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Wiener Oper Frühling 2017

Der tumbe Tor im Narrenhaus?

Wagners Parsifal in Steinhof, eine Idee von Regisseur Alvis Hermanis, die weitestgehend erstaunlich gut funktioniert. Das etwas schwülstige Jugendstil-Ambiente des Otto-Wagner Psychiatrie-Spitals, bzw. eigentlich der dazugehörigen Kirche gibt einen klaren Hintergrund für die mystisch-christliche Handlung von Glauben, Keuschheit, Buße, Mitgefühl und letztlich Erlösung. Wie bei Wagner häufig (Tristan, Siegfried, Tannhäuser, Holländer – und die jeweiligen „Partnerinnen“), geht es um sexuelle Obsessionen und Verfehlungen, die zu sühnen sind, vor allem, wenn sie (potenzielle) Gralsritter und deren König betreffen: der sich selbst kastriert habende Klingsor hat (wie Luzifer) keine Aufnahme bei den Graslrittern gefunden und benutzt Kundry, die das Sakrileg begangen hat, bei Jesus Kreuzigungstod ihn auszulachen, Gralsritter der nahen Burg zu verführen, um sich so zu rächen. Ihr Hauptcoup: den König Amfortas in ihren Armen seinen Eid vergessen zu lassen und es so Klingsor zu ermöglichen, die heilige Lanze (Speer) mit der Jesus durchbohrt wurde, in seine Gewalt zu bringen und damit Amfortas eine Wunde zuzufügen (Stigma?), die nicht heilen kann, bis einer „reiner Tor, wissend durch Mitleid“ ihn erlösen kann. Der in der Wildnis aufgewachsene Parsifal verirrt sich auf das heilige Gebiet der Gralsritter, sieht ungerührt deren Gralszeremonie zu, die Amfortas durchführen muss, um die Lebenskraft der Gralsritter und seines alten Vaters Titurel zu erhalten – ohne die erlösenden Mitleidsworte zu sprechen. Also wird er davongejagt, gerät über Kundry, die wieder in Klingsors Diensten (ungewollt) ist und ihn verführen soll, in sexuelle Bedrängnis (auch mit den Blumenmädchen), wird aber plötzlich durch Kundrys Kuss an seine Mutter, die Geschichten seines in Arabien (Kreuzzüge!) gestorbenen Vaters und seine (mögliche) Mission erinnert und entsagt, um zu den Gralsrittern – diesmal „wissend“ zurückzukehren. Diese sind todmüde (a la den Göttern in der -dämmerung!), Titurel ist aufgrund Amfortas‘ Weigerung, die Gralszeremonie zu zelebrieren, gestorben (noch eine Schuld!), werden aber endlich durch Parsifals erlösende Worte erlöst. Parsifal tauft Kundry, Amfortas kann sterben und Parsifal läßt sich als neuer König der Gralsritter feiern.

Wie gesagt, alles im Spitalsambiente – weiße Betten, Ordensschwestern, Ärzte, Krankenpfleger im Stil der letzten Jahrhundertwende. Hauptritter Gournemanz wird zum Chefarzt, Kundry im Gitterbett gehalten, Amortas ist Patient, die Gralsritter sind (offenbar) teils Ptienten, teils Ärzte, teils Personal. Hermanis zieht dies bis zum Schluß durch.

Rätselhaft und nicht schlüssig (für mich) bleiben einige Einfälle: in den Regalen, sowohl bei Dr. Glournemanz als auch bei Klingsor (offenbar eine andere Abteilung des Spitals) offenbar die Gehirn- und Fötenpräparate von Heinrich Gross (Spiegelgrund) – wozu? Am Schreibtisch von Dr. Gournemanz ein Mini-Gehirn, dann ein größeres, durchbohrt vom heiligen Speer bei Klingsor, und letztlich ein Riesenexemplar Gehirn (mich hat es an die fürchterlichen Mahlzeiten beim Bundesheer 1961 erinnert, als es mehrere Male große gräuliche Rindergehinrwindungen in den Resten der von der U.S.Army 1955 zurückgelassenen Paradeispampe gegeben hat!) in der letzten Szene: die Parallele: Amfortas‘ Wunde scheint nicht auf der rechten Seite, sondern eine Kopfverletzung zu sein – wozu? Freud‘s Couch in Klingsors Büro, wo er Kundry offenbar hypnotisiert: naja…einiges doch zu sehr Marke Holzhammer! (Im Programmheft erklärt Hermanis einige seiner Intentionen sehr kunstreich und überlegt. Ich bin aber der Meinung, dass Konzept und Symbolik vom Zuhörer auch ohne die Einführung verstanden werden sollten).

Trotzdem: ein ziemlich schlüssiges Konzept, hervorragend musiziert von den Philharmonikern unter Semyon Bychkov, der ganz wunderbar die grandiosen Sänger zur Geltung kommen läßt, sie (fast) nie übertönt, trotz süffiger Akkorde. Von den Sängern am herausragendsten Kwangchul Youn als Gournemanz, dessen Bass besonders in den vielen lyrischen Passagen wunderbar pianissimo zur Geltung kommt, der aber auch in den lauteren Szenen exzellent agiert. Nina Stemme als Kundry wird den hohen Erwartungen mehr als gerecht: sie spielt die bestialische Kranke, die Verführerin und die Büßerin überzeugend, ihre Stimme nimmt sie zeitweise zurück, um den einige Male schwächelnden, meist aber bestens intonierenden Christopher Ventris als Parsifal voll zur Geltung kommen zu lassen. Beeindrucken auch Gerald Finley als Amfortas, und Jochen Schmeckenbecher als Dr. Klingsor. Wie immer exzellent der Chor.

Trotz der mystisch-esoterischen Handlung, aufgelockert durch das allzu menschliche Heischen von Mitleid (besonders wichtig in unserer ich-zentrierten Zeit) ein beeindruckender Abend. Die wunderbare Musik mit exzellenten Sängern in einer gänzlich untypischen Inszenierung bilden ein (fast) vollkommen geschlossenes Ganzes.

Ebenfalls mit einem mythologischen Thema befasste sich die Medea von Aribert Reimann, in Auftrag gegeben vor zehn Jahren von der Wiener Staatsoper. Das ist ein ganz erstaunliches Werk, die musikalische Spannung hält locker über die zwei Stunden: kleine Klangbündel, aneinandergefügt in intensivsten Akkorden, starker Bläser- und Perkussionseinsatz, die SängerInnen ihr gesamtes Stimmrepertoire hinauf- und hinunterjagend: wirklich fantastisch. Dazu eine karge, sehr eindrucksvolle Inszenierung, auf mit großen Steinen überlagertem kargen Boden spielend, darüber in einem durchsichtigen Kubus der Königspalast, aus dem eine Treppe herabgesenkt wird, um die Begegnung zwischen den Heimischen (ganz in weiß) und dem Fremden, Wilden (in Farben) zu ermöglichen. Alles ist Kontrast – wie die Musik: hier die hocheleganten Korinther Kreon und Kreusa, dort die aus Kolchis zugereisten Medea plus Kinder und ihre Dienerin Gora, sowie Jason, der allerdings schon zu Beginn des Stückes im Begriff ist, sich auch kleidungsmäßig dem Heimischen zu nähern. Jason erscheint als extremer schwächlicher Opportunist, der bislang immer auf die Butterseite gefallen ist: nach dem Tod seines Vaters wuchs er bei Kreon auf, Medea hat ihm das goldene Vlies errungen – und nun, da er wieder in die „Zivilisation“ (nach dem wilden Kolchis) zurückwill/muß, ist er bereit, die Seinen zu verlassen, um sich in Kreons Schutz begeben zu können. Adrian Eröd singt und stellt diesen Wendehals und Egoisten, der sich immer als Opfer fühlt, aber auch Täter ist, exzellent dar.

Claudia Barainsky ist eine stimmgewaltige und wahrhaft „wilde“ Frau, die weder mit der Integration zurechtkommt, noch bereit ist, sich von Jason opfern zu lassen und ihm ihre Kinder zu übergeben. Was Barainsky an Akrobatik, an Verzweiflung über das Verlassenwerden, an die Hoffnung, Jason zurückzugewinnen, aber dann als sie verliert, an unbezwingbarer Rachelust aufführt, ist genial und absolut glaubwürdig. Ganz hervorragend Stephanie Houtzeel als Kreusa, die ihren Auftritt – hoch elegant in Weiß – die Treppe herunterschreitend in einem nicht endenwollenden Jodler tussihaft zelebriert und mit einem High-Five mit Jason abschließt. Sie gewinnt jedoch an Gravitas als sie mit den Kindern spielt und versucht, Medea (die inzwischen auch einen weißen Mantel erhält, darunter aber ihr farbiges Kleid als Sinnbild des „Fremden“ anbehält) in die Aerobics- und Lyra-Künste der Zivilisierten zu unterrichten. Dennoch fällt sie der Rache der verbannten Medea zum Opfer. Stark auch Norbert Ernst als Kreon, der am liebsten keine Troubles will und nur Jason aufnehmen will, sich auf dessen Bitten dann doch enschließt, Medea eine Chance zu geben – und Größe gewinnt, als er dem Herold, der den Bannspruch über Jason und Medea als angebliche Mörder Peleas‘ überbringt, widerspricht, weil ihm Jason zugesichert hat, dass sie nicht schuld an dessen Tod seien. Im Streit um die Kinder aber verbannt er Medea, deren einziger Ausweg im Mord an Kreusa (der vermeintlichen Nebenbuhlerin) und an ihren eigenen Kindern besteht. Im Wissen um ihre eigene Unschuld läßt sie den dann auch verbannten Jason zurück, um nach Delphi zu gehen und den dortigen Orakelbetreibern ihre Wahrheit zu erzählen, und sich so einem „höheren“ Urteil zu unterwerfen. Nicht vergessen darf man die sängerisch Beste, Monika Bohinec, die mit mächtiger Stimme Gora, die Dienerin und Vertraute Medeas singt.

Michael Boder gelingt es meisterhaft, dem Staatsopernorchester schwierigste Klangteppiche ungeheurer Dichte zu entlocken. Lang anhaltender, begeisterter Applaus.

Liebesflucht aus der verfluchten Einsamkeit?

Leos Janaceks Katja Kabanova ist ein vertracktes Stück. Die Musik plätschert zeitweise eher lustlos dahin, entfaltet aber in den vielen dramatischen Momenten sensationelle Intensität. Wie bei Janacek üblich, werden vor allem anfangs Volksmelodien in Spätromantik eingestreut. Die Inszenierung von Andre Engel an der Wiener Staatsoper kann sich auch nicht restlos entscheiden. Einerseits führt sie Katja nicht nur als Liebende, sondern als (im psychologischen Sinn) hysterische Vereinsamte vor, die sich vor ihrer fürchterlichen Familiensituation (mit sie verachtender Schwiegermutter und muttersöhnchen-schwachem Ehemann) durch esoterische Fantasien und in eine aussichtslose Liebe flüchtet, andererseits sind die Auftritte der sie Umgebenden unpräzise und rein naturalistisch dargestellt. Ebenso das nur teilweise faszinierende Bühnenbild: zwei Tableaus, die offenbar von Edward Hoppers Bildern inspiriert sind und die Einsamkeit und die Unfähigkeit, mit der Umgebung Kontakt aufzunehmen darstellen (Katjas Zimmer und die Dachszene, eventuell noch der Hinterhof), andererseits wieder eher rusikal-naturalistische Bilder von nichtssagendem Äußeren. Warum das Bühnenbild alles ins New York des frühen 20. Jahrhunderts verlegt, bleibt offen – vielleicht ist es der gewünschte Anklang an Hopper. Dennoch: die geographische Trias Tschechien (der Komponist) – Rußland (Ort der Handlung) – New York (Bühnenbild) bleibt rätselhaft. So bleibt vieles zwiespältig, die Musik, die Inszenierung und das Bühnenbild. Orchester mit Dirigent Tomas Nepotil musizieren exzellent und unterstützen die Sängerinnen hervorragend. Ganz herausragend ist – wen wundert‘s – Angela Denoke in der Titelrolle, die sowohl stimmlich als auch darstellerisch die Seelenqualen der liebenden Außenseiterin überzeugend vermittelt und vor allem in den dramatischen Stellen zu Höchstform aufläuft. Ihr ebenbürtig ist Jane Henschel als die verabscheuungswürdige Schwiegermutter Kabanicha, auch Margaret Plummer als Seelenfreundin Varvara singt ausgezeichnet. Etwas schwächlich leider Misha Didyk als Boris, gut hingegen Navarro als Tichon und Thomas Ebenstein als Kudrjas.

Aufwühlend ist die beste Beschreibung, die ich für Dmitri Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk finden kann. Hervorragend dirigiert von Ingo Metzmacher, der die lyrischen Passagen einfühlsamst bringt und den ungeheuer dramatischen vollsten Orchesterklang zugute kommen läßt, ist auch die karge Inszenierung von Matthias Hartmann mit dem alles dominierenden von innen leuchten Bett hervorragend geeignet, dieses menschliche Drama den Zuhörern zu vermitteln. Allen voran Eva-Maria Westbroek als Katerina schafft es, die Oberfläche als gelangweilte Ehefrau zu durchdringen und das Drama der von ihrem Ehemann keine Liebe erfahrenden, von ihrem geilen Schwiegervater karniefelten (siehe auch Kabanicha in der Katja: offenbar war das im zaristischen Rußland die übliche Behandlungsweise der Schwiegertöchter) und verfolgten Schönen, der die Frauenverachtung bekämpfenden, ihr dann aber doch nachgebenden Frau, die dann die alles scheinbar erlösende Liebe findet, zu zeichnen. Daß Katerina dabei buchstäblich über Leichen geht, beim vergifteten Schwiegervater offenbar mit dem schweigenden Einverständnis der Knechte und des Popen, beim Ehemann dann aber doch auch für die Gesellschaft „zu weit“ geht, macht Westbroek bravourös mit tollem Stimmenklang oben und unten sicht- und fühlbar. Die unendlich Tragik der zuletzt Verlassenen und Verhöhnten und Benutzten kann sie nur durch ein weiteres Menschenopfer und den eigenen Freitod lösen. Sie zeigt damit aber auch ein starkes Frauenbild, dem gegenüber die Männer, Ehemann Sinowi (stimmlich stark), Schwiegervater Boris (hervorragend Wolfgang Bankl sowohl stimmlich als auch darstellerisch) und der (sängerisch hervorragend Brandon Jovanovich) schwach daherkommen. Ob das Schostakowitschs Sichtweise war, geht aus dem jüngsten Roman über Sch., Julian Barnes „The Noise of Time“ nicht wirklich hervor, in welchem die Frauen eher nur als Randfiguren erscheinen, zu denen Sch. aber eine extrem starke und verpflichtende Bindung hat. Ganz hervorragend auch der Chor, der extrem effektvoll eingesetzt wird. Das Elend der nach Sibirien Verbannten auf ihrem langen Marsch dorthin paßt in die Grausamkeit der die gesamte Oper durchlaufende Gewalt der russischen Gesellschaft.

In dieser Aufführung paßt alles: eine extrem aufwühlende Musik, Anklänge (Zitate?) an den Ochs von Lerchenau durch den sich aufgeilenden Boris, eine selten gehörte Klangmischung aus zartesten emotionalen Seelenregungen und alles triumphierender Dramatik, exzellente SängerInnen, Orchester und Chor – und eine einfühlsame Regie, die diese vielfältigen Schattierungen dieses menschlichen und Gesellschaftsdramas verdeutlichen. Zurecht gilt Schostakowitsch als d e r Opernkomponist des 20. Jahrhunderts.

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Theater Frühling 2017

Die fürchterliche Orestie

Über Jahrtausende hat der Mythos der Atriden die Phantasie von Poeten und Komponisten angeregt. Nun hat sie auch zweifachen Niederschlag im Wien des Jahres 2017 gefunden.

Die Kammeroper Wien bringt eine (wieder einmal) exzellente Produktion des Händel-Pasticcio von 1734 „Oreste“. Dabei geht es um den Erynnien-geplagten Orest, der nach der Ermordung seiner Mutter Klytemnästra und ihres Liebhabers Ägist sich auf die Insel (?) Tauris rettet und von der dort aufhältigen Priesterin Ifigenia (seiner unerkannten Schwester), die alle Fremden rituell ermorden muß, letztlich gerettet wird. Orests Ehefrau Ermione und sein (etwas unbedarfter) Freund Pilade kommen auf der Suche nach Orest auch auf Tauris, werden dort von den Schächern des Tyrannen Toante, hauptsächlich dem Hauptmann Filotete, gefangen und sollen geopfert werden. Filotete liebt (teilweise unerwidert) Ifigenia, die zum von ihr aufgefundenen Oreste tiefe Zuneigung fasst – und ihr letztlich verspricht, ihn laufen zu lassen. Der Tyrann Toante, ein Widerling der Sonderklasse, lüstet nach Ermione, das Ganze geht hin und her, ohne dass die Protagonistinnen voneinander wissen. Letztlich aber finden und erkennen Oreste, Ermione und Pilade einander und sollen den Tod durch Ifigenia, die nunmehr auch weiss, dass der von ihr Geliebte ihr Bruder und verheiratet ist, erleiden. Sie kann das nicht. Toante verspricht Ermione, Oreste laufen zu lassen, wenn sie ihm zuwillen ist – auch das funktioniert nicht. Pilade erklärt, nachdem Toante ihm versprochen hat, den Freund laufen zu lassen, wenn Pilade ihm sagt, wo Oreste ist, dass er selbst Oreste sei. Vollkommenes Chaos: plötzlich wenden sich alle, auch der getreue Filotete, gegen Toante, und Oreste schlachtet ihn ab. Er ist nun König und glücklich, Filotete (immer der willige Soldat) schwört ihm Treue, doch die anderen, Ermione, Pilade und auch Ifigenia wenden sich angewidert vom blutrauschigen Oreste ab. Ende.

Diese Interpretation in der Inszenierung von Kay Link wirkt überzeugend und paßt auch in die heutige Landschaft, des Fremdenhasses, aber auch der Ablehnung von Rache und Gewalt. Die Bach-Consort Wien unter Ruben Dubrovsky spielt den Score ganz exzellent und gibt den ausgezeichneten Sängern den notwendigen Rückhalt. Besonders positiv verwundert den Hörer die damals durchaus übliche Pasticcio-Technik, wobei Händel 25 Arien aus bestehenden eigenen Opern mit neuen Texten versehen und damit wieder aufgeführt hat. Wüßte man dies nicht, wäre weder an der Stringenz des Plots noch musikalisch dieser Wiederaufguss aufgefallen. Von den SängerInnen sticht ganz besonders der Titelheld Oreste, Eric Jurenac, mit einem glockenhellen Counter-Sopran hervor, der die schwierigsten Koloraturen mühelos meistert. Auch die Ermione Friderikke Kampmanns und die Ifigenia Carolina Lipps brillieren, mit Ausnahme einiger Gickser bei ersterer. Sie macht dies aber durch exzellentes Schauspiel wett. Dabei helfen ihr auch die äußerst fantasievollen Kostüme, so kommt sie in einem grellroten Plastik-Taucheranzug (mit Harpune und Schnorchel) aus dem Meer auf die Insel, zieht sich aber dann a la Margaret Thatcher um. Pilade, Julian Henao Gonzalez hat vor allem gegen Ende zwei wundervolle Arien, bleibt sonst etwas blass, Florian Köfler als Filotete gibt überzeugend den hin-und hergerissenen Liebhaber/Soldaten, etwas schwächlich im Singen, nicht aber in der Darstellung, bleibt der gewalttätige Tyrann Toante, Matteo Loi. Begeisterter Applaus im ausverkauften Haus.
Ganz anders erzählt die Orestie von Aischylos im Burgtheater unter der Regie von Antú Romero Nunes, der die Geschichte aus der Sicht der Rachegöttinnen, der Erynnien erzählt. Nunes hat die perfekt funktionierende, grandiose Idee, aus den sieben Erynnien, gespielt nur von Frauen, jeweils die ProtagonistInnen, Klytemnästra, Agamemnon, Aigisthos, Kassandra, Orest, Amme, Elektra hervortreten zu lassen – um sich dann wieder in den Chor, der permanent auf der Bühne ist und im Gleichtakt spricht und deklamiert, zukrücktreten zu lassen. Das Bühnenbild ist ein riesiges, sich nach hinten verjüngendes Dreieck am Boden, unterbrochen nur durch einen schwarzen Blutbach, der nach dem Mord an Agamemnon zum Zuschauerraum herabquillt, in welchem sich die jeweiligen MörderInnen wälzen, herabrutschen, etc. Die Erynnien sind grotesk – maskenartig – geschminkt mit roten Mündern und eigenartigen weißen Fetzenkleidern, die wenn sie als Protagonisten in Erscheinung treten, umfunktioniert werden: so wird Agamemnons Gewand zum Symbol für den Racheschwur Orests, der sich auch Teile dieses Gewands anverleibt. Orest scheint hier – in Peter Steins Textversion – nicht so sehr die Trauer und Rache als die Anmaßung, daß er durch Aigisth und Klytemnästra um sein Erbe und den ihm zustehenden Thron gebracht wurde, zum Mord an Mutter und Liebhaber zu treiben. Die kathartischen Momente des Mordens werden durch Leuchtblitze im Hintergrund veranschaulicht – um die Ungeheurlichkeit des Gatten-, Mutter- und Liebhabermordes zu unterstreichen.

Im dritten Teil („Die Eumeniden“) der in einem intensiv durchgespielten Trilogie tritt Pallas Athene (nachempfunden der Statue vor dem Wiener Parlament) auf und macht dem immer weitergehenden, durch Blutrache argumentierten Morden ein Ende, indem sie ein Bürgergericht einsetzt, welches Recht zu sprechen hat, und damit einen Meilenstein zum europäischen Rechtsstaatsgedanken pflanzt. Hier macht sich Aischylos zum Fürsprecher der im 5 Jh vor Christus in Athen geschehenen Bürgerrevolution, die dem Adel den Großteil seiner Vorrechte nahm und die freien Bürger zum Souverän machte. Damit werden die Erynnien zu den Eumeniden, von Rachegöttinnen zu den „Wohlmeinenden“, die rationale Regeln der götterunterstützen Willkür vorziehen. Im Burgtheater bekommen sie über ihre dreckigweissen Fetzen pastellfarbige Tüllkleidchen und Tutus als Zeichen ihrer Funktionswandlung übergezogen. Die Buntheit der regelgebundenen Rationalität triumphiert über die tödliche Willkür und Blutrache. Die Zivilisation löst die Gewalt als Durchsetzung des Zusammenlebens der BürgerInnen ab.

Eine grandiose Inszenierung eines schwierigen Texts, die im leider nur mäßig besuchten Burgtheater (darunter eine Reihe von auf den Sitzen wetzenden Schulklassen) mittelmäßigen Applaus bekam, und von beidem (Publikum und Applaus) mehr verdient hätte. Von den sieben Schauspielerinnen verdient keine besondere Hervorhebung, nicht im schlechten, sondern im guten Sinn: sie waren alle grandios, sowohl als düsterer Chor als auch in ihren Einzelrollen.

Romantik Meets Blasmusik

Melancholisch-traurig, romantisch-gefühlvoll, am kleinsten Naturdyll sich freuend, den Tod herbeisehnend, fetzig-einfühlsame Blasmusik (mit Hackbrett, Geige, Bass und Harfe) – diese von vornherein absurd scheinende Kombination von Texten und Musik(variationen) aus der Romantik und modernen Romantikern (Robert Walser??) bieten der grandiose Puppenspieler (und Kunstpfeifer) Nikolaus Habjan und die Musicbanda Franui im Wiener Burgtheater. Der Abend heisst „Doch bin ich nirgends, ach! Zu Haus“ nach dem von Schubert vertonten Gedicht Der Wanderer an den Mond von Johann Gabriel Seidl und führt zu einer Wanderung durch Berge und Natur durch die vier Jahreszeiten. Schubert, Brahms, Mahler kommen für die von Franui für den Abend zurechtgebogene und sweiterentwickelte Musik auf, die durch Texte von Robert Walser und Jürg Amann, vorgetragen von den zwei grandiosen Puppen Habjans, durchbrochen werden. Wie in der Winterreise oder der Müllerin geht es um Einsamkeit, Suche nach Einsamkeit, die Schönheiten der Natur und des Mondes, die vergebliche Liebe, die Suche nach dem Tod. Wie das vor allem Habjan inszeniert, wie er in dem Riesenraum des Burgtheaters die kleinsten Gefühlsregungen des romantischen Wanderers fühlbar macht, unterstrichen durch die oft derbe Musikperformance der Franui – das macht ihm so schnell keiner nach. Mucksmäuschenstill war es, wenn seine kleine Puppe sich zum Schlafen und zum Tod niederlegt, wenn er die Schneeflocken auf der Haut fühlbar macht, wenn das Bettelkind mit nackten Füßen im Schnee erfriert „zu klein um zu verstehen was ihm da passiert“.

Es ist in Zeiten wie den heutigen, wo lautes Getöse der Normalton zu sein scheint, wo plakativste Aufs und Abs uns permanent belästigen, wo grelle Effekte einander um Aufmerksamkeit überbieten, so wohltuend, einen solchen Abend erleben zu können, und die Freude über den hellen Mond über den Bäumen auf dem Berg, die Freude über ein helles Fenster mitten in der Nacht, die Freude über die Hoffnung, erwartet zu werden, aber auch die Melancholie – aber nie die Angst – vorgetragen mit den leisesten Tönen miterleben zu können. Gefühle, ach die gibt es doch noch!

Kafka/Beckett

Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“ und Samuel Becketts „Das letzte Band“ im Hamakom-Theater, gegeben von dem eindrucksvollen Michael Gruner sind beides Studien der condition humaine/bestiale. Kkäfig im Schiff nach Europa gebracht, findet seinen einzigen Ausweg aus dieser Situation, sich als Variete-Schaustellung zu verdingen – und sich dabei vom Affen zum Menschen zu entwickeln. Nunmehr trägt er Teile dieser Metamorphose (Kafka hat es mit den Tieren, vom Affen zum Menschen, vom Menschen zum Käfer….) den werten Mitgliedern einer Akademie vor. Dabei verfällt er trotz absolut angepaßten Verhaltens und Kostümierung immer wieder in „Äffisches“ Benehmen, etwa wenn er Bananen ißt, oder einmal losbrüllt und sich im Off austobt, oder dann armeschlenkernd als Menschenaffe wiederkommt. Seine ihm von seinem Impressario zugeteilte Sexualpartnerin, „ein kleines Schimpansenmädchen“, kann er bei Tag nicht ertragen, da sie ihn an seine Herkunft erinnert. Seine Rede, wiewohl „menschlich geschliffen“ stellt mit Sarkasmus das Menschsein bloss. Letztlich bleibt er aber ein Identitätsuchender, der zwischen den Welten (Kulturen?) hin- und hergerissen bleibt. Eine grandiose Darstellung von Michael Gruner, mit einem fanstastisch einfachen „Bühnenbild“: es gibt nur einen riesigen Spiegel an der Hinterwand der Bühne, und anfangs sitzt Rotpeter/Gruner mit dem Rücken zum Publikum vor dem Spiegel, welches sich selbst im Spiegel als Akademie-Publikum wahrnimmt.

Und Becketts trauriges Lebensende-Drama des ungustiösen Krapp, der zynisch und allein seinem Ende entgegendämmert und Bananen isst (dadurch sollte wohl die Verbindung zu Rotpeter hergestellt werden??). Endlich rafft er sich auf, sein Tonbandgerät und Schachteln voll Tonbändern herbeizuschaffen, und sich dann am Band 5 der Schachtel 3 zu delektieren, aber auch abzuarbeiten. Damals war er 39, voller Lebensfreude und im Liebesglück, dessen dreimalige Wiederholung ihn zuerst abschreckt, dann glückselig schmunzeln läßt und dann in endgültiger Depression als Beginn der langen, bis jetzt dauernden Abstiegsphase versinken läßt. Wutausbrüche, Verklärung und Realität dieses verkommenen alten Mannes bringt Gruner mehr mimisch als aktiv bestens dem Publikum nahe. Als alter Mann selbst hatte ich Angst, ebenso zu enden, so eindringlich beschreiben Beckett/Gruner die Depression der Einsamkeit, die nur in der Reminiszenz noch zu Lebensäußerungen fähig ist.

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Herbstkultur in Wien

Hamlet

Im Wohnzimmer mit alles überschreiender Blümchentapete spielt sich Anno Schreiers Theater an der Wien-Auftragswerk Hamlet ab. Mit fulminanter Musik, die kein Spannungselement ausläßt, geht hier die Entlarvung einer dysfunktionalen Familie ab. Shakespeare würde diese klamaukige, aber auch ernsthafte Familiengeschichte lieben, ebenso wie das Publikum es tut. Es geht nicht um die gesamte Hamlet-Geschichte, sondern „nur“ um die Darstellung der Familienzerfleischung. Der tote Vater kommentiert als Sprechrolle das Geschehen, die aufgesexte Mutter, deren Gier vor nichts Halt macht, der zögerliche Hamlet und die hurenhafte Ophelia wirbeln mit dem mörderischen Claudius über die Bühne. Ein Pastor (nicht von Shakespeare) spielt Geilspecht wie Vermittler. Die Sprache ist vielleicht etwas zu flapsig-(reichs)deutsch, gibt aber dem Ganzen einen psychotherapeutischen Charakter. Sängerische Großleistungen von Theresa Kronthaler (Ophelia), Jochen Kowalski als Geist/Teufel, Marlis Petersen (Gertrud) und Bo Skovhus (Claudius), sowie Kurt Streit (Pastor) passen vorzüglich zum exzellenten Schönberg-Chor, der hier die Rolle eines griechischen Chors als Kommentator und Warner einnimmt. Andre Schuen als Hamlet weist sich im modernen Ambiente als Shakespearscher Zweifler und Zauderer, aber auch als Narzist aus. Großartig wie die Musik das Orchester.

Falstaff

Der im heutigen Wien zu Unrecht als Vergifter Mozarts und musikalisch schwachbrüstig denunzierte Antonio Salieri hätte diese hoch originelle Inszenierung seines Falstaff hoffentlich geliebt. Herein tänzeln Stan und Olli, letzterer wird Falstaff, ersterer Bardolf als Diener und Intrigant des und gegen ersteren. Die ganze heutige britische Königsfamilie tritt auf, die Queen mit Handtasche, immer gefolgt von Prinz Philipp, Charles und seiner Camilla, Kate und Harry, wobei die Damen Ms. Ford und Ms. Slender von Falstaff in unsäglicher Manier (auch das passt ins Brexit-England) proponiert werden. Mr. Ford kommt in James Bond-Manier und rast wie Graf Almaviva, Ehebruch vermutend. Das Ganze wirkt nie künstlich, sondern passt hervorragend. Die Ausstatter verwenden auch noch einen mit Plastikkugeln gefüllten Pool, in den die Protagonisten geworfen werden, sich stürzen, und suhlen – ein besonders attraktiver Gag. Salieris Musik (Dirigent Rene Jacobs) klingt anfangs etwas blechern, wird aber von Jacobs in ganz lichte Höhen getrieben. Der Schönberg-Chor singt nicht nur exzellent, sondern ist die gesamte Zeit voll mitspielend in die Handlung eingebunden und bringt der gesamten Inszenierung eine unheimliche Dynamik dar, die nur anfangs etwas aufgesetzt wirkt. Exzellente Sängerleistungen werden von Anett Fritsch als lebensnahes Kate-Double (Mrs. Ford) und als vom Wiesenfest kommende „Tedesca“ in Lederhosen vollbracht, ebenso wie vom hervorragenden Christoph Pohl (Falstaff), der die Lüsternheit und Olli’sche Schlauheit immer wieder büßen muss und zuletzt sogar – wie im Zirkus – als Rache zersägt wird. Sein Alter Ego Bardolfo wird von Thomas Gleadow mit tollem körperlichem und stimmlichen Einsatz gegeben. Auch die anderen SängerInnen passen sich dieser hervorragenden, Shakespeare relativ treu bleibenden Aufführung an. Die Akademie für Alte Musik aus Berlin zeigt mit Jacobs, dass Salieri mehr als ein Usurpator der von Mozart gewünschten Position war. Diese Inszenierung ist jedenfalls ein Glücksfall.

Beethoven/Schostakowitsch

Ein bemerkenswerter Abend im Konzerthaus: das Tokyo Symphony Orchestra unter der eleganten Leitung von Jonathan Nott spielte das Beethoven Violinkonzert D-Dur zwar, wie offenbar heute immer üblicher, sehr laut, vor allem in den reinen Orchesterpassagen, übertönte aber nie die sehr bestimmte und fantastische Pianissimi hervorzaubernde Isabelle Faust. Das Orchester war sehr präzise und technisch unerhört versiert. Der auswendig dirigierende Nott (eine Sonderleistung vor allem beim zweiten Stück) holte auch viel an Musikalität aus dem Ensemble heraus, er dirigierte einige Anfangspassagen eher langsam, forcierte aber in den dynamischeren Passagen das Tempo. Faust spielte eine eher ungewöhnliche Kadenz, im Duo mit dem Pauker, sehr eindrucksvoll.

Das Highlight war aber zweifellos der Schostakowitsch (10. Symphonie), der die ganze Meisterschaft des Komponisten für Variabilität (Tempowechsel, Dynamik- und Lautstärkenwechsel, Bukolik und stampfende Militärrhythmen und was es da alles noch gibt) brillant dargeboten aufzeigte. Vor allem die rasenden und stampfenden Rhythmen im 2. und 4. Satz beeindruckten ungeheuer. Da kam auch das technisch brillante Orchester zum Tragen, sodass der ganze Goldene Saal des Musikvereins vibrierte: die einzelnen Bläsersoli (Klarinette, Flöte, Oboe, Horn, Trompeten, Posaunen), die sich zerspragelnden Geiger brachten ein furioses Klangerlebnis, hinter dem die vielen lyrischen Passagen etwas zurückblieben.

Händels Alcina

Eine Barockoper in der Wiener Staatsoper ist ein Risiko wegen des riesigen Zuschauerraums. Aber die Musiciens du Louvre unter Marc Minkowski meisterten dies bravourös. Die Inszenierung strotzt vor Einfällen: Adrian Noble zieht die Oper als Spiel im Spiel auf, wodurch sich immer eine ganze Reihe von Personen auf der Bühne – zusätzlich zu den Sängern – befinden, die immer wieder Sessel für die Protagonisten bereitstellen, sich antrinken und sonst aber unauffällig verhalten; der Regisseur des Barockspiels sitzt auf der Bühne, immer wieder erscheinen einige Musiker aus dem Orchestergraben ebenfalls auf der Bühne und begleiten die Arien. Hinter dem Barockpalastambiente eröffnet sich eine endlose Wiese mit hohem Gras – die Insel. Einige Tanzeinlagen verkürzen die langen Zwischenspiele und bringen etwas Leben in die sonst so statische Barock-Bude.

Obwohl die Geschichte von Verzauberung, Liebe, Leidenschaft und sexueller Ausbeutung genügend verwirrenden Stoff bildet, der durch die üblichen Verkleidungen Frau/Mann noch verwirrender wird, gibt es kaum Action: es geht vielmehr um Gefühle, um tiefe Gefühle, die endlos vorgebracht werden: jeder Gefühlsausbruch mindestens mit fünf textlichen Wiederholungen, aber äußerst spannenden Musikvariationen. Unter dem sehr guten Sängerensemble stechen besonders Chen Reiss als Morgana und Myrto Papatanasiu als Alcina hervor, ebenso Rachel Frenkel als Ruggiero. Ganz erstaunlich der kleine Tölzer Sängerknabe als Oberto, der drei lange Arien inklusive Koloraturen zu bewältigen hat. Minkowski hat seine Musiciens voll im Griff – wahrscheinlich klängen sie im Theater an der Wien noch besser, aber das Publikum war jedenfalls auch in der Staatsoper zu Recht begeistert.

Woody Sez

im Vienna English Theater brachte eine äußerst vergnügliche und komptente Revue des Lebens und vieler Lieder von Woody Guthrie. Das Viererensemble sang und spielte die Lebensstationen Woodys, seine tragische Lebensgeschichte und sein noch tragischeres Ende, seinen Kampf für die Arbeiter und Bauern während des Dustbowl-Zeit, als eine mehrjährige Dürre im Südosten der USA Hunderttausende auf einen fürchterlichen Treck Richtung Kalifornien auf der Suche nach Arbeit und einem (besseren) Leben schickte(exzellent erzählt in John Steinbecks Grabes of Wrath). Zumindest bei „this land is your land, this land is my land, from California tot he New York Island“ sang ein Großteil des Publikums mit.

Schade: die in den Medien hochgelobte „Untergangsrevue“ Alles Walzer, alles brennt von Christine Eder im Volkstheater entpuppt sich als allzu hastiger Streifzug über ein absolut Interesse heischendes Thema, nämlich die Entstehung des „Roten Wien“ seit dem Bauboom und Ausnahmezustand 1886 bis zum Bürgerkrie 1934. Die Grundidee, dies anhand der Biographien der großen Adelheid Popp, der „roten Erzherzogin“ und Enkelin des Kaisers Elisabeth, und von Viktor Adler, dem Gründervater der österreichischen Sozialdemokratie zu erzählen ist gut. Ebenso, das Ganze musikalisch mit Musik von Eva Jantschitsch, alias Gustav, zu untermalen. Aber die Ausführung bleibt schal: zwar werden in atemloser Reihenfolge das Elend der Ziegelböhm, der Aufstieg der Arbeiterschaft gegen äußerst widrige, weil militärisch-autoritäre Widerstände, die Erkämpfung des allgemeinen und dann des Frauenwahlrechts, die Liebschaften der Erzherzogin und ihre Hinwendung zum Sozialismus, die Herrschaft des Mini-Napoleons, des austrofaschistischen Engelbert Dollfuss, teilweise sogar witzig erzählt, doch bleibt das Ganze flach, zusammenhanglos und lässt diesen Zuschauer etwas nostalgisch zurück: wie eindrucksvoll war 1977 die Proletenpassion von Heinz R. Unger und den Schmetterlingen, sowohl inhaltlich als auch musikalisch gelungen. Alles Walzer, alles brennt fühlt sich wie ein schwacher Abklatsch an. Dennoch: einige Nummern von Gustav, von ihr selbst vorgebracht, sind gut, aber es gibt kein durchgängiges Musikkonzept: da wird zu viel zitiert, die Musik bleibt blass. Qualtinger hat „Was dem Wiener ins Gmiat geht“ („a obgschöte Brunwurscht, des Gschbeiblert vor der Stehweinhalle“, etc. deutlich lakonischer und wortverständlicher gebracht als die bemühte Steffi Krautz. Alles in allem eine vergebene Chance, politisches Infotainment zu betreiben. Dennoch: das Publikum, offenbar nicht mit links-alternativem Hintergrund wie der Schreiber, brachte mindestens 10 Verneigungen des sehr bemühten Ensembles und der Musiker mit seinem Applaus vor den Vorhang.

Christoph Willibald Gluck: Armide

Kaum gespielt, eigentlich schade, denn das ist eine Oper mit packender Musik, exzellentem Libretto und grandiosem Liebesdrama als Wettstreit zwischen Liebe und „Ruhm“ (am Schlachtfeld). Die Story spielt während der Kreuzzüge im Heiligen Land und dort wird, wie bekannt, wüst gekämpft und massakriert (auch damals schon). Die Prinzessen Armide, die so schön ist, dass alle „Helden“ sie begehren, weist alle ab und läßt sie hinrichten. Nur einer, der Kreuzritter Renaud, ist ihren Reizen bisher nicht erlegen. Dieser, aus Kreuzzug-internen Gründen vom weiteren Mitmachen verbannt, macht sich auf, die formidable Armide, bisher unbesiegt sowohl als Frau als auch als Feldherrin, zu besiegen. Es stellt sich heraus, dass die Attraktivität Armides auf einem Zauber beruht. Sie benutzt diesen, um die Gefährten Renauds, und letztlich auch ihn, in die Arme ihrer daheim zurückgelassenen Geliebten und Kinder sinken zu lassen – offenbar um sie von ihrem Feldzug gegen Armide abzubringen. In innigem Gesang und Lieben möchten sich die Helden ihren Frauen hingeben – diese werden jedoch jäh als Illusion entlarvt und verschwinden. Armide entdeckt selbst die Liebe und verbringt mit Renaud (in Feinripp-Unterhose, ohne Eingriff) wundervolle Liebesstunden. Doch dann taucht der personifizierte Hass auf und versucht, zuerst erfolgreich, Armide ihr wahres Ziel nahezubringen, nämlich Renaud und damit die Kreuzritter zu vernichten. A. ist hin- und hergerissen, wird jedoch einer Entscheidung enthoben, da sich Renaud und Gefährten doch entschließen, sich männlich dem Ruhm statt der Liebe zu widmen.

Gluck setzt diese Liebesgeschichte, und den Konflikt beider zwischen Ruhm (Pflicht) und Liebe, dramatisch in Musik um, sodaß die drei Stunden in der Staatsoper wie im Flug vergehen. Marc Minkowski mit seinen Musiciens du Louvre bringt Dramatik pur, und die grandiose Gaelle Arquez als Armide singt und spielt sensationell: die Stimmungswechsel als grausame Henkerin und hingebungsvolle Geliebte, ihre Selbstzweifel singt sie mit Inbrunst und wunderschöner Stimmme, die alles vom gehauchten pianissimo bis zum kraftvollen fortissimo makellos meistert. Ihr Renaud (Stanislas de Barbeyrac) ist nicht ganz ebenbürtig, dennoch äußerst überzeugend. Hervorzuheben ist noch Margaret Plummer als Hass, die die Gemüter (und Armide) aufpeitscht. Auch die anderen Partien sind hervorragend besetzt. Die inszenierung ist glaubhaft, in einem sich in seinen Teilen drehenden Käfigturm, einzig die ständigen Garderobenwechsel, wobei die Umhänge an Peek&Kloppenburg-Kleiderständern herein- und hinausgerollt werden, sind erklärungsbedürftig, ebenso wie die Gewänder der Hofdamen (?) Armides, die aussehen wie altchinesische Mandarinen-Mäntel, oder aus japanischen Samurai-filmen bekannte weitärmelige Roben.

Verdienter langer Applaus für alle. Minkowski und seine Musiciens, als Lückenbüßer für das in Japan befindliche Staatsopernorchester eingesetzt, sind viel mehr als das.

Schatten (Eurydike sagt),

Elfriede Jelineks Uminterpretation der Orpheus-Sage im F23, einer verlassenen Fabrik im Wiener Niemandsland in der Regie von Sabine Mitterecker. Die Halle war kalt, die drei Eurydiken (Sarah Sanders, Christina Scherrer, Alexandra Sommerfeld) spielten exzellent, bzw. deklamierten sie ihren Text. Die Wortspielchen Jelineks wirken auf mich altbacken, auch wenn sie clever sind. Gut ist die Idee, das Ganze aus der Sichtweise Eurydikes zu betrachten, die in dieser Version froh ist, ihren frivolen Sängerknaben, der sich in der Hysterie der Groupies, die „alle ihre Körperöffnungen ihm öffnen“ suhlt, los zu sein und sich wehrt, von ihm wieder auf die Erde geholt zu werden. Gut auch die Sichtweise, dass der Verlust des Orpheus die Debatte bestimmt, aber der Verlust der VonUnsGegangenen ignoriert wird. Altbacken die Geisselung der Kleider-Kaufsucht der E., gut jedoch die Idee, dass Kleider nicht nur zur Behübschung des Körpers dienen, sondern dass man sich in ihnen auch vor der Öffentlichkeit verstecken kann. Sehr viel mehr konnte ich dieser Version nicht entnehmen – und trauerte jener Version im Akademietheater vor wenigen Jahren nach, in welcher der grandiose Nikolaus Habjan die damals sieben Eurydiken mit einer Jelinek-Puppe begleitete, die dem Ganzen skeptisch zusah.

Trümmerfrauen, Bombenstimmung im Grazer Schauspielhaus, vom Tausendsassa Sandy Lopicic, der auch Regie führte, mehrere Instrumente und auch schauspielte, stellte sich als dynamische Revue heraus, mit der Hauptrichtung Anti-Kriegsstimmung zu verbreiten. Im Vorspann spricht eine Putzfrau (Margarethe Tiesel) mit sich und dem Publikum über Kriegs- und Nachkriegs-Kochrezepte (wie man Eichelkaffee macht, wie man verschimmeltes Brot wieder genießbar macht, sie man den fehlenden Sauerrahm durch Milch, Essig ersetzt, etc.), geht immer wieder schauen, wann denn der Inspizient die Vorstellung beginnen lässt – verbreitet also wohlig-nostalgische Stimmung. Dann kommen die fünf Musiker und vier SchauspielerInnen auf die Bühne, allesamt in Kriegs-Nachkriegskleidern und beginnen mit einem Hubert von Goisern Lied, setzen, einzelne Szenen spielend, mit Brecht/Weill, Biermann, Sting, Heintje, Georg Kreisler bis Grönemeyer fort, und bieten, zusammen mit den Schauspielern einen fulminanten Szenenreigen mit Abschied des Soldaten in den Krieg, mit den sexuellen Nöten der daheimgebliebenen Frauen, mit den Übergriffen der Soldaten, mit den Zerstörungen, aber auch mit der Hoffnung auf ein besseres Leben. Die einzelnen Szenen, die Wahl der Musikinstrumente, von traditionellen bis zu Kochlöffeln, von um eine Lampe arrangierten Hupen bis zu Windrädern, die Gesangseinlagen, all das ergab einen äußerst vergnüglichen Abend, der vielleicht dem Thema „Trümmerfrauen“ weniger gerecht wurde als dem Thema „Bombenstimmung“.

Im Hamakom-Theater am Nestroyplatz spielt Robert Schindels „Dunkelstein“, ein Drama, das sich um die unterschiedlichen Meinungen der jüdischen „Gemeinde“ vor dem Anschluß dreht und durch diese Uneinheitlichkeit auch explizit die These widerlegt, die jüdische Gemeinde hätte sich sogar mit Waffengewalt gegen die Übergriffe der Nazis, auch gegen den Holocaust wehren können. Diese Gemeinde gibt es nicht, zeigt Schindel auf, es gibt Assimilierte, die sich auf ihren Kriegsdienst in der KuK-Armee berufen, es gibt die bürgerlichen, es gibt Zionisten, es gibt Kommunisten: deren Meinungen zueinander sind ähnlich divergent wie gegenüber der „arischen“ Bevölkerung. Der Hauptteil des Dramas erinnert aber an den Rabbiner Benjamin Murmelstein, der zum Leiter der „Auswanderungsstelle“ wurde, in Kooperation mit den Nazis, die Wien „judenfrei“ machen wollten. In dieser Funktion wurde Murmelstein zur Kooperation, aber nicht Kollaboration gezwungen – und war so, trotz vieler Anfeindungen auch von Seiten der Juden dafür verantwortlich, dass von 180.000 Wiener Juden 120.000 emigrieren konnten, bevor die Deportationen einsetzten. Murmelstein/Dunkelstein mußte allerdings auch diese organisieren – und damit auch Menschen „selektieren“. Das moralische Dilemma des Rabbiners, mit den Nazis zu kooperieren und ihnen dabei (auch) seine Kriterien für Hilfe zu oktroyieren, womit er einige zum sicheren Tod verurteilte, damit andere überleben konnten, wird von Michael Gruner in dieser sehr einfachen, aber sehr wirkungsvollen Inszenierung von Frederic Lion, ganz überzeugend dargestellt. Noch ärger wird sein Dilemma, als D. selbst nach Theresienstadt deportiert und dort zum letzten „Judenältesten“, zum „Führer der Juden“ eingesetzt wird. Auch dort muss er bei Selektionen mithelfen, hat aber, im Gegensatz zum frühen Wien, keine Möglichkeit, Ausreisen zu erwirken. Judenräte waren auch nach Kriegsende verachtet als Nazi-Kollaborateure, was auch Murmelstein zu fühlen bekam. Schindel gelingt es aber, ohne zu werten, ganz exzellent, das moralische, aber auch taktisch/strategische Dilemma eines Mannes zu zeigen, der in einem mörderischen System Entscheidungsgewalt über Leben und Tod bekommt, und dafür mindestens so viel Schmähungen und Verachtung erhält wie Hochachtung. Auch die anderen Charaktere, die in den vielen kleinen Szenen gezeigt werden, sind bestens in der Lage, ein Schlaglicht auf diese fürchterliche Zeit und vor allem deren Menschen zu werfen. Exzellent mit musikalischen Einlagen („Wien, Wien nur Du allein…“) versehen, freut sich der heutige Besucher – trotz des vermittelten Entsetzens – in einer ruhigeren, wenn auch bedrohlichen Zeit zu leben. Übrigens: Schindel selbst wurde als Säugling von Murmelstein am Leben erhalten: der Großteil seiner Familie kam im Holocaust um.

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Michelle Obama als Hillarys Schutzmantelmadonna

(am 3.11.2016 als Gastkommentar in der Wiener Zeitung erschienen)

Donald Trump attackiert Hillary Clinton wüst, seine Anhänger brüllen „Jail crooked Hillary“ („Ins Gefängnis mit der Lügnerin Hillary!“) er attackiert Barack Obama, dem er die Voraussetzung zur Präsidentschaft jahrelang wegen seiner angeblich nicht vorhandenen US-Geburtsurkunde absprach, „repeal Obamacare“!, er attackiert alles und jeden, vielfach unflätig. So hat er es im Vorwahlkampf mit seinen Gegnern gemacht, so macht er es jetzt. Und erst recht, seitdem der FBI-Chef 11 Tage vor der Wahl seine bisher unbegründete Meldung lancierte, „möglicherweise“ die Untersuchung gegen Clinton wegen ihrer e-mails wieder zu eröffnen (ein Schelm, wer hier keine Absicht vermutet), und damit Trumps Karten wieder verbessert.

Aber: kein Wort hat Donald Trump bisher über Michelle Obama geäußert, die ihn vorige Woche wegen seiner sexuellen Demütigungen von Frauen schärfstens attackierte. Und am 27.10. gab es erstmals einen gemeinsamen Wahlkampfauftritt von Hillary und Michelle, in einem Swing State, in Winston-Salem, North Carolina. Dort war nicht Michelle die Aufwärmband für Hillary, sondern es war umgekehrt. Und Michelle war grandios: sie appellierte an die Familie, an die Zukunft für die Kinder, an den Zusammenhalt der BürgerInnen, an die Größe der USA, auf der Hillary aufbauen würde. Sie attackierte den Defätismus Trumps, der die Stärken der USA negierte, die Familienwerte, die Nachbarschaftshilfe, die Gastfreundschaft. Ihre Rede galt nicht einem konkreten Zukunftsprogramm, sondern der Hoffnung, den Stärken der Amerikaner, ihrem unerschütterlichen Zukunftsglauben. Und sie erinnerte an den knappen Wahlsieg Baracks 2008 (nur 2 Stimmen pro Wahlbezirk in North Carolina), sie erinnerte an die Notwendigkeit, wählen zu gehen und sich nicht vom unerquicklichsten Wahlkampf aller Zeiten entmutigen zu lassen, sie erinnerte an die Opfer der Bürgerrechtler, die ihr Leben für die Möglichkeit aller AmerikanerInnen, wählen zu können – und erinnerte an die damit verbundene Verpflichtung, tatsächlich zur Wahl zu gehen, und zwar sofort (in North Carolina kann bereits seit einiger Zeit vorzeitig wählen!). Und: jede Wählerin, jeder Wähler sollte einen oder zwei zusätzlich Registrierte überzeugen, tatsächlich zur Wahl zu gehen.

Michelle würde wahrscheinlich die Wahl locker gewinnen, träte sie selbst an. Sie ist authentisch, sie spricht exzellent, sie verkörpert eine schwierige Familiengeschichte mit einem fast nur in den USA möglichen Aufstieg in die besten Universitäten – und letztlich zur First Lady. Das Faszinosum ist jedoch nicht ihre charismatische Präsenz, sondern die Tatsache, dass weder Sudelkandidat Trump noch seine Wahlkampfhelfer auch nur ein Wort gegen Michelle Obama sagen können: sie ist quasi die „Heilige von Washington“, die Unberührbare, die (schwarze) Madonna. Natürlich hat das mit ihrer Geschichte, mit ihrem Aufstieg als Anwältin, mit ihrem immer unterstützenden, aber nie in den Vordergrund drängenden Auftritt als First Lady zu tun, der sie glamourös, aber immer vollkommen natürlich, nie prätenziös, immer als Familienmutter und Bio-Gärtnerin, nie als Fashion Ikone, als zickig oder ihren Mann insgeheim beneidend, gesehen hat. Sie ist „untouchable“, sogar für Donald Trump. Und: sie ist sehr wahrscheinlich der entscheidende Faktor für einen Wahlkampfsieg Hillary Clintons. Sie wäre die bessere Kandidatin.

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Michelle Obama: Hillary’s “Virgin of Mercy” (1)

Donald Trump’s attacks on Hillary, on his rivals in the primaries, on anybody he thinks of as an adversary are notorious. His fans scream „Jail crooked Hillary“, he attacks President Obama, whose eligibilty for the US Presidency he denied in spite of overwhelming evidence to the contrary, and so on. The level of personal defamation, of outright lies has reached a record, formerly unimaginably low level.

But: so far Trump and his aides have not issued a single line of attack against Michelle Obama, who only last week lambasted him for his despicable attitude towards women. On October 27, 2016, the first joint appearance of Michelle Obama and Hillary Clinton occurred in Winston-Salem, North Carolina, a „swing state“, important to win. But it was not Michelle who played „warm-up“ act for Hillary, but the other way round. First spoke Hillary, then Michelle. And Michelle was fantastic: she hardly talked about programmatic issues, but rather about „US values“: family cohesiness, children’s future, solidarity of citizens, about America’s greatness on which Hillary would build. She attacked Trump’s defetism, his negativity, his aggression, his talking down of the US, of its strengths, of its achievements. She appealed to the boundless optimism which had „made America great“, to neighborly help and hospitality and care.

She reminded the audience of how close elections can be (in 2008 Obama won by 2 votes per precinct!), that every vote needs to get out to be counted. She implored citizens not to be discouraged by the egregiously vicious campaign and stay home. She reminded citizens of the sacrifices of the civil rights activists, that the capital had been built by slaves, she talked about the struggle to extend voting rights to all citizens. Everybody hearing her should go out „today“ and vote (in North Carolina early voting is possible). Everybody should convince one or two others to go and vote.

Michelle would probably win the election easily: she is authentic, charismatic, caring, talks very well, is the model of what can be possible in the US (from a poor black family to the best universities and to First Lady!) All this is well known, but the most amazing thing is that she is the only one around this election who cannot and has not been touched by anyone. Nobody has been able to dig up anything against her, she is a veritable „Saint“ – and thus untouchable. Not even „Lockerroom Donald“, nor his Breitbart aides have found anything and dare sully her. Of course, she herself is responsible for this „Black Madonna“ image: no scandals, a caring mother talking freely about her daughters and her husband, a gardener, her husband’s helper, always in the background, even though in the early Obama years many people thought that she was the brighter one. If Hillary wins, this will partly be due to Michelle’s help. And, dreaming on: she would make a better President.

[1] German: „Schutzmantelmadonna“: on several medieval and baroque paintings, Mary is depicted larger than everybody else, wearing a wide cloak under which the believers assemble. The image is one of protection.

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Trump und Lugner

Ist schon jemandem aufgefallen, dass es immer wieder ehemalige oder aktuelle Bauunternehmer in die Politik treibt? Vergessen wir in diesem Zusammenhang Haselsteiner, und konzentrieren wir uns auf Donald Trump und Richard Lugner. Ja, Lugner ist das österreichische Pendant zu Donald Trump. Die Parallelen sind nicht zu übersehen: beide Bauunternehmer, beide mit eigenartigem Frauenbild, das sie mit mehreren Heiraten auch selbst leben, beide extrem narzisstisch, beide benennen ihre Bauwerke weithin sichtbar mit ihren Namen, beide mit eigenartigen Frisuren, beide mit Fernsehshows, die sie bei bestimmten Wählermassen bekannt und populär machen – und beide versuchen sich, mit wechselndem Erfolg in der Politik.

Ich weiß nicht, wem von den beiden man mit diesem Vergleich Unrecht tut, aber in gewisser Weise ist Lugner der Westentaschen-Donaldtrump Österreichs, der sich mit aller Kraft und Unterstützung des Leitmediums Fernsehen in die Öffentlichkeit drängt. Die Peinlichkeiten der beiden sind Legion, der hervorstechendste Unterschied ist, dass die politische Bühne Österreichs – in diesem Fall Gottseidank – nicht viel zur Weltpolitik und zur Stabilität unserer Erde beiträgt – im Gegensatz zu den USA. Ein Präsident Trump wäre nicht nur für die USA, sondern für die Welt eine eminente Gefahr, Lugner nur eine (schlimm genug!) Lächerlichkeit.

Es gibt ja immer wieder die Gerüchte, dass sich Trump an Lugner insofern orientiert, als er eigentlich gar nicht wirklich das Amt des US-Präsidenten (nicht einmal die erfolgte Nominierung durch die Republikanische Partei) anstrebt, sondern diese peinlichen, aber leider ungeheuer populären Auftritte nur dazu nutzt, um seinen Namen noch bekannter zu machen, und vielleicht einen eigenen Fernsehkanal zu gründen. Lugner hat ihm dies mit Erfolg vorgeführt.

Den reaktionären Amerikanern, aber auch Trump, reichen die unsäglichen Fox-News mit ihrem täglichen lautstarken denunziatorischen Geschrei gegen alles und jedes, das sie als „liberal“ erachten, nicht mehr, sie wollen offenbar die offene Verhöhnung jedweden Anstandes, jedweden „Wertes“, jedweder ihnen nicht zugrölender Person (etwa die von Trump dirigierten Skandierungen „Lock-her-up“, also „ins Gefängnis mit Hillary“). Infotainment in seiner unsäglichsten, destruktivsten Form. Die letzten Umbesetzungen in Trumps Wahlkampfteam, die alle jene entfernen, die ihn weiter „in die Mitte“ der Wählerschaft treiben wollten und durch brüllende Denunziatoren ersetzten, scheinen diese Tendenz zu bestätigen: bis auf die „zornige weiße Unterschicht“, Trumps primäre Klientel, hat er noch alle anderen Gruppen im Lande, sowie einen großen Teil des Auslandes, mit Ausnahme seiner Bewunderung für autoritäre Führer wie Putin, beschimpft.

Richard Lugner hat es sich wahrscheinlich nicht träumen lassen, dass er zum Role Model eines Donald Trump wird. Geschäft regiert die Welt. So bleibt sie nicht mehr lange bestehen: der Komet kommt (@Johann Nestroy). Wir leben in äußerst gefährlichen Zeiten.

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Personal Observations on a 3.000 Miles Iran Trip

Caveat: this is not an objective analysis of Iran, but the rather superficial observations of a tourist. It is very likely that life for Iranians differs grossly from what one sees and experiences during a 21-day trip through Tehran, Quom, Kashan, Isfahan, Shiraz, Sisakht, Kerman, Yazd, Khoor and Tehran. For the tourist, the effects of the authoritarian clerical regime are nowhere visible.

The Iranian People in General

The most striking experience is the friendliness, openness, curiosity and consideration of the people. They freely (also, and especially, women) approach foreigners, ask their whereabouts, test their own English, want to have their picture taken with the foreigners, interview them for school projects, giggle and are self-assured – in spite of their veils, their chador, their predominantly black outfits. Many younger women in the cities have their noses fixed, all of them their eyebrows plucked, many are heavily made up (maybe as a contrast to the chador?), and openly smiling at you. Young fathers carry their babies (no baby carriages are seen), children are invariably treated nicely, couples walk along (not holding hands), women walk alone in the evenings, also in parks – all in contrast to our European prejudice about suppressed Muslims.

A most moving experience, attesting to the deep cultural identity of the Iranian people, can be found visiting the shrines/graves of long deceased, beloved poets, e.g. Hafez and Saadi. These shrines are well-maintained canopied tombs in the middle of beautiful parks. Iranian visitors, mainly but not only women, many with small children, approach the tomb, put one hand on the railing or the tomb itself and murmur in deep reverence poems by these poets – which are part of the national identity and culture, and obviously deeply engrained in people’s consciousness. Where else can you see that? Yes, in some Christian sanctuaries in Europe’s South, people do that, praying to a saint of God. But here, they pay homage to a Poet!

The Women

Black veil and chador dominate, but depending on the person, are worn either assiduously or – especially with young, modern women – more casually. My impression was that in contrast to discussions in Europe Iranian women wear the chador and veil as an everyday garment, being used to it since childhood. Even though, the chador in its original form as a large black piece of cloth is an extremely cumbersome piece of clothing, since it requires both hands to hold together, thus restraining the usual activities, like shopping, baby-carrying, etc. Frequently, women liberate one hand by clinching a piece of chador between their teeth: also not all that practical.

In the cities, many women wear the veil very far back on their heads, but all women are constantly occupied by adjusting veil or chador. Many wear more overcoat-like chadors with sleeves – which gives them free use of their arms and hands.

Younger urban women seem to be extremely conscious of their hair and face. The cosmetics industry, both materials and beauticians/hairdressers must be booming. How much time they spend each day with their makeup and body hygiene I would not dare to speculate upon, but it must take a lot of time (and money). And this is obviously not only done for their husbands, but for all the world to see.

In the desert, in the mountains, in far-away locations you sometimes even see women „European style“, without their veils.

For the tourist, it is hard to ascertain whether the stories of the 1980s (after the Islamic Revolution), that in the cities Revolutionary Guards rode motorcycles lashing out at the legs of women without adequately moderate outfits, still holds today. Observing many street scenes, it would seem highly unlikely that these things still occur. I did not see anybody playing morality police.

The Landscape

Probably the outstanding feature of Iran which is covered more than half by desert and mountains. Most oft he country is extremely dry (exception around the Caspian Sea and along river valleys), stunning mountain landscapes border all kinds of deserts (reminiscent of Badlands, Monument Valley, stone deserts, sand dunes), with 4000 m plus peaks covered in snow. The contrasts between super-arid deserts and snow-capped mountains is striking, mountain shapes vary from Dolomite style to Cappadocian bizarrities. Much irrigation effort is expended, irrigation canals water agricultural production (pomegranate, nuts, figs, apricots, dates, grapes, etc.), quanats (aqueducts) bring water from the mountains into the cities: large water storage spaces underground, with wind-cooled high domes.

The vastness oft he country (20 times the size of Austria, nearly half the size of Kazakhstan) makes for a very varied landscape and different characters of the provinces – which is very refreshing and interesting. We conquered mountain passes 2.600 m high and descended into deserts at 300 m sea level, temperature differences of more than 25 degrees. Hikers would find a (dry) paradise, apart from the much-visited snow-covered Davanand, but the vast Elburs and other mountain ranges have no hiking infrastructure (huts, marked trails), apart from a few areas.

The Economy

Iran has a GDP of more than 400 bill $, which yields a per-capita income of around 7.000 $, but around 17.000 $ on a purchasing power parity measure (World Bank Data), thus is classed a an upper-middle income country. Oil and gas provide 50% of the government‘s budget, prone to increase as sanctions are lifted, around 35% of GDP are exported, with more than 40% of GDP imported. Inflation runs at above 10%, the exchange rate has fallen from 14.000 rials per $ in 2012 to nearly 40.000 in 2016. Diversified manufacturing (cars, iron, building materials, machinery, textiles) and a high share of (personal) services, plus highly developed agriculture (under stress from lack of water). No energy problems, electricity nearly everywhere, gas pipelines into larger communities and factories.

As in many middle-income or developing countries, walking through the streets and bazaars one can observe a large variety of handicraft and artistic skills displayed in tiny and frequently, run-down workshops. Whether the government succeeds in raising taxes from these bazaaris is a matter of speculation.

The Roads

Excellent cross-country road system, but still many dirt roads to smaller destinations. Roads in cities and sidewalks are amazingly clean, along the country roads, ubiquitous plastic detritus. Roads are well maintained. Unusual driving habits, in cities no honking of horns, very considerate millimeter-exact driving, surprisingly smooth if heavy traffic in cities, giving full attention and consideration to drivers who want to U-turn, double-park, getting into roundabouts: self-regulated chaos with considerable problem-solving capacity. In cities, pedestrians are the only ones not being given the right of way, thus crossing streets is challenging. During 21 days and 4.500 km driving we saw only one car slightly damaged in an accident. Motorcycles abound, sometimes carrying 4-member families (one baby on the gas tank, another, smaller one wedged between father and mother). Women drive cars, but no motorcycles.

The Architecture

Beautiful mosques, mainly from 17th-19/20th (some earlier) century with delicate tile exteriors, the stunning main square in Isfahan, beautiful palaces with „Persian Gardens“ (7 are denominated as such by UNESCO, featuring water systems, ponds, plants), many restored, some made into restaurants or hotels. The latter are to be highly recommended as tourist accommodation, even if sometimes the trip to the shower and toilet takes a few minutes.

The rokoko-like interior of some palaces and mansions might not be to everybody’s taste, but are stunning. Extensive use of mirrors, gold and silver inlays, tiles in 7 colors make to admirer look in awe. Beautiful prayer niches and steps for the preacher are topped by amazingly skillful domes with stunning visual effects (e.g. in Isfahan’s Sheik Losfallah mosque, the dome is done in color-changing cream tiles, where in the late afternoon the sun rays give the impression of a peacock’s tail), etc., etc. Beautiful calligraphic Arabic writing is a usual feature in many mosques.

The vast Imam Square in Isfahan (530 by 160 m) is adorned with some of the most beautiful buildings (mosques and palace) of Iran and leads directly to one of the largest bazar mazes. Iranians proudly tell you that it is the second largest square in the world, topped only by Tianmen in Beijing. Its perfect symmetry and beauty (also including phallic Polo posts) attest both to the richness and aesthetic knack oft he Safavid (16/17th cent) sheiks. The bizarre music room in the palace, where the room walls are hollowed out into the shape of musical instruments, attracts more photographing tourists (both Iranians and foreigners) than I have seen anywhere in the world.

Persepolis is one-of-a-kind, both because of its age (pre-Alexander), its vastness and impressive features (gigantic back-to-back mythological figures (griffon, bulls, etc.) as column capitals), gigantic columns and rock graves. A number of Zoroastrian fire temples in beautiful locations, and „towers of silence“ (where the bodies oft he deceased were laid out for the vultures to clean the bones, so that the corpses would not contaminate the soil), the bridges of Isfahan give this 3500-year old culture a very special and unique touch.

Many bud-brick old caravansaries dot the landscape along the new/old roads, some of them beautifully restored as restaurants or hotels, with wooden platforms to lounge and eat on (sitting cross-legged with the food down in front of you is something for the young-uns. Much potential for restoring more of the old buildings remains.

Many walls of City Apartment buildings, many houses, many roads are adorned with giant painted protraits of “martyrs” of the Iran-Iraq war of the 1980s. In this way, this bloody aberrration is kept in the minds of People: they see their dceased loved ones every day and thus the Image of the Satan ( Iraq as the chosen example) is kept alive.

City-Country Differences

The larger cities have a very European flavor, more dusty, more hazy, more smog, more traffic, many small stores, some supermarkets, bazaars and many modern buildings. Small cities and countryside show large income and development differences. Iran clearly is a country „on the move“, with very uneven development: very rich side by side with very poor. Many resources seem to go to clergy-related purposes (Khomeini shrine near the airport in Tehran is a gold-adorned monstrosity, as are other shrines to Imams, their wives and their sons). Income distribution must be extremely uneven (according to World Bank figures, the lowest 20% own only 4% of all assets).

However, clergy is practically absent from the streets. One rarely sees a Mullah, the guards in the mosques and mausoleums are all civilians, guiding the (non-)believers with brightly colored whisks (in order not to physically touch the women). Individual farmers in the countryside live in very poor mud-brick huts, some kids have no shoes, life must be very hard. Shepherds roam the fields with flocks of sheep and goats, in the desert in the East a few camels are seen, but in general there is nothing green, only brown and beige soil and sand, with a few dry weeds to nibble on.

Hygiene

Cleanliness is an important part of Iranian culture. In every hotel, in every flat, in every mosque, shoes are taken off, plastic slippers stand ready, extra ones for the bathrooms. In many traditional restaurants, where they have a takht (sort of daybed) instead of, or in addition to, regular tables and chairs, after taking shoes off, the guests sit cross-legged on a carpet, a plastic tablecloth is put between the guests – not to be touched by the feet, on which the food is placed.

Many washing facilities in the streets and the villages, not only in front of mosques, much hand and arm washing going on. Squat toilets are standard (few exceptions) with water hoses to clean yourself (instead ot toilet paper), something to get used to. Traditional houses (hotels) sometimes have communal bathrooms.

Our Eurocentric History Interpretation

Coming from a classical high-school education where ancient Greece was portrayed as the pinnacle of culture and the repelled Persian invasions an act of barbarism defeated by a superior culture, the picture one gets in Iran is quite different: there, the ventures into Greece pale as insignificant endeavors against the large Arab (Muslim) invasion oft he 6th cent. or the Mongolian invasion oft he 12th-14th centuries and the various other nations attacking and conquering Persia over the millennia on their way West. Being in Iran, one also learns of the resilience of this, one of the oldest cultures in Central Asia, maintaining its identity over thousands of years.

In a book on the Mongolian campaign towards the West, I read that when they reached the Balkans around the present area of Bosnia, the leaders turned back because „in Europe there was nothing to be looted and no arts and crafts to be learned“, because it was such a backward place relative to China and Persia where the Mongols found an extremely refined arts and science scene.

The Food

If there is one complaint about Iran, it is the plainness of its food. While all imaginable vegetables, grains, spices, fruit, fish and meat exist, the ubiquitous kebabs (frequently rather dry) with mounds of white rice (sprinkled with a few safraned rice kernels), the few stews (usually with meat, vegetable and pomegranates, or plums, or dates), the disgusting-to-look-at Gizi (a lamb-potato mixture which you grind into a paste), plus a few other local specialties make a rather poor variety of diet. Every morning peeled cucumbers and tomatoes with soft cheese are rarely enriched by a lentil or bean soup. Somehow, both Turkey and the other Central Asian republics provide more of a variety of the fruit, vegetables and meats than the much more cultured Iran. The food is not bad at all, but lacks variety.

The absence of alcohol makes Doog, a Yoghurt drink with different herbs, a good alternative, in order to avoid the Western soft drinks in cans. Sometimes a beer would taste great, but the offered non-alcoholic variety is worse than nothing, so Doog it is! Lots of (weak) tea is being drunk, spiced with all kinds of herbs, coffee culture is restricted to nescafe, only upscale restaurants and a few cafes serve espresso and other „real“ coffee.

Interestingly, the silverware at restaurants consists in most cases of forks and spoons only, rarely knives. This works, since the food is normally cooked until the meat falls off the bones, to be eaten with a spoon

Preliminary Resumé

For a tourist interested in culture, arts, landscape and people, Iran is a dream. Its variety, old history, buildings, and the friendliness and considerateness of the people make it an absolute must to visit, especially before mass tourism might spoil some of it. So far, tourism infrastructure still needs to be improved, accommodations upgraded, especially „traditional“ accommodation needs to multiply. Roads are excellent, public transport city to city is reportedly adequate, diesel and gasoline prices are low (subsidized) at 7 Eurocents for diesel and 25 cents for gasoline. Weather in spring (April, May) and October ist probably best for travelling, excursions into the stunning desert landscapes to be recommended. For pure architectural beauty, Uzbekistan might be preferable, but Iran is a „living“ country with all its beauties and weaknesses, combining an ancient culture, stunning landscape and beautiful buildings with what must be one of the friendliest people of the world.

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