des Bösen. Auch hier schneit es wieder (siehe oben den Onegin), allerdings nur dann, wenn es wirklich tödlich zugeht. Unter den hervorragenden Sängern ist besonders der Cuntertenor Christophe Dumaux als Bösewicht Polinesso hervorzuheben, der mit stupender Bravour und enormer Ausdauer die riesigen Koloraturen exzellent bewältigt und dabei auch den Bösewicht überzeugend darstellt. Chen Reiss als das Liebessubjekt Ginevra glänzt über weite Strecken, verliert jedoch ein wenig an Dynamik gegen Ende des langen 3. Aktes. Ihre Kammerfrau und Freundin Dalinda wird auch ganz hervorragend von Hila Fahima gesungen, auch sie schafft diesen Koloratur-Marathon exzellent. Sarah Connolly als Ariodante müht sich ein wenig mit ihrer Monsterrolle und schludert ein wenig über die Koloraturkaskaden hinweg, leider bleibt sie darstellerisch blass, dennoch: eine bemerkenswerte Leistung. Hervorragend Wilhelm Schwinghammer als König und Rainer Trost als Ariodantes Bruder Lurcanio. Wie Ariodante und Ginevra ihren jeweiligen Abschied vom Leben zelebrieren, wie die Arts Florissants dies musikalisch unterstützten, rührt zu Tränen und ist jedenfalls erstklassig. Die Auflockerung der Inszenierung durch bunt gekleidete Narren/Höflinge und Balletteinlagen wirkt eindringlich. Der Schlußeinsatz durch den Mahler Chor bringt einen weiteren Höhepunkt dieser Produktion. Insgesamt ein Ausrufungszeichen für die Barockoper“!.

Zum Schluß noch zwei Buchempfehlungen: Exit West, auf der Shortlist des britischen Man Booker Preises 2018, von Mohsin Hamid, bringt eine sehr eindrucksvolle Fluchtgeschichte eines jungen arabischen Paares, in abstrahierter Form, was die Orte der Flucht und den Herkunftsort betrifft. Anklänge an Syrien sind naheliegend. Ein junges Paar lebt frei aber unter den kulturellen Restriktionen ihrer Kriegs-Gesellschaft, kümmert sich um die Eltern und begibt sich schweren Herzens in die Emigration, landet jeweils auf nicht benannten Wegen in Griechenland, letztlich in England, wo die Heimatlosigkeit, die langsam keimende Möglichkeit auf Zukunft zunehmend zur Emanzipation voneinander – und damit letztendlich getrennte Wege – führt. Ganz lapidar erzählt, durch die Abstraktion der Fluchtwege und Schwierigkeiten wird der Blick auf die emotionale Verlassenheit und teilweise Aussichtslosigkeit der Situation frei. Sehr empfehlenswert.

The Wallcreeper (Der Mauerläufer) von Nell Zink wird von der Kritik hoch gelobt. Ganz kann ich das nicht nachvollziehen. Es geht um eine junge Amerikanerin, die vollkommen verantwortungslos und ohne Moral in der Schweiz mit ihrem Mann, einem Ingenieur und letztlich Birdwatcher dahinlebt, und sich nur darum kümmert, dass sie „genug Kleider für die nächsten 10 Jahre“ hat und fest davon überzeugt ist, „nicht arbeiten zu wollen“. Wohlstandsverwahrlosung einer offenbar aus begüterter Familie stammenden Amerikanerin, die die besten Colleges absolviert hat. Die teilweise Entfremdung von ihrem Mann bringt sie nach Berlin und weiter in den Osten Deutschlands, wo sie letztlich, nach mehreren Beziehungsstationen, durch einen religiösen (?) Guru geläutert und zu einem „produktiven Mitglied der Gesellschaft“ wird. Dies alles ist in einer klaren, eher journalistischen Sprache erzählt, lapidar, aber irgendwie unglaubwürdig.

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Deutsche Sondierungen – Europa Zuerst

(am 17.1.2018 leicht geändert in der Wiener Zeitung veröffentlicht)

Die „Ergebnisse der Sondierungsgespräche von CDU, CSU und SPD“ vom 12.1.2018 erstaunen und erfreuen den österreichischen Beobachter durch ihren Europafokus. Das erste Kapitel dieser Gespräche handelt von den deutschen Europa-Ambitionen und umfasst immerhin 3 von 26 Seiten. Das ist sicherlich die Handschrift von Martin Schulz.

Die GroKo-Verhandler wollen (in 5 Unterkapiteln) einen „neuen Aufbruch für Europa“, ein „Europa der Demokratie und Solidarität“, ein „Europa der Wettbewerbsfähigkeit und der Investitionen“, ein „Europa der Chancen und der Gerechtigkeit“, und ein „Europa des Friedens und der globalen Verantwortung“.

Allem voran wird die Verantwortung Europas in der Welt beschworen, angesichts der veränderten Verhältnisse in den USA und dem Erstarken Chinas und der Politik Russlands, sein Schicksal künftig stärker selbst in die Hand zu nehmen. Dies hat Merkel schon voriges Jahr verkündet, jetzt stimmen auch die anderen zu, um damit „unser solidarisches Gesellschaftsmodell, das sich mit der Sozialen Marktwirtschaft verbindet, ..zu verteidigen“ (Kapitel „Aufbruch“).

Die europäischen Werte bezüglich Demokratie, Bürgernähe, Rechtsstaatlichkeit und Transparenz sollen vor allem durch Stärkung des Parlamentarismus auf EU-, nationaler, regionaler und kommunaler Ebene verteidigt werden (Kapitel „Demokratie“).

Soziale Marktwirtschaft deutscher Prägung soll Impulse für Investitionen und damit Wettbewerbsfähigkeit garantieren: Sozialpartnerschaft, Mitbestimmung und „faire Verteilung des erwirtschafteten Wohlstandes“, strategische Forschungs- und Innovationspolitik sollen die Position Europas auch in der künftigen, durch Digitalisierung geprägten Globalisierung stärken (Kapitel „Wettbewerbsfähigkeit“).

Chancen für junge Menschen, verstärkte Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit, europaweite Austauschprogramme, gleicher Lohn für gleiche Arbeit, Mindestlohnregelungen und nationale Grundsicherungssysteme, Angleichung der Bildungsstandards, bessere Koordinierung der Arbeitsmarktpolitik – all dies soll die Beschäftigungs- und Lebenschancen verbessern. Vermeidung von Steuerdumping und Geldwäsche, die „gerechte Besteuerung großer Konzerne, gerade auch der Internetkonzerne Google, Apple, Facebook und Amazon“ werden ebenso beschworen wie die gesellschaftspolitische Verantwortung von Unternehmen. Die Verhandler wollen eine gemeinsame Bemessungsgrundlage für Körperschaftsteuern, sowie EU-weite Mindestsätze bei Unternehmenssteuern. Gewinne sollen dort besteuert werden, wo sie gemacht werden. Schulzs Handschrift ist auch in der Forderung der Einführung einer „substantiellen Finanztransaktionssteuer“ ablesbar (Kapitel „Gerechtigkeit“).

Globale Herausforderungen benötigen laut Verhandlern europäische Antworten, daher auch die „klare Ablehnung von Protektionismus, Isolationismus und Nationalismus“. Dennoch kommt auch die Subsidiarität zu ihrem Recht bei der Lösung lokaler Probleme. Europa muss als „Friedensmacht“ den Vorrang der Politik vor dem Militärischen verfolgen, soll in der Flüchtlingspolitik seiner humanitären Ausrichtung folgen, jedoch insgesamt Migration besser regeln und vor allem Fluchtursachen bekämpfen. Wichtig wird eine neue Afrika-Strategie sein. Europa soll eine offene und faire Handelspolitik verfolgen, eine Vorreiterrolle beim Klimaschutz und eine ambitionierte Umsetzung des Pariser Abkommens anstreben, sowie eine gemeinsame Außen- und Menschenrechtspolitik verfolgen (Kapitel „Globale Verantwortung“).

In einem nicht überschriebenen Institutionenkapitel wollen die Verhandler besonders das EU-Parlament stärken, für ein größeres EU-Budget eintreten und besondere Haushaltsmittel für die Stabilisierung und soziale Konvergenz, sowie für „Strukturreformen in der Eurozone“, auch mit deutscher Beteiligung bereitstellen. Interessant ist auch, dass – entgegen bisheriger vehementer deutscher Position – der Europäische Stabilitätsmechanismus weiterentwickelt und in die EU-Strukturen integriert und als Europäischer Währungsfonds im Unionsrecht verankert werden soll. Gemeinsam mit Frankreich will man EU und Eurozone vorantreiben, beschwört die Solidarität der Mitgliedstaaten als Prinzip, die aber auch die Junktimierung von Risiko und Haftung einschließt. Ein neuer Elysee-Vertrag soll die deutsch-französische Führungsrolle in Europa absichern. Mit Frankreich wollen die Verhandler gemeinsame Positionen in wichtigen Fragen der europäischen und internationalen Politik entwickeln und in „Bereichen, in denen die EU mit 27 Mitgliedstaaten nicht handlungsfähig ist, vorangehen“. (Quasi-Kapitel „Institutionen“).

Erfreulich und erstaunlich ist der große Stellenwert, den die EU in diesen deutschen Sondierungen einnimmt. Das hebt sich positiv von heimischen Regierungsprogrammen der letzten Jahre ab. Erfreulich ist unter diesem Aspekt auch, dass einige überkommene deutsche Zöpfe angeschnitten wurden: dazu gehört vor allem die Bereitschaft, das EU-Budget zu erhöhen, den ESM von einem zwischenstaatlichen zu einem EU-Instrument zu machen, sich verstärkt gegen Steuerkonkurrenz und Steuerdumping mithilfe von Mindeststeuern und verstärkter Bekämpfung von Steuerbetrug einzusetzen, und auch das Gerede von der vermaledeiten „Transferunion“ zu vermeiden. Inkonsistent bleibt, mehr soziale Gerechtigkeit, mehr Umweltschutz bei gleichzeitiger Beschwörung der Beibehaltung des derzeitigen Wirtschaftssystems einzufordern, welches eben die auseinanderdriftenden Einkommens- und Vermögensverteilungen, den überbordenden Risikoappetit der Banken, sowie den Klimawandel und Umweltverbrauch hervorgerufen hat. Dass es da grundsätzliche Unvereinbarkeiten gibt, dass die „Machtfrage“, also politischer Einfluss am Status Quo hängender Gruppen, dafür eine Rolle spielt, wird nicht angesprochen. Der Finanzsektor kommt überhaupt nicht vor. Und zum Schluss: für einen kleinen EU-Mitgliedstaat klingt es schon wie eine Drohung, dass die deutsch-französische Achse hier als (fast) alleiniger Motor des europäischen Fortschritts beschworen wird – und die Miteinbeziehung der anderen 25 nicht einmal angesprochen wird. Dennoch: Bleibt man innerhalb des bestehenden Systems, ist es wohltuend, dass einer Weiterentwicklung der europäischen Integration hier so großer Stellenwert eingeräumt wird. Noch schöner wäre es gewesen, wenn die Verhandler auch eine grundlegende Richtungsänderung in der wirtschaftspolitischen Ausrichtung der EU einige Gedanken geschenkt hätten.

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Noch mehr Kultur Ende 2017

Daniel Kehlmanns hochgelobter neuer Roman Tyll hiterläßt einen zwiespältigen Eindruck. Beeindruckend ist die sehr einfache Sprache, die in kurzen Sätzen auf mehreren Ebenen vom 30-jährigen Krieg erzählt, vom durch das Land vazierenden Narren und Gaukler Tyll Ulenspiegel, von den vergeblichen Mühen Elizabeth Stuarts, des böhmischen Winterkönigs Frau, ihren Status zu erhalten, von der Inquisition mit Jesuitischen Richtern, durch Folter erzwungenen Geständnissen von Hexen und Hexern, von den Lügen der Wissenschaft, von Gustav Adolf, dem Schwedenkönig, vom harten aber freien Leben des fahrenden Volkes, von ein bisschen Liebe, der Suche nach Geborgenheit, dem Standesdünkel, den Fährnissen der ex-post Geschichtsschreibung – und einigem anderem mehr. Der fürchterliche fast endlos dauernde Krieg ist zwar im Hintergrund allgegenwärtig, wird jedoch nur am Rande durch den Ritt des Winterkönigs ins Soldatenlager Gustav Adolfs spürbar, sowie in eher abstrakt wirkenden Schilderungen von entvölkerten und zerstörten Dörfern, abgeholzten Wäldern und einigen Episoden mit marodierenden Söldnern. Der Freigeist Tyll, entlaufener Sohn eines als Hexer gehängten und verbrannten Müllers, dessen einzige “Schuld“ in seinem etwas esoterischen und wissenschaftlichen Interesse – inmitten einer Analphabeten und von Gutsherren und Pfaffen beherrschten dörflichen Gesellschaft – liegt, lernt das Gauklerhandwerk, stellt Dünkel und Adel bloß, etwa mit der Idee einer leeren Leinwand, die angeblich ihre Bilder nur für nicht Uneheliche, nicht-Betrüger, nicht Dumme, nicht Diebe sichtbar wird – ein Trick, der alle es Besichtigende zu Elogen über dessen Inhalt und Schönheit hinreißt (ähnlich später im Stück „Kunst“ von Yasmina Reza, wo auch eine kahle weiße Leinwand (weißes Bild mit weißen Streifen) als großartiges Bild angepriesen wird und niemand sich etwas dagegen zu sagen traut, aus Angst als Banause gebrandmarkt zu werden). Als Hofnarr an mehreren Höfen spielt Tyll seine Rolle als vulgärer Beschimpfer und einziger Verkünder der Wahrheit vor hohen Damen und Herren, als Gefährte und Bruder der mit ihm entlaufenen Nele, die er beschützt und mit der er seine Gaukler-Kunststücke aufführt und letztlich als vom Schicksal hin- und Hergeworfener, der in der letzten Szene noch der erfolglosen Elisabeth Stuart Trost zuspricht, bevor er im allgemeinen Gewirr des Ende des 30jährigen Krieges verschwindet. Sein Schicksal zeigt auch den hohen Preis der „Freiheit“ auf, der in Armut, Ausgeliefertsein und letztlich Einsamkeit besteht. Wunderschön ist die Eloge der Elizabeth auf das englische Theater, das sie ins Deutsche Reich immigrierte Kurfürstin und später Königin von Böhmen, als Ingebriff der für sie aif immer verlorenen Kultur ansieht. Auch die Schilderungen einzelner Personen – des schwächlichen, aber von sich selbst eingenommenen und sich selbst belügenden Friedrich von der Pfalz, der den 30-jährigen Krieg auslöst; des lügnerischen Welt-Wissenschafters Athanasius Kirchner; des Müllers und Vaters von Tyll; des feisten Grafen Wolkenstein, der sich die Geschichte für seine Memoiren zurechtlügt; des ungehobelten Kriegspragmatikers Gustav Adolf (Vorbild Donald Trumps?); sowie der Elizabeth, und jenes der Nele, die glücklicherweise fast durch ein Wunder ins bürgerliche Leben und dessen Sicherheiten findet – sind wunderschön und sehr gut gelungen.

Worauf der Roman hinauswill, ist nicht ganz klar: dafür ist er zu heterogen. Ein „Sittenbild“ der verschiedensten Stände im 17. Jahrhundert? Eine Wiederaufnahme des Duos menschliches Schicksal und Wissenschaft (wie in der Vermessung der Welt), die nur auf eigenen Vorteil bedachte Haltung von Adel, Klerus, Wissenschaft und „Volk“? Im Gegensatz zur Vermessung, welche abgeschlossen wirkt, bleibt hier allzu vieles offen. Als einzige echte Menschen werden nur Tyll und Elizabeth, mit Abstrichen weil weniger ausgeführt, Nele gezeigt: alle übrigen bleiben etwas oberflächlich gezeichnet, nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Damit aber geht das Buch über den von Kehlmann gewählten Zeitrahmen der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts hinaus und weist mögliche Parallelen und Deutungsmuster auch zu unserer Zeit auf.

Joseph Roths „Radetzkymarsch“, in der Bearbeitung von Koen Tachelet, stellt die Verlorenheit des „Enkels des Helden von Solferino“ in der zu Ende gehenden Habsburgermonarchie ins Zentrum dieses interessanten Experiments. Der von frühester Jugend an zum Militär erzogene, dafür aber grundlegend ungeeignete Leutnant Trotta, der an den östlichen Grenzen der Monarchie dient, trägt die Last seines Großvaters auf den Schultern, der in der Schlacht von Solferino dem Kaiser das Leben gerettet und dabei selbst verwundet und für sein Verdienst geadelt wurde. Trottas Vater, Bezirkshauptmann in der Provinz, lebt ganz in der alten Zeit, läßt jeden Sonntag vor seinem Fenster den Radetzkymarsch blasen – als Vertreter des Kaisers und verlangt von seinem Sohn das Wiederaufleben des Heldentums dessen Großvater. Trotta taumelt von einer Geliebten zur anderen, wird mit dem Tod der ersten sowie seines Militärfreundes konfrontiert, verläßt die hochrangige Reiterkompanie und geht zur Infanterie, trinkt immer mehr „90-prozentigen“ in der ukrainischen Provinz, wo er die Sprache der Soldaten nicht versteht – und findet immer weniger seinen Platz. Er träumt vom Bauernleben im slowenischen Heimatdorf, weiß aber auch dass er nur Soldat gelernt hat und kein Bauer ist. Begegnungen mit dem senilen Kaiser, den sein Vater wie den lieben Gott verehrt, verstärken das Gefühl des „Enkeldaseins“. Herannahende Aufstände der Arbeiter werden zum Schicksal, als er zwar den Befehl, auf die streikenden Arbeiter schießen zu lassen, verweigern will, dann doch auch dazu zu schwach ist und schießen läßt. Unerlaubte Heimaturlaube nach Wien mit weiteren erotischen Abenteuern lassen ihn immer mehr sich selbst verlieren. Sein Vater, der strikt an der alten Welt festhalten will, beginnt ihn erst als Mensch zu sehen, als er vollkommen zerrüttet, Abschied vom Militär nimmt, um „vielleicht Buchhalter“ zu werden: er kann ja nichts. Der beginnende Krieg 1914 läßt ihn wieder einrücken, an der russischen Front wird er, der seinen Truppen dringendst benötigtes Wasser bringen will, dabei erschossen.

Dramatisierungen von Romanen sind meistens problematisch, diese scheint mir sehr gelungen, da es ihr in einer innovativen Inszenierung gelingt, die morbide Stimmung des keinen Platz habenden Einzelnen in einer untergehenden Welt, eindrucksvoll nachzuzeichnen. Die ProtagonistInnen sitzen alle hinten in der Bühne, aufgereiht wie Hühner, und kommen nach vorne, um ihren je Part zu spielen, wobei sie von riesigen gasgefüllten Luftballons, die kaum je ruhig liegen, begleitet werden, diese zu Spielbällen, Sitzkissen und ähnlichem machen. Alle tragen nur Unterwäsche (zumindest unten), ziehen sich aber immer wieder zur Kenntlichmachung ihrer Rolle Uniformjacken, Hosen, Kleider, etc. an. Hervorragend der weitgehend demente Kaiser von Johann Adam Oest, verzweifelt und vehement Philipp Hauß als Trotta, steif Falk Rockstroh als sein Vater. Oest spielt auch den versoffenen Maler Moser, der als Kontinuum zwischen dem Helden von Solferino und Trotta, ebenso wie der Kaiser den lagen Zeitraum zwischen 1867 und 2016 nachzeichnet. Sehr gut auch Andrea Wenzl in der Rolle der – sehr unterschiedlichen – Geliebten Trottas, exzellent auch Steven Scharf als Chojnicki, der polnische Großgrundbesitzer, der als einziger den Untergang des Vielvölkerreiches herankommen sieht und begrüßt, jedoch im Wahn endet, in welchem er – Ironie – als einziger wiederum den Tod des Kaisers verkündet.

Loving Vincent, eine britisch-polnische Koproduktion, ist ein ungewöhnlicher Film, insofern als die Animationen von mehr als 100 Malern gemalt/gezeichnet sind, und zwar jeweils ausgehend von Bildern von Vincent van Gogh. Das macht ungewöhnliche Effekte, wirkt aber nach einiger Zeit etwas bedrückend oder erschlagend, da eben viele der Van Goghschen Landschaftsbilder in ihren Farben und Formen sehr sehr heftig sind. Der Film entwickelt eine Art Kriminalstory, nach der ein junger Schmied, der von van Gogh gemalt wurde, sich auf Gebot seines Vaters auf die Suche nach van Goghs letzten Lebensstationen macht und dabei in Zweifel geworfen wird, ob die „offizielle“ These eines Selbstmords van Goghs tatsächlich so war. Dabei begegnet er den letzten Personen, die vanGogh in seinen letzten Tagen und auch am letzten Tag gesehen und auch gesprochen haben – von denen jede zuerst unterschiedliche Versionen des möglichen Tatverlaufes geben. Das Rätsel bleibt ungelöst, wenn auch starke Vermutungen den Selbstmord bestätigen. Die Filmtechnik der gemalten Animationen, der schwarz-weiß-Rückblicke, ist innovativ und recht eindrucksvoll: dennoch bleibt der Eindruck zurück, dass es mehr um das Experiment der „gemalten Animation“ mit ihrem riesigen Aufwand an Malern geht als um ein schlüssiges Filmkonzept.

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