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Deutsche Sondierungen – Europa Zuerst

(am 17.1.2018 leicht geändert in der Wiener Zeitung veröffentlicht)

Die „Ergebnisse der Sondierungsgespräche von CDU, CSU und SPD“ vom 12.1.2018 erstaunen und erfreuen den österreichischen Beobachter durch ihren Europafokus. Das erste Kapitel dieser Gespräche handelt von den deutschen Europa-Ambitionen und umfasst immerhin 3 von 26 Seiten. Das ist sicherlich die Handschrift von Martin Schulz.

Die GroKo-Verhandler wollen (in 5 Unterkapiteln) einen „neuen Aufbruch für Europa“, ein „Europa der Demokratie und Solidarität“, ein „Europa der Wettbewerbsfähigkeit und der Investitionen“, ein „Europa der Chancen und der Gerechtigkeit“, und ein „Europa des Friedens und der globalen Verantwortung“.

Allem voran wird die Verantwortung Europas in der Welt beschworen, angesichts der veränderten Verhältnisse in den USA und dem Erstarken Chinas und der Politik Russlands, sein Schicksal künftig stärker selbst in die Hand zu nehmen. Dies hat Merkel schon voriges Jahr verkündet, jetzt stimmen auch die anderen zu, um damit „unser solidarisches Gesellschaftsmodell, das sich mit der Sozialen Marktwirtschaft verbindet, ..zu verteidigen“ (Kapitel „Aufbruch“).

Die europäischen Werte bezüglich Demokratie, Bürgernähe, Rechtsstaatlichkeit und Transparenz sollen vor allem durch Stärkung des Parlamentarismus auf EU-, nationaler, regionaler und kommunaler Ebene verteidigt werden (Kapitel „Demokratie“).

Soziale Marktwirtschaft deutscher Prägung soll Impulse für Investitionen und damit Wettbewerbsfähigkeit garantieren: Sozialpartnerschaft, Mitbestimmung und „faire Verteilung des erwirtschafteten Wohlstandes“, strategische Forschungs- und Innovationspolitik sollen die Position Europas auch in der künftigen, durch Digitalisierung geprägten Globalisierung stärken (Kapitel „Wettbewerbsfähigkeit“).

Chancen für junge Menschen, verstärkte Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit, europaweite Austauschprogramme, gleicher Lohn für gleiche Arbeit, Mindestlohnregelungen und nationale Grundsicherungssysteme, Angleichung der Bildungsstandards, bessere Koordinierung der Arbeitsmarktpolitik – all dies soll die Beschäftigungs- und Lebenschancen verbessern. Vermeidung von Steuerdumping und Geldwäsche, die „gerechte Besteuerung großer Konzerne, gerade auch der Internetkonzerne Google, Apple, Facebook und Amazon“ werden ebenso beschworen wie die gesellschaftspolitische Verantwortung von Unternehmen. Die Verhandler wollen eine gemeinsame Bemessungsgrundlage für Körperschaftsteuern, sowie EU-weite Mindestsätze bei Unternehmenssteuern. Gewinne sollen dort besteuert werden, wo sie gemacht werden. Schulzs Handschrift ist auch in der Forderung der Einführung einer „substantiellen Finanztransaktionssteuer“ ablesbar (Kapitel „Gerechtigkeit“).

Globale Herausforderungen benötigen laut Verhandlern europäische Antworten, daher auch die „klare Ablehnung von Protektionismus, Isolationismus und Nationalismus“. Dennoch kommt auch die Subsidiarität zu ihrem Recht bei der Lösung lokaler Probleme. Europa muss als „Friedensmacht“ den Vorrang der Politik vor dem Militärischen verfolgen, soll in der Flüchtlingspolitik seiner humanitären Ausrichtung folgen, jedoch insgesamt Migration besser regeln und vor allem Fluchtursachen bekämpfen. Wichtig wird eine neue Afrika-Strategie sein. Europa soll eine offene und faire Handelspolitik verfolgen, eine Vorreiterrolle beim Klimaschutz und eine ambitionierte Umsetzung des Pariser Abkommens anstreben, sowie eine gemeinsame Außen- und Menschenrechtspolitik verfolgen (Kapitel „Globale Verantwortung“).

In einem nicht überschriebenen Institutionenkapitel wollen die Verhandler besonders das EU-Parlament stärken, für ein größeres EU-Budget eintreten und besondere Haushaltsmittel für die Stabilisierung und soziale Konvergenz, sowie für „Strukturreformen in der Eurozone“, auch mit deutscher Beteiligung bereitstellen. Interessant ist auch, dass – entgegen bisheriger vehementer deutscher Position – der Europäische Stabilitätsmechanismus weiterentwickelt und in die EU-Strukturen integriert und als Europäischer Währungsfonds im Unionsrecht verankert werden soll. Gemeinsam mit Frankreich will man EU und Eurozone vorantreiben, beschwört die Solidarität der Mitgliedstaaten als Prinzip, die aber auch die Junktimierung von Risiko und Haftung einschließt. Ein neuer Elysee-Vertrag soll die deutsch-französische Führungsrolle in Europa absichern. Mit Frankreich wollen die Verhandler gemeinsame Positionen in wichtigen Fragen der europäischen und internationalen Politik entwickeln und in „Bereichen, in denen die EU mit 27 Mitgliedstaaten nicht handlungsfähig ist, vorangehen“. (Quasi-Kapitel „Institutionen“).

Erfreulich und erstaunlich ist der große Stellenwert, den die EU in diesen deutschen Sondierungen einnimmt. Das hebt sich positiv von heimischen Regierungsprogrammen der letzten Jahre ab. Erfreulich ist unter diesem Aspekt auch, dass einige überkommene deutsche Zöpfe angeschnitten wurden: dazu gehört vor allem die Bereitschaft, das EU-Budget zu erhöhen, den ESM von einem zwischenstaatlichen zu einem EU-Instrument zu machen, sich verstärkt gegen Steuerkonkurrenz und Steuerdumping mithilfe von Mindeststeuern und verstärkter Bekämpfung von Steuerbetrug einzusetzen, und auch das Gerede von der vermaledeiten „Transferunion“ zu vermeiden. Inkonsistent bleibt, mehr soziale Gerechtigkeit, mehr Umweltschutz bei gleichzeitiger Beschwörung der Beibehaltung des derzeitigen Wirtschaftssystems einzufordern, welches eben die auseinanderdriftenden Einkommens- und Vermögensverteilungen, den überbordenden Risikoappetit der Banken, sowie den Klimawandel und Umweltverbrauch hervorgerufen hat. Dass es da grundsätzliche Unvereinbarkeiten gibt, dass die „Machtfrage“, also politischer Einfluss am Status Quo hängender Gruppen, dafür eine Rolle spielt, wird nicht angesprochen. Der Finanzsektor kommt überhaupt nicht vor. Und zum Schluss: für einen kleinen EU-Mitgliedstaat klingt es schon wie eine Drohung, dass die deutsch-französische Achse hier als (fast) alleiniger Motor des europäischen Fortschritts beschworen wird – und die Miteinbeziehung der anderen 25 nicht einmal angesprochen wird. Dennoch: Bleibt man innerhalb des bestehenden Systems, ist es wohltuend, dass einer Weiterentwicklung der europäischen Integration hier so großer Stellenwert eingeräumt wird. Noch schöner wäre es gewesen, wenn die Verhandler auch eine grundlegende Richtungsänderung in der wirtschaftspolitischen Ausrichtung der EU einige Gedanken geschenkt hätten.

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Noch mehr Kultur Ende 2017

Daniel Kehlmanns hochgelobter neuer Roman Tyll hiterläßt einen zwiespältigen Eindruck. Beeindruckend ist die sehr einfache Sprache, die in kurzen Sätzen auf mehreren Ebenen vom 30-jährigen Krieg erzählt, vom durch das Land vazierenden Narren und Gaukler Tyll Ulenspiegel, von den vergeblichen Mühen Elizabeth Stuarts, des böhmischen Winterkönigs Frau, ihren Status zu erhalten, von der Inquisition mit Jesuitischen Richtern, durch Folter erzwungenen Geständnissen von Hexen und Hexern, von den Lügen der Wissenschaft, von Gustav Adolf, dem Schwedenkönig, vom harten aber freien Leben des fahrenden Volkes, von ein bisschen Liebe, der Suche nach Geborgenheit, dem Standesdünkel, den Fährnissen der ex-post Geschichtsschreibung – und einigem anderem mehr. Der fürchterliche fast endlos dauernde Krieg ist zwar im Hintergrund allgegenwärtig, wird jedoch nur am Rande durch den Ritt des Winterkönigs ins Soldatenlager Gustav Adolfs spürbar, sowie in eher abstrakt wirkenden Schilderungen von entvölkerten und zerstörten Dörfern, abgeholzten Wäldern und einigen Episoden mit marodierenden Söldnern. Der Freigeist Tyll, entlaufener Sohn eines als Hexer gehängten und verbrannten Müllers, dessen einzige “Schuld“ in seinem etwas esoterischen und wissenschaftlichen Interesse – inmitten einer Analphabeten und von Gutsherren und Pfaffen beherrschten dörflichen Gesellschaft – liegt, lernt das Gauklerhandwerk, stellt Dünkel und Adel bloß, etwa mit der Idee einer leeren Leinwand, die angeblich ihre Bilder nur für nicht Uneheliche, nicht-Betrüger, nicht Dumme, nicht Diebe sichtbar wird – ein Trick, der alle es Besichtigende zu Elogen über dessen Inhalt und Schönheit hinreißt (ähnlich später im Stück „Kunst“ von Yasmina Reza, wo auch eine kahle weiße Leinwand (weißes Bild mit weißen Streifen) als großartiges Bild angepriesen wird und niemand sich etwas dagegen zu sagen traut, aus Angst als Banause gebrandmarkt zu werden). Als Hofnarr an mehreren Höfen spielt Tyll seine Rolle als vulgärer Beschimpfer und einziger Verkünder der Wahrheit vor hohen Damen und Herren, als Gefährte und Bruder der mit ihm entlaufenen Nele, die er beschützt und mit der er seine Gaukler-Kunststücke aufführt und letztlich als vom Schicksal hin- und Hergeworfener, der in der letzten Szene noch der erfolglosen Elisabeth Stuart Trost zuspricht, bevor er im allgemeinen Gewirr des Ende des 30jährigen Krieges verschwindet. Sein Schicksal zeigt auch den hohen Preis der „Freiheit“ auf, der in Armut, Ausgeliefertsein und letztlich Einsamkeit besteht. Wunderschön ist die Eloge der Elizabeth auf das englische Theater, das sie ins Deutsche Reich immigrierte Kurfürstin und später Königin von Böhmen, als Ingebriff der für sie aif immer verlorenen Kultur ansieht. Auch die Schilderungen einzelner Personen – des schwächlichen, aber von sich selbst eingenommenen und sich selbst belügenden Friedrich von der Pfalz, der den 30-jährigen Krieg auslöst; des lügnerischen Welt-Wissenschafters Athanasius Kirchner; des Müllers und Vaters von Tyll; des feisten Grafen Wolkenstein, der sich die Geschichte für seine Memoiren zurechtlügt; des ungehobelten Kriegspragmatikers Gustav Adolf (Vorbild Donald Trumps?); sowie der Elizabeth, und jenes der Nele, die glücklicherweise fast durch ein Wunder ins bürgerliche Leben und dessen Sicherheiten findet – sind wunderschön und sehr gut gelungen.

Worauf der Roman hinauswill, ist nicht ganz klar: dafür ist er zu heterogen. Ein „Sittenbild“ der verschiedensten Stände im 17. Jahrhundert? Eine Wiederaufnahme des Duos menschliches Schicksal und Wissenschaft (wie in der Vermessung der Welt), die nur auf eigenen Vorteil bedachte Haltung von Adel, Klerus, Wissenschaft und „Volk“? Im Gegensatz zur Vermessung, welche abgeschlossen wirkt, bleibt hier allzu vieles offen. Als einzige echte Menschen werden nur Tyll und Elizabeth, mit Abstrichen weil weniger ausgeführt, Nele gezeigt: alle übrigen bleiben etwas oberflächlich gezeichnet, nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Damit aber geht das Buch über den von Kehlmann gewählten Zeitrahmen der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts hinaus und weist mögliche Parallelen und Deutungsmuster auch zu unserer Zeit auf.

Joseph Roths „Radetzkymarsch“, in der Bearbeitung von Koen Tachelet, stellt die Verlorenheit des „Enkels des Helden von Solferino“ in der zu Ende gehenden Habsburgermonarchie ins Zentrum dieses interessanten Experiments. Der von frühester Jugend an zum Militär erzogene, dafür aber grundlegend ungeeignete Leutnant Trotta, der an den östlichen Grenzen der Monarchie dient, trägt die Last seines Großvaters auf den Schultern, der in der Schlacht von Solferino dem Kaiser das Leben gerettet und dabei selbst verwundet und für sein Verdienst geadelt wurde. Trottas Vater, Bezirkshauptmann in der Provinz, lebt ganz in der alten Zeit, läßt jeden Sonntag vor seinem Fenster den Radetzkymarsch blasen – als Vertreter des Kaisers und verlangt von seinem Sohn das Wiederaufleben des Heldentums dessen Großvater. Trotta taumelt von einer Geliebten zur anderen, wird mit dem Tod der ersten sowie seines Militärfreundes konfrontiert, verläßt die hochrangige Reiterkompanie und geht zur Infanterie, trinkt immer mehr „90-prozentigen“ in der ukrainischen Provinz, wo er die Sprache der Soldaten nicht versteht – und findet immer weniger seinen Platz. Er träumt vom Bauernleben im slowenischen Heimatdorf, weiß aber auch dass er nur Soldat gelernt hat und kein Bauer ist. Begegnungen mit dem senilen Kaiser, den sein Vater wie den lieben Gott verehrt, verstärken das Gefühl des „Enkeldaseins“. Herannahende Aufstände der Arbeiter werden zum Schicksal, als er zwar den Befehl, auf die streikenden Arbeiter schießen zu lassen, verweigern will, dann doch auch dazu zu schwach ist und schießen läßt. Unerlaubte Heimaturlaube nach Wien mit weiteren erotischen Abenteuern lassen ihn immer mehr sich selbst verlieren. Sein Vater, der strikt an der alten Welt festhalten will, beginnt ihn erst als Mensch zu sehen, als er vollkommen zerrüttet, Abschied vom Militär nimmt, um „vielleicht Buchhalter“ zu werden: er kann ja nichts. Der beginnende Krieg 1914 läßt ihn wieder einrücken, an der russischen Front wird er, der seinen Truppen dringendst benötigtes Wasser bringen will, dabei erschossen.

Dramatisierungen von Romanen sind meistens problematisch, diese scheint mir sehr gelungen, da es ihr in einer innovativen Inszenierung gelingt, die morbide Stimmung des keinen Platz habenden Einzelnen in einer untergehenden Welt, eindrucksvoll nachzuzeichnen. Die ProtagonistInnen sitzen alle hinten in der Bühne, aufgereiht wie Hühner, und kommen nach vorne, um ihren je Part zu spielen, wobei sie von riesigen gasgefüllten Luftballons, die kaum je ruhig liegen, begleitet werden, diese zu Spielbällen, Sitzkissen und ähnlichem machen. Alle tragen nur Unterwäsche (zumindest unten), ziehen sich aber immer wieder zur Kenntlichmachung ihrer Rolle Uniformjacken, Hosen, Kleider, etc. an. Hervorragend der weitgehend demente Kaiser von Johann Adam Oest, verzweifelt und vehement Philipp Hauß als Trotta, steif Falk Rockstroh als sein Vater. Oest spielt auch den versoffenen Maler Moser, der als Kontinuum zwischen dem Helden von Solferino und Trotta, ebenso wie der Kaiser den lagen Zeitraum zwischen 1867 und 2016 nachzeichnet. Sehr gut auch Andrea Wenzl in der Rolle der – sehr unterschiedlichen – Geliebten Trottas, exzellent auch Steven Scharf als Chojnicki, der polnische Großgrundbesitzer, der als einziger den Untergang des Vielvölkerreiches herankommen sieht und begrüßt, jedoch im Wahn endet, in welchem er – Ironie – als einziger wiederum den Tod des Kaisers verkündet.

Loving Vincent, eine britisch-polnische Koproduktion, ist ein ungewöhnlicher Film, insofern als die Animationen von mehr als 100 Malern gemalt/gezeichnet sind, und zwar jeweils ausgehend von Bildern von Vincent van Gogh. Das macht ungewöhnliche Effekte, wirkt aber nach einiger Zeit etwas bedrückend oder erschlagend, da eben viele der Van Goghschen Landschaftsbilder in ihren Farben und Formen sehr sehr heftig sind. Der Film entwickelt eine Art Kriminalstory, nach der ein junger Schmied, der von van Gogh gemalt wurde, sich auf Gebot seines Vaters auf die Suche nach van Goghs letzten Lebensstationen macht und dabei in Zweifel geworfen wird, ob die „offizielle“ These eines Selbstmords van Goghs tatsächlich so war. Dabei begegnet er den letzten Personen, die vanGogh in seinen letzten Tagen und auch am letzten Tag gesehen und auch gesprochen haben – von denen jede zuerst unterschiedliche Versionen des möglichen Tatverlaufes geben. Das Rätsel bleibt ungelöst, wenn auch starke Vermutungen den Selbstmord bestätigen. Die Filmtechnik der gemalten Animationen, der schwarz-weiß-Rückblicke, ist innovativ und recht eindrucksvoll: dennoch bleibt der Eindruck zurück, dass es mehr um das Experiment der „gemalten Animation“ mit ihrem riesigen Aufwand an Malern geht als um ein schlüssiges Filmkonzept.

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Musik im kalten Wiener Winter

Die fabelhafte Barbara Hannigan gestaltete im Wiener Konzerthaus ein für das Wiener Normalprogramm eher ungewöhnliche, weil nur aus „modernen“, also 20. Jahrhundert-Komponisten bestehendes Programm, in welchem sie – wie üblich – sowohl als Dirigentin als auch ganz besonders als Sängerin brillierte. Ganz eindrucksvoll Luigi Nonos Djamila Boupacha-Solo-Lied, wo Hannigan ihre Stimme schrillen, weich tönen und piepsen ließ. Text war keiner zu verstehen, aber das war ja auch nicht die Absicht.Wunderschön kam Schönbergs Verklärte Nacht ganz spätromantisch daher, das Orchester Ludwig, in welchem vor allem der massive Frauenanteil auffällt, hätte bekanntere Orchester durch seinen Klang und seine Vielfältigkeit in den Schatten gestellt. Hannigan kam als Sängerin wieder in der Mitte der Bergschen Lulu-Suite zur expressiven Geltung: Ihre Theatralik und ihre ganz besondere Stimme machen den Text fast überflüssig. Dennoch wäre mehr Verständlichkeit eine große Hilfe. Und dann zu Ende George Gershwins Girl Crazy Suite, wo Hannigan wieder ihre Dirigentinnen-Aktivität mit ihrem Sopran verstärkte und vor allem in I Got Rhythm eine sehr effektvolle, sehr eigenwillige Variante grandios darbot. Das Publikum trampelte fast das Konzerthaus nieder.

Als interessanter Kontrast dann in der Staatsoper Alban Bergs Lulu, in der Fassung mit der Komplettierung des 3. Aktes durch Friedrich Cerha. In einer tollen Inszenierung von Willy Decker spielen sich alle Handlungsstränge in einem kreisrunden mit vielen Türen versehenen Raum ab, der hinten von einer ovalen Wand abgegrenzt ist, hinter der sich manegeartig Zuschauer und Teile der Handlung abspielen. Das Ganze ist nur wenig möbliert, farblich sehr effektvoll, gemacht, das Sofa im 1. und 2. Akt in Form von zwei Lippen. Die herausfordernde Hauptrolle wird von Agneta Eichenholz darstellerisch, mehr aber noch sängerisch-musikalisch hervorragend getragen, ihre Textdeutlichjkeit würde man sich manchem muttersprachlichen Sänger wünschen. Sie ist nicht nur „schönes Tier“, kein Vamp, sondern eine sich ihrem Schicksal und ihrer erotischen Anziehungskraft bewußte junge Frau, die unaufhaltsam ihrem grausamen Schicksal entgegentaumelt. Ebenfalls hervorragend Bo Skovhus als Dr. Schön (und Jack the Ripper), Jörg Schneider als Maler/Neger, Charles Workman als Alwa, Wolfgang Bankl als Tierbändiger/Athlet, diese alle überragend aber Franz Grundheber als Schigolf, Lulus Vater (?). Ingo Metzmacher hatte das Staatsopernorchester vollst im Griff, und ließ den Sängerinnen und Sängern mehr als genügend Platz. Gegenüber der in der Vorwoche gehörten Lulu-Suite schafft es die Oper doch, den dramatischen Inhalt dieser Horrorgeschichte über Erotik, Verfallensein, Ausbeutung der Lulu durch die Männer dem Zuschauer sehr sehr nahe zu bringen. Interessant ist die Rolle des Bildes der Lulu, welches sie in verschiedenen Inkarnationen begleitet und für sie und die ihr Verfallenen die Konstante einer nach unten verlaufenden Entwicklung darstellt. Ich erinnerte mich ein wenig an die Rolle des Porträts in Korngolds Die Verlorene Stadt, wo dieses allerdings eher träumerische Qualität und Faszination hat, während es hier den kalten Verfall von Körper und Seele und die Hoffnungslosigkeit, den Ausgangspunkt nie wieder erreichen zu können, repräsentiert. Das Wiener Publikum verließ die Vorstellung in den beiden Pausen in Scharen, auch der Endapplaus endete rasch – zu Unrecht!

Wieder einmal Arabella von Richard Strauss, diesmal mit ganz anderen SängerInnen. Die etwas karge Inszenierung von Sven-Erich Bechtolf wird durch die kühle Darstellung der Arabella durch Anina Gabler unterstützt, deren statisches Spiel den mädchenhaften Verwirrungen der Hoffmansthalschen Figur etwas entgegensteht. Sängerisch ist sie ausgezeichnet und hält die anstrengende Rolle bis zum Ende durch. Übertrumpft wird sie, sowohl darstellerisch als auch sängerisch von der großartigen Chen Reiss als Zdenka, der es gelingt, ihre Zerrissenheit durch die ihr von der Verarmung der Familie aufgezwungenen „Buben“-rolle und ihrer sehr weiblichen Zuneigung zu Matteo perfekt darzustellen, ebenso wie den „Spagat“ zwischen ihrer Intrige, Matteo als Arabella-Double ins Bett zu bekommen und dieser „Schande“, die sie in die Donau treiben will. Sehr gut auch Kurt Rydl als Graf Waldner, der sich zwar nicht entscheiden kann, ob er diesen als Ochs von Lerchenau oder als spielsüchtiger, dennoch dem aristokratischen Comment verbundener Vater anlegen soll, dies aber sehr liebenswert gestaltet, im Gegensatz zu Zoryana Kusphler, die seine Frau Adelaide allzu exaltiert und flach darbringt. Christopher Maltmann als Mandryka singt tapfer gegen die Frauen an, bleibt in seiner Darstellung jedoch unglaubwürdig. Stimmlich großartig ist Benjamin Bruns als Matteo, aber doch auch – wie die gesamte Inszenierung – sehr statisch. Enttäuschend Maria Nazarove in der an sich so viel hergebenden Rolle der Fiakermilli als Ingebriff des leichtlebigen und lustvollen Wien. Hervorragend das Orchester unter dem sehr umsichtigen und die SängerInnen voll zu Stimme kommen lassenden Dirigenten Patrick Lange. Insgesamt eine sehr gute, aber nicht grandiose Aufführung.

Hochinteressant ist die „Neuordnung“ des Wagnerschen Ring des Nibelungen in der Fassung des Theaters an der Wien, die die vier Teile auf drei eindampft und sie jeweils aus der Perspektive eines der Protagonistinnen der 2. Generation sehen und hören lässt. Hagen – Siegfried – Brünnhilde.

Diese schlüssige Fassung reduziert die Handlung auf die menschlichen Beziehungsgeschichten: das mythologische Klimbim der Götter, ihrer je eigenen Beziehungen zueinander, fällt weg, während die „Nachtalben“ im Urschlamm – als Symbole des Bösen, des Dunklen, vertreten durch Alberich und Hagen sichtbar werden. Erda, die Nornen – das Schicksalhafte fällt weg, gezeigt werden die Dilemmata der weitgehend ahnungslosen Menschen auf Erden, die alle existenziell leiden. Damit wird die Parabel weniger als Untergang der Alten und möglicher Neuanfang der Neuen Welt wichtig, sondern immer nur aus der engeren Sicht der Personen. Das Zauberische ist nur durch den Ring vorhanden, von dessen Zauberkraft jedoch Siegfried nichts weiß und damit auch nichts anzufangen weiß. Ihm ist daher alles ein Rätsel – ein Kind auf Entdeckungsreise, ohne sein Wissen und Zutun verstrickt in die Intrigen der Älteren.

Für den nicht in die Handlung des Ring Eingeweihten ist die Verschiebung der Zeitebenen, die Gleich- und Ungleichzeitigkeit der Handlungen wahrscheinlich rätselhaft, für die besser Eingeweihten aber eine spannende Sichtweise.

Den für diese Fassung Verantwortlichen gelingt es, die unterschiedlichen Teile der 4 Wagnerschen Teilstücke musikalisch nahtlos neu zusammenzusetzen: mir sind keine Brüche aufgefallen. Insgesamt also eine spannende Auseinandersetzung mit einem ikonischen Monsterwerk, in einer stimmigen, teils witzigen, „modernen“ Inszenierung, die sich durch eine vielfach benutzte Drehbühne die je passenden Ebenen dieses neuen Puzzle schafft. Einige Regieeinfälle bleiben rätselhaft, insgesamt habe ich jedoch eine absolut interessante Herangehensweise gesehen und gehört, mit sehr beeindruckendem Orchester und überwiegend fabelhaften SängerInnen-Leistungen. Anstrengend, aber lohnenswert.

Hagen beginnt mit der hinterlistigen Ermordung Siegfrieds und setzt fort mit den Erzählungen und Beschwörungen Alberichs („schläfst Du Hagen, mein Sohn?“) nach Rache und Wiedererlangung des durch Wotan geraubten Ringes. Alberich erscheint mit blutigem Armstumpf, da ihm Wotan den Ring nicht entrissen, sondern durch Absägen der Hand abgenommen hat. Weiter geht es in der Geschichte zurück, zu den Rheintöchtern, die sich im Schlamm („Urschlamm?“) wälzen, Alberichs Avancen lächerlich machen – und dafür durch den Raub des Rheingolds bestraft werden. Als Vorbedingung „entsagt“ Alberich auf immer „der Liebe“, aber nicht der Lust. Bei all dem ist Hagen als Kind dabei, muss alledem zusehen, wird vom Vater im wahren Sinne des Wortes „hergerichtet“ – der Prototyp des missbrauchten Kindes. Das ist eine clevere Idee, aus der Hagens düstere Seele klar wird. Der Abstieg von Loge und Wotan nach Nibelheim wird drastisch präsentiert und durch den Fluch Alberichs, dass der Träger des Rings dem Untergang geweiht ist, beendet. Dann geht es weiter zur Gibichungenburg, wo ein infantiler Gunther (Typ linkischer Musterschüler) und eine zwischen Backfisch und „alternder Jungfrau“ changierende Gutrune sich – Babykleidung strickend – den Intrigen Hagens, ihres Halbbruders, aussetzen und beide – gierig – ihrer ihnen zugesagten und zugeteilten Partner harren. Hagen und Gunther begeben sich zur Einholung der Brünnhilde, die der Preis für Gutrunes Traumpartner Siegfried ist. Siegfried wird, wie bekannt, durch einen Trank erinnerungslos und damit ruhig gestellt. Hagen ist glücklich und zufrieden, wähnt sich schon im Besitz der Weltmacht (durch den Ring), aber Alberich schleicht im Hintergrund umher. Ob die „Mannen Gibichs“ bei der Aufforderung, die Hochzeit vorzubereiten, in ihren weißen Kurzhosen-Anzügen eher die Infantilität ihrer Herrschaft oder eine Gruppe von aus dem Irrenhaus Ausgebrochenen darstellen sollen, bleibt unergründlich: sie benehmen sich eher wie letztere. Das Unglück nimmt seinen Lauf, statt freudiger Doppelheirat gibt es den durch Brünnhilde (mit tätiger Mithilfe Hagens) erheischten Beschluss, den Verräter Siegfried zu töten. Damit schließt sich der Kreis zum Beginn der Hagen-Saga.

Ganz hervorragend sang in diesem sehr schlüssigen Konzept vor allem Ingela Brimberg als Brünnhilde, herausragend auch A. Winkler als Alberich (auch wenn ihm gegen Ende des 1. Aktes fast die Stimme ausging) und auch Simon Youn als Hagen intonierte hervorragend. Bestens auch die Rheintöchter Mirella Hagen, Raehann Bryce-Davis und Ann-Beth Solvang), etwas weniger überzeugend Siegfried (Daniel Brenna), Wotan (Aris Agiris) und Gutrune (Liene Kinca), dennoch auch letztere sehr anständig. Dirigent Konstantin Trinks ließ das ORF-Symphonie-Orechster (in kleinerer Besetzung) sehr couragiert erschallen, und ließ vor allem den SängerInnen genügend tonalen Platz. Wie immer hervorragend der Arnold Schönberg Chor (in reiner Männerbesetzung).

Siegfried beginnt wie alle 3 Teile mit der Ermordung durch Hagen, geht dann zurück zur Szene wo Mime die Schwertstücke vergeblich zusammenzuschmieden versucht, die Abneigung Siegfrieds sichtbar wird und auf seine drängenden Fragen, wo er denn herkomme – bühnentechnisch sehr effektvoll – eine Wand niederfällt, hinter der sich das Drama seiner Eltern Siegmund und Sieglinde entfaltet. Ganz hervorragend werden Daniel Johannsen und Liene Kinca (die ich im Hagen-Teil als Gutrune als eher schwächlich empfunden hatte) sowohl stimmlich als auch darstellerisch ihrer Erkenntnis als Zwillinge und Liebende gerecht, ebenso wie Stefan Kocan als Hunding. Warum Nothung eher ein Pfadfindermesser als ein Schwert ist, mag mit Chancengleichheit argumentiert werden, da auch Hagens und sogar Wotans aus der Weltesche geschnittener Speer nur dünne Aluminiumrohre sind. Aber es ist schon toll, wie die beiden inzestuös Liebenden einander finden und dann Hand-in-Hand in den Frühling aufbrechen. Ob die fallenden Blätter, die eher an Herbst erinnern, andeuten sollen, dass es mit dem Frühlingsgenuss für die beiden nicht weit her ist? Jedenfalls, sowohl vom Orchester als auch den Protagonistinnen wirklich eindrucksvoll. Danach aber wieder eine inszenatorischer Rückfall: der „Harst“, also Wald, in welchem die Konfrontation Wotan-Brünnhilde-Hunding-Siegmund – eine der Schlüsselszenen des Rings – stattfindet, scheint dem Winterdepots des ärarischen Pflanzenschmucks im Burggarten entnommen und entwertet die Dramatik der Szene. Weiter geht es mit dem gleichen Harst, wo dann Siegfried Fafner tötet und den Intriganten Mime, hervorragend gesungen von Marcel Beekman gleich dazu. Das alles mithilfe des Waldvögeleins (Mirella Hagen) die einem streunenden Punk ähnelt. Was die beiden mit den beiden Leichen hinter den Büschen machen, bleibt ein Geheimnis: ich tippe darauf, dass Siegfried Mime das Herz zum Schmaus herausschneidet – er kommt mit blutigem Mund hervor, um dann seine erwachende sexuelle Lust in Richtung Brünnhildefelsen zu entwickeln. Seine Begegnung mit Wotan, der als einsamer Wald-Camper am Campingtischchen sich Kaffee kocht, ist wiederum überzeugend, auch wenn Aris Agiris‘ Wotan etwas an Gravitas vermissen läßt. Weiter geht’s, nach Zerspellen des Wotan-Speers und dessen endgültiger Einsicht, dass die Herrschaft der Götter zu Ende kommt, zum feuerumtosten Felsen, auf dem Brünnhilde sich stehend in Trance dreht, bis sie von Siegfried erlöst wird. Beider sexuelle Unerfahrenheit wird klar, des Jünglings massives Drängen würde heute in die Kategorie der sexuellen Übergriffe geahndet, anders als bei den Wagnerschen Germanen. Auch Brünnhilde wird nun klar, dass sie keine Walküre mehr sein kann und ihr Leben als „Frau“ wird fristen müssen. Endlich gibt sie dem Drängen Siegfrieds nach. Im Hemdchen, nachdem sie sich ihre Stiefel und Hosen ausgezogen, an ersteren gerochen und sie fein säuberlich hinter den Felsen gestellt hatte, gibt sie sich ihm hin. Sie trägt das gleiche Outfit wie Sieglinde vor/bei ihrer Vereinigung mit Siegmund. Deren Seidenhemdchen hat Siegfried später als Unterwäsche-Fetischist bei sich, ebenso trägt er seines Vaters blutiges T-Shirt stolz. Regisseurin Tatjana Gürbaca muss ein Faible für Frauen-Unterwäsche haben, da im Hagen-Teil bereits Gunther anlässlich Hagens Versprechens, dass er ihm Brünnhilde als Frau verschaffen wird, ein Damen-Unterhöschen schwenkt. Auch die Gleichheit des sexuellen Vorspiels durch das Ausstrecken des linken Beins von Sieglinde und Brünnhilde auf den Oberschenkel des jeweils vor ihnen stehenden Mannes fällt auf. Daniel Brennas Siegfried bringt eine ganze Reihe schöner Passagen zum Singen, bleibt aber hinter den wirklich hervorragenden Sangesleistungen von Brünnhilde, Siegmund, Sieglinde und Hunding leider etwas zurück. Dennoch: eine tolle weitere Steigerung, vor allem im musikalischen Bereich.

Wie gehabt, beginnt Brünnhilde mit dem von ihr und Wotan beobachteten Siegfriedmord, Im Rückblick erinnert sie sich an ihre Auseinandersetzung mit „Walvater“ Wotan, dessen Wunsch, Siegmund gegen Hunding zu schützen von Fricka vereitelt wird, Brünnhilde jedoch umzusetzen versucht: Siegmund fällt durch Hunding, dieser durch Wotan, aber Brünnhilde rettet Sieglinde, von der sie weiß, dass sie schwanger (mit Siegfried) ist. Daraufhin verbannt Wotan sie aus seinem innersten Kreis, auf einen Felsen, damit sie von dem ersten besten zur Frau gemacht werde. Auf ihr Drängen hin umschließt Wotan den Felsen mit einem Feuerkreis, der nur vom „hehrsten Helden“ (Siegfried) durchschritten werden kann. Das Partnerglück der beiden beginnt, doch dann schickt Brünnhilde ihren Geliebten auf neue Abenteuer, leiht ihm ihr Ross Grane dazu, und bekommt den Ring als Liebespfand. Ihre Walkürenschwester Waltraute kommt und erzählt vom Niedergang Wotans, der nur mehr dumpf brütend herumsitzt und nichts sagt, den (durch Siegfried) zerschlagenen Speer in der Faust. Sie beschwört Brünnhilde, den Ring, der alles Unheil ausgelöst hat, dem Rhein zurückzugeben und damit die Götter (die Alte Welt) zu retten – ohne Erfolg. Brünnhilde ist die Liebe zu Siegfried wichtiger als die Alten („Emanzipationsdrama“). Man sieht dann den tarnkappengeschützten Gunther den Feuerring durchschreiten, er vergewaltigt Brünnhilde, entreißt ihr den Ring und schleppt sie zurück zur Gibichungenburg. Dort nimmt das Unglück seinen Lauf, Hagen bezichtigt Siegfried der Täuschung seines Blutsbruders Gunther, sowohl Siegfried (durch Trank erinnerungsunfähig gemacht) als auch Walküre schwören ihre Eide. Siegfried und Hagen gehen auf die Jagd, Siegfried trifft auf die Rheinmädchen, die auch den Ring wollen, den er ihnen aber nicht gibt. Er trifft Hagen und die Jagdgesellschaft, erzählt dort von seinem vorigen Leben – und wacht langsam auf und versteht die Intrige Hagens. Der sticht ihm den Speer in den Rücken. Siegfrieds Leiche wird zurückgebracht, Gutrune ist untröstlich, versöhnt sich aber mit der Nebenbuhlerin Brünnhilde. Diese schwört Rache, verhindert, dass Hagen sich den Ring schnappt – und reitet mit Grane in den Scheiterhaufen, der für Siegfried errichtet wurde, um im Tod mit ihm vereint zu sein. Vorher übergibt sie noch den Rheintöchtern den Ring, womit der Fluch gelöst ist. Im Hintergrund geht Walhall in Flammen auf, vorne treten zwei kleine Kinder auf, die den Neuanfang der Welt symbolisieren. Dass dies (laut Programm) Hagen und Brünnhilde (als Kinder) sind, vermag allerdings den Neuanfang nicht optimal zu verkörpern, außer die Regie will zeigen, dass auch bei missbrauchten Kindern ein Neuanfang möglich ist – wenn die Verhältnisse nur stimmen.

In dieser Vorstellung wuchs Aris Agiris als Wotan zu intensiver stimmlicher Größe, ein schöner Kontrast zu seiner letzten (gesanglosen) Szene, wo er als Greis im Rollstuhl zur Aktion gefahren wird. Daniel Brennas Siegfried war als leicht indisponiert angekündigt, zeigte aber gegenüber den vorigen Vorstellungen keine Veränderung, ein bisschen schade, dass er gegenüber vor allem den Frauen doch etwas absank. Wieder grandios Ingela Brimberg als Walküre, die furios ihre schwierige Rolle singt und spielt, sehr gut auch die Rheintöchter, wo Ann-Beth Solberg auch als Waltraute beste Figur macht. Wie schon zuvor, bringt Samuel Youn einen stimmgewaltigen Hagen. Die diesmal fast stummen „Mannen“ (außer: „Hagen, was tatest Du?“) agieren weniger geisteskrank, doch immer noch verhaltensauffällig. Wiederum sehr eindrucksvoll das ORF-Symphonieorchester, dem es trotz halbierter Besetzung (gegenüber den Vorgaben Wagners) mit ihrem hervorragenden Dirigenten gelingt, das Brausen und Wallen, das Zarte und Heftige dieser romantischen Musik voll zur Geltung zu bringen.

Ceterum Censeo: der Sitz-Unkomfort im 2. Rang des Theaters ist nicht einmal kleinen Menschen wie mir (170 cm) zumutbar, für größere eine Qual. Die fehlenden Pausenräume, die Besetzung des oberen mit nur einer Person, was dazu führt, dass die Warteschlange erst bei Beginn des nächsten Läutens abgebaut ist, stellen den Besucher auf eine harte Probe. Man mag sich nicht ausdenken, was im Falle eines Brandes passieren würde.

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Winterkultur 2017 1

Oscar Wildes Dorian Gray im Akademietheater ist ein außergewöhnliches Ereignis. Die Dekadenzstory aus dem viktorianischen England passt gut in die heutige Zeit: die Selbstverliebtheit des Dorian, die Anhimmelung durch seinen Malerfreund und andere, die Absolutheit von Schönheit, die Manipulation seiner Person durch Harry, Dorians rasch entflammte und ebenso wiedererloschene Liebe zu einer zweitklassigen Schauspielerin – das alles passt auch heute. Die dramatische Geschichte vom reichen, wunderschönen aber naiven Dorian, der in den Einfluss Harrys fällt und dann – Faustgleich – alle Erlebnisse, die die Welt zu bieten hat, auskosten will, und dann merkt, dass genau das sein Leben zerstört, wird durch seine Projektion auf sein gemaltes Ebenbild noch dupliziert. Seine Angst vor dem Verlust von Schönheit und Jugend, die er zuerst in der Projektion afu sein Porträt wahrnimmt, seine Unfähigkeit, damit umzugehen, lasst ihn – wörtlich – über Leichen gehen und zerstört ihn.

Das alles bringt diese Aufführung (Bast) in unheimlich spannender, stilisierter Form, wobei Markus Meyer akrobatisch und virtuous als einzig Lebender zwischen gesplitteten Bildschirmen, die die Zerrissenheit seiner Seele zeigen, hin- und herturnt. Die andere Protagonisten, der Maler und Lord Harry, sind nur als Teil-Projektionen zu sehen. Das alles wird sehr dynamisch und mit exzellenter Musik untermalt. Damit gelingt dem Regisseur, dieses nicht als Bühnenstück konzipierte Werk Wildes dramatisch lebendig zu machen, sehr, sehr eindringlich. Der verdiente Applaus für Meyer wollte kein Ende nehmen.

Abel Gance‘s „J‘accuse“, ein Erster Weltkriegs-Film aus dem Jahr 1919 wird durch die grandiose Live-Musik Philippe Schoellers zu einem besonders eindrucksvollen Werk. Der Stummfilm, der zwischen Liebesgeschichte, Kameraderie, Patriarchalismus und Kriegsgreueln hin- und herschwankt zeigt die Einzelschicksale dreier Liebender auf. Die Musik ist punktgenau auf die Handlung des extrem langen Films zugeschnitten und muss Schoeller Jahre an Arbeit gekostet haben. Im Rahmen von Wien Modern ein richtiges Schmuckstück.

Ein echtes Fundstück war das Konzert für Cello und Orchester des mir vollkommen unbekannten Edouard Lalo (1823-1892), aufgeführt vom exzellenten Brussels Philharmonic unter Stephane Deneve, mit dem hervorragenden Cellisten Gautier Capucon (Bruder des bekannteren Geigers). Sogar der neben mir sitzende Ex-Musikschullehrer und früherer Geiger beim ORF-Orchester hatte noch nie von Lalo gehört, fühlte sich aber beim Konzert stark an Janacek erinnert. Mir gefiel vor allem der lyrische zweite Satz, der endlich dem Solisten genügend Sound-Platz gab, sein Können zu zeigen und hier das romantische Repertoire des Komponisten, der laut Programmheft ein großer Anhänger Schuberts, Mendelssohns und auch Wagners war, voll zum Klingen zu bringen.

Als kurzes Vorstück dazu gab es die ungeheuer dynamische „Flammenschrift“ des zeitgenössischen Guillaume Connesson – laut Programmheft eine Art musikalisches Porträt der gewalttätigen Leidenschaften Beethovens – eine Interpretation, die der oben erwähnte Musikschullehrer als intimer Beethoven-Kenner strikt ablehnte. Wie immer, das Stück kam dem exzessiven Stil des Dirigenten voll entgegen und wurde vom Orchester mit großer Verve und Lust interpretiert.

Enttäuscht wurden meine Erwartungen im Kabarett „Durchs Rote Meer. Zwischen Revolution und Reformation“ in der „Hölle“ des Theaters an der Wien. Die Anklänge an Vorkriegskabaretts in Berlin und Wien sind ja willkommen, aber geboten wurden eher schwache Nummern. Zwar war die musikalische Begleitung durch Albero Verde exzellent, und auch einige Nummern waren durchaus witzig (Hysterische Ziege, Kakadu, Der schönste Mann von Wien), aber die Zusammenarbeit mit dem Letzten Erfreulichen Operntheater hätte doch etwas tiefergehende Texte verdient. Armin Bergs dümmliche Lohengrin-Persiflage muss entweder besser erzählt oder noch besser gar nicht gebracht werden.

Enttäuschend und auch ärgerlich ist Michael Hanekes Film „Happy End“. Der Vorspann ist eingewoben in einen Handy-Bildschirm, auf dem offenbar schriftlich gechattet wird. Der Text ist von Reihen ab der Kinomitte nicht zu lesen. Im Laufe des Films stellt sich heraus, dass das Chatten eine der Schlüssel für den Verlauf dieser grauenhaften Geschichte ist, weil dadurch unbeabsichtigt die Weichen für das weitere Geschehen gestellt werden. Das hätte schon anfangs anders als durch lange nicht-lesbare Chatting-Sequenzen sichtbar gemacht werden können. So fühlt man sich als Kinobesucher vom Regisseur nicht ernst genommen.

Zusätzlich bleibt der Film eigenartig zerrissen: die einzelnen Personen werden nicht wirklich glaubhaft gemacht, alles spielt sich irgendwie beiläufig ab, wenn es auch für die Protagonisten große Bedeutung hat. Haneke verschleudert hier das Talent von Isabelle Huppert und auch J.-L. Trintignant und seiner anderen Schauspieler. Irgendwie wirkt der Film unfertig – ganz im Gegensatz zu früheren Haneke-Filmen. Die Geschichte des verlassenen, vereinsamten Mädchens gäbe viel her.

Richard Strauss‘ Daphne, eine „bukolische Tragödie“ an der Staatsoper hinterläßt zwiespältige Gefühle. Die Geschichte von der natur- und baumverliebten Daphne, die den Tag lobt und Angst vor der nächtlichen Bacchanalie hat, bei dem sich nicht nur die Schafe paaren, hat ein schauderhaftes Libretto, das offenbar auch Strauss, der den Stoff liebte, Sorgen bereitete. Der Qualität des Libretto (in einer Sprache, die an den Jedermann altertümelnd erinnert) folgt eine scheußliche Inszenierung: zwar ist die Bühne als klassizistisches Wohnzimmer mit Opalfenstern und einem großen „Hinterraum“, auf dem sich ein Großteil der Handlung abspielt, schön gestaltet, doch ist die Tanzszene mit aus Dionysos‘ Kopf hervorhüpfenden Teufeln, die dümmlich herumspringen eher einer Perchtenszene für Kinder als eines Bacchanals würdig; ebenso wirkt die Verwandlung Daphnes in einen Lorbeerbaum, auf dessen Wurzelstock sich ein riesiger Phallus (?) senkt, ebenso deplatziert und sinnentleert, wie die mehrere Male die Bühne durchquerenden Muscheln und Korallen: wer hat sich das ausgedacht, wer verunglimpft Strauss? Dagegen ist die Musik von Strauss‘ Feinstem, mit Anklängen an Wagners Klangrauschen (Logemotiv) und Tristan, aber auch wieder typisch Strauss: vor allem die letzte Szene der Transfiguration der baumverliebten und sex-abstinenten Daphne in den Baum gestaltet er sehr, sehr eindrucksvoll. Leider war Regine Hangler als Daphne dem Score nicht ganz gewachsen, machte aber trotz scheußlicher Schminke (griechische Theatermaske?) und trotz der Tatsache, dass sie sich mehrmals auf ihr Sofa als Schmollwinkel und Schmuseecke zurückziehen musste, recht gute Figur. Als ihre Mutter Gaia war Janina Baechle offenbar indisponiert, kaum hörbar und auch sonst blass. Besser, aber auch nur so, war Dan Paul Dumitrescu als ihr Mann (und Daphnes Vater) Peneios, wieder eine Stufe besser Benjamin Bruns als zurckgestoßener Liebhaber Daphnes Leukippos. Wunderbar strahlend aber Andreas Schlager als Apollo, der auch Daphne begehrt, Leukippos tötet, aber dann von Daphnes „Reinheit“ und Naturverliebtheit so angetan ist, dass er sein Opfer Leukippos in den Himmel aufnehmen lässt und Daphne ihren – von ihr nie so geäußerten – Wunsch erfüllt, sie in den immergrünen Lorbeer zu verwandeln, dessen Zweige die (keusche) Stirn der Sieger im olympischen Wettkampf schmücken werden. Simone Young vollführte als Dirigenten mit dem fabelhaften Orchester eine Orgie in ausladenden Armbewegungen. Hätte sie einen Armbewegungszähler (statt Schrittzählers) würde sie olympische Höhen erklimmen. Vor allem am Anfang deckte sie mit dem Orchester Daphne und Gaia zu. Ende gut, alles gut? Nein, eine solche Inszenierung sollte eher unterbleiben und einer szenischen Vorstellung Platz machen

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Herbstkultur 2017: Opern, Konzerte, Bücher, Lieder

Nicola Porporas Oper „Arianna in Nasso“ in der Kammeroper war ein zwiespältiges Erlebnis. Dies ist eine Abart des vielseitig bearbeiteten Ariadne-Themas durch den genialen Barockkomponisten Porpora. Wie gewohnt, bieten Orchester (Bach Consort Wien) und die Sänger hervorragende Umsetzungen dieser sehr dynamischen Musik. Die Inszenierung durch Sergey Morozow ist modern, visuell durchaus stimmig, jedoch im Programmheft überladen von Gerede über Post-Internet Art, Digitalisierung, Identitätssuche und ähnlichem: weitgehend unnötig, und auch für den Laien nicht sichtbar werdend. Dennoch: die Bühnenbild-Idee mit direktem Spiel im Vordergrund und hinter transparenten Vorhängen im Kubus im Hintergrund die zweite Ebene ist meist gelungen.

In der Oper geht es um Theseus und Ariadne, ihrer Flucht aus Kreta nach Naxos und dem dortigen Aufeinandertreffen mit Theseus Erstfrau Antiope und seinem Bewunderer Piritoo – und alles kontrolliert vom Liebesgott Bacchus und dessen Hohepriester Onaro (ein und dieselbe Person). Letztlich geht es um die Dreiecksbeziehung Theseus – Antiope – Ariadne, doch spielt sich eine erotische Permutation (jede/r mit jeder/m) ab, leicht verwirrend. Grandios singt der Countertenor Ray Chenez den Theseus und verkörpert auch spielerisch dessen Zwiespalt zwischen Liebe/Lust und Pflicht. Seine Koloraturtechnik ist atemberaubend. Auch Anna Gillingham als Arianna steht ihm kaum nach, etwas schwächer (sowohl sängerisch als auch spielerisch) sind Carolina Lippo als erst verlassene, dann wiedergewonnene Antiope, sowie Matteo Loi als Piritoo, dessen Bunny-Aufmachung im letzten Akt Rätsel aufgibt. Über, hinter und zwischen allen thront Anna Marshania als Onaro/Bacchus, die stimmlich ihrer Rolle die Festigkeit und auch ihre griechische Gotteseigenschaft, nämlich sehr menschlich zu sein gibt. Letztlich stellt sich heraus, dass ihre Weisung an Theseus, zu Antiope zurückzukehren, nicht ganz uneigennützig ihrer eigenen Lust auf Ariadne entgegenkommt.

Was sich Regisseur und Ausstatter dabei gedacht haben, wenn sie Theseus und Ariadne nach ihrem ersten Liebesakt im Cubus in einem Leiner-Küchenblock (235 €) mit Schürzchen und Kaffeemaschine im kleinbürgerlichen Haushalt zeigen, bleibt ebenso uneinsichtig, wie das Spiel der diversen Protagonisten mit konischen Mini-Zypressen (phallisch??), die gestreichelt und gekost werden. Und noch etwas: im Programmheft wird ein „happy end“ behauptet: wenn es in der tatsächlichen Aufführung ein solches geben sollte, dann – entgegen meiner Erwartung – nur eines für Bacchus, und vielleicht Ariadne, die nach Theseus halt schnell die Realität der Macht des Gottes einsieht und mit diesem zieht. Aber der arme Theseus wird hinter dem Screen von Antiope mit einer Messerattacke (Anspielung auf die gängigen Messerattentate??) getötet. Sein Blut spritzt gewaltig: Happy End? – Naja, vielleicht in der „post-Internet-Welt“ des Regisseurs.

Musik und Sängerinnen entschädigen für das überhochmetzte Regiekonzept von Morozov, das jedoch nur in einigen der beschriebenen Absurditäten störend wirkt, sonst eher bieder, die Musik unterstützend. Ein Rat noch an die Verantwortlichen: die kleine Kammeroper verträgt nicht die volle Lautstärke der SängerInnen, die dem großen Haus angemessen sein mag. Mitunter wurde das wunderbare Orchester arg übertönt.

Musikalisch ein absolutes Naturereignis ist Prokofiefs „Der Spieler“ in der Staatsoper. Zwar leidet die Aufführung an dem langen, konversationsartigen Text (Libretto: Prokofief), dessen Überlänge nur wenig zur Handlung beiträgt, der aber auf den neuen Bildschirmen – zumindest von den hinteren Logensitzen aus – fast nicht zu lesen ist), ist jedoch vor allem musikalisch von Orchester und Sängern, aber auch inszenatorisch sehr gelungen. Simone Young läßt das Orchester rhythmisch pointiert, aber auch schwelgerisch schwingen und geht sichtlich selbst in der Musik auf. Sängerisch großartig in der Monsterrolle des fast ununterbrochen auf der Bühne stehenden und singenden Alexej ist Misha Dydik, der auch mit vielen Bravorufen gefeiert wurde, ebenso wie Dmitry Ulyanov als fetter General. Etwas weniger zur Geltung kam die Polina von Elena Guseva, die oftmals nur schwer das Orchester übertönte und auch darstellerisch nicht überzeugt. Die famose Linda Watson als die zuerst reiche, dann arme, Erbtante Babulenka spielte dramatisch ihre Qualitäten aus: Blanche, die Angebetete des Generals, wurde von Elena Maximova passabel gesungen, spielte ihre Rolle als undurchsichtige Kokette hervorragend.

Gewünscht hätte ich mir, dass Prokofief einen gelernten Librettisten zur Übertragung des Dostojewksi-Romans beauftragt hätte, der die Textpassagen gestrafft hätte und damit textfreien Musikpassagen mehr Aufmerksamkeit der Zuhörer gestattet hätte: denn musikalisch ist dies wirklich ein Ereignis, welches den Zusammenbruch der russischen Gesellschaft nach der letzten Jahrhundertwende, die alles übertönende Spielsucht, der sich jegliches menschliche Gefühl unterordnet hervorragend erlebbar macht.

Karoline Grubers viel besprochene Inszenierung stellt ein Karussell als Scheinwelt und als Symbol des Roulettetisches in den Vordergrund, ein riesiger zerbrochener Wandspiegel im Hintergrund zeigt die zerbrechende Gesellschaftsordnung durch die kommende Revolution, aber auch durch ihre eigene Dekadenz nach. Die weißen Masken der Spieler deuten auf ihre Rollenhaftigkeit und Oberflächlichkeit der Figuren hin, hinter der sich nichts Reales mehr verbirgt, außer die Gier nach Geld. Im letzten Akt erinnern die Spieler in ihrem unaufhörlichem Hin und Her in ihrer Körperhaltung an Anthony Quinns Quasimodo im Glöckner von Notre Dame, oder vielleicht noch stärker an die Entourage der Rocky Horror Picture Show. Vor diesem grotesken Hintergrund spielt sich das Drama zwischen Alexej und Polina ab, deren Versuche zur Liebe von der Spielsucht überwuchert wird und die letztlich zum tragischen Ende (anders als bei Dostojevski), dem Erwürgen Polinas durch A. Wird. Zu Recht riesiger Applaus.

Das hoch gelobte und mit Preisen ausgezeichnete Buch von Robert Menasse „Die Hauptstadt“ ließ mich ratlos zurück. Ich finde das Stilelement, möglichst kurze, vielfältige Veduten von anfangs nichts miteinander zu tun habenden Personen (einige haben auch bis zum Ende keine Berührungspunkte) zu beschreiben, äußerst verwirrend. Es geht ein durchgehender Testflug ab, das Ganze wirkt zersplittert – ohne dass dem Leser der Sinn dieser Erzählweise eingängig wird. Menasse schwelgt in Brüssels Stadtgeografie, zumindest den einzelnen Straßen und Lokalen um den Place Schuman, das EU-Viertel, und den Innenbezirk St. Catherine, in denen sich seine Protagonistinnen bewegen. Nur dem Eingeweihten sagen die einzelnen Straßennamen etwas, die begangen werden: dennoch wirken diese prätentiös präsentierte Kenntnis eher betulich und mit Insiderwissen protzend. Namensgebend für das Buch ist ein Robert Musil („Parallelaktion“) nachempfundenes EU-Kommissions-Jubliläumsprojekt, welches durch klischeehaft gezeichnete EU-Beamtinnen, einen alten sterbenden Auschwitz-Überlebenden, sowie einen österreichischen Volkswirtschaftsprofessor verkörpert wird – nämlich Auschwitz als d a s Sinnbild für die Geburt der EU darzustellen, und durch eine dort neu zu errichtende EU-Hautpstadt zu adeln. Was damit der Mord einer unbekannt bleibenden Person durch einen polnischen Kirchensoldaten, der im Auftrag der polnischen Kirche gefährliche Islamisten in Geheimdienstmanier erschießen soll, bleibt unerschlossen. Die vielleicht witzig sein sollende Idee der Sichtung eines in Brüssel herumlaufenden Schweins, mit Seitenhieben auf die Boulevardpresse, soll offenbar Verbindung zu einer der Hauptpersonen, einem österreichischen Schweinefarmer und Präsidenten einer Europäischen Schweizezüchtervereinigung darstellen, dem das Betreiben eines multilateralen Schweine-Handelsvertrages der EU-Bauern mit China mißlingt, da einzelne Länder bilaterale Verträge mit China abschließen sollen, was nach EU-Recht gar nicht möglich ist (ist das von Menasse, dem EU-Kenner, beabsichtigt?). Beeindruckend und berührend sind als einzige in diesem sonst eher ärgerlichen Buch die immer wieder auftauchenden Kindheitserinnerungen an das Tausendjährige Reich und seine psychischen Folgen für die Überlebenden. Immer wieder tauchen ganz aktuelle politische Bezüge auf: so wird die mediale Suche nach einem Namen für das vazierende Schwein nach einem Blogstorm, der den Namen „Mohammed“ propagiert, abgebrochen; österreichische Politiker der jüngsten Vergangenheit tauchen, kaum verschlüsselt auf, der EU-Kommissionspräsident wird als guter Küsser in den Nacken dargestellt, etc., etc. Menasse kann es nicht lassen, sein EU-Insiderwissen zur Schau zu stellen. Ärgerlich sind auch einige grammatikalische Fehler, zB „er schwindelte“, womit gemeint sein dürfte „ihn schwindelte“, auch „außen vor“ ist eher auf den deutschen als den österreichischen Markt gemünzt. Alpbach, das mehrmals vorkommt, schreibt man nicht Alpach.

Vielleicht ist meine Kritik an dem Buch durch meine Kenntnis der Brüsseler EU-Interna und der EU-Gegoraphie Brüssels gebiassed, vielleicht macht dieser Genre-Roman für die Nicht-Insider mehr Sinn. Dennoch: die Perlen in dem Buch sind zu wenige.

Eher empfehlen würde ich The Underground Railroad“ des Pulitzer-Preisträgers Colson Whitehead, der die Geschichte eines Sklavenmädchens in den US-Südstaaten der 1870er Jahre sehr eindringlich beschreibt. Die vollkommene Ausgeliefertheit der Sklavenfamilien auf den Baumwollfarmen in Georgia, das willkürliche Auseinanderreißen der Familien, die Kinderarbeit, den Hunger, die Bestrafungen, die sexuelle Ausbeutung der Mädchen und Frauen durch die weißen Herren und die Aufseher sind wie selten zuvor eindringlich dargestellt. Cora, die Protagonistin, die bei ihrer Mutter auf der Plantage aufwächst, erfährt den großen Schock, als diese plötzlich weg ist, geflohen – und nie mehr wieder gesehen wird. Vollkommen schutzlos bleibt das Mädchen, widerständig baut sie auf einem winzigen Fleck zwischen den Hütten der Sklaven Rüben an und verteidigt dieses einzige „Privateigentum“ gegenüber den anderen Sklaven mit Zähnen und Klauen. Lange überlegt sie, die Flucht zu wagen, auch da sie sieht, was mit den wieder eingefangenen Sklaven passiert. Als sie sich den Peitschenhieben für einen Jungen entgegenstellt, wird sie selbst im Gesicht schwer verletzt. Dennoch bleibt sie ein Sexualobjekt für den Eigentümer. Erst nach einiger Zeit gelingt es Caesar, einem Mitsklaven, der erstaunlicherweise lesen gelernt hat, sie zur Mitflucht zu bewegen, die sie dann abenteuerlichst unternehmen, wobei eine weitere Fluchtgefährtin eingefangen wird. Auf der Underground Railroad, die in diesem Buch tatsächlich nicht nur so heißt, sondern eine wirkliche Eisenbahn im Untergrund ist, gelangen sie weiter nach Norden, finden Unterschlupf bei einem der weißen Helfer, werden jedoch – jeder extra – von den von den Plantagenhändlern angeheuerten Sklavenjägern, die sich als Privatmiliz Zugang zu jedem Haus, zu jeder Wohnung verschaffen, wieder eingefangen und zurückgebracht. Neben den Scheußlichkeiten des Selbst-Erlebten muss Cora mitansehen, wie eine weiße Familie, die sie eine Zeitlang in einem winzigen Dachverschlag versteckt, von deren Mitbürgern nach Entdecken Coras brutalst ermordet wird – und einer Allee von Gehängten am Weg zur Stadt einverleibt wird. Letztlich gelingt es Cora, ihrem verhaßten Peiniger zu entkommen und den Weg in die Freiheit zu finden. Der Leser, erschüttert von dem Grauen der eindringlichst beschriebenen Sklaverei, wünscht ihr das und vergibt dem Autor das allzu unwahrscheinliche Happy End.

Alban Bergs Wozzek im Theater an der Wien ist ein durchschlagender Erfolg. Die Verfassung des Librettos durch Berg selbst nach Georg Büchners Drama macht eine fast hundertprozentige Übereinstimmung von Musik und Text möglich. Hochdramatisch geht es her, die Armseligkeit der Existenz Wozzeks und Maries, die Verkommenheit letzterer (sie fügt sich in der ersten Szene, bei der sie ihren Sohn schlafend legt und ihm Wiegenlieder vorsingt, einen Heroin-Schuss), das Elend und die Ausweglosigkeit der Armut gelingt Berg, aber auch der sehr minimalistischen Inszenierung von Robert Carsen, sowie den von Leo Hussain geleiteten Wiener Symphonikern (fast) perfekt. Die Bühne ist immer der Innenhof einer Kaserne, deren Architektur an das Nazi-Luftwaffenministerium (jetzt Finanzministerium) in Berlin erinnert, und nur durch Vorhänge fokssierte Schauplätze abtrennt. Das Militärambiente dominiert sowohl die Behandlung Wozzeks (Florian Bösch) durch den Hauptmann (exzellent John Daszak), wie auch durch den die eigene Wissenschaftskarriere vergötternden Doktor (ganz ausgezeichnet Stefan Cerny), der Wozzek zu Experimenten mißbraucht. Die unglückliche Marie (hervorragend Lise Lindstrom) wird in einer Büchner-Brechtschen Manier als Opfer der Verhältnisse dargestellt, changierend zwischen Liebe zu ihrem kleinen Sohn, der finanziellen Abhängigkeit von Wozzek und den wenigen Lebens-Aktivitäten, die ihre Hingabe an den Tambourmajor und die Soldaten ermöglicht. Sensationell singt und spielt Florian Bösch den von Wahnvorstellungen aber auch den elenden Verhältnissen getriebenen Wozzek, dessen Suche nach Nähe und Anerkennung von seinen halluzinierenden Angstvorstellungen dominiert wird. Die Geschäftsmäßigkeit, mit der er Maries Kehle durchschneidet, nachdem ihm dies als einziger Ausweg für die „Sicherheit, wo man hingehört“ erscheint, macht einen frösteln. Und die allerletzte Szene, in welcher Maries und Wozzeks kleiner Sohn, während seine Spielkameraden die Leiche seiner Mutter beäugen wollen, ein Gewehr als Steckenpferdersatz nimmt, auf dem er in den dunklen Hintergrund „reitet“, zeigt grandios auf, dass auch der nächsten Generation kein besseres Los beschieden sein wird als der heutigen. Wenn es bei dieser Aufführung eine Kritik gibt, gilt sie dem Dirigenten, der zwar die dramatischen Akzente perfekt auslotet, in den (wenigen) lyrischen Szenen aber etwas farblos bleibt.

Ein Konzertereignis möchte ich herausheben: am 22.10. spielte Roland Batik mit dem Wiener Concert-Verein seine wunderbare Komposition „Meditation upon Peace“, sein 1. Klavierkonzert. Dies ist eine ganz toll gelungene Kombination von wunderschöner klassischer Musik mit gekonnt eingestreuten Jazz-Elementen, die kongenial vom Orchester, vor allem aber vom Kontrabassisten Heinrich Werkl komplettiert wurde. In dieser Komposition (vielleicht auch in vielen anderen) gelingt es Batik, sich ganz von der gekünstelten Freistellung von jeglichem klassischem Musikwissen seines einstigen Lehrers Friedrich Gulda zu lösen und eine wunderschöne Verbindung von klassischer und Jazzmusik herzustellen, ohne schroffe Übergänge und ohne dass diese Kombination aufgesetzt wirkt. Batik und das Orchester bekamen dafür frenetischen Beifall, was ihn dazu bewog, noch seine „Bagatelle“ zuzugeben, was ebenfalls mit Jubel belohnt wurde. Weniger subtil war Batiks und des Orchesters Performance in Mozarts Klavierkonzert in b-Dur (KV 505), wobei vor allem das Orchester den kleinen Brahmssaal übertönte – wie mir scheint, eine immer häufiger zutreffende Mode der Dirigenten, volle Pulle spielen zu lassen – auch wenn es gar nicht so passt. Gepasst hat diese kontrastreiche Wiedergabe allerdings dann bei Haydns Symphonie mit dem Paukenschlag, die der Dirigent Claus Peter Flor besonders lustvoll mit dem Orchester zelebrierte.

Das mir bis dahin unbekannte Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra unter seinem österreichischen Chefdirigenten Sascha Goetzel brachte im Grossen Musikvereinssaal eine zu vergessende Islamej:Fantasie orientale des Russen Milij Balakirew, die viel aus Tschindarassabum bestand; danach aber ein sehr interessantes Violin-Doppelkonzert „Shadow Walker“ von Mark-Anthony Turnage, als österreichische Erstaufführung, bei der Daniel Hope und Vadim Repin auf Period-Violinen brillierten, das auf Bezug einer künstlerischen Arbeit an der Londoner Shaftsbury Avenue basierte, in welcher der Künstler seinen Schatten als ihn verfolgenden Doppelgänger fotografierte. Laut Programmheft soll das etwas mit Identitätsfindung zu tun haben, schön und gut, aber für mich in der schönen Musik nicht wirklich sichtbar. Brillante Musik mit vielen Schattierungen, deren stilistische Zuordnung schwer zu identifizieren war, aber äußerst interessante Tonfolgen erscheinen ließ. Als Gustostück danach Berlioz‘ Symphonie fantastique. Episode de la Vie d‘un Artiste, in der das riesig besetzte Orchester all seine Farbigkeit, Lautstärke aber auch Musikalität zeigen konnte. Der Walk durch das Leben des Komponisten, von den träumerischen Fantasien von seiner Geliebten, zur pastoralen Lieblichkeit, zur wild brodelnden Leidenschaft, zum Hexensabbath und letztlich zum dröhnenden, pulsierenden Dies Irae war eine Wucht, die Dirigent und Orchester mit großem Verve und Freude musizierten.

Das hervorragende Minetti-Quartett im Sängerknaben-Konzertsaal Muth bot einen kantigen Haydn, Streichquartell in F-Dur, op.77/2, der die Mär vom guten Onkel Haydn im exzellenten Zelebrieren der Kontraste verschwinden liess. Noch eindrucksvoller Schostakowitschs Streichquartell Nr. 7, das durch die tragischen Lebensumstände (Tod seiner früheren Frau, Ächtung durch das Stalin-regime, welches in ihm auch nach dessen Tod nachwirkte) dominiert scheint. Die Aufgeregtheit von Satz 1 und 3 (Beginn) wird durch Todesklage im 2. abgelöst, und mündet am Ende des 3. Satzes dann in Abgeklärtheit. Die perfekte Synchronisation der Musikerinnen, aber auch ihr intensives Mitleben mit der Emotionalität dieses Stückes machen dies zu einem besonderen Hörerlebnis. Und dann noch eins drauf: Schuberts „Der Tod und das Mädchen“ bringt auch die Gequältheit des unheilbar Kranken zum Ausdruck, das Depressive korrespondiert so gar nicht mit dem biedermeierlichen „3-Mäderlhaus-Gefühl“, welches meine lange verstorbene Großmutter mit Schubert verband. Auch hier wieder eine meisterliche Wiedergabe des so hervorragend eingespielten Quartetts.

Der Georg Kreisler-Liederabend „Wien ohne Wiener“ unter der Regie des genialen Puppenspielers im Wiener Volkstheater brachte begeisterten Applaus, Pfiffe (positiv) und sogar Trampeln als Zeichen der Zustimmung im ausverkauften Theater. Besonders eindrucksvoll war die Gestaltung und Führung der Puppen, zB beim Der Tod der muss ein Wiener sein, oder Gemma Taubenvergiften im Park, im Triangelspieler aber auch am Donaukanal. Das singende und schauspielernde Ensemble von Sängern/Schauspielern/Puppenführern/Musikanten brachte ganz neue Töne in die schon eher depressiven Nummern des großartigen Kreisler, da die Musikbearbeitung von Franui die Liedertexte kongenial verstärkte. Leider war bei einigen der sonst großartigen Sänger die Textdeutlichkeit weniger ausgeprägt, sodass ein wesentlicher Teil der Lieder verlorenging. Das wurde aber durch die Puppen, aber auch sonstige Darstellung mehr als wettgemacht. Etwas schal der Ausflug in die Jetzt-Politik mit einem zackigen Autoritär Kurz, dennoch verblüffend, wie zeitlos einige der Texte Kreislers sind (zB vom Zugrabetragen der Freiheit). In jedem einzelnen Lied bleibt die Heimatlosigkeit des Vertriebenen – und seine vergebliche „Wiedereingliederung“ in die österreichische Gesellschaft spürbar.

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“Ökonomen” gegen Attac: das nenn’ ich Brutalität

(Leserbrief in Die Presse am 8.9.2017 als Antwort auf Gabriel Felbermayer in Die Presse am 2.8.2017)

Die Presse brachte am 2.9.2017 unter dem Titel „Wie man Attac zum Schweigen bringt“ ein Interview mit dem österreichischen Ökonomen Gabriel Felbermayer, den sie gleich taxfrei zum „Sprachrohr der Ökonomen in der Freihandelsdebatte“ stilisiert. In diesem Interview zeiht F. „die Freunde von ATTAC“ der Unterstützung des Protektionismus, die Handelskette SPAR des vordergründigen Schutzes ihrer Profitinteressen und gleich alle Kritiker der so genannten „Freihandelsabkommen“ à la TTIP und der Globalisierung der Dummheit und rückt sie in die Nähe der Verhältnisse in Venezuela.

Als gelernter und praktizierender Ökonom erlaube ich mir, mich nicht von Felbermayer vertreten zu fühlen und seiner Holzhammerargumentation nicht zu folgen. Dazu nur einige Argumente: keiner der ökonomischen Kritiker der „Globalisierung“ oder der „Freihandelsabkommen“ tritt gegen fairen Handel ein, der Unternehmen und Konsumentinnen gleichermaßen zugute kommt. Kritiker meinen jedoch, dass es bei diesen Abkommen nicht um Freihandel, also vollkommen ungehinderten Fluss von Waren und Dienstleistungen geht, sondern, wie die endlos langen Verhandlungsdauern (bis zu 10 Jahre) vermuten lassen, um den jeweiligen Schutz eigener Unternehmensinteressen. Viele versierte Kritiker bedauern, dass die interessengeleiteten Handelsströme nicht Arbeitnehmern zugute kommen, sondern die Unternehmensgewinne enorm gesteigert haben – wie die seit Jahrzehnten fallenden Lohnquoten beweisen. Niemand übersieht dabei, dass Handel auch zu niedrigeren Preisen für Konsumgüter geführt hat, aber eben vielfach durch Druck auf die Löhne erkauft wurde: wie Netto-Wohlfahrtsgewinne sind unsicher. Ökonomen-Kritiker monieren an Abkommen wie TTIP, dass sie weit über den Handel hinausgehen und – ohne dies auszuposaunen – vielfach Investitionsschutzabkommen geworden sind, die den sozial- und umweltpolitischen  der Länder auszuhebeln versuchen – und damit Angela Merkels Ideal von einer „marktkonformen Demokratie“ nahekommen, anstatt einen „demokratiekompatiblen Markt“ anzustreben. Darüber hinaus gingen die Kritiker gegen Streitbeilegungsmechanismen vor, die sich außerhalb der üblichen Gerichtsbarkeit abspielen und von Unternehmensinteressen geleitet sein sollten.

Ökonomen-Kritiker der bestehenden Verhältnisse und Abkommen haben noch eine ganze Reihe von Argumenten im Köcher, derer sich meines Wissens ATTAC-Argumente teilweise bedienen. Kürzlich haben sich auch Professoren in Österreich diesem Reigen angeschlossen, der alle Kritiker der Unwissenschaftlichkeit zeiht – und nur ihnen, den Mainstream-Konformen Wissenschaftlichkeit zugesteht. Herr Felbermayer reiht sich in diese Gruppe ein. Er tut damit der ökonomischen Zunft keinen Dienst – und er spricht sicher nicht für alle „Ökonomen“.

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Political Correctness – Wohin?

Der direkte Anlass ist katastrophal: der Einfall von Neonazis, white supremacists und Unterstützern von „Alt Right“, der erzkonserviten rassistischen und antisemitischen Strömung, die prominent von Steve Bannon, jetzt Strategieberater Donald Trumps, vorher Chef von „Breitbart News“, einem hetzerischen Medium, unterstützt wurde, im beschaulichen Charlottesville, mit an KuKluxKlan erinnernden Fackelmärschen vor schwarze Kirchen und dann mit Waffen, Helmen und Schilden vor der Statue des Bürgerkriegsgenerals Robert E. Lee, um deren Beseitigung zu verhindern hat zu Straßenschlachten, dem Tod einer Gegendemonstrantin, zweier Polizisten und zu vielen Verletzten geführt – und in breiten Teilen der USA zur Erkenntnis, dass die lange verleugnete oder verharmloste Bewegung von identitären Terroristen unselige Zeiten der Bürgerrechtsbewegung wieder aufleben lässt. Und der Präsident, Donald Trump, hat nur allgemein Gewalt und Hass beklagt und „die Liebe beschworen“, wie sein Berater im Fernsehen sagte, ohne letztlich die Verursacher zu brandmarken.

Ganz klar, dass dieser Gewaltausbruch extrem verdammenswert ist, ganz klar, dass auch die Gesetzeshüter sich stärker mit diesem rechtsradikalen Terrorismus befassen und ihn mit den Mitteln des Rechtsstaates in die Schranken weisen müssen – und nicht nur „radikalislamischen Terrorismus“, dessen Ausrottung sich der Präsident einseitig verschrieben hat.

Dahinter aber steht wieder einmal die Frage, inwieweit Political Correctness, in diesem Fall die Beseitigung eines Symbols des 150 Jahre zurückliegenden Bürgerkrieges, also eines Südstaatengenerals, sinnvoll ist. Immer stärker wird in den USA, aber auch in Europa, von lautstarken Gruppen, vor allem von Studentinnen und Studenten verlangt, „beleidigende“ Symbole zu beseitigen, da sie eine Gruppe in ihrem Selbstwertgefühl verletzten. In diese Kategorie fällt der Beschluss des Stadtrates von Charlottesville. Eine ganze Reihe von Professoren, die „unliebsame“ Kurse anboten, wurde aus Colleges verbannt. In Oxford haben Studenten verlangt, die Statue des südafrikanischen Geschäftsmannes und Rassisten Sir Cecil Rhodes (nach welchem ein äußerst begehrtes Stipendium im UK benannt ist – auch Bill Clinton hat es gewonnen) vom Oriel College zu entfernen, nachdem 2015 schon dasselbe in Südafrika bei der dortigen Universität gefordert wurde. Es scheint, dass viele Menschen heute nicht mehr bereit oder in der Lage sind, „Beleidigungen“ ihres Egos, ihrer Identität zu ertragen, und daher die Entfernung der Steine des Anstoßes fordern. In Österreich denunzierten vor kurzem drei Professoren der Wirtschaftsuniversität andere als die von ihnen vertretene Mainstream-Ökonomie als „unwissenschaftlich“, ohne sich einer inhaltlichen Diskussion zu stellen. Man würde meinen, dass in einer Universität ein gewisser Respekt vor anderen Lehrenden und Forschenden vorhanden ist und in eine inhaltliche Diskussion mündet, die allerdings nicht in „einer einzigen Wahrheit“ münden kann: Wissenschaft eben.

Geben die Autoritäten diesen Wünschen nach, machen sie sich selbst der Geschichtslosigkeit und der Negierung von Diskussion schuldig: werden alle als negativ empfundenen Symbole der Geschichte entfernt, entschwindet auch die Geschichte und die Lektionen, die man daraus lernen kann. Viel richtiger wäre es, solche Wünsche zum Anlass zu nehmen, über die Geschichte, über das Böse und Gute, die Vielfalt von Menschen zu diskutieren, daraus zu lernen und den heutigen und künftigen Generationen zu vermitteln, dass man sich mit den Geschehnissen auseinandersetzen muss, dass die Welt nicht nur angenehm und gut ist, sondern vielschichtig und kompliziert ist. Ich denke hier als positives Beispiel an die Diskussion in Wien um die Beseitigung des Karl Lueger Denkmals, um die konstruktive Idee der Kunstuni, einen Wettbewerb zur Neugestaltung des Platzes, unter Beibehaltung der Statue zu machen, um damit die Persönlichkeit Luegers, eines Wegbereiters von Hitlers und der Nazi Antisemitismus, zu beleuchten. Wäre die Statue weg, wüßte heute und morgen fast niemand um die Taten (Modernisierung von Wien) und Untaten (virulenter Antisemitismus: “wer a Jud is, bestimm I”) des Mannes vor dem ersten Weltkrieg.

Daher: die Vielfalt der Meinungen, die Vielschichtigkeit der Persönlichkeiten, die Diversität der Welt wird immer zu unterschiedlichen Anschauungen dazu führen. Demokratische Verhältnisse bedeuten nicht, andere Meinungen akzeptieren zu müssen, sie benötigen aber Diskurs und Auseinandersetzung, damit die Einsicht entsteht, dass es unterschiedliche Anschauungen gibt, die alle legitim sind, soweit sie nicht die Rechte der anderen verletzen. Statt zu twittern, müssen wir miteinander reden, nicht nur in Echokammern Gleichgesinnte suchen. Zivilisation bedeutet das Miteinander von Gegensätzen, damit auskommen, sich damit auseinanderzusetzen.

Keinesfalls aber Gewalt und Attacken gegen andere: der Staat muss dafür sorgen, dass diese Auseinandersetzungen möglich sind und friedlich verlaufen. Wo war die Polizei in Charlottesville?

Natürlich muss man unterscheiden zwischen Symbolen, die unterschiedliche Geschichtsbilder repräsentieren und solchen, die als Negation einer menschenrechtlichen und moralischen Haltung errichtet wurden, die menschenverachtenden Regimen und Haltungen dienen. Dies macht aber nur den Diskussionbedarf noch stärker sichtbar: Es schlägt allerdings dem Fass den Boden aus, wenn der amerikanische Präsident die Sezessionisten Lee und Jackson gleichsetzt mit den Staatsgründern Washington und Jefferson. Dies verrät die Gründungsidee und den Gründungsmythos und damit das Staatsverständnis der Vereinigten Staaten. Ein solcher Präsident müsste wegen Verfassungsverletzung angeklagt werden!

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