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Buch- und Operntipps

Wunderbar fantastisch ist Judith Schalanskys Roman „Verzeichnis einiger Verluste“, in welchem die Autorin in 12 separaten Kapiteln in extrem anziehender Weise über vergangene/verlorene Dinge erzählt: von Sapphos Liebesliedern, dem DDR Palast der Republik, Greta Garbos spätem Leben in New York, dem kaspischen Tiger, und anderem. Sie will mit diesen Vignetten erinnern, dass mindestens so viel verschwunden ist wie existiert, dass unsere Welt, bzw. unser Wissen auf Untergegangenem aufbaut – aber auch, dass immer wieder schon verloren Gegangenes wieder gefunden, entziffert, erinnerlich gemacht wird. Am faszinierenden ist neben der akribisch recherchierten und erfundenen Gedankenwelt die Sprache der Autorin, die je nach Gegenstand einmal ganz lakonisch kurz, journalistenhaft, dann wieder lyrisch ausbreitend und poetisch ist, wie etwa in den erstaunlichen Flora-, Fauna- und Naturbeschreibungen. In jeder der Geschichten kommen Außenseiter-Personen vor, die sich um die Objekte kümmern, so ein alter Schweizer, der in seinem autarken Garten das Wissen der Welt auf Holztafeln aufgeschrieben und aufgehängt hat, oder die Garbo, die in exaltierter und depressiver Weise ihre verbleibende Lebenszeit vergeudet, oder der Mondbegeisterte, der in seiner Phantasie (?) auf dem Mond siedelt, oder das DDR-Lehrerpaar, dessen tristes Privatleben minutiös und lapidar geschildert wird. Es gibt keine Moral, keine Bewertung, nur grandiose Schilderungen von Bewahren, Verlieren, Erinnern. Ein Namensverzeichnis am Ende gibt detailliert Auskunft über griechische und römische Dichter und Kaiser, über italienische Renaissancemeister, über Jazzmusiker und deutsche Junker, französische Seefahrer, und viele andere. Schalansky hat für die einzelnen Geschichten gewissenhaftest recherchiert und beeindruckt mit Fachwissen aus vielen Gebieten. Entscheidend bleibt jedoch die wunderbare Sprache ihrer Erzählungen.

Die „Operngroteske Die Überflüssigen“ von Autor, Komponist, Ensembleführer und Pianist Alexander Kukelka im Hamakom Theater im Nestroyhof ist ein vollgestopftes Sammelsurium von überbordender Handlung und sehr interessanter Musik, die vom Neuen Wiener Musiktheater ganz hervorragend dargeboten wird. Die Musik und deren Protagonisten ist zweifellos das Herausragendste an diesem Abend: sowohl die variantenreiche Musik, vor allem aber die immer nur die Sängerinnen unterstützende Orchestrierung, die also nie die Führung übernimmt oder die Sänger übertönt, ist hörenswert: meist sehr rhythmisch skandierend, von romantischen bis jazzigen bis filmmusikalischen Ausprägungen, bietet das kleine Ensemble sie ganz toll an. Auch an den Sängerinnen und Sängern gibt es absolut nichts auszusetzen, hervorzuheben wäre zweifellos der volltönende, sehr artikulationsfreudige Bass von Rupert Bergmann (Hüter des Mülls), aber auch der Sopran der Societylady Eva-Maria Neubauer, etwas weniger bemerkenswert jener von Ewelina Jurga als Essenszustellerin, sind bemerkenswert. Etwas schwächer die beiden anderen Männer, der vor Selbstmotivation und Körperstählung strotzende Dieter Kschwendt-Michel (Ex-CEO) und der Tenor des Öko-Flüchtlings Emil Kohlmayr kommen an die Damen nicht ganz heran, obwohl sie respektable Leistungen bieten.

Teile der Überfülle der Handlung:

– Müllsammler und Deponiebewohner delektiert sich an den unterschiedlichsten Plastikverpackungen

– Gescheiterter Manager-Yuppie wird durch Kanalrohr auf die Deponie gespült, verachtet Müllsammler, stählt selbstgefälligst seinen Körper

– Ihren Kredit verloren habende Societylady kommt ebenfalls auf der Deponie an, schminkt sich ununterbrochen, betrachtet ihren Körper „wie ihr Haus, das gepflegt werden muss“, wehrt sich gegen philosophische Vereinnahmungsversuche des Müllsammlers, wirft letzten Endes ein Auge auf den Ex-Manager

– Essenszustellerin, eben entlassen, kommt auf die Deponie, zeigt als einzige menschliche Gefühle gegenüber dem Müllmann und später gegenüber dem Flüchtling

– Flucht von der Deponie aller auf einem versteckten Floss des Müllsammlers, der ob mehrfach geäußerten „Das Boot ist voll“ dann von seinem sich später als sein Sohn entpuppender Manager vom Floss gestossen wird, persönliche Annäherungsversuche der Societylady an den Ex-Manager gipflen in Titanic-Pose (witzig!)

-Öko-Flüchtling kommt auch aufs Boot, wird gegen den Widerstand der Wohlstandsbürger durch die Essenszustellerin, die sich als verkappte Sängerin entpuppt, dort festgehalten.

– Manager erfährt von seinem Vater, wird angesichts des durch ihn selbst verursachten Todes dessen zum Menschen – und opfert sich zugunsten des Flüchtlings auf dem Floss in einem Sturm

– Society-Tussi erkennt, dass Essenszustellerin schwanger ist, erinnert sich schmerzlich an das eigene verlorene Kind und gibt sich mütterlich

– Der tote Müllmann erscheint am Balkon als Lieber Gott und redet den Flossflüchtlingen gut zu, schwafelt vom Raumschiff Erde und dem Öko-Schönen und Guten

– Essenszustellerin freut sich auf Baby und tut sich mit Öko-Flüchtling zusammen.

Wem das noch nicht genug ist, der muss sich diese Oper unbedingt ansehen und anhören. Die Message von der Leere „unseres“ handy- und internetgetriebneen Lebens, der physische und moralische Müll, der sich dadurch auf der Deponie anhäuft, in die die Normalbürger geschwemmt werden („Die Überflüssigen“) – all das ist zu dick aufgetragen, die Clichés zu banal, um unter die Haut zu gehen. Die schwachen Emotionen machen das nicht wett, wohl aber die Musik und die sängerisch und darstellerischen Darbietungen.

Die zerrissenen Identitäten der Bürgerinnen und Bürger von Ex-Yugoslavien, aus Sicht dreier Generationen von slovenischen Personen erzählt Goran Vojnovic in seinem Roman „Unter dem Feigenbaum“ in eindrucksvoller Weise. Die Verwebung der nationalen Identitäten mit den persönlichen Beziehungs- und Liebesgeschichten führt in der ersten Generation zur „Flucht“ des Großvaters zu einem Job in Ägypten (bewogen durch die Erpressung eines Oberen, die jüdische Herkunft seiner Frau publik zu machen), nach seiner Heimkehr zum Rückzug mit seiner Frau nach nunmehr Kroatien, wo sie ein kleines Haus haben – und letztlich zu seinem Selbstmord, nachdem er erfährt, das seine Frau sich aufgrund seiner Flucht von ihm scheiden lassen wollte, seine Frau, von der er sich nach seiner Rückkehr die Wiederherstellung der idyllischen Zweisamkeit erwartet, die sie vorher hatten. Der bosnisch-stämmige Mann seiner Tochter wiederum, Vater des Erzählers, geht während des Jugoslavienkriegs, ohne sich von Frau und Kind zu verabschieden, in die Schluchten des Bosnienkrieges, strandet dort menschlich wie beruflich und vermag es bei seinem Besuch in Slovenien viele Jahre später – anlässlich des Begräbnisses seines Schwiegervaters – in keiner Weise, seiner tief getroffenen Frau die Beweggründe seines Weggehens zu erklären. Der Erzähler wiederum, der sich in ein großbürgerliches Mädchen verliebt und langsam die Verwerfungen emotionaler und ethnischer Herkunft seiner Vor-Generationen erfährt, scheitert ebenso wie sein Vater und sein Großvater an den unausgesprochenen Tabus, die der Vielvölkerstaat für das Überleben seiner Bürgerinnen und Bürger aufgebaut hat.

Dieses Buch macht alle Illusionen über die vermeintliche Idylle des Vielvölkerstaates Jugoslavien zunichte und zeigt in literarisch hervorragender Weise die daraus entstehenden persönlichen Verletzungen und Verheerungen auf. Es ist absolut lesenswert.

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Winteroper 2018

Hochkonzentriert und vor allem sängerisch großartig Don Carlos von G. Verdi in der Kammeroper. Schillerfans werden vielleicht nicht ganz auf ihre Rechnung kommen, da diese von vielen Don Carlos-Versionen sehr geschickt primär auf das Familiendrama der Habsburger setzt: eine dysfunktionale Vater-Sohn-Beziehung, die noch verstärkt wird durch die Tatsache, dass der Vater Philipp den Sohn Carlos die Braut wegschnappt, eine Geliebte-Geliebter-Beziehung zwischen Elisabeth und Carlos, die nicht nur am Vater, sondern auch an der staatsfrauischen Verantwortung Elisabeths scheitert, eine Freund-Bruder-Beziehung zwischen Posa und Carlos, der eine politischer Idealist, der andere zerrissener Biedermeier-Romantiker – und das alles vor der Drohgebärde und dem Machtanspruch des Großinquisitors, mit dem Philipp Posa einerseits droht, von dem Philipp aber seine Herrschaft bedroht sieht, und dem anderen Gegensatzpaar Elisabeth-Eboli, die eine „Mutter Maria“, die andere Magdalena. Das alles ist sehr folgerichtig und vor allem zeitlos von Regisseur Dutrieux gedacht, und auch in einigen Bildern (zB in der ersten Szene das Erscheinen Elisabeths vor dem Finster im dunklen Nachthimmel, während Carlos im Schloss schmachtet) eindrucksvoll umgesetzt. Allerdings erinnert die Statik der Figurenführung an 1950er Walküre-Aufführungen: meist stehen die Protagonistinnen stocksteif, und bewegen sich kaum. Natürlich hängt das auch mit der Enge der Bühne zusammen, aber viele andere Kammeroperaufführungen waren weit dynamischer. Als zweite Kritik möchte ich anbringen, dass die Lautstärke der Sängerinnen unangebracht ist: erst gegen Ende – vielleicht weil die Kraft ausgeht – zeigen Elisabeth, Posa und Carlos auch Pianissimo-Stellen, von denen es in dieser grandiosen Oper viel mehr gäbe. So singen sie die ersten 2 Stunden aus vollem Halse – dem kleinen Haus absolut unangemessen.

Aber das Positive überwiegt bei weitem: vor allem Jenna Siladie als Elisabeth sticht aus dem durchwegs überragenden Ensemble hervor: hoheitsvoll, Liebe der Staatsraison opfernd singt sie ihre Arien wunderbar (wenn auch zu laut). Ihr liebender Gegenpart Andrew Owens fällt anfangs durch schneidenden Tenor auf, der sich aber im Verlauf wunderschön der zerrissenen Seele anpasst; Kristjan Johannesson als Posa ist makellos, wenn ihm auch gegen Ende einige Kickser passieren: wunderschön jedoch seine letzte (Sterbe-)Szene; Dumitru Madarasan als Philipp orgelt eindrucksvoll und bringt das Dilemma zwischen hybrider Staatsverantwortung („ich beherrsche die halbe Welt“) und Nicht-Lieben-Könnender eindrucksvoll auf den Punkt; Tatiana Kuryatnikova als impulsive zurückgewiesene, aber letztlich bedauernde Rächerin bringt klangvollen Schwung, und Ivan Zinoviev als großkotziger Inquisator, der seine Kirchenmacht voll für seine weltlichen Machtgelüste ausnützt, wirkt glaubwürdig sinister.

Das Wiener KammerOrchester unter der Leitung von Matteo Pais unterstützt formschön, manchmal wirkt die Einfachbesetzung der Instrumente aber etwas dünn. Dennoch: diese Großoper als Kammerstück und Familienaufstellung zu bringen, hat sich bewährt.

Noch eines: so wichtig und gut die Übertitelungen sind: sobald die Bühne erleuchtet ist, sind die Schriftzüge kaum mehr lesbar: dies sollte dem Lichtregisseur doch aufgefallen sein. Bitte um Abstellung!

Wunderbar beklemmend sind Musik und Inszenierung der „Die Weiden“ von Johannes Maria Staud (und Durs Grünbein) in der Staatsoper. Die Kombination der tollen, sich bewegenden Flusslandschaften auf dem Riesenvorhang mit real sichtbaren Aktionen und einer äußerst vielfältigen, hunderterlei Stimmungen ausdrückenden grandiosen Musik ist ein wirkliches Erlebnis. Unwahrscheinlich, wie viele unterschiedliche Wassertöne (von tropfend, zu strömend, von ruhig fließend zu tsunamiartigen Überschwemmungen) Staud hier hervorzaubert und mit Klangteppichen versieht, die einem zwar nicht, wie bei Wagner intendiert, das Denken nehmen und die reine Emotion bedienen, sondern eine sich steigernde Beklemmung des unausweichlichen bösen Endes ansteuern. Äußerst praktisch und effektvoll ist die Nutzung der sich meist drehenden ansteigenden Drehbühne, die Szenenwechsel praktisch im Vorbeilaufen ermöglicht, aber auch die Dynamik der Bootsfahrt und des Unheils sichtbar macht. Einige der Ideen wirken zwar lächerlich, so erinnert das an Seilen hängende Kanu an die 3 Knaben-Gondel in der Zauberflöte, doch ändert das nichts am äußerst positiven Gesamteindruck dieser Inszenierung, die zeigt, dass man heute Oper auch formal neu und äußerst interessant gestalten kann. Die vielen Sprechpassagen erleichtern das Verständnis für die Handlung, allerdings sollte man dem Protagonisten Tomasz Konieczny (Peter) neben seinem hervorragenden Singen einige Stunden an deutscher Intonation anbieten: es ist eigentlich nicht einsehbar, dass man ihn (wie auch in anderen Opern) hier kaum verständlich nuscheln läßt. Dies wird noch auffälliger als seine Liebe-Partnerin Lea (Rachel Frenkel) – auch nicht in deutscher Umgebung aufgewachsen – nicht nur grandios singt, sondern sehr verständlich, wenn auch manchmal etwas zu leise, spricht. Die Nur-Sprechrollen des identitären Komponisten Krachmeyer (Udo Samel), der unausstehliche Faschismus-Text exzellent bringt, sowie die der atemlosen und möglicherweise auch inhaltlich überwältigten Reporterin (Sylvie Rohrer) tragen wesentlich zur Dramatik der gesamten Szene bei. Grauenhaft effektiv Wolfgang Bankl als Demagoge, dessen Rede an Qualtingers Lesung von Karl Kraus Die letzten Tage der Menschheit erinnern, und zwar an die Heimstunde der Cherusker in Krems, bei denen das faschistische „Heil wie Hedl klingt“.

Unverständlich bleibt (mir), warum die Vorauskritik Grünbeins Libretto überschwänglich gelobt hat: viele der Text sind genauso platt wie jene des Opern-Standardrepertoires. Staud erfreut die Besucher mit einer Reihe von musikalischen Zitaten, etwa aus Meistersinger, oder die Anlehnung an die Walküren-Rufe (Heijaho), und anderes. Fantastisch seine Jazz-Szenen. Äußerst wirkungsvoll auch das Zusammenspiel von im Orchestergraben produzierter Musik und Zuspielung. Das Orchester unter Ingo Metzmacher macht das Zuhören dieser erstklassigen Partitur zu einem Erlebnis.

Sängerisch ist Rachel Frenkel als Lea allen anderen eine Klasse voraus: sie meistert die ungeheuer anspruchsvolle, fast die ganze Zeit auf der Bühne stehende, und dynamisch gestaltete Partie sehr überzeugend: ihre Suche nach den familiären zentraleuropäischen Wurzeln und nach der lokalen Erinnerung schrecklicher Ereignisse 1945 (negativ!), gepaart mit einer leidenschaftlich beginnenden, an der Nicht-Anpassung ihrerseits an die verdrängte Realität der Jetztzeit durch die lokale, sich immer mehr in Karpfen verwandelnde Bevölkerung zuende gehenden Liebe, ihre durch Außensicht erleichterte Standhaftigkeit gegenüber der Unmenschlichkeit und Xenophobie, ihr Grauen (verstärkt durch Begegnung mit einem untoten Opfer) am Ort des „alten“ Verbrechens, das macht und singt sie äußerst glaubwürdig. Sängerisch exzellent (wenn auch sprachlich defizient) Tomas Konieczny als ihr Liebhaber, der sich zuhause nicht von der Verdrängungsorgie der Seinen zugunsten seiner Liebe lösen kann; sehr gut auch die Braut Kitty (Andrea Carroll), die zwischen Anpassung und Beibehaltung der eigenen Identität laviert und spritzig singt, etwas schwach ihr Bräutigam Edgar (Thomas Ebenstein), dessen Tenor einfach zu schwach für diese von ihm ansonsten sehr gut dargestellte Rolle ist. Gut auch die Väter und Mütter von Lea und Peter, sowie die skurrilen Zwillingsschwestern Peters, Fritzi und Frantzi, deren Gehabe zwar dem Sinn nach unverständlich bleibt, die aber ihre Verhaltensauffälligkeit glaubwürdig, auch sängerisch, bringen.

Einige Kritiken haben die Story, in der es sehr aktuell um Verdrängung der Geschehnisse von 1945, sowie die damit einhergehende Ausgrenzung der anderen (Flüchtlinge, Juden, Städter) im Rahmen einer Liebesreise im Kanu entlang des Stromes geht, als zu holzhammerartig beschrieben. Ich bin hingegen der Meinung, dass eine solche „aktuelle“ Oper genau den nagel auf den Kopf trifft. Staud und Grünbein ist es hier gelungen, eine Parabel (die Verwandlung der Mitmenschen in hartmäulige Karpfen) mit wunderbarer Musik und Inszenierung (ganz großartig Andrea Moses und Jan Pappelbaum) in die heutige identitäre Gegenwart zu übersetzen. Ein großes Verdienst der Staatsoper, die dieses Werk in Auftrag gegeben hat.

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Impressionen von Kurt Bayers 75er

Einige Bilder von meinem “Geburtstags-Vortrag” im Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung, betitelt mit “Risse in der Globalen Wirtschaftsordnung” und von den vor- und nachgelagerten Festivitäten.

 

Attached are a number of fotos from the birthday lecture “Disruption in Global Economic Governance” (“Risse in der Globalen Wirtschaftsordnung”) at the Austrian Institute of Economic Research, including pre- and after-lecture festivities.

 

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Theaterherbst 2018

 

Fulminant ging das 25-Jahr-Jubilärum der Musicbanda Franui im Konzerthaus über die Bühne. Das „Ständchen der Dinge“ genannte Programm wurde unter der Mitwirkung des wundervollen Bariton Florian Boesch, des Puppenspielers und Kunstpfeifers (und Sängers und Sprechers) Nikolaus Habjan, von Doerte Lyssewski und Peter Simonischek als Leser, Wolfgang Mitterers, der an der Orgel Unerhörtes aufführte und des tollen Sängers Karsten Riedel abgefeiert. Es war wieder einmal die originelle, unvergleichliche Fusion von Romantik (Schubert, Schumann und Brahms) mit Volksmusik und jazzigen Arrangements, von authentischen Lebensbeschreibungen in Villgraten, von Georg Kreisler (Triangel) und anderen, immer tiefsinnigen Gedichten und Prosa- und Musikstücken. Bezeichnend für den Trauermarsch-Fetischismus der Franui ist nicht nur der Aficionados altbekannte Zugabe-Trauermarsch (lostzns obi, losstzn obi, lossztn obi den Falott), sondern auch die Beziechnung der drei Teile als vor-vorletzter, vorletzter und letzter Teil. Die phänomenale Musikalität der Franui läßt auch die eigenartigsten Texte nie kitschig werden, haben oftmals tiefgründigen Humor – welcher gut auch ohne die tollpatschige gewollt osttirolerische Rede n des sonst wunderbaren Adnreas Schett auskommen könnte.

Die externen Mitwirkenden rundeten ein Programm ab, auf das man als zuhörender Laie nie kommen würde. Gegen Ende zu wird das Programm immer melancholischer (siehe „Trauermarsch“), aber es bleibt stimmig. Habjan als Puppenspieler, erstaunlicher Sänger und begnadeter Pfeifer bleibt ein Original, das man erfinden müsste, wenn es ihn nicht gäbe.

Standing Ovations nach mehr als 3 Stunden Programm.

Das ambitionierte Projekt Verteidigung der Demokratie, eine Politshow von Christine Eder und Eva Jantschitsch im Volkstheater ist nicht nur zu diesem Zeitpunkt äußerst wichtig, sondern auch ausnehmend gut gelungen. Das Stück mit Musik baut auf den Verfassungsentwürfen von Hans Kelsen am Beginn der Republik Österreich nach dem Ende des 1. Weltkrieges auf und zeigt die Kontroversen zwischen Kelsen und Ludwig von Mises (Österreichische Schule der Nationalökonomie und Begründer des Instituts für Wirtschaftsforschung) bezüglich des Freiheitsbegriffes auf: Kelsen betont die individuellen Bürgerrechte, Mises die Bedeutung des Privateigentums für die persönliche Freiheit: nur jemand, dem niemand etwas vorschreiben kann, weil man dessen Eigentum verwendet (zB mietet), ist tatsächlich frei. Kelsen ist da strikt anderer Meinung und betont, dass Privateigentum aber schon gar nichts mit Freiheit zu tun habe. Das Stück läßt dann den radikalen Marktbefürworter Friedrich von Hajek auftreten, der sich gegen John Maynard Keynes positioniert, Thatcher und Reagan und der Wirtschaftspolitik beeinflußt, da er laut Stück (und Stephan Schulmeister) durch die Gründung der Mont Pelerin Society in der Schweiz langfristig der Marktideologie auch in der Volkswirtschaftslehre zum Durchbruch verholfen hätte. Ich selbst hänge dieser Verschwörungstheorie nicht an, wenn ich auch Hajeks, dann Friedmanns Neoliberalismus und dessen Deutungshoheit anhänge. Weiter geht es zu den Chicago Boys, die nach dem CIA-geförderten Sturz Salvador Allendes Chile zum Vorzeigeland des Neoliberalismus gemacht haben: Flexibilisierung der Löhne und Arbeitsbedingungen, faktische Abschaffung der Gewerkschaften, Privatisierungen großen Stils, auch des Pensionssystems und Schulwesens. Die Spätfolgen dieser den gesellschaftlichen Zusammenhalt zerstörenden Politik („there is nothing like society, there are only individuals“ (M. Thatcher)) werden in den letzten Jahren vermehrt sichtbar. Nach dieser gewaltigen Tour d`horizon über die Wirtschafts-und Demokratiegeschichte, die immer wieder mit den einzelnej Lebensstationen Kelsen gespickt ist (Wien, Deutschland, Schweiz, Prag, USA – immer wieder Lehren in neuen Sprachen) und sehr clever die jeweiligen Protagonisten der Ökonomie vorstellt, zerstören die Darstellerinnen wütend das aus Blöcken aufgebaute Gebäude der herrschenden Ökonomie – und nehmen dabei gleich die Demokratie, deren Gebot des Dialogs und Ausgleichs mit. Aktuelles wird immer wieder durch dazwischen geschaltete Telefonanfragen verunsicherter Bürger an eine offizielle Stelle zur Darstellung der Demokratie (oder so ähnlich) veranschaulicht, wo es um Terrorismusangst, Migrantenangst, Sicherheitsangst und andere Ängste, die zunehmend die Bürgerinnen verunsichern geht: all diese werden durch bürokratische Endlosfloskeln beantwortet. Der zunehmende Abbau von demokratischen Grundrechten, die im totalen Überwachungsstaat münden (können) wird zur End-Dystopie dieses Abends. Zwischen den einzelnen Phasen immer wieder hervorragende Musiknummern von Eva Jantschitsch, zum Teil mit entstellten Tönen, wodurch trotz extremer Lautstärke die Texte kaum verständlich sind. Diese über die Bühne zu projizieren, wäre eine große Hilfe.

Die Inszenierung dieses Stückes ist grandios, mit einfachsten Mitteln und großer physischer und vor allem mnemotechnischer Leistung der Darstellerinnen. Ich fürchte nur, dass für die Nicht-Eingeweihten Ökonominnen und Demokratiebeflissenen im Publikum das rasante Sprachtempo die Verständnisfähigkeit auf eine allzu harte Probe stellt: schade.

Als (kritischer) Ökonom hätte ich mir eine intensivere ökonomische Beratung bei der Stückerstellung gewünscht, das hätte vielleicht etwas mehr Ordnung in das riesige herangezogene Material gebracht. Die Schau, die teilweise in der Inszenierung an die alten Brecht-Inszenierungen (etwa „Die Mutter“) erinnern, aber viel dynamischer angelegt sind, ist äußerst verdienstvoll, qualitativ hochwertig umgesetzt. Besonders verdienstvoll ist die Wiederbelebung Kelsens und seine wiederholt vorgebrachte Meinung, dass Demokratie nichts mit Privateigentum zu tun hat, also auch mit genossenschaftlichem und öffentlichen Eigentum verbunden sein kann. Angela Merkels Diktum von der „marktgerechten Demokratie“ wird somit ad absurdum geführt und sollte schleunigst auch bei unseren Politikern auf dem Misthaufen der falschen Gesetzmäßigkeiten entsorgt werden. Frenetischer Beifall, auch von den vielen Jugendlichen im Auditorium.

Buchtipp: Perfidious Albion von Sam Byers, Faber&Faber 2018. Ein dystopischer Roman, der ungeheuer packend die nicht unrealistischen Möglichkeiten der neuen Digitalisierung schildert, die Manipulation der öffentlichen Meinung, die ungeheure Machtzusammenballung bei den Datenbesitzern – und die Ausgeliefertheit auch der Kritischsten an die Manipulation dieser. Das Bild vom Großen Bruder aus 1984 steigt auf, hoch technisiert, aber ebenso mächtig. Es geht um das nur langsam sichtbare „Experiment“ einer anonym bleibenden Firma, angeblich einen Wohnblock im öffentlichen Eigentum zu übernehmen und die noch verbleibenden Mieter hinauszuekeln. Darauf hin bilden sich Unterstützergruppen, Gegner, die aufeinander und die Mieter losgehen: alles ist von denselben Mächten gesteuert. Drei Frauen – und die ihnen teilweise zugehörigen Männer – versuchen auf unterschiedliche Weise, nachdem sie langsam in Schritten hinter die Machenschaften kommen – auch diese Versuche sind von den Machthabern manipuliert – sich gegen dieses Experiment, das sich eine stinknormale mittlere Kleinstadt als Exerzierfeld ausgesucht hat, zu wehren, bevor der Algorithmus auf ganz England ausgeweitet wird. Die eine Frau arbeitet in dem Manipulationsbetrieb (hier weiss keiner vom anderen wieviel dieser weiss, und keiner weiss alles), sie ist in den Medien angreifbar weil sie in einer Dreierbeziehung lebt, vom Arbeitgeber angreifbar, weil sie in ihrem Curriculum eine Gewalttat stehen hat); die zweite ist scheinbar extern objektiv, hat aber eine Reihe von Internet-Persönlichkeiten erfunden, mit denen sie die zunehmend fremdenfeindlichen und reaktionären Kolumnen ihres Liebhabers attackiert – natürlich ohne desssen Wissen; die dritte ist auch technisch hochbegabt und scheint sich eher erotischen Manipulaitonen hinzugeben: diese drei versuchen, die Manipulation aufzudecken, Nummer 1 muss sich zum Schutz ihrer Familie einkaufen lassen, Nummer 3 bleibt außen vor, und Nummer 2 scheint aus dem Ganzen halbwegs intakt hervorzugehen. Allerdings bleibt dies offen, da sie nach dem Auffliegen des gesamten Irrsinns (oder der realistischen Zukunft) erstmals wieder die Natur wahrnimmt und „Petrichor“ denkt. Ich mußte diesen Begriff googeln: er bedeutet den feinen Geruch, der nach einem Regen von der warmen Erde aufsteigt (????). Danach ddreht sie ihren Computer auf – und das Buch schließt vielleicht folgerichtig mit der „Fehlermeldung 404: Die Seite, die Sie suchen, existiert noch nicht“. Irritierend, aber nicht unlogisch.

Im Hamakom Theater Nestroyhof spielt das grandios choreographierte und gut gespielte, aber rätselhaft bleibende Stück von Alfred Drach „Das Kasperlspiel vom Meister Siebentot“. Vordergründig geht es um Populismus, soweit verständlich: die Kasperlpuppe (aus Sägemehl) wird durch eine Blutspende des Publikums lebendig und spielt dessen Aussagen in etwas abgeänderter Folge zurück, wodurch sich neue Bedeutungen ergeben. Es spielen eine (Horvathsche) armselige Hure und ihr Zuhälter, ein Schuster, eine Tänzerin, ein Lehrer, zwei Soldaten, die immer wieder in unterschiedlichen Formationen auftreten und vom Kasperl Meister Siebentot, der die Abgünde menschlichen Handels darstellt beamtshandelt werden. Die ihm folgen, werden mit einem Kasperlhut belohnt. Im Programmheft wird die anarchistische, antifaschistische Haltung Drachs, der das Stück 1935 als Anti-Hitler-Stück begann beschrieben. Dennoch läßt mich das Stück ratlos zurück. Tolle sängerische und darstellerische Leistungen und eine exzellente Inszenierung wiegen diese Ratlosigkeit nicht auf.

Im Theater an der Wien eine fulminante Aufführung von Händels „Teseo“, einem Medea-Stück. Wunderbare Musik, dirigiert von Rene Jacobs mit der auf Originalinstrumenten spielenden Berliner Akademie für Alte Musik, einem entsprechend personell reduzierten Arnold Schönberg Chor und (fast) durchgehend fantastisch besetztem Ensemble machen diese Aufführung zu einem Erlebnis. Das Ganze ist zeitlich in die Zeit am Ende des 2. Weltkrieges versetzt (stimmiger und zu heute passender wäre das Ende des 1. Weltkrieges gewesen) und spielt in einem barocken Adelspalais mit wunderbarer Ausstattung, welches an das Stadtpalais Liechtenstein erinnert. Es geht um die letzten Schlachten eines Bruderkrieges, die vom unbekannten Teseo für den König von Athen, Egeo, gewonnen werden. Egeo hat der Königstochter Medea, einer Zauberin, für ihre Schlachthilfe die Ehe versprochen, entbrennt aber nun plötzlich für sein Mündel Prinzessin Agilea, die ihrerseits Teseo liebt wie er sie. Die unglückselige Medea, die nicht in der Liebe, sondern nur in der Rache und Vernichtung der RivalInnen ihre Befriedigung finden kann (dem sind schon ihr Bruder und ihre Kinder zum Opfer gefallen) wütet im Zorn, verspricht jedoch hinterhältig Teseo, dass sie sich beim König für seine Liebe zu Agilea einsetzen wird – tut sie aber nicht und bringt Agilea fast um, läßt sie aber leben, damit diese Teseo entsage und ihm dies selbst mitteile. Agilea stimmt zu, um Teseo, dem Medea andererseits den Tod androht, zu retten, kann dies jedoch nicht und gesteht Teseo alles. Es soll zur Hochzeit kommen, dabei aber will Medea, dass der König Teseo vergifte, was dieser vorhat. Er erkennt jedoch plötzlich in Teseo seinen verschollenen Sohn, beschimpft Medea, die sich in letzter Raserei selbst den Tod gibt.

Dies alles ist bemerkenswert inszeniert, wobei einige der Zauberszenen (die Elevation Medeas, die Monster, die an Teseo nagen) ebenso entbehrlich sind, wie die Heroin- und Alkoholsucht Medeas. Grandios ist vor allem Gaelle Arquez als Medea, die in wunderbarer Petrol- und dann roter Robe und mit ungeheurer Vitalität und Monstrosität die Rachegeöttin Medea gibt und stimmlich fast unübertroffen agiert. Blass gezeichnet die „gute“ Agilea, Mari Eriksmoen, als Gegenpol, die die schwierigsten und längsten Koloraturen meistert und berührende Liebesduette mit Teseo singt. Dieser wird von Lena Belkina vielleicht am relativ schwächsten gesungen und kann, da einen Kopf kleiner als Medea und auch Agilea, die Rolle des heldischen Liebhabers nur unglaubwürdig darstellen (ja, auch die Optik spielt in der Oper eine Rolle). Ob hier die Besetzung mit einem (weiteren) Countertenor nicht besser gewesen wäre. Dennoch wächst auch sie in den Duetten zu berührender Form auf. Christophe Dumaux als König Egeo singt sehr schön als Counternor timbriert den eifersüchtigen, geilen und dann wütenden, letztlich großherzigen König, der der „Stimme des Blutes“ nachgibt und zugunsten seines wieder gefundenen Sohnes Teseo auch auf den Thron verzichtet. Ausgezeichnet auch das Neben-Liebespaar Clizia (Robin Johannsen) und Arcane (Benno Schachtner), die es leichter haben, da sie nur durch eine einzige Verwirrung zur endgültig vom König abgesegneten Liebe gehen müssen.

Händels Musik ist ganz wunderbar, die kammermusikartige Orchestrierung bringt wunderschöne lyrische und orkanartige Ausbrüche hervor. Insgesamt eine ganz großartige Vorstellung.

Ist es ein „Sittenbild“ der Medienbranche, das sich in „Der Untergang des österreichsichen Imperiums oder Die Gereizte Republik“ im Theater an der Gumpendorferstraße ausbreitet? Jedenfalls eine ganz tolle Inszenierung, in welcher die bis auf Blut und die Zähne gehenden Auseinandersetzungen in der gezeigten Realität kontrastiert werden mit idyllischen Landschafts-, Lauf- und Wasserfall-Badebildern, die sich die Protagonisten offenbar so sehr wünschen. Es geht um acht Schreibende, die sich wie schon viele Jahre vorher (mit Ausnahmen) in einer feudalen Villa am Semmering treffen, um – unter Wegsperren der Handies – miteinander zu plaudern, zu diskutieren, zu streiten, mit einem gräßlichen neudeutschen Wort „abzuhängen“. Grotesk, aber wirklich witzig sind die immer wieder eingestreuten „nach unserer Tradition……“ (zB gehen die Männer jetzt kochen; oder: trinken die Frauen einen Campari Soda), die die aufbrechenden Existenzprobleme, Eheprobleme, und vor allem Berufsprobleme durchbrechen. Einer der acht, der jüngste, früher Schützling einer der Frauen, ist nunmehr Herausgeber oder Chefredakteur eines kommerziell sehr erfolgreichen Boulevardblatts (lies: KronenZeitung), die meisten anderen sind 50 plus, und offenbar durch verschiedene Ereignisse nicht mehr „angestellt“, sondern Freiberufler. Die meisten sind/waren „links“ und „kritisch“, der Junge ist es nicht: der biedert sich an die neuen Machtverhältnisse an, ist erfolgreich und lockt die Prekären, die vom „guten Journalismus“ träumen, mit Lockangeboten („Du kannst alles schreiben, was Du willst; ich will Dich, nicht Deine Meinung….“). Diese wanken und zögern. Standhafter sind die Frauen, obwohl auch nicht ganz eindeutig. Letztlich kommt es zum Faustkampf der einen Frau mit dem Jungen, der früher ihr Schützling war, sie aber auf dem Weg nach oben nicht mitgenommen hat. Sie besiegt ihn mit ihrer brutalen Kampftechnik – eine Weile sieht es so aus, als ob sich (fast) alle anderen in den Blutrausch mitnehmen lassen, doch lassen sie es bleiben. Der scheinbar Besiegte offeriert, den anderen die Füße zu waschen, wobei er allerdings den einen oder anderen ausspart. Letztlich bleibt er Sieger: Rechte Kommerz hat gegen linken Journalismus gewonnen.

Das Stück ist gespickt mit ganz aktuellen Erwähnungen von Ereignissen der jüngsten Zeit, vielleicht zu plakativ: dennoch zeigt es gut den nach rechts drehenden Zeitgeist Europas und Österreichs an – und dabei auch den Einfluß der Medien: zwar wird die potenzielle Macht des 4. Standes (Medien) als zu Ende beurteilt, der junge, in seiner Selbstverliebtheit und seinem Erfolg sich suhlende Medienmacher jedoch zeigt, dass Regierungspropaganda sich für einige bezahlt macht.

Hervorragende Schauspielerinnen-Leistungen mit hohem körperlichem Einsatz, tolle Musikeinlagen und schräge, aber hervorragende Inszenierungs-Ideen machen dies zu einem Danse Macabre der 2. Republik. Absolut sehenswert!

Ein anderer Buchtipp: erstmals habe ich etwas von Evelyn Waugh gelesen und war fasziniert. A Handful of Dust“ aus dem Jahr 1934 zeigt die Ignoranz und Dekadenz der englischen Adelsgesellschaft zwischen den Kriegen auf in einer ganz nüchternen, aber raffinierten Sprache. Haupt-Protagonisten sind ein junges Paar auf einem viel zu großen Landgut, welches eine beispielhaft glückliche Ehe führt, zumindest scheint es so nach außen. Der Mann ist auf dem Gut aufgewachsen, letztlich ist es ihm „mehr wert als alles andere auf der Welt“. Die junge Frau scheint die Idylle zu genießen, beginnt aber – ohne dass die Gründe hiefür erläutert werden – mit einem „Undesirable“ fremdzugehen – und entfernt sich immer weiter von Mann und Kind, welches ohnedies einer Nanny anvertraut ist. Sie nimmt eine einfache Wohnung in der Stadt, ihr Mann, der vermeint, dass sie ein Volkswirtschaftsstudium !!) begonnen hat, schiebt seine lange ventilierten Pläne, sein Haus zu modernisieren, auf um ihr das bieten zu können. Sie bewegt sich in einem Zirkel von Frauen (teils neu aus London, meist jedoch auf ihrem vorigen Kreis), die ohne irgendwelche Gewissensbisse oder Schuldgefühle ihrem Mann gegenüber, sie in ihrer neuen Umgebung bestärken. Auch sie selbst scheint keinerlei schlechtes Gewissen zu empfinden, ja sie versucht sogar, ihn mit einer anderen zu verkuppeln (was abolut mißlingt).Durch einen Unfall stirbt das Kind („niemand ist schuld“!!!!), sie nimmt dies zum Anlaß, ihn um die Scheidung zu bitten. Durch ihre exorbitanten Alimenteforderungen (natürlich willigt er ein, die Schuld auf sich zu nehmen, Gentleman der er ist) kommt er auf ihre Untreue, sieht plötzlich ihre Intrigen ein, und beschließt, auf Abenteuerreise zu gehen. So kommt er in den Amazonas, als Gentleman-Explorer nach der Suche nach einer nie zuvor gesehenen Stadt. Dabei kommt er fast um, wird von einem bei Indianern lebenden Halbweißen aufgenommen, der seine Malaria und sonstigen Wunden pflegt, und von ihm nur „Vorlesen“ erbittet, da er zwar eine große Bibliothek hat, aber nicht lesen kann. Es stellt sich heraus, dass er den Briten quasi als Gefangenen hält, ihn nicht wegläßt und während eines induzierten Fieber- und Halluzinationsschubes eine Suchexpedition mit Hinweis auf einen Grabhügel wegschickt. Unser Held geht im Urwald verloren. Zuhause erbt nicht seine (Ex-)Frau, sondern verarmte Verwandte Haus und Gut und ziehen dort – die Geldnot ruft – eine Silberfuchsfarm auf, auch mit dem Ziel, das Anwesen wieder zu seiner früheren Glorie zu führen. Zu seinen Ehren bauen sie auf dem Anwesen ein Denkmal mit der Inschrift „Anthony Last of Hetton, Explorer, Born at Hetton 1902, Died in Brazil, 1934“ auf.

Die Art, wie Waugh diese unglaubliche Geschichte, die Mindsets der Hauptcharaktere, aber auch die Gesellschaft beschreibt, ist unnachahmlich konzise, unverschnörkelt und präzise. Nachlesenswert.

Werner Schwabs „Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos“ im Akademietheater macht eine einheitliche Bewertung schwer. Die grauenhaften Verhältnisse der Mieter eines Zinshauses, hier die frömmelnde Mutter mit ihrem sich als Künstler (Maler) fühlendem verkrüppelten, vielfach mißbrauchtem Sohn, der sich in Träumen und Fantasien den Tod seiner „Mutti“ sehnlichst herbeiwünscht, die Familie „mit Migrationshintergrund“ aber österreichisch sein wollenden Nachbarn Kovacic, mit reichsdeutscher Mutter, voll mit Angestelltemstolz protzendem Vater, der seine minderjährigen Töchtern nicht nur befingert, sondern brutal vergewaltigt, und darüber die vor Hass auf die Mieter, auf die Menschheit, auf sich selbst (alter Ego von Schwab?) thronende, reiche Frau Grollfeuer, all dies wird in typisch Schwabscher Manier und Unmanier langatmig abgefeiert. Das Ganze wird gemildert dadurch, dass es durch das grandiose Puppenspiel von Regisseur und Puppenführer Nikolaus Habjan, plus einige andere, stark abstrahiert wird: einzig Frau Grollfeuer wird 1:1 lebendig und fantastisch durch Barbara Petritsch dargestellt. Regie und Ausstattung sind hervorragend, besonders eindrucksvoll das auf den Vorhang porträtierte wunderschöne Gesicht von Petritsch in rätselhafter Mimik, ebenso wie die Lichtregie in der fulminanten Schlußszene, als Grollfeuer mit ihren ungeliebten Mit-Mietern die ganze Menschheit (und sich selbst) zerstört. Der ganze letzte Akt versöhnt mit den ersten beiden, von denen jedenfalls die Darstellung der Familie Kovacic reichlich überflüssig für den Höhepunkt des dritten ist. Im letzten monologisiert Petritsch über ihr hasserfülltes, liebeloses, verkommenes Leben, das sie weitgehend allein mit ihrem Hass auf sich selbst und die Umwelt – mit Ausnahme einer kurzen Phase mit dem Gynäkologen und Psychoanalytiker Grollfeuer – verbracht hat. Hier wächst Schwab über den sonst sehr stark an Thomas Bernhard erinnernden Sprachduktus hinaus. Der Regie mit Petritsch gelingt hier ein berührender, überzeugender Monolog mit Tiefgang. Die Sprache der Grollfeuer mit ihren non-sequiturs, ihren Wiederholungen, ihren Analogien schafft, a la Wittgenstein, ein tieferes Bewußtsein über die Armseligkeiten der menschlichen Existenzen. Inwieweit dies über Grollfeuer hinaus verallgemeinerbar ist, bleibe dahingestellt. Ich sehe darin die Lebenserzählung des Schwab selbst. Der Kontrast zur Sprache der anderen Mieter, vielleicht mit Ausnahme des Krüppels in seiner Traumerzählung, ist gewollt und stimmig. Der Krüppelkünstler verdient sich dadurch auch die Umarmung und Forttragung seiner Leiche durch Frau Grollfeuer, vielleicht eine Andeutung von Liebe ihrerseits?

Der Eidnruck bleibt gespalten: zur Pause dachte ich mir, dass ich mir eigentlich diesen Schmarrn nicht weiter ansehen wolle, obwohl die Regie außerordentlich ist. Der dritte Akt entschädigt jedoch für die Längen und Überdrüsse der vorigen mehr als genug. Einige Kürzungen wären anzuraten.

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Das MARE NOSTRUM in der Oper 2018

Zwei vollkommen unterschiedliche Zugänge, zwei Jahrhunderte Unterschied und zwei diametral musikalische Prozesse: ich spreche von „Die Zauberinsel“ in der Kammeroper und „Il Barbiere di Siviglia“ in der Staatsoper.

Die Zauberinsel ist definiert als Opernpasticcio von Jean Renshaw und Dieter Senft nach William Shakespeares »The Tempest«  unter Verwendung von Musik des 17.-Jahrhunderts britischen Barockmeister Henry Purcell – ein eigenartiges Unterfangen. So tendenziell vorhersehbar das Sujet – im Machtkampf unterlegener Bruder wird mit seinen beiden Zwillingstöchtern auf unwirtliche Insel verbannt, versklavt den dortigen Machthaber, erringt mit Liebes-Luftgeist magische Kräfte, will die nach Schiffbruch dort anlangenden Söhne des verhassten Bruders mit seinen Töchtern verbinden, erleidet dabei Probleme, führt aber diese zu Happyend und zurück aufs Festland, und verbleibt mit Caliban auf der Insel – und so wunderbar einfallsreich Jean Renshaws Regie und die Sänger- und Sängerinnenleistung mit dem grandiosen Bach Consort, so zerrissen wirkt diese aus allen möglichen Musikstücken Purcells zusammengeschusterte Musik. Wenn man an die wunderbare Purcelloper Dido und Aeneas denkt, die wie aus einem Guss ist, so wird dieses Pasticcio des Einezlstücken aus Purcells vielfältigem Schaffen nicht gerecht. Schade, denn alle Sänger, vielleicht mit Ausnahme der blassen Ariel (Tatiana Kuryatnikova), machen ihre Sache sehr sehr gut. Besonders hervorragend der Countertenor des Riccardo Angelo Strano als Hippolito – es ist schon erstaunlich, woher das Theater an der Wien immer wieder diese tollen Countertenöre auftreibt, aber ebenso bemerkenswert Jenna Siladiew als Miranda und Ilona Rvolskaya als Dorinda. Exzellent auch Dumitru Madarasan als der Trunkenbold Trincola, der die als Stroh-Sexpuppe aufgetreten und -getragen werdende Schwester des Taliban zur Frau bekommt: schmunzeln machte mich seine, auch von meinem Chor gesungene, Liebeshymne „I gave her cakes and I gave her wine“, die er immer wieder hervorbringt. Auch Johannes Bamberger als Ferdinand und vor allem Krsitjan Johannesson als grundelnder Bass und hassender und sorgender Vater Prospero, der auch die verbindenden Texte spricht, machen ihre Sache äußerst gut. Besonders hervorheben msus ich aber auch Martin Dvorak als das Monster Caliban, den Renshaw (wie sie dies öfters macht) akrobatische Glanzleistungen verbringen läßt, und der manchmal auch kaum verständliche Wortfetzen äußern darf, vor allem wenn er Trincola anstiften will, Prospero auf die Seite zu bringen, damit er selbst wieder über seine Insel gebieten kann.

Alles in allem: absolut sehens- und hörenswert, aber leider der wunderbaren Musik Purcells nicht voll gerecht werdend.

Als Gegenstück dazu Rossinis Barbier, durchkomponiert und in der 475. (!!) Aufführung dieser Inszenierung (nach Günther Rennert) noch immer überzeugend (im Gegensatz zu einige der vollkommen vom Staub überschwemmten Schenk-Inszenierungen). Ein hervorragend von Jean-Christophe Spinosi geleitetes Orchester, und vor allem eine sichtlich Spaß habende Besetzung bringt dieses flache Luststück mit Schmiss und Verve auf die Bühne. Ganz toll Margarita Gritskova als Rosina, die die schwierigen Passagen mit Leichtigkeit und exzellenter Schauspielkunst meistert, hervorragend auch Wolfgang Bankl als Bartolo, souverän sowohl in Stimme und Spiel Adrian Eröd als Figaro, aber auch Jinxu Xiahou als Almaviva, auch wenn er etwas Zeit braucht, um sich stimmlich in Form zu bringen. Witzig und sängerisch tadellos Anatoli Sivko als Basilio. Als eher Nicht-Rossini-Fan fand ich das Ganze doch sehr stimmig, witzig und musikalisch trotz des Sujets anspruchsvoll. Der Kontrast einer durchkomponierten Oper zu einem „Pasticcio“ am Vorabend war eklatant. Für mich erhebt sich die Frage, warum die Kammeroper nicht etwa Dido und Aeneas spielt und statt dessen einem Komponisten wie Purcell Gewalt mit einer zusammengestückelten Oper tun muss. Es gäbe genug anderes anspruchsvolles Material.

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Der Dachstein und das Nordlicht: eine Posse

(am 4.6.2018 in Der Standard leicht verändert als “Schladminger Staffelspiele” erschienen)

Schladming als realer und symbolischer Beginn der dritten österreichischen EU-Ratspräsidentschaft. Kurz, Borissov und Tusk konnten zwar nicht in einer Gondel gemeinsam in die Höhen der Planai schweben – da waren die kulturellen Unterschiede und die Sprachkenntnisse der alten und neuen Präsidentschaft vor – aber sie fanden einander dort oben und zelebrierten die „Staffelübergabe“ an Österreich.

Dies läßt den Beobachter an die Staffelübergabe des norwegischen Schiverbandes (Trondheim 1997) an Schladming aus Anlaß der in Schladming/Ramsau 1999 stattfindenden Nordischen Schi-WM mit Schmunzeln erinnern, welche anlässlich der Tour des Capitales vom damaligen Bundeskanzler Klima im Herbst 1998 mit einem Abstecher nach Oslo „gefeiert“ wurde. Diese „Tour“ fand damals üblicherweise vor jedem neuen EU-Vorsitz statt, da vor der Installierung eines Ratspräsidenten dem Vorsitzland eine deutlich stärkere Rolle als nunmehr zukam. In kürzester Zeit – damals 4 Tage – wurden alle 14 Hauptstädte angeflogen, dort nach deren besonderem Begehren während der kommenden Präsidentschaft gefragt, einige Sachfragen diskutiert, sowie die österreichischen Interessen deponiert. (Österreichs Hauptinteresse war damals, eine Ausnahme vom Bosman-Urteil zu erreichen, damit finanzkräftige Fußballvereine nicht den Sportvereinen im flachen Land alle Nachwuchskicker ohne Kompensation abluchsen konnten. Das waren halt noch Zeiten!)

Nach einer Audienz beim (sehr schweigsamen) König, bei dem auch eine österreichische Delegation im Schladminger Rock auftrat, sollte es in den Park unterhalb des Schlosses gehen, wo der Dachstein aus Eisblöcken aufgebaut war und der Bundeskanzler eine Rede vor den norwegischen schibegeisterten Massen halten, sowie die Norweger den Schladmingern ein „Nordlicht“ übergeben sollten – als Symbol der Nordischen WM. Der Sportreferent des Bundeskanzlers hatte viel Aufwand in die Vorbereitungen gesteckt. Die Realität war anders: Es nieselte und dämmerte, im Schloss-Beserlpark waren keine norwegischen Schi-Afficionados angetreten, sondern nur eine kleine Schar bekiffter, mit viel Metall gepiercter Punks anwesend, die vollkommen verdattert die Ankunft der österreichischen Delegationen, mit Bundeskanzler, Beamten, sowie Schladmingern zusahen, aber so zumindest irgendein Publikum für die Zeremonie darstellten. Der Bundeskanzler begann seine Rede mit „Norwegians: we Austrians are a peaceful nation“! (offenbar geklont aus Shakespeare‘s Julius Cäsar), die Punks lernten zu ihrer Verwunderung, dass Österreich nicht den Plan hatte, sie anzugreifen, die Schladminger Kapelle spielte zwei Weisen und verwahrte dann das „Nordlicht“, welches sich als mickrige Glasskulptur mit einer leuchtenden Funzel drin darstellte. Der Bundeskanzler war stinksauer, der Eis-Dachstein war schon weitgehend abgeschmolzen, das Ganze ein Gipfel der Jämmerlichkeit, dem die offizielle österreichische Delegation nach etwa zehn nieselnden Minuten entfloh, um zum nächsten Treffen nach Irland zu fliegen. Dass am nächsten Tag das „Nordlicht“ bei Abreise der Schladminger nicht aufzufinden war, letztlich aber doch an einem nicht zu nennenden Ort gefunden wurde, ist eine andere Geschichte.

Und die Lektion: Bundeskanzler Kurz hätte das institutionelle Gedächtnis der Beamten bemühen sollen, damit das „Nordlicht“-Beispiel nicht etwa stilgebend für die österreichische Präsidentschaft 2018 wird. Vielleicht wäre die Rax oder der Grazer Schloßberg ein optimistischeres Omen dafür gewesen.

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Heißer Frühling in Oper und Theater

Erszan Mondtag, vielfach ausgezeichneter „junger“ Regisseur verharmlost Aischylos Orestie in seinem Festwochenbeitrag im Theater an der Wien: die DarstellerInnen treten alle im wuscheligen Maus- oder Rattenkostüm auf, deklamieren Walter Jens wunderschöne Übersetzung, und lassen diesen Zuseher vollkommen ratlos – und wütend – zurück: Ebenso unverständlich wie diese Idee ist die Darstellung von Baby Kassandra als greinendes Rattenbaby (oder Mausbaby). Wenn ich an Anti Nunes Romeros wunderbare Inszenierung im Burgtheater vor einem Jahr denke, in der die Geschichte aus Sicht der Erynnien erzählt wurde, kommt mir das Weinen. Der Auftritt des Orest, der dann in Manier eines alten Griechischprofessors seinen Text statisch deklamiert, gibt den Rest.

Der sonst von mir überaus geschätzten Kammeroper ist die Inszenierung meiner Lieblingsoper „Cosi fan Tutte“ vollkommen mißlungen. Sie wird, trotz Text und Musik zum Gegenteil, hier als opera buffa inszeniert, als Lachnummer, so halt eine Verwechslungs- und Verkleidungskomödie am Programmzettel steht. Die Tragik des Geschehens, dass die „launige“ Wette der Jungverliebten, provoziert vom sinistren Don Alfonso, ihre Liebe und damit ihr Leben zerstört, geht im launigen Gelächter aller unter. Mag ja sein, dass man das so sehen kann – dennoch wird diese Inszenierung da Ponte und Mozart nicht gerecht. Wunderschöner Gesang, vor allem der Damen, aber auch Don Alfonsos macht leider den Eindruck der Falsch-Inszenierung nicht wett.

A propos Gesang: die musikalisch schwache Oper Camille Saint Saens „Samson et Dalila“, die bis auf zwei schöne Arien musikalisch relativ einfallslos daherkommt, wird durch den grandiosen Roberto Alagna als tragischer Samson, aber auch die weitgehend wunderbar singende Elina Garancia vergoldet. Leider wirkt die Oper wie Stückwerk, eindimensionale Chorgesänge, verwirrende Nebenschauplätze sind Argument genug, dass die Oper – nicht nur bei uns – selten aufgeführt wird. Die hiesige Regie (Alexandra Liebke) tut das Ihre, um die Oper nicht zum Leuchten zu bringen: einzig die Darstellung der Dalila zu Beginn des 2. Aktes, als sie auf Samson wartet und in einem erleuchteten Fensterausschnitt – sonst alles dunkel – sitzt, macht ihre Zerrissenheit zwischen rächender Megäre und vielleicht doch Liebender sichtbar. Aber bitte: was soll die Idee, dass die Verführung Samsns in einem leeren Zimmer, in dem nur eine volle Badewanne steht, in welcher die beiden pritscheln? Was soll die Idee, in der unnötigen Ballettszene hüftwackelnde statt bauchtanzende Frauen zu arabischer Musik tanzen zu lassen? Gelungen ist nur die Schlußszene, in der betuchte Festgäste (gekleidet in Saint-Saens-Zeit) das Martyrium des Samson als Event-Spektakel belachen und erleben. Dass die Verdoppelung von Samson dann mit dem eigenen Körper Feuerzauber spielt, ist für die Zerstörung des Philister-Tempels durch den sterbenden Samson vollkommen unnötig. Marco Armiliato dirigiert in bester Stimmung und sehr dynamisch das Staatsopernorchester. Neben den Hauptprotagonisten ist auch Carlo Alvarez als Oberpriester sehr positiv zu erwähnen. Alagna aber hat Garancia diesmal ausgestochen, obwohl deren nunmehr (?) tieferer Mezzo in den lyrischen Szenen wunderschön wirkt.

Umberto Giordanos „Andrea Chenier“ in der Staatsoper erzeugt zwiespältige Gefühle: wieder einmal eine alte Schenk-Inszenierung (109.!!! Aufführung), die angegraut wirkt, aber doch funktioniert. Mit Jonas Kaufmann als Andrea ein angekündigter Superstar, der aber vor allem anfangs leicht indisponiert (heiser) wirkt und erst gegen Ende seine volle Kapazität, sowohl als Sänger als auch als Schauspieler erreicht. Er wird aber eindeutig ausgestochen von der grandiosen Anja Harteros als Maddalena, die unheimlich berückend singt und spielt. Sie strahlt auf der Bühne Würde, Verzweiflung, Liebe und Hingabe äußerst eingehend aus. Die vielen anderen Rollen sind sehr gut besetzt. Wieder dirigiert der quirlige, aber präzise Marco Armiliato, anfangs vielleicht zu laut (Kaufmann hat hier Problem gehört zu werden), aber im weiteren wunderschön die tollen Sänger unterstützend. Der Chor singt und spielt hervorragend, das Orchester ebenso. Dennoch: vielleicht leistet sich die neue Operndirektion einmal eine Neuinszenierung dieser wichtigen (trotz einiger Schwächen) Revolutionsoper.

 

 

Christoph Marthalers Skurril-Stück “Tiefer Schweb” ist eine marthalersche Ansammlung von Absurditäten, tiefsinnigen Parabeln und von hervorragenden Schauspielern vorgebrachten Gesängen, Geräuschen, Verhaltensweisen – und vielem mehr. Während auf 8 Bodenseeschiffen Migranten auf ihren Status warten, sind in einer Druckkammer am tiefsten Punkt des Bodensees 8 Ausschussmitglieder der drei Bodensee-Anrainerstaaten damit beschäftigt, die grundsätzlichen Regeln für diese Migranten festzulegen. Die Bürokratie wird entsprechend Marthaler auf die Schaufel genommen (als selbst früher tätiger Bürokrat finde ich, dass M. hier ein stimmiges Sittenbild gelungen ist), einzelne Ausschussmitglieder ergehen sich im Aufzählen von Geschäftsordnungspunkten, in der Selbstdarstellung ihrer Bestellung zum Ausschussmitglied, in unerklärlichen Aktivitäten. Immer wieder steigt der Druck, die Backen der Mitglieder blasen sich auf, sie torkeln herum, bis einer das Druckausgleichsrad findet, an ihm dreht – worauf alles seinen “normalen” Gang weitergeht. Mit Pamino, einem aus Illyrien stammenden Mikrobiologen, wird der Wertekanon Bayerns – als Aufnahmsprüfung für den Flüchtlingsstatus, durchexerziert, er muss die Zusammensetzung und Rezeptur von Weißwurst deklamieren und dann einen Schuhplattler vorführen, wird dann darauf hingewiesen, dass er erst nach Wieder-Ablegen aller Prüfungen als Mikrobiologe wird arbeiten dürfen – und legt dann eine Probe seines Könnens ab, indem er mitteilt, dass das Wasser des Bodensees zu 67% mit Bakterien verseucht ist, und man ihm daher nicht zu nahe kommen sollte. Dies hindert die anderen Ausschussmitglieder nicht daran, daraus mehrere Schlucke zu tun. Textzitate von Schikaneder, Bachlieder, gefühlte 25 Strophen des wunderschönen Sommerlieds von Max Bruch, sowie eine besonders originelle Chorwiedergabe durch Urinale machen die Druckkammer, die voll holzgetäfelt mit riesigem Kachelofen in der Ecke, durch den Protagonistinnen in die Kammer steigen zum Chaosraum. Erheiternd, manchmal tiefsinnig, manchmal etwas lang (die Urinierszene), aber sehr erfreulich: Theater wieder einmal ganz anders: Marthaler hat nicht enttäuscht.

Sehr interessant war im Rahmen der Festwochen die “Winterreise“, die Schuberts deprimierenden Liederzyklus mit dem Schicksal von Flüchtlingen in Ungarn kombiniert. Die Klavierbegleitung ist auf Orchester von Hans Zender umarrangiert, ganz leicht in einigen Passagen verändert. Ein Sänger, als Flüchtling in einer herabgekommenen Unterkunft angekommen, singt die Lieder, auf einer Leinwand werden Bilder von Flüchtlingen in Ungarn in verschiedenen Phasen sehr eindrucksvoll gezeigt. Das Ganze wurde vor der 2015 Flüchtlingswelle gemacht, nur der Marsch der Flüchtlinge entlang der Autobahn nach Österreich zeigt die Massenmigration. Das Eindrucksvolle an den Fotos ist, dass sie jeweils einzelne Gesichter und Personen in ihrer Verzweiflung, ihrer Vereinsamung, ihrer Hilflosigkeit, aber manchmal auch Solidarität zeigen, sie also jeweils als einzelne Menschen wahrgenommen werden. Die Parallelen zur Original-Winterreise und dem Schicksal des Wanderers sind verblüffend. Über die Inszenierung zu einzelnen Liedern kann man natürlich streiten, ebenso darüber dass der Sänger nicht Fischer-Dieskau oder Mark Padmore oder Ian Bostridge ist – und einen doch starken ungarischen Akzent in die Lieder bringt – dennoch ist es ein gelungenes Experiment. Der Akzent darf auch als geplant interpretiert werden, eben als den “Fremden” bezeichnend.

Im Akademietheater spielen sie “The Who and the What” von Ayad Akhtar, bei dem es um Generationenkonflikt, Frauenemanzipation und Familienzusammenhalt in einer pakistanisch-stämmigen (auf der Oberfläche voll integrierten) Familie in den US-Südstaaten geht. Der Vater, ein erfolgreicher Taxiunternehmer, gibt ohne deren Wissen Kontaktanzeigen bei muslimlove.com (witzig!!) für seine ältere, brillante, Harvard-studierte literarisch veranlagte Tochter auf und weist ihr einen konvertierten “Weißen” zu, den sie auch akzeptiert. Sie ist dabei, ein Buch über den Propheten “als Mensch” zu schreiben und dabei besonders die Rolle der Frauen (M. hatte 7) und der Sexualität zu betonen – ein Skandal für ihren Vater, der zufällig das Manuskript in die Hände bekommt. Das Ganze erinnert an Rushdies “Satanische Verse”, als der Vater ihr ihr aus seiner Sicht todbringendes Verhalten (in Pakistan) für ihre “Blasphemie” nahebringt. Da sie sich weigert, das Manuskript zu vernichten, verbannt er sie aus seinem Haus. Ihre jüngere Schwester, von eher geringem intellektuellen Interesse, heiratet inzwischen ihren muslimischen Jugendfreund, liebt aber heimlich einen “Weißen”. Nach zwei Jahren kehrt die ältere Tochter heimlich zurück, konfrontiert den fast gebrochenen Vater mit ihrer Schwangerschaft und dem Erfolg ihres Buches – und alles löst sich in Wohlgefallen auf: Vater und Tochter sind ver”söhnt”, obwohl der Wunsch an Allah, es möge ein Enkelsohn sein, nicht in Erfüllung geht, die jüngere Tochter darf ihren Gatten verlassen – und die Toleranz Familienliebe siegt. Das Happy End ist ein bisschen zu hollywoodesk, auch wenn das Stück insgesamt interessant ist. Dennoch bleibt ein schaler Nachgeschmack: es wirkt wie ein Stück, das sich ein westlicher Autor über die Vorkommnisse einer muslimischen Familie im Westen vorstellt: die Konflikte wirken zu orchestriert und konstruiert – auch wenn sehr offen über diverse sexuelle Praktiken – unter den Töchtern – geredet wird. Darstellerisch ist absolut nichts auszusetzen, die vier Personen spielen ganz ausgezeichnet, auch die minimalistische Inszenierung – einzige Requisiten sind ein riesiger orientalischer Wandteppich und ein paar Sesseln, die immer wieder für die ständig auf der Bühne anwesenden Protagonisten für deren Auftritte in die Mitte geschoben werden – passt. Ein allzu gefälliger Nachgeschmack bleibt.

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