Category Archives: Life

“Ökonomen” gegen Attac: das nenn’ ich Brutalität

(Leserbrief in Die Presse am 8.9.2017 als Antwort auf Gabriel Felbermayer in Die Presse am 2.8.2017)

Die Presse brachte am 2.9.2017 unter dem Titel „Wie man Attac zum Schweigen bringt“ ein Interview mit dem österreichischen Ökonomen Gabriel Felbermayer, den sie gleich taxfrei zum „Sprachrohr der Ökonomen in der Freihandelsdebatte“ stilisiert. In diesem Interview zeiht F. „die Freunde von ATTAC“ der Unterstützung des Protektionismus, die Handelskette SPAR des vordergründigen Schutzes ihrer Profitinteressen und gleich alle Kritiker der so genannten „Freihandelsabkommen“ à la TTIP und der Globalisierung der Dummheit und rückt sie in die Nähe der Verhältnisse in Venezuela.

Als gelernter und praktizierender Ökonom erlaube ich mir, mich nicht von Felbermayer vertreten zu fühlen und seiner Holzhammerargumentation nicht zu folgen. Dazu nur einige Argumente: keiner der ökonomischen Kritiker der „Globalisierung“ oder der „Freihandelsabkommen“ tritt gegen fairen Handel ein, der Unternehmen und Konsumentinnen gleichermaßen zugute kommt. Kritiker meinen jedoch, dass es bei diesen Abkommen nicht um Freihandel, also vollkommen ungehinderten Fluss von Waren und Dienstleistungen geht, sondern, wie die endlos langen Verhandlungsdauern (bis zu 10 Jahre) vermuten lassen, um den jeweiligen Schutz eigener Unternehmensinteressen. Viele versierte Kritiker bedauern, dass die interessengeleiteten Handelsströme nicht Arbeitnehmern zugute kommen, sondern die Unternehmensgewinne enorm gesteigert haben – wie die seit Jahrzehnten fallenden Lohnquoten beweisen. Niemand übersieht dabei, dass Handel auch zu niedrigeren Preisen für Konsumgüter geführt hat, aber eben vielfach durch Druck auf die Löhne erkauft wurde: wie Netto-Wohlfahrtsgewinne sind unsicher. Ökonomen-Kritiker monieren an Abkommen wie TTIP, dass sie weit über den Handel hinausgehen und – ohne dies auszuposaunen – vielfach Investitionsschutzabkommen geworden sind, die den sozial- und umweltpolitischen  der Länder auszuhebeln versuchen – und damit Angela Merkels Ideal von einer „marktkonformen Demokratie“ nahekommen, anstatt einen „demokratiekompatiblen Markt“ anzustreben. Darüber hinaus gingen die Kritiker gegen Streitbeilegungsmechanismen vor, die sich außerhalb der üblichen Gerichtsbarkeit abspielen und von Unternehmensinteressen geleitet sein sollten.

Ökonomen-Kritiker der bestehenden Verhältnisse und Abkommen haben noch eine ganze Reihe von Argumenten im Köcher, derer sich meines Wissens ATTAC-Argumente teilweise bedienen. Kürzlich haben sich auch Professoren in Österreich diesem Reigen angeschlossen, der alle Kritiker der Unwissenschaftlichkeit zeiht – und nur ihnen, den Mainstream-Konformen Wissenschaftlichkeit zugesteht. Herr Felbermayer reiht sich in diese Gruppe ein. Er tut damit der ökonomischen Zunft keinen Dienst – und er spricht sicher nicht für alle „Ökonomen“.

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Political Correctness – Wohin?

Der direkte Anlass ist katastrophal: der Einfall von Neonazis, white supremacists und Unterstützern von „Alt Right“, der erzkonserviten rassistischen und antisemitischen Strömung, die prominent von Steve Bannon, jetzt Strategieberater Donald Trumps, vorher Chef von „Breitbart News“, einem hetzerischen Medium, unterstützt wurde, im beschaulichen Charlottesville, mit an KuKluxKlan erinnernden Fackelmärschen vor schwarze Kirchen und dann mit Waffen, Helmen und Schilden vor der Statue des Bürgerkriegsgenerals Robert E. Lee, um deren Beseitigung zu verhindern hat zu Straßenschlachten, dem Tod einer Gegendemonstrantin, zweier Polizisten und zu vielen Verletzten geführt – und in breiten Teilen der USA zur Erkenntnis, dass die lange verleugnete oder verharmloste Bewegung von identitären Terroristen unselige Zeiten der Bürgerrechtsbewegung wieder aufleben lässt. Und der Präsident, Donald Trump, hat nur allgemein Gewalt und Hass beklagt und „die Liebe beschworen“, wie sein Berater im Fernsehen sagte, ohne letztlich die Verursacher zu brandmarken.

Ganz klar, dass dieser Gewaltausbruch extrem verdammenswert ist, ganz klar, dass auch die Gesetzeshüter sich stärker mit diesem rechtsradikalen Terrorismus befassen und ihn mit den Mitteln des Rechtsstaates in die Schranken weisen müssen – und nicht nur „radikalislamischen Terrorismus“, dessen Ausrottung sich der Präsident einseitig verschrieben hat.

Dahinter aber steht wieder einmal die Frage, inwieweit Political Correctness, in diesem Fall die Beseitigung eines Symbols des 150 Jahre zurückliegenden Bürgerkrieges, also eines Südstaatengenerals, sinnvoll ist. Immer stärker wird in den USA, aber auch in Europa, von lautstarken Gruppen, vor allem von Studentinnen und Studenten verlangt, „beleidigende“ Symbole zu beseitigen, da sie eine Gruppe in ihrem Selbstwertgefühl verletzten. In diese Kategorie fällt der Beschluss des Stadtrates von Charlottesville. Eine ganze Reihe von Professoren, die „unliebsame“ Kurse anboten, wurde aus Colleges verbannt. In Oxford haben Studenten verlangt, die Statue des südafrikanischen Geschäftsmannes und Rassisten Sir Cecil Rhodes (nach welchem ein äußerst begehrtes Stipendium im UK benannt ist – auch Bill Clinton hat es gewonnen) vom Oriel College zu entfernen, nachdem 2015 schon dasselbe in Südafrika bei der dortigen Universität gefordert wurde. Es scheint, dass viele Menschen heute nicht mehr bereit oder in der Lage sind, „Beleidigungen“ ihres Egos, ihrer Identität zu ertragen, und daher die Entfernung der Steine des Anstoßes fordern. In Österreich denunzierten vor kurzem drei Professoren der Wirtschaftsuniversität andere als die von ihnen vertretene Mainstream-Ökonomie als „unwissenschaftlich“, ohne sich einer inhaltlichen Diskussion zu stellen. Man würde meinen, dass in einer Universität ein gewisser Respekt vor anderen Lehrenden und Forschenden vorhanden ist und in eine inhaltliche Diskussion mündet, die allerdings nicht in „einer einzigen Wahrheit“ münden kann: Wissenschaft eben.

Geben die Autoritäten diesen Wünschen nach, machen sie sich selbst der Geschichtslosigkeit und der Negierung von Diskussion schuldig: werden alle als negativ empfundenen Symbole der Geschichte entfernt, entschwindet auch die Geschichte und die Lektionen, die man daraus lernen kann. Viel richtiger wäre es, solche Wünsche zum Anlass zu nehmen, über die Geschichte, über das Böse und Gute, die Vielfalt von Menschen zu diskutieren, daraus zu lernen und den heutigen und künftigen Generationen zu vermitteln, dass man sich mit den Geschehnissen auseinandersetzen muss, dass die Welt nicht nur angenehm und gut ist, sondern vielschichtig und kompliziert ist. Ich denke hier als positives Beispiel an die Diskussion in Wien um die Beseitigung des Karl Lueger Denkmals, um die konstruktive Idee der Kunstuni, einen Wettbewerb zur Neugestaltung des Platzes, unter Beibehaltung der Statue zu machen, um damit die Persönlichkeit Luegers, eines Wegbereiters von Hitlers und der Nazi Antisemitismus, zu beleuchten. Wäre die Statue weg, wüßte heute und morgen fast niemand um die Taten (Modernisierung von Wien) und Untaten (virulenter Antisemitismus: “wer a Jud is, bestimm I”) des Mannes vor dem ersten Weltkrieg.

Daher: die Vielfalt der Meinungen, die Vielschichtigkeit der Persönlichkeiten, die Diversität der Welt wird immer zu unterschiedlichen Anschauungen dazu führen. Demokratische Verhältnisse bedeuten nicht, andere Meinungen akzeptieren zu müssen, sie benötigen aber Diskurs und Auseinandersetzung, damit die Einsicht entsteht, dass es unterschiedliche Anschauungen gibt, die alle legitim sind, soweit sie nicht die Rechte der anderen verletzen. Statt zu twittern, müssen wir miteinander reden, nicht nur in Echokammern Gleichgesinnte suchen. Zivilisation bedeutet das Miteinander von Gegensätzen, damit auskommen, sich damit auseinanderzusetzen.

Keinesfalls aber Gewalt und Attacken gegen andere: der Staat muss dafür sorgen, dass diese Auseinandersetzungen möglich sind und friedlich verlaufen. Wo war die Polizei in Charlottesville?

Natürlich muss man unterscheiden zwischen Symbolen, die unterschiedliche Geschichtsbilder repräsentieren und solchen, die als Negation einer menschenrechtlichen und moralischen Haltung errichtet wurden, die menschenverachtenden Regimen und Haltungen dienen. Dies macht aber nur den Diskussionbedarf noch stärker sichtbar: Es schlägt allerdings dem Fass den Boden aus, wenn der amerikanische Präsident die Sezessionisten Lee und Jackson gleichsetzt mit den Staatsgründern Washington und Jefferson. Dies verrät die Gründungsidee und den Gründungsmythos und damit das Staatsverständnis der Vereinigten Staaten. Ein solcher Präsident müsste wegen Verfassungsverletzung angeklagt werden!

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Konflikt durch Klimawandel

(am 15.8. in der Internetausgabe der Wiener Zeitung veröffentlicht)

Die heurigen Gewitter, Überflutungen, Murenabgänge und Trockenheiten zeigen auch dem verbohrtesten Österreicher, dass die Folgen des Klimawandels auch bei uns angekommen sind. Das eklatante Beispiel der Probleme der Autoindustrie durch Dieselabgasskandal, vor allem in Deutschland, das sich so lange als „Vosprung durch Technik“ und „umweltbewußtes Fahren“ als Grün-Techniknation No.1 berühmte, zeigt auch den Autoliebhaberinnen, dass es nicht nur um das ferne Abschmelzen von Grönlandeis, die Gletscherschmelze und Probleme in Afrika und Asien geht, sondern dass der Klimawandel tatsächlich uns alle betrifft, und zwar zunehmend massiv.

Die Politik steht dem, trotz der Selbstbelobigung wegen des Pariser Klimaabkommens, weitgehend hilflos, ja vielfach als Komplizin gegenüber. Beispiele gefällig? Die steuerliche Bevorzugung von Dieseltreibstoff, die dazu geführt hat, dass in Deutschland und Österreich die Hälfte der neu zugelassenen Fahrzeuge Dieselantrieb haben, und damit mit Stickoxiden und Feinstaub nicht nur Kleinkinder in ihren Kinderwägen auf Auspuffhöhe, sondern alle Stadtbewohner gesundheitlich schädigen. Oder die Tatsache, dass ein früherer deutscher Bundeskanzler Lobbyist der Öl- und Gasindustrie ist, dass ein früherer deutscher Verkehrsminister Cheflobbyist der Autoindustrie geworden ist, dass auch in Österreich Politiker fast aller Parteien ihre schützende Hand, vollgestopft mit Subventionen, über die Autoindustrie und deren Verbrennungsmotorenmanie halten, gestützt durch Medien aller Art, die mit Autobeilagen und bevorzugten TV-Übertragungen von Auto- und Motorradrennen ebenfalls zu Lobbyisten dieser die Städte veröden lassenden Technologie geworden sind. Oder das fast einhellige Urteil der österreichischen Politiker, das Urteil des Verwaltungsgerichtes gegen die 3. Startbahn in Schwechat anzugreifen.

Erst ein Gericht hat in Stuttgart die Politik zum Handeln aufgefordert, nämlich aufgrund der Umweltverschmutzung selektive Fahrverbote, vor allem für alte Dieselmotoren zu erlassen, um die Bevölkerung zu schützen, Gericht hat die 3. Startbahn (vorläufig) verboten, nicht die Politik.

Bei all den genannten Beispielen wird immer wieder das Arbeitsplatzargument dafür herangezogen, dass im Zweifelsfall wirtschaftlichen Interessen vor jenen für eine bessere Umwelt der Vorzug gegeben werden müsse. Diese letzten Entwicklungen sollten jenen die Augen öffnen, die meinen, man könne alle potenziellen Konflikte zwischen Ökologie, Ökonomie und Sozialem in „Synergien“ verwandeln; man könne also ohne Verhaltensänderungen, hauptsächlich mit technischen Lösungen (zB „Geo-Engineering“) den Lebensstil der reichen Länder weiterführen. Auch wenn dieser „Lebensstil“, diese Art zu wirtschaften und zu leben, nicht genau jene Klima- und Umweltprobleme hervorgerufen hätte, unter denen wir alle zunehmend leiden.

Die Politik ahnt diese gravierenden Konflikte – und versteckt sich bisher. Seien es Verteilungskonflikte, wo man „einigen etwas wegnehmen muss, um anderen mehr geben zu können“, seien es Umweltkonflikte, wo es um andere Siedlungsformen, anderes Mobilitäts- und Wohnverhalten, Konsumänderungen, ja vielleicht um das Schlachten der heiligen Kuh „Wirtschaftswachstum“ (in der bisherigen Form) gehen muss – all diesen umwälzenden Entscheidungen geht die Politik aus dem Weg, um nicht „die Finanzmärkte“ zu beunruhigen, um nicht das „scheue Reh“ Kapital zu vergrätzen, um nicht die satten Bürgerinnen und Bürger aufzurütteln.

Wir müssen uns – im Sinne einer Sicherstellung der längerfristigen Zukunft – vermehrt grundsätzlichen Fragen und Entscheidungen stellen. Den Kopf unter das Kopfkissen zu stecken, löst die Probleme nicht. Die Schönredner unter den Politikern, die uns eine heile Welt von „weiter so wie bisher“ vorgaukeln wollen, sollten wir in diese schöne heile Welt schicken und sie von jenen ablösen lassen, die uns reinen Wein über die Probleme einschenken, Lösungsoptionen mit uns diskutieren und auch konfliktträchtige Entscheidungen vorbereiten – und diese dann umsetzen. Mehr von allem und Weiter so wie bisher geht nicht mehr. Die Wahrheit ist uns zumutbar

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Vorsprung durch Technik?

(Unter dem Titel: Deutsches Auto, österreichisches Problem in der Zeitschrift Falter 32/17 etwas verändert veröffentlicht)

Die Skandale reißen nicht ab: zuerst die Dieselmanipulationen, die in den USA zu sehr hohen Kosten führen. VW ist bisher zu Strafen und Kompensationen von 22 Mrd € verurteilt worden. Jetzt der Kartellverdacht gegen die deutschen Autohersteller und Bosch: diese hätten zulasten ihrer Käufer und der Umwelt seit 1990 verbotene Absprachen getroffen, die nicht nur – wie sie behaupten – die Technologieführerschaft Deutschland befestigt hat, sondern zu kostensparenden gemeinsamen Einsparungen geführt hätten. Es geht unter anderem um die Größe jener Tanks, mit denen Harnstoff die Dieselabgase weitgehend neutralisieren kann. Geschädigt sind Umwelt und KäuferInnen.

Die noch zu erwartenden Strafen und die unzulänglichen Versuche der Hersteller, in Europa durch Software das Problem aus der Welt zu schaffen, wiegen angesichts der Entwicklungen auf dem globalen Mobilitätsmarkt weniger als der Imageverlust und der Nachholbedarf bei elektrischen und selbstfahrenden Autos. Endlich erkennt die internationale Gemeinschaft, dass es angesichts der Umweltprobleme, der Staus, der Verödung ganzer Städte durch geparkte und im Schneckentempo kriechende Autos nicht weiter um Autobesitz gehen kann, sondern um „Mobilitätsdienstleistungen“, also: wie komme ich am besten – und im gesamtgesellschaftlichen Sinne schonendsten Weg – von hier nach dort. Wir kennen die alte Diskussion um öffentlichen versus privaten Verkehr, aber jetzt sehen wir riesige Umwälzungen (v.a.in den USA, in China, in Korea) mit Elektrofahrzeugen und mit„autonomem“ Fahren. Carsharing war hier nur ein Anfang. Bei diesen Entwicklungen hinkt die Hochtechnologienation Deutschland, deren Autoindustrie der ganze Stolz ihrer Politiker ist, hinten nach, weil sie auf die Optimierung von Verbrennungsmotoren gesetzt hat.

Durch die Strafen und die Rückstellungen wird bereits jetzt die Investitionstätigkeit deutscher Autofirmen eingeschränkt. Der Einbruch ihrer Börsenkurse, der das sinkende Vertrauen der Investoren anzeigt, tut sein übriges. Die deutsche Politik, voran Bayern, aber auch die Bundesregierung, hat bisher ihre schützende Hand über die Autoindustrie gehalten. Das geht nicht mehr. Das kürzliche Gerichtsurteil, dass Stuttgart (alte) Dieselautos verbieten muss, die Ankündigung von Volvo, in 2 Jahren nur mehr Elektroautos zu bauen, die Ansage Großbritanniens und Frankreichs, ab 2040 Diesel- und Benzinautos zu verbieten, Verbote einzelner Städte – all dies muss die deutsche Autoindustrie alarmieren. Ein etwaiges Verbot von Verbrennungsmotoren ab 2030 würde dort 320.000 Arbeitsplätze gefährden. Deutschland, das seine Reputation als Technologieführer zu verlieren droht, gerät gegenüber seinen internationalen Konkurrenten ganz massiv in Nachteil. Viele der neuesten Entwicklungen kommen nicht von den traditionellen Autobauern und Tesla, sondern von „betriebsfremden“ Newcomern wie Google, Amazon, Microsoft und Alibaba. Deutschlands Leitindustrie ist für diese Zukunft schlecht gerüstet.

Und Österreich? Unsere Fahrzeugindustrie generiert jährlich etwa 14 Mrd € an Umsatz und beschäftigt 30.000 MitarbeiterInnen. Ein massiver Marktanteilsverlust von Deutschland im globalen Mobilitätsmarkt würde auch Österreich, das besonders stark auf Dieselmotoren setzt (BMW-Werk in Steyr, AVL-List in Graz) schwer treffen. Eine öffentliche Diskussion darüber, wie mit dieser prekären Lage umzugehen ist, fehlt. Die schützende Hand der Politik über die Verbrennungsmotoren-Industrie erweist sich als Innovationsbremse: die niedrigere Mineralölsteuer für Dieseltreibstoff, die Förderung von Verbrennungsmotoren-Standorten, alles mit der Argumentation der sonst bedrohten Arbeitsplätze, hat die Firmen fehlgelenkt. Sie haben Technologien in einem Bereich optimiert, der keine Zukunft hat. Auf die Warner hat man nicht gehört.

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Eine Vergebene Chance

Am 19.6.2017 stellte Grame Maxton, Generalsekretär des Club of Rome seinen neuen, zusammen mit Jorgen Randers verfassten, Bericht an den Club of Rome „Ein Prozent ist genug. Mit wenig Wachstum soziale Ungleichheit, Arbeitslosigkeit und Klimawandel bekämpfen“ in der Österreichischen Nationalbank vor. Gemeinsam mit Sonja Puntscher-Riekmann von der Universität Salzburg war ich als Diskussionsredner geladen.

Maxton stellte in seinem Vortrag weniger sein Buch als die gesamte Entwicklung der Umweltsituation seit dem grundlegenden CoR-Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ 1972 vor, präsentierte erschreckende Ergebnisse über Eisschmelze, Permafrost-Auftau und andere Umwelt- und klimaschädliche Entwicklungen und brachte die Meinung der ganz überwiegenden Wissenschafter der Welt mit viel Information zum Ausdruck, dass das in Paris vereinbarte Klimaziel, die Temperatur maximal um 2 Grad ansteigen zu lassen zum beeindruckenden Ausdruck.

In seinem Buch macht er „marktradikales Denken“ für die gravierende Lage bei Umwelt und Sozialem verantwortlich und stellt 13 einzelne Vorschläge zur Bekämpfung der Situation vor. Da sich die Mehrzahl der Diskussionen auf diese Vorschläge konzentrierte, seien sie hier ganz kurz angeführt (S.150):

1. Verkürzung der Jahresarbeitszeit

2. Anhebung des Renteneintrittsalters

3. Neudefinition des Begriffs „bezahlte Arbeit“ (um häusliche Pflege zu inkludieren)

4. Erhöhung des Arbeitslosengeldes

5. Erhöhung der Steuern von Unternehmen und Reichen

6. Verstärkter Einsatz grüner Konjunkturpakete

7. Besteuerung fossiler Brennstoffe und faire Verteilung der Erlöse auf alle Bürger

8. Verlagerung von der Einkommensbesteuerung auf die Besteuerung von Emissionen und Rohstoffverbrauch

9. Erhöhung der Erbschaftssteuern

10. Förderung gewerkschaftlicher Organisationen

11. Beschränkung des Außenhandels

12. Förderung kleiner Familien (Geburtenkontrolle)

13. Einführung eines existenzsichernden Grundeinkommens für diejenigen, die es am dringendsten brauchen.

Ohne auf alle einzelnen Maßnahmen einzugehen, brachte ich folgende Punkte vor.

1. Es ist gut, dass es dieses Buch gibt, da es wieder einmal auf die gravierende Situation der sozialen Lage und der Umweltsituation eingeht. Da es sehr einfach geschrieben ist, kann es weite Verbreitung – auch unter Laien – finden.

2. Kritisch ist anzumerken, dass es keine „Vision“ gibt, wie wir künftig „nachhaltig“ leben sollen. Eigentlich will das Buch, welches sich primär auf die reichen OECD-Länder bezieht, nur weniger vom Gleichen, aber keinen grundlegend anderen Lebensstil. Weder wird anderes Mobilitätsverhalten angesprochen, noch etwa hauptsächlich fleischlose Ernährung (wegen des Landverbrauchs und der Methanbelastung) noch andere Raumordnung, etc. Ob wir unseren „imperialen Lebensstil“ (Ulrich Brand) so weiterleben können und sollen, der auf der Ausbeutung von Mensch und Umwelt beruht, wird nicht angesprochen, nur das „marktradikale Denken“. Letztlich bleibt im Buch das bestehende Wirtschaftssystem aufrecht.

3. Es erstaunt, dass in einem Bericht an den Club of Rome die Vorschläge sich überwiegend auf den sozialen Sektor beziehen, und nur 3 von 13 konkret auf die Umweltsituation.

4. Während ich (fast) alle der 13 Vorschläge, jeden für sich selbst, sinnvoll finde, stehen diese unabhängig nebeneinander. Es gibt keine Gesamtschau der Effekte, keine Konsistenz, ja einige widersprechen einander diametral – so etwa die Arbeitszeitverkürzung und die Anhebung des Pensionsantrittsalters, oder es werden grüne Konjunkturpakete gefordert, was das Wachstum ankurbelt – wie ist das mit dem 1%-Ziel vereinbar?

5. Abstrus erscheint mir der Vorschlag, in der reichen Welt jeder 50-jährigen Frau, die maximal ein Kind geboren hat, 80.000€ zu geben. Erstens schrumpft in der reichen Welt fast überall die Bevölkerung, dort ist also das Bevölkerungswachstum nicht das Problem, zweitens ist vollkommen unklar, wie das gegenfinanziert werden soll – wie auch bei den anderen Vorschlägen.

Insgesamt stellen sich die Vorschläge als Mischmasch aus im einzelnen möglicherweise sinnvollen Maßnahmen heraus, von denen viele Steuergeld kosten (Arbeitslosengeld, Konjunkturpakete, Geburtenkontrolle, Grundeinkommen), deren Gesamtwirkung auf Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft vollkommen im Nebel bleiben. Wachstumssteigerung, Wachstumsabschwächung, Schuldenabbau, höhere oder niedrigere Arbeitslosigkeit, mehr oder weniger Umweltbelastung – alles ist möglich.

Und letztlich werden die Maßnahmen als „sinnvoll“ dargestellt und suggeriert, dass sie mit Überzeugungsarbeit „leicht“ durchgesetzt werden können. Ich meine dagegen, dass wirklich nachhaltiges Wirtschaften eine tiefgreifende Transformation des Gesellschafts- und Wirtschaftssystems benötigt, die auf massive Interessenkonflikte und Verteidigung von „vested interests“ stoßen wird, auf die die Proponenten sich einstellen müssen. Jene Interessen, die die derzeitige Misere herbeigeführt haben und davon profitieren, werden diese Positionen nicht durch Überzeugungsarbeit aufgeben. Das sehen wir tagtäglich.

Ich stimme allerdings mit dem Schlusswort des Autors überein, dass sofortiges Handeln nötig ist und daher auch kleine Schritte gegangen werden müssen. Mittel- bis langfristig allerdings wird es gewaltige Dynamik und politischen Druck der Bevölkerung brauchen, um die Klima- und Sozialkatastrophe abzuwenden.

=>>Randers/Maxton: Ein Prozent ist genug. oekom-Verlag

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Wiener Oper Frühling 2017

Der tumbe Tor im Narrenhaus?

Wagners Parsifal in Steinhof, eine Idee von Regisseur Alvis Hermanis, die weitestgehend erstaunlich gut funktioniert. Das etwas schwülstige Jugendstil-Ambiente des Otto-Wagner Psychiatrie-Spitals, bzw. eigentlich der dazugehörigen Kirche gibt einen klaren Hintergrund für die mystisch-christliche Handlung von Glauben, Keuschheit, Buße, Mitgefühl und letztlich Erlösung. Wie bei Wagner häufig (Tristan, Siegfried, Tannhäuser, Holländer – und die jeweiligen „Partnerinnen“), geht es um sexuelle Obsessionen und Verfehlungen, die zu sühnen sind, vor allem, wenn sie (potenzielle) Gralsritter und deren König betreffen: der sich selbst kastriert habende Klingsor hat (wie Luzifer) keine Aufnahme bei den Graslrittern gefunden und benutzt Kundry, die das Sakrileg begangen hat, bei Jesus Kreuzigungstod ihn auszulachen, Gralsritter der nahen Burg zu verführen, um sich so zu rächen. Ihr Hauptcoup: den König Amfortas in ihren Armen seinen Eid vergessen zu lassen und es so Klingsor zu ermöglichen, die heilige Lanze (Speer) mit der Jesus durchbohrt wurde, in seine Gewalt zu bringen und damit Amfortas eine Wunde zuzufügen (Stigma?), die nicht heilen kann, bis einer „reiner Tor, wissend durch Mitleid“ ihn erlösen kann. Der in der Wildnis aufgewachsene Parsifal verirrt sich auf das heilige Gebiet der Gralsritter, sieht ungerührt deren Gralszeremonie zu, die Amfortas durchführen muss, um die Lebenskraft der Gralsritter und seines alten Vaters Titurel zu erhalten – ohne die erlösenden Mitleidsworte zu sprechen. Also wird er davongejagt, gerät über Kundry, die wieder in Klingsors Diensten (ungewollt) ist und ihn verführen soll, in sexuelle Bedrängnis (auch mit den Blumenmädchen), wird aber plötzlich durch Kundrys Kuss an seine Mutter, die Geschichten seines in Arabien (Kreuzzüge!) gestorbenen Vaters und seine (mögliche) Mission erinnert und entsagt, um zu den Gralsrittern – diesmal „wissend“ zurückzukehren. Diese sind todmüde (a la den Göttern in der -dämmerung!), Titurel ist aufgrund Amfortas‘ Weigerung, die Gralszeremonie zu zelebrieren, gestorben (noch eine Schuld!), werden aber endlich durch Parsifals erlösende Worte erlöst. Parsifal tauft Kundry, Amfortas kann sterben und Parsifal läßt sich als neuer König der Gralsritter feiern.

Wie gesagt, alles im Spitalsambiente – weiße Betten, Ordensschwestern, Ärzte, Krankenpfleger im Stil der letzten Jahrhundertwende. Hauptritter Gournemanz wird zum Chefarzt, Kundry im Gitterbett gehalten, Amortas ist Patient, die Gralsritter sind (offenbar) teils Ptienten, teils Ärzte, teils Personal. Hermanis zieht dies bis zum Schluß durch.

Rätselhaft und nicht schlüssig (für mich) bleiben einige Einfälle: in den Regalen, sowohl bei Dr. Glournemanz als auch bei Klingsor (offenbar eine andere Abteilung des Spitals) offenbar die Gehirn- und Fötenpräparate von Heinrich Gross (Spiegelgrund) – wozu? Am Schreibtisch von Dr. Gournemanz ein Mini-Gehirn, dann ein größeres, durchbohrt vom heiligen Speer bei Klingsor, und letztlich ein Riesenexemplar Gehirn (mich hat es an die fürchterlichen Mahlzeiten beim Bundesheer 1961 erinnert, als es mehrere Male große gräuliche Rindergehinrwindungen in den Resten der von der U.S.Army 1955 zurückgelassenen Paradeispampe gegeben hat!) in der letzten Szene: die Parallele: Amfortas‘ Wunde scheint nicht auf der rechten Seite, sondern eine Kopfverletzung zu sein – wozu? Freud‘s Couch in Klingsors Büro, wo er Kundry offenbar hypnotisiert: naja…einiges doch zu sehr Marke Holzhammer! (Im Programmheft erklärt Hermanis einige seiner Intentionen sehr kunstreich und überlegt. Ich bin aber der Meinung, dass Konzept und Symbolik vom Zuhörer auch ohne die Einführung verstanden werden sollten).

Trotzdem: ein ziemlich schlüssiges Konzept, hervorragend musiziert von den Philharmonikern unter Semyon Bychkov, der ganz wunderbar die grandiosen Sänger zur Geltung kommen läßt, sie (fast) nie übertönt, trotz süffiger Akkorde. Von den Sängern am herausragendsten Kwangchul Youn als Gournemanz, dessen Bass besonders in den vielen lyrischen Passagen wunderbar pianissimo zur Geltung kommt, der aber auch in den lauteren Szenen exzellent agiert. Nina Stemme als Kundry wird den hohen Erwartungen mehr als gerecht: sie spielt die bestialische Kranke, die Verführerin und die Büßerin überzeugend, ihre Stimme nimmt sie zeitweise zurück, um den einige Male schwächelnden, meist aber bestens intonierenden Christopher Ventris als Parsifal voll zur Geltung kommen zu lassen. Beeindrucken auch Gerald Finley als Amfortas, und Jochen Schmeckenbecher als Dr. Klingsor. Wie immer exzellent der Chor.

Trotz der mystisch-esoterischen Handlung, aufgelockert durch das allzu menschliche Heischen von Mitleid (besonders wichtig in unserer ich-zentrierten Zeit) ein beeindruckender Abend. Die wunderbare Musik mit exzellenten Sängern in einer gänzlich untypischen Inszenierung bilden ein (fast) vollkommen geschlossenes Ganzes.

Ebenfalls mit einem mythologischen Thema befasste sich die Medea von Aribert Reimann, in Auftrag gegeben vor zehn Jahren von der Wiener Staatsoper. Das ist ein ganz erstaunliches Werk, die musikalische Spannung hält locker über die zwei Stunden: kleine Klangbündel, aneinandergefügt in intensivsten Akkorden, starker Bläser- und Perkussionseinsatz, die SängerInnen ihr gesamtes Stimmrepertoire hinauf- und hinunterjagend: wirklich fantastisch. Dazu eine karge, sehr eindrucksvolle Inszenierung, auf mit großen Steinen überlagertem kargen Boden spielend, darüber in einem durchsichtigen Kubus der Königspalast, aus dem eine Treppe herabgesenkt wird, um die Begegnung zwischen den Heimischen (ganz in weiß) und dem Fremden, Wilden (in Farben) zu ermöglichen. Alles ist Kontrast – wie die Musik: hier die hocheleganten Korinther Kreon und Kreusa, dort die aus Kolchis zugereisten Medea plus Kinder und ihre Dienerin Gora, sowie Jason, der allerdings schon zu Beginn des Stückes im Begriff ist, sich auch kleidungsmäßig dem Heimischen zu nähern. Jason erscheint als extremer schwächlicher Opportunist, der bislang immer auf die Butterseite gefallen ist: nach dem Tod seines Vaters wuchs er bei Kreon auf, Medea hat ihm das goldene Vlies errungen – und nun, da er wieder in die „Zivilisation“ (nach dem wilden Kolchis) zurückwill/muß, ist er bereit, die Seinen zu verlassen, um sich in Kreons Schutz begeben zu können. Adrian Eröd singt und stellt diesen Wendehals und Egoisten, der sich immer als Opfer fühlt, aber auch Täter ist, exzellent dar.

Claudia Barainsky ist eine stimmgewaltige und wahrhaft „wilde“ Frau, die weder mit der Integration zurechtkommt, noch bereit ist, sich von Jason opfern zu lassen und ihm ihre Kinder zu übergeben. Was Barainsky an Akrobatik, an Verzweiflung über das Verlassenwerden, an die Hoffnung, Jason zurückzugewinnen, aber dann als sie verliert, an unbezwingbarer Rachelust aufführt, ist genial und absolut glaubwürdig. Ganz hervorragend Stephanie Houtzeel als Kreusa, die ihren Auftritt – hoch elegant in Weiß – die Treppe herunterschreitend in einem nicht endenwollenden Jodler tussihaft zelebriert und mit einem High-Five mit Jason abschließt. Sie gewinnt jedoch an Gravitas als sie mit den Kindern spielt und versucht, Medea (die inzwischen auch einen weißen Mantel erhält, darunter aber ihr farbiges Kleid als Sinnbild des „Fremden“ anbehält) in die Aerobics- und Lyra-Künste der Zivilisierten zu unterrichten. Dennoch fällt sie der Rache der verbannten Medea zum Opfer. Stark auch Norbert Ernst als Kreon, der am liebsten keine Troubles will und nur Jason aufnehmen will, sich auf dessen Bitten dann doch enschließt, Medea eine Chance zu geben – und Größe gewinnt, als er dem Herold, der den Bannspruch über Jason und Medea als angebliche Mörder Peleas‘ überbringt, widerspricht, weil ihm Jason zugesichert hat, dass sie nicht schuld an dessen Tod seien. Im Streit um die Kinder aber verbannt er Medea, deren einziger Ausweg im Mord an Kreusa (der vermeintlichen Nebenbuhlerin) und an ihren eigenen Kindern besteht. Im Wissen um ihre eigene Unschuld läßt sie den dann auch verbannten Jason zurück, um nach Delphi zu gehen und den dortigen Orakelbetreibern ihre Wahrheit zu erzählen, und sich so einem „höheren“ Urteil zu unterwerfen. Nicht vergessen darf man die sängerisch Beste, Monika Bohinec, die mit mächtiger Stimme Gora, die Dienerin und Vertraute Medeas singt.

Michael Boder gelingt es meisterhaft, dem Staatsopernorchester schwierigste Klangteppiche ungeheurer Dichte zu entlocken. Lang anhaltender, begeisterter Applaus.

Liebesflucht aus der verfluchten Einsamkeit?

Leos Janaceks Katja Kabanova ist ein vertracktes Stück. Die Musik plätschert zeitweise eher lustlos dahin, entfaltet aber in den vielen dramatischen Momenten sensationelle Intensität. Wie bei Janacek üblich, werden vor allem anfangs Volksmelodien in Spätromantik eingestreut. Die Inszenierung von Andre Engel an der Wiener Staatsoper kann sich auch nicht restlos entscheiden. Einerseits führt sie Katja nicht nur als Liebende, sondern als (im psychologischen Sinn) hysterische Vereinsamte vor, die sich vor ihrer fürchterlichen Familiensituation (mit sie verachtender Schwiegermutter und muttersöhnchen-schwachem Ehemann) durch esoterische Fantasien und in eine aussichtslose Liebe flüchtet, andererseits sind die Auftritte der sie Umgebenden unpräzise und rein naturalistisch dargestellt. Ebenso das nur teilweise faszinierende Bühnenbild: zwei Tableaus, die offenbar von Edward Hoppers Bildern inspiriert sind und die Einsamkeit und die Unfähigkeit, mit der Umgebung Kontakt aufzunehmen darstellen (Katjas Zimmer und die Dachszene, eventuell noch der Hinterhof), andererseits wieder eher rusikal-naturalistische Bilder von nichtssagendem Äußeren. Warum das Bühnenbild alles ins New York des frühen 20. Jahrhunderts verlegt, bleibt offen – vielleicht ist es der gewünschte Anklang an Hopper. Dennoch: die geographische Trias Tschechien (der Komponist) – Rußland (Ort der Handlung) – New York (Bühnenbild) bleibt rätselhaft. So bleibt vieles zwiespältig, die Musik, die Inszenierung und das Bühnenbild. Orchester mit Dirigent Tomas Nepotil musizieren exzellent und unterstützen die Sängerinnen hervorragend. Ganz herausragend ist – wen wundert‘s – Angela Denoke in der Titelrolle, die sowohl stimmlich als auch darstellerisch die Seelenqualen der liebenden Außenseiterin überzeugend vermittelt und vor allem in den dramatischen Stellen zu Höchstform aufläuft. Ihr ebenbürtig ist Jane Henschel als die verabscheuungswürdige Schwiegermutter Kabanicha, auch Margaret Plummer als Seelenfreundin Varvara singt ausgezeichnet. Etwas schwächlich leider Misha Didyk als Boris, gut hingegen Navarro als Tichon und Thomas Ebenstein als Kudrjas.

Aufwühlend ist die beste Beschreibung, die ich für Dmitri Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk finden kann. Hervorragend dirigiert von Ingo Metzmacher, der die lyrischen Passagen einfühlsamst bringt und den ungeheuer dramatischen vollsten Orchesterklang zugute kommen läßt, ist auch die karge Inszenierung von Matthias Hartmann mit dem alles dominierenden von innen leuchten Bett hervorragend geeignet, dieses menschliche Drama den Zuhörern zu vermitteln. Allen voran Eva-Maria Westbroek als Katerina schafft es, die Oberfläche als gelangweilte Ehefrau zu durchdringen und das Drama der von ihrem Ehemann keine Liebe erfahrenden, von ihrem geilen Schwiegervater karniefelten (siehe auch Kabanicha in der Katja: offenbar war das im zaristischen Rußland die übliche Behandlungsweise der Schwiegertöchter) und verfolgten Schönen, der die Frauenverachtung bekämpfenden, ihr dann aber doch nachgebenden Frau, die dann die alles scheinbar erlösende Liebe findet, zu zeichnen. Daß Katerina dabei buchstäblich über Leichen geht, beim vergifteten Schwiegervater offenbar mit dem schweigenden Einverständnis der Knechte und des Popen, beim Ehemann dann aber doch auch für die Gesellschaft „zu weit“ geht, macht Westbroek bravourös mit tollem Stimmenklang oben und unten sicht- und fühlbar. Die unendlich Tragik der zuletzt Verlassenen und Verhöhnten und Benutzten kann sie nur durch ein weiteres Menschenopfer und den eigenen Freitod lösen. Sie zeigt damit aber auch ein starkes Frauenbild, dem gegenüber die Männer, Ehemann Sinowi (stimmlich stark), Schwiegervater Boris (hervorragend Wolfgang Bankl sowohl stimmlich als auch darstellerisch) und der (sängerisch hervorragend Brandon Jovanovich) schwach daherkommen. Ob das Schostakowitschs Sichtweise war, geht aus dem jüngsten Roman über Sch., Julian Barnes „The Noise of Time“ nicht wirklich hervor, in welchem die Frauen eher nur als Randfiguren erscheinen, zu denen Sch. aber eine extrem starke und verpflichtende Bindung hat. Ganz hervorragend auch der Chor, der extrem effektvoll eingesetzt wird. Das Elend der nach Sibirien Verbannten auf ihrem langen Marsch dorthin paßt in die Grausamkeit der die gesamte Oper durchlaufende Gewalt der russischen Gesellschaft.

In dieser Aufführung paßt alles: eine extrem aufwühlende Musik, Anklänge (Zitate?) an den Ochs von Lerchenau durch den sich aufgeilenden Boris, eine selten gehörte Klangmischung aus zartesten emotionalen Seelenregungen und alles triumphierender Dramatik, exzellente SängerInnen, Orchester und Chor – und eine einfühlsame Regie, die diese vielfältigen Schattierungen dieses menschlichen und Gesellschaftsdramas verdeutlichen. Zurecht gilt Schostakowitsch als d e r Opernkomponist des 20. Jahrhunderts.

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Theater Frühling 2017

Die fürchterliche Orestie

Über Jahrtausende hat der Mythos der Atriden die Phantasie von Poeten und Komponisten angeregt. Nun hat sie auch zweifachen Niederschlag im Wien des Jahres 2017 gefunden.

Die Kammeroper Wien bringt eine (wieder einmal) exzellente Produktion des Händel-Pasticcio von 1734 „Oreste“. Dabei geht es um den Erynnien-geplagten Orest, der nach der Ermordung seiner Mutter Klytemnästra und ihres Liebhabers Ägist sich auf die Insel (?) Tauris rettet und von der dort aufhältigen Priesterin Ifigenia (seiner unerkannten Schwester), die alle Fremden rituell ermorden muß, letztlich gerettet wird. Orests Ehefrau Ermione und sein (etwas unbedarfter) Freund Pilade kommen auf der Suche nach Orest auch auf Tauris, werden dort von den Schächern des Tyrannen Toante, hauptsächlich dem Hauptmann Filotete, gefangen und sollen geopfert werden. Filotete liebt (teilweise unerwidert) Ifigenia, die zum von ihr aufgefundenen Oreste tiefe Zuneigung fasst – und ihr letztlich verspricht, ihn laufen zu lassen. Der Tyrann Toante, ein Widerling der Sonderklasse, lüstet nach Ermione, das Ganze geht hin und her, ohne dass die Protagonistinnen voneinander wissen. Letztlich aber finden und erkennen Oreste, Ermione und Pilade einander und sollen den Tod durch Ifigenia, die nunmehr auch weiss, dass der von ihr Geliebte ihr Bruder und verheiratet ist, erleiden. Sie kann das nicht. Toante verspricht Ermione, Oreste laufen zu lassen, wenn sie ihm zuwillen ist – auch das funktioniert nicht. Pilade erklärt, nachdem Toante ihm versprochen hat, den Freund laufen zu lassen, wenn Pilade ihm sagt, wo Oreste ist, dass er selbst Oreste sei. Vollkommenes Chaos: plötzlich wenden sich alle, auch der getreue Filotete, gegen Toante, und Oreste schlachtet ihn ab. Er ist nun König und glücklich, Filotete (immer der willige Soldat) schwört ihm Treue, doch die anderen, Ermione, Pilade und auch Ifigenia wenden sich angewidert vom blutrauschigen Oreste ab. Ende.

Diese Interpretation in der Inszenierung von Kay Link wirkt überzeugend und paßt auch in die heutige Landschaft, des Fremdenhasses, aber auch der Ablehnung von Rache und Gewalt. Die Bach-Consort Wien unter Ruben Dubrovsky spielt den Score ganz exzellent und gibt den ausgezeichneten Sängern den notwendigen Rückhalt. Besonders positiv verwundert den Hörer die damals durchaus übliche Pasticcio-Technik, wobei Händel 25 Arien aus bestehenden eigenen Opern mit neuen Texten versehen und damit wieder aufgeführt hat. Wüßte man dies nicht, wäre weder an der Stringenz des Plots noch musikalisch dieser Wiederaufguss aufgefallen. Von den SängerInnen sticht ganz besonders der Titelheld Oreste, Eric Jurenac, mit einem glockenhellen Counter-Sopran hervor, der die schwierigsten Koloraturen mühelos meistert. Auch die Ermione Friderikke Kampmanns und die Ifigenia Carolina Lipps brillieren, mit Ausnahme einiger Gickser bei ersterer. Sie macht dies aber durch exzellentes Schauspiel wett. Dabei helfen ihr auch die äußerst fantasievollen Kostüme, so kommt sie in einem grellroten Plastik-Taucheranzug (mit Harpune und Schnorchel) aus dem Meer auf die Insel, zieht sich aber dann a la Margaret Thatcher um. Pilade, Julian Henao Gonzalez hat vor allem gegen Ende zwei wundervolle Arien, bleibt sonst etwas blass, Florian Köfler als Filotete gibt überzeugend den hin-und hergerissenen Liebhaber/Soldaten, etwas schwächlich im Singen, nicht aber in der Darstellung, bleibt der gewalttätige Tyrann Toante, Matteo Loi. Begeisterter Applaus im ausverkauften Haus.
Ganz anders erzählt die Orestie von Aischylos im Burgtheater unter der Regie von Antú Romero Nunes, der die Geschichte aus der Sicht der Rachegöttinnen, der Erynnien erzählt. Nunes hat die perfekt funktionierende, grandiose Idee, aus den sieben Erynnien, gespielt nur von Frauen, jeweils die ProtagonistInnen, Klytemnästra, Agamemnon, Aigisthos, Kassandra, Orest, Amme, Elektra hervortreten zu lassen – um sich dann wieder in den Chor, der permanent auf der Bühne ist und im Gleichtakt spricht und deklamiert, zukrücktreten zu lassen. Das Bühnenbild ist ein riesiges, sich nach hinten verjüngendes Dreieck am Boden, unterbrochen nur durch einen schwarzen Blutbach, der nach dem Mord an Agamemnon zum Zuschauerraum herabquillt, in welchem sich die jeweiligen MörderInnen wälzen, herabrutschen, etc. Die Erynnien sind grotesk – maskenartig – geschminkt mit roten Mündern und eigenartigen weißen Fetzenkleidern, die wenn sie als Protagonisten in Erscheinung treten, umfunktioniert werden: so wird Agamemnons Gewand zum Symbol für den Racheschwur Orests, der sich auch Teile dieses Gewands anverleibt. Orest scheint hier – in Peter Steins Textversion – nicht so sehr die Trauer und Rache als die Anmaßung, daß er durch Aigisth und Klytemnästra um sein Erbe und den ihm zustehenden Thron gebracht wurde, zum Mord an Mutter und Liebhaber zu treiben. Die kathartischen Momente des Mordens werden durch Leuchtblitze im Hintergrund veranschaulicht – um die Ungeheurlichkeit des Gatten-, Mutter- und Liebhabermordes zu unterstreichen.

Im dritten Teil („Die Eumeniden“) der in einem intensiv durchgespielten Trilogie tritt Pallas Athene (nachempfunden der Statue vor dem Wiener Parlament) auf und macht dem immer weitergehenden, durch Blutrache argumentierten Morden ein Ende, indem sie ein Bürgergericht einsetzt, welches Recht zu sprechen hat, und damit einen Meilenstein zum europäischen Rechtsstaatsgedanken pflanzt. Hier macht sich Aischylos zum Fürsprecher der im 5 Jh vor Christus in Athen geschehenen Bürgerrevolution, die dem Adel den Großteil seiner Vorrechte nahm und die freien Bürger zum Souverän machte. Damit werden die Erynnien zu den Eumeniden, von Rachegöttinnen zu den „Wohlmeinenden“, die rationale Regeln der götterunterstützen Willkür vorziehen. Im Burgtheater bekommen sie über ihre dreckigweissen Fetzen pastellfarbige Tüllkleidchen und Tutus als Zeichen ihrer Funktionswandlung übergezogen. Die Buntheit der regelgebundenen Rationalität triumphiert über die tödliche Willkür und Blutrache. Die Zivilisation löst die Gewalt als Durchsetzung des Zusammenlebens der BürgerInnen ab.

Eine grandiose Inszenierung eines schwierigen Texts, die im leider nur mäßig besuchten Burgtheater (darunter eine Reihe von auf den Sitzen wetzenden Schulklassen) mittelmäßigen Applaus bekam, und von beidem (Publikum und Applaus) mehr verdient hätte. Von den sieben Schauspielerinnen verdient keine besondere Hervorhebung, nicht im schlechten, sondern im guten Sinn: sie waren alle grandios, sowohl als düsterer Chor als auch in ihren Einzelrollen.

Romantik Meets Blasmusik

Melancholisch-traurig, romantisch-gefühlvoll, am kleinsten Naturdyll sich freuend, den Tod herbeisehnend, fetzig-einfühlsame Blasmusik (mit Hackbrett, Geige, Bass und Harfe) – diese von vornherein absurd scheinende Kombination von Texten und Musik(variationen) aus der Romantik und modernen Romantikern (Robert Walser??) bieten der grandiose Puppenspieler (und Kunstpfeifer) Nikolaus Habjan und die Musicbanda Franui im Wiener Burgtheater. Der Abend heisst „Doch bin ich nirgends, ach! Zu Haus“ nach dem von Schubert vertonten Gedicht Der Wanderer an den Mond von Johann Gabriel Seidl und führt zu einer Wanderung durch Berge und Natur durch die vier Jahreszeiten. Schubert, Brahms, Mahler kommen für die von Franui für den Abend zurechtgebogene und sweiterentwickelte Musik auf, die durch Texte von Robert Walser und Jürg Amann, vorgetragen von den zwei grandiosen Puppen Habjans, durchbrochen werden. Wie in der Winterreise oder der Müllerin geht es um Einsamkeit, Suche nach Einsamkeit, die Schönheiten der Natur und des Mondes, die vergebliche Liebe, die Suche nach dem Tod. Wie das vor allem Habjan inszeniert, wie er in dem Riesenraum des Burgtheaters die kleinsten Gefühlsregungen des romantischen Wanderers fühlbar macht, unterstrichen durch die oft derbe Musikperformance der Franui – das macht ihm so schnell keiner nach. Mucksmäuschenstill war es, wenn seine kleine Puppe sich zum Schlafen und zum Tod niederlegt, wenn er die Schneeflocken auf der Haut fühlbar macht, wenn das Bettelkind mit nackten Füßen im Schnee erfriert „zu klein um zu verstehen was ihm da passiert“.

Es ist in Zeiten wie den heutigen, wo lautes Getöse der Normalton zu sein scheint, wo plakativste Aufs und Abs uns permanent belästigen, wo grelle Effekte einander um Aufmerksamkeit überbieten, so wohltuend, einen solchen Abend erleben zu können, und die Freude über den hellen Mond über den Bäumen auf dem Berg, die Freude über ein helles Fenster mitten in der Nacht, die Freude über die Hoffnung, erwartet zu werden, aber auch die Melancholie – aber nie die Angst – vorgetragen mit den leisesten Tönen miterleben zu können. Gefühle, ach die gibt es doch noch!

Kafka/Beckett

Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“ und Samuel Becketts „Das letzte Band“ im Hamakom-Theater, gegeben von dem eindrucksvollen Michael Gruner sind beides Studien der condition humaine/bestiale. Kkäfig im Schiff nach Europa gebracht, findet seinen einzigen Ausweg aus dieser Situation, sich als Variete-Schaustellung zu verdingen – und sich dabei vom Affen zum Menschen zu entwickeln. Nunmehr trägt er Teile dieser Metamorphose (Kafka hat es mit den Tieren, vom Affen zum Menschen, vom Menschen zum Käfer….) den werten Mitgliedern einer Akademie vor. Dabei verfällt er trotz absolut angepaßten Verhaltens und Kostümierung immer wieder in „Äffisches“ Benehmen, etwa wenn er Bananen ißt, oder einmal losbrüllt und sich im Off austobt, oder dann armeschlenkernd als Menschenaffe wiederkommt. Seine ihm von seinem Impressario zugeteilte Sexualpartnerin, „ein kleines Schimpansenmädchen“, kann er bei Tag nicht ertragen, da sie ihn an seine Herkunft erinnert. Seine Rede, wiewohl „menschlich geschliffen“ stellt mit Sarkasmus das Menschsein bloss. Letztlich bleibt er aber ein Identitätsuchender, der zwischen den Welten (Kulturen?) hin- und hergerissen bleibt. Eine grandiose Darstellung von Michael Gruner, mit einem fanstastisch einfachen „Bühnenbild“: es gibt nur einen riesigen Spiegel an der Hinterwand der Bühne, und anfangs sitzt Rotpeter/Gruner mit dem Rücken zum Publikum vor dem Spiegel, welches sich selbst im Spiegel als Akademie-Publikum wahrnimmt.

Und Becketts trauriges Lebensende-Drama des ungustiösen Krapp, der zynisch und allein seinem Ende entgegendämmert und Bananen isst (dadurch sollte wohl die Verbindung zu Rotpeter hergestellt werden??). Endlich rafft er sich auf, sein Tonbandgerät und Schachteln voll Tonbändern herbeizuschaffen, und sich dann am Band 5 der Schachtel 3 zu delektieren, aber auch abzuarbeiten. Damals war er 39, voller Lebensfreude und im Liebesglück, dessen dreimalige Wiederholung ihn zuerst abschreckt, dann glückselig schmunzeln läßt und dann in endgültiger Depression als Beginn der langen, bis jetzt dauernden Abstiegsphase versinken läßt. Wutausbrüche, Verklärung und Realität dieses verkommenen alten Mannes bringt Gruner mehr mimisch als aktiv bestens dem Publikum nahe. Als alter Mann selbst hatte ich Angst, ebenso zu enden, so eindringlich beschreiben Beckett/Gruner die Depression der Einsamkeit, die nur in der Reminiszenz noch zu Lebensäußerungen fähig ist.

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